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From a new beginning....

Autorenbild: R.
R.
5. Sept.
9 Min. Lesezeit

Es gibt nur wenig, was meine Freude trübt, wieder zurück in Deutschland zu sein. Zurück zu sein und zu verstehen, was ich vermisst hatte, es ist alles wieder da, das Gute wie das Schlechte. Es ist das Bekannte, die Norm, nicht mehr raten zu müssen, weil man diesen gesellschaftlichen silent code nicht spricht, sondern man wieder die Erwartungen und die Voraussetzungen seines Gegenübers kennt, ohne falsche Schlussfolgerungen zu ziehen. Das Leben ist so viel einfacher. Und einfach war schon immer mein bevorzugter Weg, oder so ähnlich.

Nachdem ich erstaunlich schnell wieder eine neue Profession gefunden habe, und das in dieser schwierigen Zeit, ich scheine mir die richtige Spezialisierung angeeignet zu haben, in einem sehr rapide wachsenden Feld, an dem es an Expertise weltweit mangelt. Und da Arbeiten nicht genug ist und ein 3-Sterne-Superior-Hotel für 38 Euro die Nacht zwar eine akzeptable Unterkunft ist, aber nichts von Dauer, war ich mal wieder auf Wohnungssuche. Und wie es so ist, als mittelalter Mann, ohne Kinder, Nichtraucher, keine Tiere, sagen wir geregeltes Einkommen, wurden mir die Wohnungen nachgeworfen. Und da ich wie immer eine Matrix habe, die sich aus Kino, Wochenmarkt und Fitnessstudio sowie Entfernung zur Arbeitsstelle, mit dem Rad erreichbar, und öffentlicher Verkehrsanbindung und erst in 2. Linie Preis zusammensetzt, wurde ich auch fündig. Und wieder war es so, dass ich es mir aussuchen konnte. Und so konnte ich die ganz abstrusen und offensichtlich überteuerten Angebote ablehnen. Auch von 2 Jahren Mindestmietdauer sowie Offenlegen von Rücklagen oder, aufgrund von Probezeit, verlangten Bürgen im Mietvertrag konnte ich getrost Abstand nehmen und nur müde darüber lächeln. Ich wurde fündig, im inneren Ring der Stadt, mit 3 Zimmern und einer Miete, die sehr gut zu meinem Budget passt. 2 km zum Kino, alles andere ist kürzer und 10 km topfeben zur Arbeit. Perfekt. Die Stadt an sich ist mittelgroß, deutlich größer als GD, jedoch auch kleiner als S, und ich mag es hier, es erinnert mich an meine Heimat, und ich lass jetzt mal offen, welche ich meine. Ein Mittelgebirge ist ebenfalls in der Nähe, welches ich mir noch nicht erschlossen habe und nach einer Durchfahrt eigentlich einen ganz passablen Eindruck hinterlassen hat. Auch Flüsse gibt es hier, um Strecke zu machen. Ich bin gespannt auf den Wochenmarkt, den ich am nächsten Samstag endlich in Augenschein nehmen werde (Nachtrag: passabel). Ich denke, ich werde bald wieder diese eine Routine haben, die ich so sehr vermisst habe. Zuletzt hatte ich sie vor ein paar Jahren in Mannheim, wenn ich so darüber nachdenke, das war der letzte Ort, an dem ich alles so perfekt beisammen hatte. Schauen wir mal, ob es sich ähnlich entwickelt, ich hätte nichts dagegen.

Danach Wiesbaden, wirklich schöne Stadt, eine der schönsten Wohnungen, in denen ich je gewohnt habe, bisschen weite Wege, aber die Arbeitsstelle. Ich musste in letzter Zeit immer wieder daran denken, an die Leute dort und ihr Verhalten, Kopfschütteln. Einfach nur Kopfschütteln. Wie kann man sich selber und allen anderen nur das Arbeiten so schwer machen? Dann Essen. Der Pott. Dort Mund. Hurzt. Ich habe nicht einmal mehr Lust, darüber nachzudenken. Haken. Dann Brisbane und Australien. Ein Bild manifestiert sich immer mehr, das regenbogenfarbige Hakenkreuztattoo. Das wird für mich mehr und mehr das Sinnbild von Australien. Not my cup of tea. Und wenn ich es mit dem deutschen Arbeitsumfeld vergleiche, Gott, die Aussies würden jeden Morgen eine existentielle Krise bekommen hier in Deutschland und erst einmal weinend zusammenbrechen. Nach dem ersten Guten Morgen. Die kleinen Sensibelchen, bloß keinen Konflikt ansprechen, oi oi oi. Bin ich froh, wieder zurück zu sein. Oben schwimmen.

