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Ein Haus am Hain

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 31. Juli
  • 9 Min. Lesezeit

Im Gegensatz zu meinem letzten Eintrag muss ich mir hier ein bisschen Zeit nehmen. Nein, ich muss nicht, ich darf. Ich arbeite schon seit ein paar Tagen immer wieder daran, denn dieser Text wird tiefer, ehrlicher, emotionaler und reflektierter als die meisten Einträge der letzten Zeit. Wenn ich auf die vergangenen achtzehn Monate zurückblicke, überwiegen vor allem Dankbarkeit und Demut. Ich durfte Dinge erleben und erfahren, für die viele Menschen weder die Zeit noch die Gelegenheit, das Geld oder die Energie haben. Ich habe Orte und Menschen kennengelernt, gute und schlechte Erfahrungen gemacht. Und als ich in Australien stand und mich fragte, wie es nun weitergehen sollte, brauchte es genau einen Anruf. Die Antwort lautete: „Klar, kein Problem. Komm einfach vorbei, wenn es passt. Wir haben einen Platz für dich, im Haus am Hain.“

Und das, liebe aufmerksame Leser, ist mehr Unterstützung und Hilfe, als ich in den letzten fünfunddreißig Jahren, vielleicht sogar noch länger, von jemandem erfahren habe*. Und es geht nicht um das Materielle. Es geht um das Moralische, um Rückhalt. Keine Fragen, keine Klagen, keine Bedingungen. Ein einfaches: Ja, klar. Deswegen danke, meine liebe Daniela und mein lieber Thomas, dass ihr das für mich gemacht und mich einfach so bei euch aufgenommen habt. Ich danke euch für dieses Vertrauen.

Wenn ich mich an die Realschule zurückerinnere, an diese Klassengemeinschaft vor vierzig Jahren, dann fällt mir auf, wie weit diese Zeit inzwischen weg ist und wie nah sie sich trotzdem anfühlt. Sechs Jahre lang saßen wir zusammen in einem Klassenraum. Farbfilmfotografie, Musikkassetten, die ersten PCs, Computerspiele auf dem C64. Vermutlich gehören wir zu den Letzten, die noch vollständig analog aufgewachsen sind. Und man merkt es uns an. Wir sind in mancher Hinsicht anders.

Für mich war diese Schulzeit das Einzige, was mich davor bewahrt hat, vollständig zu zerbrechen. Zu Hause gab es zumeist Streit, Geschrei, Provokation, Manipulation, Eskalation und Rückzug. Alles unvorhersehbar, chaotisch und zu viel für ein Kind. Ich zog mich in mein Zimmer zurück, schloss die Tür und wollte von vielem einfach nichts wissen, weil ich es auch nicht konnte. Sobald ich hörte, wie ein Auto in die Einfahrt fuhr, war die Anspannung wieder da. Es gab niemanden, der half. Zwei frustrierte Menschen in einer festgefahrenen Situation, und die Spirale drehte sich immer weiter.

Dann gab es die Schule. Einen Ort, an dem ich keine Angst haben musste. Einen Ort, an dem ich nicht angeschrien, als Spielball benutzt oder körperlicher Gewalt ausgesetzt wurde. Einen Ort, an dem ich mich nicht schützend vor meine Mutter werfen musste, wenn sie eine Situation wieder eskalierte. Die Schule bedeutete Normalität und Frieden. Ein Ort, an dem Daniela war, ein Ort, an dem Thomas war, und viele andere. Und nun, so viele Jahre später, sind sie immer noch da. Das ist mehr, als ich je erwarten durfte.

Mein Australien-Abenteuer hat eigentlich in ihrer Küche richtig Fahrt aufgenommen. Im Januar 2025 saßen wir dort mit vielen ehemaligen Klassenkameraden zusammen, und ich hörte den Geschichten zu. Ich glaube, das ist der Blogeintrag, den die meisten gelesen haben. Darin geht es darum, dass ich wohl ewig getrieben sein werde, weil niemand sagt: „Bleib doch.“ Ein einfacher Satz, und doch so viel wert. Nun hat es jemand irgendwie gesagt. Oder zumindest: Klar, du kannst kommen.

