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Anadar IV/II

  • Autorenbild: R.
    R.
  • vor 2 Tagen
  • 54 Min. Lesezeit

VII

Zu sechst standen sie um die aufgebrochene Öffnung im Boden des Turmes, und über ihnen hing die Trikrone wie ein schweigendes Urteil am Himmel.

Die drei Monde standen so hell, daß die Schatten scharf auf den Fels fielen, und Jonus, klein und rot, brannte daneben wie ein Punkt aus altem Blut. Das Meer hatte sich zurückgezogen und wieder vorgeschoben, die Gezeiten waren bereits unnatürlich, das Wasser schlug unten an die Felsen, als sei auch in ihm etwas unruhig geworden, und aus der Öffnung unter ihren Füßen stieg der Gestank herauf, schwer, feucht, fettig, wie etwas, das zu lange eingeschlossen gewesen war und nun plötzlich wieder atmen durfte.

Shara würgte erneut und mußte sich zur Seite drehen. Sie stützte sich mit einer Hand an der Mauer des Turms ab und übergab sich ein weiteres Mal, trocken und schmerzhaft, bis ihr nur noch Galle kam. Morgut und Sinadie taten, was Magier in solchen Augenblicken immer taten: Sie wurden still, sachlich, präzise. Morgut zog Kreide und kleine Phiolen hervor, Sinadie murmelte bereits Worte, legte sich Schutz auf Schutz über die Haut, die Lunge, die Schleimhäute, als müsse sie nicht nur gegen Gifte, sondern gegen den bloßen Ekel selbst ein Schild errichten.

In Anadars Kopf klang die Stimme beinahe ängstlich.

Das wird heftig, sagte Naarstr.

Nicht mit seiner üblichen Bosheit, nicht mit jener halbironischen Lust, mit der er sonst jedes Grauen kommentierte, als habe er es entweder selbst gesehen oder sei tief erfreut, daß nun andere daran Anteil bekämen. Es war wirkliche Furcht darin, und eben das machte es so angsteinflößend.

Anadar blickte sich um. Miene und Sindra standen dicht am Rand der Öffnung, angespannt, blaß, beide bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Beide wollten mit hinunter, natürlich wollten sie das. Sie waren jung genug, um noch zu glauben, daß Mut und Anwesenheit dasselbe seien.

Er ging zu ihnen.

„Ihr bleibt hier.“

Beide protestierten im selben Augenblick.

„Nein“, sagte Anadar, diesmal schärfer. „Keine Widerrede. Wir brauchen euch hier oben. Holt Unterstützung. Holt Son. Holt Indra. Und vor allem Isidre.“

Bei dem letzten Namen glitt sein Blick unwillkürlich wieder zu Shara. Sie hatte sich etwas entfernt, doch ihr Rücken war angespannt, die Schultern zitterten noch von der Übelkeit. Der Gestank machte sie beinahe kampfunfähig, und er wollte sie schon bitten, oben zu bleiben, es ihr befehlen, ihr die Entscheidung abnehmen. Aber er brachte es nicht übers Herz. Nicht, weil es falsch gewesen wäre. Sondern weil er wußte, daß sie es nie akzeptieren würde. Und vielleicht auch, weil ein Teil von ihm zu gern ihre Nähe wollte, gerade jetzt, wo die Luft selbst sich nach schlechter Vorahnung anfühlte.

„Anadar“, keuchte sie, noch halb über den Stein gebeugt, „ich schaffe das nicht. Der Gestank…“

Sie senkte den Blick und übergab sich wieder.

Er ging hinüber, legte ihr die Hand auf den Rücken, wartete, bis der Krampf ihres Körpers ein wenig nachließ, und sagte leise: „Ich brauche dich hier oben.“

Es war keine Bitte und kein Trost. Eher eine Wahrheit, die beiden weh tat.

Anadar legte die letzten Zauber über sich. Ein feines Netz aus Härte, Widerstand, Atemkontrolle, Kälteschutz, innerer Sammlung. Er spürte den wachsenden Unwillen von Naarstr, der unter all dem wie ein tierisches Zucken lag. Dann trat er zu Sinadie.

„Sicher, daß Ihr keine Steinhaut wollt?“

Sie lächelte schwach, aber nicht unsicher. „Nein. Ich habe mir eine Walhaut zugelegt.“

Selbst jetzt noch Humor, dachte Anadar, und nickte nur.

Mit einem letzten, kurzen, besorgten Blick auf Shara begann der Abstieg.

Die Wendeltreppe hinab zog sich lang und unerbittlich in die Tiefe. Die Stufen waren feucht, stellenweise glitschig, ausgetreten von Jahren oder Jahrzehnten, vielleicht von etwas älterem als beides. Kälte schlug ihnen entgegen, feucht und schwer, und der Gestank, der von unten aufstieg, war so allgegenwärtig, daß man sich nicht an ihn gewöhnte, sondern nur lernte, sich an seinem Rand zu halten, wie an der Kante einer Übelkeit, die nicht verschwindet, sondern nur wartet.

Anadar entzündete über ihnen eine Kugelfackel, ein schwebendes Licht, das ihnen wenigstens einen kleinen Kreis aus Helligkeit mitgab. Es reichte nicht weit. Es fraß nur den unmittelbarsten Schatten auf und ließ dahinter alles nur noch dunkler erscheinen.

Sie stiegen tiefer.

Die Wände waren nicht durchgehend glatt. Immer wieder gab es Ausbuchtungen, kleine Kammern, Nischen, Räume, die in den Schacht hineingefressen wirkten wie hastig genutzte Atemlöcher in einer zu engen Tiefe. In einigen standen Geräte, verkalkt, verrostet, übereinandergeworfen. In anderen lagen Bücher, Rollen, Kisten, notdürftig verstaut, feucht geworden, aber nie ganz aufgegeben. Einmal kamen sie an einem schmalen Bett vorbei, an verrotteter Decke, an halb zerfallenen Vorratsbehältern, an einem Stuhl, der dort unten plötzlich unheimlicher wirkte als jedes Instrument. Alles war unordentlich. Nicht chaotisch im Sinne von verlassen, sondern im Sinne von zu lange benutzt von jemandem, der für Ordnung nur noch dort Kraft hatte, wo sie dem Zweck diente.

Sie stiegen weiter.

Irgendwann weitete sich der Raum. Die Treppe verlor ihre Enge, das Licht ihrer Kugelfackel wirkte plötzlich klein und unerquicklich schwach, und schließlich endeten die Stufen in einer Halle, die so groß war, daß man ihre wirklichen Ausmaße zuerst gar nicht begriff.

Sinadie hob die Hand.

„Aus.“

Anadar löschte die Kugel.

Zunächst schien die Dunkelheit schlimmer zu werden. Dann begriffen sie, daß der Raum gar nicht wirklich dunkel war. Ein schwaches Leuchten ging von den Wänden aus, kaum merklich, ein feuchtes, krankes Schimmern, als habe sich in dem Gestein selbst etwas abgelagert, das nicht ganz entschlossen war, ob es Licht sein wollte oder Erinnerung daran.

Sie verharrten einige Minuten schweigend, bis sich ihre Augen angepaßt hatten.

Dann hörten sie es.

Wellen, die irgendwo gegen Stein schlugen. Tropfen. Ein fernes Rauschen. Das dumpfe Echo eines Wasserkörpers, der viel größer war, als man ihn in einem Raum unter einem Turm erwarten dürfte. Ihre Schritte hallten, als sie sich vorsichtig vorwärtsbewegten, und der Boden unter ihnen war vollständig aus Stein, glatt, kalt, durchfeuchtet.

Vor ihnen lag eine Höhle, oder vielmehr etwas, das einmal wie eine natürliche Gesteinsblase unter Wasser gewirkt haben mochte und später brutal zurechtgeschnitten, erweitert, benutzt worden war.

Anadars Schwert war still.

Doch er fühlte beinahe die Angst, die durch Naarstr lief.

Sie bewegten sich auf die größte Helligkeit zu, langsam, konzentriert, jeder Schritt abgewogen, jeder Atemzug bewußt. Bald standen sie an einer Empore mit steinernem Geländer. Treppen und eine breite, schräg abfallende Rampe führten hinab auf eine tiefere Ebene.

Und dort unten zeigte sich das Grauen.

Keiner von ihnen sprach.

Es war ein Schlachtfeld, aber nicht eines des Kampfes, sondern eines des Versuchs. Tische. Gestelle. Kreuze. Bänke. Haken. Käfige. Schneidwerkzeuge. Schalen. Becken. Alles überzogen mit Flecken, Fäule, eingetrocknetem oder wieder befeuchtetem Verfall. Überall lagen tote und verwesende Kraken, Fische, Fischteile, schleimige Hautfetzen, knöcherne Überreste, dazwischen menschliche Knochen, menschliche Rippen, menschliche Zähne, Werkzeug und Nähzeug und Dinge, die aussahen, als hätten sie aus zwei Welten zugleich genommen werden müssen, um hier unten einen neuen Frevel zu versuchen.

Am Ende dieser unteren Ebene war ein großes Becken eingelassen, gefüllt mit Wasser, dessen Oberfläche sich bewegte wie bei kleinen Gezeiten, ganz ohne sichtbaren Zufluß. Das Wasser atmete fast. Hob sich. Sank. Bewegte sich gegen einen unsichtbaren Takt.

Sie blickten wie erstarrt hinab.

Erst bei genauerem Hinsehen wurde das volle Ausmaß der Abscheulichkeit sichtbar. Auf manchen Tischen lagen Torsi, menschlich in Brust und Armen, aber abgeschlossen von Fischköpfen, deren Kiemen noch halb geöffnet schienen, als wolle etwas darin atmen, das nie hätte entstehen dürfen. Anderswo waren Fetzen von Krakenhaut auf menschliche Leiber genäht, mit grobem, grausamem Handwerk, als wäre jemand überzeugt gewesen, daß genug Zwang und genug Zeit aus Fleisch eine neue Wahrheit machen könnten. Organe lagen offen, zusammengefügt, wieder getrennt, erneut zusammengenäht. Es war Schlachterei und Gelehrsamkeit zugleich, und gerade diese Verbindung machte es so widerlich.

Entlang der Rampe, die von der Empore hinunterführte, waren Pfähle eingeschlagen.

Auf ihnen steckten menschliche Leiber.

Oder was von Menschen übriggeblieben war.

Nackte, ausgezehrte Körper, ausgeblutet, mit Oktopussen als Köpfen, die sich schlaff über Halsstümpfe und Schultern legten wie eine letzte Verhöhnung des Lebens. Manche der Arme zuckten noch fast unmerklich. Oder vielleicht war es nur das Leuchten der Wände. Niemand wollte es wirklich wissen.

Zwischen dem Becken und der Empore waren in die Wände Nischen eingelassen, so gesetzt, daß man sie von oben nicht ganz einsehen konnte. Verstecke. Beobachtungslöcher. Oder Schlafstätten. Oder etwas anderes.

„Das hier“, sagte Anadar schließlich, und seine Stimme klang trocken, fremd, „ist heftig.“

Mehr fiel ihm nicht ein.

Sinadie stand bleich neben ihm. „Was versuchte er hier zu machen? Mischwesen?“

„Wie sollte das…“ begann Anadar und brach mitten im Satz ab.

Weil es kein Wort gab, das den Anblick trug.

Weil selbst Morgut, der sonst zu jedem Grauen eine analytische Distanz fand, jetzt still dastand wie jemand, dessen Verstand noch hinter dem zurückblieb, was seine Augen bereits begriffen hatten.

Dann stiegen sie hinunter.

Nicht mutig. Nicht entschlossen. Eher wie Menschen, die wissen, daß die Wahrheit unten liegt, und daß jeder Schritt auf sie zu ein weiterer Schritt weg von allem ist, was sie vor zehn Minuten noch für unaussprechlich gehalten hatten.

Sie verteilten sich.

Sinadie wandte sich den aufgespießten Leibern zu. Anadar schritt zwischen den Tischen umher, zwischen Fäule und Exkrementen, zwischen verwesenden Fischköpfen und menschlichen Körpern, deren Gliedmaßen mit Nadeln, Draht, Faden und irgendeiner glitschigen Masse aneinandergefügt worden waren. Sein Ekel stand ihm offen im Gesicht. Er sah, wie versucht worden war, Organe zu verschmelzen, Kiemen an Brustkörbe zu setzen, Fleisch unter Fleisch zu treiben, Sehnen zu verbinden, Haut zu überstülpen, als müsse man nur hartnäckig genug gegen den Bauplan des Lebens arbeiten, um aus Qual eine neue Gattung zu gewinnen.

„Anadar.“

Sinadies Stimme schnitt durch die Halle.

„Diese Dinger hier … sie leben noch.“

Er fuhr herum und setzte sich in Bewegung, als Morgut am Becken, das er inzwischen fast erreicht hatte, sagte: „Das kann nicht…“

Mehr kam nicht.

Mit einem gewaltigen Tosen schoß ein riesiger Krakenarm aus dem Becken.

Er packte Morgut vollständig, schnell, präzise, brutal. Schlang sich um Brust, Hals, Kopf, drückte ihm die Arme an den Leib und hob ihn halb vom Boden, ehe dessen Schrei überhaupt recht entstanden war. Im selben Augenblick erfüllten Töne die Halle, Noten, Klänge, eine Musik, die nicht aus Instrumenten kam, sondern aus dem Geschöpf selbst. Nicht melodisch im menschlichen Sinn. Eher wie Trauer, Haß und uralte Verzweiflung, gegossen in Schall.

Ein weiterer Tentakel schoß in Anadars Richtung.

Zu spät für den Treffer. Er war noch weit genug entfernt, daß die peitschende Masse nur in die Luft schlug, das Wasser spritzte und die Noten der Musik sich noch schärfer im Saal brachen.

Sinadie schrie auf.

Anadar drehte sich.

Eine Frau, beinahe nackt, nur mit Lederbändern bekleidet, kaum vom Hintergrund zu unterscheiden, war aus einer der Nischen auf sie losgegangen. Ihre Haut, ihre Haltung, selbst die Art, wie sie sich bewegte, war so perfekt dem Schmutz, Stein und Zwielicht angepaßt, daß sie erst in der Bewegung sichtbar geworden war. Sie trieb eine gezackte Klinge mit unglaublicher Härte unterhalb von Sinadies Brust in den Leib. Das Messer drang tief ein.

