Wellington, Windy Wellington, Wellywood, Pōneke oder Te Whanganui a Tara. Pt I
- R.

- 28. März
- 8 Min. Lesezeit

Das sind jetzt verdammt viele Eindrücke, die ich hier auf einmal verarbeiten muss. Das wird nicht einfach. In meinem Kopf herrscht massives Chaos, verursacht durch diese Reizüberflutung, die mir in dieser Stadt wiederfährt. Ich sollte schneller schreiben. Noch schneller.
Zuallererst: Ich weiß nicht mehr, wer es war und wann es fiel, aber irgendjemand sagte mir einmal, Wellington sei nicht besonders spannend und eigentlich keinen Besuch wert. Auf dem Greenstone Hike wurde mir dann gesagt: Geh zumindest ins Te Papa Tongarewa, das Museum of New Zealand. Jetzt bin ich in der Stadt und muss zugeben, ich bin maximal begeistert. Nicht nur vom Museum, sondern von der ganzen Stadt an sich. Wer immer gesagt hat, Wellington sei nur irgendeine typische Hauptstadt ohne Flair, geh und wasch dir den Mund aus.
Rund 200.000 Einwohner, zwischen Hafen und Hügeln gelegen, 1840 von der New Zealand Company gegründet, seit 1865 Hauptstadt, dazu die Spitznamen Windy Wellington und Wellywood, und ersterer kommt nicht von ungefähr, das bläst hier ganz ordentlich. Und Heimat der Hurricanes, des Rugbyteams, dessen Heimspiel gegen die Queensland Reds aus Brisbane ich heute noch beiwohnen werde. Es dürfte klar sein, wem heute meine Sympathie gilt. Erster gegen Vierter. Go Canes!
Beginnen wir von vorn. Mein erster Entschluss war natürlich sofort, das Te Papa Tongarewa zu besuchen. Nach einem kurzen Spaziergang an der Uferpromenade (inkusive Moana Statue) stand ich schon am Eingang. Schnell erklärt: Einwohner Neuseelands zahlen keinen Eintritt, alle anderen schon, aber der ist absolut erschwinglich und für 48 Stunden gültig. Da Maya mir den Tipp gegeben hatte, dass die Breathe Ausstellung ziemlich gut sein soll, buchte ich die gleich mit. Und dann war ich im Museum. Und mir fiel relativ schnell die Kinnlade runter.
Dieses Museum ist mit so viel Liebe, Präzision und Gespür eingerichtet und kuratiert, dass man es kaum fassen kann. Sehr modern, sehr durchdacht, sehr klar. Ich habe während meines Studiums öfter auf Ausstellungen gearbeitet, beim Auf und Abbau, in der Ausstellungsbegleitung auf einem Binnenschiff, habe in Hamburg gelebt und für eine Firma gearbeitet, die Objekt und Kunstgestaltung für Ausstellungen realisiert hat. Ich denke also schon, dass ich einiges gesehen habe. Aber hier? Wow. Unglaublich gut gemacht. Sechs von fünf möglichen Sternen. Auf so kompaktem Raum so viele Themen, so gut beschrieben, mit den neuesten technischen Möglichkeiten umgesetzt. Ein Erdbebenhaus, interaktive Exponate, grafisch hervorragend aufbereitete Inhalte. Und deswegen hier ein paar der Dinge, die ich lernen durfte.
In der Māori Schöpfungsgeschichte entsteht die Welt aus der Trennung von Ranginui und Papatūānuku. Ranginui und Papatūānuku sind der Himmelsvater und die Erdmutter. Aus ihrer Trennung entsteht die Welt des Lichts, weshalb Natur, Leben und Herkunft hier als familiär und lebendig verstanden werden. Papatūānuku bleibt dabei weit mehr als bloß Erde. Sie ist Ursprung des Lebens, Erdmutter und der Ort, zu dem alles wieder zurückkehrt. Mich hat fasziniert, wie stark das Weibliche darin verankert ist, denn mit Papatūānuku und später Hineahuone, der aus Erde geformten ersten Frau, wirkt diese Schöpfungsgeschichte ganz anders als das, womit wir in Europa groß geworden sind. Sie beschreibt die Welt als lebendige Verbindung von Himmel, Erde, Familie und Herkunft. Papatūānuku steht dabei für nährende, gebärende, lebensspendende Kraft. Who the f&/k is Adam?
