Anadar Teil II
- R.

- 1. März
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Es war nicht nur eine Person die mich gerfragt hat wie die Geschichte weiter gehen wird. Deswegen habe ich sie weitergeschrieben, gibt schlechtere Günde:

14
Sie blieben lange in den Verliesen der Großen Bibliothek, nicht aus Trotz und nicht aus Neugier, sondern weil der Körper zwar wieder gehorchte, der Geist aber noch nicht. Die Kälte dort unten war nicht die natürliche Kälte von Stein, sondern eine Kälte, die sich wie ein Nachgeschmack an die Haut legte, als hätte etwas Fremdes seine Fingerabdrücke zurückgelassen. Die phosphoreszierenden Adern im Mauerwerk leuchteten wieder, allerdings nur schwach, und ihr Licht wirkte nicht beruhigend, sondern wie ein schlechtes Versprechen, das jederzeit wieder zurückgenommen werden konnte. In den Nischen standen Podeste, auf denen Pergamente ruhten, und selbst diese Rollen, die sie sonst als tote Dinge betrachtet hätten, schienen in dieser Stunde zu lauschen. Kein Windzug war zu spüren, und doch hatte Anadar das Gefühl, als bewege sich die Luft gegen die natürliche Richtung, als würde sie nicht aus ihnen heraus, sondern in sie hinein strömen.
Shara saß an der Wand, die Knie angezogen, die Hände fest ineinander verschränkt, und starrte in die Dunkelheit zwischen zwei Regalen, als könne sie dort eine Kontur erkennen, die nicht mehr da war. Es war nicht die Angst, die sie still machte, sondern ein Ekel, der so plötzlich gekommen war, dass er noch immer in ihrem Magen lag, als hätte man ihr etwas Kaltes und Unreines zu trinken gegeben, das sich weigert, zu verschwinden.
„Das war kein Fehler von uns“, sagte sie schließlich, ohne den Blick zu lösen.
Anadar stand zunächst, weil er gewohnt war zu stehen, wenn etwas nicht erklärbar war, als könne man die Welt durch Haltung zwingen, wieder Sinn zu ergeben, doch dann setzte auch er sich, nicht neben sie, sondern ihr gegenüber, damit er sie sehen konnte, ohne den Eindruck zu erwecken, er würde sie bewachen.
„Nein“, antwortete er leise. „Es war eine Reaktion. Als hätte jemand auf Berührung gewartet.“
Slonda hielt seinen Stab umklammert, als wäre er weniger ein Werkzeug als ein Pfahl, an den er sich festbinden musste, um nicht weggetrieben zu werden, und murmelte gelegentlich einzelne Worte, unzusammenhängend, wie Bruchstücke einer Unterhaltung, die nur er hörte.
„Bindung“, flüsterte er. „Entzug. Trocken. Blutleer.“
„Sprich langsamer“, sagte Anadar. „Nicht, weil ich dich nicht verstehe, sondern weil ich will, dass du dich selbst hörst.“
Slonda nickte, als hätte er die Mahnung gebraucht, und sein Murmeln brach ab. Wenn er schwieg, war das Schweigen in ihm nicht leer, sondern voll, als würde etwas hinter seinen Augen weiterarbeiten.
Sie sprachen erst, als sie die ersten Stufen nach oben nahmen, und selbst dann waren es keine Sätze, sondern nur kleine Bestätigungen, dass der nächste Schritt möglich war.
„Geht es dir?“, fragte Anadar, und die Frage war nicht fürs Höfliche, sondern fürs Praktische.
Shara zog die Schultern ein wenig höher. „Ich gehe. Das muss reichen.“
Slonda setzte den Fuß auf die nächste Stufe, als prüfe er den Stein auf Verrat. „Es ist weg“, sagte er heiser.
„Die Seite?“, fragte Shara.
„Nicht nur die Seite“, antwortete Slonda. „Auch der Weg zu ihr.“
Der Weg durch die Gänge fühlte sich anders an als beim Hinabsteigen, die Bibliothek wirkte nicht größer, sondern fremder, und Anadar bemerkte Dinge, die ihm vorher nicht aufgefallen waren, als hätte der Angriff seine Wahrnehmung verschoben. Türen, die zu lange offen standen, Schatten, die zu dicht am Licht klebten, der Geruch von trockenem Staub, der plötzlich metallisch schmeckte. Slonda ging schneller, als es seine Füße erwarten ließen, als wolle er sich beweisen, dass er noch entscheiden konnte, wohin er ging, und Shara folgte schweigend, so konzentriert, dass ihr Schritt beinahe lautlos wurde.
