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Anadar IV/I

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 15. Apr.
  • 81 Min. Lesezeit

Vorwort: Ich persönlich würde den Prolog bzw den Kodex nicht zu sorgfältig lesen, sondern nur überfliegen, wenn überhaupt. Er ist schwierig, er ist nicht fertig und ist für mich sprachlich noch nicht gelungen. Außerdem ist er wirr und veränderlich.


Prolog

Wenn nichts mehr hilft und der Verstand getrübt ist von zu vielen neuen Eindrücken, dann bleibt nur das Wesentliche.

Und so tat Slonda, was er immer tat, wenn die Welt um ihn herum größer wurde, als sein Geist sie in einem Zug fassen konnte. Er setzte sich in die Bibliothek und begann zu lesen.

Nicht in jene Bibliothek, die er kannte, halb verdunkelt, an den Rändern zerfallen, in ihren unteren Gängen von Nässe, Staub und stiller Vernachlässigung gezeichnet, sondern in dieselbe Bibliothek auf der anderen Seite der Zeit, in einem Zeitalter, da die Regale noch ungebrochen standen, die Rücken der Bücher noch nicht verblichen waren und die Schrift nicht wie ein sterbendes Tier aus den Seiten blätterte. Hier war alles heil. Hier roch Pergament nach Leder und Leim statt nach Moder. Hier war Wissen nicht gerettet, sondern gegenwärtig.

Und er begann zu lesen.

Schon nach den ersten Seiten wurde ihm unbehaglich.

Nicht, weil er den Ton nicht kannte. Den kannte er gut genug. Er hatte sein Leben lang unter späteren Fassungen dieses Textes gestanden, unter geglätteten, gekürzten, angepassten, veränderten, liturgisch gewordenen Varianten, die in jeder Schule behandelt wurden, als seien sie weniger geschrieben als vom Himmel gefallen. Nein, es war nicht der Ton an sich, der ihn erschreckte, sondern seine Unverhülltheit. Hier war noch nichts gemildert. Nichts verkürzt. Nichts in jene spätere Form gebracht, in der selbst Härte noch wie Weisheit klingen will.

Der Schreiber dieser Fassung ließ keinen Zweifel daran, wie die Vorzeit verstanden werden sollte. Nicht als dunkle, ferne Epoche, über die man wenig wusste und darum vieles vermutete, sondern als ein einziger, fortgesetzter Zustand der Entgrenzung. Als Chaos. Als ungezügelte, ungebundene Wirklichkeit, in der Magie nicht an Wort, Zeichen, Maß oder Schule gebunden war, sondern aus Macht, Willen, Trieb, Blut, Furcht, Gier und Eingebung gewoben wurde. Immer wieder las Slonda dieselben Begriffe. Macht. Ungebundenheit. Übermaß. Vermischung. Verderbnis. Zersplitterung. Grenzlosigkeit. Es war, als hätte der Schreiber selbst keine Sprache mehr für jene Zeit gehabt außer der des Urteils.

Und doch trat zwischen den Zeilen etwas hervor. Dieses Chaos hatte, so behauptete der Text nicht nur, sondern setzte es als Grundwahrheit voraus, die Welt und mehr als die Welt an den Rand der Vernichtung gebracht. Nicht nur Reiche seien gestürzt, nicht nur Städte verbrannt, nicht nur Berge versetzt und ganze Kontinente versenkt, nicht nur Arten und Völker übereinander hergefallen. Die Ordnung des Seins selbst, so hieß es an mehreren Stellen in kaum verhüllter Drastik, sei aufgerissen worden. Grenzen zwischen Leben und Tod, zwischen Leib und Geist, zwischen Gegenwart und dem, was nie hätte sein sollen, zwischen Welt und jenen Räumen außerhalb ihrer, alles habe begonnen zu fließen, sich zu vermischen, sich ineinander zu schieben. Magie war in jener Zeit kein Handwerk gewesen, nicht einmal eine Disziplin, sondern ein Zustand allgemeiner Verfügbarkeit, und eben darin, so wollte es dieser Kodex, habe das eigentliche Verderben gelegen. Dass zu viele wirkten. Dass zu vieles wirkte. Dass niemand mehr fragte, wer dazu berechtigt sei, in welcher Form, unter wessen Aufsicht und zu welchem Preis.

Slonda saß lange über diesen Seiten und bemerkte mit wachsendem Misstrauen, wie gründlich der Text die Vorzeit verurteilte und wie auffällig er sich zugleich davor drückte, sie wirklich zu beschreiben. Immer wieder war von Krieg die Rede, von Arten und Mischwesen, von freien Wirkern, wilden Beschwörern, Dämonen, Teufeln, Drachen und Engeln, wandelnden Leibern, untoten Heeren, blendendem Licht, sprechenden Schatten und jenen, die in die Zeit selbst griffen, als sei sie Stoff. Doch nirgends wurde das Ganze einmal ruhig und nüchtern erklärt. Es wurde benannt, zusammengezogen, verdammt. Nie gezeigt. Nie in seiner Eigenlogik entfaltet. Die Vorzeit erschien nicht als Geschichte, nicht als Abfolge von Namen, Daten, Orten oder Taten, sondern als reine Anklage, als Verteufelung von allem, was war.

Das war das Erste, was ihn nachdenklich machte.

Das Zweite war die Folgerung, die aus dieser Anklage gezogen wurde.

Ordnung, so stand es dort, sei nicht einfach entdeckt oder langsam gewachsen. Ordnung sei gemacht worden. Errichtet. Mit Absicht, mit Gewalt und mit einem Willen, der selbst dort noch Gesetz schrieb, wo die Welt bereits in Flammen stand. Die Bindung der Magie an Schrift, Zeichen und Ritual war in diesem Text nicht bloß eine kluge Reform, nicht bloß eine Antwort auf Missbrauch, sondern die einzige Rettungstat, die zwischen Welt und Auslöschung noch möglich gewesen sei. Alles Freie musste verfolgt werden. Alles Ungeschriebene. Alles, was ohne geprüftes Wort, ohne bindende Form, ohne kodifizierte Geste und ohne beaufsichtigte Schule wirkte. Nicht nur eingeschränkt. Nicht nur kritisiert. Gejagt. Gebannt. Ausgemerzt. Vernichtet. Der Schreiber sprach davon mit einer Kälte, die Slonda beinahe mehr erschreckte als die behauptete Wildheit der Vorzeit.

Hier war der Kodex noch keine Ordnungsschrift, sondern ein Gründungshammer.

Die neue Ordnung, so wurde deutlich, entstand nicht dadurch, dass man Magie verstand, sondern dadurch, dass man sie zerteilte, band, beaufsichtigte und dort, wo sie sich dieser Form entzog, vernichtete. Aus der ungeheuren, chaotischen Breite freier Magie wurden zwölf Schulen geschaffen, zwölf gebundene Häuser, die jeweils nur einen Teil dessen abdecken sollten, was zuvor ungezügelt und miteinander vermischt in der Welt gelegen hatte. Nicht weil es nur diese zwölf Wege gegeben hätte, sondern weil man aus der Fülle ein Raster machte. Man zog Linien durch das Unbegrenzte und erklärte diese Linien zur einzigen rechtmäßigen Form des Wirkens.

Und um zu verhindern, dass die neu geschaffene Ordnung wieder auseinanderfiel, setzte man den Schulen nicht nur Aufgaben und Lehren, sondern Orte, Abstände, Zuständigkeiten und die Konklave vor. Die Schulen wurden nicht bloß gegründet. Sie wurden gestellt. Räumlich. Politisch. Rituell. In einer Weise, die von Anfang an erkennen ließ, dass Aufsicht und Misstrauen kein späterer Verfall waren, sondern Teil des ursprünglichen Bauplans. Die Konklaven dienten nicht nur der Verständigung, sondern der gegenseitigen Überwachung. Die Schulen standen einander nahe genug, dass jede die andere sehen, prüfen, melden, verklagen und, wenn nötig, mit der Mehrheit der anderen gegen sie vorgehen konnte.

Dann kam die Zahl.

Es waren zwölf.

Und sie standen dort in harter, alter Schrift, nicht wie ein Anhang, nicht wie ein bedauerlicher Irrtum der Frühzeit, sondern wie das vollständige Gerüst der Ordnung, aus dem die spätere Zeit erst die Hälfte herausgebrochen hatte.

Feuer: Flamme, Hitze, Verbrennung, Reinigung, Schmieden, Opferfeuer, die Lenkung zerstörender Energie in gebundene Form und die Beherrschung aller Kräfte, die verzehren, läutern oder in Asche verwandeln.

Licht: Strahl, Glanz, Offenbarung, Blendung, Sichtbarmachung, Sammlung und Brechung von Helligkeit, das Hervorholen des Verborgenen, das Prüfen des Sichtbaren und die Disziplin jener Kräfte, die nicht wärmen, sondern entbergen.

Erde: Stein, Anorganisches, Erz, aber auch das Leibliche in Pflanzen, Wurzeln, Heilung des Leibes aus dem Stofflichen heraus und die Bindung an alles, was trägt, hält, nährt und widersteht.

Nekromantie: Tod, Gebein, Vermächtnis, Auferstehung, der Umgang mit Verstorbenen, die Ordnung dessen, was endet, und die Verhinderung des wilden Fortwirkens des Toten im Lebendigen.

Geist: Bewusstsein, Erinnerung, Traum, Gedanke, Heilung und Manipulation des Geistes.

Illusion: Schein, Trugbild, Spiegelung, Sinnestäuschung, die Führung von Wahrnehmung, die Trennung von Gesehenem und Wahrem und alles, was Auge und Urteil gegeneinander verschieben kann.

Leben: Wachstum, Blut, Fleisch, Fruchtbarkeit, Heilung des Lebendigen, Zeugung, Verfall im lebenden Leib, Krankheit, Regeneration und das Maß aller Kraft, die in Wurzel, Tier und Mensch wächst.

Zeit: das Erinnern, das Halten des Wissens, Gleichzeitigkeit, Schwelle und alles, was sich nicht durch Raum allein erklären lässt, sondern durch Lage im Werden selbst.

Wind: Luft, Sturm, Flug, Bewegung des Unsichtbaren und die Herrschaft über das, was nicht greifbar ist und doch alles streift, für alles, was fliegt oder sich in der Luft bewegt.

Wasser: Strömung, Flüssigkeit, Gezeiten, Kälte, Tiefe und alles, was fließt, tropft, sammelt, trägt, zersetzt oder im Wasser atmet.

Beschwörung: Ruf, Bann, Bindung, Übergang, Geister, Schwur, Schließung und der Umgang mit Wesen, Kräften und Entitäten diesseits und jenseits der Welt.

Wandlung: Verwandlung, Gestalt, Fell, Feder, Haut, Knochen, Formwechsel, Übergang des Leibes von einem Zustand in den anderen und die Beherrschung aller Magie, die den Körper selbst zum Werkzeug des Werdens macht.

Er las die Namen zweimal.

Dann ein drittes Mal.

Sie standen dort ohne Zögern, ohne Entschuldigung, ohne den leisesten Anschein, als müsse man sie später rechtfertigen. Sie waren nicht als Randerscheinungen vermerkt, nicht als problematische Nebenlinien, nicht als Irrwege einer zu frühen Ordnung. Sie waren Schulen. Vollständig. Rechtmäßig. Gegliedert. Eingebettet. Teil eines Systems, das sich selbst nicht als spätere Verengung verstand, sondern als endgültige Rettungstat.

Slonda legte die Fingerspitzen auf die Seite und spürte das Zittern in ihnen.

Der Kodex war in dieser ältesten Fassung weit mehr als ein Regelwerk. Er war ein Bauplan zur Zähmung der Wirklichkeit. Alles war darin gebunden. Nicht nur die Zauber. Auch die Sprache. Der Ort. Der Rang. Der Verdacht. Die Prüfung. Die Erinnerung. Das Erneuern. Das Löschen. Selbst das Vergessen war geregelt.

Und plötzlich verstand Slonda, warum ihn dieser Text so frösteln machte.

Weil dies hier nicht wie die späte Ordnung klang, die er kannte.

Es klang wie der Augenblick, in dem Ordnung überhaupt erst geschaffen werden musste, mit Schrift in der einen Hand und Verfolgung in der anderen.

 

Kodex

Präambel

So sei denn kund, gesetzt, beschworen, geschrieben, gesiegelt und in das Gedächtnis aller derer, die lesen, lehren, richten, bannen, verwahren, vollziehen oder dereinst in späteren Zeiten, da die Härte der Not durch Abstand gemildert und das Blut der ersten Setzung durch Gewohnheit verdünnt worden sein mag, über diese Worte zu urteilen sich vermessen möchten, mit aller Deutlichkeit und ohne jede Duldung des Zweifels oder der schwächlichen Auslegung hineingetragen, dass die Kunst, welche von den Unwissenden Wunder, von den Toren Freiheit, von den Verführten Gabe, von den Ehrgeizigen Recht und von den Verständigen allein Magie genannt wird, nicht frei sei, nicht frei gedacht werden dürfe, nicht frei erinnert werden solle und, alldieweil aus Freiheit in der Kunst notwendig Übermaß, aus Übermaß notwendig Herrschaft, aus Herrschaft notwendig Verwüstung und aus Verwüstung endlich die Auflösung aller Ordnung der Welt und dessen, was über die Welt hinaus noch an Fügung, Grenze, Maß und Bestand gedacht werden kann, geboren wird, auch niemals wiederum frei sein dürfe.

Denn in den Zeiten vor der Setzung der Ordnung, da weder Schrift noch Zeichen noch geprüftes Wort noch gebundene Form noch rechtmäßig vollzogenes Ritual noch Schule noch Rang noch Auge noch Gegenauge die Kunst hielten, sondern jedermann und jedwedes Wesen, sei es Mensch, Mischgestalt, Abkömmling alter Linien, Träger fremder Natur, Art, Volk, Rasse oder Spezies, aus eigenem Vermögen, aus Trieb, Blut, Eingebung, Hunger, Furcht, Wut, Begierde, Anmaßung oder bloßer Laune wirkte, rief, wandelte, band, löste, erhob, zerstörte, vermischte und in Bereiche griff, die keinem sterblichen oder unsterblichen Willen offengelegt werden sollten, erwuchs daraus nicht etwa jene lügnerische Freiheit, deren spätere Schwärmer sich so gern rühmen, sondern Krieg wider Krieg, Wille wider Wille, Gestalt wider Gestalt, Art wider Art, Blut wider Blut, Himmel wider Erde, Leben wider Tod, Leib wider Geist, Gegenwart wider das, was nie hätte sein sollen, alldieweil jede ungebundene Kraft sich auszudehnen sucht, alldieweil jedes Streben nach Ausdehnung an die Wurzel der Herrschaft greift, alldieweil Herrschaft stets nach Vermehrung ihrer selbst verlangt und alldieweil Macht, die nicht gebunden wird, weder Maß noch Ende kennt, bis Welt und mehr als Welt an den Rand des Bruches, der Auflösung und der gänzlichen Vernichtung geführt sind.

Darum ward erkannt, nicht in Muße, nicht in Frieden, nicht in der stillen Eintracht Gelehrter, sondern in der letzten Not, im Rauch verbrannter Hallen, über zerrissenen Ländern, zwischen gestürzten Reichen, auf dasselbe eine letzte Einsicht sich aus Verzweiflung und Notwendigkeit erhob, dass Magie nur dort geduldet werden dürfe, wo sie gebunden sei, und zwar gebunden an Zeichen, gebunden an Schrift, gebunden an Wort, gebunden an geprüftes Maß, gebunden an Form, gebunden an Ritual, gebunden an Schule, Rang und Aufsicht, alldieweil nicht der Wille des Wirkenden, nicht die Schönheit des Ergebnisses, nicht die Macht des Vollzugs, nicht die Herkunft des Leibes und nicht die Größe des vermuteten Nutzens die Kunst rechtmäßig machen, sondern allein die Bindung, und wer ohne diese Bindung wirkt, der wirkt nicht bloß wider Ordnung, nicht bloß wider Gesetz, nicht bloß wider Rat und Schule, sondern wider die Welt selbst.

Es sei demnach ohne Milderung, ohne Umweg, ohne spätere Beschönigung und ohne jene weichliche Rede gesetzt, die aus Furcht vor der Härte die Härte selbst verdirbt, dass jedwede freie Kunst, welche außerhalb der Schulen, außerhalb des Kodex, außerhalb der geschriebenen, geprüften und rechtmäßig erneuerten Form geübt, gelehrt, weitergegeben, verborgen, erinnert, angerufen, verteidigt oder mit Worten des Mitleids entschuldigt werde, ein Übel sei, gleichviel von welchem Wesen, welchem Volke, welcher Rasse, welcher Art, welcher Spezies oder welchem Mischstande sie getragen werde, alldieweil nicht der Leib die Kunst adelt, sondern allein die rechtmäßige Bindung, und alldieweil dort, wo keine Bindung ist, notwendig Verderben steht, alldieweil dort, wo Verderben steht, notwendig Ausbreitung folgt, alldieweil dort, wo Ausbreitung folgt, die Wurzel des alten Chaos wiederum Nahrung findet.

Darum sei jedwede freie Magie aufzuspüren, zu verfolgen, zu unterbrechen, zu brechen, zu binden und auszulöschen, und der Wirkende selbst sei zu vernichten, seine Werkstatt sei zu brechen, seine Schrift sei zu nehmen, sein Gerät sei zu tilgen, seine Lehre sei zu verbrennen, seine Schüler seien zu prüfen und, wo sie befleckt, verführt, unverbesserlich oder der freien Kunst zugeneigt befunden werden, gleichfalls zu vernichten, alle Dokumentation sei ausgelöscht, jede Spur sei getilgt, jeder Ort gereinigt, jedes Werkzeug zerbrochen, jede Linie der Weitergabe abgerissen, und wo Erinnerung selbst Trägerin des Übels zu werden droht, sei auch Erinnerung zu reinigen, alldieweil das, was einmal ungebunden in der Welt steht, Wurzel zu schlagen sucht, alldieweil Wurzel wiederum Wald wird, alldieweil Wald brennt und alldieweil ein brennender Wald nicht fragt, wen er zuerst verzehrt.

Also sei Form höher denn Wille, Schrift höher denn Eingebung, Ritual höher denn Instinkt, Prüfung höher denn Genialität, Aufsicht höher denn Begabung, Schule höher denn Einzelner, und Zweifel selbst sei nicht als Ärgernis, sondern als Anlass der Untersuchung zu halten, alldieweil der späte Zweifel ein Leben kostet, der früh gesetzte Zweifel aber vielleicht Reich, Ordnung, Welt und das Gewebe der Wirklichkeit bewahrt, und alldieweil, wo Zweifel aus Trägheit verschwiegen, aus Freundschaft gemildert, aus Furcht hinausgeschoben oder aus Ehrfurcht vor Macht unterlassen wird, dort bereits der erste Riss sich auftut, durch welchen das alte Chaos, so es nicht mit Schrift in der einen und mit Verfolgung in der anderen Hand niedergehalten wird, wiederum zu atmen beginnt.

Slonda las langsamer.

Je weiter er kam, desto mehr fühlte er, wie ihn nicht nur der Inhalt, sondern auch die Denkweise dahinter ergriff wie eine kalte Hand. Dieser Kodex regelte nicht nur die Kunst. Er misstraute dem Dasein. Er war nicht bloß Ordnung. Er war Belagerung, Vorsorge, Fessel und Urteil in einem. Alles darin roch nach einem Gründungsmoment, der so tief von Angst geprägt war, dass er sich selbst nie wieder aus seiner eigenen Starre lösen wollte.

Er blätterte weiter.

Erster Teil

Vom Maß, das der Kunst gegeben sei, und vom Verbot der Herrschaft

Artikel I

So sei gesetzt, beschlossen, geschrieben und mit keiner künftigen Milde zu verwässern, dass keinem, der die Kunst übet, sie trage, sie lehre, sie bewahre, sie prüfe, sie erneuere oder in irgendeinem rechtmäßigen oder auch nur geduldeten Maße an ihr Anteil habe, erlaubt, zugestanden, stillschweigend nachgesehen oder in späterer Zeit durch Gewohnheit und unzüchtige Nachsicht erleichtert werde, nach Macht zu greifen, alldieweil Macht, so sie erst im Herzen begehrt und mit der Kunst in eine Hand genommen wird, nicht mehr bloß Macht bleibt, sondern notwendig nach Vermehrung, Ausdehnung, Sicherung und Unterwerfung ihres Gegenstandes trachtet, und alldieweil die Kunst, wo sie sich in den Dienst der Herrschaft stellt, nicht mehr Mittel, sondern Krone, nicht mehr Werkzeug, sondern Wille, nicht mehr Handwerk, sondern erste Gewalt wird.

Darum sei es verboten, nach Krone zu greifen, nach Rat zu greifen, nach Heer zu greifen, nach Gericht zu greifen, nach Handel zu greifen, nach Volk zu greifen, nach Land zu greifen, nach Stern zu greifen, nach Welt zu greifen und auch nicht nach dem Universum selbst, alldieweil zwischen dem kleinen Griff und dem großen kein Unterschied des Wesens, sondern allein des Umfangs ist, alldieweil jegliche Herrschaft die Ausdehnung des Willens bedeutet und alldieweil ungebundener Wille der erste Schritt in jenes alte Chaos ist, aus dessen Schoß Krieg, Vermischung, Entgrenzung, Verderben und beinahe die Vernichtung aller Ordnung einst hervorgingen.

