Nouméa IV
- R.

- vor 20 Stunden
- 6 Min. Lesezeit

Es ist ja schon wieder Wochenende, es ist ja schon wieder Zeit, etwas zu Papier zu bringen, bevor ich es wieder vergesse. Es sind schon wieder ein paar Tage rum, und was mache ich immer noch in dieser Stadt? Nun, zumeist ist es irgendwas mit aufs Meer blicken. Entweder wandere ich auf einen Berg und blicke aufs Meer, sitze ich am Strand und blicke aufs Meer, segle ich mit einem Katamaran auf eine Insel und tue was? Richtig, blicke aufs Meer. Oder unters Meer, beim Schwimmen, Schnorcheln oder Aquariumbesuch. Ich glaube, das fasst es ziemlich gut zusammen. Und wenn ich nicht irgendwas mit dem Meer mache, dann sitze ich im Atrium und genieße die kühle Brise, so einfach ist das. So geht das also, dieses Abschalten. Kann man hier gut. Unglaublich schöne Szenerie hier, unglaublich schöner Sonnenuntergang, unglaublich, alles toll hier. Ich erwähnte bereits, dass da eine Liebe in mir gewachsen ist, oder? Die ist nun nicht kleiner geworden.
In Wahrheit kann man ohne Auto gar nicht so viel machen. Meine Kreise ums Hotel wurden nun auch immer größer, und ich glaube langsam habe ich die ganze Stadt abgegrast. Deswegen nehme ich mir hin und wieder einen Fahrer, und was soll ich sagen, es kommen manchmal immer wieder dieselben. Und da war er wieder, der Vogel von gestern. Der, der meint, ich solle Blumen pflücken gehen. Dieses Mal brachte er mich ans Lagoon Aquarium. Inklusive einer kleinen Stadtrundfahrt. Hier kannst du essen gehen, hier nicht. Ach schau mal, mein Kollege. Und hier kannst du gut einkaufen. Und in dem Casino da ziehen sie dich über den Tisch. Und warum wohnst du eigentlich im Hotel, leg dich doch einfach an den Strand, ist billiger. Lauter Insider.
Ich weiß mittlerweile auch, wo es die schönsten Blumen gibt, aber ich wollte ja zum Lagoon Aquarium, und das war wirklich super, ein großartig eingerichtetes Aquarium. Wirklich bemerkenswert schön, aber gut, die haben die Fische und Korallen auch direkt um die Ecke, die Wege sind kurz. Das Aquarium des Lagons wurde 1956 von Dr. René Catala und seiner Frau Ida gegründet und gibt heute einen erstaunlich dichten Einblick in die Unterwasserwelt Neukaledoniens. Es führt durch die verschiedenen Ökosysteme der Insel, von Mangroven, Süßwasserzonen und Küstenriffen bis hinaus zur Barriere und Tiefsee, und zeigt dabei Tiere, die man draußen oft kaum zu Gesicht bekommt, etwa Nautilusse, Schildkröten oder fluoreszierende Korallen. Haie sieht man öfter, und Rochen. Gerade deshalb wirkt es nicht wie ein gewöhnliches Aquarium, sondern eher wie ein konzentrierter Einstieg in die ganze Lagunenwelt.
Und was ich nicht wusste und lernen durfte: Korallen sind als Tiere klassifiziert. Genauer gesagt sind die einzelnen Korallenpolypen kleine Nesseltiere, also Verwandte von Quallen und Seeanemonen. Was oft wie Stein oder Pflanze aussieht, ist bei Steinkorallen das von ihnen aufgebaute Kalkskelett, in dem oder auf dem die Tiere sitzen. Verwirrend ist, dass Korallen oft zusätzlich mit winzigen Algen in Symbiose leben. Deshalb wirken sie halb wie Tier, halb wie Pflanze, biologisch sind sie aber eindeutig Tiere. Ich saß, glaube ich, zwei Stunden vor einem der Becken und kam aus dem Staunen nicht raus.
Danach ging es weiter, Kaffee hier und da, in einem von diesen Holzbauten, die auf Pfählen im Meer stehen, dann weiter auf den stadteigenen Berg Ouen Toro, gleich zweimal, weil es so schön ist und der Ausblick so phänomenal, und abends dann der Sonnenuntergang an der Plage de la Baie des Citrons, einem riesigen Schwimmstrand mit Wasser so klar und ruhig. Unglaublich.
Beim Nachbarn, dessen Namen man nicht nennt, sind die Schwimmbereiche ja eher zehn Meter breit und müssen beflaggt und mit Bademeister überwacht sein, sonst darfst du nicht ins Wasser. Hier eher so, mach mal, wird schon nichts passieren. Im Übrigen sind die Nachbarn auch nicht wirklich beliebt hier. Also die Neuseeländer schon, aber die anderen eher nicht. Da kannst du dir gleich Sympathien schaffen, wenn du sagst, ich lebe zwar drüben, aber eigentlich, eigentlich mag ich die nicht wirklich, und schon bist du ein guter Freund. Warum das wohl so ist? Ich habe da eine Ahnung.