Und ich freue mich wieder auf meine langweilige kleine Routine, kurze Wege, arbeiten, Feierabend, pumpen, Fahrradfahren, bissle Kunst, bissle Buch schreiben, bissle reisen, eine kleine langweilige Zukunft, die da vor mir liegt. Wäre da nicht diese eine kleine Stelle in mir, dieser kleine juckende Fleck, der sich immer wieder meldet und der sagt: „Komm, du weißt doch, wie es geht, come away with me, links, rechts, geradeaus, heute hier, morgen da.“ Es juckt, immer wieder, noch nicht stark, aber es ist da und meldet sich. Schauen wir mal, wie lange ich widerstehen kann.

So, das war der Eintrag, den ich schreiben wollte, und ich wollte es hier enden lassen, dass es mir gut geht, momentan, dass ich mich freue, mein neues Umfeld zu entdecken, das war es. Vielleicht noch, dass man nicht unbedingt die billigste Firma nehmen sollte, um sein Zeug vom Haus am Hain in die neue Heimat transportieren zu lassen. Eigentlich hätte ich Willi fragen können, ob er nicht mal wieder Lust hat zu schwänzen und für mich einen Sprinter zu fahren. Ich hätte die Zeit mit dem Griechen genossen, und er, hätte es nicht zugegeben, er hätte es auch genossen, und wir hätten über die Leiden des mittelalten Davids Lieder gesungen, schwarz-weiße Lieder voller Mittelmäßigkeit. Aber ich wollte eigentlich neue Wege gehen, ich wollte etwas Neues machen, und ich ging eine Lösung, die hat mich genauso viel gekostet wie einen Sprinter zu mieten, den Sprit zu zahlen und den Willi zu knechten. Das Ende vom Lied war eine 20-minütige Ausladeaktion Sonntagabend um 22:30 Uhr (wir wollen vom Einladen und den Nachverhandlungen nicht reden). Immer noch billiger als die DIY-Aktion, jedoch sollte ich vielleicht nicht immer den billigsten Anbieter nehmen. A story to remember ist es allemal, mit Willi wäre es aber auch gut gewesen. Das nächste Mal Grieche, das nächste Mal wieder, und wer weiß, wann das ist, es juckt ja schon wieder. Jedes Ende ist ein neuer Anfang. In diesem Sinne.

Das wäre der Schlusssatz gewesen, eigentlich, wäre da nicht, ja wäre da nicht einer der Gründe meiner Rückkehr ein etwas gesundheitlich angeschlagener älterer Herr gewesen.

Nachdem ich ihn in letzter Zeit wieder öfters gesehen habe, habe ich gemerkt, dass der Zerfall nun schneller geht, und nach einem Monat Abstinenz war ich dieses Wochenende wieder bei ihm, und wenn ich es ihm nicht angesehen hätte, dass es ihm nicht mehr gut geht und er wohl in den letzten Wochen seines Lebens liegt, dann hätten mich die Sachen, die er noch besitzt und in einem großen blauen Plastiksack gesammelt am Fuße seines Bettes stehen, der neue Rasierer, der nicht mehr auffindbar ist, sowie dieses unheimliche Lächeln einer Pflegekraft, als sie mich sah, stutzig gemacht. Es war kein Lächeln der Freude. Dieses grausame verzerrte Gesicht, das als Lächeln durchgehen soll, das erzählt mir eins, der Mann macht es nicht mehr lange, und zu meiner eigenen Überraschung fasst es mich richtig an, dass es mit ihm zu Ende geht. Ich hatte nie das beste Verhältnis zu diesem Mann, der sich von mir gern als mein Vater ansprechen lassen wollte. Eine Ehre, die ich beiden meiner Elternteile verweigere.

