Wellington Pt II
- R.

- 28. März
- 8 Min. Lesezeit

Jetzt kommt der wirklich schwierige Teil für mich, denn hier wird die Geschichte plötzlich sehr viel komplexer und vielschichtiger. Es geht um He Tohu, die Ausstellung in der Wellington Bibliothek beziehungsweise der dort vorübergehend untergebrachten Gallery, direkt gegenüber vom Parlament. Wer also gerade keinen Bock auf Geschichte, Frauenrechte, Kolonialisierung und Verfassung hat, sollte vielleicht lieber nicht weiterlesen. Für mich war das genau mein Ding: ein Tag in der Bibliothek und im Internet, einer mit Recherche, einer mit Geschichte, einer mit genau dem Stoff, der mir einfach Spaß macht.
Aber beginnen wir am Morgen. Nach Kaffee und Frühstück mit Martin, meinem österreichischen Zimmergenossen, zog ich allein los, während er Waschmaschinendienst hatte. Im Nachhinein betrachtet wäre ein Waschsalon wohl die klügere Wahl gewesen, denn der Trockner unserer Kombimaschine verrichtete seine Arbeit eher theoretisch. Lufttrocknung also. Anyway. Ich stürmte früh los, wollte an dem Tag etwas erleben, und stand direkt am Cable Car, der mich für schlappe 6,50 Dollar nach oben beförderte, auf eine der unzähligen Anhöhen Wellingtons. Schöne Fahrt, etwas sehr auf Attraktion gemacht, obwohl sie das gar nicht nötig hat.
Oben standen zwei Pfadfinder mit Fundraising-Schildern. Da ging ich natürlich hin, ich war schließlich selber mal einer. Die Betreuerin und die Pfadis wollten mir Limonade andrehen, ich legte einen 50-Dollar-Schein auf den Tisch und lief weiter. Was für Zeiten damals. Ich habe meinen zwölften Geburtstag in Griechenland verbracht, wegen der Pfadfinder, und durfte aufgrund veruntreuter Reisegelder und schlechter Bremsen eines halbtoten Reisebusses drei Tage in Thessaloniki auf dem Bahnhofsplatz schlafen, mit fünfzig anderen Pfadis, bis sich der britische Konsul, selbst Pfadi, unser erbarmte und einen moderneren Bus organisierte, der uns über Jugoslawien, Länder, die es heute gar nicht mehr gibt, zurückbrachte. Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich damals vermutlich meine Liebe zu Individualreisen entdeckt.
Zurück ins Heute. Von oben ging es durch den Botanischen Garten, am Rosengarten vorbei und an einem älteren Friedhof entlang, bis ich direkt vor dem Parlament stand. Und nach einem Foto, oder 25, stand ich auch schon in der Bibliothek beziehungsweise der vorübergehend dort untergebrachten National Gallery. Nach ein bisschen Suchen war ich endlich in der Ausstellung. Groß ist sie nicht, aber erlesen und wirklich extrem gut gemacht, auf den Punkt.
In He Tohu steht ein interaktiver Relief- oder Kartentisch, also eine topografische 3D-Karte, auf die programmierte Inhalte projiziert werden. Darauf sieht man Neuseeland als plastisch erhöhtes Landschaftsmodell, über das Geschichten und historische Zusammenhänge gelegt werden. Vor zwanzig Jahren haben wir noch von so etwas geträumt und uns gefragt, ob so etwas überhaupt realisierbar sei, und hier steht nun genau so ein Tisch. Das ist wirklich vom Feinsten. Nicht nur der Tisch, auch die Inhalte, die auf ihm erzählt werden: He Whakaputanga o te Rangatiratanga o Nu Tireni, die Unabhängigkeitserklärung von 1835 der Vereinigten Stämme Neuseelands. Te Tiriti o Waitangi / The Treaty of Waitangi, der Vertrag von Waitangi von 1840 zwischen der britischen Krone und Māori. Und The Women’s Suffrage Petition / Te Petihana Whakamana Pōti Wahine, die Frauenwahlrechts-Petition von 1893. Neuseeländische Geschichte, die man hier nicht nur gezeigt bekommt, sondern wirklich begreift.
Und damit zur Geschichte selbst.
Um 1250 bis 1300 erreichten die ersten polynesischen Siedler Neuseeland, aus ihnen entwickelten sich die Māori, also vergleichsweise spät. An der Wellington Waterfront steht die Kupe-Statue, die an den legendären Entdecker Kupe, seine Frau Hine Te Apārangi und den tohunga Pekahourangi erinnert und damit Māori-Herkunft, Navigation und Gründungserzählung im öffentlichen Raum sichtbar macht. Die ersten Māori kamen aus Ostpolynesien, wahrscheinlich aus dem Raum der südlichen Cook- und Gesellschaftsinseln.
