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Taupō I

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 31. März
  • 7 Min. Lesezeit

Da saß ich nun also wieder im Bus. Der Abschied von Wellington war nicht einfach, aber ich musste weiter zur nächsten Station. Ich hatte mir Taupō ausgesucht, zum einen weil mir jemand gesagt hatte, dort sei es schön, zum anderen weil hier einige geologische Besonderheiten zusammenkommen. Der Weg dorthin war wieder eine längere Busfahrt, die Übelkeit hielt sich immerhin im Rahmen.

Schon unterwegs bemerkte ich die Unterschiede. Die Südinsel unterscheidet sich in Flora und Erscheinung doch recht deutlich von der Nordinsel. Die Nordinsel wirkt grüner, mit viel Hügelland und Wäldern, während die Südinsel rauer, alpiner und weiter erscheint, geprägt von den Southern Alps, offenen Landschaften und kühleren Lebensräumen. Und endlich sah ich auch, wofür die Kiwis so berühmt sind, Schafe. Nicht, dass es die im Süden nicht gäbe, aber hier fielen sie mir plötzlich richtig auf.

Je näher wir dieser Region kamen, desto vulkanischer wurde es. In der Ferne schimmert dann auch schon fast Mordor. Man fährt lange am Tongariro National Park entlang, und Ngauruhoe und Ruapehu dienten nicht umsonst als Vorlage für ein paar Szenen. Dann ging es noch einige Kilometer am See entlang, vorbei an endlosen Lake View Motel Siedlungen, bis uns der Busfahrer in Taupō rauswarf und ich in meine Unterkunft wackelte. Dort wurde ich von einer relativ unorganisierten Polin empfangen, mit sehr viel Charme. Beziehungsweise war der Charme vielleicht gerade die Unorganisiertheit. Kurz darauf hatte ich den Schlüssel zu einem Lake View Zimmer in der Hand, zweite Reihe zwar, aber ich sehe aus dem Schlafzimmer den See. Und in die Nachbarwohnung. Und durch diese auch noch den See. Zusätzlich drückte sie mir noch ein Fahrrad in die Hand. So eins vom Typ, das würde sich mein Arsch normalerweise nicht einmal anschauen, aber nun gut, here we go.

Damit war ich auch schon wieder zurück im Dorfzentrum, Besorgungen machen. Der Rest des Tages bestand aus Wäsche waschen, arbeiten, Schriftverkehr, fertig. Ich blickte auf den See und seufzte. Ich vermisste Queenstown. Dort musst du dich nur irgendwo hinsetzen und dem Treiben und dem Panorama zusehen. Hier muss ich aktiv werden und mir die Schönheit erarbeiten.

Am nächsten Morgen zunächst ähnliches Bild, dann kam ich endlich mit dem Fahrrad los, rüber zu den Huka Falls am Waikato River, über die Brücke, Foto eins, Foto zwei, und dann sah ich das Schild. Fahrradweg, nein, Mountainbike Trail links geradeaus. Ich schaute auf das Fahrrad. Ja, das war ein Mountainbike. Ich schaute auf den Sattel. Ich seufzte und fuhr los. Das würde mir morgen wehtun.

Ich begab mich auf den Trail durch den Dschungel. Es war ein durchaus brauchbarer Pfad über Stock und Stein. Meine Gangschaltung war nicht ganz so simpel, die Kette rutschte am Berg gern mal über das Pizzaplatt und man musste ein bisschen treten, bis sie wieder griff. Das Pizzaplatt ist das größte Zahnrad am Hinterrad. Ich fuhr, ich schob, ich sprang, ich hatte eine Vorderradgabel, das hatte ich ja schon lange nicht mehr. Rechts ging es steil nach oben, links steil nach unten zum Fluss, und ich brauste in enormer Geschwindigkeit fröhlich pfeifend über den Trail. Das machte richtig Spaß. Schlagloch.

Nach ein paar Kilometern und einigen Matschlöchern später stand ich um 15:30 Uhr bei den Aratiatia Rapids, und ein großes Schild kündigte es an, 16 Uhr die nächste Entleerung.

