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Anadar Teil 3

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 3. März
  • 59 Min. Lesezeit

Dies ist erst der Auftakt, ein Anfang.


20

Die Tür zur Konklave war keine große Tür. Sie war nicht prunkvoll, nicht schwer, nicht mit Zeichen überladen, als müsse sie beweisen, dass sie wichtig ist. Sie stand einfach da, in der weißen Wand des unteren Ratsaalraumes, und wartete auf das, was ohnehin geschehen würde.

Rotar ging zuerst. Nicht weil er drängte, sondern weil Protokoll auch eine Form von Magie ist. Manador folgte, ruhig wie immer, und dann Anadar. Die 3 traten durch die Tür und standen in einem kleinen Saal.

Der Raum war rund oder fast rund, so genau, dass man es erst merkte, wenn man den Blick an der Wand entlanglaufen ließ. In der Mitte stand ein runder Marmortisch, weiß, so glatt, dass er nicht wie Stein wirkte, sondern wie eine Fläche, die sich selbst verleugnet. Um den Tisch herum standen Stühle, sechs Gruppen, jede Gruppe aus drei Sitzen, und zwischen jeder Delegation war Raum gelassen, als hätte man mit Absicht Lücken in die Ordnung eingebaut, damit sie atmen kann.

Sechs Türen führten aus dem Raum. Jede Tür gehörte zu einer Schule, zu einer Delegation. Jede Tür war gleich, damit niemand behaupten kann, seine Tür sei wichtiger.

Das Licht kam nicht aus Fackeln. Es kam aus den Wänden. Die weißen Mauern und die Decke schienen es zurückzugeben, als hätten sie gelernt, Licht zu halten, ohne es zu besitzen. Der Boden war ebenfalls Marmor, weiß mit feinen Adern, und jeder Schritt klang anders, als würde der Raum ihn beurteilen.

An den Wänden standen schwarze Statuen. Nicht viele, aber genug, dass man sich nie ganz allein fühlte. Gestalten in Roben, in alten Gewändern, die nicht mehr zur heutigen Form gehörten. Ihre Gesichter waren glatt oder durch die Kapuzen verdeckt, um noch etwas zu verraten. Wen sie darstellten, lag so tief in der Vergangenheit, dass es nicht überliefert war, oder nicht mehr überliefert sein sollte. Sie wirkten nicht wie Schmuck. Sie wirkten wie Zeugen.

Die Delegationen kamen fast gleichzeitig aus ihren Türen. Je drei Mitglieder, je Schule, genau so, wie es der Kodex verlangte. Niemand wurde begrüßt. Es gab keine neuen Namen zu feiern, keine Ernennung, die in diesen Raum hineinpasste. Es gab nur das Protokoll.

Die Windschule aus Ashambrat trat geschlossen ein, Hokn`f vorne, Roto und Kloni dicht hinter ihm. Hokn`f bewegte sich wie jemand, der gewohnt ist, dass Menschen Platz machen, ohne dass er darum bittet.

Die Wasserschule von Soont kam ruhig, aber nicht weich. Sinadie, robust wie eine Matrone, deren Kraft nicht aus Muskeln kommt, sondern aus Stand. Form und Grot neben ihr, zwei Meister, die wie ruhige Pfeiler wirkten.

Die Erdschule war schwerer. Tranda, alt, und doch nicht gebrochen, nur langsamer. Slonda neben ihm, und Isidre, jung, rote Haare, wacher Blick. Isidre wirkte in diesem Raum klein, aber sie hielt den Kopf so, als wolle sie nicht daran erinnert werden.

Die Schule des Geistes trat fast lautlos ein. Die Mutter ging nicht wie eine Delegierte, sie ging wie eine Anwesenheit. Sina und Oni flankierten sie, beide ruhig, beide wach. Die Mutter lächelte nicht. Sie war da, und das genügte.

Die Schule des Lebens betrat gemessenen Schrittes diesem Raum. Fontal, Dekanin von Gontar, trat ein mit einer Form von Müdigkeit, die man nur hat, wenn man zu lange zu nah an Menschen gelebt hat. Sil und Onina folgten, beide mit dem Blick von Leuten, die wissen, was es heißt, wenn Körper nicht mehr kann.

Und schließlich die Feurige Feste. Rotar trat vor, Mantel ruhig, Blick gerade. Manador neben ihm, zu diszipliniert, um sich umzusehen, Anadar folgte.

Sie setzten sich. Jede Delegation hinter ihrer Tür, genau dort, wo es vorgesehen war. Die Lücken zwischen ihnen blieben leer, als wären sie selbst eine Erinnerung daran, dass man Abstand braucht, damit Ordnung nicht zu Zwang wird.

Ein Diener trat nicht ein. Ein Bote trat nicht ein. Niemand bediente. In diesem Raum bediente sich niemand.

Hokn`f stand auf. Weil er noch den Vorsitz hatte, weil das Protokoll es verlangte, dass er den Anfang markiert.

„Nach Kodex“, sagte er, und seine Stimme war weder laut noch leise, sie war passend. „Eröffnung der Konklave. Prüfung der Anwesenheit.“

Die Namen wurden vorgelesen. Jede Delegation bestätigte. Keine Diskussion. Kein Kommentar. Nur Worte, die nicht verhandelt werden durften.

Dann kam die feierliche Übergabe. Der Vorsitz wechselte turnusgemäß. Diesmal ging er von der Windschule zur Wasserschule. Hokn`f stand auf, nahm einen Stab, der nicht groß war, aber alt genug, dass er mehr Bedeutung als Material trug, und übergab ihn Sinadie. Es war kein Geschenk. Es war eine Pflicht, die man für ein halbes Jahr trägt.

Sinadie nahm den Stab mit beiden Händen. Sie hielt ihn nicht wie ein Symbol, sondern wie ein Werkzeug. „Ich nehme“, sagte sie, und in dem Satz lag keine Freude, nur Pflicht.

„Nächster Vorsitz“, sagte Hokn`f, „in einem halben Jahr, turnusgemäß, die Erdschule.“

Tranda nickte, so langsam, dass es fast wie ein Seufzen wirkte. Isidre sah kurz zu ihm, als wolle sie verstehen, ob er das ernst nimmt oder nur erträgt.

Dann folgte Litanei.

Austausch von Schülern. Vorlesen von Namen. Übergabe von Schriftrollen, um alles zu formalisieren, damit später niemand behauptet, er hätte es anders verstanden. Wer wohin geschickt wird. Welche Schüler an Königshäuser gehen. Welche in Türmen bleiben, abseits der Gesellschaft, weil sie es so gewählt haben oder weil es niemanden mehr gab, der sie zurückholt.

Es wurden Todesfälle genannt. Könige, die gestorben waren. Nachfolgeregelungen, die klangen, als wären sie sauber, obwohl jeder wusste, dass sie nie sauber sind. Politische Informationen, die man teilen musste, damit man später sagen kann, man habe es geteilt. Sätze, die so viele Male gesagt wurden, dass sie nicht mehr weh tun.

Anadar hörte zu, weil Rotar es erwartete. Manador hörte zu, weil er glaubte, dass Informationen Macht sind. Die Mutter hörte zu, weil sie immer hört, auch wenn sie aussieht, als wäre sie woanders.

Und dann kam der letzte Tagesordnungspunkt.

Die vielen Flüchtlinge.

Sinadie legte die Hand auf den Stab, als müsse sie ihn daran erinnern, warum er da ist. „Wir kommen zum letzten Punkt“, sagte sie. „Die Bewegung der Menschen. Die Vertreibungen. Die Flucht.“

In dem Moment wurde der Raum anders. Nicht lauter, nicht dramatisch. Nur dichter. Als hätten die weißen Wände plötzlich verstanden, dass dies kein Protokollpunkt ist, sondern ein Riss.

Sinadie sprach zuerst. Sie hatte Informationen gesammelt, weiter als viele hier ihre Augen hatten. Von Inseln, von Küsten, von Wegen, die nicht in ihren Karten standen. „Überall das gleiche Bild“, sagte sie. „Vertreibung und weitere Vertreibung der Vertriebenen. Ursache unbekannt. Menschen gehen, weil es zu kalt wird. Weil es unwirklich wird. Weil sie es nicht ertragen. Kein verlässlicher Bericht eines Feindes. Kein Bericht einer Konfrontation, außer unter den Flüchtlingen selbst. Dort entstehen Spannungen. Dort entstehen Kämpfe. Hunger und Angst sind schneller als Ordnung.“

Hokn`f nickte, als wäre das genau das, was er erwartet hatte. „Das sind Belange der Menschen“, sagte er. „Der Kodex verbietet Einmischung.“

Form ergänzte ruhig: „Wenn wir uns einmischen, machen wir es größer. Und wenn es groß wird, sind wir Teil davon.“

Grot nickte dazu, als wäre das bereits beschlossen.

Tranda räusperte sich. „Der Kodex“, sagte er langsam, und man hörte, dass er das Wort wie einen Stein im Mund wog. „Der Kodex ist nicht aus Gleichgültigkeit entstanden, sondern aus Erfahrung.“

Er schwankte in seinem Ton, und es war das erste Mal, dass man bei ihm Unsicherheit spürte. Er wollte nicht eingreifen. Er wollte auch nicht wegsehen. Er war alt genug, um beide Fehler zu kennen.

Fontal ließ ihm keine Zeit, sich in Vorsicht zu verstecken. Sie beugte sich leicht vor, nicht aggressiv, aber klar. „Gontar steht in der Wucht“, sagte sie. „Ihr sagt, wir sollen uns raushalten. Ihr sagt, das sind menschliche Geschicke. Aber es sind nicht nur Geschicke. Es sind Menschen. Und sie sterben, weil niemand sie hält.“

Hokn`f zog eine Augenbraue hoch. „Das ist nicht unsere Aufgabe.“

„Natürlich nicht“, sagte Fontal. „Es ist nur bequem, das zu sagen, wenn man weit abseits liegt. Auf Inseln. Oder tief in der Wüste. Oder hinter Bergen. Wir sind nicht weit abseits. Wir stehen in der Straße.“

Sinadie hielt den Stab fest. „Das ist ein Argument“, sagte sie. „Aber es ist kein Kodex.“

„Dann ist der Kodex falsch“, sagte Fontal.

Der Satz fiel nicht laut. Er fiel wie ein Stein, und im weißen Raum klang er schwerer, als er sollte.

Rotar reagierte diplomatisch. Er stand auf, nicht um zu dominieren, sondern um den Satz aufzufangen, bevor er den Raum spaltet. „Untersuchung“, sagte er ruhig. „Nicht Einmischung. Wir können beobachten, ohne zu lenken. Wir können prüfen, ob es sich um ein natürliches Phänomen handelt oder um etwas anderes. Wenn es etwas anderes ist, dann ist es ohnehin nicht mehr nur menschlich.“

Sinadie nickte langsam. Hokn`f schnaubte leise, aber er widersprach nicht sofort. Form und Grot sahen sich kurz an, als würde Wasser sich entscheiden, ob es fließt oder steht.

Die Mutter schwieg.

Sie schwieg nicht, weil sie nichts hatte. Sie schwieg, weil sie wusste, dass jedes Wort in diesem Raum eine Richtung bekommt, die man nicht kontrolliert. Sie wirkte abwesend, fast so, als säße sie nicht am Tisch, sondern neben einer anderen Realität, die hier niemand sehen kann.

Slonda und Anadar sahen einander kurz an. Nur ein Blick. Beide verstanden. Diese Diskussion war sauber. Diese Diskussion war Protokoll. Tatsachen wurden woanders geschaffen.

Sinadie wandte sich an die Mutter. „Zoordak“, sagte sie. „Wenn wir Beobachter entsenden, wenn wir Heiler entsenden, werdet ihr Geistleserinnen entsenden? Würdet ihr welche senden?“

Die Mutter hob langsam den Kopf. Ihr Blick ging nicht zu Sinadie, sondern über den Tisch, als würde sie etwas betrachten, das nicht auf dem Marmor liegt.

„Man kann nur lesen, was geschrieben ist“, sagte sie schließlich.

Mehr sagte sie nicht.

In dem Satz war so viel, dass jeder etwas fand. Sinadie nickte, als hätte sie Zustimmung gehört. Hokn`f hörte Warnung. Fontal hörte Ausrede. Rotar hörte Möglichkeit. Und niemand stellte eine Gegenfrage, weil jeder glaubte, er habe verstanden.

Am Ende wurde beschlossen, Heiler zu senden. Heiler mit Erdschulhintergrund, nach Gontar, um das Offensichtliche zu lindern, ohne offiziell einzugreifen. Man sprach von Beobachtung. Von Geduld. Von Vorsicht. Von Abwarten.

Es wurde viel geredet, stundenlang, und das Ergebnis war dünn. Abwarten, nicht einmischen, beobachten.

Dann brachte Rotar den Vorschlag ein, den er wahrscheinlich schon vor dem Betreten des Raumes im Kopf gehabt hatte.

„Die Intervalle der Konklave“, sagte er. „Sechs Monate sind zu lang. Wenn dies kein Sturm ist, sondern ein Trend, dann müssen wir schneller sprechen, selbst wenn wir nicht schneller handeln.“

Sinadie sah ihn an. Hokn`f wollte widersprechen und tat es nicht. Fontal nickte sofort. Tranda schloss kurz die Augen, als würde er rechnen, wie viele Protokolle sein Leben noch trägt.

„Monatlich“, sagte Rotar.

„Monatlich“, bestätigte Sinadie.

Es wurde angenommen.

Damit endete die Konklave, fast ereignislos, so ereignislos, wie man es nennen kann, wenn ein Raum voller Macht sich entscheidet, nichts zu tun.

Sie erhoben sich. Jede Delegation stand auf, ging durch ihre Tür, so wie sie gekommen war. Kein Händedruck. Kein Austausch. Nur Abgang.

Als Anadar die Tür zurück in die Feurige Feste öffneten, schlug ihnen ein anderer Klang entgegen.

Aufregung. Stimmen. Schritte. Ein Durcheinander, das nicht nach Protokoll roch, sondern nach Schock.

Ein Bote rannte fast in sie hinein, hielt sich nur im letzten Moment zurück, als er Anadar erkannte.

„Meister“, sagte er keuchend. „Am Ufer. Auf der Halbinsel.“

Rotar trat hinter Anadar, sein Gesicht sofort wach, ohne Emotion. „Was ist.“

Der Bote schluckte. „Eine Leiche.“

Anadar spürte, wie sich sein Magen zusammenzog, noch bevor der nächste Satz kam.

„Blutleer“, sagte der Bote. „Wie ausgetrunken. Man hat sie gefunden, als wären sie hingelegt worden.“

Anadar blieb einen Moment stehen.

„Wer“, fragte Anadar, und obwohl er nicht dabei war, war Slondas Stimme plötzlich in Anadars Kopf. Als Echo. Als Erinnerung. Als Messer.

Der Bote sah Anadar an, als wäre es ihm unangenehm, den Namen auszusprechen.

