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Anadar IV/III

  • Autorenbild: R.
    R.
  • vor 7 Minuten
  • 39 Min. Lesezeit

XII

Xian wusste lange, bevor es geschah, dass die Verhöre in die nächste Stufe übergehen würden.

Es war beinahe lehrbuchhaft, und genau deshalb beunruhigte es sie nicht, sondern bestätigte nur, was sie längst vermutet hatte. Unda kam eines Tages nicht allein. Zwei kräftige Männer begleiteten sie, beide in Weiß gekleidet, zu sauber, zu gleichförmig, zu gesichtslos, als dass sie Diener hätten sein sollen. Der dunkle Wächter blieb wie immer hinter der Tür, unsichtbar beinahe und doch mit dieser reglosen Präsenz, die den Raum füllte, ohne ihn zu betreten.

Man setzte ihr einen Sack über den Kopf.

Die Hände blieben gefesselt.

Sie leistete keine Gegenwehr. Wozu auch.

Raus.

Links.

Fünf Schritte.

Dann wieder links.

Zwölf Schritte.

Rechts.

Wieder zwölf.

Eine Tür.

Warten.

Dann weiter. Dreißig Schritte. Rechts. Wieder eine Tür. Schließlich wurde sie auf einen Stuhl gesetzt.

Und dann geschah lange nichts.

Ruhe. Schweigen. Dunkelheit.

Eine Stunde vielleicht. Vielleicht weniger. Vielleicht mehr. Genug, um die Zeit klebrig werden zu lassen. Genug, damit der Körper anfing, sich in Anspannung zu verkrampfen. Genug, um Ungeduld in Furcht zu verwandeln, wenn man nicht wusste, was man tat.

Sie wusste, was man tat.

Man ließ den Gefangenen im Dunkeln sitzen, ohne Handlung, ohne Reiz, ohne Maß für die Zeit, bis das eigene Denken anfing, gegen einen zu arbeiten. Bis man für jede Stimme dankbar wurde. Selbst für die des Feindes.

Dann ging die Tür auf.

Schwere Schritte.

Jemand setzte sich ihr gegenüber.

„Ihr Name ist Xian, richtig?“

Sie nickte.

Eine Pause.

„Würdet Ihr bitte antworten.“

„Würdet Ihr mir die Maske abnehmen, bitte.“

Der Mann stand auf, trat hinter sie und zog ihr den Sack vom Kopf.

Xian atmete hörbar aus. Nicht gespielt genug, um falsch zu wirken. Nur genug, um dankbar zu erscheinen. Sie wollte dieses Spiel mitspielen, wollte die Verängstigte geben, die Erschöpfte, die Panische, die langsam froh wird über jede erkennbare Form von Menschlichkeit. Insgeheim aber analysierte sie.

Der Raum war schlicht. Kalt. Zu leer, um zufällig leer zu sein. Der Mann vor ihr war nicht der von Nigk erwähnte, aber aus derselben Art: kontrolliert, sauber, direkt. Kein unnötiger Schmuck. Keine überflüssige Geste. Und wieder begann dieselbe Folge von Fragen.

Nur schärfer.

Direkter.

Und was ebenfalls mitschwang, war immer wieder Drohung.

Nicht offen. Nicht plump. Sondern auf jene Weise, die auf Wirkung berechnet ist. Dass ihren Begleitern etwas zustoßen könne. Dass Unda in Gefahr gerate, wenn Xian ihnen nicht entgegenkäme. Dass Kooperation Leben schütze, und Schweigen den Preis erhöhe. Auch hier spielte Xian mit. Sie gab sich betroffen, anfällig, besorgt, ließ kleine Regungen von Angst zu, gerade genug, damit sie glaubwürdig blieben.

Doch in Wahrheit war alles daran durchsichtig.

Eine weitere Stufe.

Druck durch Bindung.

Druck durch Schuld.

Druck durch den Versuch, Fürsorge in Erpressung zu verwandeln.

Beinahe so, wie sie es selbst gelernt hätte. Nur vielleicht, dachte Xian, mit mehr Härte. Mehr Gewalt. Mehr Zeitdruck, wenn der Fall dringlich genug wäre oder die Leute unter ihr weniger diszipliniert. Was sie insgeheim am meisten wunderte, war, dass hier nicht mit körperlichem Stress gearbeitet wurde. Keine Schläge. Kein Schlafentzug. Keine offen sichtbare Folter. Noch nicht. Das bedeutete entweder, dass sie sie wirklich brauchten oder dass sie überzeugt waren, Zeit auf ihrer Seite zu haben.

Also blieb Xian bei ihrer Geschichte.

So nah an der Wahrheit, wie sie es sich leisten konnte.

Jede Nuance, jede Unsicherheit, jede falsche Betonung würde registriert werden. Jede Delle in der Erzählung wäre eine Stelle, an der man später bohren würde. Es würde noch genug Zeit geben, Variationen einzubauen, wenn man welche brauchte. Noch war Konstanz ihr größter Schutz.

Als man sie zurück in die Zelle brachte, kettete man sie wieder an die Wand und verschloss die Tür.

In der Nacht signalisierte Nigk ihr, dass ihm dasselbe widerfahren war.

Noch hatten sie die Kontrolle.

Nicht über Xiodri vielleicht, aber über alles andere. Und Xiodri hatte von ihnen nur das gehört, was sie auch hier erzählten. Die Hexe hatte ihnen nicht geglaubt, nicht ein Wort, aber sie hatte ihre Zweifel für sich behalten, und das musste genügen.

Das Verhör verlief weiter wie nach Drehbuch.

Nur vielleicht mit weniger Härte, als Xian selbst gewählt hätte. Das machte es nicht ungefährlicher, nur langwieriger. In den Pausen versuchte sie weiterhin, ihre Fesseln zu lösen. Es gelang ihr nicht. Sie waren sorgfältig verschlossen, wurden nur geöffnet, wenn man sie zum nächsten Verhör holte, und jedesmal wieder kontrolliert. Immer dieselben dunklen Augen an der Tür. Immer nur beobachtend. Nie eingreifend. Nie sprechend. Als sei dieses Wesen nicht Person, sondern Teil des Hauses selbst.

So vergingen die Tage. Oder das, was sie dafür hielt.

Bis eines Abends, so vermutete sie jedenfalls, Nigk auf ihr Klopfen nicht antwortete.

Nicht einmal verzögert.

Nicht einmal mit einem falschen Takt.

Nichts.

Zuerst redete sie sich ein, er sei noch nicht zurück. Dann, dass er vielleicht schlafe. Dann, dass er verletzt sei. Dann kam die Panik. Nicht schnell. Nicht als Schrei. Eher wie etwas Kaltes, das langsam den Bauch füllte und von dort in Brust und Hals stieg.

Doch dann hörte sie ein Klicken an der Tür.

Sie drehte den Kopf.

Die Tür öffnete sich vorsichtig.

Und da stand ihr Bruder.

Wäre sie nicht angekettet gewesen, sie wäre auf ihn losgestürzt. So riss sie nur an den Ketten, und Nigk war schon bei ihr, schnell, mager, real. Für einen Atemzug hielt sie ihn einfach nur fest, so heftig, als müsse sie durch die Umarmung prüfen, ob er wirklich aus Fleisch war und nicht bloß aus Hoffnung. Er roch nach Schweiß, Metall, Müdigkeit und dem gleichen Gefängnis wie sie. Es war der beste Geruch der Welt.

Doch Nigk war schon an ihren Fesseln.

„Wir haben keinen Plan?“

„Fliehen“, antwortete er.

„Wir brauchen zuerst Informationen“, beharrte Xian. „Wir haben nichts.“

„Du hast das Band?“

„Ja.“

„Weißt du, wie es wirkt?“

„Nein. Er sagte nur …“

Sie stockte.

Aus dem Augenwinkel.

Zur Tür.

Hatte sie es sich eingebildet?

Diese Augen.

Sie riss den Kopf herum und stürmte zur Tür. Blickte dahinter. Nichts. Nur der dunkle Gang. Nur Leere.

Aber sie waren da gewesen.

„Xian. Das Band.“ Nigk schrie sie beinahe an, zu leise für einen echten Schrei, zu dringlich für alles andere. „Wie wirkt es?“

Xian kam zurück, nestelte unter dem Amulett herum, zog das Band hervor, noch immer eng gefaltet, verborgen getragen, all die Zeit.

„Nein, ich weiß nur…“

Wieder brach sie ab.

Abrupt.

Zur Tür.

Da waren sie wieder.

Diese Augen.

Nicht eingebildet.

Nicht Erinnerung.

Da.

Und im selben Augenblick riss die Wirklichkeit.

Schmerz.

Lärm.

Gestank.

Die Welt hing plötzlich schief, oder sie hing über ihr, sie wusste es nicht. Kopfschmerzen schossen ihr in den Schädel. Vor ihr ein Gesicht, schwarz wie die Nacht, nur von den Augen und den weißen Zähnen gebrochen. Spitz zulaufende Ohren. Eine Haut, die sich kaum vom Dunkel dahinter abhob. Es lächelte.

Und dieses Lächeln entblößte lange, spitze Eckzähne.

Im Hintergrund erklang etwas wie Lachen. Mehrere Stimmen vielleicht. Oder nur dieselbe Stimme aus verschiedenen Winkeln.

Dunkle Finger fuhren beinahe zärtlich über Xians Gesicht.

Dann Worte, nah an ihrem Ohr, in einer Sprache, die sie nicht verstand, gefolgt von anderen, die sie verstand:

„Diese hier. Sie ist stark und klug.“

Dann wurde es dunkel.

XIII

Hokn’f war außer sich.

Vor Wut, ja. Aber fast noch mehr vor Enttäuschung.

Diese Narren.

Allesamt.

Grot, Roto und Kolnidranooora. Wobei er bei dem letzten Namen mittlerweile nicht einmal mehr sicher war, ob er den Mann für einen Narren oder für Überflüssig halten sollte. Wo blieb dieser Idiot überhaupt? Sie hatten einen Auftrag gehabt, einen einzigen klaren Auftrag: Anadar aus dem Weg zu räumen oder ihn wenigstens so weit in die Enge zu treiben, dass er sich in der Konklave nicht mehr würde herauswinden können. Und was hatten sie daraus gemacht? Eine lächerliche Veranstaltung. Ein improvisiertes Anklagegeplärre ohne Vorbereitung, ohne abgestimmte Zeugenschaft, ohne klare Linie, ohne auch nur den Hauch jener Disziplin, die nötig gewesen wäre, um einen Mann wie Anadar wirklich zu fassen.

