Tag 16 La Spezia – Bogliasco 121 km und unglaubliche 2500 Höhenmeter
- R.

- 1. Sept. 2022
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 10. Mai 2023

Wahnsinn, was ich da geplant hatte. (Also nicht das mit der nackten Haut, das hat nicht funktioniert, obwohl die englischsprachige Seite plötzlich 10 Besucher hatte, von 0 am Vortag). Das war mir auch gestern schon bewusst, dachte auch nicht, dass ich das ganze fahre, sondern mittendrin anfange umzuplanen. Und was da heute alles dabei war, Schotterwege (klar), Serpentinen (logisch), Schlaglöcher (obligatorisch), Tunnel (einige) und Treppen (?). Ja Treppen, es gab zwar auch einen Aufzug, an dem stand jedoch „Nicht für Fahrradfahrer“, daran störte sich nur keiner, außer……. Um ehrlich zu sein, bin auch stark genug mein Bike + Gepäck (45 kg(!) hab ja maximal gepackt!) 2 Stockwerke runterzutragen, hoch hätte ich mir das vielleicht anders überlegt, sicher. Morgens in La Spezia suchte ich mir erstmal einen Bäcker (die Hotelbuffets…. Ich mag es einfach nicht wenn zwanzig Leute mein Essen angegrabscht haben. Ich mag es einfach nicht.) und wurde fündig. Ich lief in eine, oh mein Gott war das geil. Da stand ich nun wie ein kleiner Junge und als ich gefragt wurde was ich den wolle, sagte ich: „Alles“, die trockene Antwort „Und mit was möchtest du anfangen?“ Geschickt ausgekontert. Ich überließ ihr die Wahl, 2 Stücke, sie überzeugte. Es sah nicht nur gut aus, es war auch gut. Nach dem Frühstück schön eine kleinen Berg hoch, ich war schon ganz angetan von der Steigung und hatte leichte Hoffnung, dass das heute den ganzen Tag so seicht weitergehen könnte. Die Hoffnung stirbt am Berg. Sobald ich im Naturschutzgebiet Cinque Terre war, zog das flott an. Von weitem sah ich zumeist das Unheil schon und dachte mir öfters da komm ich nur als Willi hoch (absteigen schieben) aber dem war nicht so, jedoch floss der Schweiß IN STRÖMEN. Mein T-Shirt war sofort nass, die Schweißtropfen rannen meine Glatze runter zum Bart, von dort tropfte es dann zum Boden runter. Geil. Die Aussicht konnte ich eher weniger genießen, es gab nicht viel Stellen von denen sich ein Foto schießen gelohnt hätte (okay zwei drei) ich fuhr auch in die falsche Richtung (falsche Straßenseite), die Dörfer ließ ich unten liegen. Die hatte ich ja schon mal besucht, das wären unnötige Höhenmeter gewesen, außerdem hatte ich keine Zeit, das wurde knapp heute. Und ernsthaft, wer Cinque Terre besuchen will, macht das mit dem Zug, in jedem Dorf gibt es eine Station und die Frequenz ist hoch, oben mit dem Auto rum gibt es kaum was zu sehen. Wer dann doch Höhe will soll sich einen Wanderpfad von Dorf zu Dorf nehmen. Nur Idioten fahren dort mit dem Auto rein, da sah ich heute ein paar davon, zumeist dickbäuchige ältere Herren und ihre Mutter (?) daneben. Profis nehmen die Öffis, in Levanto oder La Spezia kann man gut parken, es gibt auch Fähren, wer Zug nicht mag. Also habe ich mir heute einen kleinen Traum erfüllt und bin mit dem Fahrrad durch Cinque Terre, bei meiner ersten Tour habe ich das nicht geschafft. Damals bin ich durch einen 8 km langen Autotunnel in ein Dorf gefahren und war nervlich ziemlich am Ende und bin dann außen rum weil ich nicht nochmal durch einen solchen (kürzeren) Tunnel wollte der nicht für Fahrradfahrer freigegeben war. Damals, ach so naiv, damals navigierte ich mit einer Autostraßenkarten und einem ADAC-Camping Reiseführer und möglichst dicht an der Küste halten, das war so mein Plan. Heute lache ich da drüber, was das Zeit und nerven gekostet hat. Abends die markanten Städte auf ein Blatt Papier schreiben, während Wein und Kippen, am nächsten Tag dann immer wieder anhalten und nachschauen. Das ist heute einfacher, auch wenn einen so