„Sonda“, sagte er.

Und im gleichen Moment wusste Anadar, dass die Konklave soeben von der Wirklichkeit eingeholt worden war.


21

Der Weg zur Halbinsel führte nicht weit, aber er fühlte sich länger an, weil die Schritte plötzlich anders klangen. In der Feurigen Feste war man Lärm gewohnt, Stimmen, Training, Feuer, Streit, Lachen. Jetzt hörte Anadar vor allem das, was fehlte. Zu viele Pausen zwischen den Geräuschen. Zu viele Menschen, die nicht wussten, ob sie stehen bleiben oder weitergehen sollen.

Am Ufer standen schon Wachen. Nicht in Ordnung, sondern in einem Halbkreis, den Angst geformt hat. Rotar war da, Manador, Loon, Vaslat, Intra, Koscht. Fantor ebenfalls, laut, noch bevor er sprach, und jetzt auffallend still, weil selbst er merkte, dass dies kein Moment ist, den man kommentiert, ohne sich lächerlich zu machen.

Die Leiche lag dort, wo man sie gefunden hatte.

Sonda lag nicht, als hätte er gekämpft. Er lag nicht, als hätte er versucht zu fliehen. Er lag, als hätte man ihn hingelegt, fast sorgfältig. Die Kleidung war intakt. Keine sichtbaren Wunden. Kein Blut. Nur diese trockene Leere, die Anadar schon einmal gesehen hatte, damals in Salbeen, als der erste Körper ihnen gezeigt hatte, dass es Dinge gibt, die einen Menschen nehmen können, ohne ihn zu zerreißen.

Shara kniete neben Sonda nieder, ohne zu zögern, als wäre ihr Körper schneller als ihr Ekel. Sie berührte seinen Hals, prüfte, was man nicht mehr prüfen muss, weil die Kälte es längst erzählt. Dann zog sie die Hand zurück.

„Gleich“, sagte sie leise.

Anadar kniete ebenfalls. Er sah nicht nur, er hörte mit den Augen, wie er es immer tat, wenn etwas nicht stimmt. Die Haut war blass, aber nicht krank. Die Lippen trocken, aber nicht verfärbt. Kein Zeichen von Verwesung, keine Aufblähung, kein Geruch, der zu Tod gehört. Nur Leere. Blutleer. Als wäre der Körper nicht gestorben, sondern entnommen worden, bis nichts mehr übrig blieb, was Leben halten kann.

„Wie in Salbeen“, sagte Morgut, der neben ihnen stand, und seine Stimme klang härter, als er wahrscheinlich wollte.

„Ja“, sagte Anadar.

Rotar ging um die Leiche herum, langsam, und sein Blick war nicht mitleidig. Er war analytisch. „Wann wurde er zuletzt gesehen“, fragte er.

Ein Wachposten trat vor, nervös, und verneigte sich zu tief. „Heute Abend, Meister. Er hat mit den anderen gegessen. Mit seinen Brüdern. Dann sollte er die Wachposten übernehmen.“

„Welche Posten“, fragte Koscht.

„Nordwestliche Runde“, sagte der Wachposten. „Er ist nie angekommen.“

Shara hob den Blick. „Wen hätte er ablösen sollen.“

Der Wachposten schluckte. „Niemand. Er war der erste in der Reihe.“

Manador kniff die Augen zusammen. „Also ein ungefährer Zeitpunkt. Ein Zeitpunkt, an dem er alleine war, im Dunkeln.“

Fantor wollte etwas sagen. Er öffnete den Mund. Rotar sah ihn an. Fantor schloss den Mund wieder.

Sie suchten Spuren.

Nicht halbherzig. Rotar ließ die Umgebung abgehen, ließ den Sand prüfen, die Büsche, die niedrigen Sträucher, jeden Meter, als könne man die Wirklichkeit durch Disziplin zwingen, ehrlich zu sein. Aber der Boden gab nichts zurück. Keine Fußabdrücke. Keine Kampfspuren. Keine zerbrochenen Zweige. Nichts im Gebüsch, nichts am Rand.

Nur eine Schleifspur.

Sie war kurz. Nur wenige Zentimeter. Als hätte etwas Schweres, knapp über dem Boden, kurz geschwankt und dann wieder aufgehört, den Sand zu berühren. Nicht als hätte man den Körper gezogen. Eher, als hätte er sich bewegt, zehn Zentimeter über dem Boden, und nur in einem Moment hat die Schwerkraft ihn gestreift.

„Das ist vom Entdecken“, sagte der Wachposten schnell, als wolle er erklären, was nicht erklärbar ist. „Als wir ihn gedreht haben.“

Shara sah die Spur an. „Das ist keine Spur von Händen“, sagte sie.

Anadar folgte der Linie mit den Augen, so kurz sie war. Dann sah er auf.

„Die Mauer“, sagte er.

Die Brüstung der Feste ragte fünfzig Meter entfernt auf. Stein, dunkel, hoch genug, dass man von dort auf das Wasser und den Strand sehen konnte. Rotar folgte Anadars Blick.

„Er könnte von dort gekommen sein“, sagte Intra leise.

Fantor räusperte sich. „Oder er wurde hierher gebracht.“

„Ohne Spuren“, sagte Koscht. „Ohne Fußabdrücke. Ohne Zeichen. Das ist das Problem.“

Rotar ließ den Blick über die Mauer laufen. Sein Gesicht blieb ruhig, aber Anadar sah, dass Rotar ebenfalls das Unbehagen spürte, das nicht aus Angst kommt, sondern aus Regelbruch. In einer Feste konnte jemand sterben. Aber so. Ohne Spur. Ohne Geschichte. Das passte nicht.

Sonda wurde schließlich getragen, nicht gezogen. In Decken gehüllt, als könne Stoff irgendetwas zurückgeben, was schon lange weg war. Die Nachricht ging schneller als sie wollten. Sie machte die Runde in den Gängen, in den Höfen, in den Trainingsräumen.

Am Nachmittag waren die Schüler anders. Ihr Lachen war dünner. Ihre Stimmen leiser. Ihre Blicke länger an Türen, an Schatten, an jeder Ecke, an der Dunkelheit beginnen könnte.

Rotar ließ eine Regel aussprechen, die man sonst nur in belagerten Städten kennt.

„Niemand geht allein“, sagte er, so laut, dass jeder es hören musste. „Nicht nachts. Nicht im Gang. Nicht im Hof. Zu zweit. Mindestens.“

Wachen wurden verdoppelt. Wege festgelegt. Schutzzauber gesprochen. Nicht spektakulär, nicht sichtbar. Aber spürbar, wie eine Spannung in der Luft, die vorher nicht da war.

Am Abend saßen Anadar, Shara und Morgut in Anadars Turm.

Das Feuer brannte. Es war warm, aber Wärme löste dieses Problem nicht. Der Raum roch nach Rauch und nach dem Metall ihrer Gedanken, die aneinander rieben.

„Es ist hier“, sagte Morgut.

„Es war hier“, korrigierte Shara.

Anadar sah ins Feuer. „Wichtiger ist, ob es wiederkommt“, sagte er.

Sie diskutierten Möglichkeiten. Zu schnell, zu viele. Jemand von innen. Jemand von außen. Ein Mechanismus. Eine Aversion. Ein Blick, den niemand bemerkt. Eine Berührung, die nicht aus Fleisch besteht.

„Wir rufen die Mutter“, sagte Anadar schließlich.

Shara nickte sofort. Morgut ebenfalls. Anadar war kein Mann, der gern um Hilfe bittet, aber er war klug genug, zu wissen, wann Stolz nur Dummheit ist.

Anadar setzte sich vor den Kamin, nicht mehr so angespannt wie beim ersten Mal, aber konzentriert. Er ging diesmal nicht grob in einen Geist, sondern tastete, sauber, wie man eine Klinge führt, wenn man gelernt hat, dass zu viel Druck sie bricht.

Die Mutter war fast sofort da.

Nicht in Gestalt, aber in Präsenz. Für einen Moment wurde der Raum größer, als hätte er plötzlich Platz für etwas, das nicht in Stein passt.

„Das war eleganter“, sagte die Mutter, und man hörte das Lächeln in ihrer Stimme. „Du lernst.“

Anadar ließ die Luft aus. „Danke.“

„Du hast mich nicht wegen des Übens gerufen“, sagte sie.

„Er ist verzweifelt“, sagte Shara kurz und trocken.

Die Mutter lachte kurz, glockenhell, als hätte Shara gerade etwas gesagt, dass sie mag. Anadar schaute sie mit zusammengekniffenen Augen an. Dann wurde sie sofort ernst.

„Meine Töchter“, fragte sie.

Das Wort Töchter lag im Raum wie ein Besitzanspruch und wie ein Geständnis. Anadar hatte die Schülerinnen als Schülerinnen gesehen, als Werkzeuge, als Begleitung, als Chaos. Die Mutter sah sie als Töchter.

„Sind sie sicher“, fragte die Mutter, und ihr Ton war nicht bitte, sondern Forderung, nur eben in einer Stimme, die nie laut werden muss.

Anadar antwortete ehrlich. „So sicher, wie es gerade möglich ist. Wir haben Regeln verschärft. Wachen verdoppelt. Niemand geht allein.“

„Gut, was ist passiert“, sagte die Mutter, aber man hörte, dass gut hier nur ein Platzhalter ist.

Anadar erzählte vom Körper. Von den Merkmalen. Von der Übereinstimmung mit Salbeen. Von der Spur, die keine Spur war.

Die Mutter hörte zu. Dann sagte sie: „Nichts Neues.“

„Nichts“, bestätigte Anadar. „Auch nicht im Kopf. Keine Erinnerung mehr, die man greifen könnte. Nichts, was man extrahieren kann, ohne nur Leere zu finden.“

Die Mutter schwieg einen Moment, und Anadar spürte, wie sie nicht nur zuhört, sondern prüft, als würde sie den Raum selbst abtasten.

„Darf ich darum bitten“, sagte die Mutter, und obwohl sie das Wort bitten benutzte, war es kein Bitten, „dass meine Töchter ihre Fähigkeiten benutzen dürfen. Unauffällig. Wie sie es gelernt haben.“

Shara zog die Stirn kraus. „Das ist Komplex.“

„Das ist Vorsicht“, sagte die Mutter.

Anadar hielt kurz inne. „Warum haben sie das nicht längst getan.“

Die Mutter antwortete so ruhig, dass es Anadar unangenehm wurde. „Weil du es ihnen verboten hast“, sagte sie und blickte ihm tief in die Augen. „Und sie wollten nicht ungehorsam sein. Nicht einmal im Verborgenen.“

Das traf ihn unerwartet. Er hatte damit gerechnet, sie die  Regel irgendwie umgehen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie ernsthaft genug sind, diese Regeln zu beachten.

„Das verblüfft mich“, sagte er ehrlich.

„Es sollte dich nicht verblüffen“, sagte die Mutter sanft. „Es sollte dich freuen, es ist ein Zeichen ihres Respektes und der Anerkennung von Dir und ihrer Furcht vor dir“

Anadar nickte ein bisschen wiederwillig. „In Ordnung“, sagte er. „aber unter Einschränkungen.“

„Nicht alle zehn“, fragte Morgut sofort.

„Nein“, sagte Anadar. „Zwei.“

Die Mutter war still, aber Anadar spürte Zustimmung.

„Miene“, sagte Anadar.

„Und Siendra“, sagte Shara, „sie sind die Reifsten“.

Sie riefen ach Miene und Siendra, es dauerte nicht lange. Siendra kam so, als wäre sie schon auf dem Weg gewesen, bevor man sie gerufen hat. Miene kam ruhiger, mit dem Blick, der keine Frage stellt, aber den Ernst der Lage wiederspiegelte.

Anadar schloss die Tür. „Was wir jetzt besprechen“, sagte er, „bleibt bei euch. Nicht bei den anderen acht. Nicht weil wir sie ausschließen sondern weil es sonst Chaos gibt.“

Siendra grinste. „Also genau das, was wir immer machen.“

„Nein“, sagte Anadar. „Diesmal mit Verantwortung.“

Miene nickte. „Verstanden.“

Anadar warnte sie. Nicht dramatisch. Präzise. Er erzählte, was in Tandor passiert war. Den Angriff. Die Aversion. Das Gefühl, dass Luft in einen hineinströmt, statt aus einem heraus. Er sagte nicht alles, aber genug, dass beide verstanden, dass dies kein Spiel ist.

„Möglichst nur wenn wir in der Nähe sind, wir gehen mit Euch die Burg ab. Wenn euch etwas berührt, lasst ihr sofort ba“, sagte er, „und wenn ihr merkt es nicht, dann ist es bereits in eurem Kopf und ruft nach mir, nicht Shara, nicht Morgut. Mich.“

„Warum“, fragte Siendra.

„Weil ich es kenne“, sagte Anadar. „Und weil ich nicht will, dass ihr es alleine bekämpfen müsst.“

Miene sah ihn an. „Wir gehen nur zusammen“, sagte sie.

Siendra rollte mit den Augen. „Ja, Mutter hat recht. Zusammen.“

„Gut“, sagte Anadar. „Und ihr scannt nicht aus der Distanz. Ihr müsst in Sichtweite sein. Nähe. Präsenz. Sonst findet ihr nur Muster, keine Spuren.“ Ermahnte er sie nochmal. „Und nur wenn wir in der Nähe sind.“

Miene nickte erneut. „In der Nähe zu Euch“, sagte sie. „Und in Sichtweite der zu Untersuchenden.“

Shara sah die beiden an. „Und wenn ihr etwas findet.“

Siendra grinste, diesmal ohne Spaß. „Dann sind wir die Nächsten, die ihr schützen müsst.“

Die Mutter war noch immer da, als würde sie den Raum nicht verlassen wollen, solange dieses Thema nicht geklärt ist.

„Eine Sache“, sagte sie, und ihre Stimme wurde leiser, als wäre es nur ein Gedanke, den sie nicht gern laut macht. „Der Fundort. Die Spur. Die Mauer. Ist es möglich, dass die Leiche von der Brüstung geworfen wurde.“

Im Kamin knisterte Holz, und in diesem Geräusch lag plötzlich eine neue Richtung.

Anadar sah Shara an. Shara sah Morgut an. Morgut sah ins Feuer, als würde er dort eine Antwort suchen, die man nicht sehen will.

„Möglich“, sagte Anadar schließlich. „ aber 50 Meter“

Und zum ersten Mal seit der Konklave fühlte es sich an, als hätte jemand eine Tür geöffnet, hinter der keine Litanei wartet, sondern etwas, das wirklich handelt.


22

Die Tage danach verliefen so unauffällig, dass es fast wie eine Beleidigung wirkte.