Und so sei ferner festgesetzt, dass jedliches Streben des Magiers nach innen gerichtet bleibe und nicht nach außen wachse, auf dass er forsche und binde, prüfe und schreibe, erneuere und lerne, sich messe und sich beschränke, alldieweil die Kunst ihm nicht gegeben ist, damit er Menschen lenke, Reiche forme, Märkte bändige, Throne sichere, Armeen führe, Völker unterwerfe, Tore an Himmel oder Tiefe öffne oder die Welt nach seinem Maß umschreibe, sondern allein dazu, dass die Kunst selbst mehr und mehr an Schrift, Zeichen, Formel, Siegel, Ritual und Maß gebunden werde, auf dass aus Kraft Handwerk, aus Handwerk Ordnung, aus Ordnung Dauer und aus Dauer jene Sicherheit erwachse, die den Wiederfall in die ungebundene Zeit verhindert.

Denn wer die Kunst trägt und zugleich nach äußerer Herrschaft trachtet, der begehrt nicht zweierlei, sondern nur eines, alldieweil Herrschaft und ungebundene Magie Geschwister eines Willens sind, der keinen Widerspruch erträgt, alldieweil der Herrschende bald wünscht, dass auch Widerstand sich beuge, alldieweil Beugung nach Mitteln verlangt und alldieweil die Kunst, wenn sie sich einmal in solcher Absicht gebrauchen lässt, notwendig aus Schule Staat, aus Meister Fürst, aus Forschung Befehl und aus Befehl Tyrannei gebiert.

Darum sei jeder, der wider dies handelt, unverzüglich zu stoppen, aus dem Verkehr zu ziehen, in seinem Wirken zu hemmen, in seinem Zugang zur Kunst zu beschneiden, seines Siegels zu berauben, seiner Schrift zu entkleiden, seiner Lehre zu schließen, seiner Schüler zu entziehen und, wo sich zeigt, dass er nicht aus Irrtum, sondern aus Willen, nicht aus Versehen, sondern aus Streben, nicht aus augenblicklichem Fehltritt, sondern aus innerer Richtung handelte, zu bannen oder zu tilgen, alldieweil bei Herrschaftsstreben die Gefahr nicht allein in der Tat liegt, sondern im Beispiel, alldieweil ein einziger Machtträger mit Kunst in der Hand mehr Schaden anrichtet als ein ganzes Heer Unwissender ohne sie.

Und wo Tilgung erkannt wird als das einzig rechte Mittel, da sei nicht allein der Leib zu vernichten, sondern auch der Name aus den Rollen zu nehmen, die Zeichen seines Wirkens aus den Archiven zu brechen, die Geräte zu zerschlagen, die Texte zu verbrennen, die Lehrstätten zu schließen, die Schüler neu zu prüfen oder zu zerstreuen, die Erinnerungen an Größe und Glanz seiner Tat zu entkräften und, wo Nachahmung aus Ehrfurcht vor dem Frevel Nahrung ziehen könnte, auch die Erinnerung selbst zu brechen, alldieweil nichts so leicht neue Verführer gebiert wie das Gerücht eines Magiers, der über Könige stand und darin Größe statt Verderben gesehen ward.

Und dies gelte nicht allein für den Einzelnen, sondern auch für Schule, Bund, Rat und Verbindung, alldieweil keine Schule, kein Haus der Kunst, kein Konklavenbund und kein Meisterzirkel je nach Macht greifen und andere beherrschen soll, weder offen noch im Schatten, weder durch Schwert, Heer und Banner noch durch Schrift, Ratschlag, Abhängigkeit, Heilkunst, Wetterlenkung, Ernte, Furcht oder das stille Einschleichen in jene weltlichen Gefüge, die, auf dass sie nicht verzaubert, verkettet und zuletzt versklavt werden, außerhalb der Kunst verbleiben sollen.

Denn wer dennoch nach Macht greift, verwirkt nicht allein Leben, Rang, Schule und Name, sondern Zukunft, alldieweil mit ihm nicht nur ein Leib fällt, sondern eine Richtung vernichtet werden muss, auf dass das, was in ihm wieder nach außen wachsen wollte, nicht noch einmal in der Welt Wurzel schlage.

Slonda hielt inne.

Er las den Artikel noch einmal. Dann suchte er weiter. Doch ein zweiter Artikel fand sich in diesem ersten Teil nicht. Das allein befremdete ihn bereits. In späteren Kodizes waren die Teile anders gegliedert, ausgewogener, gleichmäßiger, fast so, als habe man die Härte durch Form bändigen wollen. Hier aber stand nur dieser eine Artikel, lang, scharf, hämmernd, und Slonda fragte sich, ob das Absicht war. Als hätte die Gründung selbst nur einen wirklichen Gedanken gehabt: Keine Macht. Nie wieder. Zu keinem Preis.

Er blätterte um.

Zweiter Teil

Von der Bindung, der Schrift und der Erneuerung

Und alldieweil die freie Kunst, so sie ungeprüft, ungeschrieben, ungebunden, unbefristet oder nur dem bloßen Willen, der Eingebung, dem Instinkt, der Not, dem Zorn, der Gier, der Furcht oder dem Ehrgeiz des Wirkenden überlassen bleibt, einem Sturm gleicht, der weder fragt, wen er trifft, noch unterscheidet, was er zerreißt, was er verbrennt, was er verdirbt und was er in seinem blinden Lauf durcheinanderwirft, sei alle Magie an Wort und Zeichen zu binden, an Schrift und Ritual, auf dass sie Maß habe, Dauer, Form und Grenze, alldieweil dort, wo keine Grenze ist, kein Handwerk sei, alldieweil dort, wo kein Handwerk ist, nur Gewalt bleibe, alldieweil Gewalt, wenn sie in die Kunst fährt, alles verzehrt, was sich ihr nicht unterwirft.

Darum sei festgesetzt, dass kein Zauber wirke, der nicht geschrieben ward, und dass kein geschriebener Zauber wirke, der nicht geprüft ward, und dass kein geprüfter Zauber wirke, der nicht befristet ward, alldieweil kein Spruch ewig sei und auch keiner ewig sein dürfe, alldieweil Ewigkeit im Zauber notwendig in Dauergewalt, Dauergewalt notwendig in Entzug von Aufsicht und Entzug von Aufsicht notwendig in Herrschaft endet, welche zu verhindern eben der erste Zweck der Bindung, der Schrift, der Prüfung und des Kodex selbst ist.

Also sei alle Kunst vergänglich, alldieweil nur das Vergängliche erneuert, geprüft, korrigiert, widerrufen, gebrochen, verbessert und, wo nötig, vernichtet werden kann, und es sei darum jede Formel erneuerbar, jede Bindung widerrufbar, jede Schrift prüfbar, jede Dauer begrenzt, jedes Siegel lösbar und nichts, was wirkt, auf Unendlichkeit gestellt, alldieweil ein Wirken, das nicht endet, sich der Korrektur entzieht, alldieweil, was sich der Korrektur entzieht, schon auf dem Weg zur Tyrannei ist, selbst wenn es in seinem ersten Anfang noch nützlich, gut gemeint oder notwendig erschienen sein mag.

Und so sei ohne Ausnahme, ohne Mitleid mit dem Talent und ohne Ehrfurcht vor angeblicher Größe gesetzt, dass derjenige, welcher ohne Wort wirkt, verboten wirkt, und derjenige, welcher ohne Zeichen wirkt, verboten wirkt, und derjenige, welcher ohne Ritual wirkt, verboten wirkt, und derjenige, welcher außerhalb der geschriebenen Form wirkt, frei wirkt, alldieweil Freiheit in der Kunst nicht Tugend, sondern Frevel ist, alldieweil freie Magie immer jene erste Form der Entgrenzung darstellt, aus welcher später Übermaß, Vermischung, Verstörung der Wirklichkeit und zuletzt der Wiederfall in das alte Chaos geboren werden.

Es sei darum geboten, dass Sprüche geschrieben, verwahrt, verglichen, geprüft, versiegelt, datiert, übergeben, erneuert und, wo nötig, aufgehoben werden, alldieweil Worte altern wie Menschen altern, alldieweil ein altes Wort entweder schwach oder falsch wird, alldieweil Schwäche im Zauber den Unfall und Falschheit im Zauber das Verbrechen gebiert, alldieweil beides gefährlich ist und alldieweil nichts so töricht wäre, als die Kunst aus Ehrfurcht vor Alter sich selbst zu überlassen, wo doch Alter im Worte nicht Weisheit, sondern oft bloß Abschliff, Riss, Verlust oder verborgene Verkehrung bedeutet.

Darum sei kein Spruch für ewig, kein Band für ewig, kein Siegel für ewig, kein Schriftstück über jede Frist hinaus wirksam, kein Ritual unabänderlich, kein Zauber jenseits der Prüfung, alldieweil nichts für die Ewigkeit sei als die Pflicht zur Bindung selbst, und alldieweil das, was ewig gelten will, sich der Korrektur entzieht, alldieweil das, was sich der Korrektur entzieht, sich der Aufsicht entzieht, alldieweil das, was sich der Aufsicht entzieht, schon halb zur verbotenen Macht geworden ist.

Es sei ferner verboten, auch in äußerster Not, auch im Anblick des Todes, auch unter Belagerung, Brand, Seuche, Aufruhr, Hungersnot, Ansturm des Feindes oder drohendem Einsturz, auf ungeprüfte Schrift, unversiegelte Formel, fremde Zeichen, freie Beschwörung oder nicht befristete Bindung zurückzugreifen, alldieweil Not kein Recht sei, sondern ein Brand, alldieweil der Brand nicht rechtfertigt, was er verzehrt, und alldieweil derjenige, der im Brand nach ungebundenem Werkzeug greift, die Flamme nicht löscht, sondern weiterträgt, so dass aus augenblicklicher Rettung später womöglich ein Übel von größerem Ausmaß erwächst als jenes, dem man zu entkommen suchte.

Und alldieweil die Kunst nicht stehen darf und doch nicht frei wachsen soll, sei auch dies gesetzt, dass keine neue Formel, kein neuer Spruch, kein neues Ritual, keine neue Bindungsweise, keine neue Siegelgestalt, keine neue Abkürzung der Wirkung, keine Erweiterung der Reichweite, keine Verlängerung der Dauer und keine Veränderung des schriftlich gesetzten Maßes außerhalb der Prüfung vorgenommen oder zur Anwendung gebracht werde, sondern jedweder neue Zauber, jedwede neue Formel und jedwedes neue Ritual einer Kommission vorzulegen sei, gesetzt aus Gelehrten dreier Schulen, auf dass kein Haus sich selbst genüge, kein Meister sich selbst bestätige und keine einzelne Disziplin allein bestimme, was innerhalb des Kodex tragbar, was gefährlich, was verdächtig und was zu verwerfen sei.

Und diese Kommission prüfe mit kaltem Sinn und ohne Rücksicht auf Ruhm, Rang, Alter oder die Schönheit der Wirkung die Kraft, die Reichweite, die Dauer, die Erneuerbarkeit, die Missbrauchsmöglichkeit, die Neigung zur Korruption, die Gefahr der Entgrenzung, die Möglichkeit verborgener Dauerwirkung, die Übertragbarkeit auf Unbefugte, die Widerstandsfähigkeit gegen Fehlgebrauch und den Schaden, der aus Irrtum, Bosheit oder bloßer Unachtsamkeit entstehen könnte, alldieweil kein Spruch darum geduldet werden dürfe, dass er groß erscheine, sondern allein darum, dass er gebunden, prüfbar, erneuerbar und im Notfall zerstörbar sei.

Also gelte ohne Widerspruch und ohne spätere Aufweichung: Was nicht geprüft ist, darf nicht gewirkt werden. Was nicht erneuerbar ist, darf nicht bestehen. Was nicht bindbar ist, darf nicht sein. Und was, obschon geprüft, sich in der Anwendung als der Bindung unwillig, der Frist spottend, der Schrift widerstrebend oder dem Ritual nicht zuverlässig unterworfen zeigt, sei aus dem Bestand zu nehmen, zu brechen, aus den Rollen zu streichen und aus der Lehre zu entfernen, alldieweil der Kodex nicht darum gesetzt ward, der Kunst Freiheit zu geben, sondern ihr Form, Grenze, Ende und Gehorsam.

Slonda lehnte sich zurück.

Dieser Teil war nicht nur streng. Er war beinahe schön in seiner Grausamkeit. Eine Welt aus Schranken, in der selbst das Wunder nur dann geduldet wurde, wenn man es auf Pergament niederzwingen, mit Siegeln umgeben und nach Fristablauf wieder einschließen konnte. Es war eine Kunst der Kette. Nicht elegant, aber wirksam.

Er las weiter.

Dritter Teil

Von den Schulen, ihrer Nähe und dem gegenseitigen Auge

Und alldieweil die Kunst, so sie ungebündelt bleibet, sich zerstreuet wie Staub im Sturm, alldieweil Zerstreuung Gelegenheit gebiert, alldieweil Gelegenheit im Verborgenen wächst, alldieweil das Verborgene, wo kein fremdes Auge es prüft, sich selbst zum Gesetz macht und alldieweil aus dem, was sich selbst Gesetz wird, notwendig jene Entgrenzung wieder erwächst, welche in den Tagen vor der Bindung Welt, Ordnung und das Gefüge aller Dinge an den Rand des unwiderruflichen Bruches führte, seien die Schulen gesetzt, geordnet, örtlich bestimmt, voneinander abgegrenzt und doch einander nahe genug gehalten, auf dass nicht Freiheit zwischen ihnen wuchere, sondern Aufsicht, nicht Vertrauen allein, sondern Gegensicht, nicht bloß Lehre, sondern Prüfung, alldieweil Auge wider Auge zu wachen habe und kein Fehler so weit wachse, kein Irrtum so tief wurzele, kein Frevel so unbemerkt Gestalt annehme, dass er nicht binnen gebührender Frist erkannt, gemeldet, verzeichnet, untersucht, gebrochen und, wo es nottut, aus dem Bestand der rechtmäßigen Kunst ausgeschnitten werden könne.

Und sie seien nicht fern voneinander gesetzt, alldieweil Nähe Überwachung bedeutet und Überwachung, wo die Kunst in Häusern gesammelt und nicht wieder der Welt preisgegeben sein soll, die erste Bedingung des Friedens ist, alldieweil kein Haus der Kunst so weit stehen dürfe, dass ein Bote nicht binnen annehmbarer Frist die andere Schule erreiche, alldieweil kein Meister so isoliert sein dürfe, dass sein Irrtum nur in den Mauern seines eigenen Hauses widertöne, alldieweil keine Disziplin so sehr sich selbst genügen dürfe, dass sie ihre eigene Prüfung werde und alldieweil aus eben solcher Selbstgenügsamkeit in älteren Tagen der Hochmut geboren ward, der nach Herrschaft griff und aus Herrschaft wiederum das alte Verderben zog.

Also seien die zwölf Schulen diese, und sie seien nicht als zufällige Häuser, sondern als rechtmäßig gesetzte Einhegungen der vormals zerstreuten und ungebundenen Kräfte zu verstehen, alldieweil jede derselben einen abgegrenzten Teil dessen verwahre, prüfe, lehre, beschränke, erneuere und gegen Übermaß sichere, was in den Tagen vor der Ordnung frei, vermischt, ungeschieden, von vielen Leibern, Arten, Rassen und Spezies zugleich, in zahllosen ungebundenen Formen und zu zahllosen Zwecken geübt ward.

Die Schule des Feuers sei in der Feurigen Feste gesetzt, alldieweil die Küste, der Stein, die Abgeschiedenheit und die wehrhafte Natur des Ortes der rechten Einhegung dieser Kunst angemessen seien, und sie verwahre, lehre, prüfe und binde alles, was Flamme, Hitze, Glut, Verbrennung, Reinigung, Schmieden, Opferfeuer, gerichtete Zerstörung, Läuterung durch Verzehrung und die Lenkung jener Kräfte betrifft, die in Asche verwandeln, verzehren, schärfen, härten, reinigen oder durch Verbrennung neue Ordnung herstellen.

Die Schule des Lichtes sei gleichfalls in der Feurigen Feste gesetzt, alldieweil Licht und Feuer einander nahe stehen und eben darum durch Nähe besser gegeneinander gewacht werde, und sie verwahre, lehre, prüfe und binde alles, was Strahl, Glanz, Offenbarung, Blendung, Sammlung von Helligkeit, Brechung, Spiegelung des Reinen, Sichtbarmachung des Verborgenen, Trennung von Schein und Dunkel, das Entbergen des Versteckten und die Disziplin jener Kräfte betrifft, die nicht wärmen und verzehren wie das Feuer, sondern offenlegen, scheiden, prüfen und in das Sichtbare zwingen.

Die Schule der Erde sei in Tandor gesetzt, alldieweil dort Grund, Stein, Bibliothek und Beständigkeit einander entsprechen, und sie verwahre, lehre, prüfe und binde alles, was Stein, Anorganisches, Erz, Grund, Last, Tragwerk, Wurzel, das Stoffliche, das Leibliche in Pflanzen und Gewächsen, Heilung des Leibes aus dem Stofflichen heraus, Nährung aus dem Boden, Widerstand, Mauerung, Standfestigkeit und die Bindung an alles betrifft, was trägt, hält, nährt, gründet und dem Zerfall durch Festigkeit entgegentritt.

Die Schule der Nekromantie sei gleichfalls in Tandor gesetzt, alldieweil das Reich des Stoffes und das Reich dessen, was vom Stoff zurückbleibt, einander nahe liegen und doch streng geschieden gehalten sein müssen, und sie verwahre, lehre, prüfe und binde alles, was Tod, Gebein, Rest, Vermächtnis, Leichnam, Grab, Stimme des Verstorbenen, Auferstehung, Grenze, Übergang, Fortdauer des Verloschenen und die Ordnung dessen betrifft, was endet, damit das Tote nicht wild und ungebunden in das Lebendige zurückwirke.

Die Schule des Geistes sei in Zoordak gesetzt, alldieweil dort Sammlung, Abgeschiedenheit und die Kunst des inneren Maßes in rechter Weise zusammenkommen, und sie verwahre, lehre, prüfe und binde alles, was Bewusstsein, Erinnerung, Traum, Gedanke, Wille, innere Form, Heilung des Geistes, Schutz des Geistes, Durchdringung des Bewusstseins, Verbindung von Geist zu Geist und, wo es rechtmäßig geschieht, auch Führung, Lenkung oder Manipulation des Geistes betrifft, alldieweil gerade diese Kunst, wo sie nicht gebunden bleibt, zuerst in das Urteil des Menschen und von dort in seine Freiheit greift.

Die Schule der Illusion sei gleichfalls in Zoordak gesetzt, alldieweil Schein und Geist einander berühren und eben darum nicht getrennt, sondern unter gegenseitigem Auge gehalten werden sollen, und sie verwahre, lehre, prüfe und binde alles, was Trugbild, Schein, Spiegelung, Verdeckung, Verstellung, Sinnestäuschung, Führung der Wahrnehmung, Trennung von Gesehenem und Wahrem, Verschiebung von Auge und Urteil, Ablenkung, Blendwerk und alle jene Künste betrifft, die nicht den Stoff verändern, wohl aber die Art, in der Stoff, Raum, Gestalt und Gefahr erkannt oder verkannt werden.

Die Schule des Lebens sei in Gontar gesetzt, alldieweil dort Wachstum, Fruchtbarkeit, Wasserläufe und die Fülle des Lebendigen in rechter Weise zusammentreffen, und sie verwahre, lehre, prüfe und binde alles, was lebt und wächst, alles, was Blut, Fleisch, Samen, Keimung, Fruchtbarkeit, Heilung des Lebendigen, Zeugung, Krankheit, Regeneration, Verfall im lebenden Leib und das rechte Maß jener Kraft betrifft, die in Wurzel, Tier und Mensch wächst, pulsiert, heilt, fault, erneuert oder sich gegen den Tod zu behaupten sucht.

Die Schule der Zeit sei gleichfalls in Gontar gesetzt, alldieweil Leben und Werden nicht zu trennen und doch nicht zu vermengen sind, und sie verwahre, lehre, prüfe und binde alles, was Erinnern, Halten des Wissens, Gleichzeitigkeit, Schwelle, Übergang, Lage im Werden, Verhältnis von Früher und Später, Frist, Dauer, Wiederkehr und jene schwer zu fassenden Verhältnisse betrifft, die sich nicht durch Raum allein erklären lassen, sondern nur durch Stellung im Gang der Dinge selbst.

Die Schule des Windes sei in Ashambrat gesetzt, alldieweil Weite, Wüste, Sturm und leere Entfernung dieser Kunst am ehesten entsprechen und alldieweil dort, wo wenig feste Hindernisse stehen, die Bewegung des Unsichtbaren besser erkannt und gebunden werden kann, und sie verwahre, lehre, prüfe und binde alles, was Luft, Sturm, Druck, Flug, Atem, Weite, Laut, Tragen des Klanges, Welle, Schleifen, unsichtbare Bewegung und die Herrschaft über all das betrifft, was nicht greifbar und dennoch wirksam ist, und überdies alles, was fliegt oder sich in der Luft bewegt, sei es aus eigenem Leib, durch Kunst oder durch fremde Natur.

Die Schule des Wassers sei in Soont, auf den Inseln der Winde, gesetzt, alldieweil Gezeiten, Strömung, Kälte, Tiefe und das Fließende nicht in der Wüste und nicht im Hochland, sondern nur im beständigen Umgang mit Meer und Wandel rechtmäßig zu lehren und zu binden sind, und sie verwahre, lehre, prüfe und binde alles, was Strömung, Flüssigkeit, Gezeiten, Kälte, Tiefe, Lösung, Tropfen, Sammlung, Tragen, Zersetzen und jenes Leben betrifft, das im Wasser atmet, im Wasser geboren wird, im Wasser wandert oder durch Wasser erhalten oder vernichtet werden kann.