Und dann Sinadie.

Hokn’f verzog das Gesicht.

Diese kleine Göre.

Er hatte sie unterschätzt. Das musste er sich nun zähneknirschend eingestehen. Er war davon ausgegangen, sie würde sich in dem Maße lenken lassen, in dem junge Dekane sich lenken lassen, wenn sie glauben, ein älterer, erfahrener Mann aus Ashambrat wisse schon, was für die Ordnung der Schulen das Beste sei. Stattdessen hatte das Püppchen ein Eigenleben entwickelt. Nicht einmal unklug. Gerade das war das Ärgerliche. Sie hatte nicht laut opponiert, nicht offen gebellt, nicht die falsche Form gewählt. Sie hatte sich eingefügt, nur um im entscheidenden Augenblick das Messer zwischen die Rippen der Planung zu schieben.

Das musste nun schnellstmöglich unterbunden werden.

Sie war die längste Zeit Dekanin der Wasserschule gewesen, wenn es nach ihm ging. Er musste seinen Einfluss nur richtig geltend machen. Die Geschichten um das Seemonster ließ sich mit etwas Geschick und dem rechten Druck ohne weiteres in ihre Richtung biegen. Eine unsaubere Schule. Ein abtrünniger Meister. Verbotene Praktiken unter ihrer Aufsicht. Ein Monster, das über Monate oder Jahre unbemerkt heranreifen konnte. Die Schuld lag beinahe schon sauber bereit, man musste sie nur noch an der richtigen Stelle festbinden.

Er musste nur seine eigenen Leute auf den Inseln der Winde kontaktieren.

Nicht über Roto.

Und ganz sicher nicht über Grot.

Was waren das doch für unfähige Narren.

Grot, gewiss, den konnte man benutzen. Er war eitel, leicht zu reizen, verlässlich in seinem Hass und von einer geistigen Schwerfälligkeit, die ihn berechenbar machte. Solche Männer waren nicht wertvoll, weil sie klug waren, sondern weil sie immer wieder dorthin liefen, wo man sie hinstellte, wenn man ihnen nur das Gefühl gab, selbst entschieden zu haben.

Aber Roto.

Hokn’f schnaubte.

Roto hatte einen einfachen Auftrag gehabt: nach Gontar gehen, zuerst mit Fontal sprechen und dann gemeinsam mit ihr auf die Inseln der Winde ziehen. Das war nicht schwer. Das war nicht einmal besonders raffiniert. Jeder mittelbegabte Schuljunge mit etwas Ehrgeiz hätte diesen Auftrag sauberer erfüllt als jener aufgeblasene Windbeutel. Stattdessen hatten sie in ihrem überheblichen Wahn Anadar frontal angegriffen, ohne Beweise, ohne Absicherung, ohne vorbereitetes Echo im Raum. Und der Feuermagier hatte sich daraus so leicht befreit, als würde er eine Fliege von der Wand zerquetschen.

Hokn’f strich langsam mit dem Daumen über die Armlehne seines Sessels.

Langsam sah er ein, dass drei Schulen im Bündnis zu wenig waren.

Zu wenig, um auf Dauer die Kontrolle über alle Schulen zu behalten. Zu wenig, um die Auslegung des Kodex wirklich zu formen. Zu wenig, um die Konklave in jene Richtung zu drücken, die notwendig war. Die Feuermagier standen ihrem Dekan nahezu geschlossen zur Verfügung, das war ihre alte Stärke und die Gefahr zugleich. Die ganze Befehlsstruktur dieser Ausbildung war darauf angelegt, Linie zu halten. Rotsch hatte das perfekt verstanden. Rotsch war gegen beinahe jede Beeinflussung gefeit gewesen und hatte die Schulen gespielt wie ein Puppenspieler seine Puppen. Ein Meister von einer Art, die nur alle paar Generationen hervorkam. Manador war bei weitem nicht so geschickt. Noch nicht einmal annähernd. Er mischte sich nicht gern in die Geschicke anderer ein, hielt sich zu sehr an das Eigene, war zu direkt, zu wenig verschlagen. Er würde Fehler machen. Daran zweifelte Hokn’f nicht im Geringsten.

Die Mutter?

Unmöglich.

Nicht einzuspannen. Nicht zu fassen. Nicht einmal verlässlich zu lesen. Sie war die einzige von wirklicher Gefahr, gerade weil sie ihre Macht nicht ausspielte wie andere. Bei ihr wusste man nie, auf welcher Seite sie stand, nur dass sie nie dort stand, wo man sie gern gehabt hätte.

Damit blieb Tandor.

Und gerade dort boten sich Möglichkeiten.

Slonda fehlte. Schon seit Monaten. Spurlos. Der Mann, der in der Nachfolgefrage Trandas die natürliche Rolle eingenommen hätte, war verschwunden. Isidre war im Moment nicht dort. Tranda selbst war alt. Kränkelnd. Sichtbar schwächer als noch vor kurzem. Und in Tandor gab es Freunde. Männer und Frauen, die nicht sofort nein sagten, wenn man die richtigen Worte wählte, wenn man ihnen zeigte, was an Gewicht zu gewinnen war, wenn erst einmal die richtige Nachfolge stand.

Hokn’f entspannte sich etwas und lehnte sich in seinem Sessel zurück.

So schlecht war die Lage doch gar nicht.

Nicht einmal eine wirkliche Niederlage war es. Eine Schlacht, gut. Eine Schlacht hatten sie verloren. Wegen Dilettantismus, wegen verletzter Eitelkeiten, wegen Männern, die zu früh den Mund aufrissen. Aber die Zeit spielte noch immer für ihn. Und Zeit war unter den Schulen eine Waffe, die die meisten unterschätzten.

Selbstsicher ließ er den Kopf gegen die Lehne sinken und begann von Neuem, Pläne und Ränke durchzugehen, Bündnisse zu ordnen, Namen zu sortieren, Nachfolgefragen neu zu bewerten. Am Ende, davon war er noch immer überzeugt, würde er stärker aus dieser Geschichte hervorgehen, als alle jetzt dachten.

Er sah sich bereits als den Mann, der die Geschicke der Schulen auf Jahrzehnte hinaus lenken würde.

Gnok und Gudi saßen nun schon seit Tagen in seinem Turm.

Immer wieder gingen sie alles durch.

Gudi hatte in dieser Zeit unendlich viel mehr über Magie gelernt als in den letzten Jahren zusammen. Gnok nahm mit ihr jede Schicht des Wirbelzaubers auseinander, jede Linie, jedes Zeichen, jede kleine Hakung, jede scheinbar nebensächliche Silbe. Er erklärte ihr die Herkunft einzelner Worte, die Tiefe ihrer Bedeutung, die Verwandtschaft mancher Zeichen mit älteren Formeln, die Art, in der Wind nicht nur Bewegung, sondern Verhältnis war. Er sprach von Druck und Leere, von Richtung und innerem Zug, von der Frage, warum manche Zauber nicht aus Kraft, sondern aus richtiger Ordnung heraus wirkten. Und Gudi sog all das in sich auf mit jener fiebrigen Aufmerksamkeit, die sie selbst überraschte.

Sie arbeiteten an der Formel für den Wirbel.

Nicht bloß an einer Beschreibung dessen, was ihr gelungen war, sondern an einer theoretischen Fassung, die wiederholbar sein sollte. Das war der eigentliche Anspruch. Nicht ein Wunder zu bestaunen, sondern es zu bändigen. Auf Papier zu bringen. An Zeichen zu ketten. Gudi versuchte sich immer wieder in jenen Augenblick zurückzuversetzen, in dem sie in Panik geraten war, in die Bewegung ihrer Hände, in die Reihenfolge der Zeichen, in den inneren Riss, an dem plötzlich alles zusammengekommen war. Immer wieder glaubte sie, etwas zu fassen, nur damit es ihr im nächsten Satz wieder entglitt.

Und sobald sie gemeinsam eine Version hatten, die wenigstens in der Theorie Sinn ergab, gingen sie in die Wüste.

Nicht direkt vor die Tore der Stadt. Nicht am Tag. Nicht dort, wo neugierige Blicke sie sehen und Fragen stellen konnten, auf die man bessere Antworten brauchte, als sie gerade zur Verfügung hatten. Gnoks Turm hatte einen direkten Ausgang zur Wüste, einen jener alten, klug verborgenen Zugänge, die man nur kennt, wenn man sehr lange an einem Ort lebt oder sehr lange dafür sorgt, dass andere sie nicht kennen. So konnten sie kommen und gehen, wann immer sie wollten, ohne an den Wachen vorbei zu müssen. Niemand nahm Notiz von ihnen. Oder wenigstens niemand, der sich das anmerken ließ.

Wie viele Tage vergingen, wusste Gudi bald nicht mehr.

Immer wieder kehrten sie mit Misserfolg zurück.

Und immer wieder mit neuen Ideen.

Mit neuen Vermutungen.

Mit neuen Formeln.

Mit verworfenen Linien, die vielleicht doch nicht ganz falsch gewesen waren. Mit Zeichen, die zu schwer waren. Mit anderen, die zu leicht blieben. Mit der Frage, ob ihre Panik damals nicht bloß der Auslöser, sondern ein wesentlicher Teil der Struktur gewesen war. Das beunruhigte Gudi und faszinierte sie zugleich. Denn wenn das stimmte, dann ließ sich der Zauber vielleicht nicht einfach denken. Vielleicht musste man ihn an einer Grenze fühlen, an der der Körper schneller war als der Verstand.

Gudi vernachlässigte ihre Parzelle völlig.

Sie wusste das. Sie nahm es sich jeden Abend vor, sich morgen darum zu kümmern, und vergaß es am nächsten Morgen wieder, sobald Gnok mit einem neuen Ansatz vor ihr stand oder sie nachts aus der Wüste zurückkehrten, voller Sand, voller Müdigkeit, voller gescheiterter Möglichkeiten.