Miene und Siendra wurden unaufdringlich in fast jeden Winkel der Burg und der Feste geführt. Treppen, die man sonst nur im Dunkeln benutzt, Gänge, die nach kaltem Stein rochen, Vorratsräume, in denen Wachs und trockenes Holz übereinander lagen, kleine Türen, hinter denen nur Staub wartete. Sie standen neben Wachen, neben Lehrern, neben Schülern, und ließen ihre Aufmerksamkeit so leise wandern, dass niemand es als Berührung empfand. Sie taten, was sie konnten, und sie taten es gut.

Nichts.

Kein fremder Gedanke, der nicht hingehört. Kein Haken, kein Echo, keine Aversion, die sich in eine Stimme mischt. Kein Schatten im Geist der Menschen, der sich von der normalen Dunkelheit unterscheidet, die jeder mit sich trägt.

Nach dem dritten Tag begann selbst Siendra, weniger zu grinsen.

„Das ist langweilig“, bemerkte sie am Rand eines Innenhofs, wo der Stein vom Winter feucht war und der Wind in kurzen Stößen gegen die Mauern schlug.

Miene hielt den Blick auf einer Tür, als könne sie allein durch Geduld etwas zwingen. „Langweilig ist gut“, erwiderte sie.

„Langweilig ist verdächtig“, hielt Siendra dagegen und rieb sich die Hände, als würde sie damit nicht Wärme suchen, sondern ein Gefühl.

Anadar hörte ihnen zu, ohne sich einzumischen. Er merkte nur, wie sich in ihm eine andere Vermutung festsetzte, langsam und unerquicklich. Vielleicht war es nie in den Mauern gewesen. Vielleicht war es draußen gewesen, jenseits des Steins, und hatte nur hineingegriffen, wenn es wollte. Vielleicht war die Feste kein Ort, den es betreten muss, sondern nur ein Ort, an dem Menschen sich sammeln, damit man sie leichter findet.

Der Winter hatte die Feurige Feste erreicht, aber auf eine milde Art. Tagsüber war die Luft kalt, aber erträglich, wie Wasser, das man noch trinken kann. Nachts fiel die Temperatur gegen null, und der Atem stand weiß, wenn man lange genug still blieb. Kein Schnee, nur diese feuchte Kälte, die an den Fingern hängt und sich weigert, wieder zu gehen.

Anadar wachte nachts öfter draußen, dort, wo er einen Überblick über Hof und Mauern hatte. Manchmal setzte Shara sich zu ihm, schweigend, mit dem Blick auf die dunklen Wege. Manchmal kam Morgut, und wenn er kam, brachte er diese wachen Schultern mit, die aussehen, als könnten sie die Nacht zurückdrücken. Manchmal saßen sie zu dritt, und in dieser stillen Dreieinigkeit lag mehr Ordnung als in jedem Protokoll.

„Du siehst aus, als würdest du auf einen Schlag warten“, meinte Shara einmal, als der Wind sich drehte und aus dem Meer kam.

„Ich warte nicht auf ihn“, entgegnete Anadar. „Ich rechne nur damit.“

Morgut schnaubte. „Wenn es draußen ist, dann ist es draußen. Wenn es drinnen ist, dann ist es drinnen. Aber wenn es beides kann, sind wir die Dummen.“

Anadar sah ihn an. „Das ist das erste Ehrliche, das ich heute gehört habe.“

Tagsüber ging die Ausbildung weiter, als würde Disziplin die Welt zusammenhalten. Seine eigenen Schüler standen kurz vor dem vierten Jahr, und es war spürbar, wie sich ihre Bewegungen veränderten. Weniger kindliche Wut, mehr gezielte Härte. Gleichzeitig hatten sich die zehn Geistesschülerinnen erstaunlich schnell an die Gepflogenheiten der Feste angepasst. Sie lernten, wann man spricht und wann man schweigt. Wann man fragt und wann man nur beobachtet. Sie lernten Waffen, als hätten sie darauf gewartet, dass jemand ihnen erlaubt, mehr als Gedanken zu sein.

Alle zehn.

Im Umgang mit Klingen waren sie nicht nur begabt, sie waren präzise. Im Umgang mit Zaubern waren sie nicht nur talentiert, sie waren gierig nach Form. Schmerzen schienen ihnen wenig auszumachen. Anadar hatte manchmal den unbehaglichen Eindruck, dass sie sie sogar genossen, nicht aus Masochismus, sondern weil Schmerz ihnen zeigte, dass der Körper real ist.

Shara erwies sich als hervorragende Lehrmeisterin. Sie wurde nie laut, sie wurde nur eindeutig. Ihre Anweisungen waren kurz, ihre Korrekturen hart, ihre Aufmerksamkeit unerbittlich. Morgut, zugleich Schüler und Meister in dieser seltsamen Konstellation, bewegte sich zwischen den Rollen, als wäre es selbstverständlich. Er unterstützte, er ordnete, er sah Dinge, bevor sie schief gingen. Und wenn etwas schief ging, machte er daraus eine Übung.

Die Tage plätscherten dahin. Kein neues Ereignis. Kein neuer Körper. Keine Spur.

Die nächste Konklave stand an, monatlich nun, und dieser Satz allein machte Anadar missmutig. Er hatte zu seinem Bruder gewollt. Nicht aus Sentimentalität, sondern weil Tandor ein offener Faden war, der nicht einfach verschwindet, nur weil man ihn ignoriert. Aber er hatte es aufgeschoben, wegen der Dringlichkeit, und weil er der Mutter versprochen hatte, auf ihre Töchter aufzupassen.

Dieses Versprechen hing ihm wie ein Stein im Nacken, nicht weil er es bereute, sondern weil er spürte, wie es ihn von der Außenwelt abschnitt. Zu viele Dinge geschahen irgendwo, ohne dass er sie sah.

Wieder einmal wurde er zu einem Abendessen im Turm von Rotar gebeten.

Diesmal nahm er nicht Shara mit, sondern Miene und Siendra.

Shara kommentierte es nicht, aber ihre Augen sagten deutlich, was sie davon hielt. Morgut hob nur die Augenbrauen und murmelte etwas, das wie Zustimmung klang und wie Warnung.

Rotars Turm war warm, so wie Räume warm sind, in denen man zu viel denkt. Das Feuer brannte sauber, die Speisen waren einfach und gut, Brot, Fleisch, ein Eintopf, der nach Kräutern und Zeit schmeckte. Rotar saß wie immer so, als hätte er den Platz nicht eingenommen, sondern als wäre er dort hingehört.

Fantor war ebenfalls da.

Er wirkte fahl. Nicht krank im üblichen Sinn, eher wie jemand, der schlecht geschlafen hat und es nicht zugeben will. Seine Bewegungen waren nervös, sein Blick wanderte zu oft zur Tür. Er lachte einmal zu laut und stoppte sofort, als hätte ihn der eigene Laut erschreckt. Anadar bemerkte es, ohne es zu kommentieren. Fantor war nicht die Sorte Mensch, die man direkt anstarrt.

Rotar sprach mit Anadar über Politik, über die Schulen, über das, was man offiziell weiß. Er fragte nicht nach Tandor, nicht nach dem Verlies, nicht nach Dingen, die nicht geschrieben werden dürfen. Er hielt sich an das, was in einem Turm der Feuerschule sagbar ist.

„Du bist unruhig“, stellte Rotar fest, als wäre es eine Beobachtung über Wetter.

Anadar legte die Hand um seinen Becher, spürte die Wärme und mochte sie nicht. „Ich bin abgeschnitten“, erwiderte er. „Und ich mag es nicht, wenn ich nicht weiß, was ich nicht weiß.“

Rotar nickte langsam. „Du bist nicht abgeschnitten“, entgegnete er. „Du bist gebunden. Das ist etwas anderes.“

„Das ist nur eine schönere Formulierung“, warf Siendra ein, zu schnell, zu scharf.

Miene trat ihr mit einem Blick auf den Fuß.

Rotar reagierte nicht beleidigt. Er sah Siendra an, als würde er sie kurz vermessen und dann abheften. „Und dennoch“, sagte er ruhig, „ist es wichtig, Wörter richtig zu wählen. Wörter sind die ersten Waffen.“

Fantor rutschte unruhig auf seinem Stuhl. „Ich gehe früh“, murmelte er, und es klang wie eine Entschuldigung, die er selbst nicht glaubt.

„Du gehst selten früh“, bemerkte Rotar, ohne ihn anzusehen.

Fantor zuckte mit den Schultern. „Heute schon.“

Er stand auf, als hätte er plötzlich nicht mehr genug Luft im Raum.

Und genau in diesem Moment veränderte sich Siendra.

Es war kein dramatischer Schrei. Es war nur, als würde Farbe aus ihrem Gesicht gezogen. Sie presste die Hand gegen den Mund, keuchte, als hätte ihr jemand die Kehle zugeschnürt, und dann beugte sie sich über den Tischrand und übergab sich, hart, so plötzlich, dass der Geräuschwechsel im Raum wie ein Schlag wirkte.

Anadar fuhr herum.

Er brauchte keinen Gedanken, um zu wissen, was das ist. Der Körper kann schneller sein als der Geist, wenn der Geist nicht glauben will, was er erkennt.

„Siendra“, brachte Miene hervor.

Miene stand nicht auf. Sie streckte nur den Arm aus, den Finger gerade, und zeigte auf Fantor, der mitten im Schritt erstarrt war. Mienes Atem ging flach.

„Das da“, würgte sie hervor. „Das ist nicht, was es vorgibt. Das ist nicht menschlich.“

Dann brach auch Miene weg. Nicht wie Siendra, nicht mit Überschlag, sondern wie jemand, dem plötzlich der Boden entzogen wird. Sie sank auf die Knie, würgte, und die Übelkeit traf sie so sichtbar, dass selbst Rotars Gesicht einen Moment lang die Ruhe verlor.

Fantor drehte langsam den Kopf.

Anadar sah es in den Augen, bevor es geschah. Nicht Fantors Blick. Etwas dahinter, als wäre der Blick nur eine dünne Folie.

„Zurück“, rief Anadar, nicht laut, aber mit der Art von Stimme, die niemand ignoriert.

Rotar stieß seinen Stuhl zurück. Manador war schon aufgestanden, die Hand in der Luft, als würde er die Hitze rufen. Irgendwo klirrte ein Becher auf Stein.

Fantors Gestalt platzte nicht wie Fleisch. Sie platzte wie eine Lüge.

Die Oberfläche, die ihn ausgemacht hatte, riss auf, als wäre sie nur eine Hülle gewesen, und aus dem Riss ergoss sich schwarze Masse, dick, glänzend, lebendig. Sie schrie nicht mit einem Mund. Sie schrie mit vielen. Überall dort, wo Material sich wölbte, öffneten sich Mäuler. Zähne, scharf, zu viele. Hornartige Auswüchse, die aus der Masse wuchsen, als wären sie Nebenprodukte von Hass.

„Blut“, kreischte es.

Der Laut war nicht nur in den Ohren. Er war im Magen. Er war im Kopf. Übelkeit schlug wie eine Welle durch den Raum, nicht als Gefühl, sondern als Befehl.

Tentakel schossen hervor, peitschend, suchend. Einer traf den Tisch, und der Marmor bekam einen Riss, als wäre Stein plötzlich weich genug, um zu leiden.

Anadar zog sein Schwert.

Er schlug zu, reflexhaft, präzise, aber die Klinge prallte ab, als hätte er auf nasses Holz geschlagen. Die schwarze Masse gab nach und gab wieder zurück, als wäre sie zäh und doch unverwundbar.

„Nicht“, keuchte Siendra vom Boden, und es klang, als würde sie gegen die Übelkeit kämpfen, die ihr den Hals zuschnürt. „Nicht so.“

Anadar verstand, während er kämpfte. Nicht Metall. Nicht Stahl. Nicht das, was man gewohnt ist.

Die Tentakel fassten ihn.

Zähne bissen sich in seine Arme, in seine Schulter, in die Luft um ihn herum, und gleichzeitig drückte der geistige Angriff in seinen Kopf, dieses alte Gefühl, dass die Luft gegen die natürliche Richtung strömt. Er hatte es schon einmal erlebt. Er wusste, wie man nicht zerbricht.

Er konzentrierte sich.

Er wurde zu Feuer.

Nicht zu einer Flamme, nicht zu einem Zauber, den man sieht und bewundert. Er wurde zu einem gleissenden Ball aus Hitze und Licht, so hell, dass die weißen Wände des Raumes plötzlich grau wirkten, und so heiß, dass man den Geruch von schmelzendem Stein schmecken konnte. Der Tisch glühte an der Kante. Die Luft knisterte.

Die Tentakel hielten ihn fest, aber sie brannten.

Anadar presste.

Er drängte das Wesen weg von den anderen, Zentimeter um Zentimeter, und jeder Zentimeter fühlte sich an wie eine Entscheidung, die ihn einen Teil von sich kostet. Er war Feuer und Wille gleichzeitig. Seine Gedanken waren eine Peitsche, nicht elegant, aber zwingend. Er verbot dem Wesen Nähe, er verbot ihm Zugriff, er verbot ihm, hier zu sein, als hätte Verbot in diesem Moment Gewicht.

Das Wesen wich nicht zurück, wie ein Gegner zurückweicht. Es gab nur nach, widerwillig, und schrie immer wieder dasselbe.

„Blut. Blut. Blut.“

Die Wände begannen zu schmelzen.

Rotar rief etwas, Anadar hörte es nicht. Manador schickte eine Welle aus Hitze, die die Tentakel kurz zurückzucken ließ. Der Raum verwandelte sich in ein Inferno aus Licht, Rauch und Ekel.

Und dann, nach einer Zeit, die keine Zeit mehr war, kam Hilfe von außen.

Shara war plötzlich da, als hätte sie den Turm durch die Wand hindurch gehört. Hinter ihr weitere Meister, weitere Schüler. Die Tür flog auf, kalte Luft drang herein und wurde sofort warm, sofort giftig. Stimmen riefen, Zauber schlugen auf das Wesen, Feuer, Form, Druck, alles, was man werfen kann, wenn man nicht weiß, was wirkt.

Tentakel peitschten wieder, schlugen in die Menge, und dort, wo sie trafen, fiel nicht nur ein Körper, dort fiel auch ein Geist. Menschen würgten, stürzten, hielten sich an Wänden fest, als hätten sie plötzlich vergessen, wie man steht.

Aus der großen Masse lösten sich kleinere Wesen.

Wie Abspaltungen. Wie Tropfen, die zu eigenen Mäulern werden. Sie sprangen, krochen, rissen sich in Winkel, suchten Gesichter, suchten Blut.

Auf dem Burghof, draußen, schrie jemand, und Anadar sah es wie durch einen Schleier aus Licht. Ein kleineres Wesen sprang einen Schüler an und fraß sich ins Gesicht, nicht aus Hunger, sondern aus Gier. Waffen prallten ab. Schreie wurden zu Geräuschen, die man nicht mehr als menschlich erkennt.

Chaos.

Vernichtung.

Tod.

Und immer wieder dieses Wort, das durch die Nacht schnitt.

