Nouméa II
- R.

- 13. Apr.
- 7 Min. Lesezeit

Und dann ist es einfach passiert, ohne dass ich mich wehren konnte, ich habe mich verliebt. Einfach so, zack, Nouméa. Es ist nicht Queenstown, es ist besser. Noch besser. Keine Gegenwehr, keine Chance. Ich dachte, rein in die Stadt, so groß ist die nicht, ein bisschen links, ein bisschen rechts und wieder raus und mir den Rest anschauen. So einfach ist das leider nicht. Das habe ich festgestellt, als meine Kreise immer größer wurden. Bucht hier, Strand hier, Berg da, Insel hier, Natur da und so einfach war es um mich geschehen. Der größte Schatz hier jedoch sind die Menschen. Immer freundlich, immer offen. Ich bin doch in Frankreich, wo sind die Franzosen. Keine Sorge, sie sind hier.
Aber von vorne. Letzten Freitag war ich noch am überlegen, ob ich mir ein Fahrrad hole, um die Insel zu erkunden. Den Gedanken habe ich das ganze Wochenende gewälzt. Im Prinzip nicht schwierig. Ich hatte eines im Auge, in einem Preisbereich, bei dem es nicht allzu sehr weh getan hätte, es hier stehen zu lassen, falls ich es nicht wieder verkauft bekomme. Es wäre allerdings kein Fahrrad gewesen, das wirklich Fahrvergnügen bereitet, und ich hätte noch Taschen kaufen müssen. Mal wieder. Dinge, die ich längst besitze. Ein paar hundert Euro extra für Zeug, das ich schon habe. Und gleichzeitig habe ich gemerkt, dass es hier von der Stadt aus noch so viel zu entdecken gibt. Man muss nur aufs Wasser. Es gibt immer Gründe, etwas nicht zu tun. Man muss sie nur lange genug wiederholen, bis sie gut klingen. Also habe ich die Entscheidung vertagt. Vermutlich auf nie. Einen kleinen Beitrag dazu hat sicherlich auch mein Sonnenbrand geleistet den ich mir gestern eingefangen habe. Ganzkörper, beim Schnorcheln, trotz Sonnencreme und Schatten. Auf den Füßen und auf der Plauze. Lange nicht mehr so konsequent verbrannt.
Um ehrlich zu sein, ich habe ein wenig den Überblick über Tage und Zeit verloren. Das ging schnell. Ich denke es war Samstagmorgen da ging es zuerst um das Internet. Ohne mobiles Netz war ich ziemlich aufgeschmissen. Orientierung, Übersetzung, alles plötzlich kompliziert. Also wieder in den Laden. Die gleiche Dame wie am Tag davor. Ich schaute sie an, sie schaute mich an, dann dämmerte es ihr. Oui, es funktioniert wieder. Zweite SIM gekauft, sie half beim Einrichten und testete das Ganze, indem sie mich von meinem eigenen Telefon aus anrief. Es klingelte. Sie gab mir mein Handy zurück und meinte, jetzt hätte ich ja ihre Nummer. Ich bin ein bisschen verlegen aus dem Laden gestolpert.
Danach Stadt. Maison Célières, ein koloniales Haus von 1898, das einen unmittelbaren Eindruck davon vermittelt, wie hier früher gelebt wurde. Musée de la Ville, mitten im Zentrum, Geschichte von Kolonialzeit bis heute, in einem Gebäude, das selbst Teil dieser Geschichte ist. Und das Maritime Museum, in dem klar wird, dass hier alles vom Meer aus gedacht werden muss. Handel, Navigation, La Pérouse.
Dann stand ich an einer Straße, die laut Karte zu einer Bucht Kuendu Beach führen sollte. Sechs Kilometer. Das ist doch nichts. Also los, entlang der Straße, immer weiter.
Und plötzlich stand ich vor ausgebrannten Ruinen rund um die Rue Juliette Bernard. Wenn ich es richtig verstanden habe, waren das einmal Ausbildungsstätten, Orte, an denen Hunderte Jugendliche ausgebildet wurden. Heute schwarze Gerippe. Spuren der Unruhen vom Mai 2024. Geplündert, zerstört, niedergebrannt. Und noch immer nicht wieder aufgebaut. Zerstörung geht schnell. Wiederaufbau braucht Zeit, Geld und vor allem einen Frieden, der mehr ist als das bloße Ende von Gewalt. Ich frage mich immer wieder, warum es so oft Bildungseinrichtungen trifft. Immer wieder dasselbe Bild.