Doch ihre Parzelle wuchs trotzdem.

Ohne weiteres Gießen. Ohne Pflege. Ohne ihr Zutun.

Immer wenn sie ab und zu einen Blick hinwarf, war sie noch üppiger geworden. Noch dichter. Noch voller. Vielleicht ein bisschen zu gut. Vielleicht so gut, dass bald auch anderen auffallen musste, dass dort etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

XIV

Die Wochen und Monate vergingen, und Slonda wurde immer besser darin, die Zusammenhänge zu verstehen.

Anfangs hatte er noch geglaubt, er müsse die Zeit begreifen wie ein Buch, das man einmal von vorne bis hinten liest und dann verstanden hat. Sehr bald merkte er jedoch, dass sie sich eher wie ein Geflecht verhielt, wie ein Stromsystem aus Bewegungen, Widerständen, Knotenpunkten, Wahrscheinlichkeiten und jenen feinen, kaum zu benennenden Spannungen, die darüber entschieden, ob ein Übergang nur denkbar war oder tatsächlich betreten werden konnte. Und je mehr er davon verstand, desto weniger Zeit verbrachte er in der Bibliothek. Oder eigentlich gar keine mehr. Die Bücher waren nicht verschwunden, sie waren nur in den Hintergrund getreten gegen das, was Pildara ihm zeigte.

Er hing an ihren Lippen, wenn sie sprach.

Nicht aus Ehrfurcht allein, obwohl auch davon genug in ihm war, sondern weil sie die seltene Gabe besaß, selbst das Schwerste so zu erklären, dass man sich weder unterschätzt noch belehrt fühlte. Sie führte ihn durch die Gefüge der Zeit, durch ihre Ströme, ihre Faltungen, ihre Korridore und Brüche, und langsam begann Slonda, nicht nur die Theorie zu verstehen, sondern in ihr zu leben. Er wurde immer sicherer darin, mögliche Konstellationen zu finden, Übergänge zu sehen, Risiken zu gewichten und jene schmalen Brücken zu erkennen, die zwischen zwei Zeitlagen überhaupt begehbar waren. Manchmal war er darin sogar geschickter als seine Lehrmeisterin, oder wenigstens schneller. Pildara bemerkte das natürlich sofort, machte aber nie ein Aufheben darum. Immer dann, wenn er Unterstützung brauchte, war sie da, präzise und geduldig. Ansonsten hielt sie sich zurück und ließ ihn machen, als wüsste sie genau, dass manche Fähigkeiten nur dann wirklich wachsen, wenn niemand einem dauernd die Hand führt.

Eines Tages, es wurde bereits kühler unter der Eiche, und die ersten Blätter welkten gelb an den Rändern, eröffnete Pildara ihm, dass sie nun in die Schule gehen sollten. Ein wichtiges Ereignis stehe bevor.

Sie spezifizierte das nicht weiter.

Das war ihre Art. Sie gab nie mehr Zukunft preis, als für den nächsten Schritt nötig war. Sie erwähnte nur nebenbei, dass sie Tandor bald verlassen und Richtung Gontar aufbrechen würden. Zu Pferd. Konventionell.

Und genau das taten sie.

Slonda war fast kindlich gespannt darauf, die Gegend, die er aus seiner eigenen Zeit kannte, nun in einer Zeit zu sehen, die lange vor allem lag, was ihm vertraut war. Und sehr rasch musste er einsehen, dass er im Grunde gar nichts kannte. Es gab zwar einen Fluss, denselben Lauf, dieselbe Bewegung von Wasser zwischen Tal und Küste, doch der Name war nicht Bricht, wie er ihn aus seiner Zeit kannte, sondern Krucht. Es werde wohl derselbe sein, vermutete Slonda. Oder eher: der Bricht seiner Zeit war vermutlich der Krucht dieser Welt, abgeschliffen von Jahrhunderten, Mundarten, Kriegen und dem langsamen Verändern menschlicher Zungen.

Die Straße führte anders.

Die Pflanzen am Wegrand waren andere.

Manche davon hätte Slonda viel weiter südlich vermutet, andere hätte er gar nicht erkannt, und oft war das einzige, was ihm überhaupt wie ein Anker vorkam, die Kette der Berge im nördlichen Hintergrund. Doch selbst dort war er sich nicht sicher, ob sie wirklich dieselben waren oder ob sein Geist nur aus Gewohnheit Übereinstimmung hineinlas, wo in Wahrheit der Abstand der Jahrhunderte schon im Stein saß.

So ritten sie hinunter Richtung Küste, und wie Slonda bald feststellen musste, gab es den Großen Markt noch nicht.

Oder nur in einer so kümmerlichen, frühen Form, dass man dafür denselben Namen kaum hätte verwenden wollen. Wo in seiner Zeit Steinlager, Kais, gepflasterte Wege, große Speicher und das Gedränge des Handels lagen, war hier nicht viel mehr als eine befestigte Straße, einige frühere Ansammlungen von Werkstätten, Stallungen und kleinen Marktflächen. Die Straße, die hindurchführte, war breit, ungewöhnlich gerade und mit einem so nüchternen Zweck gebaut, dass sie fast unmagisch wirkte.

Pildara nannte sie die Legionsstraße.

Und sie erklärte ihm, dass zu dieser Zeit ein großes Kaiserreich diese Lande beherrschte und solche Straßen baute, nicht für Schönheit, nicht einmal für Handel zuerst, sondern für Kontrolle, Geschwindigkeit, Versorgung, Heer und Ordnung. Sie sprach darüber in einer Weise, als sei all das bereits Geschichte und Gegenwart zugleich, als lägen Entstehung und Verfall eines Reiches in ihrem Blick so dicht beieinander, dass es kaum lohnte, zwischen ihnen zu unterscheiden. Slonda kam dabei zum ersten Mal der Gedanke, Pildara direkt zu fragen, aus welcher Zeit sie eigentlich stamme.

Sie lächelte.

Und antwortete, dass man eine Lady so etwas nicht frage.

Damit war die Sache erledigt.

Während sie ritten, bekam Slonda einen Abriss über menschliche Geschichte, soweit sie Pildara überhaupt für erwähnenswert hielt. Und da die menschlichen Angelegenheiten Magier nun einmal nur in dem Maße interessierten, in dem sie mit den Schulen, ihren Räumen und ihren Spielräumen kollidierten, war dieser Abriss eher knapp, aber nicht unaufschlussreich. Kaiser hier. Kaiser da. Dynastien. Nachfolgen. Kriege. Friedenszeiten. Seuchen. Verrat. Aufstieg, Glanz, Zerfall. Fortschritt und Rückschritt. Ein Reich entsteht. Ein Reich zerfällt. Dazwischen immer wieder Menschen, die glauben, ihre Gegenwart sei das Zentrum aller Geschichte, und dann sterben sie, und die Straße bleibt, oder auch sie bleibt nicht.

Was blieb, sagte Pildara mit einer Trockenheit, die fast schon Bosheit war, waren die Schulen.

Institutionen.

Seit Jahrtausenden.

Und etwas anderes war ebenfalls gleich geblieben: Alle Magier wurden mit dem Mal geboren.

Diesem Mal.

Einem Zeichen, das sie besonders machte, sie hervorhob, sie auswies, noch bevor sie irgendein Wort der Kunst gelernt hatten. Ein rötlicher Fleck am Genick, bei Geburt sichtbar, so deutlich, dass selbst Bauernfrauen und Hebammen wussten, was er bedeutete. Ein Kind mit diesem Mal war für die Schulen bestimmt, oder jedenfalls für die Prüfung, ob es dafür taugte. Niemand hatte je zuverlässig vorhersagen können, wer es bekommen würde. Keine Familie, keine Linie, keine Blutrechnung war darin verlässlich. Das Mal kam, wo es wollte. Oder wo die Welt es wollte.

Der erste Ritus der Schulen, erklärte Pildara, sei die Initiation.

Danach verschwand das Mal.

Nicht, weil es bedeutungslos geworden wäre, sondern weil es seine Aufgabe erfüllt hatte. Es hatte ausgewählt. Danach gehörte der Magier der Schule, und die Schule zeichnete ihn auf andere Weise.

Auch das, bemerkte Slonda, hatte sich seit Jahrtausenden kaum geändert.

Und so ritten sie schließlich im Herbst nach Gontar.

Diese Stadt hatte sich sehr gewandelt.

Das alte Gontar war keine stinkende Matschgrube, keine unerquicklich eng gewordene Stadt aus späteren Jahrhunderten, sondern eine sorgfältig angelegte, fast lichte Stadt mit breiteren Wegen, mehr Ordnung, besserem Stein und einem Eindruck bewusster Planung. Über allem lag die Schule des Lebens, groß und klar in ihrer Anlage, und zu Slondas stiller Überraschung stellte sich heraus, dass auch die Schule der Zeit hier ihren Platz hatte.

Oder vielmehr: ihren kleinen Bereich.

Pildara sagte ihm mit hörbarer Belustigung, dass die Zeitmagier nie wirklich ins Gewicht fielen. Nie mehr als ein paar. Zu fast keiner Zeit. Wobei man das so genau eben nicht bestimmen könne, fügte sie hinzu und lachte glockenhell über ihre eigene Relativierung, als bereite ihr dieser alte Witz immer noch Freude.

Sie ritten in die Schule des Lebens ein und zogen sich dort in jenen kleinen Bereich zurück, der den Zeitmagiern zugewiesen war. Pildara zeigte ihm die einzelnen Räume. Die große Bibliothek der Lebensschule, die in Wahrheit für Slondas Begriffe eher bescheiden wirkte, vielleicht zehn Regale, nicht mehr, dazu ein kleiner Lesesaal in einem Turm, den die Zeitmagier mitbenutzen durften. Wissen wurde schon immer vor allem in Tandor gehortet, bemerkte Pildara trocken, und Gontar sei in dieser Frage nie eitel genug gewesen, etwas anderes zu behaupten.

Dort ließ sie ihn schließlich sitzen.