„Blut.“

Anadar war entkräftet. Er spürte, wie seine Hitze nicht mehr unendlich ist, wie sein Wille an den Rändern ausfranst. Er sah, wie ein weiteres kleines Wesen auf einen Schüler zuschoss, und der Schüler hob instinktiv sein Schwert zur Abwehr.

Er stach zu.

Die Klinge traf.

Und diesmal prallte sie nicht ab.

Sie durchbohrte das Wesen in der Mitte, als hätte es dort doch eine Ordnung, doch einen Kern. Der Dämon teilte sich, und zwei schwarze zappelnde Haufen lagen zu den Füßen des Schülers, zuckend, sterbend, wie etwas, das plötzlich real geworden ist und das nicht erträgt.

Anadar starrte einen Herzschlag lang nur auf die Klinge.

Dann verstand er.

„Geist“, keuchte er, und das Wort war kein Konzept, es war ein Schlüssel.

Die Klinge des Schülers war noch belegt. Ein alter Geisterzauber, einer von den vielen kleinen Dingen, die man im Alltag vergisst. Und genau deshalb hatte er überlebt.

Anadar schrie nicht einfach. Er befahl.

Er warf den Befehl nicht nur in den Raum, er warf ihn in Köpfe. Er drückte ihn in den Willen der Feste, mental und körperlich, so dass selbst die, die nichts verstanden, plötzlich wussten, was zu tun ist.

Geist auf die Klingen.

Nicht Feuer. Nicht Form. Geist.

„Zeichnet es“, rief er, und seine Stimme brach fast, weil sie gegen Übelkeit kämpfen musste. „Ein Zeichen. Mit dem Finger. Ein Name. Eure Klinge muss euch gehören. Jetzt.“

Wer es konnte, tat es. Wer es nicht konnte, tat es trotzdem, weil Panik manchmal mehr Magie freisetzt als Ausbildung.

Shara riss ihren Dolch hoch, fuhr mit dem Daumen über die Klinge, ein kurzer Schnitt, Blut, dann ein Symbol, nicht schön, aber wahr. Ihre Augen wurden schmal. Sie trat vor.

Rotar legte mit letzter Kraft die Hand auf sein Schwert, sein Blick war plötzlich so klar, dass der Winter dagegen harmlos wirkte. Manador tat dasselbe, schneller, verbissen, als würde er beweisen wollen, dass er das kann. Loon, Vaslat, Intra, Koscht. Schüler. Wachen. Jeder, der noch stehen konnte, belegte Stahl mit dem einzigen, was das Wesen anscheinend verletzt.

Die Klingen begannen zu greifen, sie prallten nicht mehr ab, sie trafen, die kleinen Dämonen wurden zerteilt, das große Monster vertrieben.

Sie hackten nicht durch Fleisch. Sie schnitten durch Lüge. Stücke der schwarzen Masse fielen, dampften, zuckten, als würde ihnen endlich etwas weh tun, das nicht nur Hitze ist. Das Wesen kreischte, und dieses Kreischen war anders. Nicht gierig. Wütend. Unverstanden.

Es wich zurück.

Nicht geordnet. Nicht taktisch. Wie ein Tier, das plötzlich merkt, dass es gestoppt werden kann.

Es riss sich los, schleppte Teile von sich über den Boden, schleuderte seine Tentakel nochmal durch den Raum, Steine und dann kletterte es an der Außenwand des Turmes hinunter, als wäre Stein für es nur eine Oberfläche, und verschmolz mit der Nacht, hinüber zur Halbinsel, auf die es sich zurückzog.

„Blut“, schrie es noch einmal, und diesmal klang es nicht wie Forderung, sondern wie Drohung.

Dann war es weg.

Übrig blieb Rauch. Geschmolzener Stein. Schreie, die langsam wieder menschlich wurden. Und die Erkenntnis, dass sie es gerade so abgewehrt hatten, gerade so überlebt.

Sie hatten etwas enttarnt.

Und Anadar, mitten in der Hitze seiner eigenen Erschöpfung, wusste, dass dies erst der Anfang war, weil die Feste nun einen Namen kannte, der funktioniert, es tötete das Wesen nicht, aber es schien es zu vertreiben, für heute.


23

Stille.

Sie war nicht wirklich da, nicht in einem Turm, in dem Stein noch nach Hitze schmeckte, wo noch Stein brannte von der entfesselten Energie, und in dem irgendwo draußen noch Menschen schrien. Aber in Anadar war sie plötzlich da, wie eine Wand, gegen die alles Geräusch prallt.

Er sank auf die Knie, als hätte ihm jemand die Knochen weich gemacht. Eine unendliche Müdigkeit rollte über ihn hinweg, nicht wie Schlaf, eher wie ein Gewicht, das entscheidet, dass der Körper jetzt genug gespielt hat.

Er erlaubte sich für einen Herzschlag die Augen zu schließen.

Da war nur ein Pfeifen. Ein dünner Ton, der nicht aus dem Raum kam, sondern aus ihm selbst, als hätte sein Kopf die Welt zu lange zu laut gehalten und müsse sich nun auf eine einzige Frequenz retten. Schweiß tropfte ihm über das Gesicht, heiß, salzig, und er spürte ihn kaum. Seine Hände zitterten nicht mehr, weil sie müde waren, sondern weil sie noch nicht verstanden hatten, dass sie wieder Hände sein dürfen.

Dann öffnete er die Augen.

Langsam drang der Lärm zurück. Erst als Druck, dann als Klang. Stimmen, hastig, kurz, Befehle, die niemand ausformulierte, weil dafür Zeit fehlte. Holz knisterte. Irgendwo fiel ein Stück Stein. Das Feuer atmete.

Anadar hob den Kopf und stand auf.

Er war nur Sekunden weg gewesen, aber er stand im Zentrum des Chaos, als wäre er nie fort gewesen. Und das Erste, was er sah, war, dass das Training funktionierte.

Ohne neue Befehle hatten sie begonnen, sich um das Wichtigste zu kümmern. Nicht um Würde, nicht um Namen, nicht um Trauer. Um das, was jetzt verhindert, dass aus einem Angriff eine Vernichtung wird.

Feuer wurden gelöscht. Nicht mit Panik, sondern mit Routine. Wasser, Sand, Decken, Zauber, die man sonst nur übt. Verwundete wurden weggezogen, nicht sanft, sondern effektiv. Tote wurden zunächst ignoriert, nicht aus Kälte, sondern weil man nur lebt, wenn man zuerst die Lebenden zählt.

Anadar drehte sich langsam, als müsste er sich selbst beweisen, dass sein Blick noch wahr ist.

Rotar lag am Boden.

Der Dekan war nicht einfach gefallen. Er war zerschmettert, als hätte etwas ihn gepackt und gegen Stein geschlagen, bis kein Körper mehr als Körper zu erkennen war. Ein Tentakel hatte ihn erwischt, spät, vielleicht in dem Moment, als Rotar dachte, der Raum sei schon verloren. Und Rotar hatte dennoch gekämpft. Man sah es an der Haltung seiner Hände, an der Art, wie sein Schwert noch in der Nähe lag, die Klinge schief, aber nicht losgelassen.

Saltor kniete bei ihm, reglos, als hätte man ihm den Atem genommen. Seine Hände lagen auf Rotars Schulter, als wolle er den Dekan zurückhalten, damit er nicht endgültig geht, obwohl er längst gegangen war.

Manador kniete daneben, Blut im Gesicht, nicht seines, vielleicht auch seines, es war schwer zu sagen. Seine Augen waren offen, zu offen, und seine Stimme war ein heiseres Flüstern, das sich wiederholte, als würde er sich selbst damit zusammenhalten.

Anadar spürte, wie etwas in ihm nach unten zog. Nicht Trauer, noch nicht. Eher der kalte, klare Schock, der sagt: Das ist echt. Das ist passiert. Das wird nicht zurückgenommen.

Er zwang sich, den Blick wegzunehmen.

Shara und Morgut waren bei Miene und Siendra. Beide lagen am Boden, wo sie gefallen waren, die Gesichter grau, die Lippen trocken, die Augen geschlossen. Shara hatte die Hände an Mienes Schläfen, als wolle sie die Welt dort festnageln, damit sie nicht weiter bricht. Morgut kniete bei Siendra, die Hand am Hals, prüfend, nicht zärtlich. Er sah auf, als Anadar näherkam.

„Sie leben“, sagte Morgut, und er sagte es so, als hätte er es dem Tod gerade abgerungen.

Shara nickte, ohne aufzusehen. „Sie sind jung“, murmelte sie. „Und stark. Aber das war…“ Sie brach ab, weil sie kein Wort hatte, das nicht zu klein wirkt.

Anadar folgte mit den Augen der Tür, hinaus in den Hof. Unten bewegten sich nur wenige Körper nicht mehr. Zu wenige, um es als Sieg zu feiern, zu viele, um es zu ertragen. In der Mitte des Hofes lag geschmolzener Stein wie erstarrtes Wasser, und in den Winkeln klebte etwas Schwarz an den Rissen, als hätte die Nacht selbst kurz hier gewohnet.

Von den Dämonenresten war kaum etwas übrig. Als wären sie verdampft. Als hätte die Welt sie nicht behalten wollen.

Eine neue Welle Müdigkeit schlug gegen ihn. Er hielt sich aufrecht, nicht aus Kraft, sondern aus Sturheit.

Es funktionierte ohne ihn. Jeder arbeitete im Schock genau so, wie sie es trainiert hatten.

Trotzdem musste jemand die Richtung halten.

Anadar drehte sich zur Mauer, suchte mit den Augen seine Schüler. Er sah sie dort unten im Hof, gebückt, blutverschmiert, erschöpft, aber noch da. Sie standen nicht schön, sie standen.

Er bellte den Befehl, bevor sein Körper die Müdigkeit zu einem Gedanken machen konnte.

„Auf die Mauern. Sofort. Feuer bereit. Nachtsicht. Ich will keine Überraschung.“

Seine Stimme schnitt durch die Geräusche wie eine Klinge. Die Köpfe unten drehten sich, und obwohl die Schüler aussahen, als würden sie gleich umfallen, reagierten sie instinktiv. Sie verteilten sich. Sie griffen zu Fackeln, zu Glut, zu den Brillen, zu allem, was ihnen Sicht gibt. Sie taten es nicht, weil sie stark waren. Sie taten es, weil es der einzige Weg ist, nicht wieder überrascht zu werden.

Anadar wandte sich den Leuten im Hof zu. „Bringt die Verletzten ins Lazarett. Jetzt. Alle, die gehen können, tragen. Alle, die nicht gehen können, werden nicht allein gelassen. Nicht heute.“

Niemand widersprach. Man widerspricht nach so etwas nicht. Man tut.

Er drehte sich zurück in den Turm, zu den Meistern, die noch standen, zu denen, die aufrecht blieben, obwohl sie innen schon gefallen waren.

„Verschafft euch einen Überblick“, sagte er, und diesmal klang es nicht hart, sondern gezwungen ruhig. „Wie viele sind tot. Wer. Wie viele verletzt. Wie schlimm.“

Manador hob langsam den Kopf. Sein Blick traf Anadar, und in diesem Blick lag nicht nur Erschöpfung, sondern etwas, das Anadar als Angst bei ihm selten gesehen hatte.

„Morgut“, fügte Anadar hinzu, „du kümmerst dich sofort um die acht anderen. Ich will wissen, wie es ihnen geht.“

Morgut nickte, aber sein Blick blieb noch einen Moment bei Siendra hängen, als würde er ungern weggehen. Dann stand er auf, schnell und verschwand mit dem Lauf eines Mannes, der sich weigert, später zu bereuen, dass er zu spät war.

Anadar kniete noch einmal bei Miene und Siendra. Miene bewegte sich. Nicht viel. Nur ein Zucken in der Hand, als würde sie irgendwo in einem Fiebertraum nach etwas greifen, das sie nicht findet.

„Miene“, sagte Anadar leise, näher, als er es sonst zulässt. „Bleib hier. Hörst du mich.“

Keine Antwort.

Er streckte seinen Geist aus, reflexhaft, suchte nach der Mutter, nach dieser Präsenz, die sonst wie eine Hand im Dunkeln ist.

Nichts.

Er versuchte es erneut, vorsichtiger, sauberer, so wie sie es ihm beigebracht hatte.

Wieder nichts.

Shara sah auf und verstand sofort. „Du erreichst sie nicht“, stellte sie fest, nicht als Frage.

Anadar schüttelte langsam den Kopf.

Shara strich Miene eine Strähne aus der Stirn, eine Bewegung, die man bei ihr selten sieht, weil sie zu weich ist. „Sie sind am Leben“, sagte sie, als müsste sie es auch sich selbst sagen. „Sie sind jung. Und sie sind zäh. Aber das hat sie gebrochen. Es hat sie von innen getroffen.“

Anadar stand auf und ging zu Rotar.

Saltor sah auf, und in seinen Augen lag ein Schock, der sich in Wut verwandeln wollte, aber noch nicht wusste, wohin er sie werfen soll.

„Er hat bis zum letzten Atemzug gekämpft“, sagte Saltor, und seine Stimme war rau, als hätte er zu viel Rauch geschluckt.

Anadar nickte, weil alles andere zu viel gewesen wäre.

Manador starrte Rotars Körper an, als könnte er ihn durch Ansehen wieder zusammensetzen. Dann sah er zu Anadar hoch, und diesmal war seine Stimme lauter, nicht aus Kraft, sondern weil er sonst zerfallen wäre.

„Was in aller Namen war das“, stieß Manador hervor. „Etwas, das die Hölle ausgespuckt hat. Unglaublich böse. Unglaublich mächtig.“

Anadar antwortete nicht sofort. Er sah die verbrannten Wände. Den gespaltenen Tisch. Die Spuren von Zähnen im Stein, als hätte sich etwas durch Material gefressen, das sich nie als Nahrung gedacht hat.

„Ja“, sagte er schließlich. „Mächtig.“

Manador schüttelte den Kopf, als könne er den Gedanken abschütteln. „Wird es zurückkehren“, fragte er, und in der Frage lag ein bisschen Hoffnung, als wäre Nein eine Option.

Anadar sah ihn an. „Ja“, erwiderte er. „Heute. Morgen. Bald. Es ist wach. Und es ist hungrig.“

Manador schluckte. „Und jetzt“, sagte er leiser, „versteckt es sich nicht mehr.“

„Nein“, sagte Anadar. „Es wurde enttarnt.“

Er ging einen Schritt weiter, dorthin, wo Fantor gewesen war.

Von Fantor war kaum etwas übrig. Nur eine Hülle, leer, wie eine blutleere Leiche, die in der Mitte entzwei gerissen worden war. Es sah nicht aus, als hätte man ihn getötet. Es sah aus, als hätte etwas ihn benutzt und dann weggeworfen.

Wie ein Mantel, der nicht mehr passt.

Anadar spürte, wie sein Magen sich zusammenzog. Nicht aus Übelkeit, nicht diesmal. Aus dem Gefühl, dass dies schlimmer ist, als ein Monster, das von außen kommt.

