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Taupō II

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 2. Apr.
  • 6 Min. Lesezeit

Wie bereits erwähnt, muss man sich die schönen Spots hier in Taupō erarbeiten. Die fallen einem nicht so in den Schoß wie in Queenstown. Somit blieben mir noch zwei Tage, und ich war hart am Überlegen, ob ich nun die Tongariro Alpine Crossing Tour mache. 20 Kilometer, Start auf 1120 Höhenmetern, dann über South Crater und Red Crater hinauf auf 1886 Meter, dazu ein Abstieg von ungefähr 1000 Höhenmetern. Ein Shuttle würde von Taupō an den 80 Kilometer entfernten Einstiegspunkt fahren und einen acht Stunden später am Endpunkt wieder aufsammeln. Danke an das DOC und die hervorragenden Informationen und Videos, wirklich gut gemacht.

Ich dachte lange darüber nach. Das Wetterfenster hätte es gegeben. Der ausschlaggebende Punkt, diese Tour nicht zu machen, war dann eigentlich nicht, dass ich Angst gehabt hätte, es nicht zu schaffen, oder die Höhenangst. Nein, es war schlicht, dass ich keinen Bock hatte, morgens um fünf mit anderen Wanderern 80 Kilometer lang in einem Shuttle zu sitzen. Nicht, dass ich die letzten zweieinhalb Jahre nicht ständig um fünf Uhr wach gewesen wäre, so wie auch momentan. Aber morgens mit anderen Leuten reden zu müssen, oder auch nur in die Gefahr zu kommen, außerdem ist es morgens gerade kalt, nein danke. Dieser Grund ist genauso valide wie jeder andere, es nicht zu machen. Wenn man eine Ausrede braucht, findet man schon eine. Außerdem muss ich mir für das nächste Mal ja noch etwas offenhalten. Lieber dieses Taupō hier abhaken, dann muss ich nicht noch einmal her. Es ist zwar hübsch, aber Queenstown ist es eben auch nicht.

Also gut, und da ich ein Fahrrad hatte, ein vorderradgefedertes Mountainbike, machte ich noch einmal Gebrauch davon. Zuvor noch kurz zwei Small Black, wie der Espresso hier heißt, dann auf den 16 Kilometer Trail Richtung Aratiatia Rapids, am Huka Fall vorbei, also gut 100 Höhenmeter drüber. Mein Hintern war immer noch nicht ganz wiederhergestellt, trotz Bepflasterung. Aber das kenne ich schon. Meine erste Fahrt zur Côte d’Azur, das Rhône Tal entlang, nach acht von zwölf Tagen konnte ich auch nicht mehr sitzen, also fährt man eben im Stehen. Das ist eine besonders gute Übung für den Gluteus maximus und für den ischiocrurale Muskulatur. Das formt jedenfalls diesen Teil des Körpers, damit hatte ich selten Probleme. Meine Problemzone liegt weiter vorne, die fette Fettschicht über dem Abdomen.

Es machte Spaß, die Strecke entlangzufahren. Unterwegs überlegte ich immer wieder, wo eigentlich meine Höhenangst geblieben ist. Schließlich ging es da manchmal ziemlich heftig runter. Naja, wenn ich sie zu sehr vermisse, kann ich ja mal versuchen, aus einem Flugzeug zu springen, die wird mich dann schon wieder finden. Und wir alle wissen, was am Ende dieser Reise steht, das wir Leben nennen. Es ist der Tod, und der ist wegunabhängig. Hier dürfen Leute lachen, die Thermodynamik verstehen.

Also brauste ich da durch den Dschungel auf diesem schmalen Trail, bergauf, bergab, und stand relativ zügig und genau pünktlich am Staudamm. Ich fuhr noch die verschiedenen Aussichtspunkte ab und entschied mich für den unteren, der bereits ein wenig überlaufen wirkte. Ich schlich mich durch und baute meine GoPro auf. Ich hatte da so eine Idee, die auch relativ gesehen funktionierte.

Als der Damm seine Schleusen öffnete, fragte ich mich, wann die Zwerge mit ihren Fässern kommen oder ob die schon frei hatten. Leider waren sie nicht im Preis inbegriffen. Als ich mit meiner Aufnahme fertig war, war der Platz schon ziemlich leer, und es war auch schon relativ spät am Tag. Ich hatte morgens wohl ein wenig rumgebummelt. Ich schaute auf die Uhr, kurz vor Viertel vor drei. Craters of the Moon schließt um sechzehn Uhr, das schaffe ich noch.

Ich schwang mich aufs Fahrrad und ballerte die zehn Kilometer durch, über Stock und Stein und bergauf und bergab, und siehe da, knapp eine halbe Stunde später stand ich am Eingang, schwer atmend und mit der richtigen Spekulation, dass der letzte Einlass um sechzehn Uhr ist, der Park aber bis siebzehn Uhr offen hat. Die Dame an der Kasse war zuckersüß. Ob ich hierher gelaufen wäre? Sie erklärte mir ausführlich den Park, während bei mir noch das Blut durch die Ohren rauschte. Ich hatte wirklich ein bisschen Gas gegeben. Nachdem sie mir noch eine Flasche Wasser gab, entließ sie mich in den Park, nicht ohne Sicherheitshinweise. Mittlerweile war die Schlange hinter mir sehr lang. Mich stört so etwas ja immer, die Dame eher nicht.

Im Allgemeinen muss ich sagen, dass der größte Schatz hier nicht die Natur ist, sondern die vielen netten Leute. Immer wieder bin ich überwältigt davon, wie gern die Menschen hier mit einem sprechen. Keiner gibt dir das Gefühl, dass du von woanders herkommst. Alle sind super nett und kommunikativ. Ich könnte mich daran gewöhnen.

