How is it going?
- R.

- 12. Juni
- 7 Min. Lesezeit

Not too shabby war die letzten 3 Monate meine Antwort auf diese in Australien allgegenwärtige Frage.
How is it going?
Jedes Gespräch, jede Kaffeebestellung, jede Begegnung begann damit. Eine nicht wirklich ernst gemeinte, oberflächliche Frage nach dem Befinden. Freundlich, sicher. Höflich, vielleicht. Aber irgendwann auch ermüdend.
Heute wäre meine Antwort eine andere.
Hervorragend.
Wirklich. Ich habe allerbeste Laune. Ich kehre zurück. Ich komme heim. Und das gefällt mir. Endlich wieder Deutschland. The Länd. Endlich wieder gutes Essen. Endlich wieder echte Leute. Endlich wieder Emotionen. Endlich wieder Jahreszeiten. Endlich wieder schlechtes Wetter. Endlich wieder Privatsphäre. Endlich wieder Bürgerrechte. Endlich wieder Abende, an denen es bis 22 Uhr hell ist.
Mein Befinden ist heute ganz anders als vor anderthalb Jahren, als ich ausgewandert bin.
Bin ich gescheitert?
Vielleicht ist das die Frage, die man sich stellen muss, wenn man zurückgeht. Aber ich wollte nie wirklich auswandern. Also eher nicht. Ich bin experimentierfreudig. Australien war ein Experiment. Nun ist das Experiment beendet, und es geht nach Hause. Nach Hause in die schwäbische Provinz, in ein wunderschönes Ltes Bauernhaus zu D & T.
Endlich wieder nicht mehr Alien.
Was nehme ich also mit?
In den letzten Beiträgen habe ich schon einiges erwähnt. Man vergleicht zwangsläufig. Man vergleicht Orte, Menschen, Systeme, Sprache, Essen, Wetter, Umgangsformen, Freiheiten, Verbote, Routinen. Und irgendwann merkt man, dass man sich vielleicht gar nicht integriert hat. Ich blieb immer ich. Das ist gut. Das ist schlecht. Wahrscheinlich ist es beides.
Eine Frage trieb mich in diesem Jahr immer wieder um: Ist Rassismus in der australischen Gesellschaft weiter verbreitet, als man von außen glaubt?
Ich kam mehrmals in Situationen, in denen ich schlucken musste. Situationen, die mein Wertesystem als Deutscher im Speziellen hart gefordert haben. Relativ am Anfang schickte mir jemand ein Video. Es war kein Australier, das muss ich dazusagen, sondern ebenfalls ein Zugewanderter aus Südostasien, der seit knapp 25 Jahren in Australien lebte. Das Video war animiert und stellte den Zweiten Weltkrieg und besonders den Blitzkrieg als großartige Leistung dar. Dazu die Frage, ob ich nicht stolz darauf sei, Teil einer solchen Nation zu sein, die so effektiv gewesen sei.
Mir kam das Kotzen.
Wie kann man an millionenfachem Massenmord irgendetwas Positives finden? Wie kommt man überhaupt auf diesen Gedanken? Für mich war das extrem hart. Und es blieb nicht die einzige grenzgängige Bemerkung zu Zweitem Weltkrieg und Holocaust.
Bei einer anderen Gelegenheit, auf einer Weihnachtsfeier, wurden in Anwesenheit anderer Witze über Gaskammern gemacht. Nur einer reagierte. Derjenige der den Witz erzählte stellte sich später auch noch vor eine Gruppe und ließ sich dafür feiern, dass er mir einen solchen Witz erzählt hatte. Er hatte jüdische Kollegen.
Ich stand daneben und fragte mich, in welchem Film ich eigentlich gelandet war.
In Deutschland wäre so etwas nicht einfach ein schlechter Witz gewesen. In Deutschland wäre der Raum gefroren. Jemand hätte widersprochen. Sofort. Hart. Zu Recht. Hier? Nun ja. Man soll seine Konflikte ja nicht mit ins Ausland nehmen. Und da ich ohnehin schon innerlich auf Abschied programmiert war, ging ich irgendwann nur noch kopfschüttelnd weg. In Deutschland hätte dir der Richter einen Orden verpasst wenn du dem junge die Zähne poliert hättest.
Ein paar Tage später geschah das Massaker am Bondi Beach. Nur um dem Ganzen noch Kontext zu geben.
Auch wieder so eine Situation. Einer der Attentäter wurde durch einen Passanten gestoppt, und in den Medien, auf Twitter, überall wurde das gefeiert. Der Kontext war klar: Wir Aussies, wir sind stark und wehrhaft. Oi, oi, oi. Als bekannt wurde, dass der Passant ebenfalls eingewandert war, wurde es merklich leiser.
Vielleicht habe ich auch nur selektiv gehört.