Oben, in den bewohnten Ebenen, Tandor war im nachmittäglichem treiben, und gerade das machte es schwerer. In den Höfen trugen Schüler Wasser, in den Gängen wurden Bücherkisten geschoben, irgendwo klirrte Geschirr, und aus einem Fenster drang der Geruch von Kräutern, die in heißem Wasser gezogen wurden. Das Leben lief weiter, als hätte es keine Finsternis gegeben, die genommen wurde, als hätte es keine Hand gegeben, die nicht aus Fleisch bestand und dennoch berührt hatte.
„Sie lachen“, sagte Shara, als sie an einem Innenhof vorbeikamen, in dem zwei junge Schüler sich mit nassen Ärmeln gegenseitig bespritzten. Es klang nicht vorwurfsvoll, eher erstaunt, als hätte sie vergessen, dass so etwas möglich war.
„Sie wissen es nicht“, sagte Anadar. „Und wir sollten ihnen danken, dass sie es nicht wissen.“
Slonda trennte sich von ihnen, ohne es zu erklären, und verschwand in einem Seitengang, der zu den Wohnkammern der Meister führte.
„Ich komme“, sagte er nur. „Später.“
Shara ging zu ihrer Kammer, schloss die Tür hinter sich und ließ sie nicht einfach zufallen, sondern führte sie kontrolliert ins Schloss, weil sie das Geräusch nicht ertrug, das ein zufallender Riegel machte.
Anadar dagegen fand sich in einem Kaminzimmer wieder, das er nur vage kannte, ein Raum für Gespräche, die nicht in den Lesesaal gehörten, mit dunklem Holz, das Rauch und Zeit in sich aufgenommen hatte, mit schweren Sesseln, deren Polster zu weich waren, um darin ernsthaft zu arbeiten, und einem Kamin, der nicht prunkvoll war, sondern praktisch. Er legte Holz nach, zündete das Feuer an und starrte in die Flammen, weil Feuer die einzige Bewegung war, der er in dieser Nacht trauen konnte. Es war kein Meditieren, kein Zauber, kein Versuch, Antworten zu erzwingen, nur ein langes, unbewegtes Wachsein, bei dem das Denken wie von selbst an die schmerzhaften Stellen zurückkehrte, immer wieder, als wolle es dort prüfen, ob die Wunde noch da sei.
Später gingen sie früh zu Bett, aber Schlaf war nur ein Wort. Shara lag in der Dunkelheit und stellte fest, dass die Decke plötzlich ein Gewicht hatte, das nicht von Stoff kam, und jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, fühlte sie wieder die Übelkeit, die aus dem Nichts gekommen war, diesen körperlichen Ekel, der so intelligent gewesen war, als hätte ihn jemand gezielt gesetzt.
„Nicht noch einmal“, sagte sie einmal in die Dunkelheit hinein, nicht als Bitte, eher als Befehl an den eigenen Körper.
Slonda ging in seiner Kammer auf und ab, die Schritte unregelmäßig, manchmal schnell, manchmal stockend, und in seinem Murmeln lag weniger Verwirrung als Verzweiflung, als hätte er etwas verloren, das er gar nicht besessen hatte, einen Satz, eine Zeile, einen Zusammenhang, der sich vor seinen Händen aufgelöst hatte.
„Es war dort“, flüsterte er. „Ich hatte es. Ich hatte es.“
Anadar schlief nicht. Er saß vor dem Kamin, bis die Flammen zu Glut wurden, und als die Glut schwächer wurde, legte er erneut Holz nach, weil er nicht zulassen wollte, dass es dunkel wurde.
Im Morgengrauen trafen sie sich wieder im Kaminzimmer, ohne es vorher zu verabreden, als wäre es eine stille Übereinkunft gewesen, die in der Nacht entstanden war. Das Zimmer roch nach Rauch und trockenem Holz, und durch die halb geöffneten Fenster drang ein kühler Luftzug, der die Asche im Kamin kurz aufwirbeln ließ. Draußen begannen die ersten Stimmen, die Stadt sammelte sich für den Tag, und in dieser Normalität lag eine Härte, weil sie nicht zu dem passte, was sie erlebt hatten.