Zur selben Zeit merkte Anadar im letzten Augenblick, daß auch hinter ihm jemand aus dem Nichts hervorschoß.

Der Angriff kam schnell, leise, mit einer Zielgenauigkeit, die auf Übung und fanatische Wiederholung schließen ließ. Im allerletzten Moment drehte er sich halb aus der Linie und wehrte den Stoß ab. Die Klinge glitt an seiner Steinhaut ab, schabte funkenlos darüber hinweg, ohne Schaden anzurichten.

Reflexartig zog Anadar sein Schwert.

Naarstr schrie.

Neiiiin! Kein altes Blut!

Doch da war es schon zu spät.

Die Klinge fuhr dem Angreifer durch den Leib. Sofort sog sie Blut, nicht wie ein gewöhnliches Schwert Blut nimmt, sondern wie etwas, das sich an einer lange verweigerten Speise vergreift. Der Dämon in Anadars Kopf spielte augenblicklich verrückt. Kreischen. Schmerz. Raserei. Ein panisches Winden. Anadar warf das Schwert von sich, fort, weg von seinem Körper, und im selben Augenblick verstummte das Gebrüll in seinem Geist.

Da war sie schon über ihm.

Die zweite Angreiferin sprang ihn blind vor Wut an, ohne Verstand, ohne Taktik, nur getrieben von jener Raserei, die dort unten offenbar schneller aufbrach als jeder klare Gedanke. Sie stach immer und immer wieder mit dem Messer auf ihn ein. Der Stahl prallte an der Steinhaut ab, rutschte ab, suchte Lücken, fand keine. Krallenartige Zehen fuhren über seine Rüstung, rissen Stoff, fanden aber auch dort keinen Weg hinein.

Anadar wich unter der Wucht des Angriffs zurück.

Nicht aus Furcht vor dem Messer. Sondern weil hinter allem anderen noch immer Morgut in dem Arm der Krake hing und Sinadie blutend stand.

Dann schlug etwas von der Seite.

Eine Schlinge schoß um den Hals der Angreiferin und zog sie mit brutalem Ruck von Anadar herunter. Sinadie hielt eine Peitsche in der Hand, oder vielmehr ein Band aus verdichtetem Wasser und Strom, kaum sichtbar in dem Zwielicht. Sie ließ sofort einen Schock hindurchfahren. Die Frau zuckte, verkrampfte sich, fiel zu Boden. Sinadie selbst sank im selben Augenblick ebenfalls auf die Knie, als habe die Gewalt des Zaubers auch aus ihrem eigenen Leib Kraft gerissen. Blut lief ihr über die Seite und tropfte auf den Stein.

Anadar warf ihr einen Blick zu, dann drehte er sich wieder zu Morgut.

Der hing noch immer im Arm der Krake, ganz eingeschnürt, vor allem Hals und Kopf. Sein Gesicht war nicht mehr zu sehen. Anadar hob die Hand, konzentrierte sich, und aus seinen Fingern zuckte bereits die erste Form einer Feuerpeitsche, als ein weiterer Tentakel aus dem Wasser schoß.

Diesmal traf er.

Er war zu nahe. Der Krakenkörper kam halb aus dem Becken hoch, gewaltig, schwer, glänzend, und der Tentakel schlug nach Anadars Arm. In Zeitlupe sah er, wie sich die Saugnäpfe um sein Handgelenk schlossen. Einer davon setzte genau auf nackter Haut auf, dort, wo die Rüstung nicht schützte. Im Zentrum des Saugnapfes saß etwas, das aussah wie ein Dorn.

Er spürte, wie es eindrang.

Dann hörte er die Musik.

Nicht nur in der Halle.

In seinem Kopf.

Schmerz und Bilder fluteten ihn gleichzeitig. Bilder seines Lebens. Bilder seines Bruders. Bilder von Shara, von der Mutter, von den Schulen, von Kindheit, Feuer, Stein, Wasser, Träumen, Schuld, Macht, Müdigkeit. Dieses Wesen war intelligent, sehr intelligent, das spürte Anadar augenblicklich. Und alt. So alt, daß selbst das Wort Zeitalter klein dagegen wirkte.

Es drang tief in seinen Geist ein.

Nicht tastend. Nicht zaghaft. Es suchte. Es durchwühlte ihn. Es studierte ihn. Es griff nach dem, was in ihm lag, als sei sein Kopf eine Halle, in der es etwas Bestimmtes zu finden hoffte.

Stopp, rief Anadar mit aller Macht, die ihm zur Verfügung stand.

Er drückte dagegen. Er blockierte. Er stemmte sich gegen das Eindringen, bündelte Willen, Form, Konzentration, und sein Widerstand zeigte Wirkung. Das Wesen blieb stehen. Nicht ganz. Aber genug. Das gewaltsame Durchsuchen seines Geistes verlangsamte sich, wurde zu etwas anderem, als hätte die Krake entweder gefunden, wonach sie suchte, oder erkannt, daß dieser Geist nicht einfach auseinanderzunehmen war.

Musik.

Von unendlicher Trauer.

Und da begann Anadar zu begreifen.

Dieses Wesen war nicht hier, um sie zu attackieren.

Es war hier, um seine Kinder von ihrem unendlichen Leid zu erlösen.

Die Bilder drängten sich jetzt klarer in seinen Kopf.

Xoiun. Tring. Tiang.

Die Jagd in den Tiefen des Meeres. Die drei in Haikörpern, ausgerüstet mit Magie und Gier, wie sie suchten, lockten, jagten. Die Krake und ihre Kinder hatten sich seit Äonen verborgen, vor Magiern, vor der Jagd, vor allem, was von oben kam und in die Tiefe griff. Ein uralter Instinkt der Flucht. Ein uraltes Wissen darum, daß Magier und Machtgier nichts Gutes bringen.

Doch diese drei hatten sie gefunden.

Gefangen.

Hierher gebracht.

Angekettet an das Becken, mit Gittern verschlossen, die den Rückweg ins Meer abschnitten.

Sie hatten ihr ihre Magie genommen. Ihre Klänge. Ihre Lieder. Ihre Geheimnisse herausgefoltert, immer und immer wieder. Ihr Banne aufgelegt, die sie hinderten zu fliehen, zu singen, zu rufen. Dann nahmen sie ihr die Kinder.

Und mit den Kindern experimentierten sie.

Nähten sie.

Verbanden sie.

Zertrennten sie.

Schufen Chimären, kranke Mischwesen, notdürftig ans Leben gezwungen in einem Zustand, der nicht Leben und nicht Tod war, sondern nur fortgesetztes Leiden.

Die Kinder litten noch immer.

Und die Mutter war angekettet, beraubt, gebannt, gezwungen zuzusehen.

Dann kamen wieder Bilder.

Die Nacht, in der alles anders geworden war. Panik. Flucht. Die drei stolperten hinunter, unvorsichtig, gehetzt, zu nah an das Becken, zu nah an die einzige Macht, die sie all die Zeit gequält hatten. Und dort griff sie zu. Erst die Zwillinge. Dann Xoiun. Wie sie sie verwob. Verfluchte. Wie sie aus ihnen das Monster machte. Nicht aus Haß allein, sondern als Hilferuf. Als Chimäre. Als Grauen, das so groß und sichtbar sein mußte, daß irgendjemand es schließlich sehen, jagen, finden und bis hierher verfolgen würde. Vor dem Kopf des Monsters sah Anadar zwei leuchtende Klangkörper, die toten Zwillinge, gebunden, singend, Teil dieses Fluches. Das Monster war Raserei und Ruf zugleich. Ein Schrei ins Meer.

Dann andere Bilder.

Zwei Gestalten.

Freunde.

Alt.

Sie schwammen durch Gitter. Durch Wasser. Durch Dunkel. Und hinter ihnen ein Reich.

Ein Imperium unter Wasser, von solcher Schönheit und Größe, daß Anadars Verstand es fast nicht annehmen wollte. Türme im Meer, Hallen aus Strömung und Stein, schimmernde Formen, tausende dieser Gestalten, friedlich, geordnet, lebendig in einer Welt, die tiefer, älter und viel weniger menschlich war als alles, was er je gesehen hatte. Und die Krake in ihrer Mitte. Nicht als Monster. Als Wesen.

Heute kam Hilfe.

Endlich.

Heute kamen die, die ihren Ruf gehört hatten.

Und leider auch ihr drei.

Bevor die beiden ihre Aufgabe erfüllen konnten.

Anadar verstand.

Ganz schlechtes Timing, dachte er seltsam nüchtern.

Und er verstand noch etwas anderes.

Er fragte, vorsichtig, mehr in Gedanke als in Wort, ob er die Kinder von ihrem Leid erlösen solle.

Die Krake antwortete mit Tönen, die kein Ja im menschlichen Sinn waren und doch nichts anderes bedeuten konnten.

Anadar versuchte zu zaubern.

Es gelang ihm nicht.

Der Griff der Krake hemmte ihn, nicht gewaltsam, eher wie ein fortgesetzter Bann, und zugleich schob das Wesen ihm Bilder in den Kopf. Ketten. Eine Kette, die an der Wand des Beckens verlief. Silber schimmernd. Genau auf Wasserhöhe. Der Bann. Die Fessel. Die Ursache.

Dann sah er Sinadie.

Sie hatte sich wieder erhoben, weiß im Gesicht, zitternd, aber auf den Beinen.

„Sinadie“, keuchte er, „tötet die Wesen.“

Er deutete mit der freien Hand auf die aufgespießten Leiber.

Sie brauchte einen Augenblick, um zu verstehen.

Dann nickte sie.

Ihr Messer würde dafür nicht reichen, das wußte sie selbst. Also konzentrierte sie sich, murmelte Worte, und mit jedem Laut wurde die Halle kälter. Nicht angenehm kühl. Nicht winterlich. Sondern tot. Hart. Die aufgespießten Gestalten überzog Eis, erst weiß, dann gläsern, dann tief und spröde. Sie froren bis ins Innerste durch, dampften in der plötzlichen Hölle aus Kälte.

Dann ging Sinadie von einer grotesken Gestalt zur nächsten und zerschlug sie mit dem Knauf ihres Messers.

Die tiefgefrorenen Körper zerbarsten wie Glas.

Laut. Endgültig. Erbarmungslos.

Mit jeder zerschmetterten Chimäre veränderte sich die Musik der Krake. Sie wurde leichter. Nicht hell. Nicht froh. Aber erleichtert. Als falle etwas von ihr ab, das zu lange auf ihr gelegen hatte. Aus dem Wasser ragte ein Auge, riesig, dunkel, und in diesem Auge lag nichts von dem Haß, den Anadar zunächst erwartet hätte.

Nur Erschöpfung.

Und Dank.

Sinadie sank, als die letzte Gestalt zersplittert war, selbst zu Boden. Die Anstrengung hatte sie fast geleert. Ihr Blut lief noch immer über die Seite. Sie stützte sich mit einer Hand auf den Stein, atmete schwer, und doch war ihr Gesicht jetzt seltsam ruhig.

Anadar spürte die Erleichterung der Kreatur vor ihm wie eine warme Welle unter all dem Grauen.

Dann blickte er zu Morgut.

Der steckte noch immer schlaff im Arm der Krake.

Dann veränderte sich die Musik.

Sie wurde weiter, tiefer, voller Bilder, als habe das Wesen unter ihnen erkannt, daß Worte für diesen Teil nicht ausreichen würden, daß selbst Schmerz, Bitte und Dank zu klein wären für das, was es ihm nun zeigen wollte. Wieder drang der Dorn in Anadars Geist, doch diesmal nicht mit Gewalt. Eher wie eine Hand, die eine Tür öffnet, die längst da war, nur bisher nie benutzt worden ist.

Und die Welt sprang auf.

Nicht die Welt, wie Anadar sie kannte. Nicht diese müde, zersplitterte, von Städten, Schulen, Grenzen, Meeren und Mißtrauen überzogene Welt. Sondern eine andere. Eine ältere. Eine größere. Eine, die so erfüllt von Magie war, daß selbst seine kühnsten Kindheitsphantasien dagegen wie dürftige Skizzen wirkten.

Er sah Städte im Wasser.

Nicht jene eine, die er bereits im ersten Bild erahnt hatte, sondern ganze Reiche, tief unter der Oberfläche, gewaltige Kuppeln und Türme, aus Korallen, schwarzem Stein und etwas gebaut, das im Wasser selbst zu leuchten schien. Straßen, über die keine Füße gingen, sondern Strömungen. Hallen, in denen Wesen in stillen Formationen glitten, fein, fremd, anmutig. Musik durchzog alles, nicht gespielt, sondern gewohnt, als wäre Klang dort nicht Kunst, sondern eine Art des Daseins.

Dann hob sich das Bild.

Wüsten.

Nicht leer, nicht tot, sondern golden und grenzenlos, und über ihnen standen Himmelsstürme, spiralförmig, von Licht und Staub durchzogen, und darin trugen Wolkenfestungen ihre Schatten, hoch aufgeschichtet aus weißem Gestein und blauem Glanz, bewohnt von Wesen mit langen Leibern, hellen Gesichtern und Schwingen, die nicht flatterten, sondern die Luft in langsamen, sicheren Bewegungen teilten. Engel, dachte Anadar, und wußte zugleich, daß dieses Wort zu klein war, zu menschlich, zu stumpf für das, was dort oben lebte.

Er sah Wälder.

Zauberwälder, und auch dies war ein ärmliches Wort. Bäume, deren Kronen in Farben standen, die es in seiner Welt kaum noch gab. Blätter, die Licht trugen wie Wasser. Wurzeln, die unter der Erde leuchteten. Zwischen ihnen bewegten sich Gestalten, schlank, alt, schön und fern jeder menschlichen Hast. Elfen, dachte er mit demselben Unbehagen, mit dem man einen gewaltigen Berg einen Stein nennen muß, weil die eigene Sprache nichts Größeres hat.