„Es hat ihn getragen“, murmelte Shara hinter ihm. Sie war aufgestanden, wankend, weil selbst sie nicht ohne Preis kämpft. „Oder es hat ihn ersetzt.“

„Oder es war nie er“, sagte Anadar.

Shara schwieg, weil jede Variante unerquicklich war.

Es dauerte Stunden, bis so etwas wie Ordnung in der Feurigen Feste wiederhergestellt werden konnte. Nicht echte Ordnung. Nur genug Struktur, damit niemand in der eigenen Panik stirbt.

Neun Schüler waren tot.

Rotar war tot.

Fast jeder war verletzt. Schnitte, Bisse, Prellungen, Verbrennungen, geistige Nachwirkungen, die man nicht in Bandagen wickeln kann. Manche saßen einfach nur da und starrten, als hätten sie vergessen, wie man einen Gedanken beendet.

Miene und Siendra waren in kritischem Zustand. Ihre Ohnmacht kippte in Fieberträume, ihr Atem wurde flach, ihre Stirnen heiß. Heiler kamen, Erdschüler, Lebensmagier, jeder, der eine Hand ruhig halten konnte. Sie taten, was sie konnten, und dennoch sah es aus, als würden die beiden irgendwo anders kämpfen, an einem Ort, an den niemand hinterherkommt.

Die anderen acht, meldete Morgut später, gingen entsprechend gut davon. Schockiert, müde, verletzt hier und da, aber nicht gebrochen. Morgut sagte es sachlich, doch sein Blick verriet, dass er selbst überrascht war, wie gut sie durchgekommen sind.

Anadar versuchte immer wieder, die Mutter zu erreichen.

Nichts.

Er schickte seinen Geist, tastete, suchte, zog ihn zurück, weil er Angst hatte, dass die Stille nicht nur Abwesenheit ist, sondern Blockade. Er probierte es so oft, bis Shara ihm die Hand auf den Arm legte.

„Hör auf“, sagte sie ruhig.

„Ich kann nicht“, antwortete Anadar.

„Doch“, erwiderte Shara. „Du musst. Wenn du dich jetzt in die Leere hineinfrisst, liegst du morgen neben Rotar.“

Er sah sie an, und in ihrem Blick lag keine Härte, nur Wahrheit. Er zwang sich, aufzuhören.

Dann stand die Mutter plötzlich im Raum.

Nicht angekündigt. Nicht durch die Tür. Nicht wie ein normaler Mensch. Sie war einfach da, als hätte der Raum beschlossen, dass er jetzt Platz für sie hat.

Anadar und Shara waren im Lazarettturm, nahe bei den Betten der beiden Mädchen. Das Feuer im Kamin war niedrig, die Luft roch nach Kräutern, Blut und Angst.

Die Mutter blickte Anadar an.

Dann blickte sie sich um, als würde sie lauschen. Eine Augenbraue hob sich, minimal. Sie atmete langsam aus, und in diesem Ausatmen lag etwas wie Rechnen.

Für einen Moment kniff sie die Augen zusammen.

Dann atmete sie erneut aus, und diesmal klang es erleichtert.

„Sie sind stark“, sagte sie leise. „Und jung.“

Sie drehte den Kopf, als würde sie Stimmen hören, die niemand sonst hört. „Ich höre ihren Geist. Sie sind da. Sie sind…“ Sie stockte, als suche sie ein Wort, das nicht zu weich ist. „Sie sind okay.“

Es klang, als sage sie es mehr zu sich selbst als zu Anadar.

Shara räusperte sich, und es war das erste Mal, dass die Mutter sie wirklich ansah, nicht nur wahrnahm. „Sie sind nicht okay“, sagte Shara, und man hörte, dass sie es nicht als Widerspruch meinte, eher als Korrektur. „Sie sind am Leben. Das ist etwas anderes.“

Die Mutter hielt ihren Blick. „Ja“, sagte sie. „Das ist etwas anderes.“

Dann fragte sie, und ihre Stimme wurde härter, ohne laut zu werden. „Was ist passiert.“

Anadar erzählte. Er erzählte nicht schön. Er erzählte nicht dramatisch. Er erzählte so, wie man einer Macht erzählt, die man nicht belügen sollte. Fantor, die Hülle, die schwarze Masse, die Übelkeit, die Tentakel, die Mäuler, das Wort Blut wie eine Peitsche. Die Klingen, die erst nicht griffen, dann mit Geist griffen. Der Rückzug des Wesens zur Halbinsel.

Die Mutter nickte, langsam, als würde sie etwas bestätigen, das sie lieber nicht bestätigt hätte.

„Ihr wisst nicht, was euch da angegriffen hat“, stellte sie fest.

„Nicht mit einem Namen“, gab Anadar zurück.

„Ich denke, ich habe Gerüchte darüber gehört“, sagte sie. „Ein Ding, das unendlich alt ist. Eines von denen, die nicht mehr sein sollten.“

Shara fragte leise: „Warum sollten sie nicht mehr sein.“

Die Mutter sah sie an, und für einen Moment lag etwas wie Bedauern in ihrem Blick. „Weil es Regeln gab“, sagte sie. „Und weil jemand einmal glaubte, Regeln seien stärker als Hunger.“

Anadar presste die Hand gegen die Stirn. „Es wird wiederkommen.“

„Ja“, antwortete die Mutter ohne Zögern. „Es ist wach. Und es ist hungrig. Und es versteckt sich nicht mehr. Es wurde enttarnt.“ Dieselbe Schlussfolgerungen.

Anadar wartete einen Moment, bis das Schweigen schwer genug war, um die nächste Frage zu tragen. „Kannst du helfen.“

Die Mutter schwieg. Nicht aus Theatralik. Aus Ehrlichkeit.

„Ich kann euch nicht helfen“, sagte sie schließlich. „Nicht so, wie du es meinst. Nicht mit unseren Mitteln. Dieses Ding ist kein Knoten in einem Geist, den ich lösen kann. Es ist…“ Sie suchte kurz, und Anadar merkte, dass selbst sie vorsichtig mit Sprache war. „Es ist ein Altertum, das nicht auf uns hört. Du kannst es vertreiben. Heute. Vielleicht morgen. Aber verbannen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, und wenn es wieder kommt, wird es vorbereitet sein, es denkt, es ist intelligent, sehr.“

Anadar spürte, wie ihr Blick wieder zu den Betten ging. Zu Miene. Zu Siendra. Es war kein Blick einer Dekanin. Es war der Blick einer Mutter.

„Du willst zu ihnen“, sagte Anadar.

Die Mutter antwortete nicht, aber ihre Schritte verrieten es.

Anadar sah zu Shara. „Hilf ihr“, bat er leise. Es war kein Befehl, sondern ein Eingeständnis, dass er gerade nicht der Richtige ist, um das zu tragen.

Shara nickte einmal. Sie trat zur Mutter, nicht unterwürfig, nicht herausfordernd, nur präsent. „Komm“, sagte sie leise, und für einen Moment klang es, als würde Shara die Mutter führen, nicht umgekehrt.

Die Mutter ging mit.

Anadar ließ sich in einen Sessel sinken, als hätte man ihm die Fäden durchgeschnitten. Er starrte ins Feuer, das kaum noch brannte, und in seinem Blick lag nicht Leere, sondern Arbeit.

In seinem Kopf formte sich eine Idee, langsam, widerwillig, wie ein Stein, der aus der Tiefe nach oben drückt.

Wenn Geist es enttarnt, aber nicht tötet, wenn Feuer es nicht töten konnte, aber Geist vertreiben und berühren dann war die Frage nicht, ob man es töten kann.

Die Frage war, was es dann aufhalten konnte.


24

Anadar zog sich in seinen Turm zurück, als wäre der Stein der einzige Ort, der ihn noch halten konnte. Nicht aus Angst. Nicht aus Trotz. Eher aus dem instinktiven Wissen heraus, dass manche Entscheidungen nicht in Gesprächen entstehen, sondern in Stille, die so lange dauert, bis sie schneidet.

Er vergrub sich in Rollen.

Pergament. Wachstafeln. Bücher, die nach Staub und Leder rochen. Listen von Zaubern, die er selbst einmal geschrieben hatte, als wäre sein eigenes Handwerk plötzlich eine fremde Sprache, die man neu lernen muss. Er arbeitete fieberhaft, und das Fieber war nicht nur Müdigkeit. Es war eine Form von Zwang.

Er überlegte. Er schrieb. Er strich. Er schrieb wieder. Er entwarf neue Formeln, nicht elegant, aber zwingend. Er belegte Gegenstände, prüfte, ob der Zauber sitzt, ob er hält, ob er sich im Material verankert oder nur darüber liegt wie ein Wunsch. Er baute kleine Mechanismen, die nicht nach Größe strebten, sondern nach Genauigkeit. Wenn das Wesen alt war, dann war es nicht durch Feuer zu beeindrucken. Dann brauchte es etwas, das anders greift.

Morgut und Shara versuchten zu helfen.

Morgut stellte ihm Wasser hin und sagte nichts dazu, weil er wusste, dass Worte manchmal nur stören. Shara brachte ihm Essen, stellte es ab, als wäre es eine Waffe, die man ihm vor die Füße wirft, und ging wieder, ohne zu fragen, ob er es nimmt. Manchmal blieb sie kurz in der Tür stehen und sah ihn an, als wolle sie prüfen, ob er noch Anadar ist oder nur noch Arbeit.

Er war abwesend.

Nicht weg. Nicht verloren. Nur nach innen gezogen, so weit, dass selbst seine Präsenz im Raum dünn wurde.

„Du solltest schlafen“, sagte Shara einmal, später am zweiten Abend, als die Fackeln draußen schon flackerten und der Wind vom Meer her die Kälte in die Feste trug.

Anadar hielt den Blick nicht. „Ich werde später schlafen.“

„Später ist ein Wort für dich das niemals bedeutet“, erwiderte Shara.

Morgut stand neben dem Tisch und betrachtete eine der Klingen, die Anadar gerade belegt hatte. „Er hat recht“, sagte er. „Aber du auch.“

Anadar blieb mit den Fingern auf der Wachstafel. „Es ist wach“, murmelte er, als würde er das Wort im Mund drehen, um zu prüfen, ob es anders klingt, wenn man es oft genug sagt. „Und es lernt, es passt sich an.“

Shara schnaubte. „Dann sollten wir schneller lernen.“

Er antwortete nicht, aber seine Hand bewegte sich wieder, schneller.

Die Feuerbestattung der Toten war ein öffentlicher Moment, und Anadar war da. Nicht als Mann, der trauert, sondern als Mann, der funktioniert, weil er weiß, dass Funktion manchmal das Einzige ist, was eine Gemeinschaft vor dem Zerbrechen schützt.

Neun Schüler wurden verbrannt. Namen wurden genannt. Stimmen brachen. Manche weinten, manche starrten nur. Es war nicht feierlich. Es war notwendig.

Rotars Bestattung war anders.

Der Dekan lag nicht mehr wie ein Mensch. Man hatte ihn in Tücher gehüllt, als könne Stoff dem Körper wieder Würde geben, obwohl Würde in diesem Moment nicht im Körper lag, sondern in den Augen derer, die geblieben waren. Saltor stand so still, dass er wie ein Schatten wirkte, und Manador hielt sich aufrecht, als würde er sonst fallen.

Anadar hielt die Grabrede.

Er sprach nicht über Heldentum, nicht über Legenden. Er sprach über Pflicht. Über Rotars Ruhe. Über die Art, wie Rotar Ordnung gehalten hat, nicht weil Ordnung schön ist, sondern weil sie Menschen rettet.

„Rotar hat unsere Welt mit seinen Geschicken gelenkt“, sagte Anadar in die Kälte hinein. „Er hat uns geführt. Atemzug für Atemzug. Für eine weitere Stunde, für den nächsten Tag. Für den Moment, in dem wir verstanden haben.“

Er sah in Gesichter, die nicht wussten, ob sie ihm folgen konnten.

„Er ist gefallen, weil er standhaft war“, fuhr Anadar fort. „Und weil er mutig gekämpft hat.“

Das Feuer fraß sich durch Holz, und der Rauch stieg gerade nach oben, als wäre selbst die Luft in dieser Stunde diszipliniert.

Nach der Zeremonie kamen Worte, die Anadar nicht hören wollte.

Einige der Meister sprachen es nicht aus, sie deuteten es nur an. Andere waren direkter. Ein Vakuum war entstanden, und Vakuum zieht Macht an wie Feuer Sauerstoff.

„Du musst übernehmen“, sagte jemand.

Anadar stand da, die Hände noch nach Rauch riechend, und sah die Person an, als habe sie gerade etwas Unverständliches gesagt.

„Nein“, antwortete er schlicht.

„Die Feste braucht dich“

„Die Feste braucht Schutz und Kontinuität“, unterbrach Anadar. „Nicht einen Titel. Es würde mich zu sehr binden, es gibt bessere.“

Der Gedanke, ihn zum Dekan zu machen, existierte. Er war wie ein Schatten in den Gesprächen, er lag auf den Gängen, er klebte an Blicken. Anadar ließ sie stehen, ließ die Idee in der Luft verhungern, weil er wusste, dass er jetzt nicht führen darf, wenn er das führen will, was wirklich kommt.

Manador übernahm die Führung.

Kommissarisch. Hart. Verbissen. Klug genug, es nicht als Krone zu tragen, sondern als Last. Loon trat näher an die Mitte, mehr als sonst, als hätte er verstanden, dass Oberflächlichkeit in solchen Tagen nur eine Maske ist, die man irgendwann ablegen muss. Er war neu in der vorderen Reihe, und er lächelte weniger.

Sie taten, was möglich war.

Sie verwandelten sich am Tag in Adler und flogen die Halbinsel und die Umgebung ab. Kreise über Küste und Dünen, über Felsen und Buschwerk, über die Linien, an denen das Meer den Sand frisst. Sie suchten Spuren, Risse, irgendetwas, das zeigt, wo es sich zurückgezogen hat.

Nichts.

Sie schickten Patrouillen aus. Tagsüber und nachts. Feuer brannten auf den Mauern. Brillen gaben Nachtsicht. Klingen waren vorbereitet.

Nichts.

Und doch wusste jeder, dass es wiederkommen würde. Nicht als Gefühl. Als Tatsache, die nur noch keinen Zeitpunkt hatte.

Miene und Siendra erholten sich langsam.

Sie wachten auf wie Leute, die aus einem Traum zurückkehren, den sie nicht erzählen können, weil er nicht in Worte passt. Miene war stiller als vorher. Siendra grinste wieder, manchmal, aber es war nicht mehr der gleiche Spott. Es war ein Lächeln, das sich selbst beweist, dass man noch da ist.

Sie würden nicht mehr sein wie früher.

Nie wieder unschuldig. Nie wieder nur jung.