Sie entschuldigte sich mit einer dringenden Angelegenheit, die sie zu erledigen habe, und verschwand, ohne weitere Erklärung, was Slonda mittlerweile fast schon beruhigend fand. Er begann in den Büchern zu stöbern und verlor rasch jedes Gefühl für die Stunden. Hin und wieder kam ein Diener, brachte Tee, später etwas zu essen, später wieder Tee, und so verging die Zeit, wie sie in Bibliotheken immer vergeht, nicht merklich, sondern indem sie sich einfach hinter einem schloss.

Er saß tief in einem Sessel, ein Buch auf dem Schoß, so vertieft in das, was er las, dass er zuerst gar nicht bemerkte, als jemand den Raum betrat.

Die Person blieb geduldig stehen.

Nicht räuspernd, nicht hustend, nicht sich bemerkbar machend, sondern einfach dort, als wüsste sie genau, dass Slonda früher oder später ohnehin aufblicken würde. Und als er es tat, erschrak er so tief und vollkommen, dass ihm das Buch fast aus den Händen fiel.

Er blickte in sein eigenes Gesicht.

Älter, gewiss.

Vielleicht nicht viel älter, aber genug, dass das Alter nicht mehr verwechselbar war. Das gleiche Gesicht, nur härter gezogen, wissender, mit Linien um die Augen, die weniger von Müdigkeit als von langem Leben und langem Denken sprachen.

Sein älteres Gegenüber räusperte sich und lächelte.

„Es ist immer ein bisschen seltsam, wenn wir uns selber begegnen“, sagte er. „Eigentlich versuchen wir das zu vermeiden.“

Dann lachte er.

Die ältere Version lächelte. Die jüngere saß mit offenem Mund da.

„Vor allem“, fuhr der Ältere fort, „weil die ältere Version weiß, wie dumm und unwissend sie bei dieser Begegnung in Wirklichkeit war.“

Nun lachte er voll.

„Hab keine Sorge. Ich werde dir nichts verraten.“

Slonda versuchte sich zu fassen. „Du? Du bist ich?“

„Wie es aussieht.“

„Das war die Begegnung, die Pildara meinte?“

„Richtig.“

Der ältere Slonda trat ein wenig näher an den Tisch, musterte den jüngeren mit einer Mischung aus Zuneigung, Spott und jener eigentümlichen Verlegenheit, die wohl nur entsteht, wenn man das eigene frühere Gesicht betrachten muss.

„Es ist nun notwendig“, sagte er, „du bist beinahe so weit, dass du von der Theorie zur Praxis gehst.“

Slonda blickte sich selbst in die Augen und fand darin etwas, das ihn noch mehr verstörte als die Ähnlichkeit: Vertrautheit. Der Mann vor ihm war ihm fremd, und doch war keine einzige Bewegung wirklich fremd.

„Zu der Zeit, in der du lebst“, sagte der Ältere, „das sind wilde Zeiten. Und sie werden immer unberechenbarer.“

Slonda lächelte unsicher. „Und deshalb kommst du?“

„Ich komme nicht, weil ich es für klug halte“, sagte der ältere Slonda. „Ich komme, weil es notwendig ist.“

Er wurde ernster.

„Es ist elementar, dass du ein paar Dinge tust, Slonda. Ich kann dir dabei nicht helfen, jedenfalls nicht im eigentlichen Sinn. Du wirst die richtigen Entscheidungen treffen. Nur lass dir gesagt sein, dass dein Bruder, unser Bruder, unsere Hilfe braucht. Er steht an einem sehr gefährlichen Abgrund, und er darf nicht kippen.“

Slonda blickte ihn verständnislos an.

„Er braucht Informationen“, sagte der ältere Slonda, „die in seiner Zeit nicht mehr vorhanden sind. Und er braucht sie schnell. Du musst Übergänge finden, die dich zurück in seine Nähe führen und dann wieder weg, zu den Informationen, die er braucht. Und dann muss diese Information wieder den Weg zu ihm finden. Mehr kann ich dir nicht sagen.“

„Aber du hast das alles doch bereits erlebt?“

„Ja.“

Der ältere Slonda nickte.

„Aber auch wir sind nur menschlich. Und unser Leben ist lang. Wenn ich es dir sage, ist es möglicherweise falsch oder nicht richtig. Du musst dich auf dein Urteil in deinem Jetzt verlassen und nicht auf meine Erinnerung. Das ist wichtig.“

Er legte eine Hand auf die Lehne des Sessels, als müsse er den nächsten Satz besonders fest setzen.

„Suche Übergänge, die dich zurück zu deinem Bruder führen. Möglichst in seine Nähe. Aber es ist wichtig, dass dies nach der Zeit liegt, in der du ihn das letzte Mal gesehen hast. Er hat… sagen wir… neue Erfahrungen und Freunde gewonnen.“

Slonda blickte ihn noch immer an, als lausche er einer Sprache, deren Grammatik er zwar kannte, aber deren Sinn noch nicht in seinen Kopf wollte.

„Es ist wichtig“, sagte der ältere Slonda noch einmal. „Verstehst du? Dein Bruder lebt lineare Ereignisse, die alle auf etwas hinführen. Auf ein Ereignis, hinter das wir alle nicht blicken können. Und dieses Ereignis kommt näher und näher. In seiner Zeit. Die Übergänge dorthin sind limitiert. Die Übergänge mit reduziertem Risiko. Je älter er wird, desto mehr Unsicherheit kommt hinzu.“

„Du kennst die Theorie“, fuhr er fort. „Und nun hast du deinen Auftrag.“

Dann lächelte er wieder schief.

„Bedenke, dass du, sobald du in seiner Zeit bist, dich orientieren musst, wo sich dein Bruder befindet, und dann den Ort, an dem er sich befindet, zur selben Zeit auch findest. Das klingt einfacher, als es ist.“

Slonda saß immer noch da, völlig überfahren.

Der ältere Slonda sah das, und sein Gesicht wurde für einen Augenblick weich.

„Ich weiß, wie verwirrt du bist“, sagte er. „Ich war es damals auch.“

Dann brach er wieder in Lachen aus.

„Und mach dir einen Gefallen. Iss nie Krabben in Trodsing. Tu es nicht. Zu keiner Zeit. Nie.“

Der ältere Slonda lachte noch, als er die Kammer verließ.

Und der jüngere blieb verdutzt zurück, das Buch vergessen auf dem Schoß, den Blick noch immer auf die Tür gerichtet, durch die eben sein eigenes zukünftiges Gesicht verschwunden war.

XV

Zeit. Anadar hatte keine mehr.

Er spürte, wie ihm die Geduld entglitt, wie der innere Zug, der ihn seit der Begegnung mit der Krake und den Bildern der Vorzeit ohnehin schon vorwärtstrieb, nun endgültig scharf wurde. Die Konklave war vorbei, der Beschluss gesprochen, die Stimmen verklungen, das ganze langsame Werk der Schulen noch einmal in Form gegossen, und er wusste, dass er nun endlich anfangen musste, sich um die Dinge zu kümmern, die wirklich drängten.

Er verließ die Konklave beinahe als Erster.

Nicht fluchtartig, nicht offen unhöflich, aber doch mit jener geraden, unnachgiebigen Zielstrebigkeit, die jedem, der ihn kannte, verriet, dass er für keine weiteren Worte mehr zur Verfügung stand. Er ging durch den Saal zurück, über den die Wassermagier die Konklave betreten hatten, denn man verließ die Versammlung stets über den Zugang, über den man gekommen war.

Shara und Morgut folgten ihm als sie ihn wieder in der Halle durch die Tür gehen sahen.

Beide warfen ihm Fragen zu, erst mit Blicken, dann mit Worten, aber Anadar antwortete nicht sofort. Er wollte jetzt von niemandem mehr aufgehalten werden. Von keinem der Meister. Von keiner letzten Höflichkeit. Von keinem jener halben Gespräche, in denen man noch einmal dieselben Dinge anders verpackt hörte. Also marschierte er mit den beiden im Schlepptau so rasch wie möglich von der Insel der Konklave fort.

„Wie weit sind die Vorbereitungen?“, fragte er, sobald sie weit genug von den anderen entfernt waren.

„Das Schiff ist fertig“, sagte Morgut. „Wir können auslaufen, wann immer wir möchten.“

„Wer wird uns begleiten?“

Morgut warf Shara einen kurzen Blick zu, doch Anadar antwortete rasch.

„Nur wir drei“, sagte er mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch zuließ. „Nur wir drei. Wir reisen schnell. Wir reisen unauffällig.“

„Wirst du uns nun endlich erzählen, was in der Konklave beschlossen wurde?“, fragte Shara ungeduldig.

„Gleich.“

Sie kamen auf der ihnen zugewiesenen Insel an, wo Miene und Sindra bereits warteten. Beide sahen so aus, als hätten sie gespürt, dass etwas bevorstand, noch bevor ihnen irgendjemand etwas gesagt hatte. Anadar sah sie an, lächelte kurz, fast freundlich, und ging dann ohne Umweg auf sie zu.

Er blickte ihnen tief in die Augen.

„ Wir werden euch hierlassen müssen.“

Ohne Umschweife, beide wollten sofort protestieren. Natürlich wollten sie das. Das Nein lag ihnen bereits offen im Gesicht, noch ehe sie Luft geholt hatten.

„Es ist, um euch zu schützen“, sagte Anadar und hob eine Hand, um jede Erwiderung noch im Entstehen abzuschneiden. Dann ließ er eine kurze Pause, die gerade lang genug war, um den eigentlichen Schlag sauber zu setzen. „Und es ist nicht meine alleinige Entscheidung. Sprecht mit eurer Mutter.“

Damit ließ er sie stehen.

Nicht grausam, nicht absichtlich grob, aber mit jener abrupten Endgültigkeit, die nur jemand an den Tag legen kann, der wirklich keine Zeit mehr zu verlieren glaubt. Ihr Protest versiegte nicht, er verlagerte sich nur. Er wusste genau, wohin sie nun gehen würden, und das genügte ihm. Er wandte sich ab, ging in seine Kammer und nahm Shara und Morgut mit sich.

Dort angekommen, schloss er die Tür.