Die Schule der Beschwörung sei in Zindis, gesetzt, alldieweil diese Kunst fern von den dichter besiedelten Häusern, fern von den schwächeren Gemütern und fern von den leicht zugänglichen Wegen zu halten ist, und sie verwahre, lehre, prüfe und binde alles, was Ruf, Bann, Bindung, Vertrag, Schwur, Öffnung, Schließung, Übergang, Zwang und den Umgang mit Wesen, Kräften, Geistern, Entitäten und Mächten diesseits und jenseits dieser Welt betrifft, alldieweil keine andere Kunst so rasch in Frevel, Vermischung und Wiederkehr des alten Chaos umschlägt, wenn sie nicht unter strengster Schrift, Prüfung und Siegelung gehalten wird.

Die Schule der Wandlung sei in Blekct gesetzt, alldieweil dort Härte, Wildnis, Tierheit, Kälte und Überleben in enger Nachbarschaft stehen zu allem, was den Leib verändert, und sie verwahre, lehre, prüfe und binde alles, was Verwandlung, Gestalt, Fell, Feder, Haut, Knochen, Formwechsel, Übergang des Leibes von einem Zustand in den anderen, Umkehr, Neufassung des Leibes und die Beherrschung jener Kunst betrifft, die den Körper selbst zum Werkzeug des Werdens macht und darum, wo sie nicht gebunden bleibt, den Unterschied zwischen Mensch, Tier, Mischwesen und anderem leichtlich verwischt.

Und alldieweil jede Schule nicht nur lehret, sondern auch droht, alldieweil jede Disziplin, wo sie sich selbst genügt, zuerst über ihr Maß hinauswächst und alldieweil die größte Sicherheit der Kunst nicht in der Güte des einzelnen Meisters, sondern in der fortgesetzten Prüfung durch fremde Augen liegt, sei jede Schule gehalten, auf die andere zu achten, ihre Schüler zu prüfen, Boten zu entsenden, Austausch zu erzwingen, Schrift vorzulegen, Bericht zu geben und Meldung zu machen, wo Grenzüberschreitung, ungeprüfte Neuerung, verbotene Vermischung, freie Anwendung, verborgene Lehre oder herrschaftliches Streben gesehen wird.

Denn Nähe ist nicht Freundschaft.

Nähe ist nicht Vertrauen.

Nähe ist nicht Höflichkeit zwischen Häusern.

Nähe ist Siegel.

Und das Siegel ist nicht darum gesetzt, dass die Schulen einander lieben, sondern dass keine unter ihnen wiederum werde wie die freie Kunst, die keiner sah, ehe sie schon die Welt verbrannte.

Hier hielt Slonda lange inne.

Er strich mit dem Finger über den Namen Illusion, als könne allein diese Berührung erklären, weshalb ihm aus alten Bruchstücken und halb zerfallenen Rollen immer wieder ein seltsamer Nachhall geblieben war. Dann über Nekromantie. Dann Licht. Dann Zeit. Das alles stand hier offen, fest, aufrecht. Nicht im Geheimen. Nicht als Flüstern. Nicht als spätere Verdächtigung. Als Ordnung. Warum waren manche Orte mit zwei Schulen und manche nicht, wo war Blekct, wo war Zindis? Keine Erklärungen im Kodex dafür, dazu gab es bestimmt andere Bücher. Und Ordnung, dachte Slonda bitter, ist nur das, was lange genug Sieger war.

Er blätterte weiter.

Vierter Teil

Von der Konklave, dem Stab und dem Turnus

Es sei in gesetzter, wiederkehrender, an Sternstand, Frist und Ordnung gebundener Weise eine Versammlung zu halten, genannt die Konklave, alldieweil die Schulen, so sie auch gesetzt, örtlich gebunden, gegeneinander gestellt und durch Schrift, Austausch, Boten, Prüfung und Siegel miteinander verschränkt sein mögen, dennoch nicht sich selbst zu überlassen seien, alldieweil, wo viele Häuser der Kunst bestehen, notwendig auch viele Auslegungen, viele Ehrgeize, viele Grenzfälle, viele Streitigkeiten, viele Verdächte und viele Versuchungen entstehen, und alldieweil das, was zwischen Schulen geschieht, gefährlicher werden kann als das, was innerhalb einer einzelnen Mauer heranwächst, alldieweil dort, wo kein gemeinsamer Ort der Sichtung, Lesung, Meldung, Entscheidung und wechselseitigen Bindung besteht, aus bloßer Verschiedenheit bald Feindschaft, aus Feindschaft Absonderung und aus Absonderung wiederum jene Zersplitterung erwächst, aus der das alte Chaos seine Nahrung zog.

Darinnen sollen sitzen drei aus einer jeden Schule, nicht mehr und nicht weniger, auf dass kein Chor zur Menge werde, keine Menge zum Heer, kein Heer zur Drohung und keine Drohung an die Stelle der Prüfung trete, alldieweil schon die Zahl selbst, wenn sie ungeregelt wächst, den Sinn der Versammlung verdirbt, alldieweil nicht Lautstärke, Gefolge, Alter, Ehrwürdigkeit oder die Zahl der zugeführten Schüler das Gewicht einer Schule in der Konklave bestimmen sollen, sondern allein die gesetzte Form, auf dass jedes Haus mit gleichem Maß erscheine und doch in seinen drei Gesichtern alles vortrage, was zum Bestand der Ordnung nötig ist.

So seien sechsunddreißig Sitze gesetzt.

Drei je Schule.

Ein Obermeister, welcher für Rang, Haus, Leitung und die Auslegung der eigenen Schule spreche.Ein Prüfmeister, welcher über Untersuchung, Verdacht, Maß, Grenzüberschreitung und Gefahr urteile.Ein Schriftmeister, welcher lese, vorlege, bestätige, verzeichne, berichtige und wider die Verfälschung des Gesagten wache.

Denn Macht, Prüfung und Schrift sollen einander binden, alldieweil Macht ohne Prüfung in Herrschaft fällt, alldieweil Prüfung ohne Schrift in Willkür zerfließt und alldieweil Schrift ohne Macht und Prüfung zu bloßer Ablage toter Zeichen wird, die weder schützen noch richten noch bewahren kann.

Der Vorsitz gehe im Turnus von Schule zu Schule und von Haus zu Haus, nicht nach Laune, nicht nach Größe, nicht nach Furcht und nicht nach Ruhm, sondern nach gesetzter Folge, auf dass keiner den Vorrang aus Gewohnheit beziehe und keiner glaube, was ihm nur für eine Frist geliehen ward, sei ihm aus Wesen, Herkunft oder Verdiensten eigen, alldieweil auch der Vorsitz, so er nicht wandert, Stockung wird, alldieweil Stockung Besitz gebiert und alldieweil Besitz des Stabes beinahe schon Besitz der Ordnung selbst bedeutet.

Und die Übergabe des Stabes sei feierlich, öffentlich, protokolliert und in der Gegenwart aller sitzenden Häuser zu vollziehen, nicht aus Eitelkeit, nicht zur Zierde des Zeremoniells und nicht, damit Menschen, die nach Äußerlichkeit gieren, sich an Gold, Holz, Stein oder den Formeln der Übergabe erfreuen, sondern auf dass jeder, der sieht, höre, lese und bezeuge, wisse, dass auch der Vorsitz nur geliehene Last, geliehene Gewalt, geliehene Stimme und geliehene Bürde ist, welche weder am Blut haftet noch am Namen noch am Ort, sondern nur an der Frist, und dass jeder, welcher den Stab empfängt, ihn zugleich unter dem Wissen empfängt, ihn wiederum abgeben zu müssen.

Es sei viermal im Jahr eine ordentliche Konklave zu halten, an den gesetzten Sternständen, alldieweil nicht Willkür, Wetter, Reisebequemlichkeit oder der private Zustand einzelner Häuser bestimmen dürfen, wann Ordnung sich selbst betrachte, sondern allein jene Fristen, die über Menschenlaune hinaus feststehen, und bei dringender Not sei eine außerordentliche Konklave zu berufen, wenn drei Schulen gemeinsam sie verlangen oder wenn der Träger des Stabes sie ausruft, alldieweil kein einzelnes Haus, so mächtig, bedroht oder überzeugt es sich selbst auch halte, allein über die Not der Gesamtheit urteilen soll, alldieweil aber ebenso die Gesamtheit nicht untätig bleiben darf, wenn Gefahr sich schneller bewegt als der Turnus der gesetzten Zeiten.

In dieser Versammlung seien Namen zu lesen und Tode zu melden, alldieweil Ordnung nur dort fortbesteht, wo bekannt ist, wer lebt, wer fiel, wer nachrückt und unter wessen Siegel ein Amt, eine Schule, ein Archiv, eine Lehre oder ein Bannspruch künftig stehe; Erbfolgen seien zu bestätigen, alldieweil kein Rang, der innerhalb der Schulen weitergegeben wird, nur aus innerem Einverständnis eines Hauses rechtmäßig sei, sondern der öffentlichen Sichtung und der Aufnahme in die gemeinsame Schrift bedürfe; neue Schrift sei vorzulegen, alldieweil nichts Neues außerhalb des Auges der anderen Häuser wirksam werden dürfe; verbotene Schrift sei zu verzeichnen, alldieweil das Verbotene nicht dadurch gebannt ist, dass man es verschweigt, sondern dadurch, dass es gelesen, erkannt, benannt und unter Siegel gebracht wird; Untersuchungen seien zu eröffnen und Inquisitionen zu beschließen, alldieweil Verdacht, so er nicht geordnet verfolgt wird, entweder fault oder in blinde Jagd umschlägt; Schulstreitigkeiten seien zu schlichten, alldieweil jede ungerichtete Feindschaft zwischen Häusern dem alten Chaos mehr dient als den Schulen; Botenberichte seien zu hören, alldieweil Ordnung blind wird, wenn sie nur aus ihren eigenen Mauern auf die Welt sieht; und endlich sei der Zustand des Kodex selbst zu prüfen, alldieweil auch das Gesetz, so es nicht gelesen, verglichen, erneuert und gegen schleichende Veränderung bewacht wird, sich verfälschen lässt durch Auslassung, Nachlässigkeit, Gewohnheit oder absichtsvolle Hand.

Abgestimmt werde offen, Hand wider Hand, Name wider Name, Stimme wider Stimme, auf dass Verantwortung nicht hinter Schweigen krieche, alldieweil das verborgene Votum in Fragen der Kunst zu leicht Feigheit, Hinterlist, Nachrede, Verschiebung der Schuld und die bequeme Ausrede gebiert, man sei nicht Teil dessen gewesen, was doch durch die eigene stillgehaltene Hand ermöglicht ward, und alldieweil jede Schule den Mut haben soll, offen zu bejahen, offen zu verneinen, offen zu enthalten und die Folge ihres Entschlusses mitzutragen.

Eine einfache Mehrheit genüge, um eine Untersuchung zu eröffnen, alldieweil der frühe Verdacht besser unter Aufsicht geprüft werde als der späte Frevel erst nach seinem Wachstum.Eine einfache Mehrheit genüge, um eine Schule, einen Meister, einen Schülerverband, ein Archiv, eine Disziplin oder eine einzelne Lehre unter vorläufige Aufsicht zu stellen, alldieweil nicht jede Gefahr schon Inquisition sein müsse und doch keine Gefahr ungebunden bleiben dürfe.Eine einfache Mehrheit genüge, um eine Inquisition einzuleiten, alldieweil dort, wo hinreichender Verdacht auf freie Kunst, verbotene Erweiterung, herrschaftliches Streben, Schulüberschreitung, verborgene Lehre, ungeprüfte Dauerwirkung, verbotene Beschwörung, nekromantische Freisetzung oder andere tiefe Verletzung des Kodex erkannt wird, nicht Zögern, sondern Verfahren zu folgen habe.

Wo jedoch eine Schule aufgelöst, geteilt, auf eine andere verteilt, in ihren Rechten gebrochen, ihres Ortes entkleidet oder vollständig gebannt werden soll, sei Zweidrittelmehrheit erforderlich, alldieweil die Beseitigung eines Hauses nicht leichtfertig geschehe, alldieweil mit dem Fall einer Schule nicht nur Lehrer, Schüler, Mauern und Bücher betroffen sind, sondern auch das Gleichgewicht der übrigen Häuser, die Verteilung ihrer Aufsicht, die Ordnung ihrer Nähe und die Last der Übernahme dessen, was aus dem gebrochenen Haus noch als rechtmäßig bewahrt, verteilt, versiegelt oder vernichtet werden muss.

Der Schriftmeister des Stabes halte alle Entscheidungen fest, vollständig, ohne Zierde, ohne Weglassung, ohne spätere Glättung, alldieweil das Wort, das in solcher Versammlung gesprochen und nicht geschrieben wird, schon halb dem Vergessen zufällt. Ein zweiter Schriftmeister aus fremder Schule bestätige jede Niederschrift, auf dass nicht das Haus des Vorsitzes allein Herr über das Gedächtnis werde. Ein dritter verwahre, getrennt von beiden, in versiegeltem Archiv, alldieweil Schrift nicht sicher ist, wenn sie nur an einem Ort liegt oder nur unter einem Auge ruht.

Denn was nicht dreifach geschrieben ist, ist nicht vor dem Vergessen geschützt.Und was nicht vor dem Vergessen geschützt ist, ist dem Streit um seinen Sinn bereits ausgeliefert.Und was dem Streit um seinen Sinn ausgeliefert ist, fällt früher oder später aus Ordnung in Deutung und aus Deutung in Trennung.Und Trennung ist der erste Riss, durch welchen das alte Chaos wieder zu atmen beginnt.

Slonda saß still.

Sechsunddreißig Sitze, ja soviel Platz bot der Raum sicherlich. Auch viermal im Jahr.

Einfache Mehrheit für Untersuchung. Einfache Mehrheit für Inquisition.

Die Kälte dieses Systems lag nicht in seiner Wildheit, sondern in seiner Ordnung. Nicht in spontaner Grausamkeit, sondern in Verfahren. Ein Magier konnte hier nicht nur durch einen Feind fallen, sondern durch eine Mehrheit. Eine einfache Mehrheit. Slonda dachte an spätere, weichere Fassungen. An ritualisierte Konklaven, an Protokolle, an den Anschein uralter Würde. Und alles, was er nun las, ließ sie wie das höfliche Gesicht eines sehr alten Messers erscheinen.

Er schlug den nächsten Teil auf.

Fünfter Teil

Von Untersuchung, Inquisition und Tilgung

Und alldieweil kein Kodex, sei er noch so streng geschrieben, keine Schule, sei sie noch so wachsam gehalten, keine Schrift, sei sie noch so sauber geprüft, und keine Konklave, sei sie noch so regelmäßig versammelt, aus sich selbst Gewähr dafür geben kann, dass nicht dennoch Frevel, Entgrenzung, verborgene Lehre, verdorbene Neuerung, herrschaftliches Streben, freie Anwendung oder artfremdes Wirken wiederum im Schatten wachse, sei festgesetzt, dass auf Verdacht nicht Schweigen, nicht Zögern, nicht Schonung, nicht das Hoffen auf Selbstheilung, sondern Verfahren zu folgen habe, alldieweil der ungeprüfte Verdacht fault, alldieweil der faultige Verdacht Nachrede gebiert und alldieweil die Nachrede, wo sie nicht zur Untersuchung geordnet wird, entweder in blinde Jagd oder in gefährliche Duldung umschlägt.

Darum sei eine Untersuchung auszulösen, sobald ein begründeter Verdacht vorliegt, dass ein Magier ohne gebundene Form gewirkt habe, oder dass ein Zauber außerhalb seiner rechtmäßigen Schule gesetzt worden sei, oder dass neue Schrift, neue Formel, neues Ritual oder neue Bindung ungeprüft, unversiegelt oder vor der Bestätigung durch die zuständige Kommission in Anwendung gebracht worden sei, oder dass eine Schule Wissen verborgen, Archive verkürzt, Rollen zurückgehalten oder Belege gegen ihr eigenes Haus aus den gemeinsamen Registern entfernt habe, oder dass ein Meister, Prüfmeister, Schriftmeister oder sonstiger Lehrender Schüler außerhalb des Kodex, außerhalb der genehmigten Form oder außerhalb des ihm rechtmäßig zugestandenen Umfanges unterwiesen habe, oder dass eine Bindung sich ihrem Ablauf entzogen, eine Frist nicht gehorcht, ein Siegel seine Lösbarkeit verweigert oder eine Wirkung wider ihr gesetztes Ende fortbestanden habe, oder dass eine Art, ein Volk, eine Rasse, eine Spezies oder ein Mischstand außerhalb der Schulen Magie geübt habe, oder dass überhaupt eine Form des Wirkens aufgetreten sei, die keiner bekannten Schrift, keinem überlieferten Ritual, keiner bestätigten Schule und keiner rechtmäßigen Bindung zuzuordnen sei.

Und die Untersuchung beginne nicht mit Gerücht, nicht mit öffentlicher Schmach, nicht mit hitziger Anklage und nicht mit voreiliger Strafe, sondern mit Schriftbeschlagnahme, Zeugenlesung, Ortssicherung, Inventur des Vorliegenden, Sichtung der Geräte, Zählung der Rollen, Prüfung der Siegel, Vergleich der Handschriften, Gegenlesung der Befunde und der geordneten Trennung dessen, was bloß ungewöhnlich scheint, von dem, was wahrhaft gefährlich ist, alldieweil das Verfahren, wenn es Recht behalten will, zuerst wissen muss, ehe es richtet.

Der Beschuldigte sei zu befragen, jedoch nicht in Freiheit des ungerichteten Wortes, sondern unter Aufsicht, unter Gegenlesung, unter Niederschrift und, wo nötig, unter Bindung, alldieweil nicht ein jeder, der befragt wird, noch ungebrochener Herr seiner Absichten ist. Sein Haus sei zu öffnen, seine Kammern, Archive, Keller, Werkstätten, verborgenen Räume, Schreibstuben und Übungsstätten seien ohne Verzug zugänglich zu machen. Seine Schüler seien zu trennen, alldieweil Schüler gemeinsam leichter zur Lüge finden als einzeln. Seine Geräte seien zu sichten, zu benennen, zu prüfen und, wo Gefahr in ihrem bloßen Vorhandensein liegt, sogleich zu versiegeln. Seine Archive seien zu zählen Blatt um Blatt, Rolle um Rolle, Siegel um Siegel, alldieweil Mangel ebenso spricht wie Überfluss. Und wo Widerstand erfolgt, sei er zu brechen, alldieweil Widerstand gegen die Untersuchung nicht Schutz der Würde, sondern Verdacht gegen den Befund ist.

Ergibt die Untersuchung, dass der Verdacht nicht klein, nicht zufällig, nicht aus Irrtum geboren, nicht bloß formeller Natur, sondern wesentlich sei, dass also freie Kunst, verbotene Erweiterung, herrschaftliches Streben, geheime Lehre, ungebundene Beschwörung, nekromantische Freisetzung, dauerhafte Bindung wider den Kodex, verbotene Überschreitung der Schule oder sonstige schwere Verletzung des Maßes tatsächlich vorliegen oder mit solcher Dichte an Zeichen, Spuren, Übereinstimmungen und Befunden hervortreten, dass nur Torheit noch auf bloßen Zufall erkennen wollte, so gehe die Untersuchung über in die Inquisition.

Und die Inquisition sei kein Gespräch, kein Streit zwischen Schulen, keine Gelegenheit zur Eitelkeit des klagenden Hauses und kein Markt der Ausflüchte, sondern ein Verfahren der Reinigung, alldieweil dort, wo die Ordnung selbst angegriffen, unterlaufen, ausgeweitet, verborgen oder durch freies Wirken verhöhnt wurde, nicht mehr bloß geprüft, sondern geschnitten werden muss.

Es treten drei Schulen vor.

Eine klagt.Eine prüft.Eine vollzieht.

Und keine dieser drei Schulen sei mit der Schule des Beschuldigten identisch, alldieweil nicht der Eifer des Gegners, nicht die Scham des eigenen Hauses und nicht die Nähe des Mittäters das Urteil tragen sollen, sondern allein die geordnete Verteilung von Anklage, Prüfung und Vollzug, auf dass nicht dieselbe Hand zugleich begehre, erkenne und schlage.

Der Beschuldigte werde isoliert.Seine Schrift werde entzogen.Seine Räume werden versiegelt.Seine Schüler werden verteilt, getrennt, neu geprüft oder, wo der Verdacht auf Mitwissen, Mitwirkung oder Ansteckung des Geistes reicht, gleichfalls in Untersuchung genommen.Seine Geräte werden aus dem Zugriff genommen.Seine Archive werden unter fremdes Auge gestellt.Sein Name werde bis zur Entscheidung nicht öffentlich genannt, alldieweil das Urteil nicht vom Ruf, nicht von der Furcht vor dem Namen, nicht von der Gunst seiner früheren Taten und nicht von der Beliebtheit seiner Person getragen werde, sondern allein vom Befund, alldieweil der Kodex nicht Richter über Ansehen, sondern über Frevel ist.