Shara besuchte sie, wenn sie Zeit fand, setzte sich an das Bett, sagte wenig. Morgut brachte ihnen Wasser, nannte sie bei ihren Namen, als wären Namen in solchen Tagen ein Anker. Anadar kam selten, aber wenn er kam, stand er lange in der Tür, als würde er prüfen, ob sie wirklich leben.

Miene sah ihn einmal an, länger, klarer, und sagte heiser: „Es hat mich gesehen.“

Anadar antwortete nicht sofort. Dann sagte er leise: „Ja. Und du hast es gesehen.“

Siendra drehte den Kopf zum Fenster. „Das war der Fehler“, murmelte sie. „Jetzt kann es nicht mehr so tun.“

Anadar ging zurück in sein Zimmer.

Er glitt tiefer in die Theorie, als würde er sich in einen Tunnel graben, in dem es keine Stimmen gibt, keine Verantwortung, nur Logik. Er ignorierte Schlaf. Er ignorierte Hunger. Er ignorierte den Schmerz in den Muskeln, weil Schmerz nur Körper ist, und Körper war in diesen Tagen zu langsam.

Hin und wieder ging er hinaus, sah nach dem Rechten, prüfte die Mauern, fragte nach den Verletzten, ließ sich Zahlen nennen, weil Zahlen manchmal beruhigen, auch wenn sie lügen.

Dann kam der Tag der Konklave.

Anadar war da. Er ging mit in den weißen Raum, nicht weil er es wollte, sondern weil Wegbleiben eine Entscheidung gewesen wäre, die er nicht riskieren konnte.

Manador führte die Delegation an, kommissarisch, und man spürte, wie sehr ihm das gegen den Stolz ging, weil er wusste, dass Stolz hier nichts zählt. Loon saß neben ihm. Anadar saß als Dritter, still, mit einem Blick, der schon wieder weiter war.

Als die anderen Delegationen eintraten, blieb der Raum einen Moment lang stehen. Nicht im wörtlichen Sinn, aber in der Luft. Die Stille war nicht feierlich, sie war entsetzt.

„Rotar“, sagte Sinadie, und das Wort war kein Name mehr, sondern ein Gewicht.

Hokn`f stand steifer als sonst. Tranda schloss kurz die Augen, als würde er rechnen, wie viele Tote ein Kodex aushält, bevor er zur Lüge wird. Fontal beugte sich vor, als könnte sie durch den Tisch hindurch die Wunde sehen, die jetzt in der Feurigen Feste klafft. Die Mutter sah nicht überrascht aus. Sie sah nur sehr wach aus.

Manador berichtete.

Er schilderte, was geschehen war, so gut man es schildern kann, wenn man selbst noch nicht glaubt, dass es passiert ist. Fantor als Hülle. Die Enttarnung. Das Wesen. Die Übelkeit. Die Tentakel. Der Ruf nach Blut. Die Wirkung des Geistes auf den Klingen. Den Rückzug zur Halbinsel. Den Tod von Rotar.

Im Raum gab es entsetzte Rufe, kurze Ausbrüche, Sätze, die in der Mitte abbrachen, weil niemand wusste, wie man so etwas einordnet.

„Das widerspricht dem Kodex“, sagte Hokn`f schließlich, als wäre das seine Art, Angst in Regeln zu verwandeln.

„Es widerspricht dem Leben“, erwiderte Fontal sofort.

Sinadie presste die Hand auf den Stab, als könnte sie ihn damit in die Wirklichkeit drücken. „Wir haben es nicht gesehen“, sagte sie leise. „Wir haben es nicht… für möglich gehalten.“

„Das ist kein Trost“, sagte Koscht trocken von der Feuerschule aus, und man spürte, dass sein Ton an der Kante von Wut stand.

Anadar hielt sich zurück.

Nicht weil er nichts zu sagen hatte, sondern weil er merkte, dass diese Runde wieder das gleiche Muster sucht. Protokoll, Einordnung, Abwarten. Worte. Und Worte waren im Moment zu langsam.

Er sah zu Slonda.

Slonda hielt seinen Blick und nickte kaum sichtbar. Es war kein Trost. Es war ein Zeichen: Ich bin da. Ich sehe es.

Und dann sprachen sie, ohne den Mund zu öffnen.

Nicht wie Schüler in Geheimnissen, sondern wie Brüder, die lange genug nebeneinander gestanden haben, um nicht mehr erklären zu müssen, wo es weh tut.

Slonda schickte den Gedanken, dass Tandor nicht ruhig ist. Dass er sucht. Dass die Bibliothek reagiert, als hätte sie Angst, gelesen zu werden.

Anadar schickte zurück, dass Geist wirkt. Dass es vertrieben werden kann. Aber dass das Wesen lernt und intelligent ist.

Slonda sagte, er werde weiter suchen. Er werde tiefer gehen. Er werde riskieren, was riskant ist, weil jetzt keine Zeit mehr ist für saubere Vorsicht.

Anadar bestätigte, und in der Bestätigung lag mehr als Zustimmung. Es lag Verantwortung. Wenn Slonda fällt, fällt mehr als ein Mensch.

Die Tage vergingen.

Und in den Nächten hörten sie es.

Nicht immer. Nicht laut. Aber manchmal, wenn der Wind richtig stand, wenn das Meer sich zurückzog und die Halbinsel im Dunkeln lag, kam ein Ruf durch die Kälte.

„Blut.“

Er klang nicht wie ein Schrei. Er klang wie eine Erinnerung, die sich in die Luft brennt.

Hin und wieder kamen die kleinen Dämonen an die Mauern. Nicht in Massen, eher wie Fühler. Wie Tests. Sie krochen aus der Dunkelheit, suchten einen Spalt, einen unachtsamen Blick, eine Sekunde, in der niemand auf die Brüstung schaut.

Sie konnten mit Geist vertrieben werden.

Das beruhigte niemanden. Es bewies nur, dass sie nicht frei sind.

Anadar verstand, was das bedeutet.

Ihr Gegenüber probierte aus. Es war da draußen und tat das Gleiche, was er drinnen tat. Es bereitete sich vor. Es lernte, wie Geist funktioniert, wie schnell Menschen reagieren, wie sie reagieren. Es lernte, es testete und das machte es ungleich gefährlicher.

Und Anadar dachte weiter.

Er schlief wenig. Er aß, weil Shara ihn zwang, und weil Morgut ihm das Essen praktisch in die Hand drückte, als wäre es eine Waffe gegen Dummheit.

Er schrieb nicht nur Zauber, er schrieb eine Strategie.

Nicht hübsch. Nicht sicher.

Eine, die alles auf eine Karte setzte.

Alles auf den Hunger dieses Dämons.

Ein einziger Schlag.

Kein Plan B.

Und als diese Erkenntnis vollständig in ihm stand, spürte Anadar zum ersten Mal seit Rotars Tod etwas, das nicht Angst war.

Klarheit.

Denn wenn man keinen zweiten Versuch hat, muss der erste ein Treffer sein.


25

Anadar wartete nicht, bis sein Plan sich in ihm wie ein schöner Gedanke anfühlte. Er wartete nur, bis er stabil genug war, um ausgesprochen zu werden, ohne zu zerbrechen.

Er rief Shara und Morgut in sein Studierzimmer. Nicht in den großen Raum, nicht in einen Saal, in dem Worte nach außen tragen. In das enge Zimmer mit dem Kamin, den Rollen, den Tintenfässern, den Klingen, die an der Wand hingen wie stumme Fragen. Draußen lag Winter über der Feste, drinnen lag Arbeit.

Shara blieb an der Tür stehen, als würde sie zuerst prüfen, ob sie hinein will. Morgut setzte sich, ohne zu fragen, und nahm sich die Freiheit eines Menschen, der schon lange aufgehört hat, in solchen Momenten höflich zu sein.

Anadar legte eine Wachstafel auf den Tisch. Dann noch eine. Dann ein Stück Metall, das nach nichts aussah und doch Gewicht hatte. Seine dunkle Klinge lehnte am Stuhl, und selbst im Feuerlicht wirkte sie, als würde sie Licht nicht mögen.

„Du willst, dass wir dir sagen, warum das nicht funktioniert“, bemerkte Shara trocken.

„Ich will, dass ihr mir sagt, wo ich blind bin“, erwiderte Anadar, und er klang müder als er wollte.

Morgut zog eine Augenbraue hoch. „Dann fang an.“

Anadar atmete einmal durch, als würde er sich einen Rhythmus zwingen. „Es kommt wieder“, begann er. „Nicht irgendwann. Es kommt wieder, weil es jetzt weiß, dass wir es berühren können. Es wird nicht mehr vorsichtig sein. Es wird gierig sein.“

Shara verschränkte die Arme. „Und du willst diese Gier benutzen.“

„Ja“, bestätigte Anadar.

Morgut sah auf die Tafeln. „Du willst es hier hineinziehen.“

„In den Hof“, korrigierte Anadar. „In die Mitte. Nicht an die Mauern. Nicht in die Gänge. Dorthin, wo wir es umstellen können.“

Shara trat näher, blieb aber stehen, als wolle sie nicht auf den Stuhl zu nah an seine Gedanken geraten. „Du willst Köder sein.“

Anadar schwieg einen Moment. Dann nickte er. „Ich will, dass es mich sieht. Ich will, dass es nur noch mich will.“

Shara lachte nicht. Anadar legte seinen Plan dar, in allen Einzelheiten. Sie hörten zu, sie schnaubte nur, kurz, und in diesem Geräusch lag alles, was sie davon hielt. „Das ist keine Tapferkeit“, sagte sie. „Das ist Selbstmord.“

„Vielleicht“, räumte Anadar ein. „Aber es ist auch die einzige Art, es zu besiegen.“

Einen Herzschlag lang war nur das Knistern des Kamins zu hören.

Nun sagte Morgut sehr ruhig: „Das ist Selbstmord.“

Anadar schüttelte den Kopf. „Es ist Risiko“, sagte er. „Und es ist der einzige Schlag, der alles entscheidet. Wenn wir es nur vertreiben, kommt es wieder. Schlauer. Härter. Mit Antworten.“

Shara nahm die Wachstafel, las, schob sie zurück. „Du hast keinen Plan B“, stellte sie fest.

„Nein“, sagte Anadar.

Shara beugte sich vor. „Und du musst einen Ausweg einbauen“, sagte sie, und ihre Stimme wurde härter. „.Für dich.“

Anadar sah sie an. „Nein, kein Ausweg, sollten wir versagen, gibt es keinen anderen Weg als die Vernichtung.“

Shara hielt seinem Blick stand. „Das ist eine grausame Realität.“

Anadar sagte nichts. Er schrieb nur einen neuen Strich in seine Notizen, als hätte Shara gerade den Preis ausgesprochen, den er bisher nur geahnt hatte.

Shara atmete aus

Morgut klopfte einmal auf den Tisch. „Und jetzt erklärst du das Manador so, dass er tut, was du brauchst, ohne zu viel zu verraten, er würde dem niemals zustimmen.“

Anadar hob den Blick. „Ich werde ihm nur sagen, was er wissen muss.“

Shara lächelte kurz. „Also fast nichts.“

Anadar ließ das stehen.

Noch in derselben Nacht ging er zu Manador.

Manador hatte Rotars Platz nicht eingenommen, er hatte ihn nur besetzt, so wie man eine Mauer besetzt, wenn man weiß, dass sie sonst fällt. Er stand über Karten, über Listen, über Namen, und sein Gesicht wirkte dünner als früher. Nicht aus Hunger, sondern aus Verantwortung.

Als Anadar eintrat, hob Manador den Kopf. „Du siehst aus wie jemand, der nicht schlafen will“, bemerkte er.

„Ich sehe aus wie jemand, der keine Zeit hat“, erwiderte Anadar.

Manador gestattete sich ein kurzes, bitteres Lächeln. „Wir alle.“

Anadar legte keine Tafeln hin. Er legte nur Sätze hin, klar, gezielt.

„Wir brauchen Manöver“, sagte er. „Gruppen. Rollen. Wiederholungen. Wir müssen reagieren, bevor wir denken.“

Manador verengte die Augen. „Du willst Drill.“

„Ich will, dass sie im Schock nicht sterben“, antwortete Anadar.

Manador nickte langsam. „Was genau.“

Anadar gab ihm genug, die Taktik, die den Dämon lockt. Die Linien, die sich schließen. Die Zauber, die getestet werden müssen, wenn die kleinen Dämonen kommen. Variationen, damit niemand in Routine stirbt.

Manador sah ihn an, und einen Moment lang wirkte es, als wolle er widersprechen, einfach um zu beweisen, dass er es darf. Dann ließ er es. Weil er klug genug war, den Unterschied zwischen Stolz und Führung zu kennen.

„Gut“, sagte Manador. „Du bekommst deine Übungen. Und du bekommst deine Rollen. Aber du verschweigst mir etwas, das weiß ich …“

„Dann wirst du mich hassen“, vollendete Anadar ruhig.

Manador kniff die Augen zusammen. „Dann werde ich dich tot aus diesem Turm tragen wenn es nicht funktioniert, richtig?“

Anadar nickte leicht und lächelte.

Die Studenten wurden in Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe bekam eine Funktion. Es gab Träger, es gab Klingen, es gab Feuer, es gab Geist. Es gab Leute, die nur beobachten sollten, weil Beobachtung der Anfang von Überleben ist. Es gab Heiler, die nicht warten durften, bis jemand schreit. Es gab Läufer, die Nachrichten bringen, ohne zu fragen, ob sie wichtig sind. Und am wichtigsten es gab neue Pergamente mit neuen Zaubern, mit Variationen von Zaubern.

Sie hielten kleine Manöver. Im Hof. In den Gängen. Auf den Mauern. Immer wieder. Bis die Beine schwer wurden und der Kopf trotzdem noch weiß, wohin er gehört.

Die nächtlichen Angriffe wurden mehr.

Beinahe jeden Abend.

Zuerst waren es die kleinen Wesen, Fühler, Tropfen, die zu Mäulern werden. Sie tasteten, krochen, sprangen, schrien nach Blut, und jedes Mal, wenn sie zurückgedrängt wurden, schien es, als würden sie etwas mitnehmen. Nicht Fleisch. Information.

Es wurde schwerer, sie zu vertreiben. Nicht weil Geist nicht mehr wirkte, sondern weil die Dämonen besser wurden darin, Geist zu meiden. Sie kamen nicht mehr blind. Sie kamen schneller. Sie kamen mit Umwegen. Sie kamen über Winkel, die man gestern noch für sicher hielt.

Und die Feuerschule ließ es so aussehen, als wäre es noch schwerer.

Absichtlich.

Sie kämpften nicht mehr maximal, sie kämpften dosiert. Sie zeigten dem Gegner, dass sie müde sind. Dass sie zu langsam sind. Dass sie Lücken haben. Sie ließen ihn glauben, dass er sie bald bricht, wenn er nur noch ein bisschen mehr drückt.

Miene und Siendra halfen wieder mit.