Slonda wirkte kleiner als sonst, nicht körperlich, sondern in der Art, wie er in seinem Stuhl saß, als wäre sein sonstiger Überfluss an Gedanken plötzlich zu einer Last geworden, die ihn nach unten zog. Shara setzte sich und schwieg, und in ihrem Gesicht lag diese angespannte Ruhe, die sie nur hatte, wenn sie nicht wusste, wogegen sie sich rüsten musste.
Erst nach einer langen Zeit sagte Slonda leise das Wort, das ihm in der Nacht wie ein Haken im Kopf gehangen hatte.
„Die Konklave.“
Anadar nickte, und seine Zustimmung war nicht resigniert, sondern nüchtern, wie jemand, der eine Frist erkennt.
„In wenigen Tagen“, sagte er.
Shara starrte einen Moment auf das Feuer, als könne sie in der Bewegung der Flammen eine andere Möglichkeit sehen. „Ich wollte weiter nach Norden“, sagte sie. „Nicht aus Neugier. Nur, weil Suchen leichter ist als Reden.“
„Ich weiß“, sagte Anadar.
Sie wollten weiter, sagte sie, und Anadar bestätigte es, aber sie wussten beide, dass es nicht mehr ging. Nicht, wenn das, was sie gesehen hatten, wirklich eine Botschaft gewesen war, und nicht, wenn die Konklave der Schulen sich bald versammeln würden und jeder sich an das halten musste, was öffentlich sagbar war.
Sie redeten lange, ohne sich dabei zu beeilen. Sie sprachen über Umwege, darüber, ob man jemanden vorschicken könne, darüber, ob Nigk und Xian eventuell gehen könnten, darüber, ob man in Tandor bleiben müsse, um tiefer zu suchen.
„Wenn wir gehen, verlieren wir Informationen“, sagte Slonda.
„Wenn wir bleiben, verlieren wir Zeit“, antwortete Shara.
„Und wenn wir uns teilen, verlieren wir Kontrolle“, sagte Anadar.
Jeder Vorschlag führte am Ende zurück zu derselben Schlussfolgerung, als wäre sie bereits gefällt gewesen und sie müssten nur noch ihre Gründe darum herum bauen. Zurück zur Feurigen Feste, um an der Konklave teilzunehmen, zurück zu der Versammlung, an dem die anderen Schulen teilnahmen, ob sie wollten oder nicht.
Slonda versuchte sich zu erinnern. Er schloss die Augen und sprach einzelne Wörter aus, als wolle er sie in die richtige Reihenfolge zwingen.
„Blutleer. Trocken. Keine Verwesung. Bindung. Entzug.“
Er hielt inne, öffnete die Augen wieder und sah Anadar mit dem Blick eines Mannes an, der nicht daran zweifelt, dass Wissen existiert, sondern nur daran, dass er es noch erreichen kann.
„Es war im Buch“, sagte er. „Es war dort.“
Die Verzweiflung in seiner Stimme kam nicht daher, dass er es nicht wusste, sondern daher, dass es ihm genommen worden war, ohne dass er sich wehren konnte.
Anadar blieb lange still. Dann sagte er ruhig: „Ich könnte in deinen Geist eindringen.“
Shara hob den Kopf sofort. „Anadar.“
„Nicht, um dich zu durchsuchen“, fuhr er fort, und seine Stimme blieb sachlich, als würde er ein Instrument erklären. „Nur um nach Spuren zu tasten. Nach dem Abdruck jener Zeilen, die du vielleicht unbewusst gespeichert hast, bevor sie verschwanden.“
Slonda erschrak nicht, was an sich schon zeigte, wie erschöpft er war, und dennoch spannte sich sein Kiefer. „Du möchtest das nicht“, sagte er.
„Nein“, bestätigte Anadar. „Und deshalb sage ich auch gleich das Nächste. Wenn ich es tue, dann nur mit Mutter zusammen, alles andere ist zu gefährlich“
„Und als Halt“, sagte Anadar. „als Grenze. Sie erinnert, wo wir uns verlieren. Wenn etwas in Slondas Kopf noch einmal greift, will ich jemanden dabei haben, der versteht.“
Slonda schwieg lange, und man sah ihm an, dass er den Gedanken nicht sofort verwarf, sondern prüfte, als könne er ihn an einer inneren Kante entlangführen und schauen, ob er dort schneidet.
„Es ist gefährlich“, sagte er schließlich. „Nicht wegen dir. Wegen dem Mechanismus.“
„Welchem Mechanismus?“, fragte Shara leise.