„Die beiden sind nun damit beschäftigt, an anderer Stelle zu protestieren“, sagte er trocken. „Sie werden uns hier nicht belauschen.“

Er setzte sich auf das Bett, lehnte die Unterarme auf die Knie und gab ihnen eine grobe Zusammenfassung der Konklave. Nicht jedes Wort. Nicht jede Intervention. Nur das Wesentliche. Die Anklage. Grots Versuch, ihn in das Zentrum des Ganzen zu ziehen. Sinadies Auftritt. Den Beschluss. Die Einberufung einer Inquisition. Und vor allem: dass sie selbst nur als Zeugen geführt würden, nicht als eigentlicher Gegenstand der Untersuchung.

Dann zog er den Brief hervor, den Manador ihm unter dem Tisch zugeschoben hatte, und reichte ihn Shara.

„Kannst du ihn lesen? Es schien Manador wichtig, dass dies niemand zufällig belauscht.“

Shara nahm ihn, blickte Anadar kurz an und fragte: „Du hast ihn nicht gelesen?“

„Nein“, sagte er. „Ich möchte vor unserem unberechenbaren Freund noch ein paar Geheimnisse haben.“ Er deutete mit einem knappen Blick in Richtung des Schwertes. „Lies ihn. Und entscheide du, ob ich ihn wissen muss.“

Shara las den Brief aufmerksam.

Dann noch einmal.

Ihr Gesicht veränderte sich dabei kaum, doch Anadar kannte sie gut genug, um zu sehen, dass der Inhalt Gewicht hatte.

„Ich kann ihn Morgut geben?“, fragte sie.

Anadar blickte zu dem jungen Magier. „Sicher.“

Morgut las.

Dann stieß er einen leisen Pfiff aus und hob den Blick zu Shara. Einen Augenblick lang sahen die beiden einander an, und Anadar wusste sofort, dass sie sich ohne Worte verständigten. Er platzte beinahe vor Neugier, riss sich aber am Riemen. Es tat ihm gut, sich selbst noch nicht völlig gläsern geworden zu fühlen.

„Und?“, fragte er schließlich. „Ändert es unsere Pläne?“

Shara und Morgut warfen sich noch einen Blick zu. Dann drehte Shara sich zu ihm um.

„Das kann warten. Wir müssen zuerst eine Lösung für dein dringendstes Problem finden.“

Sie lächelte, faltete den Brief zusammen und steckte ihn ein.

„Das wird warten müssen.“

Am nächsten Morgen standen die drei bereits unten am Turm.

Miene und Sindra waren ebenfalls da, beide sichtbar zerknirscht, in jener schweigenden Weise, die verriet, dass sie eines jener unfreundlichen Gespräche mit der Mutter hinter sich hatten, aus denen niemand als Sieger hervorging, gleichgültig, was gesagt oder beschlossen worden war.

Neben ihnen standen noch andere.

Nicht viele, aber genug.

Grot war da, und mit ihm mehrere Magier der Wasserschule. Sie hatten gespürt, dass eine Abreise bevorstand, und sie waren gekommen, um sie zu verhindern. Ihre Haltung war grimmig, die Gesichter verschlossen, die ganze kleine Versammlung roch schon von weitem nach Ärger, Unsicherheit und jenem halb geliehenen Autoritätsgefühl, das Menschen bekommen, wenn sie glauben, in der Mehrheit zu sein.

Grot führte das Wort.

„Ihr werdet die Inseln nicht verlassen, Anadar. Ihr seid Gegenstand einer Inquisition.“

Anadar blickte ihn nur an.

„Nein, Grot“, sagte er ruhig. „Die Wasserschule ist dies. Und die Umstände, die zu dem Seemonster geführt haben. Ich bin nur gehalten, als Zeuge aufzutreten.“ Er ließ eine kleine Pause und setzte mit betont milder Stimme nach: „Und verstehe mich als Randfigur. Schließlich wart ihr es, die das Monster besiegt haben. Und es war einer der Eurigen, der dieses Monster geschaffen hatte. Oder es gar selbst war?“

Mehrere der umstehenden Magier blickten ihn an.

Nicht feindselig mehr, sondern überrascht. Er hatte ihnen gerade etwas eröffnet, das sie so offenbar noch nicht wussten. Es schien, als habe Grot nur sehr selektiv Informationen geteilt. Das war immer gefährlich. Nicht weil es moralisch verwerflich war, sondern weil Menschen sich ungern vor Publikum dabei ertappen lassen, dass man ihnen die halbe Wahrheit gegeben hat.

„Ihr werdet hierbleiben“, sagte Grot mit allem Trotz und aller geliehenen Autorität, zu der er fähig war.

„Sagt wer? Ihr?“

Anadar wurde nun wirklich ungehalten. Nicht einmal aus Furcht vor dem Beschluss. Eher, weil dieser wichtigtuerische Narr ihm schon wieder Zeit stahl.

„Ich bin als Zeuge geladen. Die Inquisitoren dürfen mich gern befragen. Dazu muss ich nicht hier verweilen.“

Dann legte sich ein Grinsen auf sein Gesicht.

Es war kein freundliches Grinsen.

Es war jenes schmale, beinahe gefährliche Aufhellen, das verriet, dass ein Teil von ihm plötzlich Lust hatte, seinen Frust endlich an jemandem auszulassen, der ihn verdient hatte. Grot sah es. Und er trat einen Schritt zurück. Nur einen. Aber genug, dass auch die anderen es bemerkten. Die Unterstützung um ihn herum begann bereits zu wanken.

„Stop.“

Die Stimme kam von hinter ihnen.

Alle drehten sich um.

Sinadie trat aus dem Turm. Auf einen Stock gestützt, blass, die Bewegungen sichtbar schmerzhaft, doch aufrecht. Isidre war an ihrer Seite, wütend genug, um wahrscheinlich drei Menschen gleichzeitig verarzten und erwürgen zu können. Zu Anadars Überraschung stand auch Roto bei ihnen.

Sinadie sah zuerst Anadar an.

„Kann ich einen Moment eurer Zeit beanspruchen, Meister Anadar?“

Ihr Blick war fest.

„Bevor ihr hier einen Streit vom Zaun brecht, den nun wirklich keiner bei klarem Verstand führen will.“

Dann wandte sie sich Grot zu.

„Und Ihr?“ Ihre Stimme kühlte merklich ab. „Ist das die Gastfreundschaft, mit der man Gäste behandelt, die uns in unserer Not zu Hilfe geeilt sind? Ihr solltet euch schämen.“

Damit drehte sie sich einfach um.

Nicht hastig, nicht triumphierend, sondern mit jener erschöpften Selbstverständlichkeit einer Frau, die offenbar beschlossen hatte, dass der Raum sich nach ihr richten müsse, weil sie selbst nicht mehr die Kraft hatte, sich noch nach irgendwem sonst zu richten. Von Roto und Isidre begleitet, ging sie in den Turm zurück.

Anadar, Shara und Morgut folgten ihr.

Drinnen wartete Sinadie, bis die Tür geschlossen war, und blickte die drei der Reihe nach an, vor allem Anadar.

„Von Diplomatie haltet ihr nichts? Ihr wärt durch ihn hindurchmarschiert, nur um von dieser Insel zu gelangen?“

„Vielleicht hättet ihr es geschehen lassen sollen“, sagte Anadar trocken. „Ihr hättet damit ein Problem weniger.“

Sinadie fasste sich an die Seite und ließ sich mit einem hörbaren Nachlassen in einen Sessel sinken. Die Bewegung ließ ihre Wunde wieder aufbrechen; Isidre fluchte leise, kniete sofort neben ihr und begann mit geübten Händen den Verband zu richten.

„Ich werde nicht mehr lange Dekanin hier sein“, sagte Sinadie, noch ehe Isidre sie zum Schweigen zwingen konnte. „Und ich denke, meine Bewegungsfreiheit wird sehr bald eingeschränkt sein. Sie werden versuchen, mir diesen ganzen Schlamassel unterzuschieben.“

Anadar schwieg.

„Ihr werdet heute auslaufen“, sagte sie dann. „Mit Roto und Son und Indra an Bord.“

Anadar setzte bereits zu einem Einwand an, doch diesmal war es Roto, der ihn unterbrach.

„Wartet.“

Es war das erste Mal seit längerem, dass seine Stimme nicht nach Selbstüberschätzung klang, sondern nach jemandem, der verstanden hatte, wie knapp Dinge geworden waren.

„Uns ist allen klar, dass ihr andere Angelegenheiten verfolgen müsst“, sagte er. „Und dass ihr keine Zeit mehr habt. Ebenso ist uns klar, dass ihr nicht wollt, dass ich oder sonst jemand euch folgt. Deswegen hört bitte bis zu Ende.“

Anadar verstummte.

Roto nickte Sinadie zu und sprach weiter.

„Unterwegs werde ich auf dem Schiff bleiben, während ihr drei umsteigen werdet. Wir haben alles vorbereitet. Indra und Son werden mich begleiten. Wir werden Kolnidranooora suchen. Es fehlt immer noch jede Spur von ihm. Keiner von uns wird wissen, wo ihr an Land geht. Keiner wird wissen, wohin ihr wirklich weiterzieht. Aber jeder hier auf den Inseln wird denken, dass alles seinen geregelten Gang nimmt und ihr von mir begleitet werdet.“

Anadar schwieg einen Herzschlag länger als nötig und blickte zu Shara, dann zu Morgut. Beide nickten.

„Gut“, sagte er schließlich. „Dann machen wir es so.“

Sinadie atmete flach ein.

„Wenn ihr hinaustretet, Anadar, dann tut wenigstens so, als wärt ihr zerknirscht. Das würde helfen, die Umstehenden davon zu überzeugen, dass alles ordnungsgemäß abläuft.“

Sie griff nach seinem Arm.

„Bitte.“

Dann, nach einer kleinen Pause, mit einer Müdigkeit, die plötzlich ehrlicher wirkte als jede Schärfe zuvor:

„Und was immer ihr erledigen müsst … ich wünsche euch dabei viel Erfolg.“

Damit sackte sie ein wenig in sich zusammen. Nicht ohnmächtig, nur erschöpft bis auf den Grund.

Beim Hinausgehen passte Isidre sie ab.

Genauer: Sie passte Shara ab, auch wenn sie Anadar und Morgut dabei nicht ignorierte.

