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Indooroopilly

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 11. Juni
  • 6 Min. Lesezeit

Und ihr glaubt nicht, wie man es ausspricht.

Indooroopilly war der Ort, an dem ich ein Jahr lang gelebt habe. Nun kehrte ich dorthin zurück, und das war eine kleine emotionale Achterbahn für mich.

Aber von vorn. Wie immer von vorn.

Ich saß noch in Melbourne auf dem Queen Victoria Market, irgendwo zwischen Ingwer Shots und Kaffee, und wusste, so schnell komme ich hier nicht mehr her. Es war Samstag, und zum ersten Mal in dieser Woche war der Markt wirklich voll. Nicht nur Publikum, sondern auch Stände. Ich fand nichts, was ich wollte, und es hatte sich auch niemand gemeldet, der etwas wollte. Also kaufte ich nichts und lief nur noch einmal als Beobachter durch die Hallen. Fotos machen. Eindrücke sammeln. Abschied nehmen.

Der Queen Victoria Market ist wirklich einer der Orte, die ich hier in Down Under vermissen werde. Vielleicht gerade deshalb, weil er so herrlich europäisch wirkt. Ein bisschen chaotisch, ein bisschen eng, ein bisschen laut, ein bisschen echt.

Anyway.

Als es Zeit wurde zu gehen, packte ich mich und meine Gedanken ein, und ein paar Stunden später landete ich in Brisbane. Die Sonne war schon untergegangen. Es ist Winter hier. Aber auch im Sommer geht die Sonne in Queensland nicht wirklich spät unter. Ich habe mich daran nie ganz gewöhnt. Egal.

Kurze Zeit später stand ich an der Roma Street Station und hatte noch ein paar Meter zu meiner Unterkunft zu laufen. Ich war nicht der Einzige. Ein kompletter Pulk von Menschen umgab mich. Ich schaute auf die Trikots und verstand langsam: In Milton, am Suncorp Stadium, würde wohl ein Rugbyspiel stattfinden. Die Brisbane Broncos gegen irgendjemand.

Ich schwamm mit der Masse mit, weil sie denselben Weg hatte wie ich, und kam an der Caxton Street heraus. Dort war neben dem Spiel auch noch ein Straßenfest. Irgendwie schaffte ich es in meine Unterkunft. Beim Einchecken entschuldigte sich der Mann für den Trubel vor der Tür.

Nichts hätte mir egaler sein können.

Er meinte, das Straßenfest sei um sieben Uhr abends vorbei, dann würde es ruhiger werden. Innerlich schüttelte ich wieder den Kopf. Straßenfeste, die um sieben Uhr abends enden. Typisch Queensland.

Ich fragte ihn, ob es noch möglich wäre, Karten für das Spiel zu bekommen. Er sagte nein. Wie ich fünf Minuten später auf meinem Zimmer herausfand, log er mich an. Zwanzig Minuten später saß ich im Stadion. Direkt am Spielfeld. Reihe vier. In einer Traube von Jungs mit Downsyndrom.

Und es war Spaß pur.

Es spielte der Dreizehnte gegen den Sechzehnten. Die Broncos gegen die Titans von der Gold Coast. Wir würden wahrscheinlich Derby dazu sagen. Die Broncos traten mit einem Selbstbewusstsein auf, das nicht ganz zur Tabelle passte. Schwarze Jerseys, Glitzer, Pailletten, Einzelaktionen. Die Titans waren körperlich klar unterlegen, aber schon beim ersten Kontakt merkte man, dass die gewinnen wollten. Sie hatten mehr Biss, mehr Teamwork, mehr Klarheit.

Und genau das taten sie dann auch. Sie spielten effektiver als die Platzhirsche und gewannen das Spiel.

Das Stadion war schon vor Spielende beinahe leer. So viel zu den Fans. Enttäuschend.