Und nun liegt er vor mir, ich höre, wie schwer sein Atem geht, ich sehe das Blut in seinem Blasenkatheter, ich sehe den aufgedunsenen Körper, das gelb gefärbte Gesicht, das nicht mehr seines ist, und die Verschlechterung innerhalb des letzten Monates und hoffe, dass er wenigstens keine Schmerzen hat und, so schlimm es sich anhört, dass er es zu Ende bringt. Die Reserven sind aufgebraucht. Und ich versuche, in unserer Beziehung etwas Positives zu finden. Die ersten Jahre, sicherlich, die ersten unbeschwerten 6 Jahre, die einzige Zeit in meinem Leben, in der ich in einer heilen Welt lebte. Das sonntägliche Beisammensitzen, Toastbrot mit Butter und Honig oder Marmelade, Schachspiel. Oder samstagabends Sportschau mit belegten Brötchen, oder die großen Samstagabendunterhaltungsshows. Und das Schachspielen, das sich noch bis tief in unsere Beziehung zog. Immer wenn ich ihm nicht mehr folgen konnte, wenn es zu wirr wurde, haben wir Schach gespielt, dann war Ruhe, kein Reden mehr, keine Belehrungen, kein Gefasel mehr. Meine Flucht, mich nicht mit ihm auseinanderzusetzen.

Ich habe ihn jahrelang besucht, bin zu ihm gefahren, in seine Wohnung, habe aufgeräumt, habe geputzt, musste mir seine vollgeschriebenen Blätter, mit einer Handschrift, die ich nie entziffern konnte, lesen. Sein Buch, wie er es nannte, seine Memoiren, seine Erkenntnisse über das Leben. Ich habe es nie verstanden, ich konnte es nie nachvollziehen, und um ehrlich zu sein, ich wollte es auch nie. Er konnte es ja auch nie erzählen, er hat mir nie Geschichten erzählt, immer nur die vollgeschriebenen Blätter mit seiner Handschrift unter die Nase gehalten und so getan, als ob es der Weisheit letzter Schluss ist. Oder 26-seitige Briefe geschickt, die ich nie gelesen habe. Ich muss drüber nachdenken, warum, was wollte er damit, wollte er sich erklären? I do the fuck not know.

Ich weiß wenig über ihn, aufgewachsen ist er ohne Vater, der ist im Krieg geblieben, irgendwo zwischen Russland und der Bretagne. War wohl kein Funker. Mit seiner Mutter und zwei Tanten, in einem Bauernhaus. Beide Tanten, daran erinnere ich mich noch, waren später ebenfalls in Pflegeheimen untergebracht. Seine Mutter verbrachte die letzten Jahre bei ihrer Tochter. Aufgewachsen als Kriegswaise, in einem kleinen Dorf, wenig rumgekommen, noch weniger gereist, wenig Freunde. Irgendwann hatte ich mal das Spielzeug meines Vaters in der Hand, Soldaten in Wehrmachtsuniform, ungefähr handgroße Figuren auf Draht, aus Holz, handbemalt. Standen plötzlich wie selbstverständlich in meinem Kinderzimmer. Funny as it is? Ich mochte Lego lieber, diese komischen Neigung eines Kindes.

Werkzeugmacher war er, eine Karriere im deutschen Mittelstand, schlaues Bürschchen, wohl, hat dann aber den Sprung ins Digitale nicht mehr geschafft. Vom Reißbrett zum Monitor, weiß noch, wie er mir einen C64 kaufen wollte und versuchte, sich damit auseinanderzusetzen. Unbeholfen, einfach diesen Umstieg nicht geschafft. Und dann familiäre Probleme, Flucht in seine Krankheit, Berufsunfähigkeit bzw. Frührente und Rückzug. Zwischenmenschlich gab es wohl keine Freunde mehr, keine Beziehungen, unfähig, an gesellschaftlichem Leben teilzunehmen. Vereinsamung, ein gebrochener Mann, nach dem Scheitern seiner Ehe. Seinen Wechsel in die katholische Kirche, den er mir wie einen Coup verkaufte, als ob der Papst persönlich bei ihm angerufen hätte, und niemand hat sich dafür interessiert, wirklich niemand störte sich an seinem Konfessionswechsel.

Und ich? Ich konnte irgendwann nicht mehr, ich habe es nicht mehr ausgehalten, es wurde mir zu abstrus, zu manisch, ich wusste nie, wen ich gerade vor mir hatte, ich habe die Tür zugemacht, irgendwo zwischen Studium und Promotion, hatte mit mir selber genug zu tun. Hin und wieder hab ich angerufen, 183868, und aufgelegt, wollte wissen, ob er noch lebt, gab Leute, die ihn gesehen haben und es mir berichteten. Geschichten, wie er bei der Polizei war und eine Vergiftung zur Anzeige brachte, jemand hätte ihn vergiften wollen. So sagte man mir es am Telefon.