„Ich würde euch gern begleiten“, sagte sie, „jedoch braucht Sinadie mich gerade dringender. Ich würde euch in eurem Zustand lieber unterstützen, aber es ist auch das Natürlichste der Welt, ihr werdet schon damit klarkommen.“

Shara blickte sie verständnislos an.

„Isidre, ich verstehe nicht, was ihr meint.“

Isidre hielt inne.

Dann sah sie Shara einen langen, fast ungläubigen Moment an.

„Ihr wisst es nicht? Ihr wisst es wirklich nicht?“

Shara runzelte die Stirn.

Isidres Gesicht wurde unerwartet weich.

„Shara“, sagte sie, „du bist schwanger. Glückwunsch.“

Der Satz fiel in die Luft wie ein Stein in stilles Wasser.

Nichts bewegte sich für einen Augenblick.

XVI

Wenigstens war ihr Bruder am Leben.

Das allein hielt Xian in den ersten Stunden, vielleicht Tagen, davon ab, den Verstand ganz zu verlieren. Genau wie sie war Nigk gefangen. Er war neben ihr, so nah, dass sie seine Stimme hören, sein Atmen unterscheiden, manchmal sogar das leise, kontrollierte Anspannen seiner Muskeln wahrnehmen konnte, wenn er versuchte, sich aus der Vorrichtung zu befreien, in der sie beide feststeckten.

Auch Xiodri war im selben Raum.

Oder in derselben Höhle.

Denn ein Raum war dies nicht, jedenfalls keiner, den Menschen gebaut hätten. Dafür war alles zu schief, zu unregelmäßig, zu sehr gewachsen statt errichtet. Die Decke war niedrig, drückend beinahe, und anfangs, als Xian noch halb benommen gewesen war, hatte sie geglaubt, sie hänge kopfüber. Dieser Eindruck war nicht völlig irrational gewesen, denn ihre Bewacher schienen an Wänden laufen zu können, ja selbst an der Decke, als wäre für sie oben und unten nicht dasselbe wie für gewöhnliche Lebewesen. Mehr als einmal waren sie plötzlich direkt vor ihrem Gesicht aufgetaucht, hängend, still, mit diesen schwarzen Gesichtern und den weißen Fangzähnen, so nah, dass sie ihren Atem hatte spüren können.

Sie und Nigk steckten beide in Vorrichtungen, die jede wirkliche Bewegung beinahe unmöglich machten. Ihr ganzer Oberkörper bis hinauf zur Brust war darin eingefasst, warm umschlossen von einem Material, das sich nicht tot anfühlte, nicht wie Metall oder Stein, sondern beinahe lebendig. Es gab unter ihren Rippen leicht nach, wo ihr Atem ging, passte sich an, ohne zu lockern, und hielt sie gerade dadurch umso gründlicher fest. Ihre Hände waren auf dem Rücken fixiert, der Rest des Körpers ragte aus dem Gefängnis hervor, aber auch dort war jeder Spielraum so knapp, dass Flucht kaum mehr als ein Hohn gewesen wäre. Sie konnte den Kopf bewegen. Den Hals. Ein wenig die Schultern. Das war alles.

Und doch war ihr nicht kalt.

Das war fast das Unheimlichste an der Sache. Die Höhle war dunkel, feucht und voller Schatten, und dennoch schien diese lebendige Einfassung eine eigene Wärme zu tragen, gerade genug, um den Körper nicht erstarren zu lassen. Es war eine fürsorgliche Art von Gefangenschaft, und gerade deshalb widerte sie Xian an.

Die Höhle selbst war riesig, zumindest hatte sie diesen Eindruck. Sie konnte nicht weit sehen. Zu viel Dunkelheit, zu viele Vorsprünge, zu viele Bewegungen, die sich im Halbschatten verloren. Nur manchmal, wenn irgendwo weiter hinten ein mattes Leuchten aufflackerte oder wenn eine der schwarzen Gestalten an einer Wand entlanglief, bekam sie einen Eindruck von Weite, von Tiefe, von einem Gewölbe, das sich weit über das hinaus fortsetzte, was menschliches Sehen im Dunkeln zuverlässig erfassen konnte.

Alles daran war verwirrend.

Immer wieder kamen ihre Bewacher zu ihr. Immer wieder dieselben schwarzen Gesichter, dieselben dunklen Augen, dieselben weißen Zähne, die im Halbdunkel stärker hervortraten als alles andere. Immer wieder wurden ihnen dieselben Fragen gestellt. Manchmal in einem altertümlichen Dialekt, rauh, tief, voll von Lauten, die sich aneinander rieben wie Stein auf Stein. Manchmal direkt im Kopf, und dann klangen dieselben Fragen völlig anders: moderner, klarer, unmittelbarer, fast so, als wäre die Bedeutung direkt und ohne Umweg in ihren Geist gelegt worden.

Vor allem zwei Dinge schienen von Interesse zu sein.

Das Amulett.

Und das Band.

Oder genauer: die Funktion des Bandes.

Vor ihnen, auf einem gestellartigen Tisch, lagen die übrigen Gegenstände, die man ihnen abgenommen hatte. Die Bögen. Der Sack. Die Brille. Die Messer. Alles sauber ausgelegt, alles sichtbar, alles griffbereit und doch unerreichbar. Nichts davon schien diese Wesen wirklich zu interessieren. Sie fragten danach nur am Rand. Die eigentliche Aufmerksamkeit galt den Amuletten, ihrem Hersteller und dem Band, das Xian fast im richtigen Augenblick aus der Kleidung gezogen hatte, ehe die Wirklichkeit wieder kippte.

Es war kein Problem, dass die drei Gefangenen miteinander sprachen. Ihre Bewacher unterbanden das nicht. Im Gegenteil, manchmal schien es fast, als lauschten sie mit größerem Interesse den Gesprächen zwischen Xian, Nigk und Xiodri als den direkten Antworten auf ihre eigenen Fragen. Wie Xiodri einmal mit bleichem Gesicht und jener spröden Nüchternheit bemerkt hatte, war wohl gerade das Kennenlernen zwischen ihnen von Bedeutung. Nicht ihre einzelnen Fähigkeiten. Nicht Xiodris Gestaltwandlung. All das schien von zweitrangigem Interesse nur das Kennenlernen.

Etwas an ihrer Verbindung war wichtiger.

Als wieder eines dieser Wesen sich näherte, von der Decke wohlgemerkt, und mit den weißen Fangzähnen direkt vor Xians Gesicht hängenblieb, nahm es erneut das Amulett in die Hand und stellte wieder dieselben Fragen.

„Welcher Meister machte Schmuck für euch?“

„Wer es dir geben?“

„Warum?“

Diesmal begann Xian, den Spieß umzudrehen.

Nicht offen trotzig. Nicht töricht genug, sie bloß reizen zu wollen. Aber scharf genug, um das Spiel nicht mehr völlig nur über sich ergehen zu lassen.

„Warum sagt ihr mir nicht, warum dies von solchem Interesse für euch ist?“, fragte sie. „Wenn es dir gefällt, dann nimm es dir doch einfach.“

Sie erntete ein weißes Lächeln, das kein Lachen war.

Eher das Gegenteil davon.

„Wenn es so einfach wäre.“

Die Stimme kam nicht von der Gestalt vor ihr.

Sie war tiefer. Sehr viel tiefer. So tief und rauh, dass Xian die Worte zuerst kaum verstand. Es klang, als spräche ein Felsblock mit ihr, einer, der irgendwann gelernt hatte, dass Sprache nützlich sein kann, ohne deshalb aufzuhören, Stein zu sein.

„Wer?“, fragte sie und blickte sich um, doch sie sah niemanden.

Dann hörte sie es.

Ein Geräusch, als rolle schwerer Stein über Stein.

Und tatsächlich rollte etwas aus der Dunkelheit heran.

Es blieb vor ihrem Gefängnis stehen. Einen Moment lang war es nur eine seltsame, niedrige Masse, kaum klar gegen den Boden zu erkennen. Dann richtete es sich auf.

Es war ein Männchen.

Beinahe breiter als hoch, mit zwei Beinen, zwei Armen und einem Gesicht, das tatsächlich wie aus Stein gehauen wirkte, nicht bloß rauh oder runzlig, sondern mineralisch, als bestünde Haut hier aus derselben Materie wie Fels. Xian konnte im schwachen Licht nicht alles erkennen, nur dass das Wesen ihr kaum bis übers Knie gereicht hätte, wäre sie frei gestanden.

Die Stimme polterte wieder.

„Diese Artefakte, die ihr um den Hals tragt, schützen euch vor der Aversion. Und sie geben dem, der sie euch gegeben hat, Auskunft über euren Zustand. Ob ihr es tragt oder nicht. Ob ihr lebt oder tot seid. Wer immer es euch gegeben hat, ist ein wahrer Meister. Und er ist schlau.“

Im Hintergrund entstand sofort Bewegung.

Zischen.

Aufregung.

Laute aus der Dunkelheit und von der Decke, scharf, schnell, heftig.

Das kleine steinerne Wesen rollte beinahe mit den Augen, sofern ein Wesen aus Stein so etwas tun konnte.

„Was“, polterte es, nun deutlich lauter, „sollen sie machen? Wem sollen sie es erzählen? Was derjenige nicht eh schon weiß.“

Eine der schwarzen Gestalten sprang von der Decke herab und baute sich vor dem Zwerg auf. Sie war größer, schlanker, gefährlicher in ihrer Bewegung, und sie gestikulierte heftig, während sie laut zischte, als wäre jedes Wort ein Messerzug.

Das kleine Wesen wich keinen Fingerbreit zurück.

„Wirklich?“, grollte es. „Du willst mir drohen?“

Dabei fasste es an seinen Gürtel, wo, so vermutete Xian, eine Waffe hing. Mehr Zischen. Mehr Erregung. Die Luft selbst schien für einen Augenblick angespannter zu werden, als hätte hier jemand eine Grenze überschritten, die nicht für Gefangene, sondern innerhalb ihrer Bewacher galt.

Schließlich rollte der Kleine wieder davon.

Einfach so.

Zurück in die Dunkelheit, aus der er gekommen war.

Auch die schwarzen Gestalten zogen sich zurück, widerwillig, lautloser als noch zuvor, bis nur das unruhige Echo ihrer Bewegungen an Wand und Decke blieb.