Enden kann die Inquisition in Mahnung, wo Irrtum erkannt und Besserung glaubhaft ist; in Bindung, wo das Wirken zu weit, doch nicht unwiderruflich entglitten war; im Entzug der Wirkfähigkeit, wo der Leib weiter leben, die Kunst aber nicht mehr durch ihn gehen darf; in Bannung, wo Person und Ort voneinander zu scheiden sind; in Verteilung auf andere Schulen, wo ein Haus sich selbst nicht mehr zu reinigen vermag; in Auflösung einer Schule, wo die Verirrung nicht mehr im Einzelnen, sondern im Bau selbst wohnt; oder in Tilgung, wo der Frevel so tief, so bewusst, so fortgesetzt, so unverbesserlich und in seinem Bestand so gefährlich erkannt wird, dass weder Korrektur noch Aufsicht noch Trennung noch Bannung hinreichen, die Wiederkehr des Übels zu verhindern.

Tilgung sei dann geboten, wenn freie Magie erwiesen ist, oder herrschaftliches Streben, oder ungebundene Beschwörung, oder nekromantische Freisetzung, oder ungeprüfte Dauerbindung, oder artfremdes Wirken außerhalb des Kodex, oder wenn sonst erkannt wird, dass der Beschuldigte nicht bloß gegen eine Regel verstoßen, sondern gegen die Grundmauer selbst gegriffen hat, auf der Bindung, Schule, Prüfung und Ordnung ruhen, und wenn Besserung weder möglich noch glaubhaft ist, alldieweil nicht jede Reue wahr, nicht jede Einsicht tief und nicht jedes späte Wort schwerer wiegt als die Spur der Tat.

Wo Tilgung erkannt wird, gibt es keine Verhandlung mehr über das Ob, alldieweil das Ob bereits mit dem Befund gefallen ist, sondern nur noch über die Form, den Ort, die Reichweite, die Mitbetroffenen, die Verwahrung der Bruchstücke, die Reinigung der Räume, die Verteilung oder Vernichtung der Schrift, die Prüfung der Schüler und die Art, in der aus dem Bestand genommen wird, was nicht weiter in Welt, Schule oder Gedächtnis wirken darf.

Handelt es sich aber nicht um einen rechtmäßig gebundenen Magier, sondern um Nichtmagier, um Wesen, Arten, Rassen, Spezies oder Mischstände, die außerhalb der Schulen Magie treiben, oder um Träger freier Kunst, die weder Siegel noch Schrift noch rechtmäßiges Ritual noch beaufsichtigtes Haus über sich haben, so bedarf es weder langer Untersuchung noch ausgedehnter Verhandlung noch des ganzen Ganges der Inquisition, alldieweil hier die Pflicht unmittelbar ist und kein Zweifel geduldet werden darf, wo das Übel schon in der bloßen Existenz seiner ungebundenen Wirkung steht.

Der Wirkende sei unverzüglich zu vernichten.Seine Wurzel sei auszurotten.Seine Werkzeuge seien zu brechen.Seine Schrift sei zu verbrennen.Seine Lehre sei auszulöschen.Seine Schüler seien, wo sie vorhanden sind, zu finden, zu trennen, zu prüfen und, wo nötig, gleichfalls zu vernichten.Seine Erinnerung sei, wo möglich, zu löschen oder zu brechen.Und jedwede Spur seines Wirkens sei aus Welt, Haus, Archiv, Rolle, Buch und Mund zu tilgen, alldieweil nichts so gefährlich fortlebt wie das halb ausgerottete Beispiel.

Denn gegenüber freier Magie außerhalb des Kodex gibt es kein Verfahren der Geduld, alldieweil Geduld dort, wo das Ungebundene schon wirkt, nicht Tugend, sondern Mitschuld ist.

Nur Pflicht.

Slonda ließ die Hand sinken.

Lange sah er nur auf die Seite, ohne wirklich noch Zeile für Zeile zu lesen. Er begriff langsam, dass dieser Kodex kein Schutzwall gegen Macht allein gewesen war. Er war selbst Macht in ihrer konzentriertesten Form. Nicht willkürlich, nicht leidenschaftlich, sondern gesetzlich, liturgisch, beinahe heilig im eigenen Anspruch. Ein Instrument, geschaffen, um die Welt zu retten, und darin bereit, alles zu vernichten, was nicht in seine Sprache passte.

Er blätterte noch weiter, aber jetzt las er anders. Slonda schloss das Buch nicht sofort.

Er saß da, das Gewicht der Seiten noch unter den Fingern, und spürte, wie aus Lesen ein Sammeln geworden war. Nicht von Wissen allein, sondern von Anklagen. Von Bruchstücken. Von Dingen, die nicht verschwanden, nur weil spätere Zeiten verlernt hatten, sie auszusprechen.

Und zum ersten Mal begriff er wirklich, dass der Kodex, den er sein Leben lang für das Fundament der Ordnung gehalten hatte, vielleicht selbst nur die am gründlichsten geglättete Narbe eines viel älteren Verbrechens war.

I

Die Sonne hing nicht über ihr, sie lastete auf ihr.

Sie stand nicht einfach am Himmel wie ein Gestirn, das den Tag bezeichnete, sondern wie etwas, das beschlossen hatte, alles Lebendige zu prüfen, indem es ihm Wasser, Schatten, Milde und Geduld nahm, bis nur noch der nackte Wille übrig blieb, weiterzugehen oder liegenzubleiben. Der Sand blendete. Das Licht sprang von jeder Düne zurück, fraß Konturen, fraß Entfernungen, fraß Sinn. Gudi rannte, solange sie das dunkle Loch im Rücken noch spürte, aus dem sie eben erst entkommen war, dieses unmögliche Tor im Sand, dieser Schnitt in die Welt, aus dem sie wie ein Tier aus einer Falle gestolpert war. Sie rannte, bis ihr Atem brannte, bis ihre Beine weich wurden, bis das Adrenalin sie noch trug wie eine fremde Hand, die sie schob, und als sie schließlich stehenblieb und sich keuchend halb umdrehte, war da nichts mehr.

Kein Tor.

Kein dunkler Riss.

Kein Zeichen der unterirdischen Hallen.

Nur Sand, Weiß, Licht, Flimmern.

Und dann begann der eigentliche Teil.

Der schlimmere.

Denn solange sie gerannt war, hatte ihr Körper noch nicht nachdenken müssen. Da gab es nur Flucht und die rohe, sinnlose Hoffnung, Entfernung könne schon Rettung sein. Aber nun, da sie stand und der Brustkorb sich krampfhaft hob und senkte, da das Blut langsamer wurde und das Herz nicht mehr nur schlug, sondern auch wieder Zeit hatte, Angst zu fühlen, kam alles andere. Müdigkeit. Durst. Hitze. Orientierungslosigkeit. Die Erkenntnis, dass sie kein Ziel hatte, keine Karte, kein Wasser, keinen Schatten, nicht einmal genug Stoff, um ihre Haut vor dieser Sonne zu schützen.

Sie zog die Schultern hoch und begann zu gehen.

Langsamer jetzt. Vorsichtiger. Nicht weil Vorsicht in dieser Leere viel Sinn gehabt hätte, sondern weil sie sich plötzlich lächerlich vorkam, weil sie begriff, wie grell sie in dieser Wüste sein musste, wie falsch, wie fehl am Platz. Ein buntes Bonbon an einer weißen Wand, dachte sie mit einem Anflug bitterer Verachtung gegen sich selbst. Alles an ihr schrie Stadt. Stoff. Unpraktische Farben. Unerfahrenheit. Jemand, der nicht hierhergehörte. Jemand, den man von weit her sah.

Die Sonne dachte nicht daran, ihr diese Einsicht zu erleichtern.

Sie hämmerte weiter auf sie ein, gnadenlos, heiß, ohne jede Schwankung, als wäre selbst Mitleid eine Art von Feuchtigkeit, die in dieser Landschaft keinen Platz hatte. Schon nach kurzer Zeit spürte Gudi, wie die ersten freien Stellen ihrer Haut zu glühen begannen. Die Stirn. Der Nacken. Die Hände. Sie zog und zupfte an allem, was sie trug, versuchte Stoff über Stoff zu legen, schob Ärmel tiefer, wickelte, was sie hatte, um Kopf und Schultern, doch es war zu wenig. Viel zu wenig. Sie hatte nichts für die Wüste. Nichts für einen Tag wie diesen. Nichts für eine Nacht wie die kommende. Sie hatte Kleider für Ashambrat. Für Wege zwischen Brunnen und Parzelle. Für Höfe, Gassen, Unterricht, für das Leben in einer Stadt, die hart war, aber doch Mauern, Schatten, Wasser und Menschen kannte.

Nicht das hier.

Nicht diese offene, weiße Feindseligkeit.

Sie verlor bald jedes Gefühl für Zeit.

Die Wüste fraß auch das. Minuten dehnten sich und Stunden verschwammen. Es gab nur noch Schritt und Atem, Schritt und Schmerz, Schritt und die Frage, ob die nächste Düne endlich irgendetwas anderes verbergen würde als noch mehr Licht. Sie begann an Wasser zu denken, zuerst vernünftig, dann fiebrig. An einen Krug. An einen Brunnenrand. An feuchte Tücher. An das Geräusch, wenn Wasser in Ton gegossen wird. Allein die Erinnerung daran war beinahe grausam.

Dann dachte sie an Zauber.

Natürlich dachte sie an Zauber. Wozu hatte sie all das gelernt, wenn nicht dafür. Luft. Feuchtigkeit. Die Kunst, Wasser aus der Umgebung zu ziehen. Kleinste Mengen, ja, mühsam, ja, aber genug, um den Mund zu befeuchten, die Zunge wieder spüren zu können, vielleicht die schlimmste Härte aus dem Körper zu nehmen. Gnok hatte es ihnen erklärt. Morgut ebenfalls. Sogar sie hatte die Formeln dutzendfach gesehen.

Sie sank auf die Knie in den Sand.

Mit zitternden Fingern malte sie die Zeichen. Ein Bogen. Ein Bruch. Der kleine Griff nach innen. Die Form, die die Luft zwingt, sich zu sammeln. Die Worte murmelte sie mit trockener Kehle. Sie fühlte sich dabei erbärmlich, weil ihre Stimme nicht einmal mehr wie ihre eigene klang.

Nichts geschah.

Nicht ein Tropfen.

Nicht einmal das kleine Ziehen in der Luft, das ein misslungener Zauber manchmal hinterlässt.

Sie starrte auf die Linien, als könnten sie selbst erklären, warum sie tot blieben.

Dann riss sie sie mit der flachen Hand weg, malte erneut, genauer diesmal, langsamer, setzte die Formel noch einmal, sprach die Worte deutlicher, konzentrierter, und wieder blieb die Welt stumm.

Sie versuchte es ein drittes Mal.

Ein viertes.

Nichts.

Sie hätte schreien mögen.

Stattdessen stand sie wieder auf und ging weiter.

Warum war sie hier.

Die Frage fraß an ihr, weil sie keine Antwort hatte, die nicht sofort in ein neues Warum zerfiel. Warum hatte Gnok sie verraten. Wenn er sie verraten hatte. Warum war sie gefangen genommen worden. Warum hatte man sie nicht getötet. Warum hatte man sie fliehen lassen. Warum war sie nicht in Ashambrat herausgekommen, sondern in dieser unendlichen Helligkeit. Warum die Sondra. Warum dieses unterirdische Reich. Warum überhaupt sie. Sie war keine große Meisterin. Kein politischer Kopf. Kein gefährlicher Gegner. Sie war Gudi. Gudi mit ihrer Parzelle, ihren Pflanzen, ihrem mühsamen Wind, ihren zu oft falsch gesetzten Haken, ihren neidischen Geschwistern, ihrem übergroßen Bruder und ihrer kleinen, hartnäckigen Wut auf das eigene Unvermögen.

Sie hätte in ihrer Parzelle sein sollen.

Bei ihren Pflanzen.

Mit schmutzigen Händen und einem Krug Wasser, nicht hier, nicht halb verbrannt und auf dem besten Weg, in einem Meer aus Sand zu verdorren, weil Neugier und Angst sie an einen Ort gebracht hatten, dessen Regeln sie nicht verstand.

Sie marschierte weiter.

Immer wieder hielt sie an. Immer wieder kniete sie sich hin, zeichnete Zeichen in den Sand, murmelte irgendeine Formel, erst die für Wasser, dann andere, kleine, kümmerliche, halb erinnerte Hilfen, irgendetwas gegen Hitze, gegen Müdigkeit, gegen das Taumeln, das bereits in den Knien saß. Nichts. Keine Regung. Als hätte die Wüste selbst beschlossen, dass ihre Magie hier nur Theorie bleiben durfte.

Schließlich begann die Sonne weniger zu brennen.

Nicht weil sie gnädiger geworden wäre, sondern weil sie tiefer stand. Der Schmerz auf der Haut ließ ein wenig nach, doch das brachte keine wirkliche Erleichterung, nur die neue Erkenntnis, wie erschöpft sie bereits war. Gudi setzte sich in den Sand und tat sich leid, ganz offen, ganz ehrlich, ohne Würde, ohne Gegenwehr. Sie saß da, den Kopf gesenkt, die Lippen spröde, den Stoff um die Schultern gezogen, und spürte, wie Selbstmitleid und Verzweiflung einander die Hand reichten.

Wieder versuchte sie einen Zauber.

Wieder scheiterte sie.

Sie hätte über sich lachen können, wenn sie noch genug Wasser dafür im Körper gehabt hätte.

Also stand sie wieder auf und ging weiter.

Als die Sonne schließlich ganz verschwand, kam die Kälte so plötzlich, dass sie erst glaubte, sie bilde sich das ein. Eben noch war alles Glut gewesen, jetzt schnitt die Luft. Die Hitze war aus dem Sand gewichen wie aus einem Körper, der stirbt. Die Nacht in der Wüste war kein Trost, nur ein anderes Urteil. Wenigstens verbrannte sie nicht mehr. Aber ihre Haut glühte nach, und an Stirn, Wangen, Nacken und Händen begannen jene dumpfen, ziehenden Schmerzen, die verraten, dass der Körper morgen rot und wund sein wird. Dazu kam der Durst. Ein Durst, der nun nicht mehr bloß unangenehm war, sondern Aufmerksamkeit verlangte, sich überall hineinlegte, in jeden Gedanken, jeden Blick, jede Sorge.

Sie ging trotzdem weiter.

Was hätte sie sonst tun sollen. Schlafen. Sich in den Sand legen und warten, dass der Morgen sie fertig macht. Nein. Sie musste weiter. Noch heute Nacht. Noch mit klarem Verstand. Morgen, das wusste sie mit dieser nüchternen Angst, die schlimmer ist als jede Panik, würde sie bereits dehydrierter sein, langsamer, dümmer, fehleranfälliger. Morgen wäre alles schwerer. Wenn sie eine Chance hatte, dann jetzt.

Und dann kam der nächste Gedanke wie ein Messer.

Was, wenn sie verfolgt wurde.

Gudi blieb so abrupt stehen, dass ihr fast die Knie einknickten.

Natürlich wurde sie verfolgt. Oder konnte verfolgt werden. Ihre Spuren zogen sich hinter ihr durch den Sand wie eine Einladung. Ein Blinder, dachte sie in aufwallender Panik, könnte diese Spur verfolgen. Jeder Fußabdruck. Jede Pause. Jedes Knien. Jeder Ort, an dem sie Zeichen gemalt und wieder verwischt hatte. Wieder schoss Adrenalin in sie hinein, heiß und scharf, und plötzlich konnte sie wieder hören, sehen, denken, aber jetzt in jener schrecklichen Überdeutlichkeit, die Panik der Welt verleiht.

Vielleicht konnte sie ihre Spuren auslöschen.

Ein Wirbel. Nur ein kleiner Derwisch, ein Kreis, ein Hauch, genug, um den Sand zu heben und hinter ihr glattzuziehen. Gnok hatte das erklärt. Morgut auch. Sie hatte es nie gekonnt. Aber vielleicht jetzt. Vielleicht aus Angst. Vielleicht aus purer Notwendigkeit.

Sie lief weiter und versuchte sich zugleich zu erinnern.

Die Formel. Der Haken. Die Reihenfolge. Was kam zuerst. Atem oder Wort. Sie hörte sich in Gedanken selbst scheitern. Was war das? Hatte sie etwas gehört. Pferde? Weit weg? Nur Wind? Die Monde standen groß am Himmel und gaben so viel Licht, dass die Wüste in silbriger Helligkeit lag, zu hell für Trost, zu dunkel für Gewissheit.

Sie rannte wieder.

Ja. Da war etwas. Ein Nähern. Vielleicht. Vielleicht nicht. Sie blickte sich um und sah niemanden. Nur Dünen. Helle Kanten. Schwarze Tiefen. Ihr eigener Atem. Dann wieder nichts. Stille. Sie blieb stehen, halb geduckt, das Herz bis im Hals, und lauschte so angestrengt, dass ihr eigenes Blut ihr wie ein fremdes Geräusch vorkam.

Nichts.

Sie setzte sich in den Sand.

Ihre Hände zitterten. Sie zwang sie still. Malte die Zeichen. Einmal. Prüfte die Form. Noch einmal. Hinter ihr ein Laut? Sie wirbelte herum, sah nur Schatten. Wieder auf die Zeichen. Wieder auf die Formel. Jetzt. Jetzt.

Sie wirkte den Zauber.

Nichts.

Hinter ihr eine Silhouette.

Nein. Zwei.

Sie kamen näher.

Die Panik brach jetzt nicht mehr in Wellen über sie, sie war ganz da, voll, kalt und alles verzehrend. Gudi zischte die Formel erneut, viel zu hastig, verhaspelte sich, begann von vorne, sah dabei immer wieder auf, sah die beiden Gestalten näher kommen, dunkel gegen den hellen Sand, sah, wie jede Sekunde alles enger zog. Wieder ein Fehler. Wieder ein schief gesetztes Zeichen. Wieder das Gefühl, dass ihre eigenen Finger zu dumm für ihr Leben waren.

Dann geschah etwas.

Nicht draußen.

In ihr.

Ein Ziehen.

Ein Sog.

Nicht wie ein Windstoß, nicht wie Luft, die man rief, sondern wie eine plötzliche Einigung zwischen ihr und allem um sie herum. Der Sand unter ihr begann zu kreisen, zuerst nur als flirrendes Zittern, dann schneller, tiefer, mächtiger. Gudi schrie auf, nicht aus Schmerz, sondern weil der Boden sie verließ. Die Sandhose hob sie nach oben, riss sie empor, und unter ihr begann die Wüste zu leben. Der Wirbel wuchs. Er fraß sich in die Höhe, schlug nach außen, wurde breiter, stärker, wilder, und dort unten sah sie die beiden Gestalten, die sie eben noch hatten fangen wollen, plötzlich niedergebeugt unter dem Druck des Sturmes, klein, haltlos, fortgedrückt.

Zehn Meter.

Zwanzig.

Mehr.

Sie stieg höher und höher, während der Sandsturm zu einer gewaltigen Säule anschwoll, und in seiner Mitte war es seltsam ruhig. Nicht still, nicht lautlos, aber geordnet. Als befände sie sich nicht im Herz einer Katastrophe, sondern im Innern eines Gedankens, der ihr gehorchte. Ihr Puls, eben noch rasend, wurde klarer. Ihre Atmung fand einen Rhythmus. Sie fühlte sich plötzlich nicht mehr gejagt, nicht mehr hilflos, nicht mehr verloren. Sie fühlte sich eins mit diesem Sturm. Nicht als Herrscherin über ihn, nicht wie eine Meisterin, die etwas Fremdes kommandiert, sondern als sein Zentrum, sein Sinn, sein Auge.

Sie stoppte das Wachstum.

Und der Sturm gehorchte.

Er stand in der Wüste wie eine Säule aus tobendem Sand, und sie saß darin, vielleicht hundert Meter über dem Boden, getragen, gehalten, umkreist von einer Macht, die eben noch wie Unmöglichkeit in ihr geschlafen hatte. Für einen Augenblick wollte sie lachen und weinen zugleich. Stattdessen drehte sie sich, sah hinaus in die Nacht, zu den Monden, zu den Sternen, und zwang ihr Denken in Ordnung.

Norden.

Gnok hatte ihr Sternbilder beigebracht. Nicht sanft. Nicht geduldig. Aber gründlich. Orientierung, hatte er gesagt, sei keine Zierde, sondern der Unterschied zwischen Heimkehr und Knochen im Sand. Morgut hatte es ihr schöner erklärt. Die Monde, die Linien, die Wiederkehr der Konstellationen. Jetzt kamen diese Lektionen zurück, nicht als Worte, sondern als Muster. Da. Der Stern. Dort die Kante der Monde. Diese Achse. Dieser Winkel.

Norden.

Sie musste nach Norden.

Der Gedanke war so klar, dass ihr beinahe schwindlig wurde. Sie setzte den Sturm in Bewegung. Erst langsam. Ein vorsichtiges Gleiten. Dann schneller. Dann noch schneller. Der Wirbel gehorchte, und mit jeder Sekunde, in der er sie trug, wuchs in Gudi etwas zurück, das sie seit dem unterirdischen Tor verloren hatte.

Kontrolle.

Es war nur ein kleiner Kern davon, aber er war da. Sie war nicht länger nur Beute. Nicht nur Flüchtige. Nicht nur das Mädchen, das in den Sand heulte, weil es einen Haken vergaß. Sie war oben. Sie trug die Wüste unter sich. Sie bewegte sich.

Stunden vergingen.

