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Nouméa III

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 15. Apr.
  • 5 Min. Lesezeit

Soweit abseits von all dem Trouble, wie ich es gerade bin, kann man eigentlich kaum sein. Ich bin raus. So was von. Welchen Tag haben wir heute überhaupt? Vielleicht liegt es am Sonnenbrand, dass ich mich fühle, als wäre ich auf einem anderen Planeten gelandet. Ich glaube, ich war noch nie so weit weg von allem, von den Dingen, die einen früher genervt haben. Von den Menschen, ihren Erzählungen, ihren Lügen, ihrem Drängen nach Aufmerksamkeit, dem ständigen Herausstellen der eigenen Wichtigkeit. Weg. Und wer bin ich eigentlich noch mal? Und warum stört es mich plötzlich nicht mehr? Reset? Ist das der große Reset, auf den ich gewartet habe, dieser Nullpunkt, dieses Formatieren, von dem aus man wieder aufbauen kann? Ich hoffe es doch.

Ich habe hier im Hotel einen neuen Lieblingsplatz gefunden, das Atrium. Schön beleuchtet, sehr grün, ein kleiner Brunnen, eine nette Brise und, ganz wichtig, eine Steckdose. Also sitze ich hier, arbeite, schreibe, sortiere Fotos, kommuniziere und bin entspannt. Es gibt einen Kaffeeautomaten mit erträglichem Kaffee, und hin und wieder läuft jemand vorbei. Von hier aus plane ich Ausflüge, recherchiere, lese und ziehe dann los.

Ich habe leider völlig den Überblick verloren, an welchem Tag ich was gemacht habe. Ich weiß nur noch, dass es gestern den ganzen Tag geregnet hat und ich mich beglückwünschte, nicht den Weg mit dem Fahrrad auf mich genommen zu haben. Nicht nur wegen des Regens, sondern auch wegen des Sonnenbrands. Wie bekommt man eigentlich Sonnenbrand auf den Fußrücken und auf den Hüftspeck, als Seitenschläfer wohlgemerkt? Wie verballert muss man sein, diese Stellen nicht einzucremen? Und schon mal mit Sonnenbrand auf dem Rücken Bankdrücken gemacht? Hundertvierzig Kilogramm schweben über dir, du gehst ins Hohlkreuz, und das komplette Gewicht drückt auf deine roten Schulterblätter. Die sind allein ja auch denkbar bescheuert einzucremen. Eine Shaktimatte ist ein Scheiß dagegen. Und ich? Ich genieße das gerade. It’s as simple as it is. Und nein, ich bin nicht masochistisch veranlagt. Es ist nur diese Simplizität der Probleme, die ich gerade angenehm finde. Beim Fahrradfahren war immer noch eine gewisse Logistik im Hinterkopf, immer ein bisschen Alltag, immer irgendetwas, das geregelt werden musste. Und jetzt? Ich darf nur nicht vergessen, etwas zu essen. Ansonsten pas de problème.

Also, was habe ich hier erlebt?

Ich war pilgern, oder jedenfalls das, was ich dafür halte. Hier gibt es die Freiluftkathedrale Notre-Dame-du-Pacifique, eine rosa Statue der Jungfrau Maria, in ihrer heutigen Form am 19. Juli 1901 feierlich eingeweiht. Sie thront auf einem blauen Felsen, ich vermute, der ist angemalt, über der Stadt und mit Aussicht auf Noumea. Rundherum stehen Schaukästen. Ich denke, sie stellen den Kreuzweg dar. Ich habe mich allerdings mehr auf die Aussicht konzentriert als auf deren Inhalt, und dann auf meinen weiteren Spaziergang. Weiter zu einem Fernmeldeturm, der Straße nach, einfach ziellos durch die Gegend gelaufen und schließlich beim Zoo herausgekommen, der leider erst mittwochs öffnet. Irgendwie bin ich auch wieder zurückgekommen. Kaffee hier, Kaffee da, und am Ende saß ich wieder im Atrium. Abends dann noch mal raus, Spaziergang zur Plage de la Baie des Citrons, am Pazifik entlang, die Sonne im Meer versinken sehen.

Der nächste Tag war dann Regentag. Arbeiten, kommunizieren, Kaffee trinken und was man eben so macht. Planen, Pläne verwerfen, nachdenken, das Gedachte wieder verwerfen und von vorne anfangen. Dinge Revue passieren lassen und weiterziehen lassen. Was für ein Tag. Völlig uneffektiv und gleichzeitig heilsam.

Heute Morgen dann wieder Atrium, und anschließend habe ich mir einen Fahrer gebucht, der mich zum Tjibaou Cultural Centre gefahren hat. Ich war zu faul zum Laufen, auch wegen des Sonnenbrands auf dem Fußrücken. Das ist nicht angenehm. Der Mann, oh Mann, ein Original. Er bekam spitz, dass ich Deutscher bin, und dann ging es los. Er schmetterte irgendwelche alten Soldatenlieder und sang lautstark auf Deutsch. Sein Kamerad sei aus Deutschland gewesen, sagte er, er selbst sei bei der Fremdenlegion gewesen, und ein anderer Kamerad aus Polen. Also hörte ich zwischendurch auch noch ein polnisches Soldatenlied. Und er kannte keine Gnade, erzählte auf Englisch und Französisch von seinen Kameraden, in seiner Schrottkarre, und ich? Ich hatte wirklich Spaß an diesem Vogel. Ob ich allein hier sei? Ja, antwortete ich wahrheitsgemäß. Er lachte und sagte, ich solle mir eine polynesische Blume pflücken, die Frauen hier seien wunderbar. Ich solle in den Osten oder in den Norden fahren, da würde ich aus dem Bus steigen und mich verlieben, dann könnte ich hierbleiben. Er blickte mich an und meinte, die Frauen hier seien lauter Blumen, nicht so Kartoffeln mit Stacheln. Er lachte laut und hielt an einer Tankstelle, weil sein Auto Probleme machte. So ging das bis zum Kulturzentrum. Was für eine Type. Und er fand es gut, dass ich mich für die Kanak interessiere. Im Kulturzentrum könne ich viel lernen. Fist bump, und weg war er.