Australien war hart. Nicht unlösbar, aber hart. Kein richtiger Anschluss, eine fremde Kultur und irgendwie das andere Ende der Welt, an dem für mich nicht besonders viel los war. Ich habe hinreichend darüber geschrieben, was mich dort störte. Die Selbstgewissheit, die Oberflächlichkeit, die schlechten Witze, der kultivierte Rassismus und diese manchmal beinahe demonstrative Haltung, man sei als Aussi grundsätzlich etwas Besonderes. Die in Regenbogenfarben tätowierten Hakenkreuze auf blasser Haut. Als weltoffener Europäer, der einen anderen kulturellen Umgang gewohnt ist, macht das einsam. Und ja, ich gebe es zu: Ich wollte mich irgendwann auch nicht mehr integrieren. Nicht in diese aufgesetzte Nettigkeit, die schlechten Tattoos, die Mullets und das permanente „Aussie, oi, oi, oi“. Vielleicht hielt ich mich selbst für etwas Besseres. Wahrscheinlich tat ich das. Das habe ich nun oft genug reflektiert. Also: Was macht man?

Der Plan, nach Europa zurückzukehren, fiel ironischerweise in Europa. Letzten September und Oktober, zwischen Rom, Berlin und einer Zwischenstation in Barcelona. Ich saß auf meinem Lieblingshügel in Rom, von dem ich im schlimmsten Fall nur zweihundert Euro und drei Flugstunden, im besten Fall sechzig Euro und eine Stunde entfernt bin, und dachte nach. Während des ganzen Trips entlang der Mittelmeerküste bis nach Barcelona schmiedete ich meinen Abschied. Ich überlegte, wie ich am besten gehen könnte und was noch zu erledigen wäre.

Zurück in Deutschland sah ich mich nach Perspektiven um, kehrte an alte Orte zurück und traf viele Menschen. Eine kleine Vorbereitung auf das Kommende. Ich saß bei meinem Vater im Pflegeheim und sah ihm ins Gesicht. Ich schaute mir meine alte Universität an, das zerfallende Gebäude und die noch kaputteren Einrichtungen. Den endgültigen Ausschlag gab dann die Rückkehr nach Australien und die Melancholie, die mich dort in den ersten Tagen überkam. Es war keine Depression, aber es war schwer. Körperlich war ich in Europa, in meiner Zeitzone, wunderbar klargekommen. Ich hatte Energie und Kraft, war nicht permanent müde. Zurück in Australien: wieder diese bleierne Müdigkeit, der frühe Sonnenuntergang und die hohe Luftfeuchtigkeit. Als dann die Nachricht kam, dass mein Vater länger ins Krankenhaus musste, wurde aus dem Plan bittere Realität. Ich wusste, was zu tun war, welche Fragen ich stellen musste, mit wem ich wie sprechen musste, was ich zu tun und zu lassen hatte. Und was soll ich sagen: Der Plan ging perfekt auf, wahrscheinlich sogar beinahe zu gut.

Ich musste nur noch meine Wohnung auflösen, Dinge, die gerade erst angekommen waren und noch verpackt in der Garage standen, wieder zurückschicken, und war ein freier Mann. Obdachlos, aber frei. Natürlich hatte ich bereits ein Zimmer im Haus am Hain. Und als sich die Lage bei meinem alten Herrn wieder stabilisiert hatte und er aus dem Krankenhaus kam, nahm ich die Gelegenheit wahr und zog, mit dem Rucksack bewaffnet, durch Zealandia und Ozeanien. Es war unglaublich beruhigend, diesen Rückhalt zu haben.

So extensiv geplant war das eigentlich gar nicht. Geplant war eine Rückkehr Anfang Mai. Doch der Rest ist Geschichte. Als ich vom viertägigen Greenstone Hike zurückkehrte, fand ich eine E-Mail in meinem Postfach. Neuseeland, vor allem die Südinsel, darüber müssen wir nicht diskutieren. Was für ein Stück Erde. Dann der Jugendtraum Neukaledonien und drei Wochen in diesem bezaubernden Nouméa, in dem ich mich wirklich wohlfühlte. Europa im Pazifik, Frankreich inklusive beschissenem Kaffee im Original. Danach Vanuatu, Fidschi, Tonga und Samoa. Teilweise Inseln, von denen ich in meinem Leben nie gehört hatte, Länder, die so verrückt anders sind. Leider jeweils nur ein paar Tage, leider immer nur ein Ort. Aber so ist das manchmal. Diese Menschen, ihre Kultur, die Art, wie sie leben. Was für eine Zeit. Was für ein Trip.

