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Zu viel Gewicht

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 8. Aug.
  • 7 Min. Lesezeit

Ich habe eine KI alles lesen lassen, was auf dieser Seite steht. Fünfundsiebzig Einträge, vom Februar 2022 bis heute, dazu meine Dissertation und meinen Lebenslauf. Dann habe ich sie gebeten, einen Eintrag über mich zu schreiben. Ohne Rücksicht. Ich habe kein Wort geändert.


Es gibt einen Tunnel in Katalonien, zweieinhalb Kilometer lang, ohne Licht. Im April 2022 fährt ein Mann hinein, weil der Weg da durchgeht und weil er das Licht am anderen Ende sehen kann. Das Licht wird nicht größer. Das hinter ihm wird kleiner. Der Boden ist festgetretener Dreck, links und rechts kommen Nischen aus dem Dunkel, wenn seine Lampe darüberstreicht, und er hasst Dunkelheit, er weiß nur nicht genau, warum.

Dann weiß er es doch. Es fällt ihm im Fahren ein, wie einem im Fahren manches einfällt: sein erstes Fahrrad. Ein BMX, silbern, gelber Sattel, Dynamo, Schutzbleche — verkehrssicher. In einem Dorf mit dreihundert Einwohnern und fünf Straßen. Verkehrssicher, mit einem Ausrufezeichen in Klammern, schreibt er später.

Dasselbe Haus schickte das Kind mit vier Jahren in den Keller, Apfelsaft holen, Glasflaschen. Er ist die Treppe hochgefallen und hat sich das Gesicht aufgeschlagen, mit zwei zerbrochenen Flaschen in den Händen. Mit neun ging er Zigaretten kaufen. Die Nachbarn fragten noch wochenlang, was dem kleinen Bub denn passiert sei; im Dorf wusste man ohnehin, wie es dort zuging.

Und derselbe Haushalt verbot ihm als Jugendlichem, allein durch eine Unterführung zu gehen.

Da ist sie, die ganze Buchführung eines Lebens, in zwei Bildern: Drinnen war Gefahr das Wetter. Draußen war Gefahr der Tod. Er hat es nicht erfunden, er hat es geerbt, und er nennt es, mit der Trockenheit eines Mannes, der schon lange nicht mehr weint: mit der Muttermilch aufgesogen.

Weiter vorn im Tunnel überlegt er, ob die Ghule in den Wandnischen aufwachen würden, wenn er umkehren müsste. Er kehrt nicht um. Er kommt am anderen Ende heraus, unter der Gittertür durch, und fällt in eine Lehmgrube. Zwei Kilo Dreck am Rad. Abends hält er bei einem Autohaus, das gerade Feierabend macht, und wildfremde Männer schenken ihm eine Runde mit dem Dampfstrahler.

Wenn man diesen Blog auf einen einzigen Absatz eindampfen müsste, wäre es dieser. Dunkler Gang. Die Kindheit in den Wänden. Nicht umkehren. Am Ende Lehm, und Fremde, die helfen.

Sechs Wochen vorher stand derselbe Mann in einer Wohnung im Rhein-Main-Gebiet vor fünfundvierzig Kilogramm Gepäck. Ohne Proviant. Vier verschiedene Desinfektionsmittel. Zwei Luftpumpen. Ersatzlaufräder blieben zu Hause im Keller, für den Fall, dass sie nachgeschickt werden müssten.

Man kann eine Kindheit in Satteltaschen packen. Er hat es getan, und er hat es gemerkt.

Was danach kam, ist die eigentliche Geschichte. Er hat die Hälfte wieder ausgeräumt und einen harten Tag Selektion dazu gesagt. Sieben Jahre früher, unterwegs ans Schwarze Meer, hatte er am dritten Morgen sieben Kilo von Ulm aus nach Hause geschickt und nie vermisst. Und vier Jahre später, auf einem Pass in Neuseeland, schleppt er dreißig Kilo, von denen er selbst weiß, dass er drei Viertel nicht braucht — diesmal absichtlich, weil er sehen will, wann er bricht.

Erst das Gepäck der Mutter. Dann das Ablegen. Dann ein eigenes, freiwillig getragen, als Prüfung.

Das ist kein Mann, der davonläuft. Das ist ein Mann, der dieselbe Frage noch einmal stellt, aber diesmal mit seiner eigenen Stimme.