Sie wusste es, obwohl sie kein Maß mehr dafür hatte. Immer wieder kamen Zweifel. War das wirklich Norden. Hatte sie die Sterne falsch gelesen. Würde der Sturm plötzlich enden. Würde sie abstürzen. Würde die Stadt gar nicht dort liegen, wo sie sie suchte. Aber jedes Mal blieb sie auf Kurs. Immer wieder sah sie zu den Monden, zu den Sternen, zum dunklen Land unter sich, und hielt fest.

Und dann, nach einer Ewigkeit, sah sie Lichter.

Erst nur ein Verdacht. Dann mehrere. Dann die klare, menschliche Geometrie einer Stadt gegen die Nacht. Ashambrat.

Gudi hätte beinahe laut aufgeschrien.

Stattdessen zwang sie sich zur Vorsicht. Sie wollte keine Aufmerksamkeit. Keine Wächter. Keine Meister. Keine Fragen. Noch nicht. Nicht bevor sie selbst verstand, was geschehen war. Sie ließ den Sturm schrumpfen, zog seine Ränder ein, nahm ihm die gewaltige Breite, bis er nur noch ein viel kleinerer, kontrollierter Wirbel war. Er gehorchte auch jetzt. Vollständig. Das war beinahe das Erschreckendste an allem.

Wie hatte sie das geschafft.

Und viel wichtiger: Konnte sie es wiederholen.

Sie wusste es nicht. Sie hatte den Zauber in Panik gewirkt, im Augenblick des völligen Zusammenbruchs, dort, wo man nicht mehr plant, sondern nur noch fällt oder fliegt. Vielleicht war es ein Wunder. Vielleicht ein Ausbruch. Vielleicht etwas, das nur einmal geschieht. Vielleicht endlich der Beweis, dass all der Hohn, all die Mühe, all die falschen Haken nicht umsonst gewesen waren. Vielleicht aber auch etwas anderes. Etwas, das sie noch nicht benennen konnte.

Als sie nahe genug an der Stadt war, ließ sie den Wirbel weiter schrumpfen, bis er nur noch eine dichte, rasche Bewegung um sie war. Dann sprang sie ab.

Sie landete hart, stolperte, fing sich, und hinter ihr löste sich der Sandsturm auf, als hätte er nie existiert.

Unbemerkt gelangte Gudi in die Stadt.

Eine Nacht vor der Trikrone.

II

Verdammter Schlamassel. Wie hatte das nun wieder geschehen können.

Noch vor einem Herzschlag war Kral Kapitän eines beschädigten, aber schwimmenden Schiffes gewesen, das mit mehr Glück als Verstand und mit einer Mannschaft, die ihm immerhin gehorchte, endlich die Mündung erreicht hatte. Jetzt stand er auf demselben Deck, und zu seinen Füßen lag ein toter Magier mit durchgeschnittener Kehle, das Blut noch warm zwischen den Planken, und alles, woran er denken konnte, war nicht etwa Mitleid, nicht einmal Zorn, sondern die schlichte, nüchterne Erkenntnis, dass das Fragen geben würde. Sehr viele Fragen. Fragen von Hafenleuten, Fragen von Wachen, Fragen von denen, die wissen wollen, warum ein Mann tot ist, und noch mehr Fragen von sehr viel unangenehmeren Menschen, von Magiern. Und Fragen waren fast immer teurer als Antworten und er hatte keine Antwort.

Kral blickte sich um.

Seine Mannschaft stand da wie eine Reihe schlecht geschnitzter Holzfiguren. Starr. Blass. Nutzlos. Keiner rührte sich. Keiner dachte. Keiner tat irgendetwas, das einem vernünftigen Menschen in dieser Lage eingefallen wäre. Einer starrte auf die Blutflecken, ein anderer auf die Stelle an der Reling, an der die beiden Fremden eben verschwunden waren, als könnten sie jeden Augenblick wieder aus dem Wasser steigen und erklären, dass alles bloß ein Missverständnis gewesen sei.

„Tut etwas!“, brüllte Kral.

Niemand tat etwas.

Natürlich nicht.

Er stieß eine Verwünschung aus, dann noch eine, diesmal gegen die Mannschaft, gegen die Fremden, gegen das Meer, gegen Magier im Allgemeinen und gegen den Tag im Besonderen, der ihm nach allem, was er schon geschluckt hatte, nun auch noch einen Toten auf die Planken legte. In seiner Hilflosigkeit fluchte er mit jener Inbrunst, die nur Männer aufbringen, die sehr genau wissen, dass Flüche nichts nützen, aber gerade deshalb alles sagen, was ihnen einfällt.

„Steht nicht da herum wie gesalzene Fische!“, schrie er noch einmal, doch der Ton war schon anders, mehr aus Gewohnheit als aus Hoffnung. Er wusste in demselben Moment, dass wieder einmal alles an ihm hängenbleiben würde.

Also stampfte er selbst zu der Leiche.

Der Magier lag schief auf der Seite, das Gesicht schon seltsam leer, als habe der Schnitt ihm nicht nur das Leben, sondern auch jede Würde genommen. Blut war über seine Brust gelaufen, hatte den Stoff dunkel getränkt und sammelte sich nun in den Ritzen des Decks. Kral trat ihn mit dem Stiefel an, mehr aus Ärger als aus Notwendigkeit, als müsse er sich vergewissern, dass der Mann auch wirklich tot war und nicht gleich wieder aufstehen und Forderungen stellen würde.

„Du verdammter Lackaffe“, murmelte er.

Dann ging er in die Knie und griff in die Taschen des Toten.

Papier zuerst. Irgendwelche beschmierten Zettel. Ein Zeichenstift. Ein kleiner Metallring. Dann noch etwas, das sich wie ein Amulett anfühlte, und irgendein zusammengerolltes Ding, das er ohne hinzusehen beiseitewarf. Nichts davon interessierte ihn. Nicht jetzt. Nicht hier. Magier trugen immer Kram bei sich, der wichtig aussah und meist nichts wert war, zumindest nicht für vernünftige Leute.

Dann fand seine Hand einen Beutel.

Er war schwer.

Nicht ein bisschen schwer. Nicht voll genug, um nützlich zu sein. Schwer, wie Dinge schwer sind, die das Leben eines Mannes in eine andere Richtung kippen können.

Kral zog ihn heraus, löste das Band, öffnete ihn, und für einen Moment vergaß er sogar zu fluchen.

Gold.

Nicht ein paar Münzen, nicht der kümmerliche Reisevorrat eines Gelehrten, sondern Gold. Viel davon. Münze auf Münze, dicht an dicht, ein sattes, stumpfes Glänzen im Halbdunkel des Decks. So viel, dass sein erster Gedanke nicht Freude war, sondern blankes Misstrauen. So viel trug kein vernünftiger Mann offen mit sich herum. So viel bedeutete Ziel, Verfolgung, Ärger. Aber es bedeutete eben auch Gold. Richtiges Gold. Schweres Gold. Genug Gold, dass ein beschädigtes Schiff plötzlich weniger interessant wurde als ein weiter Ritt ins Landesinnere.

Warum, dachte Kral fassungslos, warum hatte der Narr nicht gleich damit gewedelt, statt sich wie ein Narr vorzustellen.

Er schloss den Beutel wieder.

Sein Entschluss entstand nicht langsam. Nicht ehrenvoll. Nicht nach Abwägung. Er war einfach da. Ganz. Fertig. Innerhalb eines Herzschlags.

Er stand auf, hängte sich den Beutel an den Gürtel, drehte sich um und ging mit jener schnellen, harten Zielstrebigkeit zur Reling hinunter, die Männer annehmen, wenn sie hoffen, dass niemand sie anhält. Unten am Kai waren noch die Pferde. Die des Magiers, oder die Eigenen? Vielmehr: das, welche er nun für sein eigenes hielt, weil Tote selten noch Einspruch erheben. Er sprang über die letzten Stufen, landete schwer, griff nach den Zügeln und schwang sich auf. Das zweite Pferd nahm er gleich mit, führte es am Zügel hinter sich, ohne noch einmal zurückzublicken.

An Deck stand seine Mannschaft und starrte ihn an.

Verblüfft. Dumm. Wartend.

Worauf eigentlich, hätte Kral sie gern gefragt. Auf Anweisungen. Auf Moral. Auf einen Plan. Auf einen Mann, der sich nach allem, was das Meer, die Insel, die Fremden und das Schicksal ihm in den letzten Wochen geboten hatten, noch einmal heldenhaft an irgendeine Pflicht klammerte.

Kral war fertig mit ihnen.

Fertig mit dem Schiff.

Fertig mit der See.

Er hatte genug gesehen. Genug geschluckt. Genug verloren. Genug riskiert. Wenn das Meer ihm jetzt noch einen toten Magier und einen Sack Gold auf einmal hinstellte, dann sollte es sich nicht wundern, wenn er endlich begriff, was daran das eigentliche Geschenk war.

Er gab dem Pferd die Sporen.

Es setzte sich sofort in Bewegung, erst im scharfen Trab, dann schneller, und binnen weniger Augenblicke war Kral auf dem Weg fort vom Hafen, fort vom Schiff, fort von der Mannschaft und allem, was noch an Erklärungen, Blut und Ärger hinter ihm auf den Planken stand.

Er ritt, bis die Masten hinter ihm kleiner wurden.

Dann ritt er weiter, bis das Schiff nicht mehr zu sehen war.

Und noch lange danach, als er schon außerhalb jeder Sichtweite war, stand seine Mannschaft an Deck und starrte in die Richtung, in die ihr Kapitän verschwunden war, als könne man durch bloßes Verblüfftsein einen Mann wieder zurückholen, der in einer einzigen Sekunde beschlossen hatte, dass Gold schwerer wiegt als Treue.

III

Sie hätte nicht sagen können, wie lange sie schon so dalag.

Zeit hatte unter der Kapuze ihren Sinn verloren. Es gab kein Licht, an dem man Morgen von Abend hätte unterscheiden können, keine Schatten, keine Sterne, keinen Wechsel im Wind. Es gab nur Schwanken, Druck, Schmerz und den Geruch von Leder, kaltem Fell, fremden Händen und jenem bitteren Trank, den man ihr immer wieder einflößte, bis selbst ihr Denken schmeckte wie abgestandenes Metall.

Anfangs hatte Xian noch gezählt.

Schritte des Pferdes. Atemzüge. Herzschläge. Die Male, in denen jemand an ihren Fesseln zog, ihre Lage veränderte, ihr den Kopf hob, ihr etwas zwischen die Zähne zwang, das sie schlucken musste, ob sie wollte oder nicht. Aber das Zählen war ihr bald entglitten. Der Trank nahm ihr die Ränder der Gedanken. Er ließ die Welt nicht verschwinden, nur weich werden, als sei sie in schmutzige Wolle eingeschlagen. Alles wurde schwerer. Der Wille. Die Zunge. Die Wut. Selbst die Angst blieb nicht scharf, sondern lag in ihr wie etwas Kaltes, das nicht mehr einmal zu einem Schrei die Kraft fand.

Sie wusste nur noch, dass man sie untersucht hatte.

Alles war ihr genommen worden, sorgfältig, gründlich, ohne Hast. Hände hatten unter der Kapuze ihre Kleidung abgetastet, Gürtel gelöst, Taschen geleert, Messer, Werkzeuge, alles entfernt, was Kante oder Nutzen hatte. Nur die Kleidung hatte man ihr gelassen, und die Amulette um ihren Hals. Das war ihr aufgefallen, gerade weil alles andere verschwunden war. Jemand hatte sie lange betastet, das kühle Metall der Anhänger zwischen den Fingern gewogen, daran gezogen, als prüfe er, ob es sich lösen lasse, und sie dann doch hängenlassen. Warum, wusste sie nicht. Sie verstand fast nichts mehr. Nur, dass diese dunklen Gestalten Fehler nicht machten. Nie. Was sie taten, taten sie absichtsvoll.

Ihr Bruder war da.

Das wusste sie.

Nicht, weil sie ihn gesehen hätte. Nicht, weil man sie je zu ihm ließ. Sondern weil sie sein Gewicht in der Nähe gespürt hatte, seine Art zu atmen, vielleicht, oder nur jene hartnäckige Gewissheit, die Geschwister manchmal füreinander haben, selbst wenn die Welt ihnen die Augen verbindet. Wo Xiodri war, wusste Xian nicht. Ob sie noch lebte, wusste sie nicht. Ob Nigk noch atmete, wusste sie nicht, wenn sie nicht gerade in einem der seltenen klareren Augenblicke glaubte, irgendwo in der Ferne ein Keuchen, ein Husten, ein dumpfes Klirren von Ketten zu hören, das sie ihm zuordnete, weil ihr nichts anderes blieb.

Ihre Wunden waren versorgt worden.

Auch das war geschehen ohne Güte.

Man hatte nicht geheilt, um zu retten, sondern um zu erhalten. Um sie funktionsfähig zu halten. Ihre Haut roch nach fremden Salben, bitteren Fetten, Kräutern, die sie nicht kannte. Man hatte grob gereinigt, grob verbunden, und immer wieder kam dieser Trank, bitter, dick, widerlich, und jedes Mal, wenn sie sich weigerte, hatte man ihr die Nase zugehalten, den Kiefer aufgedrückt, den Hals gestreckt, bis der Körper aus bloßem Überleben schluckte, was der Wille verwarf.

Danach wurde ihr der Mund wieder zugebunden.

Die Hände blieben gefesselt.

Die Augen verbunden.

Und über allem lag diese Maske, schwer, eng, stickig, als wolle man nicht nur ihr Sehen, sondern ihr ganzes Gesicht aus der Welt tilgen. An Flucht war nicht zu denken. Nicht einmal an Widerstand. Dazu drehte sich die Welt zu stark, dazu war der Trank zu wirksam, dazu war sie zu geschwächt, zu entkräftet, zu weit von sich selbst entfernt. Die Kälte tat ihr Übriges. Sie kroch durch jede Lage Stoff, durch jeden Verband, durch jede Erinnerung an Wärme. Die Fesseln waren so gelegt, dass keine Bewegung etwas nützte. Kein Ruck. Kein Drehen. Kein Hoffen auf nachgebendes Leder. Keine Hoffnung überhaupt. Und die Gestalten, die sie hielten, sprachen nicht. Sie taten nur das Nötigste. Griff. Zug. Schritt. Trank. Knoten. Weiter.

Stunden wurden zu Tagen.

Oder Tage zu etwas noch Längerem, für das es kein Wort gab.

Sie war über Pferde geworfen, gehoben, wieder herabgelassen, irgendwohin gebracht worden, wo es anders roch, feuchter vielleicht, nach Stein statt nach offener Kälte, nach eingeschlossener Luft. Irgendwann hatte man sie vom Pferd gebunden und getragen. Endlos hatte es sich angefühlt, durch Gänge oder Treppen, über Stein, durch etwas Hallendes, bis man sie schließlich an eine Wand kettete. Sie konnte nichts sehen. Unter der Maske war die Welt nicht schwarz, sondern graubraun, wie altes Tuch vor den Augen. Sie ahnte nur Formen. Kalte Fläche im Rücken. Eisen am Handgelenk. Nässe irgendwo tief im Gemäuer. Sonst nichts.

Alles war kalt.

Seit Tagen, Wochen oder einem Leben.

Sie hatten nichts gegessen, soweit sie es noch sagen konnte. Nur diesen Trank, immer wieder diesen Trank, der sättigte, betäubte, austrocknete, sie am Leben hielt und zugleich ihr Leben aus ihr herauswusch, bis nichts übrig blieb als ein Körper, der festgebunden an eine Wand hing und nicht mehr wusste, ob er aus Fleisch oder nur noch aus Schmerzen bestand.

Sie wurden behandelt wie etwas Wertloses.

Wie etwas Überflüssiges.

Nicht einmal wie Feinde. Feinde werden gehasst. Feinde werden angeschrien. Man sagt ihnen, warum man sie vernichten will. Hier gab es nichts davon. Nur Handgriffe. Kälte. Zweck. Als wären sie keine Menschen, sondern Gegenstände, die man noch nicht weggeworfen hatte, weil man vielleicht später einen Nutzen in ihnen finden konnte.

Dann, nach einer Zeit, die entweder Stunden oder ein halber Winter gewesen sein mochte, hörte sie wieder Geräusche.

Nicht die gewohnten Schritte ihrer Wärter, nicht das leise Klirren von Gerät oder die dumpfe Stille des Wartens, sondern ein Knarren, weiter entfernt. Eine Tür. Nicht ihre. Dann ein Schrei.

Männlich.

Hart abgeschnitten.

Ihr Bruder.

Xian riss den Kopf hoch, so weit die Fesseln es erlaubten, und für einen Augenblick durchschlug die Betäubung wie ein Messer etwas Klareres. Nigk. Das musste Nigk gewesen sein. Ein zweites Geräusch. Metall. Dann wieder eine Tür, jetzt näher. Öffnete sie sich zu ihr. Waren das Schritte. Ja. Schritte. Fremde Stimmen. Tief, rau, gurgelnd, wie immer unverständlich, und doch lag in dieser Sprache etwas, das sie inzwischen genauso fürchtete wie das Schweigen. Sie verstand kein Wort, aber sie verstand genug, um zu wissen, dass in diesen Lauten kein Mitgefühl wohnte.

Jemand trat an sie heran.

Ein Ruck an der Maske. Ein Zug an ihrer Kleidung. Das Amulett.

Fremde Finger hoben es an, drehten es, wogen es. Sie wehrte sich nicht. Sie hätte es nicht gekonnt. Das Gespräch über ihr ging zischend hin und her, fremd, hart, bedeutungsvoll. Sie verstand nichts. Nicht ein einziges Wort. Dann ließen die Hände von ihr ab.

Die Maske blieb.

Das Amulett blieb.

Wieder entfernten sich die Fremden. Die Tür schloss sich. Und als die Schritte verklungen waren, glitt Xian zurück in jene dumpfe Dunkelheit, die nicht Schlaf war und nicht Ohnmacht, sondern etwas Drittes, Gemeines, Zähes, in dem selbst Träume zu kraftlos sind, um Gestalt anzunehmen.

Als sie wieder zu sich kam, war es nicht anders.

Noch immer kalt.

Noch immer Stein.

Noch immer Eisen.

Sie begann mit den Fesseln zu arbeiten, mehr aus Trotz als aus Hoffnung. Dagegen drücken, drehen, mit den Fingernägeln tasten, den Winkel suchen, an dem Metall vielleicht falsch schließt. Nichts. Sie versuchte es, bis ihre Handgelenke wund waren, bis die Haut aufrieb und sie das eigene Blut riechen konnte, metallisch unter der Bitterkeit des Trankes. Nichts gab nach. Nichts lockerte sich. Diese Leute wussten, wie man fesselt.

Dann, nach einer vermuteten Ewigkeit, kamen wieder Schritte.

Diesmal langsamer.

Nicht dieses knappe, sichere Gehen der dunklen Gestalten, sondern vorsichtiger. Zögernder beinahe. Sie hörte, wie sich ihre Tür öffnete. Hörte, wie sie wieder geschlossen wurde. Stimmen. Leiser. Eine näherte sich. Xian spannte sich an, soweit das noch möglich war.

Dann löste jemand vorsichtig ihre Maske.

Keine Hast. Kein Zerren. Zwei Hände, die den Stoff von ihrem Kopf nahmen, als nähmen sie etwas Zerbrechliches fort. Danach den Knebel.

„Beiß mich nicht“, sagte eine ruhige Stimme. „Bitte.“

Xian wurde steif.

Die Augenbinde wurde gelöst.

Licht traf sie wie ein Schlag. Nicht starkes Tageslicht, nicht Sonnenbrand, nicht Wüste, und doch schmerzte es. Es war, als habe Helligkeit selbst Kanten bekommen. Sie blinzelte wild, schloss die Augen wieder, Tränen schossen ihr schmerzhaft unter die Lider.

„Lass die Augen geschlossen“, sagte die Stimme. „Du brauchst Zeit, bis du dich wieder an das Licht gewöhnst.“

Xian schluckte.

Sie wollte sprechen. Danke, vielleicht. Oder Wo. Oder Nigk. Oder nur ein Laut, der beweist, dass sie noch nicht ganz zu einem Tier geworden war.

Was aus ihrer Kehle kam, war kaum mehr als ein raues Kratzen.

„Warte.“

Etwas Kühles wurde an ihre Lippen gehoben. Eine kleine Kelle. Wasser.

Frisches Wasser.

Xian trank, gierig, viel zu schnell, verschluckte sich beinahe, hängte sich an diese paar Schlucke, als hinge in ihnen die ganze Welt. Das Wasser war kühl und klar und so schmerzhaft gut, dass ihr beinahe wieder Tränen kamen. Erst jetzt merkte sie, wie sehr sie verdurstet war.

Langsam blinzelte sie erneut.

Diesmal blieb das Licht.

Die Gestalt vor ihr war weiblich. Menschlich, soweit Xian das sehen konnte. Mittleren Alters vielleicht. In weißes Leinen gekleidet, sauber genug, aber nicht geschniegelt, eher wie jemand, der lange an einem Ort arbeitet, an dem Reinheit mehr Pflicht als Komfort ist. Das Gesicht war schmal. Müde. Nicht unfreundlich. Aber auch nicht warm. Es war das Gesicht einer Frau, die das Mitleid längst zu teuer gefunden hat, um es frei zu verteilen.

„Wo …“, brachte Xian hervor.

Die Frau lächelte flach und hob die Hand.

„Still. Die Wände haben Ohren hier.“ Sie sagte es ohne Dramatik. Als einfache Tatsache. „Ich kann dir nichts sagen.“

Sie blickte zur Tür.