Dann der Kea. Wegen des Verdachts, dass Keas Schafe töteten, wurden in rund 130 Jahren mindestens 150.000 von ihnen erschossen oder vergiftet. Zeitweise gab es sogar ein Kopfgeld von zehn Shilling pro Schnabel. Ein Farmer soll 67 Keas in nur einer Nacht getötet haben. Immer diese Hetzjagden. Und dann der Kiwi, einer der seltsamsten Vögel der Welt, mit Nasenlöchern an der Schnabelspitze und riesigen Eiern im Verhältnis zu seinem Körper. By the way: Das Männchen übernimmt einen Großteil des Brütens, bis zu 70 Tage lang.
Pounamu, auch Greenstone genannt, kommt natürlicherweise nur auf der Südinsel vor und ist für Māori weit mehr als ein Schmuckstein. Er ist taonga, also kultureller Schatz. Seine enorme Härte machte ihn ideal für Werkzeuge, Waffen und Anhänger, und noch heute wird seine Herkunft eng mit Wasser, Landschaft und whakapapa verbunden.
Dann ANZAC und die Weltkriege. Die Gallipoli Ausstellung über den dortigen traumatisch verlustreichen Stellungskrieg erzählt den Krieg nicht als große historische Kulisse, sondern bleibt ganz nah an einzelnen Menschen und an einer Niederlage, die sich im Nachhinein ihre Helden sucht. Sie zeigt Brutalität, massenhaftes Sterben und all die Abschäulichkeiten, die Menschen einander so bereitwillig antun. Besonders stark sind die überlebensgroßen Figuren von Wētā Workshop, die dem Ganzen in den bewusst eng geführten Räumen eine fast beklemmende Wucht verleihen und die Wirkung der Ausstellung noch intensivieren. So wird aus Geschichte plötzlich etwas sehr Unmittelbares, Körperliches und Greifbares. Und natürlich für alle, die in Stuttgart Chemie studiert und die Ehre hatten, die Einführungsvorlesung von Prof. Becker zu erleben: Wer fiel auf Gallipoli? Richtig, Mosley.
Zum Titelbild: Das ist der Innenraum eines modernen Māori Wharenui, also eines Versammlungs und Zeremonienhauses, dem Te Hono ki Hawaiki auf dem Marae Rongomaraeroa. Die vielen geschnitzten Figuren und Ornamente sind nicht bloß Dekoration, sondern erzählen Whakapapa, also Abstammung, Ahnenlinien, Mythen und die Verbindung zwischen Menschen, Natur und spiritueller Welt. Ein solcher Raum ist damit zugleich Kunstwerk, Identitätsort und heiliger Begegnungsraum, und er ist schlicht unglaublich schön und ästhetisch.
Im Te Papa lernt man nicht nur etwas über Erdbeben, man spürt sie beinahe selbst. Zugleich ist schon das Gebäude ein kleines Wunder der Ingenieurskunst, denn es ruht auf 152 sogenannten Base Isolators, die Erschütterungen abfedern sollen. Umso bemerkenswerter ist, dass die nicht weit entfernte City Gallery Wellington gerade wegen unzureichenden Erdbebenschutzes geschlossen ist und nun modernisiert wird. Vorübergehend ist sie deshalb in die National Library umgezogen. Ich komme später dazu.
Ein paar random facts über Neuseeland, die man im Te Papa ganz nebenbei aufsaugt, sind wirklich beeindruckend. Vor allem aber merkt man dort diese echte Liebe zum eigenen Land, zur Natur und zur Geschichte. Und um mal wieder ein wenig Aussi Bashing zu betreiben: Den direkten Vergleich mit dem Nachbarn kann Australien aus meiner Sicht leider nicht gewinnen. Das ist schlicht ein anderes Level. Wirklich. In Brisbane landet dann im Naturkundemuseum plötzlich eine LGBTQ Ausstellung über die Neunzigerjahre und deren Szenekleidung irgendwo zwischen Dinoknochen und lieblos in Reihe aufgestellten ausgestopften Tieren. Allein das zeigt schon, wie wenig Raum, Aufmerksamkeit und vermutlich auch Geld für Kultur in Australien oft zur Verfügung stehen und wie gleichgültig manches umgesetzt wirkt. Entschuldigt, liebe Australier, nehmt diese deutsche Direktheit nicht als Beleidigung, sondern eher als Aufforderung, es besser zu machen. Vieles wirkt leider erstaunlich einfallslos und lieblos hingerotzt. Ausnahmen gibt es aber durchaus. In Melbourne gibt sich die International Gallery of Art wirklich Mühe, die National Gallery ist auch okay, und auch das Naturkundemuseum in Adelaide wirkt so, als wolle dort wenigstens jemand mehr als nur den Anschein wahren.
