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Nouméa V

  • Autorenbild: R.
    R.
  • vor 1 Tag
  • 5 Min. Lesezeit

Es ist ja erst der fünfte Teil, den ich über diese Stadt verfasse, anstatt über die ganze Insel. Eigentlich wollte ich mir auch noch ein bisschen Zeit lassen, habe ich doch seit dem letzten Mal eigentlich nichts erlebt. Was für einen Tag haben wir eigentlich? Ich bin irgendwie so was von raus.

Eigentlich wollte ich die ganze Insel abgrasen, eigentlich. Bin aber in der Hauptstadt hängen geblieben und mache beinahe jeden Tag dasselbe. Um etwa 17 Uhr begebe ich mich an den Zitronenstrand, die Plage de la Baie des Citrons, und setze mich wie viele andere einfach an den Strand und schaue der Sonne zu, wie sie relativ rasch im Meer versinkt. Um etwa 17:35 Uhr ist das Schauspiel dann auch schon wieder beendet. Noch eine halbe Stunde warten, bis auch die letzten spektakulären Lichter am Himmel verschwunden sind, und vorbei ist das Ganze. Zu meiner Verwunderung bleiben noch eine ganze Menge andere Leute bis zum Schluss des Spektakels am Strand. Im Kino verlassen viele mehr vor dem Abspann das Kino. Es ist auch wirklich sehr schön. Ich habe extra das Hotel gewechselt, von meinem wirklich wunderbaren Innenstadthotel im Latin Quarter mit dem vorzüglichen Tropical Breakfast und seinem phänomenalen Innenhof hin zu einem Hotel in der unmittelbaren Nähe des Zitronenstrandes. Damit ich auch wirklich keinen Sonnenuntergang verpasse. Die sind so viel schöner als die im Port Moselle, und ich werde auch nicht von Menschen mit zweifelhaften Anliegen angesprochen.

Was mache ich zwischen den Sonnenuntergängen? Rumlaufen, Kaffee trinken, pumpen, Boot fahren, schnorcheln und, um ehrlich zu sein, arbeiten tatsächlich auch. Und schreiben, ich schreibe zwar schnell, aber hundert Seiten alle fünf Tage schreibe ich auch nicht in drei Minuten, es sind schon zehn. Und neue Musik. Man muss sich vorstellen, ich habe über zehntausend Lieder, mehrere zehn Gigabyte, und ich kenne sie alle schon fast auswendig, da kommt irgendwann ein bisschen Langeweile auf. Es ist nicht so, dass ich einfache Musik bevorzuge oder Drei Minuten Popsongs, aber wenn du jede Note eines dreiundzwanzigminütigen Progressive Metal Songs auswendig kennst, dann kann da schon eine gewisse Routine aufkommen. Deswegen habe ich recherchieren müssen und mir zehn neue Bands rausgesucht, die ich noch nicht kannte, und höre mich gerade ein. Und was soll ich sagen, neue Musik ist immer etwas Besonderes. Und bevor der Nächste wieder mit Spotify oder anderen Streams kommt: Ich bin old school, ich respektiere Künstler und ihr Urheberrecht und bin gern bereit, einen Obolus zu zahlen. Nennt man Respekt. Zusätzlich funktionieren Streamingdienste hier nicht. So weit draußen bin ich. Da wäre ich nun aber ganz schön aufgeschmissen, hätte ich mich darauf verlassen. Was!

Und was macht neue Musik? Sie öffnet. Sie öffnet nicht nur die Ohren, bei mir öffnet sie auch Gedanken. Da ich mich gern musikalisch präge, das heißt bestimmte Musik mit bestimmten Orten verbinde, kommen mir zwar zuhause, wenn ich ein bestimmtes Lied höre, bestimmte Situationen in den Kopf, jedoch ist die Schattenseite, dass man immer wieder dieselben Gedanken denkt. Und neue Musik hilft mir, mich aus dieser Schleife zu bewegen und meine Gedanken freizulegen. Und so passiert es, dass ich nun am Strand liege und endlich das Wichtige vom Unwichtigen trennen kann und mir Gedanken um die Zukunft mache. Was ist mir wichtig, was will ich behalten, was will ich verändern. Und wieder merke ich: Reisen ist zwar schön und wichtig und ich liebe es, wird es jedoch zum Alltag, wird es langsam anstrengend und ich fange an, anderes zu vermissen. Und das ist wichtig für mich zu erkennen. Was vermisse ich, wo möchte ich hin. Keine Angst, ich will immer noch keine Familie gründen und Kinder in die Welt setzen. Der Zug ist abgefahren, da ist keine Sehnsucht da. Aber was sonst? Und da dämmert es mir: wieder eine Struktur im Leben zu haben, würde ich irgendwann wieder gern haben. Morgens aufstehen, arbeiten, heim, zum Training, kochen, Essen für den nächsten Tag vorbereiten, schlafen, repeat. Wochenende. Wochenende mit eigener Routine. Wochenmarkt, Kunst oder Tour. Ich vermisse das irgendwie gerade. Routine. Das merke ich gerade. Vor allem die regelmäßige Trainingsroutine, an Zielen arbeiten, täglich.