Xian folgte ihrem Blick und zwang ihre Augen, sich zu öffnen, klar zu werden, sich zu erinnern, wie Sehen funktioniert. Im Türschlitz, hinter einem Gitter, stand etwas. Oder jemand. Eine dunkle Gestalt. Kein Gesicht. Keine Augen. Nur ein Umriss, an dem man mehr ahnte als sah, dass dort ein Kopf war, Schultern, eine ruhige, aufmerksame Präsenz. Jemand wachte. Natürlich wachte jemand.

Xian schluckte.

Die Frau sagte: „Ich bringe dir etwas zu essen. Du musst hungrig sein. Und etwas zum Saubermachen.“ Ein kurzer Blick über Xians Zustand. Nicht verächtlich. Nur sachlich. „Wenn du möchtest, kann ich dir neue Kleidung bringen. Das hier“, sie deutete auf Rüstung und Stoff, „müffelt langsam.“

Xian versuchte sich zu erinnern, wann sie sich zuletzt gewaschen hatte. Richtig gewaschen. Ein Bad. Warmes Wasser. Hände, die nicht fremd und grob waren. Sie konnte sich nicht erinnern. Alles davor lag hinter einer Wand aus Ritt, Trank, Kälte und Dunkelheit.

„Die Fesseln?“, fragte sie heiser.

„Kann ich dir vorübergehend abnehmen.“

Die Antwort kam ohne Zögern.

Xian hob den Blick.

„Du tust mir nichts. Oder?“

Die Frau sah sie an.

„Ich bin ihnen egal. Du könntest mich töten, und sie würden nicht einmal mit dem Mund zucken.“

Sie sagte das mit einer solchen kalten Gleichgültigkeit, dass Xian darin mehr Hoffnungslosigkeit hörte als in allen Ketten zuvor. Keine Bitterkeit. Kein Trotz. Nur ein leerer Befund. Als sei ihr eigenes Leben für sie selbst längst zu etwas geworden, das lediglich noch stattfindet.

„Also versuche nicht, mich als Geisel zu nehmen“, fuhr die Frau ruhig fort. „Sie würden mich töten. Und dich später auch.“

Xian sah sie an, trockene Kehle, brennende Haut, bleierne Glieder, das Eisen noch immer in ihren Handgelenken.

Die Frau hielt ihrem Blick stand.

„Noch“, sagte sie nach einer kleinen Pause, „wollen sie Informationen von dir.“

IV

Slonda saß lange über den Büchern der Bibliothek, und je länger er saß, desto weniger vermochte er zu sagen, ob er eigentlich las, oder ob das Gelesene begann, ihn seinerseits zu lesen.

Zuerst nahm er den Kodex wieder zur Hand, dann noch einmal, dann ein drittes Mal, und immer, wenn er glaubte, nun einen festen Griff an seinen Sinn gelegt zu haben, glitt ihm etwas daraus wieder fort, nicht weil die Worte unklar gewesen wären, im Gegenteil, sie waren von einer Schärfe, die beinahe beleidigend wirkte, sondern weil ihm mit jeder erneuten Lektüre deutlicher wurde, wie tief der Abstand zwischen dem Text, den er hier vor sich hatte, und jener Fassung war, die er sein Leben lang für den Kodex gehalten hatte. Es war nicht einfach nur dieselbe Ordnung in älterer Sprache. Es war dieselbe Wunde in einem anderen Stadium ihres Heilens, und dort, wo spätere Hände Narben geglättet, Auswüchse zurückgeschnitten, das allzu Härteste in Ritus und Gewohnheit verwandelt hatten, stand hier noch alles offen, roh, unverschämt, ohne jene spätere Höflichkeit, mit der selbst Gewalt nach Jahrhunderten beginnt, sich als Vernunft auszugeben.

Vieles war gleich geblieben, und gerade das machte die Unterschiede so deutlich. Das Streben nach Macht war auch in dem Kodex, den Slonda kannte, verpönt, ja mehr noch, es war der Grundton des ganzen Werkes, die erste Furcht, aus der alle weiteren Sätze ihre Berechtigung zogen. Kein Magier sollte nach Krone greifen, kein Haus der Kunst sich in den Sitz weltlicher Herrschaft setzen, keine Schule sich zum Staat erheben. Das war vertraut. Auch die Bindung der Magie an Schrift, Zeichen und Ritual war ihm nicht fremd. Kein Zauber ohne Form, kein Wort ohne Prüfung, keine Neuerung ohne Sichtung. Auch das kannte er. Ebenso die Konklave, die Fristen, die Rollen, die gegenseitige Aufsicht der Schulen, die ständige Versicherung, dass Ordnung nur dort Bestand habe, wo Auge wider Auge wache.

Und doch war derselbe Gedanke in dieser alten Fassung härter, strenger, beinahe unmenschlich präzise, als sei zwischen dem Satz und der Angst, die ihn geboren hatte, noch keine Zeit vergangen. Der Kodex, den Slonda kannte, drohte, mahnte, schränkte ein, verwies, zögerte wenigstens den Anschein nach noch zwischen Bannung und Tilgung, zwischen Untersuchung und Urteil. Der Kodex, der hier vor ihm lag, duldete fast nichts. Wo die spätere Ordnung noch von Ausnahme sprach, sprach die ältere bereits von Pflicht. Wo die spätere Version die Belange der Menschen zu meiden und sich doch gelegentlich an die Höfe der Könige und Fürsten senden ließ, um zu heilen, zu beobachten, zu beraten, da lag in der ursprünglichen Denkweise schon die klare Erkenntnis, dass Macht auch im Schatten der Krone sitzt und sich, wo man sie nicht offen nimmt, durch das Ohr des Herrschers, durch Heilung, Abhängigkeit oder Rat doch den Weg bahnt. Wo später die Schulen zu sechs geworden waren und die übrigen Disziplinen, als hätte es sie nie gegeben, aus dem Gedächtnis der Ordnung gestrichen wurden, standen sie hier noch zu zwölft, rechtmäßig, aufrecht und mit derselben Selbstverständlichkeit gesetzt wie Feuer, Erde oder Geist. Wo die spätere Welt in der Praxis längst weicher geworden war, auslegungsfreudiger, nachlässiger vielleicht oder klüger, je nachdem, wen man fragte, da war hier noch alles Belagerung, Vorsorge, eiserne Kette.

Er las über die Beschaffenheit der Schulen, über ihre Nähe, ihre gegenseitige Überwachung, die Grenzen, die jeder Disziplin auferlegt waren, und selbst dort, wo die Grundstruktur noch wiederzuerkennen war, fühlte er ständig jene feine Verschiebung, die zwischen einem Gesetz, das verwaltet, und einem Gesetz, das gegründet wird, besteht. In dem Text, den er aus seiner Zeit kannte, war aus vielem Praxis geworden, aus Praxis Gewohnheit, aus Gewohnheit eine Art von institutionalisiertem Schlaf. Hier hingegen war alles noch Absicht. Dass die Schulen nicht weit voneinander entfernt liegen sollten, war nicht Bequemlichkeit, nicht Austausch aus Gelehrtenneigung, sondern Aufsicht. Dass Schüler die Häuser wechseln sollten, war nicht Bildungsideal, sondern Prüfung. Dass eine Konklave regelmäßig zusammenkommen musste, war nicht bloß Verwaltung, sondern Sicherung gegen den Rückfall. Nirgends las man Vertrauen. Überall las man Fessel.

Und weil das Wissen in dieser Bibliothek nicht nur in den Büchern lag, sondern ebenso in jenen Menschen, die sich noch mit einer Selbstverständlichkeit darin bewegten, als sei all dies nicht vergangen, sondern bloß der gegenwärtige Zustand der Welt, suchte Slonda immer wieder Drinda auf, der mit einer Geduld, die anfangs beinahe jugendlich wirkte und später gerade darum noch erstaunlicher schien, seine Fragen beantwortete, seine Einwürfe hinnahm, seine spitzen Bemerkungen übersah und darüber hinaus vieles mehr tat, was man im gewöhnlichen Sinn des Wortes nicht Unterricht nennen konnte. Drinda erklärte ihm nicht bloß Texte. Er erklärte ihm Zusammenhänge. Den Fluß der Energie. Den linearen Strom der Zeit in seiner Wechselwirkung mit der Energie. Die Art, wie unter bestimmten Konstellationen Brücken geschlagen werden konnten, wie Tunnelungen erkannt, vorbereitet, berechnet und notfalls verworfen wurden. Wie Übergänge nicht einfach Sprünge waren, sondern sorgfältig gesicherte Korridore, deren Möglichkeit nicht im Wunsch des Gehenden lag, sondern in der Lage der Welt selbst.

Oft sagte Drinda halb scherzhaft, halb mit dem feinen Trotz eines jungen Gelehrten, der sehr wohl weiß, mit wem er spricht und sich doch nicht davor drücken will, es auszusprechen, dass er nun wohl seinen eigenen Meister als Schüler nehme. Slonda lächelte dann meist nur flüchtig, weil er sich den Scherz gestatten konnte, ohne die Wahrheit darin zu übersehen. Es war wirklich so. Drinda nahm ihn bei der Hand, nicht wie ein Kind, nein, aber wie jemanden, dessen Verstand an anderer Stelle so weit entwickelt ist, dass er sich gegen die erste Demütigung des Nichtwissens länger sträubt als nötig. Und immer wieder fügte er hinzu, dass dies nur vorübergehend sei, dass bald jemand aus Gontar kommen werde, um Slonda in eigentlichem Maße zu unterrichten, jemand, der tiefer in den Wegen der Zeit stehe als er selbst.

Slonda las unterdessen weiter, als hinge von der Geschwindigkeit des Lesens etwas ab, das er nicht benennen konnte.

Immer wieder fragte er sich, was vor der Zeit der Konklave gewesen war, und jedesmal, wenn ihm ein Schriftstück erklärte, dass früher Chaos geherrscht und dieses Chaos getilgt werden musste, regte sich in ihm jener Widerstand, der nicht aus Widerspruchslust allein geboren war, sondern aus dem Gefühl, dass Verurteilung ohne Beschreibung selten zufällig ist. Er verglich unwillkürlich die Taten seines Bruders, seine eigenen, manches, was er gesehen, manches, was er nur ahnte, mit der alten Fassung des Kodex, und jedesmal, wenn er diesen Abgleich ernsthaft zu Ende dachte, gelangte er zu demselben klaren Schluß: Unter dieser Ordnung hätte Anadar kaum lange geatmet. Untersuchung. Inquisition. Vielleicht Tilgung. Gewiß nicht Duldung. Und doch lebten sie in einer anderen Zeit, in einer weicheren, vielleicht nur klüger verschlossenen, und der Gedanke tröstete ihn weniger, als er hätte sollen, denn wo ein Gesetz nur darum harmlos scheint, weil es vergessen oder abgemildert wurde, bleibt immer die Frage offen, was geschieht, wenn jemand es wieder scharf liest.

Er fand andere Schriften, dann noch andere, und bald war die Fülle des alten Wissens selbst ein Zustand, in dem er sich kaum mehr frei bewegen konnte, sondern sich wie unter ständigem Wetterwechsel von Text zu Text treiben ließ. Es gab Tage, an denen er über Schulen las, an anderen über die frühe Anlage von Übergängen, über Bindungsrituale, über Störungen im linearen Strom, über architektonische Voraussetzungen für sichere Korridore, über Sternstände, über Formen, in denen Energie sich über längere Zeiträume konservieren ließ, ohne zu entgleisen. Und immer wieder kam er damit zu Drinda zurück, der anfangs noch geduldig mit ihm die möglichen impliziten Verletzungen des Kodex diskutierte, bald aber immer häufiger lächelnd abwinkte, nicht aus Geringschätzung, sondern als jemand, der bemerkt, dass sein Gegenüber eine Tür zu oft prüft, während nebenan Fenster offenstehen.

„Alles mit seiner Zeit“, sagte Drinda dann. „Das Universum steht noch in seiner Ordnung.“

Und wenn Slonda nachsetzte, wenn er noch einmal nach der Zeit vor der Konklave fragte, nach dem, was jener Ordnung vorausgegangen sein mochte, nach den Gründen für die Tilgung, nach dem Verschwinden ganzer Schulen, dann wich Drinda aus, ohne grob zu werden. Er sagte, er wisse es nicht. Oder, was Slonda fast noch mehr reizte, dass es nicht von Belang sei. Der Kodex, meinte er gelegentlich, sei geduldig und nicht fest. Eine Bemerkung, die Slonda zunächst für poetischen Unsinn hielt, dann für den Versuch, ihn zu beruhigen, und schließlich für etwas, das vielleicht mehr Wahrheit barg, als ihm lieb war.

Doch er ließ nicht locker.

Drinda war jung, und gerade weil er jung war, dachte Slonda zuweilen mit jener alten, beinahe unbewussten Arroganz, die Gelehrten eigen ist, wenn sie sich an einem jüngeren Geist stoßen, dass er zwar viel wisse, aber das Wesentliche noch nicht richtig zu lehren vermöge. So saßen sie wieder einmal im Innenhof unter dem Baum, im Schatten jener Krone, die das Licht des Nachmittags in grüne, bewegliche Flecken schnitt, und Drinda versuchte ihm geduldig, beinahe heiter, das Wesen der Zeit zu erklären, während Slonda mit derselben Hartnäckigkeit immer wieder auf die Frage zurückfiel, warum man nicht vor die Zeit der Konklave könne, warum eine Welt, die doch Übergänge kenne, gerade an diesem Punkt verstumme, als habe sie dort eine Wand errichtet.

Sie redeten lange aneinander vorbei.

Drinda sprach von Fluß. Von linearem Strom. Von Energiegefälle. Von der Notwendigkeit, daß ein Übergang nicht nur örtlich, sondern auch zeitlich eine Brücke finde, die tatsächlich vorhanden sei und nicht bloß gewollt. Slonda hörte das alles, begriff Teile davon, doch er wollte die eine Antwort, die Drinda ihm nicht geben konnte oder nicht geben wollte: warum dort Schluß sei. Warum die Ordnung zurückreiche, aber nicht davor. Warum die Straße des Wissens an der Konklave beginne wie ein Weg, der absichtlich erst hinter einem brennenden Haus angelegt wurde.

Am Ende war Drinda mit seinem linearen Wissen, wie er es halb lachend selbst nannte.

Er hatte die Hände gehoben, er hatte Formeln in die Luft gezeichnet, er hatte mit einem aus Licht und Linie gebildeten Planetensystem gearbeitet, hatte Bahnen verschoben, Winkel erklärt, Wahrscheinlichkeiten angedeutet und Slonda damit nicht weniger gereizt, sondern nur gelehrter verärgert zurückgelassen. Und als das Gespräch gerade in eine jener stillen Sackgassen lief, in denen beide wissen, dass sie sich noch immer an derselben Stelle befinden, meldete sich eine Stimme.

Sie räusperte sich erst.

Beide fuhren auf.

„Ordnung“, sagte die Stimme, „ist nur ein Zustand des Chaos.“

Und gleich darauf, mit einem leichten, fast belustigten Nachsatz, der den ersten Satz nicht milderte, sondern nur tiefer machte: „Und zugegebenermaßen ein Zustand, für den viel Energie aufgebracht werden muß, um ihn zu erreichen und zu erhalten.“

Eine alte Frau trat unter den Schatten des Baumes.

Sie war auf einen Stock gestützt, ein wenig gebückt, die langen weißen Haare offen, nicht geschniegelt, sondern wie etwas, das Wind und Zeit nicht mehr zurechtzwingen wollten. Ihr Gesicht war schmal, nicht zart, sondern fein durchlebt, und in ihren Augen lag eine solche Geduld, daß man nicht sagen konnte, ob sie von Güte kam oder von einem sehr langen Umgang mit dem Eifer anderer. Drinda sprang auf.

„Meisterin Pildara.“

Seine Freude war echt und augenblicklich. Sie umarmte ihn mit einer Selbstverständlichkeit, die verriet, dass zwischen ihnen mehr lag als bloßer Rang.

„Junger Drinda“, sagte sie, „ich freue mich, Euch einmal wieder sehen zu dürfen.“

Dann wandte sie sich zu Slonda, beugte sich ein wenig zu ihm herab und lächelte.

„Mein Freund“, sagte sie, und in dieser Anrede lag weder Vertraulichkeit noch Distanz, sondern etwas Seltsames dazwischen, „daß ich dich so jung treffen darf, ist eine wahre Freude. Und du sagtest mir, daß du ein Sturkopf warst, der es nicht verstand.“

Sie sagte es nicht spöttisch. Gerade darin lag ihre Macht. In diesem Lächeln war so viel Geduld, daß Slonda beinahe trotzig hätte werden mögen, nur um zu prüfen, wo ihre Grenze lag.

Die Wochen vergingen.

Drinda ging, wie angekündigt, und Pildara übernahm. Von diesem Tag an änderte sich Slondas Leben in der Bibliothek. Sie ließ ihn nicht mehr unentwegt lesen, oder nur noch selten, nur noch in bestimmten Stunden, als dosiere sie das Wissen gegen jene Gefahr, daß er sich wieder in Texten verliere, statt in das einzudringen, was zwischen ihnen stand. Sie konzentrierte sich ganz auf den Fluß der Zeit und begann mit seiner Ausbildung, und schon nach wenigen Tagen begriff Slonda, daß Drinda ihm viel gegeben, Pildara aber etwas anderes brachte: Form.

Immer wieder zog sie die Planetenkonstellation zu Hilfe. Immer wieder ließ sie ihn das Abbild selbst erschaffen, nicht mit Tinte auf Pergament, sondern in die Luft geschrieben, aus Linien, Punkten, Bahnen, kleinen Lichtkörpern, die in präzisem Abstand umeinander liefen. Sie zeigte ihm, wie er dieses Bild drehte, an verschiedene Punkte in der Zeit setzte, wie die Brücken darin erkennbar wurden, welche Korridore betreten werden konnten und welche nur auf den ersten Blick wie Wege aussahen, in Wahrheit aber in Instabilität, Zerreißung oder Auflösung mündeten. Sie erklärte ihm, welche Übergänge vorwärts gegangen werden konnten, welche rückwärts, welche an Ort und Zeit gebunden blieben und welche zwar dieselbe Zeit, nicht aber denselben Raum freigaben. Sie zeigte ihm, daß ein Übertritt nie bloß ein Schritt war, sondern immer eine Berechnung aus Lage, Energie, Richtung, Dichte, Öffnung und Gegenöffnung.

Und sie war geduldig.

Nicht sanft im billigen Sinn, nicht schmeichelnd, nicht schonend. Geduldig in der Weise eines Menschen, der weiß, daß das Schwierige nicht dadurch leichter wird, daß man es vereinfacht, sondern dadurch, daß man den anderen lange genug an die richtige Stelle zwingt, bis dessen Verstand selbst zu greifen beginnt. Sie korrigierte ihn, ließ ihn scheitern, ließ ihn erneut ansetzen, zwang ihn, die Planetenschrift sauber zu führen, die Winkel nicht bloß zu ahnen, sondern zu lesen. Bald war Slonda davon so mitgerissen, daß seine akademischen Fragen zur Gesetzeslage, zur Kodexauslegung, zu den verschwundenen Schulen, ja selbst zur Vorzeit der Konklave in den Hintergrund rückten, nicht weil sie ihr Gewicht verloren hätten, sondern weil die Zeit selbst ihn nun auf eine Weise beschäftigte, die keine Lektüre allein hätte leisten können.

Nur eine Frage ließ ihn nie ganz los.

Warum sie nicht vor oder nach bestimmten Punkten springen konnten.

Pildara antwortete darauf zunächst einfach und ohne Pathos, als erkläre sie einem Kind, warum ein Weg im Gebirge nicht weiterführt.

„Was wir als den linearen Fluß kennen und darstellen“, sagte sie, „das ist vor und nach diesen Punkten nicht mehr gegeben. Dort läuft die Zeit etwas anderes, und die Energie ebenso.“

Sie sah, daß ihn diese Antwort nicht zufriedenstellte, und führte es weiter aus, nicht in Bildern allein, sondern in jener strengen Mischung aus Anschauung und Formel, die ihre Art war.

„Wenn Maohanga und die Erde sich nähern, verschieben sich die Realitäten. Alles, was vorher wahrscheinlich war, wird unwahrscheinlicher. Alles, was unwahrscheinlich war, drängt näher. Je näher sie sich kommen, desto größer die Unsicherheit.“

Dann schrieb sie ihm Formeln in die Luft.

Leuchtende Buchstaben, Zeichen, Relationen, die vor ihm schwebten, als seien sie von vornherein eher für die Luft als für Pergament gemacht. Sie erklärte den linearen Fluß der Zeit in einer so komplexen mathematischen Form, daß Slonda im ersten Augenblick nur staunen konnte, wie sauber sie zwischen Bild und Abstraktion wechselte. Sie zeigte ihm, welche Faktoren beim Übergang sicher waren, welche nur angenähert, welche sich unter bestimmten Planetennähen zu dominierenden Unsicherheiten auftürmten. Sie zeigte ihm, warum manche Brücken stabil blieben und andere zu bloßen Möglichkeiten zerfielen, warum manche Korridore sicher begehbar waren und andere den Gehenden an einen Ort spuckten, an dem Luft fehlte, Stein bereits war oder Materie sich noch nicht so geordnet hatte, wie ein lebender Leib es braucht.