Und er sah Drachen.

Nicht als Tiere.

Nicht als Bestien.

Sondern als uralte, gewaltige Wesen, frei über Land und Meer ziehend, so mächtig, daß die Luft selbst sich um ihre Bewegungen anders zu ordnen schien. Es herrschte Frieden zwischen all diesen Reichen, nicht vollkommene Eintracht, nicht jene törichte Harmonie, die aus Gleichheit geboren wird, sondern etwas Größeres und Anstrengenderes: ein Gefüge. Jeder hatte seinen Ort. Jeder seine Kraft. Jeder sein Maß. Magie floß frei zwischen ihnen, nicht wild, nicht ungebunden im späteren Sinne, sondern selbstverständlich, wie Wasser fließt oder Feuer brennt.

Auch die Menschen waren da.

Klein zunächst. Unruhig. Lernend.

Die anderen Wesen lehrten sie. Nicht alle, aber genug von ihnen. Sie gaben weiter, was man geben konnte, damit die jungen, kurzen, eiligen Geschöpfe ihren Platz im Gefüge fanden. Anfangs schien auch das zu gelingen. Die Menschen lernten Magie, und eine Zeit lang fügten sie sich ein. Sie bauten, forschten, verbanden sich mit den größeren Ordnungen der Welt. Auch sie hatten ihren Raum in dieser Weite.

Dann mischten sich dunkle Töne in die Bilder.

Zuerst kaum hörbar. Ein falscher Akkord. Ein Drängen. Ein Wille, der aus dem Gefüge nicht nur seinen Platz nehmen, sondern es biegen wollte. Einzelne Menschen begannen ebenfalls zu schöpfen, um sich Diener zu schaffen. Dschinne. Geister. Kobolde. Gebundene Wesen, gerufen, geformt, gezwungen. Vieles davon war erhaben und schön, aber nicht notwendig. Diener für Arbeit, Schutz, Wissen, Krieg. Dann wurden die Rufe tiefer. Dunkler. Gieriger.

Und einige dieser Diener waren böse.

Nicht böse in der kleinen, menschlichen Weise aus Neid oder Laune, sondern böse wie etwas, das Macht als Natur begreift. Manche waren mächtig. Sehr mächtig. Und die Dämonen mit Hörnern, als sie einmal in die Welt gerufen waren, wollten nicht dienen.

Sie wollten herrschen.

Anadar sah, wie sie ihre Meister bekämpften und auch töteten.

Nicht alle zugleich, nicht in einem einzigen Aufstand, sondern erst hier einen, dann dort eine ganze Linie, dann wieder anderswo eine Stadt, ein Hof, ein Kreis, der geglaubt hatte, mit Ketten und Siegeln etwas binden zu können, das nur auf den richtigen Moment gewartet hatte. Danach waren die Dämonen frei auf dieser Erde. Und sie brachten ihr Wesen mit.

Krieg.

Tod.

Zerstörung.

Sie zogen gegen Drachen, gegen Engel, gegen Elfen, gegen Teufel, gegen Menschen, gegen alles, was auf dieser Welt lebte und Macht in sich trug oder gegen Macht stand. Keine Ordnung war mehr sicher. Kein Reich fern genug. Es war nicht bloß ein Krieg um Land oder Herrschaft. Es war ein Krieg gegen die Struktur des Daseins selbst, und die Bilder, die die Krake ihm zeigte, waren so gewaltig, so mit Schrecken und Feuer gefüllt, daß Anadar kaum begriff, wie all dies je wieder hatte heilen können.

Er sah Schlachtfelder, die sich über ganze Horizonte spannten. Drachenkörper, die brennend vom Himmel fielen. Schwingenträger, die in Staubstürmen zerrissen wurden. Waldreiche, die im schwarzen Feuer vergingen. Meere, in denen Licht und Blut zugleich standen. Über allem ein Ringen um Existenz, um Welt, um das Universum selbst.

Und dann sah er die Verbannung.

Man konnte diese Wesen nicht töten. Nicht wirklich. Man konnte ihre Leiber brechen, ja. Man konnte sie zerreißen, verbrennen, zerschlagen. Aber ihr Wesen selbst blieb. So begriffen es die Völker schließlich, nachdem zu viele gefallen waren und zu viel von der Welt in Flammen gestanden hatte, dass nur Verbannung Erfolg haben könne. Und so geschah, was nur durch das Zusammenwirken nahezu aller noch übrigen großen Mächte gelingen konnte. Eine Armee von Wesen, nicht Menschen allein, nicht Engel, nicht Drachen, nicht Elfen, nicht Wasserreiche allein, sondern alle zusammen, kämpften den letzten Krieg. Nicht um Sieg. Ums Überleben.

Sie banneten die Dämonen in eine Namenslose Dimension ohne Ausgang, ohne Ausweg, ohne Hoffnung.

Alle.

Egal wie mächtig.

Egal wie alt.

Egal wie viele.

Sie sperrten sie in eine Dimension, die nicht Welt war und nicht ganz Nichtwelt, eine abgeriegelte Tiefe, aus der es kein Entkommen geben sollte. Tore wurden vernagelt. Übergänge verriegelt. Formeln in die Grundmauern der Wirklichkeit geschrieben. Ein Gefängnis jenseits des Lichtes, jenseits der Luft, jenseits alles dessen, was Leben braucht. Dort sollten sie bleiben, auf daß sie niemals wieder das Licht der Welt sähen.

Die Bilder flackerten.

Wieder Aufbau.

Wieder Wachsen.

Wieder Städte, Felder, Pfade. Aber nichts war mehr wie zuvor. Zu viel war verbrannt. Zu viel ausgelöscht. Zu viele der großen alten Völker waren gebrochen, dezimiert, auf Rückzug gestellt, die Magie zog sich zurück aus der Welt. Und in den Bildern spürte Anadar nun ein neues Element, das in der alten Harmonie gefehlt hatte.

Mißtrauen.

Angst vor dem Anderen.

Angst vor Magie.

Angst vor den Übergängen.

Und wieder waren es Menschen, die im Zentrum dieser Bilder standen.

Einzelne zunächst. Mächtige einzelne. Herrschsüchtig. Unruhig. Sie versuchten Übergänge zu schaffen. Zu den verbotenen Orten. Zu den verschlossenen Dimensionen. Sie wollten die Dämonen nicht verbannen, sondern benutzen. Wieder. Diesmal als Waffe, diesesmal klüger, vorsichtiger, verborgener. Und sie hatten Erfolg. Nicht vollständig. Nicht in großen Mengen. Aber genug. Sie holten Dämonen zurück. Legten ihnen Ketten an. Zwang. Bann. Vertrag. Und diese gebundenen Schrecken jagten wieder über die Welt und hassten ihre Beschwörer und wollten wieder zu alter größer wachsen.

Was nun folgte, traf Anadar härter als der Krieg zuvor.

Denn es war kein offener Krieg zwischen Reichen mehr.

Es war Jagd.

Ein systematisches, kaltes, von Macht und Angst gleichermaßen genährtes Ausmerzen von allem, was anders war. Ein Holocaust an allem nicht Menschlichen. Ein Genozid, der nicht aus Raserei geboren wurde, sondern aus dem Entschluß, die Welt zu reinigen. Dämonen an der Kette wurden gegen andere Wesen gehetzt. Sie spürten Magie auf, suchten Verstecke, zerrten aus Wäldern, aus Bergen, aus Wolkenfestungen, aus Tiefen und alten Ruinen, was noch von den Völkern der früheren Welt übrig war. Engel fielen. Drachen wurden gejagt. Wasserreiche verschlossen sich. Elfen flohen in Zauberwälder, die immer kleiner wurden. Alles, was anders war, wurde verfolgt, verbrannt, gebrochen oder in die Dunkelheit getrieben.

Die Bilder zeigten prächtige Wesen, die einst frei und friedlich über die Welt gezogen waren, nun zusammengedrängt in Höhlen, unter der Erde, in versteckten Städten, in den letzten Winkeln des Daseins, wo sie um bloßes Überleben bangten.

Und die Magie wurde schwächer.

Auch das spürte Anadar. Nicht nur in den Bildern, sondern wie einen schleichenden Verlust, der mit den Jahrhunderten durch die Welt lief. Weniger Fülle. Weniger Dichte. Weniger offener Strom. So, als habe die Welt selbst unter Bannung, Krieg, Jagd und Trennung etwas von ihrer Tiefe eingebüßt.

Und so, Bild um Bild, sah Anadar den Aufstieg des Menschen.

Nicht als natürliche Reifung.

Als Übernahme.

Als Herrschaft.

Als Ergebnis eines jahrhundertelangen Ausmerzens dessen, was die Welt einst vielfältiger, gefährlicher und größer gemacht hatte.

Er nahm diese Bilder mit einem Schaudern auf. Sie erzählten eine Zeit vor jeder Zeit, die er denken konnte. Eine Geschichte, so gewaltig, als sei er persönlich dort gewesen und nicht bloß Zeuge eines fremden Gedächtnisses. Er spürte Ehrfurcht, Abscheu, Staunen und eine seltsame, wachsende Übelkeit, weil in all dem plötzlich Dinge einen Platz fanden, die zuvor nur wie Märchen, Bruchstücke oder Verirrungen gewirkt hatten.

Dann drang die Krake wieder tiefer in seinen Geist.

Diesmal suchend.

Fragen.

Nicht in Worten, sondern als tastendes Begreifen nach dem Schwert, das abseits auf dem Stein lag. Nach der Präsenz in Anadar, die nicht ganz seine eigene war. Nach dem Dämon im Schwert. Sie zeigte ihm etwas, oder setzte dazu an, etwas zu zeigen, eine Art von Vergleich, ein Erkennen, ein altes Wissen über das, was mit Naarstr nicht stimmte, da….

Lärm.

Von oben.

Schritte. Stimmen. Magische Bewegung, hastig und laut. Dann Licht, anderes Licht, helles Kampflicht, und die Halle füllte sich mit Gegenwart. Grot. Roto. Son und Indra. Weitere Magier. Sie kamen herunter wie Leute, die noch oben in den ersten Ausläufern einer Geschichte den Schluß schon zu kennen glauben. Sie sahen das Becken, die riesige Krake, Morgut in ihrem Arm, Anadar am Boden und Sinadie blutend zwischen zertrümmerten Chimären.

Und sie taten, was ihresgleichen in solchen Augenblicken meist tun.

Sie griffen an.

Kein Fragen. Kein Halten. Keine Zeit zum Erkennen. Zauber schossen durch die Halle, Wasserlanzen, Lichtblitze, Druckwellen, ein feuriger Schnitt von irgendwo rechts, dazu Worte, Rufe, Befehle, und die Krake, die eben noch ganz in Anadars Geist gewesen war, zuckte zusammen. Die letzten Bilder, halb geformt, halb wieder entzogen, flackerten ihm durch den Kopf.

Jetzt.

Sie ließ ihn los.

Anadar reagierte schneller, als er später hätte erklären können. Vielleicht aus Verstehen. Vielleicht aus Trotz. Vielleicht nur aus dem nackten Wissen, daß, wenn diese Magier hier unten nun taten, was Magier immer taten, alles verloren war. Mit der letzten Kraft, die noch in seinem Leib steckte, stieß er sich vor, sammelte Macht und schleuderte sie gegen die Wand des Beckens, genau dorthin, wo die Krake ihm die silbern schimmernde Kette gezeigt hatte.

Der Stoß traf.

Metall kreischte.

Die Fessel barst.

Morgut fiel im selben Augenblick zu Boden, hart, schwer, zuckend, halb bewußtlos. Und plötzlich erfüllte helle Musik die Halle. Nicht Trauer mehr. Nicht Haß. Etwas Offeneres. Größeres. Licht antwortete darauf, überall an den feuchten Wänden, im Becken, in den Nischen, als habe sich mit dem Bruch der Kette nicht nur Metall gelöst, sondern ein Bann in der Luft selbst.

Die Krake tauchte unter.

Für einen Herzschlag glaubte Anadar, sie sei fort.

Dann schoß sie wieder hoch, riß das Gitter, das den Weg zurück ins Meer verschlossen hatte, mit einer Kraft heraus, die selbst die angreifenden Magier stocken ließ, und griff im selben Zug nach den Körpern der beiden fremden Gestalten, die sie hatten retten wollen. Die Toten? Die Sterbenden? Anadar wußte es nicht. Nur, daß sie sie nicht zurückließ. Dann zog sie sich in die Tiefe.

Und während sie verschwand, feuerten die angekommenen Magier alles, was sie hatten, auf dieses Monster ab.

Licht. Wasser. Stoßwellen. Feuer. Ein Hagel aus Macht, der das Becken aufkochen, die Wände erbeben und die letzten Töne der Musik in zerrissene Echos verwandelte.

Anadar kroch zu Morgut.

Der Freund lebte. Das sah er sofort, obwohl der Anblick unerquicklich genug war. Blut an Mund und Nase. Die Augen halb offen. Der Hals von roten, dunklen Druckspuren gezeichnet. Morgut starrte ihn an, benommen, wütend, fassungslos.

„Warum“, fragte er vorwurfsvoll, und selbst jetzt fand er noch die Kraft für Vorwurf, „hast du mir nicht gesagt, was du da mit dir trägst?“

Dann rollten seine Augen weg, und er verlor das Bewußtsein.

Anadar überprüfte hastig den Atem. Regelmäßig genug. Leben. Noch. Er ließ die Hand einen Augenblick an Morguts Schulter liegen, mehr um sich selbst zu vergewissern als um ihm Halt zu geben, und blickte dann auf die Szene um sich herum.

Isidre war da.

Er hatte gar nicht bemerkt, wann sie gekommen war. Sie kniete jetzt bei Sinadie, riß Stoff auf, drückte auf die Wunde, sprach leise, ruhig, in jener entwaffnenden Sachlichkeit, die Heiler manchmal selbst im Schlachtfeld um sich tragen wie einen eigenen kleinen Frieden.

In der Mitte der Halle aber standen Roto und Grot.

Und sie feierten sich bereits.