Unter diesem Eindruck der abgebrannten und Gebäude und graphitibeschmierten Wände („C’est à nous la terre“ = „Das Land gehört uns“ ) ging ich weiter Richtung Strand. Die Straße hatte ich satt, ich wollte ans Wasser und am Strand entlang laufen. Dann kam ich in eine Gegend mit kleinen Feuern, Wellblechhütten, Menschen im Schatten und ausgeschlachteten Autos am Wegesrand. Auf einem stand wie ein Ortschild „Kanak Favela“. Mulmiges Gefühl. Nicht einladend, auch wenn alle, denen ich begegnete, freundlich Bonjour sagten.
In meinem Kopf liefen Szenarien. Was tun, wenn etwas passiert. Rennen kommt nicht in Frage. Ich renne nicht. Nicht auf den Zug, nicht aus Vergnügen und sicherlich nicht um mein Leben. Was dann? Stirnrunzeln. Mir wurde einmal gesagt, mein Stirnrunzeln könne ganze Videokonferenzen einschüchtern. Erwachsene Menschen, studiert, mitten im Leben, kurz vor dem Zusammenbruch wegen meiner Stirn. Klingt absolut überzeugend. Stirnrunzeln, ja, ausgesprochen glaubhaft. Zumal der Rat von jemandem kam, der die Wahrheit so lange verdreht, bis selbst seine eigenen Zähne lieber auf Distanz von ihm und zueinander gehen. Tooth Social Distancing. Lügen, total in Ordnung, Stirnrunzeln no go. Der Gedanke hob augenblicklich meine Laune. Ich würde es damit versuchen, mit Einschüchterung. Und wenn das nicht hilft, dann eben den Geldbeutel rausrücken. Viel ist da ohnehin nicht zu holen.
Ich lief weiter durch diese fast dystopisch wirkende Gegend. Ich maße mir kein Urteil an, aber es wirkt wie eine Zweiklassengesellschaft. Historisch gewachsen, tief verwurzelt. Was ich hier sehe, fällt nicht vom Himmel. Es ist das Ergebnis einer langen kolonialen Geschichte, in der die Kanak von Land, Macht und Teilhabe ausgeschlossen wurden. Offiziell längst überwunden, im Alltag immer noch sichtbar. Besitz, Bildung, Einkommen. Die einen tragen, die anderen sitzen am Rand. Ob die einen einladen und die anderen nicht kommen, kann ich nicht beurteilen. Ich sehe nur, was ist.

Ein Stück weiter am Strand entdeckte ich ein großes Graffiti. Mehr als Farbe auf Beton. Eine Erzählung. In der Mitte „Radio Djiido“, die Stimme der Kanak. Links wirkt alles noch roh, nah am Leben, fast wie eine Erinnerung an Ursprung und Alltag. Nach rechts kippt es in Spannung und Symbolik, wird unruhiger, härter, als würde es von Verlust und Widerstand erzählen. Und genau dazwischen steht dieses Land.
Die Menschen, denen ich begegnete, waren freundlich. Irgendwann kam ich am Kuendu Beach an. Ein wunderschöner Ort. Musik, roch den Braten auf dem Grill, Leben. Ich setzte mich in den Sand, hörte zu, beobachtete und wusste, dass ich ausgeschlossen bin und ich musste irgendwann doch zurück. Die Sonne ging unter, ich war durch. Diesmal Straße.
Ein Auto hielt an. Eine Frau sprachen mich an, boten mir an, mich mitzunehmen. Ich nahm an. Kurz darauf war ich wieder in der Stadt. Badehose kaufen.