Zurück zum Te Papa. Ich kam aus dem Staunen kaum noch heraus. Alles wirkte unglaublich liebevoll kuratiert, mit sicherem Auge, Geschmack, Detailreichtum und zugleich einer Klarheit, die nie belehrend wurde. Ich hätte gern noch viel mehr einzelne Fakten mitgenommen, aber irgendwann ist selbst mein kleines Gehirn an seiner Kapazitätsgrenze angekommen. Was mir jedoch hängen blieb, und was ich in Australien die ganze Zeit vermisst habe, ist dieses viel deutlichere Bewusstsein für Zusammenhänge, zwischen unserem Handeln, dem Klimawandel, carbon free Ansätzen und dem Schutz der Umwelt. Schon vom ersten Moment an spürt man in Neuseeland ein anderes Verhältnis dazu.
Es sind die kleinen Dinge. Man wird gefragt, ob man überhaupt einen Kunststoffdeckel für den Kaffee möchte, statt dass er einem einfach draufgeknallt wird. Deckel sind oft gleich aus Papier, Mehrwegbecher sind selbstverständlich, und im Supermarkt dominieren Papiertüten statt Plastik. Zugegeben, in beiden Ländern sieht man vergleichsweise wenig Plastikmüll auf den Straßen, Grüße gehen trotzdem raus an Süd und Südosteuropa, wo man sich bisweilen fragt, wie man die eigene Umwelt so behandeln kann. Aber in Neuseeland achtet man spürbar stärker auf diese Details und auf den Beitrag des Einzelnen zu Klima und Umwelt.
Um das noch zu zementieren: Beim Strommix war Neuseeland 2024 zu 85,5 Prozent erneuerbar. Der größte Posten war Wasserkraft mit 53,5 Prozent, danach Geothermie mit 19,9 Prozent, Wind mit 8,9 Prozent und Solar mit 1,4 Prozent. Keine Kernkraft, und darauf sind die Kiwis besonders stolz. Im Vergleich dazu liegt Australien bei 36 Prozent, Deutschland bei etwa 56 Prozent, wobei man bei Letzterem natürlich die starke Industrialisierung mitberücksichtigen sollte.
Dann dachte ich schon, dieses Erlebnis lasse sich kaum noch toppen, und ging in die Sonderausstellung Breathe hinein, nur um festzustellen, dass mir dort im wahrsten Sinne des Wortes der Atem stehen blieb. Ich habe selten, vielleicht noch nie, eine so gute digitale und zugleich grafisch derart anspruchsvolle Ausstellung gesehen. Von so etwas haben wir vor zwanzig Jahren geträumt, als Plasmabildschirme, Computer und Beamer langsam ihren Weg in größere Inszenierungen fanden und man ahnte, was vielleicht eines Tages möglich sein könnte.
Breathe | Mauri Ora ist keine klassische Ausstellung, sondern eine immersive Reise durch die verborgenen Rhythmen des Lebens, in der sich alles um Atem, Verbundenheit und unsere Beziehung zur Natur dreht. Man bewegt sich durch großformatige digitale Bildwelten, die einen vom einzelnen Wassertropfen über Baumwurzeln, Körperstrukturen und organische Netzwerke bis hinaus in beinahe kosmische Räume führen. Statt einfach nur zu schauen, taucht man in eine sinnliche Inszenierung aus Videokunst, Meditation und interaktiven Momenten ein, die eher wie ein völliges Hineingezogenwerden wirkt als wie ein gewöhnlicher Museumsbesuch. Realisiert wurde das Ganze von dem Londoner Kollektiv Marshmallow Laser Feast, und was dort gezeigt wird, ist für mich schlicht Weltklasse, und das ausgerechnet hier, in der südlichsten Hauptstadt dieses Globus.