Nicht wie früher. Nicht mit frechem Blick und leichter Stimme. Sie waren vorsichtiger, und gerade deshalb waren sie besser. Sie spürten die kleinen Wesen früher. Sie sahen, wo Schatten nicht nur Schatten waren. Sie lernten, wann man nicht liest, sondern nur anwesend ist, damit man nicht selbst zur Tür wird.

Die anderen acht Geistesschülerinnen wurden ebenfalls gut darin, die kleinen Monster aufzuspüren. Es wurde ein Katz und Maus Spiel. Die Dämonen schlichen sich weniger an, weil sie öfter entdeckt wurden. Also kamen sie brutaler, schneller, gieriger. Und die Schreie nach Blut wurden lauter, als würde der Hunger wachsen, weil man ihn immer wieder auf Abstand hält.

Anadar hörte diese Schreie nachts und dachte nicht mehr an Angst. Er dachte an Rhythmus.

Hunger ist ein Hebel, wenn man ihn richtig setzt.

Die Nacht der Nächte kam nicht mit einem Zeichen. Sie kam wie jede andere. Genau das machte sie so gefährlich.

Jeder kannte seine Rolle. Jeder stand an seinem Platz. Die Mauern waren besetzt. Die Vorbereitungen getroffen, die Zauber gesetzt. Die Klingen waren vorbereitet. Die Gruppen waren verteilt, so dass sie sich gegenseitig sehen konnten, ohne sich zu stören.

Der erste Angriff kam, wie mittlerweile fast jeden Abend.

Er wurde an den Mauern abgewehrt. Kurze Kämpfe. Zuckende Schatten. Geist auf Stahl. Ein paar Schreie. Dann wieder Wind.

Nichts, was den Hof hätte erschüttern sollen.

Und trotzdem spürte Anadar, wie die Luft anders wurde. Nicht kälter. Schwerer. Als würde etwas Großes sich bewegen, ohne dass man es sieht.

Er stand in der Mitte des Hofes.

Allein.

Nicht wirklich allein. Um ihn herum, unsichtbar für die Nacht, standen Positionen. Augen. Klingen. Zauber, die warten. Aber sichtbar war nur er, und das war Absicht. Er hielt sein dunkles Schwert in der Hand und spürte, wie trocken sein Mund war.

Er hatte keine Möglichkeit gehabt, es zu testen.

Kein Versuch, kein kleiner Probezauber, keine harmlose Übung. Nur Theorie, nur Schärfe, nur Vertrauen in Regeln, die sich noch nie bewährt haben.

Dann hörte er es wieder.

Nicht vom Hof. Von draußen.

Ein verzweifelter, gieriger Schrei, der die Nacht zerschnitt wie eine Klinge.

„Blut.“

Anadar hob den Kopf.

Er wusste, dass dies der Moment ist, an dem man entweder steht oder stirbt.

Er wollte dem Dämon geben, was er will.

Seine Hand glitt langsam an der Klinge entlang. Er zog sie nicht zurück, als das Metall scharf genug war, um zu schneiden. Er ließ es zu. Er spürte, wie die Haut aufriss, wie Wärme herauslief, wie etwas sehr Menschliches plötzlich sichtbar wurde.

Blut tropfte.

Er hielt das Schwert hoch, und das Blut lief über den Stahl, bis die Klinge nicht mehr im Fackelschein dunkel glitzerte, sondern matt und rot war. Sein Handgelenk schmerzte, aber Schmerz war jetzt nur ein Signal, kein Hindernis.

Er ließ das Blut in den Sand tropfen und schrieb ein Wort.

Nicht schön. Nicht sauber. Schwer, als würde jeder Buchstabe aus ihm herausgerissen.

„Blut.“

Der Boden vibrierte.

Nicht stark, nicht wie ein Erdbeben. Eher wie ein Atemzug, der durch den Stein geht.

Und draußen schob sich etwas vor die Sterne.

Es wurde dunkel, nicht weil das Licht erlosch, sondern weil ein riesiger Körper sich zwischen Himmel und Feste drängte. Ein Schatten, der nicht zur Nacht gehört, weil er die Nacht selbst überdeckt.

Es begann.

Von den Mauern flogen Zauber. Feuer, Licht, Druck. Alles, was man sieht und glauben will. Es traf die Dunkelheit und zeigte kaum Wirkung. Genau so, wie geplant. Sie zogen sich zurück, scheinbar gebrochen, scheinbar überfordert, scheinbar zu langsam.

Der Dämon stieg über die Mauer.

Nicht wie ein Tier. Wie eine Katastrophe.

Stein knirschte. Türme wackelten. Ein Stück Brüstung brach weg, als hätte der Dämon das Gewicht von Jahrhunderten. Feuer flackerten und erloschen, als würde die Luft selbst zurückweichen.

Anadar brüllte nicht. Er atmete aus, als würde er seine Angst als Dampf abgeben, und ging dem Wesen entgegen.

Es schlug mit Tentakeln um sich, und die Tentakel hatten Zähne. Mäuler überall. Hörner, die aus der Masse wuchsen wie falsche Kronen. Es war größer als alles, was in die Feste gehört. Und doch war es da, als hätte es ein Recht.

„Blut“, kreischte es.

„Ja“, erwiderte Anadar, und seine Stimme war ruhig genug, dass es fast lächerlich wirkt. „Blut.“

Er wuchs an.

Nicht im Körper, sondern in Präsenz. Feuer legte sich um ihn, Licht, Hitze, und doch brannte er nicht alles weg. Diesmal nicht. Diesmal hielt er sich zurück. Er wehrte ab. Er verteidigte. Er kaufte Zeit.

Tentakel schlugen ihn, packten ihn, versuchten ihn zu zerreißen. Zähne bissen in die Luft um seine Kehle. Er hielt dagegen, mit Feuer, mit Geist, mit Wille, aber er drängte nicht. Er durfte nicht zu früh gewinnen. Er durfte nicht zeigen, dass er mehr kann.

Er musste Köder bleiben.

Draußen verließen die Magier die Burg, in alle Richtungen, genau wie es geübt war. Keine Kämpfe gegen kleine Dämonen, nur kurze, harte Abwehr, dann Rückzug. Die Konzentration der Mittel lag woanders. Im Zentrum der Feste.

Im Hof.

Bei ihm.

Er hörte Shara nicht, aber er fühlte sie. Er spürte, wie sie außen Position nahm, wie Morgut sich bewegte, wie Manador seine Leute setzt, wie Loon die Lücken schließt. Er spürte, wie die Luft um die Burg sich langsam verändert, als würde etwas Unsichtbares sich spannen.

Dann schnappte die Falle zu.

Über der Feste schloss sich ein Gitter.

Ein Netz aus Geist und Blitz, feine Linien, die nicht wie Seile wirkten, sondern wie Regeln, die in die Luft geschrieben wurden. Das Geisternetz spannte sich über Mauer und Turm, über Hof und Dach. Es flackerte kurz, als würde es sich selbst prüfen, dann stand es, hart, klar, kalt.

Der Dämon merkte es im letzten Moment.

Er riss den Kopf hoch, als könne ein Wesen ohne Augen doch sehen, was sich über ihm schließt. Ein Tentakel schlug gegen das Netz und verbrannte. Schwarze Masse zischte. Der Dämon kreischte, nicht vor Schmerz, vor Wut.

Er wollte fliehen.

Er konnte nicht.

Anadar lächelte, klein, bitter. So weit, so gut.

„Blut“, fauchte das Wesen.

„Ja“, antwortete Anadar, und er spürte, wie seine Kräfte schon zerrieben werden. „Blut.“

Er wuchs noch einmal an, diesmal nicht als Drohung, sondern als Entscheidung.

Er wirkte den Zauber, den er in Nächten und Tagen aus Rollen herausgeschnitten hatte, bis nur der Kern übrig blieb. Er belegte sein blutgetränktes Schwert damit. Die Klinge vibrierte kurz, als würde sie protestieren, dann wurde sie still, auf eine gefährliche Art, wie Wasser, das vor dem Eis nicht mehr plätschert.

Tentakel schlugen wieder. Einer traf ihn an der Schulter. Ein anderer umschlang seine Hüfte. Zähne bissen. Sie drangen nicht durch die Schicht, die Shara ihm aufgetragen hatte, nicht durch das, was Morgut erzwungen hatte, nicht durch seine eigene Disziplin. Und trotzdem raubten sie ihm Energie. Jede Berührung zog.

Das Netz über ihnen wankte.

Nicht viel. Aber genug, dass Anadar es sah. Genug, dass er wusste: Zeit ist jetzt nicht mehr etwas, das man kauft. Zeit ist ein Messer, das sich in den Rücken schiebt.

„Blut“, schrie das Wesen, gieriger, verzweifelter.

„Ja“, keuchte Anadar zurück, und in seiner Stimme lag jetzt der Preis. „Blut.“

Er sprang nicht. Er ging nicht vorsichtig. Er tat das Einzige, was er noch tun konnte.

Er versenkte die Klinge in das Zentrum der Masse.

Dort, wo er keinen Körper sah, nur Dichte. Dort, wo Hunger am stärksten war.

Das Wesen reagierte sofort.

Es trank.

Nicht symbolisch. Wirklich. Es zog an dem Blut, das auf der Klinge lag, als wäre Blut eine Einladung, die man nicht ablehnen kann. Und genau in diesem Trinken passierte, was Anadar gehofft und gefürchtet hatte.

Die Klinge zog zurück.

Nicht Blut.

Das Wesen.

Der Zauber griff. Das Gefäß wurde zum Mund. Die schwarze Masse begann sich zu winden, nicht weil sie getroffen wurde, sondern weil sie plötzlich nicht mehr überall sein konnte. Sie wurde Richtung. Sie wurde Strömung. Sie wurde hineingezogen, gegen ihren Willen, und in ihrem Kreischen lag auf einmal etwas anderes als Gier.

Panik.

Der geistige Kampf war katastrophal.

Der Dämon drängte in Anadars Geist, nicht tastend, nicht vorsichtig. Er riss. Er wollte ihn zerreißen, um frei zu werden. Übelkeit war plötzlich nur noch Oberfläche. Darunter war Gewalt.

Anadar spürte, wie sein Denken dünn wird, wie die Welt an den Rändern bricht. Er sah Bilder, die nicht seine waren. Hunger, der älter ist als Städte. Kälte, die nicht Wetter ist. Eine Litanei aus Blut, Blut, Blut, bis kein Wort mehr Sinn hatte.

Er war kurz davor nachzugeben.

Und genau da, im letzten Moment, gab er seinen Plan frei.

Nicht den Menschen.

Dem Dämon.

Er zeigte ihm, was gerade passiert. Er ließ ihn in die Falle sehen, in das Netz, in die Klinge, in die Zukunft, die nicht lang ist, aber eindeutig. Er ließ den Dämon begreifen, dass es nicht gewinnt, selbst wenn es ihn zerreißt. Dass es trotzdem eingezogen wird. Dass es nicht entkommt.

Der Dämon zögerte.

Nur ein Atemzug.

Nur ein winziger Riss in der Gier.

Aber dieser Riss war genug.

In diesem Moment verlor es.

Es strampelte. Es drückte. Es versuchte, sich an die Welt zu klammern. Tentakel brannten am Netz. Die Burg bebte. Stein splitterte. Der Hof wurde zur Wunde.

Doch die Klinge zog weiter.

Das Wesen wurde eingezogen, Schicht für Schicht, Schrei für Schrei, bis nur noch ein letzter Rest von Dunkelheit zitterte und dann verschwand, als würde man eine Hand in kaltes Wasser tauchen und sie nie wieder herausziehen.

Der Plan funktionierte.

Was nicht geplant war, war das, was blieb.

Der Dämon war im Schwert, ja. Aber ein Teil, ein Faden, ein Widerhaken, hatte sich in Anadars Kopf verankert. Nicht als Stimme, eher als Druck, als Fremdheit, als etwas, das sagt: Ich bin nicht weg. Ich bin nur anders.

Anadar taumelte.

Er versuchte sich zu lösen, innerlich, riss an sich selbst, als könnte man einen Gedanken mit den Fingern aus dem Schädel ziehen. Er spürte, wie das Netz über ihnen noch einmal zuckte, als würde es gleich reißen. Er spürte Shara irgendwo draußen, Morgut, Manador, die anderen, alle an der Grenze ihrer Kräfte.

Und dann wurde es plötzlich dunkel.

Ein Knall.

Kein Feuerknall, kein Stein, der bricht. Etwas anderes. Ein schlagartiges Ende, als hätte jemand die letzte Essenz des Dämons abgeschnitten, ohne dass Anadar es befohlen hat. Für einen Moment war da nur Leere. Eine saubere, gefährliche Leere.

Dann sank Anadar auf den Boden der zerstörten Feste.

Er lag im Dunkeln, und alles war ruhig.

Nicht die Ruhe nach Sieg.

Die Ruhe nach einem Schnitt.

Ein Frieden überfiel ihn, unerwartet, schwer, und er hatte keine Kraft mehr, ihn abzuwehren. Seine Hand ließ die Klinge nicht los, obwohl er es nicht mehr merkte. Sein Atem wurde tiefer. Seine Augen schlossen sich.

Und zum ersten Mal seit Rotars Tod schlief er, als hätte die Welt beschlossen, ihn für einen Moment nicht zu brauchen.Formularbeginn


26

Er erwachte nur widerwillig.

Nicht aus einem Traum, nicht aus einer Ohnmacht, eher aus einem Zustand, in dem der Körper beschlossen hatte, dass Denken zu viel ist. Seine Augen öffneten sich einen Spalt, und zuerst verstand er nichts. Nur Sand unter der Wange. Kälte im Atem. Den dumpfen Geschmack von Rauch auf der Zunge.

Er lag immer noch im Hof.

Der Himmel über ihm war nicht mehr Nacht, aber auch noch kein Morgen. Ein graues Licht hing wie feuchter Stoff über der Feurigen Feste. Es roch nach verbranntem Holz, nach geschmolzenem Stein, nach Metall, das zu heiß geworden war. Der Wind trug den Geruch nicht weg, er hielt ihn nur in Bewegung, als wolle er ihn im ganzen Gelände verteilen, damit niemand vergessen kann.

Um ihn herum lagen Trümmer.

Die Burg war nicht nur beschädigt, sie war aufgerissen. Mauern standen noch, aber sie standen schief, als wären sie selbst müde. Der große Hof, in dem sonst Übungen stattfanden und Stimmen über den Stein liefen, wirkte jetzt wie ein aufgeschlagenes Buch, dessen Seiten man mit Gewalt auseinandergerissen hat. Schwarze Risse zogen sich durch den Boden. Der Marmor des Innenraums war an manchen Stellen bis in den Hof hinein geschmolzen und wieder erstarrt, als wären glatte Flächen plötzlich flüssig geworden und hätten sich dann geschämt, dass sie es waren.