Nicht laut mit Jubel, dafür waren selbst sie noch zu sehr von dem Geschehen erschüttert, aber mit jener aufgeblähten Erregung, die fast noch widerwärtiger war. In ihren Stimmen lag Triumph. Das böse Seemonster, das sogar Anadar bezwungen hatte, war vor ihrem entschlossenen Eingreifen in die Flucht geschlagen worden. So klang es bereits in den ersten Sätzen, die sie in die Halle stellten, als wollten sie der Geschichte sofort ihren Stempel aufdrücken, ehe irgendein anderer noch atmen konnte.

Anadar sah sie an.

Sah ihr Unverständnis. Sah ihre Eitelkeit. Sah, wie schnell aus einem Schrecken, den sie nicht begriffen hatten, eine Erzählung wurde, in der sie selbst als Sieger vorkamen.

Mit letzter Kraft kroch er zu seinem Schwert.

Es lag einige Schritte entfernt, dort, wo er es im ersten Angriff fortgeworfen hatte. Jeder Zug über den Stein kostete ihn etwas. Seine Muskeln waren leer. Sein Geist stand noch halb voll von Bildern einer Vorzeit, die keine Vorzeit mehr sein wollte. Seine Hand schloß sich um den Griff.

Und in dem Augenblick, als er das Schwert berührte, schrie Naarstr in ihm auf.

Gierig.

Roh.

Nicht nach Blut.

Nach altem Blut.

Das waren die letzten Worte, die Anadar wirklich hörte, ehe die Halle, die Monde, die Stimmen, das Licht und der Gestank ineinanderfielen und ihn die Ohnmacht holte.

VIII

Noch hielt Xian an ihrer Rüstung fest wie ein verzweifeltes Kind an seinem letzten Spielzeug, an etwas, das nicht mehr wirklich Schutz bot und längst nur noch nach Schweiß, Blut, altem Dreck und den vielen Tagen roch, die ihr aus den Fingern geronnen waren. Doch selbst sie musste zugeben, dass der Gestank inzwischen unerträglich geworden war. Nicht bloß unerquicklich. Nicht bloß unerquicklich feucht und abgestanden, sondern so tief in Stoff und Leder eingesessen, dass er selbst dann blieb, wenn Unda kaltes Wasser brachte und ihr half, sich notdürftig zu reinigen. Es war ein Geruch, der sagte: Gefangenschaft. Ohnmacht. Zu lange dieselben vier Wände. Zu wenig Licht. Zu viel Angst.

Als Unda sie zum dritten Mal fragte, ob sie nicht lieber andere Kleidung wolle, willigte Xian schließlich ein.

Nur das Amulett blieb ihr.

Das Amulett.

Unda hatte schon vorher beiläufig danach gefragt, als wären es die kleinen, nebensächlichen Dinge, die ihr am meisten auffielen. Eine Form hier, ein Stein dort, eine feine Kette, ein Verschluss, der zu kunstvoll wirkte für jemanden, der behauptete, bloß ein hungriges Mädchen aus dem Süden zu sein, das im Norden auf Beute gehofft hatte. Dieses Mal, als Xian das Amulett mit beiden Händen umschloss, weil sie den Riemen der Rüstung lösen musste, trat Unda einen halben Schritt näher.

„Woher hast du dieses Amulett?“, fragte sie in jenem Ton, der freundlich klingen wollte und es an der Oberfläche auch tat. „Es ist so schön geformt.“

Xian nahm es einen Augenblick in die Hand und betrachtete es selbst, als sähe sie es zum ersten Mal seit langer Zeit. Das Metall fühlte sich kühl an. Verlässlich. Fast tröstlich.

„Ein Freund hat es für uns gemacht.“

Unda hob nur leicht die Brauen.

„Ist es etwas Besonderes?“

Xian sah nicht sofort auf. „Für mich schon.“

Unda hielt den Blick einen Moment auf ihr, dann lächelte sie, als hätte sie versehentlich etwas zu Direktes gefragt. „Ach, vergiss, dass ich gefragt habe.“

Aber Xian vergaß es nicht.

Sie vergaß nichts, was Unda fragte, wie beiläufig oder warm die alte Frau es auch verpackte. Sie vergaß nicht, wann sie schwieg. Nicht, wann sie zu rasch das Thema wechselte. Nicht, wann ihr Blick unmerklich zur Tür glitt, zu dem schmalen Sehschlitz, hinter dem immer wieder jene dunklen Augen auftauchten, reglos, ausdruckslos, wie etwas, das nicht verstand, sondern nur überwachte.

Unda half ihr beim Ablegen der Rüstung. Stück für Stück. Vorsichtig genug, um Xian nicht unnötig zu schmerzen, aber nicht mit jener Sanftheit, die einem vergessen ließe, dass beides zugleich wahr sein konnte: Hilfsbereitschaft und Berechnung.

Als das Leder schließlich von ihren Schultern glitt, spürte Xian erst, wie schwer es geworden war. Wie sehr sie die Rüstung nicht mehr aus Treue getragen hatte, sondern weil sie ohne sie noch nacktloser gewesen wäre. Unda nahm das Bündel, hielt es nur kurz von sich weg, als stieße auch sie der Geruch ab, und warf es in Richtung Tür. Dort blieb es liegen, dunkel und schlaff wie ein gehäutetes Tier.

Die Augen im Sehschlitz musterten alles.

Immer wieder.

Den Raum. Xians Hände. Das Amulett. Die abgelegte Rüstung. Unda. Die Wand. Den Boden. Immer wieder dieselbe reglose, unermüdliche Prüfung.

Xian blieb angekettet an der Wand.

Doch ihr Körper kam langsam wieder zu sich. Die Wunden schlossen sich. Die Kopfschmerzen ließen nach. Das dumpfe Hämmern hinter den Augen wurde seltener. Selbst die Kraft in ihren Armen und Beinen kehrte Stück für Stück zurück. Nur Zeit hatte keine Bedeutung mehr. Sie vermutete, dass sie schon seit Wochen hier war. Vielleicht mehr. Vielleicht weniger. Es gab kein Maß dafür. Nur Wiederholung.

Immer wieder kam Unda.

Immer wieder brachte sie Wasser, etwas zu essen, Stoff, ein Tuch, eine Schüssel, ab und zu neue Kleidung, Fragen, Nähe, eine Stimme, die beinahe menschliche Wärme in den Raum trug und gerade dadurch gefährlich war. Immer wieder setzte sie sich in Xians Nähe, als hätte sie alle Geduld der Welt. Immer wieder fragte sie scheinbar belanglos nach kleinen Dingen, nach Herkunft, Wegen, Wetter, Wunden, Träumen, Geschichten, Namen, Geschenken, Gewohnheiten, Hunger, Norden, Süden, Freunden, Brüdern, Bären, Schnee, Flucht.

Immer wieder wiegelte sie ab, sobald eine Antwort zu schnell kam.

Immer wieder ging sie.

Xian wusste genau, was das war.

Verhörtaktik.

Nicht der harte Schlag. Nicht der Schrei. Nicht die Zange. Sondern die weiche, langsame, zermürbende Art, bei der die Fragen wie Gespräch aussehen und das Gespräch wie Fürsorge. Eine Öffnung hier, eine Wiederholung dort, eine kleine Abweichung in der Antwort, die man beim nächsten Mal wieder aufnimmt, ein Name, der scheinbar vergessen wurde und doch wiederkehrt, eine Lücke, in die der Befragte selbst Wahrheit gießen soll, bloß um die Stille zu füllen.

Und so spielte Xian mit.

Sie gab sich arglos.

Sie gab sich freundlich.

Sie wich aus, ohne auszuweichen.

Sie gab immer wieder dieselben Antworten, in derselben Färbung, mit denselben kleinen Abschweifungen, denselben Pausen, demselben Schulterzucken an den richtigen Stellen. Oberflächlich. Ruhig. Genug Wahrheit, um nicht wie eine gebaute Lüge zu klingen. Genug Lüge, um nichts Wesentliches preiszugeben.

Wenn Unda fort war und die dunklen Augen im Sehschlitz verschwanden, dann begann die andere Arbeit.

Dann zerrte Xian an ihren Fesseln.

Nicht aus Hoffnung, sie einfach zu sprengen. Diese Hoffnung hatte sie längst abgelegt. Aber man lernt Metall kennen, wenn man lange genug daran hängt. Man lernt, wo es nachgibt. Wo es nicht nachgibt. Wo der Ring in der Wand den Ton verändert, wenn man ihn belastet. Wo die Kette vielleicht eine Spur tiefer eingeschnitten ist als am Vortag.

Dann klopfte sie auf Rohre.

Zuerst vorsichtig. Dann im Takt. Dann in einem Rhythmus, der nicht Sprache war und doch nur eine Sprache bedeuten konnte.

Und sie bekam Antwort.

Von ihrem Bruder.

Er lebte.

Schon diese Gewissheit war mehr wert als alles Wasser, das Unda bringen konnte.

Nigk antwortete in dem alten Code, den sie beide als Kinder entwickelt hatten, erst aus Spaß, später aus Trotz, dann aus Gewohnheit und schließlich, wie sich nun zeigte, für genau diesen Fall. Zwei Schläge für ja. Drei kurz, ein langer für nein. Pausen, die Zahlen waren. Reihenfolgen, die Namen wurden. Vereinfachte Abmachungen, die nur Geschwister verstehen, weil sie aus derselben Kindheit und denselben heimlichen Spielen stammen.

Sie vermuteten, dass ihre Zellen dicht beieinander lagen.

Und dass Xiodri vermutlich ebenfalls in der Nähe sein musste, auch wenn sie von dort nie eine Antwort bekamen.

Nigk hatte ebenfalls Besuch.

Einen Mann diesmal, nicht Unda. Auch bei ihm dieselben Fragen. Dasselbe Kreisen. Dasselbe geduldige Bohren. Dieselbe wiederholte Leier. Und so sprachen sie sich ab, so gut es ging. In Pausen, zwischen Wänden, über Metall. Ihre Geschichte musste bei der Wahrheit bleiben, sobald Xiodri ins Spiel kam. Alles davor aber war reine Lüge. Sorgfältig gebaut. Lange vor der Gefangennahme. Das erste, was sie getan hatten, als sie in den Norden kamen, war nicht jagen und nicht rauben gewesen, sondern sich gemeinsam eine Geschichte zurechtzulegen, für alle Fälle, in denen Fragen gestellt würden, denen man nicht ausweichen konnte. Sie waren nicht töricht gewesen. Nicht völlig.

Nun war der Fall da.

Sie mussten an Informationen kommen und durften selbst keine Quelle werden.

Sie mussten überleben. Beobachten. Warten. Dann fliehen.

Noch wussten sie nicht, wie. Sie wussten nicht einmal, wo sie waren. Die Fragen, die sie selbst stellten, wurden immer anders beantwortet, wenn überhaupt. Kleine Lügen. Wenig Wahrheit. Genug, um Hoffnung weder zu nähren noch ganz zu töten. Sie waren gefangen. Aber nicht allein. Gefangen. Aber nicht hilflos. Und so warteten sie auf den Augenblick, in dem sich etwas verschob. Eine Unachtsamkeit. Ein Wechsel. Ein Geräusch. Ein Schlüssel. Eine Tür. Oder wenigstens die Rückkehr ihrer Ausrüstung.

Xian wartete.

Sie hörte Unda und den unheimlichen Wächter schon von weitem kommen. Inzwischen konnte sie beinahe die Uhr nach ihnen stellen, wenn Zeit noch eine Uhr gehabt hätte. Die Schritte unterschieden sich. Unda ging leichter, mit einem etwas schleifenden Nachsatz im rechten Fuß. Der Wächter war schwerer, gleichmäßiger, ganz ohne persönliches Maß, als sei Gehen für ihn nicht Bewegung, sondern Dienst.

Die Tür öffnete sich.

„Ich bin so froh, dich zu sehen, Unda“, sagte Xian, noch ehe die Frau ganz eingetreten war.

Es war nicht übertrieben genug, um falsch zu klingen. Das war wichtig.

Unda lächelte. „Ich freue mich auch, dich wiederzusehen, Xian. Wie geht es dir?“

„Besser. Viel besser. Die Wunden heilen.“

„Das freut mich.“

Unda stellte die Schüssel ab, diesmal mit etwas Warmem darin. Ein dünner Brei, der nach Wurzel und Fett roch. Nicht gut. Aber nahrhaft genug.

„Wie geht es meinem Bruder?“, fragte Xian. „Hast du Nachricht?“

Unda senkte für einen Moment die Augen, als müsse sie Behutsamkeit spielen. „Er liegt immer noch im Koma, Xian. Ich sah ihn kurz. Er lebt. Er heilt. Bald kannst du zu ihm.“

Xian spürte, wie sich ein kalter Zorn in ihr aufrichtete, weil sie nicht wusste, welcher Teil davon gelogen war. Aber ihr Gesicht blieb still.

„Erzähl mir noch einmal die Geschichte“, sagte Unda, während sie das Tuch in der Schüssel ausspülte. „Sie ist so groß. Wie konntet ihr nur gegen alle Widrigkeiten hierherkommen?“

Da war sie wieder.

Die gleiche Frage, anders angezogen.

„Unda“, sagte Xian mit einem müden kleinen Lächeln, „es ist, wie ich sagte. Wir sahen die Flüchtlingsströme und wussten, dass es hier im Norden etwas zu holen gibt. Gold. Oder andere Wertgegenstände. Zum Plündern, ohne morden oder kämpfen zu müssen. Wir wollten nur schnell hoch, uns die Taschen vollstopfen und dann wieder gehen. Dann wurden wir eingeschneit. Dann kam der Bär. Und dann diese komische Frau, die uns den Weg nach Hause zeigen wollte.“

Unda nickte, als hörte sie es zum ersten Mal.

„Und das Amulett? Woher habt ihr es?“

„Ein Freund. Es war ein Geschenk eines Freundes.“

„Eines sehr edlen Freundes“, sagte Unda beinahe träumerisch.