Das Tjibaou Cultural Centre in Noumea wurde vom Architekten Renzo Piano entworfen und am 4. Mai 1998 eröffnet. Es entstand als kulturelles Herzstück zur Bewahrung, Präsentation und Förderung der Kanak-Kultur und verbindet traditionelle Formen mit moderner Architektur. Schon von außen ist das Zentrum beeindruckend, denn die Anlage besteht, ich glaube, es sind zehn, aus markanten, an kanakische Hütten angelehnten Baukörpern aus Holz und Stahl, die sich harmonisch in die Landschaft der Halbinsel Tina einfügen. Ich finde diese Architektur großartig, sehr stylisch, und in den einzelnen Hütten sind Ausstellungen untergebracht.

Das Tjibaou Cultural Centre ist weit mehr als ein reines Museum. Es ist sehr offen angelegt, mit einem Rundgang im Garten und Pflanzen, die erklärt werden. Es ist ein architektonisches und kulturelles Symbol für die lebendige Identität der Kanak. Die Anlage greift die Form traditioneller kanakischer Hütten auf, übersetzt sie aber in moderne Architektur und ordnet die zehn großen Cases drei Bereichen zu: Ausstellungen, Forschung und Bibliothek sowie Musik, Tanz, Malerei und Skulptur. Besonders eindrucksvoll ist der Chemin Kanak, ein symbolischer Weg durch die kanakische Schöpfungserzählung um Téâ Kanaké, auf dem Felsen, Pflanzen, Ahnenhügel und ein durchbrochener Stein die Stationen von Ursprung, nährender Erde, Ahnenwelt, Geisterwelt und Wiedergeburt markieren.

Hinter dem Zentrum, beziehungsweise im Bereich MWAKAA, lassen sich zudem traditionelle Hütten aus Süd-, Nord- und Inselregionen entdecken, die zeigen, wie eng Bauweise, Gesellschaft und Symbolik in der Kanak-Kultur miteinander verbunden sind. Sie unterscheiden sich in Form, Höhe und Bauweise, gemeinsam ist ihnen die Feuerstelle im Inneren. Statt von einer einzigen kanakischen Kultur spricht man in Neukaledonien eher von acht, mit annähernd dreißig Kanak-Sprachen. Deshalb gibt es auch nicht nur eine Schöpfungsgeschichte, sondern mehrere regionale und clanbezogene Ursprungsmythen.

Als zentrale Erzählung, wie sie im Tjibaou Cultural Centre vermittelt wird, gilt der Mythos von Téâ Kanaké, dem ersten Menschen. Am Anfang der Welt legt der Mond seinen Zahn auf einen Felsen, der aus dem Urmeer ragt. Aus diesem Ursprung entsteht Téâ Kanaké, der erste Mensch, der zunächst nichts weiß und die Geister bittet, ihm das Wissen für das Leben auf der Erde zu lehren. So ist der Mythos nicht nur eine Schöpfungsgeschichte, sondern auch eine Erzählung über Lernen, Zugehörigkeit und die enge Verbindung zwischen Mensch, Ahnenwelt und Natur. Im Tjibaou Cultural Centre wird dieser Mythos als Chemin Kanak in fünf symbolischen Stationen erzählt, von den ersten Wesen über nährende Erde, Ahnenland und Geisterwelt bis hin zur Wiedergeburt. Dadurch wird Téâ Kanaké weniger als ferne Legende gezeigt als vielmehr als lebendiger Schlüssel zum Verständnis kanakischer Kultur und ihres Verhältnisses zur Landschaft.

Der Mensch muss die Geister bitten, ihm Wissen für das Leben auf der Erde zu lehren. Er startet demütig in die Welt. Das ist ein schöner Gedanke.

Was für mich, neben dem wirklich schön dargestellten kanakischen Leben und den Unterschieden auf der Insel, hervorragend ist, ist die ausgestellte Kunst. Man muss sich vorstellen, diese Insel ist nicht groß, aber das, was auf diesen wenigen Quadratmetern geboten wird, ist um Klassen besser als das, was der arrogante Nachbar aus dem Westen zu bieten hat. Wirklich, einige der Skulpturen, ob modern oder traditionell, haben Weltklasse-Niveau, genau wie der ganze Komplex. Vor einigen der Werke bin ich stehen geblieben und musste innerlich applaudieren, allein schon ob der Idee, so ein Werk zu erschaffen. Phänomenale Bilder und Skulpturen, ob nun kanakisch oder europäisch geprägter Herkunft. Exorbitant gut, in diesem Sinne.


Im übrigen hier rechts gibt es ein Herzchen, dass man ruhig drücken kann, wenn einem der Text gefällt. Wenn nicht, ist man blöd.

 
 
 

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