eine App manchmal zur Verzweiflung bringen (oder in den Tod führen) kann. Mitdenken muss man trotzdem, in Italien sind ja keine Ortschaften (oder für mich verwöhntes Popöchen, nur unzureichend) angeschrieben, was mich damals schon sehr an den Rand des Wahnsinns führte (aber alle Wege führen nach Rom, auch der auf dem man Rom verlässt?). Also irgendwann war ich in Levanto, wie es der Zufall wollte war es halb eins, ich schaute auf den Tacho und dort grinsten mich 43 km an. Ups ich hatte noch 80 km vor mir. Da traf ich einen Rennradfahrer, der mich am Berg überholt hatte und mir beim überholen einen aufmunternden Klaps auf den Rücken gab. Meine, alle wissen, das mit Gepäck ist einfach schwerer. Er wollte mich auf einen Kaffee einladen, ich lehnte bedauern ab. Natürlich kein Italiener, der Junge arbeitet auf einem Minensucher im Mittelmeer und hatte einen Tag Landgang und anstatt wie seine Kollegen zu saufen war er lieber mit seinem Fahrrad unterwegs. Ich hätte mir wirklich gern seine Geschichte angehört, aber heute….. ich musste weiter, einen Radweg am Strand und an der Küste entlang, durch viele Tunnel, 2 Ortschaften weiter stand ich dann am Ende, direkt vor einem Bahnhof (wie geschickt, aber ich hatte da noch Energie), Framura. War ein bisschen überrascht aufgrund des abrupten Endes des Weges. Also runter die Treppen und unter dem Bahnhof durchgeschoben, dort traf ich noch ein Pärchen aus Amerika, beide mit Fahrrad unterwegs. Er war ganz aufgelöst, weil ich „American Brand“ fahre, wir kamen ins Fachsimplen, er meinte mit einer 2er Garnitur vorn wäre es am Berg besser, ich lachte und schwang mich auf`s Fahrrad und dann ging es ab, das zweite mal 600 Höhenmeter. Leider stimmt die Rechnung mit der 2er Garnitur vorn nicht, dann muss ich hinten Ritzel aufgeben, was auf die gleiche Strecke pro Umdrehung herausläuft. Außerdem hab ich maximal Last und bisher noch keine Steigung gefunden, die mich ans Limit bringt, obwohl da heute noch was auf mich zukam. Beim Hochfahren fiel mir auf, es gibt zwei Sorten Mensch, die einen schauen einen Mitleidig an, die anderen, nun die wissen wie geil das ist bis an die Grenze zu gehen und lachen dich an. Also hoch (hört sich kurz an, war es nicht, dafür ganz schön meditativ) und dann gleich wieder runter, als ich an ein kleines Stück kam wo ich wieder hoch musste, da wurde mir kurz schummrig. Klar das Blut war wieder in den Beinen, die hatte ich eine Weile nicht bewegt, das dauert kurz bis der Motor wieder anlief, das ist mir noch zweimal passiert. Danach bin ich die Hügel auch runtergetreten um einfach das Blut weiter zirkulieren zu lassen, hat dann funktioniert, irgendwie. Hab mir auch Energiegels reingezogen. Am letzten ernsthaften Hügel (300 Höhenmeter) brauchte ich dann telefonische Unterstützung und meine Frau hat mit mir telefoniert. Dann ging das ganz einfach, auch die 18% waren kein Problem. Ohne Sie? Hätte ich mich vielleicht zum sterben hingelegt und wäre ich nach 10 Minuten noch nicht tot gewesen? Tja, dann wäre mir schon was anderes eingefallen. Auf jeden Fall eine sehr schöne Gegend um in die Landschaft zu schauen. Noch kurz in den Supermarkt und dann hoch zum besten Campingplatz Italiens (meiner Meinung nach). Bin nun schon zum fünften mal da, und hab nach einem Mobilhome gefragt und tatsächlich hatte sie eins für mich, zum Preis von ein bisschen mehr wie ein Zelt, gut wenn man bekannt ist und ein paar Euro mehr sind ein paar Euro mehr. Morgen mach ich einen Tag lau, Füße hoch, nicht. Wandern! Vielleicht auch nochmal ein Tag mehr, wer weiß? Bald ist die Tour zu Ende, wirklich sehr bald und dann beginnt der Ernst des Lebens wieder….. als ob ich ernst bleiben könnte. In diesem Sinne, gute Nacht.



Kommentare