Ich hatte mich beraten lassen, morgen wollte ich Natur beim Schnorcheln sehen und habe mir eine Fahrt zur Îlot Signal gebucht. Zuerst wollte ich abends aber noch einmal Sonnenuntergangsbilder machen und bin wieder nach Port Moselle, weil es so schön nah liegt. Wieder gute Bilder, jedoch wurde ich wieder von einem dieser ungewaschenen Männer mit verrissenem T Shirt angequatscht. Ich ging weg, er lief mir hinterher. Irgendwann wurde es mir zu blöd, ich blieb stehen und hörte mir an, was er zu sagen hatte, dann stellte ich mich auf die idiotischste Weise, die mir einfiel, dumm. Ich ließ ihn reden, ich zuckte mit den Schultern und tat so, als würde ich ihn nicht verstehen. „Je ne parle pas français.“ Weiteres Schulterzucken. Als er mich am Arm greifen wollte und irgendwohin ziehen, entzog ich mich seinem Griff, blieb einfach stehen und stellte mich dumm. Es dauerte fünf Minuten, bis er endlich aufhörte, auf mich einzureden. Seine Versuche, mich irgendwohin zu ziehen, fand ich wirklich widerlich, und ich musste meine ganze Selbstbeherrschung aufbringen, ihn nicht einfach in den Erdboden zu donnern. Immer wieder zog ich meinen Arm aus seinem Griff, sicherlich mit Leichtigkeit, dennoch. Ich stand da, stellte mich dumm und zuckte mit den Schultern, „je ne parle pas français“ wiederholend. Ich denke, Port Moselle am Abend sollte ich in Zukunft meiden.
Ich hatte noch irgendwo gelesen, dass es eine Art Kunstmarkt in einem der naheliegenden Parks gab, und so lief ich im Dunkeln dorthin, kein Problem. Leider war es schon zu dunkel, um noch viel zu sehen, aber die Musik war gut, und so setzte ich mich auf einen Hügel und ließ die ganze Atmosphäre auf mich wirken, es war wunderschön. Irgendwann konnte ich mich losreißen und war auf dem Rückweg, ich musste morgen früh raus.
Und so war ich morgens auf dem Weg zum Hafen Brunelet bei der Baie des Citrons. Pünktlich um 8 Uhr fuhr das Schnellboot ab. Im Vergleich zu Neuseeland, wo du erst einmal eine zehnminütige Sicherheitseinweisung des Kapitäns über dich ergehen lassen musst, hieß es hier einfach rein ins Boot und los. Dreißig Minuten Schnellboot, dann wirst du auf der Îlot Signal abgeladen und bekommst noch die gebuchte Taucherbrille hinterhergeworfen. „Ach, du bist das erste Mal hier?“ Da sind sie wieder, die Franzosen, ich hatte sie vermisst. Ich dachte, ich erkunde erstmal die Insel und bin einmal um das Island gelaufen. Zwischendrin wurde ich noch von einer Möwe, wohl einer Silbermöwe, gejagt, und ich bin mir ziemlich sicher, ich habe fliegende Pinguine gesehen, auch wenn es in Wirklichkeit wohl eher Tropikvögel oder Tölpel waren. Den örtlichen Donnerbalken fand ich auch und einen Leuchtturm. Momentan sind Schulferien, und was machen sie in Neukaledonien in den Schulferien? Richtig, sie gehen zelten, und sie gehen zelten auf einer Insel. Das heißt, es gab ein kleines oder vielmehr mehrere kleine Zeltlager mit Jugendlichen auf der Insel. Ansonsten gibt es keine weitere Einrichtung dort, und so blieb mir nichts anderes übrig, als schnorcheln zu gehen und damit einen weiteren Jugendtraum von meiner Liste zu streichen. Im Korallenriff, mehrmals, mit vielen bunten Fischen, ein paar Quallen und Schildkröten. Die waren sofort beeindruckend, wie sie die Korallen abgrasten und immer wieder mit dem Kopf durch die Wasseroberfläche stießen. Es wird auf den ersten Blick klar, warum die Tiere genau diese Form der Musterung haben. So wie das Licht der Sonne durch die Wellen gebrochen wird, genau dieses Muster tragen sie auf dem Panzer. Von oben kaum zu sehen. Ich tauchte da so neben dieser Schildkröte her und kam aus dem Staunen nicht mehr wirklich heraus, während andere Fische an meinen Zehen knabberten. Immer wieder spürte ich da ein kurzes Ziehen. In den Schnorchelpausen, meine geliehene Schwimmbrille passte nicht wirklich auf mein Gesicht und so schluckte ich eine Menge Salzwasser, lag ich im immer kleiner werdenden Schatten eines Strauches. Die Sonne stand immer höher, und das ganze Eincremen, der ganze Schatten, all das hat nicht geholfen. Heute habe ich Sonnenbrand, auwa, und ich ließ die Zeit verstreichen. Es waren wohl die langweiligsten sieben Stunden meines Lebens, in denen ich dalag und verbrannte, und ich habe jede einzelne Sekunde davon genossen. In diesem Sinne.



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