1642 erreicht Abel Tasman als erster bekannter Europäer Neuseeland. Heute gibt es noch einen Great Walk, der nach ihm benannt ist, die ersten Begegnungen verliefen allerdings nicht gerade friedlich. Der erste Kontakt endete gewaltsam, vier von Tasmans Männern wurden getötet, und von den Schiffen wurde daraufhin auf Māori-Waka gefeuert. Deshalb nannte Tasman die Bucht später sogar „Murderers’ Bay“. Das ist schon ein deutlicher Unterschied zur australischen Kolonialisierung, oder? Ein eher wehrhaftes Völkchen.
Um 1769 erreicht James Cook Neuseeland und beginnt die detaillierte Kartierung der Küsten. Die Māori-Bevölkerung wird zu dieser Zeit auf etwa 100.000 Menschen geschätzt. Weitere konfliktreiche Begegnungen folgten. Der wichtigste bewaffnete Zusammenstoß war 1772 in der Bay of Islands bei der Expedition des französischen Seefahrers Marc-Joseph Marion du Fresne. Erst freundlich, dann tödlich. Marion du Fresne und 24 seiner Männer wurden getötet, und die überlebenden Franzosen übten blutige Vergeltung an Māori, zerstörten Dörfer und töteten oder verwundeten viele, vielleicht hunderte Menschen.
Und dann tat der weiße Mann, was er besonders gut konnte: Er verkaufte Waffen an befeindete einheimische Gruppen und ließ die Dinge ihren Lauf. Diesmal weitestgehend ohne Alkohol als Katalysator, denn Māori konsumierten traditionell keinen Alkohol. Ab etwa 1807, mit dem Höhepunkt zwischen 1818 und den frühen 1830er Jahren, begannen die Musket Wars. Dabei starben nach gängigen Schätzungen etwa 20.000 Māori, direkt oder indirekt. Viele weitere wurden versklavt, vertrieben oder zu Flüchtlingen. Für eine Gesellschaft von damals vielleicht nur rund 100.000 Menschen war das eine Katastrophe gewaltigen Ausmaßes. Zusätzlich wüteten eingeschleppte Krankheiten. Bis in die 1890er Jahre fiel die Māori-Bevölkerung auf etwa 40 Prozent ihres Vorkontakt-Niveaus, wobei eingeführte Krankheiten als Hauptgrund gelten.
Um das besser zu verstehen, muss man wissen, wie Māori organisiert waren. Sie waren traditionell nicht zentralstaatlich aufgebaut, sondern über whānau, hapū und iwi. Das whānau war die erweiterte Familie, mehrere whānau bildeten einen hapū, und mehrere verwandte hapū gehörten zu einem iwi. Vor dem Eintreffen der Europäer war vor allem der hapū die eigentliche politische Kerneinheit. Einen gemeinsamen „Māori-König“ für alle gab es ursprünglich nicht, vielmehr hatte jede Gruppe ihre eigenen rangatira, also Führungsfiguren mit lokaler Autorität. Auch Handel, Landnutzung und Bündnisse liefen stark über diese Verwandtschaftsstrukturen. Die Rechtsprechung beruhte nicht auf einem geschriebenen Gesetzbuch, sondern auf tikanga, also einem komplexen System aus Gewohnheitsrecht, Werten und richtigen Verfahrensweisen. Wichtige Prinzipien waren dabei unter anderem utu, also Ausgleich und Wiederherstellung von Balance, und muru, eine Form der Wiedergutmachung oder kollektiven Entschädigung nach einem Unrecht.
Jedoch erkannten die Māori sehr schnell, welchen Wert es haben konnte, ihre Sprache verschriftlichen zu lassen. Bereits ab 1814 begannen erste Missionare damit, te reo Māori niederzuschreiben, und 1820 wurde die Schriftsprache mit Hilfe von Māori wie Hongi Hika und Waikato systematischer erfasst. Was zunächst von außen angestoßen wurde, machten die Māori rasch zu ihrem eigenen Werkzeug, denn Lesen und Schreiben bedeuteten nicht nur Bildung, sondern auch politische Verständigung, Austausch und die Möglichkeit, die eigene Welt in neuer Form festzuhalten. Gerade in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche wurde das geschriebene Māori so zu weit mehr als bloßer Übersetzungshilfe. Es wurde zu einem Mittel der Selbstbehauptung.
Das ist die Vorgeschichte. Und nun kommt das, worum sich He Tohu eigentlich dreht.