Anyway, der Sonnenuntergang an der Plage de la Baie des Citrons war einer der schönsten, die ich in meinem Leben erlebt habe, und immer noch fasziniert davon schlich ich dann nach Sonnenuntergang durch das Viertel, und irgendwie kam mir die Côte d’Azur in den Sinn. Nur, dass die Leute hier ein kleines bisschen, ja was, fröhlicher sind, besser drauf? Ich kann es nicht ganz beziffern. Ich meine ja, es sind Franzosen, aber irgendwie sind sie es auch nicht. Nicht so ganz typisch. Also sie sprechen Französisch, aber sie haben zum Beispiel gar kein Problem damit, wenn man es nicht kann oder nicht gut kann. Wenn sie können, wechseln sie sofort auf eine andere Sprache, da gibt es gar keine Probleme. Ich denke noch ein bisschen drüber nach, vielleicht fällt es mir ja noch ein.
Am nächsten Tag habe ich nun wirklich nicht viel gemacht, außer wieder ein bisschen wandern gegangen zum Parc Zoologique, dieses Mal geöffnet, und nur 600 XFP Eintritt, und wieder eine wirklich schöne Anlage. Schön gemacht, gut angelegt, auch mit der heimischen Botanik und dem Wappentier, genauer dem Wappenvogel Neukaledoniens, dem Kagu. Dieser ist für Neukaledonien vielleicht das, was der Kiwi für Neuseeland ist: ein seltsamer, liebenswerter, fast unwirklich wirkender Inselvogel. Der Kagu wirkt auf mich jedoch eleganter und dramatischer, mit seiner Federhaube, den roten Augen und dieser stillen Würde, als der Kiwi. Der Kagu ist kein Vogel der großen Schwärme, sondern einer der Stille, der sein Revier als Paar bewacht und doch Raum für Nähe lässt, wenn die Jungen noch eine Weile bei den Eltern bleiben.
Zusätzlich gibt es noch weitere endemische Arten im Zoo zu bestaunen, so zum Beispiel die Roussette rousse als auffällige Flughundart, den Corbeau calédonien, der für seine Werkzeugnutzung berühmt ist, und die Riesengeckos. Ich war mit meinen Gedanken jedoch schon bei nächster Woche. Ich bin immer noch nicht ganz entschieden, was ich mache. Es ist manchmal ein wenig planungsunsicher, auch mit den Fahrzeiten und Buchungszeiten. Es gibt zwar Homepages, auf denen alles einfach aussieht, die Realität kann manchmal anders daherkommen.
Kleines Beispiel? Ich wollte mit dem Boot noch zum Leuchtturm Amédée, einem Wahrzeichen, am besten im Katamaran. Einfach zu buchen auf der Homepage. Bekommst du eine halbe Stunde später eine WhatsApp: Ah, morgen eher doch nicht. Leuchtturm ist sowieso zu wegen Renovierungen und außerdem zu wenig Leute gebucht, aber Samstag, Samstag ganz sicher. Okay, dann Samstag. Freitagabend kommt eine Nachricht: Da, ähm, also, wie soll ich sagen, also der Katamaran fährt morgen aber nicht zum Leuchtturm, dafür auf eine ganz andere Insel, ist ein Insider, willst du da mit? Okay, gehe ich da mit.
Boot legt um 7:30 Uhr ab, sei um 7:10 Uhr bitte am Hafen. Um 7:10 Uhr war ich der Einzige am Hafen. Das Boot legte um 7:45 Uhr ab zur Île Ange. Zwei Stunden Katamaran auf einem Netz, konnte so nicht meinen Morgenschlaf nachholen, mit circa zwanzig anderen Jugendlichen, oder sagen wir, so zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren. Lautstarke Truppe Jungs und eher zurückhaltende Mädchen. Als mich der Skipper mit dem Motorboot an den Strand zum Schnorcheln brachte, hatten die schon alle ihr erstes Bier in der Hand. Die Jungs laut, die Mädels eher ruhig.
Aufgrund meiner Erfahrungen mit einer geliehenen Maske und den Unmengen an geschlucktem Meerwasser habe ich mir meine eigene Brille besorgt. Was soll ich sagen, das Geld ist es wert, die Flossen auch, und tatsächlich funktioniert meine alte GoPro auch unter Wasser. Leider war die Tier beziehungsweise Riffwelt der Insel nicht ganz so geil wie beim letzten Mal. Egal, zum Testen allemal gut. Noch eine Runde um die Insel und dann stand schon das Motorboot wieder da.
Der Käpten lud die Mädels auf der Insel ab, und ich half den Damen beim Aussteigen. Die waren plötzlich gar nicht mehr so ruhig. Ich zurück aufs Boot in mein Lieblingsnetz und musikhörend gar nicht mitbekommen, dass die nun alle wieder zurückkamen nach einiger Zeit. Nun war das Bild ein anderes. Die Jungs hingen ruhig in den Seilen und schliefen, und die Mädels drehten auf. Whooo girls und französischer Hip Hop. Was soll ich sagen, es war total angenehm. Die feierten einen Geburtstag auf dem Boot und fütterten mich mit Kuchen. Bei den Drinks ließ ich aus, ansonsten geiler Nachmittag im Netz eines Katamarans. Die Leute hier sind wirklich locker drauf und überhaupt nicht abweisend gegenüber Fremden, gut ich bin auch Pflegeleicht in meiner Schüchteernheit. Wirklich sehr, sehr nett.
Zwei Stunden Segelturn entlang von Neukaledoniens wilder Küste, mit immergrünen Bergen und Wolken und wunderschönen Buchten zurück zum Hafen, genau zum Sonnenuntergang angekommen, und was soll ich sagen, wieder einer der atemberaubendsten, die man sich vorstellen kann. Und wieder sitze ich im Atrium und weiß immer noch nicht, was ich ab Montag machen soll. In diesem Sinne.




Kommentare