Wo früher Fackeln gehangen hatten, hingen jetzt leere Halterungen. Wo früher Türen standen, waren jetzt Öffnungen, die wie Wunden aussahen. Statuen waren gebrochen und zerstört. Holz war zu Kohle geworden. Stein war an einigen Stellen so glatt geschmolzen, dass er aussah wie Glas, und an anderen so zerborsten, dass man das innere Gefüge sah, als hätte man die Feste aufgeschnitten, um zu prüfen, ob sie noch lebt.

Über allem hing noch das Gitter.

Es stand in der Luft wie ein fremder Himmel. Feine Linien aus Geist und Blitz, kaum sichtbar, und doch spürbar, als würde die Luft an diesen Linien festhängen. Ein Netz, das die Nacht überlebt hatte. Es knisterte nicht mehr laut, aber es war da, wie eine gespannte Erinnerung.

Und in allem lag ein seltsamer Friede.

Nicht der Friede nach einem schönen Sieg. Eher der Friede, den man spürt, wenn etwas aufgehört hat zu atmen. Die Luft war leichter, als wäre ein Gewicht aus ihr genommen worden. Sogar die Angst, die sonst in Mauern klebt, wirkte verdünnt.

Aus der Ferne hörte er Lärm.

Schritte. Rufe. Befehle. Stimmen, die nicht schreien, weil sie Panik haben, sondern weil sie Arbeit koordinieren. Geräusche von Eimern, von Stein, der weggeräumt wird. Der Klang einer Feste, die versucht, sich wieder zusammenzusetzen, bevor sie begreift, wie kaputt sie ist.

Anadar bewegte die Finger.

Etwas zog.

Er spürte, dass seine Hand etwas hielt, und als er den Blick senkte, sah er sein Schwert.

Es lag nicht einfach in seiner Hand. Es war, als läge es in seinem Griff und gleichzeitig in ihm. Als wäre zwischen Haut und Metall kein klarer Rand mehr. Die Klinge war nicht mehr dieselbe. Nicht im Material. Nicht im Licht. Nicht im Gefühl.

Sie wirkte wärmer.

Nicht warm wie ein Schwert, das am Feuer gelegen hat. Warm wie etwas Lebendiges, das in der Nähe von Blut gewesen ist und es nicht vergessen hat. Das Metall hatte einen Ton angenommen, der nicht zu Stahl gehörte, mehr Tiefe, mehr Dichte. Als hätte die Klinge etwas aufgenommen, das nicht wieder heraus will.

Anadar setzte sich langsam auf. Seine Muskeln protestierten, nicht mit Schmerz, sondern mit Gewicht. Als würde jeder Teil von ihm sagen: Lass mich liegen. Lass mich noch einen Atemzug in Ruhe.

Er hob die Klinge ein Stück, betrachtete sie näher.

Das Licht, so grau es war, spiegelte sich anders darin. Keine klare Linie. Keine kalte Schärfe. Eher eine Oberfläche, die Licht verschluckt und nur einen Teil zurückgibt, als würde sie entscheiden, was sie preisgibt.

Er versuchte, das Schwert loszulassen.

Nicht aus Ekel. Aus dem nüchternen Reflex, dass man nach einem Kampf, nach einem Bann, nach einer Nacht, in der die Welt gebrochen ist, die Hand öffnen will, um sich selbst zu beweisen, dass man noch Kontrolle hat.

Es kostete ihn Kraft.

Nicht körperlich. Innerlich.

Loslassen fühlte sich an wie Verlust. Nicht wie das Aufgeben eines Gegenstandes, sondern wie das Aufgeben eines Teils von sich. Die Hand wollte nicht öffnen. Seine Finger zogen sich fest, als würde etwas hinter ihnen sagen: Nein.

Anadar zwang sich.

Er atmete ein, langsam, und er dachte nicht an Willen, er dachte an Technik. An all die Momente, in denen er gelernt hatte, dass Körper dem Geist folgt, wenn der Geist ruhig genug bleibt.

Die Finger lösten sich.

Ein Herzschlag lang hing die Klinge noch, als würde sie sich weigern zu fallen, dann war sie frei.

Und sofort war da diese Leere in seiner Handfläche, als wäre etwas herausgerissen worden. Nicht schmerzhaft. Nur falsch.

Er hob das Schwert und steckte es in die Scheide.

Auch das fühlte sich nicht an wie eine Bewegung, sondern wie ein Abschluss, der nicht sauber ist. Das Metall glitt hinein, und für einen Moment glaubte Anadar, er spüre einen Widerstand, als würde die Scheide es nicht wollen. Dann saß die Klinge, und der Riemen hielt, und dennoch blieb das Gefühl, dass nichts wirklich weg ist, nur weil man es versteckt.

Er hob den Kopf.

Jetzt erst bemerkte er die Schritte, die schneller wurden. Stimmen riefen seinen Namen, erst unsicher, dann sicherer, als hätte jemand ihn im Hof erkannt.

„Anadar.“

„Da.“

„Er lebt.“

Shara, Morgut und Manador stürmten durch die Trümmer auf ihn zu. Nicht elegant. Nicht würdig. Wie Menschen, die seit Stunden zusammengehalten werden von einer einzigen Frage, und die jetzt endlich eine Antwort sehen.

Manador war der Erste, der ihn wirklich erreichte. Er blieb einen Schritt zu nah stehen, als hätte er vergessen, wie man Abstand hält. Sein Gesicht war rußverschmiert, seine Augen gerötet, und seine Stimme klang gleichzeitig nach Befehl und nach Erleichterung.

„Was hast du getan“, fragte er, und in der Frage lag keine Kritik, nur das Bedürfnis, die Realität wieder in Wörter zu pressen.

Anadar sah ihn an, als müsste er sich erst erinnern, dass Sprache existiert. „Ich…“ begann er, und merkte, dass seine Stimme rau war. „Es hat funktioniert.“

Morgut packte ihn am Arm, nicht grob, aber fest genug, dass Anadar spürte: Du bist wirklich da. Morguts Blick wanderte über Anadar, suchte Wunden, suchte Zeichen, suchte etwas Fremdes.

„Kannst du stehen“, fragte Morgut.

„Ich sitze“, erwiderte Anadar trocken, und es war das erste Mal, dass etwas wie Humor wieder durchkam.

Morgut schnaubte einmal, und in diesem Geräusch lag so viel Erleichterung, dass es fast weh tat. „Das zählt.“

Shara kam zuletzt, und als sie ihn sah, brach etwas in ihrem Gesicht auf, das sie sonst nie zeigt. Ihre Augen waren feucht, und sie schämte sich nicht einmal dafür. Sie sagte nichts sofort, als müsse sie erst prüfen, ob Worte das nicht kaputt machen.

„Du Idiot“, brachte sie schließlich hervor, und es klang wie ein Vorwurf und wie ein Gebet.

Anadar wollte antworten, aber sie war schon bei ihm.

Shara umarmte ihn.

Nicht kurz. Nicht höflich. Nicht so, wie sie jemanden berührt, wenn sie ein Zeichen setzen will. Es war eine Umarmung, die verriet, dass sie ihn in den letzten Stunden bereits verloren hatte und ihn jetzt zurückbekommt, gegen jede Logik.

Anadar hielt still. Er erwiderte sie nicht sofort, als müsse er erst verstehen, dass man das darf. Dann hob er langsam die Hand und legte sie an ihren Rücken, vorsichtig, als wäre Shara in diesem Moment das Zerbrechlichste im ganzen Hof.

Morgut sah weg, als hätte er plötzlich Respekt vor etwas, das nicht seine Sprache ist. Manador räusperte sich, zu laut, und tat so, als würde er in die Trümmer schauen, weil Führung jetzt wieder gebraucht wird.

Shara löste sich schließlich, wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht, als würde sie sich selbst dafür bestrafen, dass sie gezeigt hat, dass sie fühlt.

„Ist es weg“, fragte sie dann, und die Frage war nüchtern, weil sie es so braucht, um wieder funktionieren zu können.

Anadar nickte langsam. „Gebannt“, sagte er. „es ist weg.“

Manador starrte Anadar an, als wäre er plötzlich ein Grab. „Und es lebt nicht mehr“, fragte er leise.

Anadar zögerte einen Herzschlag. „Ich weiß es nicht“, sagte er ehrlich. „Aber es ist nicht mehr draußen.“

Morgut blickte zum Himmel. „Das Netz“, sagte er.

Anadar folgte seinem Blick. Das Gitter stand noch.

Manador hob die Hand, machte eine kurze, knappe Geste, und irgendwo auf den Mauern reagierten Zauber. Linien flackerten. Das Netz bebte, als würde es sich nicht gern lösen, und dann löste es sich, in sich zusammenfallend wie Licht, das plötzlich keine Form mehr hat.

Die Luft atmete auf.

Es war kein dramatischer Moment. Es war ein physisches Gefühl. Als hätte man eine Klammer gelöst, die die Nacht zusammengehalten hat.

Aus den Gängen und Höfen kamen Schüler zurück. Nicht alle. Viele gingen langsam, hielten sich aneinander, als hätten sie vergessen, wie man allein steht. Einige trugen Verletzte. Einige trugen Trümmer weg, einfach weil sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen.

Sie kamen in die Burg zurück, besser gesagt in die Ruine.

Und trotzdem lachten manche.

Nicht aus Freude. Aus diesem unpassenden, schockigen Lachen, das kommt, wenn der Körper merkt, dass er noch lebt. Es wurde Wein gebracht, irgendwo. Jemand fand Brot, als wäre Brot plötzlich ein Fest. Ein paar Schüler begannen zu singen, leise, falsch, und wurden dann still, weil sie merkten, dass neben ihnen jemand weint.

Es wurde gefeiert.

Nicht als Triumph. Als Erleichterung.

Niemand konnte etwas aufspüren. Keine weiteren Dämonen. Keine Schreie. Keine Schatten, die nicht hingehören. Die Halbinsel lag still im Morgen, als wäre dort nie etwas gewesen.

Die nächsten Schritte mussten dennoch gesprochen werden, weil Frieden ohne Richtung nur eine Pause ist.

Sie saßen später in einem halb zerstörten Raum, der einmal ein Besprechungszimmer gewesen war. Ein Tisch stand noch. Zwei Stühle waren gebrochen. Man setzte sich trotzdem, weil Sitzen eine Form von Ordnung ist.

Manador sprach zuerst, weil er jetzt führen musste, ob er es wollte oder nicht. Er zählte Schäden auf, zählte Verletzte auf, zählte Vorräte, zählte alles, was man zählen kann, weil Zählen beruhigt.

Dann sah er Anadar an. „Was jetzt“, fragte er.

Anadar spürte, wie sein Körper erneut müde werden wollte, aber er hielt ihn mit Gedanken zusammen.

„Ich muss zu meinem Bruder“, sagte er. „Nach Tandor. Ich muss verstehen, was das war. Woher es kam. Ob es allein ist. Ob es Teil von etwas Größerem ist.“

Shara lehnte sich vor. „Und der Norden“, ergänzte sie sofort, als hätte sie den Satz schon in sich getragen. „Das ist nicht vorbei, nur weil wir hier einen gebannt haben.“

Anadar nickte. „Ich muss nach Norden. Und nach Zoordak. Ich muss wissen, was die Mutter weiß. Und was sie nicht sagt.“

Manador schnaubte. „Und die Feste“, sagte er. „Die ist eine Ruine.“

„Sie muss wieder aufgebaut werden“, sagte Anadar. „Aber nicht von mir.“

Er hörte selbst, wie hart das klang, und trotzdem sagte er es weiter, weil Wahrheit in solchen Momenten wichtiger ist als Trost.

„Ihr werdet fehlen“, sagte Manador. „Eine Zeit.“

Shara und Morgut sahen ihn an, gleichzeitig, wie zwei Klingen, die sich in dieselbe Richtung drehen.

„Du gehst nicht allein“, sagte Shara.

„Doch“, erwiderte Anadar, und er meinte es nicht als Machtwort, sondern als Plan. „Ihr werdet hier gebraucht.“

Morgut verschränkte die Arme. „Ich werde hier nicht gebraucht“, sagte er.

Shara nickte. „Du kannst mich hier nicht zurücklassen.“

Manador hob die Hand. „Das ist nicht..“

„Das ist genau das“, fiel Shara ihm ins Wort, und diesmal war ihre Stimme kalt. „Wir werden woanders gebraucht, das ist die Realität.“

Anadar rieb sich über die Stirn. „Die Feste braucht euch“, sagte er. „Die Schüler brauchen euch. Die Töchter brauchen euch. Ich habe es versprochen.“

„Du hast es der Mutter versprochen“, entgegnete Morgut. „Nicht dir selbst. Und nicht uns.“

Shara beugte sich vor. „Du willst allein gehen, weil du glaubst, du musst allein tragen“, sagte sie. „Das ist dein Fehler, nicht deine Stärke.“

Anadar sah sie an. „Und wenn ich recht habe“, fragte er leise. „Wenn dieses Ding nicht alleine war, wenn es gar nicht gebannt ist, wenn es zurückkommt.“

Shara hielt seinen Blick. „Ich will es verstehen“, sagte sie. „Ich will nicht, dass du das ohne mich machst.“ Sagte sie trotzig.

Die Diskussion dauerte lange.

Sie wurde lauter. Sie wurde leiser. Sie war nicht elegant. Es fielen Sätze, die man bereut, und Sätze, die man nie wieder zurücknehmen kann. Am Ende setzte Anadar sich nicht durch.

Nicht, weil er schwächer war. Weil er in einem Punkt ehrlich sein musste.

Er wollte nicht allein sein.

Später, als die Ruine sich langsam in Schlaf verwandelte, saß Anadar wieder in seinem Turm. In dem Zimmer, das noch halb stand. Der Kamin war neu entzündet. Das Feuer brannte klein, zögernd, als würde selbst Feuer erst prüfen wollen, ob es hier bleiben darf.

Er war allein.

Shara und Morgut waren irgendwo in der Feste, in Gesprächen, in Plänen, in Arbeit. Manador hielt die Ruine zusammen, so gut man Ruinen zusammenhalten kann.

Anadar nahm sein Schwert.

Er zog es aus der Scheide, langsam.

Die Klinge sah im Feuerlicht nicht aus wie Stahl. Sie sah aus wie ein Versprechen, das man nicht geben wollte. Sie war warm. Zu warm.

Und als er sie hielt, überfiel ihn plötzlich etwas, das nicht sein Hunger war.

Gier.

Sie kam nicht aus dem Magen. Sie kam aus dem Kopf. Aus einem Punkt hinter den Augen, der sich zusammenzog und dann öffnete, als wäre dort ein Mund, der nie satt ist.

Anadar hielt den Atem an.

In seinem Innern, ganz nah, als wäre die Stimme seine eigene, flüsterte etwas.

Nicht leise.

Nicht bittend.

Befehlend. Gier.

„Blut.“

Und Anadar wusste, noch bevor er den Griff fester schloss, dass dieser Kampf nicht zu Ende war, dass dieser Dämon nicht gebannt war. Er hatte nur das Schlachtfeld gewechselt und keiner durfte davon wissen.

Ende Buch I

 
 
 

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