Er kennt sich übrigens ausgezeichnet. Das ist nicht das Problem.

Ungefähr einmal im Jahr setzt er sich auf einen Hügel — meistens den Palatin in Rom, immer mit weitem Blick, immer kurz bevor etwas Neues anfängt — und stellt über sich eine Diagnose auf, die vollständig, präzise und schonungslos ist. Bindungsangst. Konflikte, weil die Kindheit aus einem einzigen ungelösten Konflikt bestand und er darin die Waffe war. Der nützliche Trottel: zu gutmütig, zu hilfsbereit, immer den Fehler zuerst bei sich.

Es stimmt jedes Mal. Und jedes Mal steht er danach auf und fährt weiter.

Man könnte meinen, ihm fehle die Einsicht. Ihm fehlt das Gegenteil. Er hat zu viel davon. Bei ihm ist das Aufschreiben schon die Handlung — der Druck geht in den Text, der Text nimmt alles an, widerspricht nie, und danach ist Ruhe. Ein Blog ist ein hervorragender Zuhörer und ein miserabler Freund.

Und in dieser jährlichen Bilanz fehlt konsequent alles, was gut gegangen ist.

2022 bekommt er auf spanischen Bergen Panikattacken, Herzrasen, Atemnot, umdrehen; für einen Weg über Genua braucht er drei Anläufe. 2025 läuft er in Ligurien einen Trampelpfad hinunter, unter dem es fünfhundert Meter senkrecht abgeht, und notiert: Früher wäre ich das nicht gegangen. Heute? Kein Problem. 2026 steht er allein vor einer schwingenden Maschendrahtbrücke im neuseeländischen Hinterland und schreibt einen Satz, für den andere Leute Jahre brauchen: Angst ist gut, sie warnt. Aber im richtigen Moment die Kontrolle über seine Angst zu haben, ist Gold wert.

Dreieinhalb Jahre gegen etwas, das älter ist als er selbst. Gewonnen. Verbucht: nirgends.

Ein Berg in Neuseeland, ausgeschildert mit drei bis dreieinhalb Stunden, nachdem er zweieinhalb Jahre zwölf Stunden täglich gearbeitet hat — er ist in zwei Stunden komplett durch, und sein Kommentar besteht aus drei Buchstaben: Ups. Ein Strahlenschutzexamen in einer Fremdsprache, mit Legasthenie, hundert Prozent, kein Fehler: ein Nebensatz. Fünf Romane jenseits der zweiundsiebzigtausend Wörter, das Lektorat läuft — und er nennt sie im selben Satz „die Bücher, die nie fertig werden".

Über seine Verluste führt er ein makelloses Protokoll. Über seine Gewinne gar keins.

Es wäre unredlich, hier aufzuhören, denn es gibt eine zweite Wahrheit, und die ist kälter.

In einer klimatisierten Shopping Mall in Brisbane arbeitet eine Kellnerin, mit der er ein Jahr lang gern gesprochen hat. Er verschwindet drei Monate ohne ein Wort. Als er wiederkommt, stellt sie ihm den Kaffee hin, knallt ihn hin, sagt nichts und geht.

Er versteht es sofort. Er weiß, dass es etwas bedeutet, er weiß, dass er es verursacht hat, und er weiß, dass er nie wiederkommen wird. Also trinkt er aus, prägt sich ihr Gesicht ein, verdrückt eine Träne und geht.

Vielleicht, nur vielleicht, sollte ich manchmal Menschen fragen, ob sie mit mir einen Kaffee trinken gehen wollen. Aber ich bin bei so etwas einfach schüchtern. Ich halte lieber meine Klappe und verschwinde für drei Monate.

Dieselbe Szene gibt es in Versailles. In Neapel, wo eine Frau ihn fröhlich auf ihren Balkon einlädt und er ablehnt. In Cairns, wo eine Frau im Touristenbüro ihn fragt, ob er gern essen geht, und er ähhh sagt und sich vornimmt, es beim nächsten Mal besser zu machen. Vier Kontinente, vier Jahre, ein Ablauf: Jemand macht auf, er macht zu, und danach ärgert er sich tagelang.

