Adelaide CDB Pt. II
- R.

- vor 2 Tagen
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Lange habe ich überlegt, als ich den Trip zusammenstellte, ob ich Adelaide mitnehmen sollte. Ich entschied mich dafür, denn eine Meinung bildet man sich am Ende doch nur vor Ort. Außerdem wollte ich unbedingt verstehen, warum diese Stadt in so vielen Rankings als besonders lebenswert ganz oben steht. Und was soll ich sagen: Auf den ersten Blick hat sich mir das nicht erschlossen. Zugegeben, es regnete die meiste Zeit, und ich marschierte mit Schirm durch die Stadt, bei angenehmen Temperaturen, aber unangenehmer Luftfeuchtigkeit.
Allein der Besuch im Naturkundemuseum war den Trip allerdings schon wert. In die Art Gallery of South Australia (AGSA) bin ich glücklicherweise sehr früh am Sonntagmorgen um 10 Uhr, wie soll es auch anders sein, wieder einmal kostenlos hineingekommen. Die Installationen und Bilder waren sehenswert und gut gemacht. Besonders hängen geblieben ist mir Jake und Dinos Chapman mit „Das swings unt roundabouts fur der kinder? Ja? Nein! Schweinhund! (Swings and roundabouts for the children? Yes? No! Pigface!)“. Holy shit, das war wirklich beeindruckend. Kurz umrissen: eine apokalyptische Diorama-Szenerie, in der Kindheitsidylle, also ein Spielplatz, mit extremer Gewalt, Ekel und Vernichtung kollidiert. McDonald’s-Figuren stehen dabei als grelle, „psychotische“ Maskottchen für Konsum, Übermaß und die zerstörerische Logik des Kapitalismus. Figuren in Nazi-Uniformen verweisen auf Barbarei und industrialisierte Gewalt. „Absence Embodied“ war ein weiteres Werk, das man sich nicht einfach ins Wohnzimmer hängt: eine dreidimensionale rote Fadenskulptur, 200 km. Sehr beeindruckend.
Was man von Adelaide als Stadt, zumindest für mich, nicht unbedingt sagen kann. Der Vergleich mit Sydney, Melbourne oder sogar Brisbane hinkt. Adelaide wirkt eher zwanzig Jahre hinterher. Klar, es gibt ein öffentliches Nahverkehrssystem, das in der CBD sogar kostenlos genutzt werden kann. Aber im Vergleich zu vielen anderen Städten wirkt es, als sei es gebaut worden, weil eine große Stadt so etwas eben haben muss. Effektivität und Funktionalität? Ich weiß nicht. Kleines Beispiel: Um zum Flughafen zu kommen, musst du den Bus nehmen. Das sagt eigentlich schon alles.
Auch sonst: Auf der North-Terrace-Achse liegt viel von dem, was „modern“ wirkt, Bahnhof, Krankenhaus, Gallery, Museum, ganz wichtig die Uni, dazu mehrere Neubauten. Aber darüber hinaus? Drei- bis vierstöckige Gebäude mit typischen australischen Flachdächern und Balkonen, nicht wirklich alt, aber auch nicht wirklich modern. Als ich mit dem Regenschirm in der Hand durch die CBD gelaufen bin, hat mich wenig vom Hocker gerissen. Nichts wirklich Schönes, nichts wirklich Herausragendes.
Adelaide wurde vor weniger als 200 Jahren geplant und gebaut, mit quadratischer Straßenanordnung, zwischen Küste und Bergen. Keine Sträflingskolonie, darauf sind sie hier stolz. Ich habe das Migrationsmuseum und das Adelaide Gaol links liegen lassen, vielleicht ein Fehler. Aber diese „White Australia“-Attitüde hat mich schon in Melbourne, wie soll ich sagen, angekotzt. Auch weil sich, obwohl nicht mehr so offen, in den Köpfen vieler offenbar wenig geändert hat.
Das heutige Immigrationssystem, nun ja. Ich muss mir keine Ausstellung darüber anschauen, ich erlebe es gerade. Und wie soll ich sagen: Mir gefällt vieles nicht. Mensch zweiter Klasse. Gleichzeitig hilft es mir zu verstehen, was Immigranten in Deutschland erleben. Ich trage zumindest dieselbe Hautfarbe. Sie drehen sich erst weg und lassen dich mitten im Satz stehen, wenn ich den Mund aufmache und sie merken, dass ich nicht „einer von ihnen“ bin. Andere haben nicht einmal das Glück, überhaupt angesprochen oder wahrgenommen zu werden. So ist das hier halt, und es hilft mir, Dinge besser zu verstehen.
Ziemlich enttäuscht und gelangweilt von Adelaide, dem Regen und meinem kaputten Regenschirm verzog ich mich schließlich auf mein Zimmer. Zuvor sah ich noch eine Demonstration von Exil-Iranern, die später sogar im Fernsehen wiederholt wurde.
Hahndorf hatte man mir vorgeschlagen: Das müsse ich unbedingt besuchen, wenn ich schon in Adelaide sei. Das sei „so schön deutsch“. Ich schaute mir Bilder an, überlegte und entschied: Reisetipps von jemandem anzunehmen, der in seinem Leben noch nie einen Fuß von seinem Kontinent gesetzt hat, muss ich nicht. Wirklich nicht. Ich kenne das Original und all seine Spezialitäten. Deutschland ist nicht Fachwerk-Flachdach und Laubbäume, mit Blasmusik und Lederhosen.
Und: Gibt es gar nichts Positives aus Adelaide, nur Langeweile und Eintönigkeit? Doch. Etwas fiel mir beim zweiten Blick auf. Die Leute sind ausgesprochen freundlich. Sie reden mit einem. Sie drehen sich nicht weg, wenn sie merken, du kommst nicht von hier. Sie sagen „my love“ oder „dear“, wenn du Kaffee bestellst, lächeln, fragen, ob es wieder zu regnen begonnen hat. Small Talk. Für mich in Australien eher untypisch. Das ist das, was ich aus Adelaide mitnehme: freundliche Menschen.
„Ob ich wegen der Festivals hier wäre“, wurde ich gefragt. Es liefen gerade zwei Festivals in der Stadt, wohl um den Tourismus anzukurbeln. Um ehrlich zu sein: Viel davon konnte ich nicht feststellen. Die vielen Menschen, die hektisch durch Melbourne, Sydney oder Brisbane jagen, mit Kamera in der Hand, fehlen in Adelaide beinahe völlig. Warum auch? Warum sollte jemand hierherkommen? Weil er einen Kaffee mit einem Lächeln serviert bekommt? Das gibt es auchderswo auf der Welt.
Wie geht es nun weiter, nach Perth? Soll ja ganz arg toll sein, sagen mir Leute, die aus Perth kommen. Der Rest lächelt eher abfällig über die Stadt. Für mich geht es erst einmal zurück nach Brisbane. Ich habe mich dort noch nicht wirklich intensiv mit dem kulturellen Angebot, Museen und Galerien, auseinandergesetzt. Sicher, ich war hier und da in einer Ausstellung, aber nicht lange und nicht wirklich tief. Das sollte ich noch machen, bevor ich mein abschließendes Urteil fälle.
In diesem Sinne.



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