„Was zur Hölle ist das“, fragte Nigk schließlich.

Mehr zu sich selbst als zu den beiden Frauen.

Xian wusste keinen Rat.

Sie blickte zu Xiodri.

Und sah, dass die Hexe blass geworden war. Wirklich blass. Nicht nur erschöpft, nicht nur unwillig oder still, sondern mit jenem Ausdruck im Gesicht, den Menschen nur tragen, wenn etwas aus Geschichten plötzlich Fleisch bekommt.

Das war vielleicht das Beunruhigendste von allem.

Formularbeginn

Formularende

XVII

Fans war Fischer.

Schon sein ganzes Leben lang.

Sein Vater war Fischer gewesen, und seines Vaters Vater ebenso. Es war kein Beruf, über den man groß nachdachte, keine Entscheidung, die man traf, weil einem eines Tages etwas Höheres vorschwebte. Es war einfach das Leben, in das man hineingeboren wurde wie in ein Wetter, das immer da gewesen war. Das Boot hatte der Familie schon gehört, solange irgendjemand sich erinnern konnte. Es war alt, oft ausgebessert, mehrfach neu geteert, hier und da mit anderem Holz geflickt als ursprünglich, aber es schwamm noch, und solange es schwamm, war es ein Boot und damit genug. Dazu ein paar Netze, nicht viele, auch nicht besonders gut, aber brauchbar. Es war nie viel gewesen. Doch meistens hatte es gereicht.

Fans hatte eine Frau und fünf Kinder.

Sieben Mäuler waren zu stopfen, sieben Menschen, die auf das Meer sahen und hofften, daß es gab, was man brauchte, um die nächste Woche zu überstehen. Fans bemühte sich nach Leibeskräften. Er war kein träger Mann, keiner, der sich dem Unglück kampflos ergab. Wenn das Meer wenig gab, fuhr er weiter hinaus. Wenn die Netze rissen, flickte er sie nachts bei Lampe. Wenn das Boot leckte, lag er am nächsten Morgen schon wieder halb darunter, mit Harz, Holz und Flüchen.

Doch in den letzten Wochen war das Rausfahren immer mehr zum Glücksspiel geworden.

Immer mehr Fischer wollten nicht mehr hinaus.

Wegen des Monsters.

Fans glaubte nicht an Märchen. Jedenfalls sagte er das. Er glaubte nicht an Geschichten, die alte Frauen den Kindern erzählten, damit sie nachts nicht in den Nebel liefen oder sich vom Strand fernhielten. Aber an Monster glaubte er. Oder wenigstens an Dinge, die groß genug waren, um ein Boot zu zerreißen und Männer verschwinden zu lassen, ohne daß man je mehr wiederfand als Holzsplitter und Fetzen von Segel. Dieses Monster hatte er nie selbst gesehen. Noch hatte er je jemanden gesehen, der es wirklich gesehen hatte. Aber er hatte Trümmer gesehen. Holz, das aussah, als sei es nicht zerschlagen, sondern aufgerissen worden. Tauwerk, zerfranst wie Fleisch. Und er hatte diese Musik gehört.

Immer wieder im Nebel.

Draußen auf See, wenn er mit seinen beiden ältesten Jungen unterwegs war, die inzwischen ebenfalls das Fischen lernten und schon die ersten Schwielen an den Händen trugen, wie er sie in diesem Alter getragen hatte.

Diese Musik war das Schlimmste.

Nicht laut. Nicht immer. Manchmal nur fern, wie ein Hauch, der über das Wasser strich und dabei etwas in einem berührte, das man lieber verschlossen gehalten hätte. Eine seltsame, traurige, unheimliche Musik, die nicht von Flöten kam und nicht von Gesang und doch von beidem etwas hatte. Etwas darin machte die Haut kalt. Etwas darin sagte einem, daß man umkehren sollte, selbst wenn der Himmel klar und das Wasser still war.

Und es wurde immer unheimlicher.

Immer mehr Fischer blieben an Land.

Irgendwann wollte auch er nicht mehr hinaus.

Also lebten sie von dem, was sie hatten. Die Frau und die Mädchen nähten, besserten alte Kleidung aus, tauschten Flicken gegen Mehl oder Salz. Fans flickte die Netze, besserte das Boot aus, sammelte Holz, versuchte sich im Jagen, was ihm nie besonders gelegen hatte, und angelte in flacheren Gewässern, wo man vom Ufer aus noch festen Boden im Rücken wusste. Doch all das reichte nicht. Nicht wirklich. Irgendwann wurden die Mägen leerer. Die Gesichter schmaler. Die Kinder stiller. Es ist eine besondere Art des Elends, wenn selbst die Lauten in einem Haus aufhören laut zu sein.

Wochen vergingen ohne Fang.

Wochen ohne richtiges Einkommen.

Und so sprach er sich eines Morgens mit den anderen Fischern ab. Nicht offen auf dem Platz, nicht laut, nicht mit dem Anschein von Mut, sondern in kleinen Gruppen, bei halblauter Stimme, mit Blicken über Schultern hinweg, als dürfe selbst das Meer nicht hören, daß man wieder hinauswollte. Sie hatten lange nichts mehr gehört. Keine Musik. Keine Trümmer. Keine verschwundenen Boote. Der Nebel war ruhiger gewesen in den letzten Tagen, das Wasser still. Sie beschlossen, es zu wagen.

Sie würden zusammen hinausfahren.

Drei Schiffe.

Zusammen klang sicherer.

Zusammen war immer nur eine dünne Hoffnung, aber besser als allein.

So fuhren sie hinaus.

Am Morgen lag das Meer still und ruhig. Ein leichter Nebel hing darüber, nicht dicht, nicht bedrohlich, eher wie ein Tuch, das noch halb über dem Wasser lag, als die Sonne sich langsam hob. Die Segel füllten sich nur mit wenig Wind. Alles war gedämpft. Es gab kaum Geräusche außer dem leisen Schlagen des Wassers gegen die Bordwände und dem Knarren alter Hölzer, die Feuchtigkeit aufnahmen und wieder hergaben wie Knochen in kalter Luft.

Sie hörten keine Musik.

Das machte es nicht besser, nur seltsamer.

Der Nebel wurde kleiner, je höher die Sonne stieg. Es wurde heller. Wärmer. Die beiden anderen Boote waren noch gut zu sehen, mal näher, mal weiter draußen, aber immer innerhalb der vereinbarten Zeichenweite. Fans stand am Rand, blickte auf die ausgebrachten Netze und wartete.

Dann kam der Ruck.

So hart und plötzlich, daß das ganze Boot ächzte und kurz zur Seite zog.

Nicht wie ein schwerer Fang. Nicht wie ein größerer Schwarm, der sich verwickelt hatte. Das hier war anders. Etwas hatte sich im Netz verfangen. Etwas Großes. Etwas, das nicht zog, sondern festsaß.

Fans versuchte das Netz einzuholen.

Es gelang nicht.

Er fluchte, zog, stemmte sich mit den Füßen gegen die nassen Planken. Nichts. Das Netz hatte sich gesetzt. Unter gewöhnlichen Umständen hätte er es gekappt. Jeder Fischer wusste, wann ein Netz mehr wert war als das Risiko, und wann man den Verlust hinnahm, um das Boot und die Männer zu retten. Aber was war schon gewöhnlich in diesen Tagen.

Er deutete seinem ältesten Sohn, die roten Flaggen zu setzen.

Das vereinbarte Signal für Probleme jedweder Art.

Die anderen Boote sahen es und kamen heran. Langsam zuerst, dann entschlossener, als man begriff, daß hier wirklich etwas nicht stimmte. Männer riefen über das Wasser. Vorschläge. Flüche. Gebete, halb laut, halb im Bart. Schließlich teilte man das Netz auf die drei Boote auf, band um, verstärkte, zog gemeinsam.

Es war mühsam.

Langsam.

Etwas unter ihnen hob sich.

Nicht lebendig. Nicht kämpfend. Eher wie eine Last, die widerwillig aus einer Tiefe freigegeben wurde, in der sie eigentlich hätte bleiben sollen.

Und als es zum Vorschein kam, stockte ihnen der Atem.

Zuerst glaubten einige, das Monster greife an.

Jemand schrie. Einer machte schon einen Schritt zurück, als könne man auf einem Boot vor dem Meer zurückweichen. Doch das Ding bewegte sich nicht.

Es war tot.

In ihrem Netz lag der riesige Körper eines toten Monsters.

Lang und weiß war er, oder vielmehr das, was von diesem Weiß noch übrig war. Zerschunden. Zerschlagen. Von gewaltigen Rissen durchzogen, als hätte etwas von innen heraus und zugleich von außen daran gerissen. Die Haut war an vielen Stellen offen, darunter dunkles, aufgerissenes Fleisch, dazwischen Schleim, Blutreste, etwas, das im Sonnenlicht stumpf schimmerte. Der Leib war so groß, daß er mit einem einzigen Fang nichts mehr zu tun hatte. Das war kein Tier, wie man es auf Märkten verkaufte. Kein Wal. Kein Fisch. Kein Wesen, das Gott für Töpfe, Salz und Räuchern gemacht hatte.

Es war das Monster.

Und die Augen.

Leer.

Tot.

Und doch starrten sie die Männer auf den Booten an, glasig und offen, als sähe etwas aus ihnen noch immer hinaus.

Am Kopf saßen zwei lange Fühler.

Oder was zuerst wie Fühler aussah.

Dann sahen sie genauer hin.

Und alles wurde noch schlimmer.

In diesen beiden langen Anhängen waren menschliche Körper gefangen.

Nicht angeschwemmt. Nicht zufällig hineingeraten. Sondern eingefügt, eingewachsen, festgebunden an den Leib dieses toten Ungeheuers, als wären sie Teil davon geworden. Zwei menschliche Leiber, bleich, leblos, mit toten Augen, die die Fischer ebenso anstarrten wie das Monster selbst.

Für einen Augenblick sagte niemand etwas.

Das Meer war still.

Nur die Taue knarrten.

Und irgendwo ganz fern, so fern, daß keiner sicher sagen konnte, ob es wirklich da war oder nur im eigenen Kopf, glaubte Fans einen letzten Rest von Musik zu hören.