Während des Spiels wunderte ich mich noch über die Dynamik. Das Spiel, das ich in Wellington gesehen hatte, wirkte schneller, härter, flüssiger. Das hier war behäbiger. Meine spätere Recherche ergab: Es sind auch andere Regeln. In Wellington hatte ich Rugby Union gesehen, hier in Brisbane Rugby League. Eigentlich gilt League als schneller und reduzierter. Mir gefiel Union trotzdem deutlich besser. Vielleicht lag es daran, dass ich dort den Ersten gegen den Zweiten gesehen hatte und hier eher Not gegen Elend. Wer weiß. Es ist eher eine Randnote.

Jeder sagt immer, diese Sportarten seien extrem hart. Von so naher Entfernung konnte ich mir das nun genauer ansehen. Und ja, es ist hart. Aber die letzte Härte fehlt. Die drehen alle sehr früh ein. Es gibt nicht wirklich diesen Clash wie beim American Football, beim Handball oder manchmal auch beim Fußball. Vor dem Kontakt wird eher gebremst, der Körper wird herausgenommen, die Wucht verteilt.

Ich würde das anders spielen. Eindeutig härter. Nicht den Körper vor dem Kontakt schon eindrehen. Aber gut. Jedem das Seine. Vielleicht ist hier vieles ein bisschen weicher, auf hart aussehend gemacht.

Etwas anderes trieb mich viel mehr um. Wieder einmal: die Fans.

In Brisbane ist jede Großveranstaltung eher eine Wohlfühlveranstaltung. Selbst wenn jemand einen zu viel getrunken hat, was wirklich selten ist, wird er von seinen Mates gestützt, damit er ja nicht unangenehm auffällt. Wie gesagt, auf Heavy Metal Konzerten ist Moshen verboten. Alles ist sicher, freundlich, reguliert, überwacht, gut gelaunt und irgendwie zahnlos.

Ach, wie ich das vermisse. Ein richtiges Fußballspiel in Europa.

Wenn der Gästeblock, den es hier nicht einmal gibt, weil hier alle einfach so ins Stadion können, ohne fürchten zu müssen, zusammengeschlagen zu werden, dreißig Minuten zu spät zum Spiel kommt und erst einmal die Partie zur Unterbrechung zwingt, weil Tausende Tennisbälle auf das Spielfeld fliegen.

Ganz großes Tennis.

Damals mit Takagi san, den ich ins Stadion schleppte, und der als Japaner diese Insubordination, diesen Ungehorsam, diese reine Unverschämtheit so abfeierte, dass er mir hinterher immer wieder erzählte, wie toll er das fand und dass ich die besten Plätze in Stuttgart kennen würde.

Och, Hide san. Dir hat das gefallen.

Hier in Australien? Undenkbar.

Das fiel mir wieder auf, als ich die Banner im Stadion sah: „Report bad behaviour. SMS to …“

Was fällt unter dieses Verhalten? Warum muss ich es melden? Warum werde ich dazu aufgefordert?

Ich hasse das zutiefst. Ich als Deutscher hasse Denunzianten und Aufrufe dazu zutiefst. Das widerstrebt allem, womit ich groß geworden bin. Dieses 1984 Gefühl. Stasi 2.0 reloaded. Ich könnte kotzen, wenn ich so etwas sehe. Datenschutz ist hier ohnehin eher ein loses Konzept. Einer der Gründe, warum ich es hier wirklich nicht mag. Ich liebe Privatsphäre.

Ich will wieder richtige Emotionen. Nicht dieses hintenherum Melden. Ich will dieses Gefühl in der Luft. Spannung. Reibung. Das Besondere. Ich bin froh, wenn ich bald wieder in Europa bin. Wenn nicht nur die Luft brennt, sondern der ganze Raum.

Das waren auch meine Gedanken, als ich am nächsten Tag durch Indooroopilly ging. Mein altes Quartier.

Es war Sonntag. Eigentlich tat ich genau das, was ich fast jeden Sonntag getan hatte. Ich ging zuerst in mein eines Café und trank einen Kaffee.