„Davon weiß ich nichts. Nur ein Geschenk.“ Xian hob die Schultern. „Seht mich an. An mir ist nichts edel.“

Unda lächelte nicht. „Und die anderen Gegenstände? Auch Geschenke? Die Bögen. Die Messer. Die Brille. Der Sack?“

„Alles Dinge, die wir entweder geschenkt bekommen haben oder die in der Familie waren.“

Wieder dieselbe Lüge.

Wieder dieselbe Ruhe.

Und wieder fehlte darin das eine Ding, das Xian nicht preisgab.

Das Band.

Sie trug es noch bei sich, eng gefaltet und verborgen zwischen ihren Brüsten, unter dem Amulett, dort, wo niemand bisher gesucht hatte oder wo das Suchen vielleicht durch eine letzte Vorsicht aufgehalten worden war. Vielleicht Glück. Vielleicht Nachlässigkeit. Vielleicht das Amulett selbst. Xian wusste es nicht. Nur, dass das Band noch da war.

Und dass es darauf wartete.

Auf sie.

Auf ihren Bruder.

Auf den Moment, in dem beide zugleich begriffen, dass jede andere Möglichkeit vorbei war.

IX

Das Schauspiel zog sich durch die ganze Nacht.

So lange die Monde am Himmel standen, hörte das Tropfen nicht auf, und mit jeder Stunde wurde das, was Gudi zunächst nur als seltsamen Mechanismus bestaunt hatte, zu etwas Größerem, beinahe Sakralem. Es war nicht bloß ein Spiel aus Licht und Wasser, nicht bloß eine raffinierte Vorrichtung, die uralte Hände einmal mit unbegreiflicher Präzision gebaut hatten. Es war ein Ritus, auch wenn niemand ihn sprach. Ein stilles, vollkommenes Zusammenspiel aus Mondlicht, See und jener schwebenden Apparatur, die Tropfen sammelte, leitete, versiegelte und wieder entließ, ohne daß eine Hand sie berührte.

Die Fläschchen füllten sich eines nach dem anderen.

Kein Eingreifen war nötig. Niemand stand unten an den Streben. Niemand mußte Hebel bewegen oder Rinnen neu ausrichten. Kein Glas verkeilte sich, kein Tropfen verfehlte seinen Weg, keine Halterung klemmte. Alles glitt mit jener lautlosen Selbstverständlichkeit weiter, die nur Dinge besitzen, die entweder mit vollkommener Kunst erschaffen wurden oder schon so lange funktionieren, daß man sie eher für einen Teil der Welt als für ein Werk von Händen hält. Die vollen Fläschchen lösten sich wie von Geisterhand aus ihrer Halterung, glitten die Konstruktion hinab und sanken in die bereitstehenden Kästchen, eines nach dem anderen, sauber, ordentlich, unfehlbar.

So füllte sich eine Kiste nach der nächsten.

Und die ganze Nacht über war der Saal erfüllt von Farben und Klängen, die sich nicht voneinander trennen ließen. Das tiefe Blau der Monde. Der kleine rote Ton von Jonus. Das silbrige Leuchten des Sees. Das Schimmern der Mondtropfen in den Glasfläschchen. Alles floß ineinander. Alles atmete im selben Takt. Selbst die Sondra, die reglos in Reihen standen und hinabsahen, wirkten in diesem Licht nicht mehr wie Wächter oder Krieger, sondern wie Figuren eines alten Bildes, das nur unter den richtigen Sternen sichtbar wird.

Gudi vergaß die Zeit.

Erst als die Nacht sich neigte und die Monde langsam tiefer sanken, stockte das Schauspiel. Das Pulsieren des Sees wurde schwächer. Die Tropfen hoben sich seltener aus der Oberfläche. Das Licht änderte sich, verlor seine unmittelbare Schärfe und fiel in ein dämmriges Nachleuchten zurück. Was blieb, war das Leuchten der gefüllten Fläschchen, dieses majestätische Blau mit dem feinen roten Kern darin, das die Halle nun von selbst erhellte, als hätten die Tropfen einen Teil der Nacht eingefangen und weigerten sich noch, ihn freizugeben.

Aus den Gesprächen um sie herum begriff Gudi allmählich, dass diese Ernte außergewöhnlich war.

Nicht bloß gut.

Nicht bloß ausreichend.

Außergewöhnlich.

Die Stimmen, die sonst eher knapp und zurückhaltend klangen, hatten etwas Aufgeregtes angenommen, auch wenn keiner laut wurde. Sie sprach nicht jeder zu jedem, sondern in kleinen, gedämpften Sätzen, als fürchte man noch immer, zu viel Freude könne das Glück beleidigen. Gudi hörte Bruchstücke. Dass die letzten Ernten kümmerlich gewesen seien. Dass es manchmal nur fünf Fläschchen gewesen waren. Fünf. Gerade genug zum Überleben. Nie genug für Vorräte. Nie genug für Sicherheit. Nie genug, um mehr zu tun als den nächsten Zyklus zu erreichen.

Fünf.

Sie blickte auf die vielen Kisten und konnte sich kaum vorstellen, was das für ein Gegensatz sein musste.

Die Gespräche drehten sich bereits darum, dass zuerst die Lager wieder gefüllt werden sollten, bevor etwas davon für anderes verwendet werde. Manche schienen weiter denken zu wollen, mutiger, verschwenderischer vielleicht, doch Zars, die bisher im Mittelpunkt der ganzen Nacht gestanden hatte, sagte dazu nichts. Sie ließ die Worte um sich kreisen, ruhig, beinahe gleichgültig, als wüsste sie sehr genau, dass am Ende ohnehin nur das Gewicht ihrer Entscheidung zählen würde.

Dann trat sie zu Gudi.

Mit einer knappen Bewegung bedeutete sie ihr mitzukommen.

Sie führte die junge Magierin schweigend die Treppen hinunter, zurück in den großen Saal. Im Vorbeigehen sah Gudi nun deutlicher die Kästen, dutzende davon, gefüllt mit jeweils vierundzwanzig Fläschchen, alle sauber in Reihen gebettet, alle auf dieselbe wundersame Weise leuchtend, als trüge jedes einzelne einen verschlossenen Himmel in sich.

Zars beachtete die Kästen kaum.

Sie ging direkt zur Apparatur.

Dort hingen nur noch wenige Fläschchen. Eine davon war beinahe voll. Mit einer geübten Bewegung löste Zars sie von der Bahn, fing sie noch ehe sie weitergleiten konnte, und verschloss sie mit einem kleinen Stopfen. Es geschah so geschickt, daß Gudi erst im Nachhinein begriff, wie oft diese Frau das schon getan haben musste.

„Du bist sicher neugierig, warum wir diese Tropfen so unglaublich dringend brauchen“, sagte Zars, ohne sie anzusehen. „Komm. Ich zeige dir eines ihrer Geheimnisse.“

Wieder zog sie den Schleier fester über ihr Gesicht, und Gudi folgte ihr. Im Hintergrund bemerkte sie, wie die anderen Sondra mit großer Sorgfalt die Kästen verpackten. Kein hektisches Zugreifen, kein unordentliches Wegtragen. Alles war behutsam, beinahe ehrfürchtig. Gnok schloss sich ihnen in einigem Abstand an, ohne ein Wort zu sagen.

Sie stiegen die Treppen hinauf.

Ein leises Klicken.

Und sie standen wieder im Morgenlicht der Stadt.

Ashambrat erwachte gerade erst. Es war noch früh, kaum jemand auf den Wegen, kaum Stimmen. Die Kühle der Nacht wich langsam der trockenen Glut des kommenden Tages, doch noch lag dieser kleine, seltene Moment über allem, in dem selbst eine heiße Stadt für kurze Zeit innehält.

Zars öffnete behutsam das Fläschchen.

Dann griff sie mit zwei Fingern unter ihren Schleier und zog ein einziges goldenes Haar hervor. Es war lang, fein und im Morgenlicht heller als die übrigen Strähnen, die Gudi vorher nur geahnt hatte. Vorsichtig fuhr Zars mit der Spitze des Haares in den Hals des Fläschchens hinein. Ein ganz kleines Leuchten fing sich daran. Ein Hauch von Blau, kaum mehr als ein Schimmer. Mit derselben Hand, in der sie das Fläschchen hielt, verschloss sie es wieder so schnell und sicher, als sei selbst das eine Kunst, die nur durch Übung unsichtbar geworden war.

Dann gab sie Gudi das Fläschchen.

Mit der freien Hand machte sie eine kleine, beiläufige Geste.

Sofort bildete sich über Gudis Parzelle eine Wolke.

Nicht groß. Nicht eindrucksvoll im ersten Moment. Eine kleine, dichte Regenwolke, die plötzlich dort hing, als sei sie schon immer an diesen Ort gehört. Zars hob das Haar, auf dessen Spitze noch immer der kaum sichtbare Rest des Mondtropfens schimmerte, und blies leicht darauf.

Gudi sah, wie das Wenige an Tropfen in die Wolke geriet.

Augenblicklich färbte sie sich blau.

Im Zentrum blieb ein winziger roter Kern.

Dann begann es zu regnen.

Nicht heftig. Nicht stürmisch. Sondern in einem vollkommenen, gleichmäßigen, sanften Niederschlag, der direkt auf ihre Parzelle fiel und sonst nirgends. Tropfen für Tropfen durchdrang das Leuchten das Wasser. Der Regen glitzerte im Fallen, blau und rot zugleich, und kaum hatte er den Boden erreicht, geschah es.

Die welken Blätter richteten sich auf.

Nicht langsam. Nicht so, wie eine Pflanze nach einem guten Gießen über Stunden wieder zu sich kommt. Nein. Sichtbar. Vor ihren Augen. Gelb wurde grün. Schlaff wurde aufrecht. Verkrampfte Stängel spannten sich. Neue Triebe durchstießen die Erde, als sei unter der Oberfläche nur darauf gewartet worden, daß jemand endlich das rechte Wort spreche. Blumen öffneten sich. Kräuter gewannen Farbe zurück. Ein feines, fast hörbares Drängen ging durch die Beete, als wäre das Wachstum selbst plötzlich eine Musik geworden, die sich nicht länger zurückhalten ließ.

Gudi konnte ihren Augen kaum trauen.

In kürzester Zeit stand vor ihr wieder ein Garten.

Nicht bloß gerettet.

Voll blühend.

Üppig.

Wunderschön.

Die Pflanzen wuchsen noch eine Weile weiter, sichtbar, langsam genug, daß man es verfolgen konnte, schnell genug, daß es wie ein Wunder blieb. Dann ließ die Bewegung nach, wurde geringer, fiel in das gewöhnliche Maß zurück. Was blieb, war eine Parzelle, die voller, reicher und prächtiger wirkte als je zuvor.

„Verwahre es gut“, sagte Zars.

Sie ließ Gudi mit dem Fläschchen in der Hand und dem Blick auf ihren Garten zurück, wandte sich schon halb zum Gehen und blieb doch noch stehen, als wüsste sie, dass der eigentliche Teil erst jetzt begann.

Gudi stand da, stumm vor Staunen.

Da trat Gnok an ihre Seite.

Nicht nah genug, um sie zu bedrängen, aber nah genug, daß seine Stimme nur für sie bestimmt war.

„Wenn dich jemand fragt“, sagte er und deutete mit einem kleinen Kopfnicken auf die Parzelle, „dann ist dir einer deiner Zauber missglückt. Du erwähnst die Tropfen nicht. Gegenüber niemandem. Nicht einmal deinem Bruder.“

Er sagte es nicht drohend. Gerade das machte es so ernst.

„Ich hoffe, du verstehst, dass dies geheim bleiben muss.“

Gudi nickte langsam.

Sie verstand.

Oder glaubte es zumindest. Denn vor dem, was sie in der Nacht gesehen hatte, wirkte selbst ihr eigenes Staunen klein. Dies war kein hübsches Geheimnis. Kein trickreicher Zauber. Es war Lebensgrundlage. Überleben. Macht. Vielleicht mehr. Und plötzlich begriff sie, warum die Sondra dafür töteten, schwiegen, schützten und logen.

Gnok sah noch einmal auf den Garten.

„Momentan“, sagte er, „macht man sich bei solchen Auswüchsen besser wenig Freunde in der Schule.“

Dann lächelte er.

Und zum ersten Mal, seit all dies begonnen hatte, wirkte dieses Lächeln nicht schmal, nicht trocken, nicht ausweichend, sondern beinahe offen.

„Apropos schiefgelaufener Zauber“, sagte er, und nun lag sogar ein Hauch wirklicher Belustigung darin. „Es gibt Leute, die versuchen das, was dir gelungen ist, ein ganzes Leben lang zu konstruieren. Dieser Wirbel.“ Er drehte sich ein wenig zu ihr. „Denkst du, wir können uns zusammensetzen und versuchen, das zu rekonstruieren? Ich denke, es auf Papier zu bringen, um es wiederholen zu können, wäre von einigem Nutzen.“

Gudi sah ihn an.

Noch vor einem Tag hatte sie ihm Verrat zugetraut. Vielleicht Schlimmeres. Noch vor wenigen Stunden war all ihr Argwohn gegen ihn lebendig, scharf und gerechtfertigt erschienen. Nun stand dieser alte Magier neben ihr, mit dem Morgen auf den Schultern und einem der sympathischsten Lächeln, die sie je an ihm gesehen hatte, und etwas in ihr, das sich lange gegen ihn gesträubt hatte, fiel leise in sich zusammen.

Nicht weil alle Fragen beantwortet waren.

Nicht weil sie ihm plötzlich blind vertraute.

Sondern weil sie begriff, daß hier mehr war als Verrat und mehr als Geheimniskrämerei. Eine Notwendigkeit. Eine alte Angst. Und vielleicht, ganz vielleicht, auf seiner Seite auch eine Spur wirklicher Achtung.

Und mit diesem Lächeln verflog der letzte Rest ihres Argwohns gegen den alten Magier ganz.

X

Das Erwachen war kein wirkliches Erwachen. Er glitt mehr in den Wachzustand hinüber, langsam, widerwillig, als müsse er sich erst aus einer Tiefe hocharbeiten, die ihn noch festhalten wollte, und mit dem ersten klareren Gedanken wurde ihm schmerzlich bewusst, dass ihm alles wehtat.