Dann die Rückkehr. Die Heimkehr zurück auf die Ostalb, auf die Frickenhofer Höhe, an den Ort, den ich nach fünfzehn Jahren Aufwachsen verlassen und danach lange verschwiegen, teilweise sogar verleugnet hatte. In das Haus am Hain. Kaum eine Woche war ich dort, da ging mein Herz auf. Ich schnappte mein Fahrrad und war unterwegs. Die ersten Fahrten waren nicht angenehm. Oh mein Gott, ich hatte einhundertzwölf Kilo angesammelt und war länger nicht mehr aktiv gewesen. Teilweise musste ich absteigen und schieben. Ich musste den Willi machen. Ich! Das war furchtbar für mich, auch weil ich wusste, wie fit ich noch im Jahr zuvor gewesen war.

Aber ich gab nicht auf und zog meine Kreise. Zuerst oben auf der Höhe, dann, es ging nicht anders, hinüber ins Remstal, später ins Kochertal. Und was soll ich sagen: Es war mit Abstand das schönste Gefühl, wieder zu Hause zu sein. Ich genoss die Ausblicke meiner Jugend, den unversperrten Blick auf die Kaiserberge, dieses Panorama von oben auf der Frickenhofer Höhe, bei dem du nur das Nächste und den Horizont siehst. Wie sehr ich das vermisst hatte. Ich fuhr die ganze Region auf und ab: Leinursprung, Gaildorf, Gschwend, Lauterstein, Bartholomä, Himmelsreich und immer wieder die Frickenhofer Höhe. Was für heilsame Tage und Wochen. Was für eine schöne Region. Hohenstadt. Welzheim. Schlechtbachtal. Leintal.

Dann kam der letzte Test: die Hügel, die ich am Anfang nicht mehr geschafft hatte, weil mir die Puste ausging und ich absteigen und schieben musste. Plötzlich konnte ich sie wieder fahren. Nicht wie früher, noch nicht. Aber ich konnte sie wieder fahren. Was für ein erhebendes Gefühl. Und jeden Tag kehrte ich zurück in das Haus am Hain. Jeden Tag tat ich das gern. Auch weil ich wusste, dass diese Zeit bald ein Ende nehmen würde.

Dann kam mein Geburtstag und der Entschluss, nach Rom zu gehen. Kurz hatte ich New York überlegt, der Flug war außergewöhnlich günstig und die Hotelkosten im Rahmen. Aber die USA zum Endspiel? Außerdem, um den Kreis zu schließen: Was hatte ich in Australien am meisten vermisst? Richtig. Italien. Und was soll ich sagen: Mein Geburtstag war ruhig und völlig im Einklang mit mir. Cappuccino auf Castel Sant’Angelo. Ein Tag auf dem Palatin. Diese unendliche Ruhe, die mich am Hippodrom überkam. Die Selbstzufriedenheit, die mich überkam, das Lächeln, das Bewusstsein, der Zustand, den ich nicht kenne.

Dass das Leben mich nicht allzu lange im Einklang mit mir lassen würde, war natürlich klar. Ein Engel kam, und die weitere Reise durch Apulien und die Rückkehr nach Rom sind eine eigene Geschichte. Ich bin verdammt froh, sie gemacht zu haben. Sie hat mir viel über mich gezeigt, und noch mehr: Ich konnte in Ruhe einen Charakter studieren. Ich habe mich amüsiert, vielleicht aus anderen Gründen, als ich sollte, aber es war interessant. Zukünftig freue ich mich aber wieder darauf, solo unterwegs zu sein. Mit dem Fahrrad. Und heute kehre ich wieder zurück, sehr gerne, in das Haus am Hain.

Und nun? Ewig im Haus am Hain? Mitnichten, meine lieben geehrten Leserinnen und Leser, mitnichten. Willi war der Erste, der das freie Potenzial in mir erkannte, sofort und unmittelbar. Man muss es ihm hoch anrechnen, dass er die Energie und Erfahrung, die da fröhlich aus dem Flugzeug stieg, für sich beanspruchen wollte. Ich fühlte mich geehrt, besuchte ihn sehr gern an seinem Wirkungsort und sprach mit ihm über Möglichkeiten.

Mein Erscheinen sprach sich herum. Es gab ein paar nervöse Blicke im akademischen Mittelbau, manche kannten mich schließlich noch. Sie wussten, dass ich weder große Lust auf Elfenbeintürme noch auf Selbstbeweihräucherung habe und Dinge gern beim Namen nenne. Mein Eindruck war und ist, und das sage ich offen und ohne Zurückhaltung: Ein Teil des akademischen Betriebs hat sich zu weit von den Bedürfnissen und Herausforderungen der Zukunft entfernt. Und diese Meinung offen und ehrlich auszusprechen, war nie überall beliebt.