Slonda rieb sich über die Stirn, als könnte er die Stelle ertasten, an der Erinnerung hätte sein müssen. „Ich weiß nicht, ob es nur im Buch war“, sagte er. „Oder ob es sich beim Lesen verankert hat. In mir. Wenn du in meinen Geist gehst und es sitzt dort, dann führst du dich selbst direkt an den Haken.“
Anadar nickte langsam. „Genau deshalb die Mutter.“
„Und wenn selbst sie es nicht lösen kann?“, fragte Slonda.
„Dann tun wir es nicht“, sagte Anadar. Es war kein Zögern darin. „Dann tragen wir die Lücke und gehen zur Konklave mit dem, was wir haben. Nicht mit dem, was wir erzwingen wollten.“
Dann sagte Slonda, beinahe flüsternd: „Wir sollten die Mutter bitten.“
Das Wort hing im Raum wie eine Tür, die sich in einer Richtung öffnen ließ, in der sonst niemand ging. Anadar hob den Blick und nickte, und in diesem Nicken lag etwas, das Shara selten an ihm sah, ein Eingeständnis, dass es Dinge gab, die nicht durch Disziplin oder Technik zu lösen waren.
„Die Mutter beobachtet und führt wenn sie muss“, sagte Slonda, und Shara bemerkte, dass es kein poetischer Satz war, sondern eine nüchterne Beschreibung ihrer Funktion.
Sie versuchten dennoch, zu benennen, was sie angegriffen hatte, weil Benennen Kontrolle bedeutete und die hatten sie beim Angriff verloren.
„Es war kein Tier“, sagte Shara. „Kein Gegner, der jagt. Es war Abscheu. Zielgenau. Intelligent. Als wüsste es, welche Stelle im Körper man berühren muss, damit der Geist kippt.“
Slonda nickte. „Kein Wesen“, sagte er. „Eher ein Zustand. Eine gesetzte Aversion. Und gerade dadurch wirkt es so absolut.“
Anadar sagte: „Ich hatte Kontakt. Tatsächlich Kontakt. Und dennoch kein Bewusstsein gespürt. Kein Ich. Nur Pflicht. Als hätte etwas nicht aus Hunger gehandelt, sondern weil es genau das tun muss, wenn jemand den falschen Ort berührt.“
Sie waren ratlos, und sie waren klug genug zu wissen, dass Ratlosigkeit gefährlich ist, weil sie dazu verleitet, zu früh zu handeln.
Es klopfte an der Tür, dreimal, fest, offiziell, und der Bote in den Farben des Hofes stand aufrecht im Gang, die Hand bereits wieder am Griff seines Beutels, als sei er nur der Träger einer Bewegung, die schon beschlossen war.
„Seine Majestät Aldemar von Tandor lädt die drei Meister zu einem Austausch in die Burg“, sagte er.
„Wann?“, fragte Shara.
„Jetzt“, antwortete der Bote, und in seiner Stimme lag nicht Bitte, sondern Erwartung.
Anadar nickte, als hätte er damit gerechnet. „Wir kommen“, sagte er.
Der Weg zur Burg führte durch die erwachende Stadt, durch Gassen, in denen Händler ihre Stände aufbauten, durch Plätze, auf denen Wasser in Brunnen plätscherte, und an der Erdschule vorbei, deren Mauern wie immer ruhig wirkten, als könnten sie alles tragen, was man in ihnen versteckt.
Slonda ging zwischen Anadar und Shara, den Blick gesenkt, und murmelte irgendwann: „Ich habe darüber schon einmal gelesen. In den Katakomben der Bibliothek. Ganz unten. Dort, wo man nicht Lehren, sondern Reste bewahrt.“
„Und?“, fragte Shara.
Slonda schüttelte den Kopf. „Ich komme nicht mehr darauf. Der Zusammenhang ist weggerissen.“
„Dann ist es nicht besiegt worden“, sagte Shara. Es war keine Frage.
Slonda atmete einmal durch, als wolle er sich zwingen, nur das zu sagen, was er tragen konnte. „Es fühlt sich nicht so an“, sagte er. „Eher, als sei es einmal eingestellt worden. Wie ein Werkzeug, das man aus Gründen nicht mehr benutzt. Und jetzt ist es wieder aktiv.“
Anadar sagte nichts darauf, aber sein Schweigen war schwerer als Zustimmung.
Vor ihnen erhob sich die Burg von Tandor, aus grauem Stein, solide, ohne Prunk, und für einen Moment hatte Shara das Gefühl, als würde die Stadt selbst den Atem anhalten, während sie die Stufen hinaufgingen.