Nicht nur auf die gewöhnliche Weise eines verletzten Körpers. Nicht bloß Muskeln, Gelenke, Nacken, Arm, Brustkorb. Es war eher, als sei er an mehreren Stellen zugleich aus der Welt gerissen und schlecht wieder hineingesetzt worden. Doch selbst diese körperlichen Schmerzen verblassten gegen das eigentliche Elend.

Naaarstr schrie.

Es schrie nicht einfach in seinem Kopf. Es tobte dort. Mit einer Stimme, die vor Hass und Verachtung nur so tropfte, vor Gier, vor rasender, ungeduldiger Wut. Blut verlangte es. Altes Blut. Es wollte jagen. Zerreißen. Vernichten. Immer wieder brüllte es nach Freiheit, nach Jagd, nach Beute, und jedes Wort fraß sich wie ein Dorn durch Anadars Gedanken.

Lass mich frei.

Lass sie mich jagen.

Lass mich töten.

Ich will sie vernichten.

Gib mich frei.

Anadar sammelte sich so gut er konnte. Es gelang nur mühsam. Als er die Augen endlich öffnete, beugte sich Isidre über ihn. Ihr Gesicht erschien ihm erst verschwommen, dann klarer, ruhig, freundlich, beinahe unerquicklich normal in all diesem inneren Lärm. Sie lächelte ihn an, nicht breit, eher mit jener stillen Wärme, die Heiler manchmal tragen, als wollten sie dem Schmerz nicht widersprechen, sondern ihn nur für einen Moment weniger einsam machen.

„Wie geht es dir?“

„Uh“, war alles, was Anadar hervorbrachte.

Er hatte nicht nur diesen brüllenden Dämon im Kopf. Er hatte auch Kopfschmerzen, einen steifen Nacken, einen schmerzenden Arm, den dumpfen Nachhall des Kampfes in den Schultern und das Gefühl, als läge ihm noch immer jener Saugnapf mit seinem Dorn auf der Haut. Er setzte sich langsam auf. Seine Hand war verbunden. Durch den Verband drückte bereits wieder Blut. Er spürte die Einstichstelle sehr genau, als hätte der Körper selbst noch nicht entschieden, ob das dort eine Wunde oder ein Zugang war.

Neben ihm lag Morgut auf einem zweiten Bett, noch immer schlafend.

Shara saß auf der anderen Seite des Raumes, reglos, ihn genau betrachtend.

Isidre legte ihm die Hand an die Stirn, prüfte Temperatur, Blick, Reaktion, und als ihre Finger die Wunde an seiner Hand nur streiften, verzog Anadar das Gesicht.

„Die Wunde an der Hand“, sagte sie leise, „ich habe so etwas noch nicht gesehen. Sie verheilt nicht gut. Nicht so, wie sie sollte. Ich werde versuchen, eine Paste herzustellen, damit es besser heilt.“

Sie lächelte wieder, als könne selbst eine unbekannte Wunde durch gute Hände wenigstens gezähmt werden.

„Morgut ist soweit in Ordnung“, fuhr sie fort und warf einen Blick zu dem jungen Magier hinüber. „Körperlich jedenfalls. Geistig ist er noch ein wenig angegriffen. Unruhiger Schlaf. Aber wenigstens ist er nicht mehr ohnmächtig. Der Junge wird wieder zu sich kommen.“

Anadar nickte.

„Wie geht es Sinadie?“

„Sie hat viel Blut verloren“, sagte Isidre. „Der Stich hat Herz und Lunge verfehlt, war ansonsten aber tief. Er ging durch. Sie hatte wirklich Glück.“ Dann, mit einem leichten, beinahe anerkennenden Schnauben: „Scheint aber eine zähe kleine Meisterin zu sein.“

Anadar schloss kurz die Augen.

„Aber du hast recht“, sagte Isidre, als lese sie den nächsten Gedanken bereits von seinem Gesicht ab. „Ich werde gleich noch einmal nach ihr sehen. Sie liegt einen Stockwerk weiter über euch. Ich habe dafür gesorgt, dass sie nicht weit wegtransportiert wird. Nach dem, was ich gehört habe, solltet ihr dringend miteinander reden.“

Sie strich ihm noch einmal über die Stirn, beinahe mütterlich, und verließ das Zimmer so leise, als wollte sie nichts stören, das sich hier gerade erst wieder zusammenfand.

Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, fragte Shara:

„Was ist geschehen?“

Ihre Stimme war ruhig, aber nicht sanft. Dahinter lag Spannung. Müdigkeit. Ärger. Und etwas anderes, das Anadar erst in den nächsten Minuten ganz begriff.

„Ich habe mir nur die Geschichten dieser Idioten anhören müssen“, sagte sie weiter. „Und mit jedem Erzählen werden sie fantastischer. Bald bist du das Monster, das sie vertrieben haben, und sie sind die Retter der Welt. Sie drehen und wenden alles zu ihren Gunsten.“

Anadar setzte sich etwas aufrechter hin.

„Ruhe“, sagte er laut.

So laut, dass sogar Shara erschrak und ihn scharf ansah.

Er hob die Hand. „Nicht du.“ Dann deutete er sich an die Stirn und anschließend auf das Schwert, das in einiger Entfernung an die Wand gelehnt stand. „Mein Gast dreht durch.“

Shara ließ den Blick zum Schwert gleiten. „Ich höre es beinahe auch“, sagte sie leise. „Also? Was ist passiert? Ich kann dich nicht lesen. Du blockierst.“

„Es…“ Anadar fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Es war so viel anders als wir dachten.“

Doch während er das sagte, feierte der Dämon in seinem Kopf eine Orgie der Gewalt. Er schwadronierte von abgerissenen Köpfen, von Leiberschändung, von Jagd, von Blut, von alter Wut, von Freiheit und Bestimmung, und Anadar konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Er zwang sich dennoch, zu erzählen. Stockend zuerst. Dann etwas ruhiger.

Er schilderte den Abstieg.

Die Wendeltreppe. Den Gestank. Die Räume in der Wand. Die Halle. Die Empore. Die Tische. Die Experimente. Die Chimären. Den Abscheu, der ihnen dort unten entgegengeschlagen war wie etwas, das selbst jetzt noch an den Fingern klebte.

Dann sprach er von dem Angriff.

Von den beiden menschartigen Wesen, die sich dem Hintergrund fast vollkommen angeglichen hatten. Von Sinadies Verwundung. Von Morgut am Becken. Von der Krake.

Während er sprach, tobte Naarstr weiter und verlangte altes Blut zu trinken, sich darin zu baden, sich darin zu reinigen, als sei dies der einzige Zustand, in dem es wieder zu sich kommen könne.

Anadar erzählte von dem Kontakt.

Von der geistigen Verschränkung.

Von den Bildern.

Er sprach von Xoiun, Tring und Tiang. Davon, was ihnen wirklich widerfahren war. Von der Geburt des Seemonsters. Von dem Hilferuf, der kein Angriff, sondern eine Verzweiflungstat gewesen war.

Neben ihm stöhnte Morgut auf.

Er wurde wach.

Shara war sofort bei ihm, beugte sich leicht zu ihm hinunter, als wolle sie verhindern, dass auch er zu schnell aus dem Schmerz in die Wirklichkeit zurückfiel. Morgut versuchte sich aufzusetzen und stöhnte laut. Nach kurzem, mühsamem Ringen gelang es ihm. Sein Gesicht war grau vor Erschöpfung, die Augen tief eingesunken, doch als sein Blick auf Anadar und dann auf das Schwert fiel, wurde er in einem Schlag wach.

„Was hast du damals gemacht?“, fragte er.

Kein Gruß. Keine Einleitung. Kein Versuch, das Behutsame zu spielen.

„Du hast es nicht getötet. Du hast es eingesperrt und trägst es seither mit dir herum?“

Anadar sah ihn an.

Morgut sprach weiter, jetzt mit einem fassungslosen Schnauben.

„Du hast es genährt?“

Shara legte Morgut die Hand an den Arm. Anadar spürte einen Moment lang echte Sorge. Nicht um sich. Um Morgut. Weil dies der Augenblick war, in dem alles kippen konnte.

Doch Morgut kippte nicht.

Er hielt Anadars Blick stand, lange genug, daß dieser selbst zuerst die Augen senkte.

„Du hast keine andere Möglichkeit gesehen“, sagte Morgut schließlich, sehr viel ruhiger, als Anadar es erwartet hätte. „Nicht wahr?“

Anadar blickte wieder auf.

Morgut erwiderte den Blick, und da war keine Anklage im einfachen Sinn. Es war Ärger darin. Ja. Vorwurf. Ja. Aber auch Verstehen. Oder jedenfalls der entschlossene Versuch, zu verstehen, bevor er urteilte.

„Ich verstehe“, sagte er. „Du hast es eingesperrt. Das war vermutlich die einzig richtige Möglichkeit, dieses Monstrum nicht mehr in die Welt freizulassen. Was du nicht bedacht hast, oder unterschätzt, ist, dass dieses Ding nun mit dir gebunden ist. Richtig?“

Anadar schwieg einen Herzschlag zu lang.

„Es ist komplizierter.“

„Natürlich ist es das.“ Morgut verzog das Gesicht und richtete sich nun ganz auf. „Es ist bei dir immer komplizierter.“ Dann, bitterer: „Dein einziger Fehler war, dass du es mir nicht früher anvertraut hast.“

Shara blickte zwischen ihnen hin und her.

Morgut atmete tiefer ein. „Es spricht mit dir, nicht wahr?“

„Momentan ist es nicht sprechen“, sagte Anadar. „Momentan verlangt es, freigelassen zu werden, damit es jagen kann.“

Er zuckte die Schultern und fasste sich den Kopf mit beiden Händen.

Morgut lächelte leise, fast zufrieden mit einer Erkenntnis, die ihm im denkbar schlechtesten Moment zufiel.

„Unser Freund mit den vielen Armen hat mir etwas mitgegeben, ein kleines Lied.“

Er griff in sein Gewand an der Brust und zog eine kleine Flöte hervor.

Schlicht. Hell. Kaum länger als seine Hand. Nichts daran sah wichtig aus, und gerade deshalb wirkte sie in diesem Moment wie etwas, das nicht für Augen gemacht war, sondern nur für Wirkung.

Morgut setzte sie an den Mund und spielte ein paar Töne.

Schnell. Klar. In einer Folge, die für Shara belanglos klang, für Anadar aber augenblicklich eine Wirkung hatte.

Das tosende Gebrüll in seinem Kopf verstummte.

Nicht ganz. Aber tief genug, plötzlich genug, radikal genug, daß Anadar für einen Augenblick nur dastand und nichts dachte.

Ruhe.

Reine, schlichte, unglaublich kostbare Ruhe.

Dann zischte der Dämon, nun viel leiser, viel weiter weg:

Mach, dass er aufhört.

Ich verlange, dass er damit aufhört.

Anadar blickte zu Morgut und deutete ihm wortlos, weiterzuspielen.

Die Flöte erklang erneut.

Und nun war es nicht mehr Drohen, sondern Wimmern, das aus Naarstr aufstieg. Flehen sogar. Dass die Musik aufhöre. Dass sie aufhören solle. Dass man das nicht mit ihm tun dürfe.

Shara beobachtete das alles und fühlte sich ausgeschlossen.

Das traf sie härter, als sie es sich selbst sofort eingestand. Sie hatten etwas gemeinsam durchlebt. Etwas Entscheidendes. Etwas, das sie beinahe verloren hätte, weil die Übelkeit sie wieder überfallen hatte, wie jeden Morgen mittlerweile. Nicht die Seekrankheit. Das wusste sie nun. Diese Erklärung war zu klein geworden. Zu harmlos.

Und nun saßen die beiden Männer vor ihr und teilten ein Geheimnis, zu dem sie keinen Zugang hatte. Sie hörte die Flöte, sah, wie Anadars Gesicht plötzlich heller wurde, wie die Härte aus ihm wich, wie Jahre von seinen Zügen abfielen, und dachte voller Erschütterung: Was muss dieser Mann doch tragen.

Dann fluteten die Bilder der vergangenen Nacht ihren Verstand.

Nicht in Worten.

Nicht als Bericht.

Anadar ließ sie ein.

Er führte sie hinein. Zu dem Abstieg. Zu dem Gestank. Zu der Halle. Zu dem Angriff. Zu der Krake. Zu den Bildern. Zu dem Dämon. Zu der Geschichte.

Alles geschah innerhalb weniger Augenblicke, und doch war es mehr als manche Menschen in einem Leben begreifen.

Shara sah es.

Die gefolterten Wesen. Die Wahrheit über das Seemonster. Die alte Welt. Den Krieg. Die Verbannung. Die Jagd. Den Dämon im Schwert. Und mit jedem Bild wuchs in ihr die erschütternde Gewissheit, dass dies alles Teil eines sehr viel größeren Ganzen war, eines größeren Schreckens, einer älteren Schuld, als sie es sich bis gestern auch nur im Ansatz hätte vorstellen können.

Alles an dieser Geschichte war bis ins tiefste Mark verstörend.

Anadar hatte schon lange nicht mehr ein solches Gefühl von Freiheit erlebt wie in dem Augenblick, als die Melodie erklang und der Dämon sich, so gut er es vermochte, aus seinen Gedanken zurückzog. Nicht weg. Nie ganz weg. Aber weit genug. Endlich hatten sie etwas anderes als Blut. Endlich ein Mittel. Eine Form. Etwas, das dieses Wesen binden, schwächen, quälen oder wenigstens zum Schweigen bringen konnte.

Die Krake hatte ihnen das gegeben.

Aus uraltem Hass gegenüber diesen Wesen.

Oder aus Wissen.

Oder aus beidem.

In Anadar wuchs die Erkenntnis, groß, klar und ohne jeden Trost: Er musste den Dämon bannen. So schnell es ging. Das hatte nun Vorrang vor allem anderen. Vor Politik. Vor Roto. Vor Grot. Vor der Konklave. Vor dem Norden. Vor allem.

Sollte ein solches Wesen je wieder ungebunden auf die Erde gelangen, könnte es niemand aufhalten.

Es musste verbannt werden.