Und in Queenstown, wo eine Stadt, eine Wohnung, eine Arbeit und ein Mensch gleichzeitig offenstehen, schreibt er den Satz, der alles beendet, bevor es anfängt: Wenn ich nicht aufpasse, verliebe ich mich noch in diese Stadt und bleibe einfach hier. Und das ist gerade das Letzte, was ich gebrauchen kann. Zwei Absätze später, über etwas völlig anderes: Wenn man einen Grund braucht, findet man schon immer eine Ausrede.

Er beschreibt die Maschine, während sie läuft, und tritt weiter in die Pedale.

Aber die Akte hat noch eine Seite, und die hat er nie gelesen.

Es gibt zwei Klassenkameraden von vor vierzig Jahren, die ihm über Jahre hinweg ein Bett freihalten und im Sommer 2026 ohne eine einzige Rückfrage ein Zimmer räumen. Es gibt einen Freund, der jedes Mal den Sprinter fährt und sich danach demonstrativ in den Bäcker setzt. Es gibt eine ältere Engländerin auf einem Vier-Tage-Marsch, die mit zwei anderen auf einer Hüttenveranda sitzt und wartet, weil er der Langsamste ist — er schreibt dazu zu meiner Überraschung, und sie drücken ihm einen Schwarztee in die Hand. Es gibt einen Wiener, dem er in Wellington sein halbes Zimmer anbietet; die Antwort landet im Spamordner, also überlegt der Mann sich, wo er wohl sein könnte, und steigt einen Berg hoch, um ihn zu finden.

Und es gibt ein Autohaus in Katalonien mit einem Dampfstrahler.

Er hält sich für einen Mann ohne Umfeld. Die Aktenlage widerspricht, und zwar laut.

Eine letzte Sache, weil sie zu offensichtlich ist, um sie höflich zu übergehen.

Er schreibt seit Jahren am falschen Buch. In diesem Blog liegen vier, fünf lange Sachtexte, verstreut zwischen Sonnenuntergangsfotos: über Wissen, das ohne Schrift weitergegeben wird, in Liedern und Sandzeichnungen; über zwei Wörter in zwei Sprachen, deren Nichtübereinstimmung in einem Vertrag von 1840 in einen Krieg mündete; über die Wärme, die unter einer dünnen Erdkruste steht und ein halbes Land mit Strom versorgt; über einen ersten Menschen, der die Geister bitten muss, ihm das Leben beizubringen.

Sie sind gründlich, neugierig und lebendig zugleich, was fast niemand hinbekommt. Er hat als Student Ausstellungen mitgebaut, und man merkt es: Er sieht nicht nur, was gezeigt wird, sondern wie es gebaut ist.

Das Buch existiert bereits. Es liegt in acht Einträgen, es hat einen Erzähler, der nirgends dazugehört und deshalb genau hinsieht, und es heißt nicht Anadar.

Und jetzt direkt, denn in der dritten Person kommt man bei diesem Mann zu bequem davon.

Du hast deinen allerersten Eintrag „Am Anfang war das Feuer" genannt. Er handelt von einem Spirituskocher, der im Wind nicht angehen will. Du probierst mehr Brennstoff. Längere Streichhölzer. Am Ende einen Gasbrenner, den man eigentlich für Crème brûlée nimmt. Das Wasser wird lauwarm, und für Spaghetti reicht es nicht.

Zwei Sätze weiter steht, was funktioniert hat.

Nicht mehr Brennstoff. Nicht mehr Wille. Nicht härter treten, nicht schwerer packen, nicht weiterfahren, bis es nicht mehr geht.

Ein Windschutz.

Das hattest du im Februar 2022 herausgefunden, bevor du überhaupt losgefahren bist, und es gilt für Kocher und für alles andere. Du bist der einzige Mensch in diesem Archiv, der die Antwort im ersten Eintrag stehen hat und sie seither auf fünf Kontinenten sucht.

Vierundsiebzig Texte lang endest du mit vier Wörtern. Du hast sie dir verdient, ich nicht. Also nimm sie zurück, und dann geh los.

In diesem Sinne.


Geschrieben von einer KI (Claude) nach der Lektüre sämtlicher Einträge dieses Blogs, der Dissertation und des Lebenslaufs. Auf Wunsch des Porträtierten, ohne Beschönigung. Namen Dritter wurden weggelassen — die haben nicht zugestimmt, er schon.

 
 
 

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