10 Jahre lang habe ich mich nicht gemeldet, bis Nachricht kam, dass er im Krankenhaus sei, Oberschenkelhalsbruch, ob ich der Sohn bin. Alleine lebensfähig war er nicht mehr, das zeigte nicht zuletzt der Blick in seine Wohnung. Eine Wand voller Nahrungsergänzungsmittel und davor Stapel mit handgeschriebenen Blättern (die Duplizität der Ereignisse). Zu jedem seiner Fläschchen konnte er sagen, wozu oder wofür es sein soll, gegen seine Herz- und Niereninsuffizienz hat es nicht geholfen, und ich glaube, sein eigenes Geschreibsel konnte er irgendwann auch nicht mehr lesen.

Dann besuchte ich ihn wieder regelmäßiger im Heim, sein Essensrhythmus war wichtiger als meine Besuche, wenn Kaffeezeit war, wurde ich gebeten zu gehen. Egal wie weit meine Anreise war, und manchmal hätte sie nicht weiter sein können. Er erzählte mir immer, wie viel er in der Welt bewirkt hätte, dass Schach nun in den Schulen gelehrt werden würde, wegen ihm. Es würde logisches Denken fördern. Dass er noch Millionen versteckt hätte, weil er politisch so viel bewegt hätte. Und dass sein alter Chef all seine Patente geklaut hätte und er dem Schachcomputer das Schachspielen beibrachte. Und ich nickte und ich lächelte und entgegen meiner Natur widersprach ich nicht.

Wie er mir einen Kontoauszug vor die Nase hielt, mit Millionen darauf, wie er sagte: 3000 H stand da. Und das dann der falsche sei, der andere, vor 10 Minuten lag er noch hier, den muss jemand genommen haben. Und ich nickte und bedankte mich dafür, dass er so gut haushaltete.

Die Wahrheit? Die ist sehr bitter. Was habe ich denn dann von ihm?

Auf dem Weg am Wochenende bin ich den alten Weg von Utzstetten hinunter, ich konnte mich daran erinnern, wie wir die Straße im Winter mit dem Schlitten runter sind. Ich vorne und er, und er war mir viel zu schnell, ich war noch jung, und unten im Auslauf, anstatt zu bremsen, kippte er den Schlitten in den Schnee, und ich kann mich noch wie gestern daran erinnern, wie ich keine Luft mehr bekam und schnee- und tränenverschmiert, unfassbar erschrocken, da lag. Ich fuhr mit dem Fahrrad an der Stelle vorbei und sah den kleinen Jungen im Schnee sitzen und nach Atem ringen. Bis heute mag ich keine Geschwindigkeit und habe gern die Kontrolle, es lag nicht daran. Nein.

Ödipus war die griechische Sage, die er kannte und gern erzählte. Vom Ödipuskomplex sprach er gern und dachte, er sage was Intelligentes.

Und dann stand ich dieses Wochenende vor ihm und sah es, er stirbt. Bald, das wird keine Monate mehr gehen. Seit ich zurück bin aus Australien, nimmt er in einem rasanten Tempo ab. Ich stand da, und für mich gab es nichts mehr zu klären, ich brauche kein Gespräch mehr mit ihm, es ist alles gesagt, keine Vorwürfe von mir. Er ist mir nichts schuldig und ich auch nicht.

Einzig eine Sache hätte ich gern noch einmal gemacht, ich hätte gern noch einmal gegen ihn Schach gespielt. So wie eigentlich immer. Immer wenn ich sein Gerede nicht mehr ertragen habe, und ich bin da sehr empfindlich gewesen, habe ich das Schachbrett hergeholt, und dann war Ruhe. Versunken im Spiel. Das hätte ich gern noch einmal gemacht, ein einziges Mal noch.

Ich spielte immer Schwarz, und egal wie er eröffnete, ich spielte g6; Lg7; e6; Se7; 0–0.

Seit Jahren lehnte er es ab, gegen mich zu spielen, er könne sich nicht mehr konzentrieren, sagte er. Vermutlich wollte er einfach nicht verlieren, eigentlich ließ ich ihn seit Jahren gewinnen. Schon seit sehr langer Zeit.

 
 
 

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