Und jeder Zugang zu der Dimension der Dämonen musste für immer versiegelt werden.

Sein nächster Weg, das wusste er nun mit jener Kälte, die Entscheidungen manchmal begleitet, würde nach Sontor führen.

In den Turm von Fantor um eine Spur aufzunehmen.

XII

Die Heilung verlief schnell und gut.

Selbst die Wunde in seiner Hand, die anfangs schlecht auf alles reagiert hatte, was Isidre ihr auflegte, begann sich unter der richtigen Salbe endlich zu schließen. Sie hatte die Paste selbst zusammengerührt, mit einer Geduld und Sachkenntnis, die Anadar wieder einmal daran erinnerte, dass Heiler auf ihre Weise ebenso gefährlich präzise sein konnten wie Feuermeister. Als sie ihm das Rezept nannte, tat sie das in der beiläufigen Hoffnung, er könne es sich merken. Irgendwelche bestimmten Algen waren darin, ein zerriebenes Salz aus den tieferen Rinnen unter den Inseln, dazu etwas, das sie nur „den dritten Film von der Unterseite“ nannte, und Anadar beschloss, lieber gar nicht im Einzelnen wissen zu wollen, was da nun auf seiner Haut lag. Es half. Das genügte.

Und seit der Dämon nicht mehr fortwährend sein Gehirn folterte, konnte er wieder klare Gedanken fassen.

Das allein war fast schon eine Heilung.

Die Flöte, die Morgut nun wie eine zweite Waffe mit sich trug, lag nie weit entfernt. Nicht immer musste er sie spielen, nicht dauernd, nicht in der ganzen simplen Wiederholung, die Anadar anfangs gefürchtet hatte. Es genügten wenige Töne in bestimmten Abständen, ein kurzes Muster, eine Erinnerung an etwas Uraltes, das Naaarstr ebenso sehr hasste wie fürchtete. Das Wesen im Schwert blieb da. Es knurrte. Es grollte. Es verlangte. Doch es brüllte nicht mehr ohne Unterlass. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnte Anadar denken, ohne seine Gedanken gegen einen zweiten, gierigen Willen verteidigen zu müssen.

Die Konklave stand unmittelbar bevor, und Anadar war sich schmerzhaft bewusst, dass er verpflichtet war, daran teilzunehmen.

Wäre es nach ihm gegangen, hätte er sich darum gedrückt. Er hätte die Inseln der Winde am liebsten schon am ersten Tag nach dem Erwachen wieder verlassen, nicht aus Feigheit vor Roto und Grot oder Pflichtgefühl, sondern aus Abscheu vor der Zeitverschwendung. Sein Bruder blieb verschwunden. Der Norden war immer noch ein offenes geheimniss. Das, was die Krake ihm gezeigt hatte, brannte noch immer in ihm. Wenigstens würde Sie sich um das Seemonster kümmern. Und mit jeder Stunde, die er hier blieb, gewann er deutlicher das Gefühl, dass die Welt anderswo bereits anfing, weiterzurutschen, während die Schulen noch über Wörter stritten.

Doch Verpflichtung blieb Verpflichtung.

Meisterin Sinadie empfing ihn in diesen Tagen immer wieder in ihrem Zimmer, ein Stockwerk höher, wo Isidre sie unter strengen Anweisungen ins Bett verbannt hatte. Die junge Dekanin erwies sich als überraschend scharfsinnig und mit einer Zunge versehen, die noch schärfer war. Sie war klug genug, um ihre Worte nicht verschwenderisch einzusetzen, und gerade deshalb trafen sie oft genauer als lange Reden anderer Meister. Anadar verstand schnell, warum sie in so jungen Jahren Dekanin geworden war. Nicht bloß, weil sie begabt war. Sondern weil sie Situationen las, als wären Menschen nur eine andere Form von Text.

Isidre mahnte immer wieder zur Vorsicht. Mehr als einmal verbot sie Sinadie ausdrücklich, sich überhaupt aufzusetzen, geschweige denn das Bett zu verlassen. Sinadie ignorierte diese Anweisungen mit genau der Höflichkeit, die nötig war, um einer Heilerin nicht offen die Stirn zu bieten und ihr dennoch in allem Wesentlichen zu widersprechen.

„Wir müssen alsbald weg von hier“, drängte Anadar „es ist dringend.“

Es waren nur sie, Shara und Sinadie im Raum. Draußen auf dem Gang war es still, und durch das halb geöffnete Fenster kam die salzige Luft des Meeres herein, die jeden Raum auf den Inseln der Winde ein wenig feucht und lebendig machte.

Sinadie lag halb aufgerichtet in ihrem Bett, die Kissen höher gestapelt, als Isidre es je gebilligt hätte. Sie lächelte nur knapp.

„Unauffällig, meint Ihr? Ihr, Anadar? Beinahe jeder gottverdammte Magier auf diesen Inseln ist hinter Euch her.“

Sie lachte kurz. Es war ein helles, erstaunlich jugendliches Lachen, das gar nicht zu dem weißen Gesicht und der sorgfältig weggebundenen Wunde unter ihrem Gewand passen wollte.

„Sie wollen sich alle einen Namen machen“, sagte sie. „Durch Euch.“

Anadar lehnte an der Wand und schnaubte.

„Zwei haben es bereits geschafft, wenn man ihren Geschichten glauben darf. Sie haben mich vor dem Monster gerettet, das ich selber bin oder das ich beschworen habe. Sie sind sich in diesem Punkt noch nicht ganz einig.“

Shara verschränkte die Arme. „Das ist ernst, Anadar. Sie wollen es so drehen, dass man es dir anhängt.“

Er zuckte nur mit den Schultern.

„Momentan haben wir andere, dringendere Probleme als das“, sagte er laut.

Und in Gedanken fügte er, nur für Shara hörbar, hinzu: Und wenn wir es nüchtern betrachten, haben sie sogar recht damit, eine Untersuchung zu fordern.

Dabei tätschelte er unwillkürlich den Knauf seines Schwertes.

Sinadie verzog den Mund. „Warum habe ich immer das Gefühl, dass ich nur die Hälfte des Gespräches mitbekomme?“

Shara warf Anadar einen kurzen, schiefen Blick zu, sagte aber nichts.

Sinadie entschied sich, das Thema zu wechseln. „Was ist nun in Wahrheit passiert? Die Krake war nicht das Seemonster, gehe ich recht in der Annahme?“

Anadar sah sie lange an.

„Ihr hattet einen sehr bösartigen Magier“, sagte er schließlich, „der sehr seltsame Experimente durchgeführt hat.“

Sinadie nickte langsam. „Das haben wir selbst bemerkt. Deswegen wollten wir ihn ja auch zur Rede stellen. Und dann ist plötzlich zu vieles gleichzeitig passiert.“

„Er hatte sich mit seinen Schülern zu weit hinausgewagt“, sagte Anadar. „Sie machten Experimente, die sie nicht hätten tun dürfen. Abgrundtief böse. Nicht mehr ethisch vertretbar. Ihr habt die Körper gesehen.“

Wieder dieses langsame Nicken.

„Ihr wisst mehr, oder?“, fragte sie dann. „Ihr wollt aber nicht darüber berichten. Vielleicht.“

Anadar seufzte. Er trat näher, beugte sich leicht vor und sah ihr tief in die Augen.

„Ich verstehe vieles selbst noch nicht ganz. Ich weiß nur, dass wir weiter müssen. Mein Bruder. Der Norden. Das sind alles Dinge, die noch nicht gelöst sind.“

„Es kommt also mehr auf uns zu als nur kleine Seemonster“, sagte Sinadie.

Anadar nickte. „Das Seemonster sollte Geschichte sein.“

In diesem Augenblick kam Isidre herein und blieb unmittelbar im Türrahmen stehen, als müsse sie nicht erst prüfen, was sie bereits ohnehin vermutete.

„Ich habe Euch doch gesagt“, schalt sie scharf, „dass Ihr Euch nicht aufrichten sollt.“

Ihr Blick traf zuerst Sinadie, dann Anadar, dann Shara, und selbst Anadar, der sich nicht leicht zurechtweisen ließ, empfand für einen Augenblick den Wunsch, sich wenigstens zur Hälfte schuldig zu fühlen.

„Ihr strengt Euch zu sehr an“, fuhr Isidre fort. „Und ihr beide“, sie deutete auf Anadar und Shara, „raus. Jetzt.“

Sie verließen unter ihren Verwünschungen das Zimmer und gingen wieder hinunter in den Raum, den man ihnen zugewiesen hatte.

Morgut saß dort mit Miene und Sindra. Der junge Magier war bleicher als sonst, wirkte aber wieder ganz bei sich. Er sah auf, als sie eintraten, und in seinem Blick lag etwas Hoffnungsvolles, das er zu schlecht verbarg, um es glaubwürdig lässig wirken zu lassen.

„Ihr habt einen Plan?“, fragte er.

Shara blickte die drei an. „Weiter“, sagte sie. „Nach der Konklave. Davor wird es schwierig. Es ist besser, wenn unser großer Anadar daran teilnimmt und die Geschicke wenigstens noch ein wenig lenkt.“

Morgut verzog den Mund. „Geschicke lenken. Ich hatte gehofft, wir könnten vielleicht einfach verschwinden.“

„Das wäre weniger lenken“, sagte Shara trocken, „als rennen.“

Die zwei Tage vergingen.

Roto und Grot bewegten sich in dieser Zeit mit jener selbstsicheren Haltung über die Insel, die Menschen annehmen, wenn sie glauben, dass die Geschichte bereits ihre Version bevorzugt. Sie sprachen kaum ein Wort mit Anadar. Sie sahen ihn an, wenn überhaupt, nur mit jener Mischung aus Abscheu, Erwartung und siegesgewisser Ungeduld, die verriet, dass sie im Innern schon ihre Anklage probten.

Isidre schloss sich ihnen am Abend der Konklave an. Auch sie würde den Saal betreten. Sinadie fehlte.

„Bettruhe“, sagte Isidre scharf, noch ehe jemand fragte. „Und wehe, einer von euch hält das für einen Anlass, sie hinzuschleifen.“

Alle vier gingen gemeinsam mit Meister From den Korridor entlang, der zu dem Zugang führte, sie betraten nacheinander den Saal um die anderen Meister und Dekane schon darin vorzufinden.

Das war eine der alten Seltsamkeiten der Konklave, sie war an keinem Ort, keiner Schule zugeordnet. Es war ein Ort zwischen den Schulen, alt, neutral und mit so viel Protokoll überzogen, dass selbst seine Wände wie Teil einer Übereinkunft wirkten. Der Zugang konnte von jeder Schule geöffnet werden. Der Vorsitz lag bei der Windschule von Ashambrat, bei Dekan Hokf’n. Erst nach dieser Konklave sollte der Vorsitz an die Geistschule übergehen.

Hokf’n würde also eröffnen, führen und schließen.

Und erst am Ende, nach allen Beschlüssen, Berichten, Anträgen und Riten, würde der Stab an die Geistschule gereicht werden, damit die nächste Konklave unter deren Zeichen stünde.

Als sie eintraten, war Anadar beinahe erleichtert, Manador zu sehen.

Er begrüßte ihn knapp, ebenso seinen Bruder Loon, und setzte sich rechts von seinem Dekan. Manador beugte sich sofort leicht zu ihm hinüber, noch bevor der ganze Saal sich gesetzt hatte.

„Könnt Ihr zur Feste zurückkehren, mein Freund?“

Anadar blickte ihn an.

„Wann immer Ihr zurückkommen könnt“, flüsterte Manador, „es ist wichtig.“

Dabei schob er ihm unauffällig einen Brief unter dem Tisch zu. Anadar ließ ihn ohne Regung in seinem Gewand verschwinden.

Er hatte gehofft, seinen Bruder inzwischen vielleicht wieder an seinem Platz zu sehen, doch der Sitz neben Dekan Tranda von der Erdschule blieb leer.

Tranda selbst machte keinen guten Eindruck. Er hustete häufig, wirkte schwach, fast ausgezehrt, und Isidres Blick glitt immer wieder mit unverhohlener Sorge zu ihm hinüber. Vollzählig waren nur die Lebensschule und die Geistschule erschienen. Meister Roto war ebenfalls sichtbar überrascht, seinen Bruder Kolnidranooora nicht an Dekanins Fontal Seite zu sehen.

„Es gab weder Besuch noch Nachricht von Meister Kolnidranooora“, sagte Fontal auf eine leise Nachfrage hin, und obwohl ihre Stimme unbewegt blieb, merkte man ihr die Gereiztheit an. Roto schien dies zu beunruhigen.

Der Beginn der Konklave verlief nach dem alten Formwerk.

Hokf’n trat vor, mit dem Stab in der Hand, ein langes, helles Holz mit eingesetzten Metallringen, die bei jeder Bewegung leise gegeneinander klangen. Hinter ihm stand bereits der Sitz der Geistschule bereit, wie es die Sitte verlangte, denn die Schule, an die der Vorsitz übergehen sollte, musste die gesamte Sitzung hindurch sichtbar anwesend sein, als Erinnerung daran, dass auch Macht in der Konklave nur geliehen war.

Zuerst wurden die Namen der Schulen und ihrer erschienenen Vertreter verlesen. Dann die Abwesenheiten. Dann die Toten seit der letzten Versammlung. Darauf folgte der kurze, nüchterne Moment, in dem jede Schule bestätigte, dass ihre Archive intakt, ihre Siegel ungebrochen, ihre Nachfolgen geordnet seien sowie kein Streben nach Macht zu finden sei. Die Wasserschule schwieg zur Ursache ihrer jüngsten Unruhe und verwies auf einen späteren Bericht. Erst nachdem diese Formalien abgearbeitet waren, hob Hokf’n den Stab noch einmal an, ließ die Metallringe erklingen und eröffnete die freie Aussprache.

„Es liegen Berichte vor“, sagte er, „über Vorfälle auf den Inseln der Winde, über ein Meereswesen, über einen abtrünnigen Meister, über Verletzte und über einen Eingriff auswärtiger Meister in die Angelegenheiten dieser Schule. Ich eröffne die Anhörung.“

Grot erhob sich beinahe sofort.