He Whakaputanga von 1835 ist die neuseeländische Unabhängigkeitserklärung. Sie hält im Kern fest, dass mana und Entscheidungsgewalt in Neuseeland bei Māori, genauer bei den rangatira der Vereinigten Stämme, liegen und keine fremde Macht einfach Gesetze über das Land setzen soll. Zugleich ist sie eines der frühesten Dokumente, in denen Māori sich politisch auch über einzelne iwi und hapū hinaus als gemeinsame Einheit formulieren. He Whakaputanga wurde am 28. Oktober 1835 in Waitangi von 34 nördlichen rangatira unterzeichnet. Später kamen bis 1839 noch 18 weitere chiefs dazu.
Te Tiriti o Waitangi / Treaty of Waitangi von Februar 1840 ist dagegen kein bloßes Unabhängigkeitspapier, sondern ein politisches Abkommen zwischen der britischen Krone und Māori. Es behandelt im Kern Regierung beziehungsweise kawanatanga, den Schutz von rangatiratanga über Land und taonga sowie die Rechte der Māori als britische Untertanen beziehungsweise Bürger. Genau hier liegt aber der historische Konflikt, weil die Māori- und die englische Fassung eben nicht dasselbe sagen und bis heute unterschiedlich ausgelegt werden.
Die Unterschiede sind nicht klein, sondern zentral. Im englischen Text heißt es in Artikel 1, Māori würden der Krone „sovereignty“ abtreten. Im Māori-Text steht dagegen „kawanatanga“, also eher Regierung oder Gouverneursgewalt. In Artikel 2 garantiert der englische Text den Māori den Besitz ihrer Ländereien, Wälder, Fischgründe und anderer Güter, während der Māori-Text „tino rangatiratanga“ über Land, Dörfer und taonga zusichert, also eher die volle Ausübung der eigenen Autorität beziehungsweise Häuptlingsschaft. Artikel 3 ist am ehesten deckungsgleich: Schutz durch die Krone und die Rechte britischer Untertanen.
Der historische Kernkonflikt ist damit brutal einfach: Die meisten Māori unterschrieben einen Text, den sie nicht als vollständige Abtretung ihrer Souveränität verstanden, während die Krone sehr schnell so handelte, als habe sie genau diese erhalten. Das resultierte schließlich in den New Zealand Wars von 1845 bis 1872, also in Kriegen zwischen der Krone beziehungsweise Kolonialtruppen und Māori. Die eigentliche Langzeitfolge lag jedoch nicht nur im Töten, sondern im massiven Landverlust. Nach den Kriegen wurden mehr als vier Millionen acres Māori-Land konfisziert, was für viele iwi Verarmung, Entwurzelung und dauerhaften Machtverlust bedeutete. Auch die Zahl der Toten ist erheblich. Etwa 2.000 Māori, überwiegend junge Männer, starben bei einer damaligen Gesamtbevölkerung von vielleicht nur noch rund 60.000 Menschen. Beachtlich viel.
Der Widerstand der Māori verschwand nach den Kriegen nicht, sondern verlagerte sich mit der Zeit vom bewaffneten Konflikt in politischen Protest, kulturelle Selbstbehauptung und juristische Kämpfe. Besonders wichtig waren der Māori Land March von 1975 unter Whina Cooper gegen weiteren Landverlust, die Besetzung von Bastion Point 1977 bis 1978, die Einrichtung des Waitangi Tribunal 1975 und der Te Reo Claim von 1985, der dazu beitrug, dass te reo Māori 1987 Amtssprache wurde. So erkämpften sich Māori Schritt für Schritt mehr Sichtbarkeit, mehr politische Mitsprache und eine stärkere Anerkennung ihrer Rechte als Treaty-Partner, auch wenn dieser Kampf bis heute nicht abgeschlossen ist. Heute stellen Māori fast ein Fünftel der Bevölkerung Aotearoas.
Ein weiteres Schriftstück ist die Women’s Suffrage Petition von 1893, und allein ihre schiere physische Wucht macht Eindruck. Das Hauptstück umfasste mehr als 500 einzelne Blätter, die zu einer Rolle von über 270 Metern zusammengefügt wurden, mit den Namen und Adressen von rund 24.000 Frauen. Zusammen mit weiteren kleineren Eingaben kamen damals sogar fast 32.000 Unterschriften zusammen. Sie zeigt sehr schön, dass das Frauenwahlrecht in Neuseeland nicht einfach großzügig von oben gewährt wurde, sondern das Ergebnis von Organisation, Beharrlichkeit und massivem öffentlichem Druck war. Noch im selben Jahr, am 19. September 1893, wurde das neue Wahlgesetz unterzeichnet, und Neuseeland wurde damit zum ersten selbstverwalteten Land der Welt, in dem Frauen auf nationaler Ebene wählen durften.