Mich hat besonders fasziniert, wie fein und zugleich kraftvoll das Thema aufbereitet wird: der Einfluss des Atmens auf Natur, Flora, Fauna und den Menschen, die ständige Zirkulation, die Verbindung von Innen und Außen, von Körper und Welt. Mich hat die Umwandlung von Sauerstoff in Energie immer schon gefesselt. Die Photosynthese gehört für mich zu den komplexesten und schönsten Prozessen überhaupt, ebenso wie das Atmen in Tieren, der Transport von Sauerstoff im Blut bis tief in die Zellen und dort die kontrollierte Verbrennung von Zucker. Extrem spannend, extrem komplex und in seiner Gesamtheit fast nicht zu fassen, und hier wird genau dieses gewaltige Thema in einer grafischen Aufarbeitung von seltener Präzision, Schönheit und Wucht erlebbar gemacht. Nichts daran wirkt belehrend, alles wirkt durchdacht, geschmackvoll und auf den Punkt, und gerade deshalb trifft diese Ausstellung so stark.
Wiedergeburt am Ausgang der Sonderausstellung. Das letzte Schild: Now step out into the world, and take your first breath.
Indeed. Das war es für mich.
Im Anschluss an diese wirklich außergewöhnliche Erfahrung schlenderte ich erst einmal ziellos durch die Gegend. Immer der Küstenstraße nach, die Eindrücke irgendwie sortierend, gelangte ich schließlich an den Anfang des Mount Victoria und an eine steile Holztreppe, die nach oben führt. Als Stäffelesrutscher ging es für mich natürlich sofort steil hinauf bis zum Lookout, wo ich mich erst einmal setzte, verarbeitete und ein bisschen arbeitete. Von oben bekommt man dann auch mit, warum diese Stadt Windy Wellington heißt. Es bläst dort ganz ordentlich. Der Rundumblick über Wellington, den Hafen, die Inseln, die Hügel, den Flughafen mit seinem hollywoodhaft anmutenden Schild. Der Flughafen selbst, mit seiner Start und Landebahn direkt zwischen Meer und Stadt. Natürlich überall in Neuseeland auch dieser Lord of the Rings Eindruck, Wellywood eben, und im Park dann Hobbits Hideaway und The Way of the Nazgûls.
Ich stand da oben, und schon wieder hämmerte diese unglaubliche Reizüberflutung auf mich ein. Da stand ich nun und versuchte, Gedanken in Worte zu formen, und es gelang mir nicht. Einfach nur schlendernd auf diesem Gipfel, und plötzlich wurde ich angesprochen. Martin stand da und riss mich in die Realität zurück. Ich brauchte ein paar Sekunden, um wieder anzukommen. Ich hatte ihn morgens eingeladen, dass er bei mir unterkommen und Wäsche waschen könne, und er hatte auch geantwortet. Das landete bei mir jedoch im Spamordner, und deswegen habe ich nicht reagiert. Er dachte sich dann wohl, wo er mich finden könnte, und siehe da, menschliche Intuition. Es entwickelte sich eines dieser Gespräche über Politik, Anstand, Weltanschauung und unsere Generation, analog aufgewachsen, digitalisiert und mit dem Luxus, noch beides zu kennen. Ein Gespräch, das bis tief in die Nacht reichte. In diesem Sinne.
Gern hätte ich hier noch den zweiten Tag Wellington beschrieben. In der National Library sah ich mit He Tohu eine der eindrucksvollsten Ausstellungen Wellingtons, in der He Whakaputanga, Te Tiriti o Waitangi und die Women’s Suffrage Petition gezeigt werden. Das hat wirklich Eindruck hinterlassen, und ich wünschte, ich wäre gedanklich schon besser sortiert. Nach all den Bildern, Themen und Gedanken muss ich das erst einmal in Ruhe sacken lassen, bevor ich morgen einen eigenen Artikel dazu schreibe. Massiv beeindruckend. Doch jetzt muss ich erst einmal die nächsten Tage buchen. Und dann Rugby.
P.S.: leck mich am arsch ist das geil hier!



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