Er tat es mit einem Pathos, das verriet, dass er diesen Augenblick bereits mehrfach für sich geübt hatte. Er stand breit, die Hände auf dem Tisch, den Blick zuerst auf Hokf’n, dann auffällig durch den ganzen Saal wandernd, ehe er auf Anadar liegenblieb, als müsse jeder im Raum sehen, wohin die Linie seines Vortrags führte.

„In der Nacht selbst, da die Sache schließlich eskalierte, wurden wir von den Magierinnen Miene und Siendra alarmiert. Beide kamen in sichtlicher Aufregung und berichteten, dass Meister Anadar, Meisterin Sinadie, der junge Morgut und weitere sich zum Turm begeben hätten und dort unter Umständen verschwunden seien, die schon für sich genommen unerquicklich verdächtig erschienen. Da die Lage keinen Aufschub mehr duldete, zögerten Meister Roto und ich nicht. Wir sammelten weitere Kräfte um uns und eilten unverzüglich zum Turm. Dort fanden wir den verborgenen Zugang, der bis dahin offenbar niemandem mit der nötigen Entschlossenheit aufgefallen oder jedenfalls nicht geöffnet worden war, und stürzten die verborgene Wendeltreppe hinab, alldieweil bereits der Gestank, der uns entgegenschlug, hinreichend verriet, dass unter diesem Turm nichts verborgen lag, was in irgendeiner Weise rechtmäßig, sauber oder auch nur halbwegs mit der Ordnung der Schulen vereinbar gewesen wäre.“

„Nun“, führte er weiter aus, „als wir hinzu kamen war Meister Anadar gerade dabei…“

Er machte eine kunstvolle Pause.

„… mit dem Seemonster einen Handel abzuschließen.“

Ein Raunen ging durch den Saal.

Grot beschrieb die Krake annähernd gut. Nicht hervorragend, nicht mit Verständnis, aber präzise genug in Größe, Form und Gefahr, daß niemand ihn der Erfindung bezichtigen konnte. Dann schob er die Deutung nach.

„Morgut und Meisterin Sinadie, die bereits zu Boden gegangen waren, als wir eintrafen. Wir sahen, daß Meister Anadar am Boden kniete und es schien, als suche er den Kontakt mit dem Monster. Als wolle er mit diesem Wesen verhandeln. Einen Bund eingehen vielleicht.“

Roto nickte bei jedem zweiten Satz, laut genug, daß man es hören konnte.

„Wieder“, sagte Grot nun mit wachsender Schärfe, „haben wir also den Meister der Feurigen Feste in unmittelbarer Nähe eines Monsters, das es zu bannen gilt. Ist es denn wirklich Zufall, daß dieses Monster und jenes, welches die Feurige Feste angriff, in derselben Zeit erschienen? Ist es Zufall, daß immer dort, wo etwas Verbotenes, Ungeheures, Unnatürliches aus den Tiefen dieser Welt steigt, Meister Anadar schon anwesend ist oder nicht weit entfernt?“

Nun wurde das Murmeln lauter.

Vor allem Roto führte es mit hörbarer Zustimmung an. Fontal blieb still, doch ihre Stille war nicht neutral. Hokf’n hörte mit unbewegtem Gesicht zu.

„Meister Roto und ich“, sagte Grot weiter, „konnten dieses Monster angreifen und ins Meer jagen, nachdem Meister Anadar versäumt hatte, zu tun, was hätte getan werden müssen.“ Er hob die Stimme. „Ich verlange hiermit und jetzt eine Untersuchung der Sachverhalte und Meister Anadars Rolle darin!“

Manador beugte sich leicht zu Anadar hinüber.

„Das ist lächerlich, wollt Ihr dazu nicht Stellung nehmen?“, fragte er leise.

Anadar schnaubte, verdrehte die Augen und lächelte als er aufstand.

Grot deutete sofort mit dem Finger auf ihn. „Ha. Jetzt wollt ihr euch herrauswinden.“

„Meister Grot“, sagte Anadar, und seine Stimme war so ruhig, daß mehrere Köpfe sich noch vor den Worten zu ihm wandten, „ich muss Euch zustimmen.“

Er ließ eine Pause, das brachte den Raum um einen Schlag aus dem Takt.

„Eine Untersuchung ist genau das, was ich hier vorschlagen würde.“

Er machte eine Pause und blickte Grot direkt in die Augen. Das Lächeln wich aus seinem Gesicht.

„Schließlich wart Ihr es, der mich genau darum bat.“

Jetzt wurde es stiller.

„Ihr habt mich in Tandor abgefangen“, fuhr Anadar fort, „und davon abgehalten, meinen vermissten Bruder zu suchen. Ihr habt mich gebeten, mit auf die Inseln der Winde zu kommen, weil Ihr vermutetet, ein abtrünniger Meister Eurer Schule habe verbotene Magie gewirkt und etwas mit dem Seemonster zu tun. Es wart Ihr…“  nun deutete Anadar seinerseits mit dem Finger auf Grot  „…der mich um Hilfe bat, diesen Sachverhalt hier zu klären. Und dieser Bitte bin ich im Bunde unseres Zirkels sehr gern nachgekommen.“

Ein unruhiges Raunen ging durch den Saal.

Grot warf Roto einen kurzen Blick zu, nicht um Hilfe bittend, sondern weil ihm in diesem Moment selbst klar wurde, wie geschickt Anadar die Sache klargestellt hatte.

„Und nun“, sagte Anadar, und seine Stimme nahm jenen bedrohlich weichen Ton an, der bei ihm meist mehr Wirkung hatte als jeder offene Zorn, „steht Ihr hier, der damals um Verschwiegenheit bat, und klagt mich öffentlich an. Ist dies die Art von Dankbarkeit, die Ihr jenen zuteil werden lasst, die Euch helfen? Oder war es von Anfang an euer Plan mich in eine solche Situation zu zwingen?“

Einige Köpfe wurden geschüttelt. Andere nickten. Mutter lächelte bereits leicht, während sie zugleich mißbilligend den Kopf bewegte, als müsse sie sich eingestehen, daß Anadar auch im Angriff gut war.

„War das nicht auch der Grund“, setzte Anadar nach, „warum Ihr bei der letzten Konklave gegen eine Inquisition gestimmt hattet? Weil Ihr bereits wusstet, daß sich hier etwas abgespielt hat, das zweifelsohne einer Untersuchung wert ist? Und nun versucht Ihr hier, zwei Dinge miteinander zu verbinden, um die Schuld auf jemanden zu schieben, den man leichter ausstellen kann als die eigenen Versäumnisse.“

Nun brach das Durcheinander los.

Mehrere Meister standen auf. Stimmen überschnitten sich. Die Lebensschule wollte wissen, welche Verschwiegenheit gemeint sei. Roto schrie Grot an. Fontal verlangte Ordnung, noch ehe Hokf’n sie wieder herstellen konnte. Roto sprach gleichzeitig auf Grot und Hokf’n ein. Loon lehnte sich nur ein wenig zurück, als habe er genau mit diesem Moment gerechnet. Hokf’n schlug den Stab hart auf den Steinboden, doch selbst das brauchte einige Schläge, ehe sich das Tosen dämpfte.

Anadar setzte sich wieder.

Er blickte Manador an. „So in der Art?“

Manador lächelte. „Ihr habt Feuer gelegt, mein Freund.“

Dann, leiser, im Tumult, der noch immer nicht ganz verklungen war: „Was immer passiert, seid versichert. Wir stehen hinter Euch.“

Auch Mutter sah ihn an, und obwohl sie den Kopf noch immer leicht schüttelte, lag in ihrem Blick ein stilles Lächeln, das mehr wert war als jede offene Zustimmung.

Als endlich wieder genug Ruhe eingekehrt war, ergriff Hokf’n erneut das Wort.

„Nun gut. Es scheint, wir haben hier einen Fall zu untersuchen. Das bedeutet, wir gehen nach Protokoll vor. Das beinhaltet die Entsendung von Inquisitoren aus drei Schulen, die den Fall prüfen. Bis zur Entsendung und dem Eintreffen dieser Inquisitoren schlage ich vor, daß alle Beteiligten an ihrem Platz auf den Inseln der Winde bleiben. Ich würde Inquisitoren aus Erde, Wind und Leben vorschlagen. Diese sollen von den betreffenden Schulen bestimmt und im Laufe der nächsten Woche entsendet werden.“

Das gefiel Anadar nicht.

Überhaupt nicht.

Es würde bedeuten, zu warten. Sich festsetzen zu lassen. Oder bewusst entgegen der Weisung der Konklave zu handeln, was ein klarer Verstoß gewesen wäre. Er wollte gerade den Mund öffnen, um Einspruch zu erheben, da kam ihm jemand zuvor.

„Entschuldigt“, sagte eine Stimme von der Tür her. „Ich habe mich ein wenig verspätet. Habe ich etwas verpasst?“

Alle Köpfe fuhren herum.

Sinadie stand im Eingang.

Sie stützte sich auf einen Stock, war noch immer bleich und bewegte sich mit sichtlichen Schmerzen, doch sie lächelte. Nicht breit. Nicht frech. Nur gerade genug, um jedem im Raum zu zeigen, daß sie nicht hergekommen war, um still und dankbar befragt zu werden.

Isidre schoss einen Blick auf sie, der an blanke Mordlust grenzte, stand jedoch auf und eilte ihr zu Hilfe. Sinadie nahm die Hilfe der Heilerin mit einer Selbstverständlichkeit an, die fast schon unverschämt war, ließ sich an ihren Platz führen und setzte sich mit einem leisen, schmerzverzerrten Seufzen.

„Ich nehme an“, sagte sie, während sie langsam zur Runde aufblickte, „ich habe die Anklage verpasst?“

Einige lachten. Zu viele nicht.

Sie drehte den Kopf leicht zu Grot.

„Nun, meine Damen und Herren. Wie Ihr sicherlich schon bemerkt habt, haben wir hier ein kleines Problem, das zu untersuchen gilt. Zunächst aber möchte ich meinen ganzen Dank an Meister Anadar aussprechen und an den jungen Akoven Morgut.“ Sie nickte Hokf’n zu. „Einen prächtigen jungen Burschen habt Ihr da in Eurer Schule. Die beiden kamen uns in unserer Not zu Hilfe. Unter Einsatz ihres Lebens. Ungeachtet vieler anderer Dringlichkeiten, die Meister Anadar verfolgt. Dafür sind wir ihnen zu ewigem Dank verpflichtet.“

Sie machte eine kleine Pause und ließ die Worte sich setzen.

„Was die Untersuchung angeht“, fuhr sie fort, „so haben wir doch eigentlich genug anwesende Meister als Zeugen hier. Meister Roto. Meister Isidre. Meister Anadar. Meister Shara. Meister Morgut, dazu die beiden Magierinnen der Geistschule, Miene und Sindra. Alle waren in irgendeinem Maße beteiligt. Wir könnten die Untersuchung also ebenso gut hier beginnen. Oder wenigstens die Berichte hören.“

Sie hob leicht die Hand, bevor jemand sie unterbrechen konnte.

„Ich für meinen Teil muss zugeben, daß wir einen abtrünnigen Meister hatten, der mit seinen Schülern ein einzigartiges Verbrechen begangen hat. Dies fällt in meine beziehungsweise unsere Verantwortung.“ Sie sah kurz zu Anadar. „Wie mir Meister Anadar versichert hat, wurde Xoiun bereits zur Rechenschaft gezogen und weilt nun nicht mehr unter uns.“

Das wirkte.

Es war klug gesetzt. Sie gab gerade genug Schuld zu, um glaubwürdig zu erscheinen, und verschob zugleich den Schwerpunkt weg von Anadar, hin zu Xoiun und der Wasserschule selbst. Plötzlich war die Frage nicht mehr: Muss Anadar untersucht werden? Sondern: Wie weit reicht das Verbrechen eines abtrünnigen Meisters, und wer hat es wie lange nicht gesehen?

Nichtsdestotrotz bestand Hokf’n auf einer externen Untersuchung.

Fontal unterstützte ihn lautstark. Für sie war jedes Verfahren, das nicht aus dem unmittelbaren Einfluss der Betroffenen herausgenommen wurde, bereits verdächtig. Mutter und Manador schüttelten nur den Kopf. Tranda machte den überzeugenden Eindruck, während eines Teils der Sitzung weggedämmert zu sein, und das wurde stillschweigend als Enthaltung gewertet. Sinadie enthielt sich ebenfalls, mit der ausdrücklichen Begründung, dass sie als Dekanin der betroffenen Schule und Mitursache der Lage nicht objektiv stimmen könne, wohl aber klarstellen wolle, dass nicht Anadar Gegenstand der Untersuchung zu sein habe, sondern die Vorgänge um Xoiun, seine Schüler und das Monster. Sehr zum Missfallen von Grot und Roto. Hatten beide doch mit einem anderen Ausgang des Abends gerechnet.

Die Mutter schlug schließlich einen Kompromiss vor, und weil es ein Vorschlag von ihr war, klang er nüchtern und gerade deshalb unanfechtbar.

Die externe Untersuchung werde entsendet. Ja.

Aber ihr Gegenstand werde protokollarisch auf die Vorgänge um Xoiun, den Turm, die Experimente und das Seewesen begrenzt.

Meister Anadar gelte nicht als Beschuldigter, sondern nur als ein Zeuge. Die Untersuchung soll sich auf die Vorgänge um die Insel der Winde beschränken.

Und, das war der eigentliche Sieg, nach Befragung durch die Inquisitoren würde die Untersuchung wieder der Konklave vorgestellt werden.   

Hokf’n akzeptierte es nur sichtbar widerwillig.

Doch er musste. Es war der einzige Weg, auf dem er überhaupt eine Mehrheit erhielt, und selbst diese Mehrheit war schmal.

Als die Beschlussformel gesprochen war, sank die Spannung im Raum nicht, aber sie veränderte ihre Richtung.

Roto und Grot hatten nicht bekommen, was sie wollten, sie hatten Anadar nicht in das Zentrum der Anschuldigungen gezogen und im Augenblick war das genug.

Ende teil 2

 
 
 

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