Zeiten, in denen ich anwendungslose Arbeiten mit dreifach überkappten, oktagonal-trigonal verzerrten, wasserfrei gestapelten Kugeln bewundert hätte, hat es bei mir nie gegeben. Die Sinnlosigkeit solcher Arbeiten habe ich immer verstanden. Das ist ja nicht einmal Kunst und kann eigentlich weg. Ups. Sorry. Hab euch auch lieb. Und in der Ausbildung junger Akademiker und Akademikerinnen macht ihr euch ganz hervorragend. Versprochen.

Nach meiner Rückkehr schrieb ich eine, nein, eigentlich zwei Bewerbungen. Die eine ging an einen alten Professor von mir, der eine Stelle ausgeschrieben hatte. Ganz ernst war das nicht gemeint, eher ein: Schau mal, was aus mir geworden ist. Die zweite Bewerbung galt dem Job, den ich wirklich wollte. Und ich bekam ihn. In einer Zeit, in der viele meiner Kommilitonen und Bekannten sich wegen Umstrukturierungen, KI und wirtschaftlicher Notwendigkeiten beruflich neu orientieren mussten, bekam ich einen neuen Anfang.

Ich hatte mir mein Studium selbst finanziert und einen langen Weg hinter mir. Müde und zerschunden nach dem Studium war ich manchmal weitergestolpert: von Thema zu Thema, von Zeitvertrag zu Zeitvertrag, von Institut zu Institut, von Stelle zu Stelle. Selten wirklich außerhalb des Krisenmodus, selten wissend, was das nächste Jahr bringen würde. Vielleicht hatte ich gerade deshalb gelernt, mich immer wieder neu auszurichten, wenn etwas nicht mehr trug. Eine gewisse Autarkie und Resilienz, deren Grundpfeiler schon in meiner Kindheit liegen. Der Weg war weder geradlinig noch bequem, aber er war meiner, und ich ging ihn immer weiter, ob vor dem Studium, währenddessen oder danach. Und nun führte er in einen neuen Anfang. Vielleicht war genau dieses Stolpern am Ende ein Vorteil: Ich hatte längst gelernt, mich neu zu definieren, wenn der gerade Weg plötzlich endete.

Und nun? Endstation? Wenn es nach mir geht, würde ich wirklich gern endlich einmal ankommen. Ich denke, ich werde etwas versuchen, das ich noch nie versucht habe: zu bleiben. Willi lacht schon und sagt: vielleicht zwei Jahre. Ich denke, ich kann ihn überraschen. So schnell werde ich wohl nicht in seinem jungen, dynamisch wachsenden Unternehmen landen.

Es ist nun auf jeden Fall die Zeit vorbei, in der ich in Shorts und T-Shirt herumlaufen konnte. Nun beginnt wieder das Korsett der regulären Hosen, und irgendwie freue ich mich darauf. Versteht mich nicht falsch: Durch die Welt zu reisen und die Dinge zu erleben, die ich erleben durfte, in einem Alter, in dem ich jetzt bin, war und ist ein Geschenk. Es ist aber auch ein Geschenk, wieder einem geregelten Leben nachzugehen. Mit einer eigenen Wohnung, einem Tagesablauf, einer Küche und einem Gym.

Das heißt auch, dass ich die Homepage nicht mehr oft bedienen werde, weil mein Leben wieder anders wird. Dafür werde ich mein altes Hobby wieder aufnehmen und mein Leben in Kunst verarbeiten. Der Plan ist, die Homepage in diese Richtung umzubauen. Und es gibt ein Buch, nein, zehn Bücher, denen noch der letzte Feinschliff fehlt.

Ich freue mich darauf. Melancholisch macht es mich trotzdem, das Haus am Hain zu verlassen. Aber wer weiß. Vielleicht komme ich ja bald wieder.

In diesem Sinne.


*Es gibt eine Ausnahme, und die war meine geliebte Oma, die mich unabhängig davon, was ich gemacht habe, unterstützte und mir nur immer wieder zu verstehen gab, dass ich darauf achten solle, was „der Nachbar“ darüber denkt. Ich liebe sie, ich vermisse sie, und ich war ihr Lieblingsenkel. Aber das hat sie jedem ihrer sieben vermittelt. Nur bei mir weiß ich, dass es wahr war.


 
 
 

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