Craters of the Moon, meine Beine waren noch ein bisschen zittrig, als ich durch den Park lief. Ein Steg führt über dampfende Erde. Craters of the Moon ist eine geothermische Landschaft nördlich von Taupō, in der Dampfschlote, Krater und verfärbte Böden eine fast mondartige Szenerie schaffen, dazu noch mit einer eigenen, sehr ungewöhnlichen Flora. Der Rundweg dauert etwa 45 Minuten, mit einem zusätzlichen Aussichtspunkt, der noch einmal ungefähr 15 Minuten kostet. Besonders spannend ist, dass dieses Feld auch die Entwicklung des Wairakei Geothermal Power Station Systems widerspiegelt.

Ich war pünktlich wieder draußen und saß, nein stand, wieder auf dem Fahrrad. Auf dem Weg zurück nach Taupō kam ich noch an einer Stelle vorbei, bei der es links vom Radweg weggeht zum Acid Drop. Eine kurze Trailabfahrt mit zwei harten Jumps drin. Ich brachte mein Material da an die Grenzen seiner Belastbarkeit, aber die musste ich mitnehmen. Als ich unten ankam, stand eine kleine Gruppe junger Mountainbiker in Vollmontur da, Helm, Protektoren und vollgefederte Fahrräder. Sie starrten mich einigermaßen entgeistert an. Zumindest den letzten Jump hatten sie gesehen, als ich fröhlich pfeifend an den Kids vorbeifuhr.

Obwohl ich es nicht gern betone, ich kann Mountainbike fahren. Vor allem diese Trails hier, null problemo. Normalerweise fahre ich mit einem vollbeladenen ungefederten Tourenrad durch die Gegend, 130 Kilo plus, und wenn es sein muss auch mal Mountainbike Trails, oder Mountains ohne Trails, oder Skipisten runter. Es gab Jahre, da habe ich im Schnitt 15.000 Kilometer auf dem Bike gemacht. Da kommt man nicht drum herum, ein paar Skills zu entwickeln.

Trotzdem war ich froh, nach dem Einkaufen wieder in der Unterkunft zu sein und etwas zu essen. Das war schon anstrengend. Am nächsten Morgen trudelte mein erster Gehaltscheck ein. Nicht schlecht für ein bisschen Digitalnomadentum, inklusive Folgeauftrag. Nichts, womit man seinen Lebensunterhalt bestreiten könnte, obwohl? Anyway. Aufstehen, Kaffee, Fitnessstudio, und dann wollte ich noch Mount Tauhara, die schwangere Frau, erklimmen.

Eigentlich wollte ich mit dem Fahrrad bis zum Parkplatz fahren, aber meine polnische Gastgeberin hatte etwas dagegen. Sie ließ es sich nicht nehmen, mich an den Fuß des Berges zu fahren. Sie meinte, der Weg dorthin sei nicht so toll fürs Fahrrad. Sie hatte recht, eher nicht so sexy. Vielleicht hatte sie auch gesehen, was ich gestern ihrem Fahrrad angetan hatte, und wollte nicht, dass ich es weiter strapaziere. Da saß ich also im Auto und wurde zugequatscht. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, den Weg zum Trailbeginn nicht aus eigener Muskelkraft zu machen, aber der Weg war wirklich nicht toll. Ich solle sie wieder anrufen, wenn ich fertig wäre. Dann schmiss sie mich auf dem Parkplatz raus.

Dort stand, man solle fit sein, es sei steil, es seien drei Kilometer von 550 Höhenmetern bis auf 1080 Meter, und üblicherweise brauche man drei bis dreieinhalb Stunden hoch und runter.

Die letzten zweieinhalb Jahre war ich nicht gut zu mir. Ich arbeitete viel zu viel, zehn bis zwölf Stunden, sechs Tage die Woche, habe meinen Körper dementsprechend vernachlässigt und verfluchte mich auf den ersten Metern nach oben. Wirklich, ich schnaufte hart, haderte und überlegte, ob ich überhaupt fit genug dafür bin. Eine Stunde später war ich oben auf dem Mount Tauhara. Ups.

Jetzt hätte ich beinahe geschrieben, ich hätte die schwangere Frau bestiegen. Das klingt im Deutschen so furchtbar, zum Glück habe ich es nicht geschrieben. Ich hatte Die Ärzte auf den Ohren, Die fette Elke. Ich bin damals schon von der Band aufgeklärt worden, dass das Liedtexte sind, die du so heute nicht mehr bringen kannst. Ich bin damit groß geworden, großartige Musik. Und was assoziiert man mit Deutschland? Bier, Lederhose, Bratwurst, Autobahn und natürlich Rammstein. Oh man. Die waren für mich damals 95 ein paar Wochen cool, bis ich gesehen habe, wer da alles das Blut vom Degen lecken wollte. Da war es dann auch relativ schnell wieder vorbei mit denen. Die Ärzte, so gut.

Oben empfing mich eine Armada von Sandflies. Die waren zäh und haben mich mehr gestört als die Höhe. Dann kam der harte Teil, bergab. Wirklich, ich kann stundenlang bergauf laufen, kein Problem, Stairmaster Training macht es möglich. Bergab allerdings, da sollte ich mir noch etwas einfallen lassen. Nach genau zwei Stunden war ich wieder unten am Parkplatz, und wieder, die Leute sind hier so nett, nahm mich jemand mit ins Dorf.

Jetzt noch arbeiten, Wäsche waschen, packen, und dann geht es morgen weiter. In diesem Sinne.

 
 
 

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