„Oh, du warst lange nicht mehr hier. Wie geht es dir?“

Dann weiter zum nächsten. Danach saß ich in der Indooroopilly Shopping Mall im nächsten Café. Darauf hatte ich mich gefreut, denn dort gab es eine Bedienung, die immer sehr gern mit mir geredet hatte.

Sie war da.

Der Kaffee kam.

Sie knallte ihn mir hin und ging betont wortlos weg.

Das war fast schon untypisch für Australien. Sie war auch keine Australierin. Vielleicht war genau deshalb weniger Oberfläche zwischen uns.

Ich wunderte mich kurz über diese Begrüßung. Vielleicht, nur vielleicht, sollte ich manchmal Menschen fragen, ob sie mit mir einen Kaffee trinken gehen wollen oder so. Vor allem, wenn man sich wirklich gut mit Leuten versteht. Aber ich bin bei so etwas einfach schüchtern. Ich halte lieber meine Klappe und verschwinde für drei Monate.

Und nun?

Mir war bewusst, dass ihre Reaktion etwas bedeutete. Mir war aber auch bewusst, dass dies mein letztes Mal hier sein würde, und es war ohnehin schon schwer genug für mich. Also trank ich meinen Kaffee aus und prägte mir ihr Gesicht ein. Ich glaube, als ich ging, verdrückte ich eine kleine Träne und lief weg.

Das war schwer. Warum auch immer.

Und so steuerte ich weiter durch die Indooroopilly Shopping Mall. Wie eigentlich jeden Sonntag. Ich ging ins Kino, ins Gym, aß Suppe. Warum? Ich denke, ich wollte einfach nie allein zu Hause sein und bin deshalb immer in die klimatisierte Mall gegangen.

In Europa ist das Alleinsein für mich einfacher. Fahrrad. Zweihundert Kilometer. Geile Landschaft. Kühle Luft. Bewegung. Strecke. Körper. Kopf frei.

In Australien, speziell in Queensland, ist da oft nur hohe Luftfeuchtigkeit. Und ich bin eher eine Outdoor Person. Auch das ist ein Grund, warum ich gern wieder nach Europa zurückkehre.

Auswandern stand nie auf meiner Bucket List. Wirklich nicht. Und es ist jetzt auch nicht so, dass die Lebensqualität in Australien so viel höher wäre. Oder das politische System. Im Gegenteil. Ich empfand es eigentlich immer als Abstieg.

Wenn ich meine Emotionen vergleiche, dann war da beim Weggehen aus Deutschland eher Traurigkeit. Nun, beim Weggehen aus Australien, herrscht in mir eine gewisse Vorfreude. Auf die schwäbische Heimat. Auf Europa. Auf das, was wieder kommt.

Also: Auswandern stand nie auf meiner Bucket List.

Aber Neuseeland? Check.

Neukaledonien? Check.

Inselhopping im Pazifik? Check.

Ein Fantasybuch schreiben? Oder gleich eine zehnteilige Reihe? Check, check.

Okay, die Bücher brauchen noch einen Feinschliff. Oder zwei. Aber hey, ein Konzept ist da. Ein Manuskript ist da. Oder zehn Manuskripte, zumindest in Rohfassung. Der Rest ist nicht mehr viel. Pro Buch muss ich nur noch von 45.000 auf 90.000 Worte hoch. Nebensächlichkeiten also.

Check, check.

Vielleicht stand ja Wiedereinwandern auf meiner Bucket List.

Ich bin nur ausgewandert, um wieder nach Deutschland einzuwandern.

So geil ist es da?

Ja, ich denke, das könnte ich so verkaufen.

Erwähnte ich schon eine gewisse Vorfreude?

Ich hätte noch so vieles zu sagen, aber ich bin nun müde. Vielleicht morgen am Flughafen. Ich habe ja nun kein Buch mehr fortzusetzen.

In diesem Sinne.

 
 
 

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