Frauenwahlrecht heißt allerdings noch lange nicht Gleichbehandlung der Frau, das sei hier gesagt. Aber im Gegensatz zu unseren Schweizer Nachbarn war man hier eben doch fast acht Jahrzehnte früher dran, denn die Schweiz zog auf Bundesebene erst 1971 nach. Und um eines gleich vorwegzunehmen: Māori-Frauen erhielten das Wahlrecht zur selben Zeit, hier gab es also keine gesonderte Schlechterstellung, und Māori-Männer waren sogar schon 1867/68 politisch wahlberechtigt. Wenn man bedenkt, dass politische Teilhabe weltweit bis heute keineswegs überall selbstverständlich ist und ein großer Teil der Menschheit noch immer in Staaten lebt, die nur teilweise frei oder gar nicht frei sind, dann ist das schon bemerkenswert. Ob nun die Frau wählen darf oder gar niemand.
Noch meine persönliche Anmerkung dazu: Frauenwahlrecht heißt noch lange nicht volle Gleichberechtigung. Die beginnt nicht erst an der Wahlurne, sondern zeigt sich erst dort wirklich, wo Schutz, Chancen, Einkommen, Familie und Alltag für Frauen und Männer tatsächlich gleich geregelt und gleich durchsetzbar sind. Gleichstellung der Frau ist heute fast überall weiter als noch vor hundert Jahren, aber sie bleibt unvollendet. Auf dem Papier bestehen in vielen Staaten gleiche Rechte, in der Realität hapert es jedoch weiter bei Lohn, Karrierechancen, politischer Repräsentation, Schutz vor Gewalt und der ungleichen Verteilung unbezahlter Sorgearbeit. Besonders sichtbar wird das dort, wo Gleichberechtigung im Alltag an Grenzen stößt: Frauen sind politisch weiter unterrepräsentiert, leisten nach wie vor den deutlich größeren Anteil unbezahlter Care-Arbeit, und fast jede dritte Frau weltweit erlebt im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt.
Viel habe ich heute noch gelesen, mich mit Demokratie, Verfassung und den sehr unterschiedlichen politischen Systemen beschäftigt, und dabei wurde mir erst richtig klar, wie besonders das deutsche Grundgesetz eigentlich ist. Dass eine Verfassung mit der Menschenwürde beginnt und diese an den Anfang von Staat und Recht stellt, ist tatsächlich eher die Ausnahme als die Regel. Im Vergleich dazu wirkt die britische Ordnung fast wie das Gegenmodell: keine einzelne, geschlossene Verfassung, sondern ein historisch gewachsenes Gefüge aus Parlament, Rechtsprechung, Konventionen und alten Gesetzen, getragen vor allem von der Idee der Parlamentssouveränität. Selbst der moderne Menschenrechtsschutz kam dort erst mit dem Human Rights Act 1998, der die Rechte der Europäischen Menschenrechtskonvention im britischen Recht wirksam machte. Er trat aber erst 2000 in Kraft und steht eben nicht über dem Parlament wie bei uns das Grundgesetz.
Und vielleicht erklärt genau das auch ein Stück weit, warum Kolonialisierung, Landnahme und die spätere Umdeutung des Treaty von 1840 überhaupt möglich waren. Denn wenn ein politisches System stärker von Herrschaft, Gesetzgebung und Machtvollzug her denkt als von unantastbaren, höherrangig gesicherten Rechten, dann lassen sich Verträge mit indigenen Völkern leichter beugen, sobald sie imperialen Interessen im Weg stehen. Gerade im Fall von Te Tiriti o Waitangi liegt die Tragik ja darin, dass viele rangatira ihn nicht als vollständige Abtretung ihrer Souveränität verstanden, während die Krone sehr bald so handelte, als habe sie genau diese erhalten. Ein Widerspruch, der schließlich in Krieg mündete. Die Waitangi Tribunal kam später sogar ausdrücklich zu dem Schluss, dass die Unterzeichner von Februar 1840 ihre Souveränität gerade nicht abgetreten hatten.
Und warum habe ich so viel gelesen? Weil das Rugbyspiel eigentlich eher langweilig war. Die Hurricanes haben die Brisbane-Nu**en aus Queensland ziemlich entspannt abgefrühstückt und mit versohltem Ars** nach Hause geschickt. 52 zu 14. Morgen geht es weiter, aber nicht in Wellington. In diesem Sinne.



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