„Es ist ein zu großes Risiko“, sagte sie schließlich, als er wieder einmal fragte, ob man nicht doch weiter zurück könne, ob man es nicht wenigstens versuchen müsse. „Wenn du dahin zurückreist, materialisierst du vielleicht in einer Wand. Oder in einer Stelle, an der der Raum, den du erwartest, noch nicht Raum ist. Dann bist du zwar zurückgegangen, aber tot. Nichts gewonnen.“

Langsam begann Slonda zu verstehen.

Nicht nur die Schrift, nicht nur die Zeichen, sondern den inneren Zusammenhang. Er begriff, wie Brücken nicht gefunden, sondern gelesen wurden. Wie Übergänge nicht aus Wollen entstanden, sondern aus einer Ordnung, die selbst nicht fest war, sondern nur für gewisse Fristen berechenbar. Er begriff, warum Pildara Geduld mit ihm hatte und Drinda bisweilen gelächelt hatte, wenn er mit dem Kopf durch jene Wand wollte, die nicht aus Stein, sondern aus Wahrscheinlichkeit bestand.

Und noch etwas dämmerte ihm.

Etwas, das Pildara nicht aussprach, jedenfalls nicht sofort, das aber bereits zwischen ihren Formeln stand wie ein Schatten zwischen den Lichtbahnen der Planeten. Wenn die Annäherung von Maohanga und der Erde die Wahrscheinlichkeiten destabilisiert, wenn sie Brücken unsicher macht und Übergänge zu tödlichen Wetten werden lässt, dann konnte dies unmöglich ihre einzige Auswirkung sein. Wenn Zeit selbst in solchen Nähen unsicherer wurde, wenn Realitäten gegeneinander zu driften begannen, wenn das Berechenbare an Kraft verlor und das Unwahrscheinliche nach vorn drängte, dann mußte sich noch anderes verschieben.

Viel anderes.

Slonda sah auf die leuchtenden Zeichen in der Luft, auf die Linien, die Pildara mit ruhiger Hand aufglimmen ließ und wieder auslöschte, und fühlte, wie in ihm eine neue Unruhe aufstand, leiser als die alte, aber tiefer.

Denn vielleicht, dachte er, war die Frage nach der Zeit vor der Konklave gar nicht nur eine Frage nach Verboten, Tilgungen und verlorenen Schulen.

Vielleicht war sie auch eine Frage danach, was mit der Welt selbst geschieht, wenn ihre Ordnung nicht einfach erinnert, sondern wieder unsicher wird. Zu Chaos.

V

Anadar war gereizt, und gereizt war an ihm nie ein guter Zustand.

Nicht, weil er dann laut wurde, das wurde er selten, und wenn, dann meist nur sehr kurz, sondern weil Gereiztheit bei ihm bedeutete, dass sein Geduldsfaden nicht dünner wurde wie bei anderen, sondern plötzlich aufhörte zu existieren. Er hatte weder Zeit noch Neigung, sich mit Eitelkeiten zu beschäftigen, schon gar nicht an einem Tag wie diesem. Morgen würde die Trikrone über ihnen stehen. Wenige Tage später würde die Konklave zusammentreten. Im Westen trieb noch immer ein Ungeheuer sein Unwesen, die Küsten gerieten unter Druck, aus dem Norden flohen Menschen, sein Bruder blieb verschwunden, und statt sich den Angelegenheiten zu widmen, die tatsächlich Gewicht hatten, saß er nun in einem großen Studiersaal an der Bibliothek der Inseln der Winde und musste sich anhören, wie Roto und Grot an Worten kauten, bis selbst Sinn daran zäh wurde.

Der Saal war hoch, kühl und mit jener nüchternen Würde gebaut, die Wasserleute liebten, wenn sie einem Raum den Ernst des Denkens geben wollten. Zwischen den Pfeilern standen Tische aus hellem Holz, die Fenster waren offen genug, dass Luft hereinkam, und auf mehreren Pulten lagen bereits Schriftrollen, Karten, Notizen und Abschriften über das Monster auf See über die Melodien, über Sichtungen. Sorgsam war alles über Xoiuns Turm nicht auffällig präsentiert und wurde nicht in Anwesenheit von Roto diskutiert. Alles, was Aufmerksamkeit verdient hätte, lag hier. Alles, was drängte, wartete. Und genau deshalb war Anadar nahe daran, die Geduld zu verlieren, als Roto nun schon zum wiederholten Male mit jenem selbstgerechten Tonfall ansetzte, den Männer annehmen, wenn sie glauben, dass Länge mit Gewicht verwechselt wird.

Roto liebte es, Gemeinsamkeiten zu beschwören.

Gemeinsamkeiten zwischen der Schule des Wassers auf den Inseln der Winde und der Schule des Windes in Ashambrat, Gemeinsamkeiten der Tradition, der Aufsicht, der alten Verpflichtungen, der Linien im Kodex, die, so sagte er, nicht umsonst dort stünden, alldieweil sie den Häusern der Kunst den Weg wiesen, alldieweil sie Grenzen setzten, alldieweil dort, wo Grenzen verschwimmen, das Verderben nie fern sei. Er sprach langsam, mit den Händen, mit Blicken, die im Raum herumgingen, als müsse jeder Zeuge sein, dass hier etwas Bedeutendes formuliert werde, obwohl es in Wahrheit nichts anderes war als dieselbe Anklage, nur in immer neuen Gewändern.

Grot unterstützte ihn mit der Lautstärke eines Mannes, der in jedem Satz des anderen bereits seine eigene Erleuchtung zu hören glaubt.

Er nickte, warf Zustimmungen dazwischen, zog Begriffe wie Ordnung, Prüfung, Notwendigkeit, Untersuchung und Verantwortung hervor, als lägen sie seit langem fertig in seinem Mund, und immer wieder kam beides auf dasselbe hinaus: Anadar habe offensichtlich nichts zu verbergen, und wenn dem so sei, dann könne eine Untersuchung seines Wesens, seiner Kräfte, seiner Herkunft, seiner Grenzüberschreitungen und seiner schulübergreifenden Disziplinen doch unmöglich ein Problem darstellen. Es wäre ja, so sagte Roto in einem besonders süffisanten Anflug von Vernunft, geradezu in Anadars eigenem Interesse, jeden Verdacht zu entkräften.

Anadar saß anwesend im selben Raum.

Das schien sie beide nicht im geringsten zu stören.

Er sah wieder und wieder zu Sinadie hinüber, und obwohl er schwieg, sprach sein Blick mit einer Klarheit, die sie nicht missverstehen konnte. Ihr wollt, dass wir euren faulenden Turm, euer verbotenes Wissen, euer begrabenes Grauen unter Verschluß halten, dachte er mit einer Schärfe, die ihn selbst erschöpfte, und ich sitze hier und muß mir diesen Dreck anhören, als wären wir Schüler im ersten Jahr.

Er schnaubte abfällig.

Vielleicht ein wenig zu laut.

Es genügte.

Roto fuhr herum, froh wie ein Mann, dem ein Gegner endlich den Gefallen tut, seine Klinge sehen zu lassen. „Ach, Meister Anadar“, sagte er mit jener falsch höflichen Betonung, die schon selbst Anklage ist, „möchtet Ihr nun etwas zu den Anschuldigungen Stellung nehmen?“

„Meine Herren“, begann Sinadie mit einer Diplomatie, die in Wahrheit nur Müdigkeit war, „die Konklave hat entschieden, dass es nichts zu untersuchen gibt.“

„Noch nicht“, unterbrach Roto sie.

Anadar stand auf.

Es war keine theatralische Bewegung. Eher etwas anderes, etwas, das den Raum augenblicklich veränderte. Ein kurzer Moment, in dem selbst das Licht schien, sich neu zu ordnen. In seinem Kopf hörte er ein einziges Wort.

Blut.

Naaarstr sagte es nicht laut. Es war nur da, kühl und verführerisch, eine Möglichkeit, so deutlich, dass Anadar für einen Wimpernschlag tatsächlich erwog, ihr nachzugeben. Nicht wirklich. Nicht ernsthaft. Aber genug, dass ihn sein eigener Gedanke erschreckte.

Roto, der das Aufstehen zuerst noch als Bestätigung seiner eigenen Wichtigkeit mißverstand, setzte an, weiterzusprechen.

Anadar trat auf ihn zu.

Jetzt verstummte auch Grot.

„Wer bist du“, fragte Anadar ruhig, und gerade diese Ruhe ließ den Satz gefährlicher werden als jedes Brüllen, „dass du mich hier anklagen darfst.“

Er ging noch einen Schritt näher.

„Wer bist du, dass du denkst, du kannst hier herumlaufen und Reden schwingen, während andere den Dreck aufräumen, den diese Welt gerade aus allen Fugen drückt.“

Roto kam sichtbar aus dem Konzept. Grot nun ebenso. Beiden fiel plötzlich wieder ein, dass Anadar nicht nur ein Gegenstand des Geredes, sondern ein Mann aus Fleisch, Macht und ungeduldiger Nähe war.

„Wir haben hier andere Dinge zu regeln als deine Eitelkeiten“, sagte Anadar, und die Worte kamen jetzt schneller. „Ein Seemonster. Flüchtende aus dem Norden. Mein Bruder ist verschwunden. Die Trikrone steht über uns. Und du? Du quakst hier herum und willst von den wichtigen Dingen ablenken. Ich habe dafür keine Zeit mehr.“

Er wartete keine Antwort ab.

Er drehte sich um und ging zum Ausgang.

Hinter ihm hörte er Rotos Empörung wie etwas, das sich erst wieder sammeln musste, nachdem es einen Schlag in den Magen bekommen hatte. Er hörte auch Grots Stimme, lauter, fahriger, und irgendwo dazwischen Sinadies kurzen, harten Versuch, den Raum wieder zusammenzuhalten. Doch Anadar hatte bereits den Saal verlassen.

Shara holte ihn auf dem Korridor ein.

„Du hättest das eleganter lösen können“, sagte sie.

Er sah sie an.

„Du meinst, ich hätte ihn einfach zu Asche verbrennen sollen?“

Shara lächelte.

„Du kannst nicht alles mit Gewalt lösen.“

„Ich habe ihn nicht verbrannt. Das war bereits Zurückhaltung.“

„Er wird nicht aufhören mit seinen Anschuldigungen“, sagte sie. „Er will dich reizen. Er will, dass du einen Fehler machst. Er will Sinadie auf seine Seite ziehen. Und du spielst ihm in die Karten.“

„Nicht wirklich.“ Anadar sprach jetzt wieder ruhiger. „Sinadie weiß, was wir wissen. Sie wird einen Teufel tun, seine Seite einzunehmen.“

Er sah auf die Fenster hinaus, auf das Wasser, auf die Helligkeit des Tages, die schon jenes eigentümliche, gespannte Flirren trug, das vor großen Himmelsereignissen in der Luft zu liegen schien.

„Bis wir ihr Problem beseitigt haben“, fügte er hinzu.

Shara musterte ihn kurz von der Seite. „Und danach?“

„Danach“, sagte Anadar, „haben wir sie immer noch in der Hand.“

Er schwieg einen Moment.

„Ich würde gern noch einmal zu dem Turm. Mich dort umsehen. Wenn es geht mit weniger Gefolge als gestern Nacht.“

„Morgut ist noch dabei, die Melodien zu studieren.“

„Ja.“

Sie sprach die Wahrheit, und er wußte es. Doch in demselben Augenblick kamen Schritte hinter ihnen, rascher als die eines Menschen, der noch im selben Streit stehen will. Sinadie war ihnen nachgelaufen.

„Meister Anadar“, sagte sie, leicht außer Atem, ohne dass es ihre Würde wirklich berührte, „bitte entschuldigt, dass ich dieses Gerede nicht früher unterbunden habe.“

Anadar lächelte sie an, und in diesem Lächeln lag nichts von seiner vorherigen Schärfe.

„Woher solltet Ihr auch wissen, dass es mich stört?“

Sinadie hob eine Braue.

„Wenn einem die ganze Zeit unterstellt wird, man sei ein machthungriges Monster?“

„Ich bin mir auch nicht sicher, was er mir hier eigentlich vorwerfen will.“

„Wir würden gern wieder auf die Insel“, sagte Anadar dann ohne weiteren Umweg. „Unauffällig.“

Sinadie nickte fast sofort. „Das kann ich organisieren. Wen hättet Ihr gern dabei?“

„Euch.“

Die Antwort war kalt, eindeutig und so unmittelbar, dass Shara ihn einen kurzen Augenblick ansah. Sinadie dagegen reagierte nur mit einem knappen, kaum sichtbaren Lächeln.

„Gut“, sagte sie. Dann warf sie einen flüchtigen Blick zurück auf das Gebäude. „Es wird ohnehin Zeit, dass ich hier wegkomme.“

Sie machten sich gemeinsam auf den Weg hinunter zum Wasser.

Der Kai lag offen unter dem Licht, das Meer bewegte sich schon unruhiger als noch am Morgen, und der hohe Stand der Gezeiten war an den nassen Kanten der Felsen deutlich zu sehen. Die Trikrone war noch nicht da, und doch war ihre Nähe bereits überall. In den Strömungen. Im Klang des Wassers. In dem Umstand, dass selbst die Möwen nervöser kreisten.

Sinadie sprach den Zauber, und das Boot setzte sich von selbst in Bewegung.

Es war eine kleine, alte Wasserarbeit, so selbstverständlich, dass man beinahe vergaß, wie seltsam sie für Außenstehende sein musste. Das Holz glitt von der Anlegestelle, als hätte es selbst entschieden, wohin es wollte. Keiner griff nach Riemen. Keiner lenkte sichtbar.

„Was hat es damit auf sich“, fragte Anadar, während sie hinaustrieben, „dass Hokn’f und Fontal unbedingt eine Untersuchung haben wollen?“

Sinadie schwieg einen Moment.

„Es hat weniger mit Euch persönlich zu tun, als vielmehr damit, dass die beiden sich gern einen Namen machen würden. Und wie geht das leichter als über den berühmtesten unter uns.“

Anadar schnaubte leise.

„Und Ihr?“

„Ich wollte mich zu Beginn nicht gegen sie stellen“, sagte sie ohne Ausflucht. „Also bin ich mitgeschwommen. Ich kannte Euch nicht wirklich gut.“

Sie seufzte, und ihr Blick ging hinaus aufs Wasser, das in silbrigen Linien gegen den Rumpf schlug.

„Es gibt Strömungen in den Schulen. Hardliner, die andere beschneiden wollen. Wir nennen es nicht ein Spiel um Macht, aber natürlich ist es eines. Vor allem hier, in Ashambrat, in Gontar, aber auch in Tandor gibt es Leute, die gern Gewicht haben. Rotasch wußte das geschickt zu lenken und gegeneinander auszuspielen. Er war nie einer von denen, die trieben. Und gerade deshalb war er nützlich.“

Anadar schwieg.

Es war unerquicklich, sich einzugestehen, daß er den alten Dekan der Feurigen Feste vielleicht mehr vermißte, als er jemals gedacht hätte. Rotasch war bequem, eitel in kleinen Dingen, oft langsam, und doch hatte er die große Kunst beherrscht, keine Seite ganz zu vergraulen und jede gerade weit genug in die jeweils andere zu lenken, dass das Gebäude nicht einstürzte.

„Was ist ihr Ziel“, fragte Shara.

„Sie wollen, dass die Schulen unter sich bleiben“, antwortete Sinadie. „Kein Austausch mehr von Studenten. Oder nur noch festgelegte Pfade. Sie wollen keine Leute, die mehr als eine Schule beherrschen. Und da seid Ihr“, sie sah zu Anadar hinüber, „ihnen selbstverständlich ein Dorn im Auge. Sie berufen sich auf alte Texte, die besagen sollen, dass nur eine Disziplin erlernt werden solle.“

Anadar und Shara hörten aufmerksam zu.

„Die gleichen Texte“, fügte Sinadie mit einem Hauch trockener Ironie hinzu, „die an anderer Stelle sagen, daß Austausch stattfinden muß, damit die Lehren einander überwachen.“

Shara lächelte. „Es ist also eine Auslegungssache.“

„Das ist es immer“, sagte Sinadie. „Das ist, was wir Politik nennen.“

Das Boot trieb auf die Insel zu.

Das Wasser darunter war schwarzblau geworden, tief und unruhig, und auf der Kante des Himmels lag schon jene langsam anwachsende Spannung, die den kommenden Tagen ihr seltsames Gewicht gab.

„Und Ihr?“, fragte Shara nach einer Weile. „Welche Rolle spielt Ihr in diesem Gefüge?“

Sinadie lachte nicht, aber ihr Gesicht wurde heller.

„Ich? Ich passe darauf auf, keinen Fehler zu machen. Und jetzt passe ich darauf auf, dass der Fehler, der bereits gemacht wurde, nicht zum Gegenstand einer Untersuchung wird. Oder jedenfalls erst dann, wenn ich das Ergebnis lenken kann.“

„Ihr seid Euch darüber im klaren, dass das Fragen aufwerfen wird“, sagte Anadar.

„Ja.“ Sie nickte. „Nach einem Abtrünnigen, der verbotenes Wissen praktiziert hat, wirken viele Dinge erklärbar.“

Anadar sah sie kurz an.

„Ihr kennt also den Ausgang schon.“

Sinadie hob die Schultern. „Es sind immer die, die die Geschichte schreiben, die sie auch schreiben können.“

Shara warf ihr einen Blick zu, in dem Respekt und Vorsicht sich beinahe berührten.

„Roto ist im tiefsten Maße störend für Euch, oder?“

Sinadie zuckte mit den Schultern. „Er ist ganz mit Euch beschäftigt. Er versucht, Euch zu reizen, und ist dabei so überzeugt, klug zu sein, dass er nicht bemerkt, wie nützlich er in seiner Berechenbarkeit wird. Grot hält ihn beschäftigt, lenkt ihn in die richtigen Bahnen und hält ihn fern vom Wesentlichen.“

„Weiß Grot, was er da macht?“, fragte Shara.

„Ich denke nicht“, sagte Sinadie.

Dann lachte sie, hell, jung, beinahe leicht, und Anadar fiel zum ersten Mal mit wirklicher Schärfe auf, wie jung sie eigentlich war. Und doch war an ihr bereits jene Klugheit, die andere erst im Alter gewinnen, wenn überhaupt.

Sie legten an.

Das Wasser stand außergewöhnlich hoch, die Gezeiten vor der Trikrone griffen bereits weit in den Fels, und sie mussten die nassen Steine hochklettern, was keiner von ihnen wirklich als Mühe empfand. Das Salz hing in der Luft. Das Licht sank. Der Turm stand schwarz und unvollständig gegen den Himmel, und kaum hatten sie den Eingang betreten, schlug Naaarstr an.

Es ist hier, Anadar.

Die Stimme war nicht laut, aber von einer Dringlichkeit, die Anadar sofort aufhorchen ließ.

Unter deinen Füßen. Das grauenhafte Übel ist direkt unter uns. Ich spüre ihr Leiden.

Anadar blieb stehen.

Er kniete sich hin. Der Boden war kalt. Nicht bloß kühl wie Stein in einem leeren Gemäuer, sondern eigentümlich kalt an einzelnen Stellen, während andere wärmer wirkten, als sollte dort etwas gerade durch den Stein hindurch atmen. Er zog sein Schwert und begann, mit dem Knauf vorsichtig auf den Boden zu klopfen. Hier. Dort. Noch einmal.

„Hört Ihr das?“, fragte er die beiden Frauen. „Hier ist es hohl. Hier voll. Und hier wieder hohl.“

Er legte die Hand auf den Stein. An einer Stelle war er eisig, an der anderen beinahe lau. Er streckte seine Gedanken aus.

Morgut.

Kannst du bitte auf die Insel kommen.

Dann entfernte er einen Teppich, der halb verrottet und so unscheinbar gewesen war, dass man ihn gestern Nacht nicht einmal ernsthaft als Hindernis begriffen hatte. Darunter verlief eine feine Linie im Boden. Zu sauber für einen Zufall. Zu gerade. Zu abgeschlossen.

Er nahm eine Fackel von der Wand, entzündete sie mit einem kurzen Gedanken und ließ das Licht flach über den Boden streichen. Jetzt sahen auch Shara und Sinadie es deutlich. Eine Platte. Groß. Paßgenau eingefügt. Versiegelt oder verborgen, jedenfalls nicht Teil des ursprünglichen Bodens.

„Wie öffnet man das“, fragte Anadar halblaut. „Mechanisch. Oder magisch.“

Er konzentrierte sich. Versuchte zunächst, ob sich die Platte heben ließ, ob sich irgendwo ein Griff, ein Widerstand, eine Reaktion zeigte. Nichts. Also trat er in die Mitte, zog ein Stück Kohle aus der Tasche und zeichnete Zeichen auf den Boden. Keine großer Zauber, nur ein sauber gerichteter Stoß. Als er das Schwert auf den Stein schlug und den Zauber freisetzte, krachte es dumpf im Turm.

Die Platte sprang.

Ein Riß lief durch sie.

Doch sie zerbrach nicht.

Anadar versuchte es noch einmal. Und noch einmal. Der Stein bröselte an den Rändern, bekam Risse, aber hielt. Es war, als trage die Platte den Schlag nicht selbst, sondern leite ihn in etwas anderes weiter.

Die beiden Frauen beobachteten ihn zunächst, gaben dann beide, fast gleichzeitig, Anmerkungen. Zu senkrecht. Zu direkt. Zu viel Kraft nach unten statt in die Struktur. Anadar ließ schließlich Sinadie den Vortritt. Sie trat auf die Platte, stützte sich mit ihrem Stab, sammelte ihre Version der Lösung und ließ sie frei.

Wieder knackte es.

Wieder bröselte Stein.