Aber genau das ist der Punkt. Nach einer Weile fragt man sich, ob man selektiv hört oder ob man endlich genauer hinhört.
Es war im Übrigen kein Phänomen, das nur von weißen Personen ausging. Auch von anderen, nicht weißen Menschen kamen Beleidigungen, Andersbehandlung, Diffamierung und Diskriminierung. Auch aufgrund von Herkunft.
Manchmal fühlte man sich als Einwanderer aus Europa nirgends zugehörig. Für die einen war man Ausländer. Für die anderen war man Weißer. Und wie mir derselbe Südostasiate, der mir die Videos geschickt hatte, so schön erklärte, dürfe ich als weißer Mann so etwas nicht Rassismus nennen.
Hä?
Was?
Wo bin ich falsch abgebogen?
Ist mein Wertekompass falsch?
Diese Frage kam mir nicht nur einmal. Aber um es kurz zu machen: Der Wi&&er war einfach nur ein Arsc&/5ch. Charakterstudie abgeschossen.
Dann kam meine zweite Chance.
Ich reiste noch einmal als Tourist durch das Land, vor allem durch Nord Queensland, und wollte mir ansehen, ob ich Australien vielleicht falsch gelesen hatte. Ob das, was ich als Rassismus wahrnahm, vielleicht doch eher ein interkulturelles Missverständnis war. Eine kulturelle Normverletzung. Menschen kommen von außen in ein bestehendes System, kennen die sichtbaren und unsichtbaren Regeln nicht, verletzen sie unbewusst und werden deshalb anders behandelt.
Ja, sicherlich. Auch das gibt es.
Aber es gab eben auch eindeutig abfällige, rassistische Bemerkungen über fast jede andere Ethnie. Das gibt es auch in Deutschland. Natürlich. Nur wird dort sehr schnell sehr hart widersprochen, und das ist auch gut so.
Meinem Wertesystem hat Australien in dieser Hinsicht nicht immer entsprochen.
Vielleicht ist es kulturell anders. Vielleicht wird hier vieles stärker als Witz getarnt. Wer einen Eindruck davon bekommen will, wie australischer Humor funktionieren kann, sucht einfach YeahMad auf YouTube. Sehr populär hier. Und sehr aufschlussreich.
Warum wird das hier so toleriert? Warum werden rassistische Aussagen, getarnt als Witz, so oft einfach weggelacht?
Ein Erklärungsversuch ist Bildung. Man kann es sich beinahe nicht vorstellen, aber Schätzungen zufolge verlassen etwa 40 Prozent der Australier ihr Land nie. Nicht einmal in ihrem Leben. Manche Leute hauen dir hier mit unglaublicher Selbstsicherheit Unwahrheiten um die Ohren.
Dunning Kruger at its finest.
Eine weitere Frage war für mich: Gibt es strukturellen Rassismus?
Ich bin als Alien, als Mensch, der nicht in Australien geboren wurde, einmal an einer Identifizierung gescheitert. Hier ist vieles digital. Wenn du etwas möchtest, musst du deine Identität online mit zwei Nachweisen bestätigen. Wenn du nicht in Australien geboren bist und keinen australischen Führerschein hast, hast du ein Problem.
Mein Reisepass war einwandfrei. Aber ich hatte kein zweites Dokument, das akzeptiert wurde. Keine Medicare Karte. Die bekomme ich erst, wenn ich meine diesjährige Steuererklärung mache. Eine ImmiCard hatte ich nie. Der Führerschein gilt hier überall als Identitätskarte. Dumm, wenn man keinen hat.
Ist das struktureller Rassismus?
Ich denke nicht. Es ist eher dumm gelaufen. Es ist eine Benachteiligung von Menschen ohne Führerschein, von Zugewanderten, von Leuten, die nicht sauber in die digitalen Schubladen passen. Ich bekam meine Mietkaution trotzdem zurück, wenn auch über Umwege. Aber die Sache zeigte mir wieder, wie Systeme Menschen ausschließen können, ohne dass jemand aktiv böse sein muss.
Der Mietmarkt ist ohnehin ein eigenes Thema. Dort wirst du schlecht behandelt, egal welcher Herkunft du bist. Es sei denn, du bist Vermieter.
Ich bin gespannt, wie das mit der Identifizierung wird, wenn meine Steuererklärung fällig ist. Letztes Jahr war das unkompliziert. Vielleicht scheitere ich dieses Jahr an der Steuererklärung, weil ich keinen australischen Führerschein habe. Wer weiß das schon.
Damit genug zu diesem Thema. In aller Ausführlichkeit.
Was natürlich ebenfalls wichtig ist: Australien gilt für viele immer noch als Land, in das man gern auswandert. Sonne. Strand. No worries. Lockerheit. Lebensgefühl. Die Erzählung ist stark. Australien als Gegenmodell zu Europa. Weniger schwer, weniger konfliktbeladen, weniger historisch, weniger dramatisch.