„Wir sind nicht mehr auf der Suche nach einem Gerücht“, sagte sie leise, mehr zu sich selbst als zu den anderen.
Anadar sah zur Burg hinauf. „Nein“, sagte er. „Wir tragen etwas, das gesehen werden will.“
Und sie wussten, dass der nächste Raum, in den sie traten, nicht dunkler sein musste, um gefährlich zu sein.
15
Die Burg von Tandor lag nicht wie ein Schmuckstück über der Stadt, sondern wie ein Gewicht. Sie war älter als die meisten Straßen, älter als die meisten Namen, und ihre Mauern hatten die stumpfe Geduld von Stein, der gelernt hat, dass alles Lebendige kommt und geht, während er bleibt. Von außen wirkte sie schlicht, fast nüchtern, grauer Fels, breite Stufen, ein Tor, das mehr an ein Versprechen erinnerte als an eine Einladung. Doch je näher sie kamen, desto deutlicher sah man die Sorgfalt, mit der jedes Maß gewählt war. Keine Zier, die nur der Eitelkeit diente, aber auch kein Verzicht, der Schwäche signalisierte. Tandor baute wie die Erdschule lehrte. Stabilität zuerst, danach alles andere.
Wachen standen an den Eingängen, nicht in panischer Dichte, sondern in ruhiger, funktionierender Ordnung. Ihre Blicke glitten über die drei Meister, hielten kurz an Slondas Stab, an Sharas stiller Wachsamkeit, an Anadars ruhigem Gesicht, und ließen sie passieren, als wäre das Erkennen wichtiger als das Kontrollieren.
Im Inneren war es wärmer. Nicht durch prunkvolle Feuerstellen, sondern durch das Leben, das in einem großen Bauwerk nie ganz verstummt. Schritte auf Stein, das leise Schaben von Leder, Stimmen, die gedämpft blieben, weil man in solchen Hallen instinktiv leiser sprach. Sie wurden durch Korridore geführt, in denen schmale Fensterstreifen Tageslicht hineinließen, und in denen der Geruch nach Wachs, nach Holz und nach einer gewissen alten Sauberkeit hing, wie sie nur Orte haben, die täglich geordnet werden, ohne je wirklich neu zu werden.
Als sie den Thronsaal betraten, war das Erste, was Shara bemerkte, nicht der Thron. Es waren die Karten.
Sie lagen auf breiten Tischen aus dunklem Holz, einige aufgeschlagen, andere beschwert mit flachen Steinen, damit sie sich nicht aufrollten. Linien zogen sich über Pergament, Berge, Flüsse, Wege. An manchen Stellen waren kleine Zeichen gesetzt, Kreise, Pfeile, Markierungen, die auf Bewegungen hindeuteten, nicht auf Orte. Neben den Karten standen Schreibpulte, auf denen Tintenfässer und Federn lagen, und Stapel von Notizen, die aussahen, als hätte man sie hastig begonnen und dann hastig wieder verlassen. Zwischen den Tischen standen hohe Leuchter, nicht um zu beeindrucken, sondern um sicherzustellen, dass man auch bei schlechtem Wetter noch lesen konnte.
Der Thron selbst war fast unscheinbar, ein massiver Sitz aus Stein, der nicht glänzte, sondern stumpf wirkte, als hätte er keinen Wert außerhalb seiner Funktion. Hinter ihm stieg die Wand hoch, und in ihr war das Wappen Tandors eingelassen, nicht gemalt, sondern in den Stein gearbeitet, als wäre es Teil des Bauwerks. Der Raum war groß genug, dass man darin eine Versammlung abhalten konnte, aber er fühlte sich nicht leer an. Zu viele Menschen hatten hier Entscheidungen getroffen, zu viel war gesagt worden, was nicht zurückgenommen werden konnte.
König Aldemar stand nicht auf dem Thron. Er stand davor, bei den Karten, als wäre ihm in diesen Tagen der Tisch wichtiger als der Sitz. Er war ein Mann, dessen Gesicht nicht hart war, aber fest. Kein Prunk, keine Krone, nur ein schlichter Reif, den man eher übersah, als dass man ihn bewunderte. An seiner Seite standen zwei Berater, einer mit einem Buch unter dem Arm, der andere mit einer Wachstafel, und ein dritter Mann, der sich in den Schatten hielt, als sei er nur da, um zu hören.