Ich hatte davon gelesen. Im Waikato gibt es ein System von neun Wasserkraftwerken, die zusammen ungefähr zehn Prozent des neuseeländischen Stroms liefern, und ich stand nun am oberen Ende und blickte auf die Felsen. Ich suchte mir einen Platz, den mittleren Aussichtspunkt, und wartete. Zehn vor vier gingen die ersten Alarmsirenen los. Raus aus dem Gebiet, raus aus dem Flussbett, falls irgendjemand so dumm sein sollte, sich dorthin zu verirren. Kurz darauf noch einmal. Dann öffneten sich die Schleusen.

Zuerst hörte man nur das Brausen des Wassers. Dann füllte sich das erste Becken, lief über, und plötzlich schoss ein reißender Strom unter mir durch das enge felsige Tal. Ein azurblauer Strom, der sich binnen Minuten durch eine Schlucht presste, die kurz vorher noch fast harmlos ausgesehen hatte. Genau hier wurde auch die berühmte Fassszene aus den Hobbit Filmen gedreht. Das ganze Spektakel dauerte etwa fünfzehn Minuten, dann schlossen sich die Schleusen wieder, und das Wasser war unterwegs zur nächsten Station. Zehn Prozent des elektrischen Stroms Neuseelands hängen an dieser Kaskade, grob ein halbes Gigawatt mittlere Leistung, Wasser, das auf einem Kilometer 28 Höhenmeter verliert und am Anfang eines Systems steht.

Zurück fuhr ich auf der anderen Seite des Flusses und dachte zunächst, das sei jetzt wohl die langweiligere Strecke. Das hätte auch so sein können, bis ich zu den Geothermieanlagen kam. Hier hätte ich die Straße nehmen können und wäre deutlich schneller zuhause gewesen. Hätte, hätte, habe ich nicht, und so fuhr ich weiter auf dem Trail und kam plötzlich in eine völlig andere Landschaft. Ich rollte durch ein Tal, an einem Bach entlang, der tief blaugrün war und dampfte. Der Bach führte Wasser von ungefähr 60 Grad Celsius, ein Nebeneffekt des Vulkanismus hier und einer der Gründe, warum ich überhaupt nach Taupō wollte.

Wenn man sich bewusst macht, dass in den oberen zehn Kilometern unseres Planeten mehr Energie in Form von Wärme steckt als in allen fossilen Brennstoffen zusammen, man muss sie nur anzapfen. Unsere Erde ist im Kern immer noch ein nicht abgekühlter Schlackeball, der nur an der Oberfläche verkrustet ist. Und genau das wird hier so offensichtlich, in einer Region, in der die Erdkruste dünn ist und Wärme, Wasser und tektonische Unruhe direkt an die Oberfläche treten.

Fast ein Fünftel des neuseeländischen Stroms stammt aus Geothermie, und der Raum um Taupō ist dabei das eigentliche Zentrum. Es kommt ein erheblicher Teil dieses Geothermiestroms von hier. Zusammen mit der Wasserkraft des Waikato wird in dieser Gegend also ein bemerkenswerter Anteil des neuseeländischen Stroms aus erneuerbaren Quellen erzeugt, zuverlässig, unspektakulär, funktionierend, zusammen ca. 28 % des Gesamtstroms. Dazu kommen Prozesswärme, direkte Wärmenutzung und all die Dinge, die man nicht sieht, die aber den Alltag und die Industrie tragen.

Kein Wunder, dass man hier kaum Windräder sieht. Sie sind schlicht nicht in derselben Dringlichkeit nötig. Kein Wunder auch, dass Neuseeland ein gewisses Selbstbewusstsein daraus zieht, keine Kernkraftwerke zu brauchen und große Teile seiner Energie sauber zu erzeugen. Und bei uns diskutiert man rückwärtsgewandt über eine Renaissance der Atomkraft, während man sich wegen eines Windrads oder eines Heizungsgesetzes kollektiv einnässt, weil Gas so eine schöne blaue Flamme hat und angeblich so sicher um die halbe Welt transportiert werden kann. Was für ein Schwachsinn. Dabei könnte alles so einfach sein, wenn wir uns nicht weiterhin in eine fast sklavische Abhängigkeit von Verbrennungsmaterialien treiben ließen, von den Händlern, die uns deren Unverzichtbarkeit einreden, und von Entscheidungsträgern, nicht selten mit dem geistigen Format eines bayrischen Foodbloggers. Wenn man Geothermie, Wasserkraft, Wind und Solarstrom zusammendenkt, wird doch überdeutlich, dass die Richtung längst da ist. Nur eines ist grenzenlos auf dieser Welt, und das ist die Idiotie der Menschen.