Ich werde langsam fünfzig, also nicht langsam, ziemlich bald sogar, und mittlerweile merke ich mein Alter. Nein, ich will nicht jammern, aber man merkt es. Es geht vieles nicht mehr so locker wie früher. Es geht noch alles genauso gut, manches sogar besser, aber nicht mehr so locker. So einfach ist das, dieses Altwerden. Da muss man durch, bis zum Tod.

Und außer diesen Gedanken fröne ich wohl einem neuen Hobby. Ich habe mittlerweile einen über WhatsApp, der mir täglich Bootstouren anbietet, und so springe ich über die unterschiedlichsten Inseln und ertauche mir ihre Unterwasserwelt, und die ist beeindruckend. Ich meine, ich schnorchle nur, und in der Entfernung siehst du den Pazifik, wie er an das Korallenriff stößt und dort gebremst wird. Dort geht es direkt steil an den Korallenbänken hinunter, hunderte von Metern. Ich weiß das, ich habe Bilder gesehen, und ich weiß, dass ich dazu einen Tauchschein brauche, und ich weiß auch, dass der nicht schwierig zu bekommen ist. Ich hatte so etwas mal, vor zig Jahren, und ich werde das auch wieder machen. Aber so bleiben mir momentan nur die Inseln und die vorgelagerten Korallen, und was soll ich sagen: Von den sechs Stunden, die du auf einer Insel abgeladen wirst, bin ich knappe vier Stunden im Wasser. Eigentlich komme ich nur raus, um den Akku der GoPro zu wechseln, mich wieder einzucremen und kurz etwas zu essen, dann bin ich wieder im Wasser bei Nemo und seinen Freunden. Am Anfang ist es so, wenn du über die Korallen schwimmst, siehst du keinen Fisch, aber sie scheinen sich an einen zu gewöhnen, und dann, nach ein paar Minuten, ist jede Nische voll mit einem anderen bunten Fisch. Vielleicht wissen sie auch, dass ich keinen Fisch esse? Mittlerweile kann ich Fischarten den Korallen zuordnen. Ich weiß schon, welche Fische an welchen Korallen sind. Und manche von den Fischen haben immer wieder dieselben Anlaufpunkte, du findest denselben Fisch an immer wieder denselben Korallen, der dreht da seine Tour wie auf einer Kneipentour und hält immer wieder an den gleichen Stellen an. Das ist für mich eine ganz neue Welt und ich finde sie faszinierend.

Eigentlich will ich immer noch mit dem Katamaran nach Amédée, aber er bestellt mich morgens ein, 8:45 Uhr zum Rapport, um mir mitzuteilen, dass ein anderes Boot heute woanders hinfährt. Auch gut, heute war Île Larégnère dran. Und morgen? Keine Nachricht wegen Amédée, deswegen wohl eher Ersatzprogramm. Und ich sollte meine Haut mal wieder einen Tag aus der Sonne halten, deswegen werde ich vermutlich T Shirts kaufen, Kleidung waschen, in meinem Lieblingspub vis à vis des Zitronenstrandes Kaffee trinken, morgens und abends, und pumpen gehen. Habe hier ein Studio gefunden, mit Meerblick. Das muss man sich vorstellen, du drückst deine Langhantel über den Brustkorb und starrst auf den Ozean. Was gibt es Geileres? Und für mich total unverständlich, sitzen sie immer noch auf ihren Geräten und starren auf ihr Handy. Das fasse ich nicht. Generell verstehe ich es eh nicht, wie man ins Gym gehen kann und zwischen den Satzpausen zehn Minuten aufs Handy starrt und Zeitung liest, um dann noch einmal eine Wiederholung mit wenig Gewicht zu machen. Lange Satzpausen bei Maximalkrafttraining, ansonsten macht das wenig Sinn. Während so manche in dreißig Minuten ein Gerät mit drei Wiederholungen haben, spule ich zumeist schon den Pflichtteil mit 4 bis 6 mal 3 bis 4 mal 8 bis 15 ab. Wundern die sich, warum sie aussehen wie sie aussehen und nicht fitter werden? Ein gutes Krafttraining sollte fünfundvierzig Minuten selten übersteigen, außer man hat halt Bock und einen Ozean zum Anstarren. In diesem Sinn.


P.S.: Bilder, also mehr Bilder, gibt es auf den anderen Kanälen die ich so bespiele. Nur weil wieder die frage auftaucht, hin und wieder, ich habe hier nur begrenzenten Speicherplatz und will mir das upgrade nicht leisten.


 
 
 

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