Schauen wir auf die harten Fakten: Suizidraten, Alkoholmissbrauch, allgemeiner Drogenkonsum. Und siehe da: Australien ist dort nicht besser. Es liegt ungefähr im westlichen Mittelfeld. Cairns und Townsville sind sogar extreme Ausreißer mit sehr hohen Suizidraten unter Männern. Aber grundsätzlich scheint das Leben hier keinen Deut besser zu sein.
Es ist nur anders.
Was wir in Europa aussprechen, austragen, durchdiskutieren, zerreden und manchmal bis zur Erschöpfung problematisieren, das wird hier gern verschwiegen oder verdrängt. Das scheint genauso ungesund zu sein wie unsere Methode.
Europa streitet laut. Australien leidet leise und nennt es manchmal Entspanntheit.
Einen Unterschied gibt es aber: die Lebenserwartung. Die ist in Australien sehr hoch, vergleichbar sogar mit Italien und Spanien, deutlich über Deutschland. Das liegt wahrscheinlich an mehreren Faktoren: Klima, Wohlstand, Gesundheitssystem, sehr strikte Anti Raucher Politik und dem Healthy Migrant Effect in einem Hochlohnland. Natürlich gibt es auch hier massive regionale und ethnische Unterschiede, die statistisch relevant sind.
Aber lange leben ist nicht automatisch gut leben.
Was mich in Australien besonders störte, war diese Oberfläche.
Dieses How is it going?
Diese Floskel, die nicht wirklich wissen will, wie es einem geht.
Australier sind oft unglaublich freundlich. Sie lächeln dich an, sie sprechen dich an, sie wirken offen. Aber nach meinem Empfinden meinen sie es nicht tief. Es ist Oberfläche. Freundliche Oberfläche, ja. Aber Oberfläche, nie ernst gemeinte Freundlichkeit. Neuseeländer waren anders. Das war für mich eines der überraschendsten Dinge dieser Reise.
Wenn ich keinen Bock zu lächeln habe, dann lächle ich nicht. Ganz normal. Wenn mir etwas auf die Eier geht, spreche ich es an. Ganz normal.
Nicht hier.
Bloß keine Konfrontation. Bloß nichts offen austragen. Bloß nicht unangenehm werden. Lieber hintenrum. Freundlich, nett, indirekt, aber nie wirklich offen. Ermüdend. Umständlich. Und auf Dauer für mich schwer auszuhalten.
Wenn du wissen willst, wie Menschen wirklich sind, geh als Fußgänger durch ihre Straßen. Überquere Straßen. Setz dich aufs Fahrrad. Dann siehst du mehr über eine Gesellschaft als in jedem Imagefilm.
Selten habe ich so viel Rücksichtslosigkeit und so ein Ausspielen von Stärke erlebt wie im australischen Straßenverkehr. Du wirst gnadenlos angefahren, wenn du nicht aufpasst. No worries. Mit dem Fahrrad dasselbe. Im Straßenverkehr kann man die Australier in ihrem natürlichen Habitat beobachten. Dort zeigen sie, wie sie wirklich sind. Da fühlen sie sich stark und überlegen, umgeben von einer Tonne Material.
Und um noch einen draufzusetzen: Viele können nicht wirklich Autofahren.
Ja, sie fahren auf der falschen Seite. Nein, das meinte ich nicht.
Ich meine Beschleunigen, Schalten, Bremsen, Rhythmus, Gefühl für Bewegung. Ich saß manchmal im Auto und bekam innerlich die Krise aufgrund dieses ruckeligen Unvermögens.
Gibt es auch Dinge, auf die ich zurückblicke und sage: Ja, das war gut?
Sicherlich.
Es wird sie geben. Es wird nur etwas Zeit brauchen, bis sie wieder nach oben kommen. Momentan überwiegt die Enttäuschung. Die Enttäuschung über Menschen, über Verhalten, über Oberfläche, über dieses Land, das etwas versprochen hat und am Ende nie Heimat wurde. Ich denke auch nie geworden wäre.
Landschaftlich hat Australien großartige Orte. Keine Frage. Eine beeindruckende Tierwelt. Auch wenn ich immer noch keinen Koala zu Gesicht bekommen habe. Es gibt schöne Küsten, Regenwälder, Weite, Licht, Meer, Vögel, Farben. Es gibt eine relativ fortgeschrittene Digitalisierung, mit allen ihren Tücken. Es gibt Cafés, Routinen, Orte, die mir vertraut wurden. Es gibt Menschen, die freundlich waren. Es gibt Momente, die bleiben werden.
Und ich werde sicherlich noch einmal zurückkommen. In sechs Jahren zu den Olympischen Spielen in Brisbane.
Ich könnte noch ewig schreiben, aber mein Flieger geht gleich.
In diesem Sinne.



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