XVIII

 

Shara stand noch immer mit halb geöffnetem Mund an Deck des Schiffes.

Die Worte Isidres hatten sie getroffen wie etwas, das nicht bloß von außen in einen hineinfuhr, sondern von innen eine ganze Ordnung verschob. Sie hatte die Aussage noch immer nicht wirklich eingeordnet. Sie stand da, die Hände am kalten Holz der Reling, und dachte denselben Gedanken in immer neuen, unbrauchbaren Kreisen.

Schwanger?

Sie?

Von wem?

Doch selbst diese Frage hielt nicht lange stand. Natürlich wusste sie es. Natürlich kam nur einer in Frage. Und mit der Erkenntnis trat sofort die Mittwinterfeier in Zoordak wieder vor ihr auf, die Wärme, das Licht, das Trinken, die Nähe, jene Nacht, die damals wie etwas fernes, beinahe gestohlenes Glück gewirkt hatte und nun mit einem Mal nicht mehr hinter ihr lag, sondern vor ihr stand.

Anadar.

Sie errötete und blickte zu ihm hinüber.

Er stand nicht weit von ihr entfernt, ebenfalls an Deck, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Blick auf das Meer gerichtet, als hoffe er, irgendwo zwischen den grauen Wellen und dem trüben Horizont eine Form zu finden, in die sich dieser neue Umstand bringen ließ. Er wirkte ebenso sprachlos wie sie. Beinahe noch mehr. Und es war seltsam, fast tröstlich, dass ausgerechnet er, der sonst zu allem eine Richtung fand, nun so deutlich um Worte rang.

Alle anderen Dinge, die eben noch wichtig gewesen waren, die Konklave, Grot, Sinadie, Roto, das Schiff, der Aufbruch, die Inquisition, traten für einen Augenblick zurück. Nicht verschwunden. Nicht erledigt. Nur weiter weg.

Sie stellte sich neben ihn.

„Wie lautet der Plan?“, fragte sie beiläufig, gerade so, als wäre nichts geschehen, als wolle sie ihn an etwas festhalten, das sich in Sätzen ordnen ließ.

Er schnaubte leise, lächelte und schaute sie an.

„Bis vor zwei Stunden war es klar.“ Er hob die Hand und zeigte auf das kleine Schiff, das noch am größeren festgemacht lag. „Wir nehmen das Boot, segeln nach Norden, so weit es geht, möglichst in einem großen Bogen um Gontar, um nicht noch mehr aufgehalten zu werden, gehen dann so schnell wie möglich nach Sontor, nehmen das Buch an uns und suchen einen Weg, den Gast zu entsorgen.“

Er stockte kurz, lauschte mit jener feinen Verärgerung, die Shara inzwischen sofort erkannte, wenn Naarstr sich wieder in seine Gedanken drängte, und sagte dann laut:

„Gib Ruhe, oder wir spielen dir eine kleine Melodie vor.“

Das Schwert schwieg wieder.

„Und nun?“, fragte Shara.

Er blickte sie an.

„Und nun?“

Sie hielt seinem Blick stand.

„Du weißt, was ich fragen werde.“

„Ja“, sagte er. „Und sei dir versichert, es kommt nur eine Person in Frage. Und die bist du.“

Dann schwieg er.

Shara suchte in seinem Gesicht nach mehr. Nach Freude vielleicht. Nach Furcht. Nach Überforderung. Nach dem ersten echten Riss in seiner sonst so strengen inneren Ordnung. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er es zurückhielt. Gut genug, um zu sehen, dass er in seinem Kopf bereits verschiedene Möglichkeiten, Gefahren, Lösungen und Konsequenzen durchging, mit jener quälenden Gründlichkeit, die ihn oft rettete und ihn zugleich manchmal unerträglich machte.

Und sie tat im Grunde dasselbe.

Sie wandte den Kopf ein wenig ab, damit er ihr Gesicht nicht ganz sehen konnte. Eine kleine Träne lief ihr die Wange hinab, nicht laut, nicht schluchzend, nur still. Sie wusste selbst nicht genau, woraus sie bestand. Aus Unsicherheit. Aus Überrumpelung. Aus Angst. Vielleicht auch aus einer so plötzlichen, tiefen Rührung, dass sie ihr keinen anderen Weg ließ.

Sie wollte nicht, dass er sie sah.

Sie wollte keine Schwäche zeigen.

Und doch war da plötzlich all das, was nun kommen würde, wie eine neue Last in ihrem Körper. Es würde sie aufhalten. Es würde sie behindern. Es würde sie verletzlicher machen. Es würde alles komplizierter machen. Und beinahe noch schlimmer als diese Gedanken war der Zorn darüber, dass der erste Impuls nicht Glück gewesen war, sondern Sorge um die Bewegung, um die Reise, um den Kampf, um das, was sie nun vielleicht nicht mehr so konnte wie zuvor.

Da spürte sie seine Hand auf ihrer Schulter.

Dann legte er von hinten den Arm um sie und zog sie an sich.

So völlig untypisch, dass es sie im ersten Augenblick beinahe mehr erschütterte als Isidres Nachricht. Kein Spruch. Keine halbe Ironie. Kein Ausweichen. Er hielt sie einfach fest.

Und in diesem einen Moment lag alles.

Nicht gelöst. Nicht entschieden. Aber da.

Sie standen lange schweigend nebeneinander, und er hielt sie fest, während das Schiff unter ihnen leise knarrte und das Wasser gegen den Rumpf schlug. Shara spürte seinen Körper an ihrem Rücken, die Wärme, die Stille, die ungewohnte Weichheit in einer Haltung, die sonst so selten weich wurde, und sie fühlte sich geborgen auf eine Weise, die fast wehtat, weil sie so unerwartet kam.

Als er schließlich zu sprechen begann, schien eine kleine Ewigkeit vergangen zu sein.

„Wir werden Eltern?“, fragte er.

Nicht triumphierend. Nicht erfreut. Nicht entsetzt.

Ungläubig.

Als prüfe er noch, ob ein solcher Satz überhaupt auf sie beide passen könne.

Später unterhielten sie sich mit Roto, Son und Indra.

Die beiden Wassermagier würden Roto begleiten, auf der Suche nach seinem verschollenen Bruder. Roto war fest davon überzeugt, ihn zu finden. Kol, wie er ihn mit einer Mischung aus Zuneigung und genervter Nachsicht nannte, sei manchmal einfach zerstreut. Sicherlich habe er sich auf dem Weg verirrt oder sei irgendwo auf etwas Interessantes gestoßen und diesem Interesse nachgegangen, ohne über die Folgen für andere nachzudenken. Es war deutlich, dass diese Erklärung mehr Hoffnung als Überzeugung war, aber Roto hielt sich daran fest.

Sie wollten in Gontar mit der Suche beginnen.

Anadar lehnte es ab, selbst mit nach Gontar zu gehen. Das verstand selbst Roto. Jeder Magier an Bord wusste, dass man ihm auch dort neue Steine in den Weg legen würde, neue Verpflichtungen, neue Befragungen, neue Verzögerungen. Und selbst Roto, der noch vor kurzem nicht eben durch Zurückhaltung geglänzt hatte, sah nun ein, dass Anadar einer dringenden Spur folgen musste, wenn er auch nicht darüber sprach.

Er fragte nicht, wo Anadar von Bord gehen wollte.

Er fragte überhaupt nichts.

Wenn man nichts wusste, konnte man sich nicht verplappern.

Und so kam es, dass die drei Magier eines Nachts in das Beiboot stiegen und davonfuhren.

Son hatte ihnen eine Rolle mit Zaubersprüchen mitgegeben, mit deren Hilfe sich das kleine Schiff führen ließ. Kein besonders edles Stück Magie, aber nützlich, verlässlich und für ihre Zwecke vollkommen ausreichend. Also setzten sie ab und segelten in der Nacht nach Norden.

Anadar wollte nicht zu weit hinauf. Noch nicht in wirklich wildes, entleertes Land, sondern in Gebiet, das immerhin noch besiedelt war, damit sie Pferde kaufen konnten und nicht kostbare Tage zu Fuß verloren. So legten sie schließlich etwa zwanzig Kilometer nördlich von Gontar an, an einem einsamen Strand, den das Morgengrauen gerade erst aus der Dunkelheit hob.

Sie stiegen aus.

Das kleine Schiff löste sich, kaum dass sie festen Boden unter den Füßen hatten, und fuhr wie von Geisterhand wieder hinaus, zurück auf die graue Wasserfläche, als hätte es seine Aufgabe erfüllt und wolle nun nicht länger mit ihrer Geschichte in Verbindung gebracht werden.

Da standen sie nun.

Drei Magier im kalten Frühlicht, im feuchten Gras eines fremdvertrauten Küstenlandes, mit wenig Gepäck auf dem Rücken und einem Weg vor sich, der so ungewiss war wie alles andere.

Sie blickten sich kurz an.

Dann begannen sie schweigend zu marschieren, dem nächsten Dorf entgegen, das in einiger Entfernung lag. Über den Dächern stieg bereits Rauch auf. Das war ein gutes Zeichen. Feuer bedeutete Leben. Menschen. Stallungen. Pferde vielleicht. Nahrung. Auskunft. Oder wenigstens eine Richtung.

Zum ersten Mal seit Tagen, vielleicht seit Wochen, fühlte sich Anadar frei von den unmittelbaren Zwängen der Institution.

Kein Saal. Kein Meisterrat. Keine ständige Beobachtung. Kein Grot. Kein Hokf’n. Keine höflichen Masken der Schulen. Nur Land, Morgen, Weg.

Er atmete sichtbar befreit auf.

Seine Hand suchte die von Shara.

Er fand sie, nahm sie und drückte sie beim Gehen leicht.

Morgut lief ein wenig vor ihnen, vielleicht aus Takt, vielleicht absichtlich, vielleicht weil er klug genug war, ihnen diesen schmalen Raum zwischen Schweigen und Nähe nicht zu nehmen.

Währenddessen setzte Naarstr Anadar Bilder in den Kopf.

Nicht von Flucht.

Nicht von Gefahr.

Sondern davon, wie sie gemeinsam die Welt untertan machen könnten.

 
 
 

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