Kein Bruch.

„Versiegelt“, murmelte Anadar. „Oder auf etwas gelegt, das nachgibt.“

In diesem Augenblick traf Morgut ein, und mit ihm Miene und Sindra, die sich selbstverständlich nicht hatten abhängen lassen. Er sah die drei, dann die Platte, dann die Spuren der bereits versuchten Gewalt und schüttelte sofort den Kopf.

„Ihr lenkt die Kraft senkrecht“, sagte er. „Das kann so nicht funktionieren.“

Er deutete ihnen mit jener unverschämt selbstverständlichen Sicherheit zurückzutreten, die man ihm nur verzieh, weil er so oft recht hatte. Dann kniete er sich hin, malte mit Kreide einen anderen Spruch auf die Platte, murmelte nur kurz, konzentrierte sich und hauchte schließlich feinen Staub aus seiner Hand auf den Stein.

Nichts geschah.

Nicht sofort.

Der ganze Turm bebte nur einmal kurz, tief, als hätte etwas im Fundament geantwortet. Die Platte rührte sich nicht.

Alle sechs sahen einander an.

Morgut hob die Hand. „Wartet.“

Dann, mit einem plötzlichen, trockenen Bersten, zerfiel die Platte zu Staub.

Für den Bruchteil eines Augenblicks lachte Morgut triumphierend auf.

Dann drang der Geruch nach oben.

Er traf sie mit einer Wucht, die fast körperlich war. Verwesung. Tod. Fisch. Altes faulendes Fleisch. Feuchtigkeit, die zu lange eingeschlossen gewesen war. Abfall. Etwas Süßliches darin, etwas Schweres, etwas so unerträglich Wiederwärtiges, daß allen im selben Augenblick die Luft wegblieb.

Sie stürzten hinaus.

Alle sechs.

An die frische Luft. Keuchend. Würgend. Tränen in den Augen. Selbst Anadar, der vieles ertragen konnte, mußte sich einen Augenblick gegen den Fels stützen, um nicht den Mageninhalt auf die Steine zu verlieren. Shara fluchte leise. Sinadie würgte nur trocken, mit beiden Händen an der Brust. Miene und Sindra hielten sich aneinander fest. Morgut, eben noch Sieger, wirkte so beleidigt, als habe der Turm selbst sein Gelächter persönlich beantwortet.

Unten an den Felsen bemerkten sie, dass das Wasser bereits wieder gestiegen war.

Das Licht sank rasch. Die Trikrone stand unmittelbar bevor. Über dem Meer lag jene eigentümliche Klarheit, die Nächte kurz vor solchen Konstellationen haben, als bereite der Himmel sich selbst auf etwas vor.

„Es wird gleich dunkel“, sagte Shara.

„Und das Wasser kommt“, ergänzte Sinadie.

Anadar nickte.

Sie alle wußten, was das bedeutete. Wenn dort unten etwas verborgen lag, dann mußten sie jetzt hinunter. Nicht morgen. Nicht nach dem Streit. Nicht nach der Konklave. Jetzt.

Also wappneten sie sich.

Fackeln. Tücher vor Mund und Nase. Zauber zur Lichtführung. Kleine Schutzzeichen gegen Gestank, gegen Übelkeit, gegen das, was sie vielleicht sonst noch erwarten mochte. Niemand sprach viel. Die Zeit des Redens war vorbei. Unter ihnen lag ein Hohlraum, der nach Tod stank und von dem Naaarstr gesagt hatte, daß dort das eigentliche Grauen sei.

Gemeinsam traten sie wieder in den Turm.

Und diesmal gingen sie nicht mehr auf ein Rätsel zu.

Sondern in dessen Schlund.

VIIV

Das konnte jetzt nicht wahr sein.

Tropil duckte sich instinktiv tiefer in den Sand, riss den Umhang hoch und warf ihn sich über Kopf und Schultern, gerade noch rechtzeitig, ehe der Sturm über sie hinwegfuhr wie ein lebendiges Urteil. Der Sand traf nicht wie Staub, nicht wie ein rauer Windstoß, sondern wie unzählige kleine Messer, die Haut suchten, Augen, Lippen, jeden Spalt im Stoff. Er grub die Knie tiefer in den Boden, preßte die Unterarme vors Gesicht, formte mit den Händen jenen kleinen Hohlraum vor Mund und Nase, den sie alle früh gelernt hatten, lange bevor sie das Kämpfen gelernt hatten. Atmen zuerst. Würde später.

Neben ihm ließ sich Sinf ebenso fallen, schnell, richtig, unerquicklich präzise. Natürlich tat sie das. Sinf machte nie Fehler, jedenfalls keine sichtbaren, und was Tropil an ihr am wenigsten leiden konnte, war nicht einmal ihre Besserwisserei, sondern diese unerschütterliche, fast glatte Ergebenheit gegenüber Zars, als gäbe es in der Welt nichts Ehrenvolleres, als die Gedanken einer anderen Frau zur eigenen Religion zu machen. In einem anderen Augenblick hätte er sich darüber geärgert. Hier, unter der wütenden Last des Sandes, blieb nur Überleben.

Der Sturm dauerte nicht lang. Vielleicht Minuten. Vielleicht nur Atemzüge, die sich in der Panik gedehnt hatten. Als das Toben nachließ und der Druck sich löste, hob Tropil zuerst nur den Kopf, dann die Schultern, dann sich ganz. Sand rann von ihm herunter, aus dem Umhang, aus den Falten der Kleidung, aus den Haaren unter dem Tuch. Er spuckte, wischte sich über die Augen und blickte in die Richtung, in die das Mädchen verschwunden war.

Die Windsäule stand noch immer in der Ferne.

Hundert Meter hoch vielleicht, vielleicht mehr, im Mondlicht silbrig und zugleich dunkel, eine wandernde Wand aus Bewegung, und in ihrer Mitte, das meinte er trotz der Entfernung noch zu ahnen, saß die kleine Magierin wie der ruhende Punkt in einer Waffe, die sich gegen ihre Schöpfer gewendet hatte. Der Sturm bewegte sich mit erschreckender Geschwindigkeit nach Norden.

Er hätte sie töten sollen.

Schon vor langer Zeit.

Der Gedanke war klar, einfach, wahr. Zars hatte befohlen, das Kind nicht anzurühren. Gnok hatte um Schonung gebeten. Er selbst hatte gehorcht, weil Befehl Befehl war und weil man in den Dünen nur alt wurde, wenn man die Kette von Befehl, Gehorsam und Verantwortung niemals verwechselte. Und nun sah er einem Sandsturm nach, in dessen Herzen jene lästige kleine Gärtnerin davonritt wie eine von den Monden begünstigte Heilige oder wie ein Fluch, der sich entschieden hatte, Beine zu bekommen.

Sinf richtete sich ebenfalls auf und sah ihn an.

Sie musste nichts sagen. In ihrem Blick lag bereits alles. Jetzt wird es ernst. Jetzt müssen wir uns beeilen. Jetzt wirst du die schlechte Nachricht überbringen dürfen, Tropil, und Zars wird sie mit genau jener Stille aufnehmen, die schlimmer ist als jeder Zorn.

Er fluchte nicht laut. Dazu war die Wut zu alt.

Sie liefen zu der Stelle zurück, an der sie die Pferde gelassen hatten, halb springend, halb rutschend die Dünen hinab, und natürlich waren die Tiere nicht mehr dort. Wer hätte es ihnen verdenken wollen. Der Sturm war über sie hinweggegangen wie über alles andere, und Pferde waren klüger als Menschen, wenn es um rechtzeitige Flucht ging.

Tropil stieß einen scharfen Pfiff aus, dann noch einen, höher, länger gezogen. Sinf stieg auf eine gegenüberliegende Düne, um ihre Reichweite zu vergrößern, und antwortete mit einer anderen Folge. Es war nichts Ungewöhnliches. So rief man verlorene Tiere, so fing man an, nach einem Sturm zu zählen, was noch bei einem war. Ungewöhnlich war nur, weshalb sie riefen. Ungewöhnlich war diese Nacht. Ungewöhnlich war der Anblick, der sich in Tropils Augen eingebrannt hatte.

Schließlich kamen die Pferde, schnaubend, nervös, halb von Sand gepudert.

Tropil und Sinf standen sich über zwei Dünen hinweg gegenüber und verständigten sich mit Handzeichen. Keine Zeit für Worte. Kein Bedarf daran.

Einer zurück ins Lager.

Einer dem Sturm nach.

Sinf nahm ohne Zögern die Verfolgung auf. Natürlich tat sie das. Schnell, gerade, in ihrer Zielstrebigkeit wie immer. Tropil sah ihr nur kurz nach, dann wandte er das Pferd und ritt zurück. Er wusste genau, warum er gehen musste. Nicht, weil er langsamer war. Nicht, weil er weniger fähig gewesen wäre. Sondern weil schlechte Nachrichten selten denen zufallen, die man gern leiden kann.

Gudi schlich sich in der Nacht in die Stadt, als wäre sie ein Schatten unter Schatten.

Sie kam von Süden heran, müde bis ins Mark, mit verbrannter Haut, trockenem Mund und jenem taumelnden Gefühl in den Knien, das einen Menschen daran erinnert, dass selbst Wunder nicht verhindern, dass ein Körper bezahlt, was er überlebt hat. Der Sandsturm war fort. Er hatte sich aufgelöst, als hätte er nur für sie bestanden, nur für diese Flucht, nur für jene eine Strecke zwischen Tod und Rückkehr. Was geblieben war, war der Schmerz. Und der Durst.

Ihr erster Weg führte sie zum Brunnen.

Nicht zu ihrer Parzelle, nicht zu einem Versteck, nicht zu einer Antwort. Nur zu Wasser. Sie kannte die Brunnen der Stadt, kannte die Schatten, in denen man warten konnte, die Uhrzeiten, zu denen niemand auf jemand anderen achtete, die Winkel, aus denen man sehen und selbst unbemerkt bleiben konnte. Doch jetzt war selbst all dieses Wissen zweitrangig. Alles in ihr zog zu dem einen Geräusch hin: Wasser, das in Stein stand.

Sie kniete sich hin, schöpfte mit zitternder Hand und zwang sich, langsam zu trinken.

Nur ein Schluck.

Dann noch einer.

Vorsichtig. Ganz vorsichtig.

Sie wusste, dass man nach solcher Austrocknung nicht gierig trinken durfte. Sie wusste es. Sie hasste es. Der Durst war beinahe übermächtig, ein Tier in ihrer Kehle, das brüllte, alles in einem Zug hinunterzuschütten, den ganzen Brunnen, die ganze Stadt, die ganze Welt leerzutrinken, bis endlich wieder Feuchtigkeit im Leib war. Doch sie zwang sich. Ein Schluck. Atmen. Noch einer. Warten.

Was nun.

Die Frage kam sofort, kaum dass der erste Schmerz nachließ.

Sie saß im Schatten, das Wasser noch in den Händen, und begriff, dass sie keinen Plan hatte, nur Misstrauen. Sie wusste nicht mehr, wer Freund und wer Feind war. Etwas Dunkles ging hier vor, etwas Magisches, Altes, Verbotenes, etwas, das sich nicht anfühlte wie Schule, nicht wie Unterricht, nicht wie die geordnete Welt, in der ein Zauber einen Namen, einen Meister und einen Zweck hatte. Ein Konstrukt unter der Stadt. Ein See. Eine Apparatur, älter als jede Erinnerung. Geheimwege in Mauern. Verschleierte Reiter. Gnok. Verrat. Sie begriff nichts mehr vollständig, nur eines: Bevor sie mit all dem zu den Meistern ging, musste sie mehr wissen. Viel mehr. Denn was, wenn Gnok darin verstrickt war. Was, wenn nicht nur er. Was, wenn die Meister selbst wußten, was dort unten geschah. Was, wenn ihr Bruder davon wusste. Der Gedanke traf sie härter, als sie zugeben wollte.

Sie wünschte, Morgut wäre hier.

Nicht in Ashambrat irgendwo. Bei ihr. Neben ihr. Jetzt. Mit seiner ruhigen, besseren, überlegenen Art, Dinge zu ordnen, bis sie nicht mehr wie Panik aussahen, sondern wie ein Problem, das sich lösen ließ.

Sie nahm noch einen Schluck, zwang sich wieder zum Warten und zog sich dann zurück, tiefer in den Schatten der Gassen, näher an ihre Parzelle, ohne sich ihr wirklich zu zeigen. Der Tag kam. Sie hielt sich verborgen. Trank. Wartete. Regenerierte so gut sie konnte. Ihre Gedanken liefen im Kreis, aber selbst ein Kreis ist besser als der völlige Fall ins Nichts. Und schließlich, als der Nachmittag sich über die Stadt gelegt hatte und das Licht hart und hell geworden war, traf sie eine Entscheidung.

Wenn sie noch einmal hinunter wollte, dann jetzt.

Am hellen Tag rechnete sie am wenigsten damit, dass man sie dort unten erwarten würde. Nachts, ja. Zur Trikrone, ja. Aber am Nachmittag, wo alle noch auf den Himmel sahen, auf die letzten Vorbereitungen, auf die Stadt. Sie hielt das für klug. Vielleicht war es nur Verzweiflung mit einem hübscheren Namen.

Sie schlich sich zu ihrer Parzelle.

Sie war kaum lange weg gewesen, und doch sahen die Pflanzen schon aus, als hätten sie Wochen kein Wasser bekommen. Die Blätter ließen hängen, die Erde war zu trocken, und in Gudi stieg ein absurder Schmerz auf, weil selbst jetzt, nach allem, ein Teil von ihr zuerst dachte: Ihr armen Dinger.

Sie blickte sich um.

Niemand.

Vorsichtig aktivierte sie den Mechanismus.

Ein Klick.

Und sie stand wieder auf den Treppen nach unten.

Es war zu einfach.

Vielleicht zu einfach.

Sie blieb auf der obersten Stufe stehen, das Herz augenblicklich wieder schneller. Sie hatte nicht weit genug gedacht. Wenn jetzt jemand von oben kam, sah man sie sofort. Kein Versteck, kein Winkel, keine Ausrede. Sie musste weiter hinunter. Sofort. Vorsichtig, die Füße so setzend, dass kein Laut von ihr ausging, schlich sie die Treppen hinab. Bei jedem Schritt wünschte sie sich ihren Bruder an die Seite. Ein einziger Blick von Morgut hätte ihr gesagt, was an dieser Leichtigkeit falsch war.

Unten angekommen, hielt sie an und lauschte.

Niemand.

Der Saal lag vor ihr wie beim ersten Mal. Die Apparatur hing in der Mitte des Raumes, beinahe schwebend, und darunter dieser See, glatt wie ein Spiegel, still wie etwas, das zu alt ist, um sich noch an gewöhnliche Bewegung zu halten. Überall fiel Licht von außen in den Raum, schräg, hell, und jetzt, da sie nicht zum ersten Mal hier war, begriff sie, dass es von den Mauern des Gartens kommen musste, von Öffnungen oder Lichtschächten, die so gesetzt waren, dass der Raum atmete, ohne sich je ganz zu zeigen. Sie vergaß jede Vorsicht.

Sie trat hinaus.

An den Rand des Sees.

Sie sah die Apparatur nun klarer, ihre Streben, Halterungen, Glasgefäße, Winkel und Verbindungen, alt, unglaublich alt, älter als vieles, das in Ashambrat als alt galt. Und sie wusste nicht, wieso oder warum oder wer dies erbaut hatte, nur dass es mit einer Geduld und einem Wissen geschaffen worden war, die ihr den Atem nahmen.

„Neugierig und berechenbar.“

Die Stimme hinter ihr war kühl.

Gudi fuhr herum.

Da stand eine Sondra, schlank, verschleiert, bewaffnet, die Arme jedoch vor der Brust verschränkt. Nur die Augen waren sichtbar. Bernsteinfarben. Klar. Unangenehm ruhig. Keine Anstrengung in ihrer Haltung, kein Zucken, kein Angriff. Nur diese irritierende Mischung aus Geduld und Ungeduld, als wäre Gudi nicht Gefahr, sondern Verzögerung.

Gudi fühlte, wie ihr Herz ihr in den Hals stieg.

Ertappt.

Schon wieder.

„Du bist neugierig“, sagte die Frau, „und anscheinend eine mächtige Magierin, wie ich erfahren habe, wenn die Geschichten nicht maßlos übertrieben sind und du dich nicht einfach irgendwie davongestohlen hast, Kind.“

Die Gestalt machte keine Anstalten, sie anzugreifen. Im Gegenteil. Sie deutete mit einer schmalen Bewegung der Arme auf einen Platz weiter hinten, als bitte sie Gudi beinahe zur Seite.

„Wenn wir dich nicht fernhalten können, Gudi, dann müssen wir dich wohl teilhaben lassen. Fühle dich geehrt. Du bist die erste deiner Spezies, die seit sehr langer Zeit diese Ehre erfahren durfte.“

Sie trat vom See zurück.

Gudi folgte ihr, mehr aus Verwirrung als aus Gehorsam.

„Ich bin Zars“, sagte die Frau, „Anführerin der Sondra, und ich bin auserkoren, die Ernte der Mondtropfen zu gewährleisten.“ Dann eine kurze Pause. „Und glaube mir, Kind, diese Ernte ist für uns wichtiger als unser eigenes Leben.“

Sie führte Gudi eine Treppe hinauf, die diese beim ersten Besuch nicht gesehen hatte, schmal und in der Wand verborgen. Oben lag ein Raum, von dem aus sich der Saal besser überblicken ließ. Zars blieb an einem Fenster stehen. Gudi trat neben sie.


Beim scheiben habe ich Ave Maria (Live at Metal Chruch) von Tarja gehört, empfehle ich beim lesen ebenfalls.


Unten veränderte sich das Licht.

Langsam zuerst, dann merklicher. Das helle Tageslicht starb, kippte, wurde kühler, und von draußen floß nun jenes blaue Leuchten hinein, das die Monde über die Nacht legten, hinzu kam ein rötlicher Ton von Jonus, der ebenfalls am Himmel stand, fern und doch mit einer Gegenwart, die man sah. Gudi hatte nicht bemerkt, wie Gnok plötzlich auf der anderen Seite neben ihr stand. Auch andere Gestalten kamen hinzu. Weitere Sondra füllten den Raum. Sie standen still, Schulter an Schulter, und keiner sprach. Alle blickten hinab.

Und Gudi vergaß die Zeit.

Das blaue Licht spiegelte sich in dem See. Dann der rote Ton. Dann beides zusammen, und plötzlich lag auf der Oberfläche ein Schimmer, als würde der See selbst von innen zu atmen beginnen. Er pulsierte. Erst kaum sichtbar. Dann deutlicher. Kleine Tropfen lösten sich aus der Oberfläche, hoben sich für den Bruchteil eines Augenblicks einige Millimeter über das Wasser, nur um wieder zurückzufallen. Immer mehr. Kleine, größere, silberblaue, rot durchzogen, als fange der See selbst an, sich auszuatmen.

Und dann sah sie es.

Oben an der Apparatur begannen sich Tropfen zu bilden. Nicht am Wasser. An den Streben. Sie kondensierten dort, wuchsen langsam, sammelten sich, glitten in feinen Bahnen entlang der Konstruktion nach unten und wurden in Glasgefäße geleitet, die an bestimmten Punkten hingen. Sobald sich ein Gefäß füllte, leuchtete es bläulich auf, mit einem kleinen roten Kern in seinem Innern, als wäre Licht selbst darin gefangen. Ein erstes. Dann ein zweites. Dann mehr. Tropfen für Tropfen. Und sobald eines dieser Fläschchen ein bestimmtes Gewicht erreicht zu haben schien, löste es sich, wanderte weiter, wurde versiegelt und landete schließlich sauber gereiht in bereitstehenden Kästchen am Boden.

Ein ausgeklügeltes System.

Alt, anmutig, vollständig.

Und es arbeitete ganz ohne Eingreifen.

Ein Raunen ging durch die Sondra. Kein Jubel, kein Lärmen, nur ein tiefes, gemeinsames Ausatmen, als spürten sie alle gleichzeitig, dass diese Ernte gut werden würde, ungewöhnlich gut, vielleicht so gut wie seit langer Zeit nicht mehr. Immer mehr Fläschchen füllten sich. Immer mehr Licht wanderte durch die Streben. Unten war der Saal nun ganz von diesem silberblauen Schimmer erfüllt, durchzogen von den roten Reflexen des fremden Gestirns, und Gudi verstand plötzlich, warum um dieses Geheimnis ein solcher Schutz gebaut worden war.

Es war nicht nur kostbar.

Es war schön.

Nicht die kleine, freundliche Schönheit eines Gartens oder eines gelungenen Zaubers, sondern jene größere, anmutigere Schönheit, die fast weh tut, weil sie so offensichtlich älter ist als alle, die sie betrachten. Das Lichtspiel war herrlich. Still. Präzise. Elegant. Selbst die Apparatur, die ihr bei Tag wie ein Rätsel erschienen war, wirkte nun wie etwas Organisches, als sei sie nicht erbaut, sondern aus dem Zusammenspiel von Monden, Wasser und Zeit selbst gewachsen.

Gudi stand da und starrte.

Sie vergaß für einen Augenblick alles andere. Die Wüste. Die Gefangenschaft. Die Verfolgung. Gnok. Verrat. Selbst die Angst schien sich vor diesem Schauspiel kurz zurückzuziehen, nicht besiegt, aber stillgestellt.

Und eine unendlicher Frieden legt sich über sie.

Ende Teil I

 
 
 

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