Irgendwann führte mich der Trail wieder aus diesem unwirklichen Tal hinaus, hoch und über den Fluss zurück nach Taupō. Ich werde mir die Gegend morgen noch einmal genauer ansehen, da gibt es noch ein paar Punkte, die ich mir intensiver anschauen möchte.

Heute war ohnehin eher ein ruhiger Tag. Mein Hintern hat mir die Fahrt noch nicht verziehen, nach der Menge Blut, die ich heute Morgen in meiner Schlafanzughose fand. Der Sattel, keine Polster, also bin ich heute eher vorsichtiger Fahrrad gefahren. Nur ins Dorf, ins Museum, beziehungsweise Museum und Art Gallery in einem Gebäude. Die Dame am Schalter war eher überrascht, dass sie überhaupt einen Besucher hatte. Die sechs Dollar hatte ich übrig. Sie entschuldigte sich, dass die Art Gallery gerade geschlossen sei, aber wenn ich am Donnerstag noch in der Stadt bin, sei ich herzlich zur Eröffnung eingeladen, es gebe Häppchen, und man habe Künstler gebeten, aus den hier auffindbaren Materialien Dinos zu bauen. Ich bin versucht.

Der Rosengarten hat wohl einmal einen Preis gewonnen, das Waka Haus war schön, und das Einbaumboot fand ich beeindruckend. Nach fünf Minuten war ich allerdings auch schon wieder draußen. Das Wetter war besser, also machte ich mich auf ins Fitnessstudio. Tagespass zwanzig Dollar, aber ich könne die vierundzwanzig Stunden nutzen, also morgen auch noch eine Session durchziehen. Die Leute sind wirklich nett hier, auch wenn ich wieder Probleme habe, sie auf Anhieb zu verstehen.

Dann mein Highlight des Tages. Mit dem Segelschiff raus auf den See. Es stellte sich dann als Motorboot heraus, der Wind, you know. Der Kapitän ließ während der Fahrt zum Ngātoroirangi ein paar Fakten zum See fallen. Lake Taupō ist der größte See Neuseelands, der volle Name lautet Taupō nui a Tia beziehungsweise Te Taupō nui a Tia. Der See ist vulkanischen Ursprungs und füllt die Caldera eines gewaltigen Vulkansystems. Er ist ungefähr dreißig Kilometer breit, vierzig Kilometer lang, rund 622 Quadratkilometer groß und im Mittel etwa hundert Meter tief, an der tiefsten Stelle deutlich mehr. Wichtig ist auch, dass der See so klar ist, mit Sichttiefen von ungefähr fünfzehn Metern, weil er so nährstoffarm ist. Er erzählte irgendetwas über Düngemittel und Wasserqualität, aber da war ich schon irgendwo meditativ abgetaucht. Bootfahren eben.

Es störte mich auch nicht sonderlich, dass ich wohl der einzige Single an Bord war. Um mich herum lauter junge Pärchen. Als ich wieder aufpasste, erfuhr ich noch, dass der Waikato River der einzige Abfluss aus dem Lake Taupō ist und mehr als dreißig Bäche den See speisen.

Nach etwa vierzig Minuten waren wir an der gemeißelten Figur. Vierzehn Meter hoch, über vier Jahre entstanden, irgendwann in den 70igern, 1970igern, Ngātoroirangi Mine Bay Māori Rock Carvings. Die große Hauptfigur stellt Ngātoroirangi dar, einen wichtigen Ahnen der Ngāti Tūwharetoa. Die kleineren Figuren rundherum stehen für tūpuna, also Ahnen, und kaitiaki, Wächter. Geschaffen wurde das Werk Ende der siebziger Jahre von Matahi Whakataka Brightwell mit einem kleinen Team. Moderne Māori Kunst, aber tief in der Geschichte der Region verwurzelt.

Auf dem Rückweg blickte ich eigentlich nur noch auf Mount Tauhara, der in seiner Form an eine liegende Schwangere erinnert und in den Legenden auch so behandelt wird. Ich musste schmunzeln, in diesem Sinne.

 
 
 

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