Nigk und Xian standen nahe an einem der Tische, als hätten sie sich bewusst dort positioniert, wo man sehen konnte, dass sie Teil der Besprechung waren, aber nicht Teil der Macht. Xian wirkte wie immer ruhig, die Hände gefaltet, die Augen wach. Nigk hatte den Blick eines Menschen, der bereits zu viel gesehen hat und trotzdem so tut, als wäre alles nur eine Nachricht unter vielen.
Aldemar blickte auf, als die drei eintraten, und für einen Moment glitt etwas durch sein Gesicht, das Shara nur als Erleichterung beschreiben konnte, nicht weil er sie mochte, sondern weil sie in diesem Moment eine Art Beweis waren, dass man noch handeln konnte. Dann sah er Slonda, und sein Ausdruck veränderte sich wirklich.
„Slonda“, sagte er, und in diesem einen Wort lag eine Wärme, die in diesem Raum fast fremd wirkte.
Slonda blieb stehen, und sein Gesicht öffnete sich, als hätte jemand einen Riegel gelöst, den er seit Stunden festhielt. „Aldemar“, sagte er. „Du stehst noch.“
Der König lachte leise, und es war kein höfliches Lachen, sondern ein echtes, kurzes Aufatmen. „Stehen ja“, sagte er. „Gehen nur mit Wut.“
Slonda trat näher. „Das Knie.“
„Das Knie“, bestätigte Aldemar und klopfte sich mit der Hand an die Seite, als könne man dem Gelenk dadurch Respekt einprügeln. „Es erinnert mich täglich daran, dass ich nicht mehr zwanzig bin. Und dass man Stufen nicht verhandeln kann.“
Slonda schnaubte, und diese kleine, fast gewöhnliche Regung ließ etwas in Shara nachgeben, das sie nicht einmal bewusst festgehalten hatte. Normalität kehrte zurück, nicht als Lösung, sondern als dünne Schicht, die man über das Unaussprechliche legen konnte, um weiter zu funktionieren.
„Du hättest früher weniger geritten“, sagte Slonda.
„Du hättest früher weniger gelesen“, entgegnete Aldemar.
Slonda lächelte, und es war das erste Mal seit dem Verlies, dass er so etwas wie Leichtigkeit zeigte. „Ich habe es versucht“, sagte er. „Es hat nicht funktioniert.“
Aldemar wandte sich schließlich auch Anadar und Shara zu. „Meister Anadar“, sagte er. „Meisterin Shara. Willkommen in Tandor, auch wenn ich mir einen besseren Anlass wünschen würde.“
„Wir auch“, sagte Shara.
Anadar nickte nur. Er sah die Karten, die Notizen, die Markierungen, und er verstand sofort, dass dieser Saal in diesen Tagen weniger Thronsaal war als Kriegstisch.
Aldemar machte eine kleine Geste, und ein Diener trat vor, brachte Wasser, Brot, eine Schale mit Salz, als wäre das eine alte Form, die man nicht bricht, selbst wenn die Welt sich verschiebt.
„Setzt euch“, sagte der König. „Erzählt mir, was ihr wisst.“
Anadar nahm einen der Stühle, ohne sich in dessen Polster zu verlieren. Shara blieb einen Moment stehen, als wolle sie sich vergewissern, dass sie die Türen im Blick hatte, dann setzte auch sie sich. Slonda blieb noch bei Aldemar, als hätte das alte Band zwischen ihnen den Vorrang, bevor die Pflicht alles wieder glatt zog.
„Es kommen Menschen aus dem Norden“, sagte Aldemar, und seine Hand deutete auf eine der Karten, auf eine Region, die Shara nicht kannte, nur als graue Fläche, die man in Tandor selten erwähnte. „Nicht in Gruppen, sondern in Strömen. Familien, Händler, Hirten. Einige ohne Schuhe, einige ohne Namen, weil sie ihn im Laufen verloren haben.“
„In der Stadt sieht man sie“, sagte Shara. „Nicht am Markt, nicht wie sonst. Eher in den Gassen, an den Brunnen.“
Aldemar nickte. „Wir haben Lager errichtet, so gut es geht. Die Erdschule hilft, Mauern zu ziehen, Plätze zu schaffen. Aber wir haben kaum Nachrichten, die über Gerüchte hinausgehen. Jeder erzählt etwas anderes. Manche sprechen von Kälte, die nicht weicht. Manche von Tieren, die nicht richtig aussehen. Manche von einer Krankheit. Und manche sagen gar nichts und schauen nur, als hätten sie etwas gesehen, das ihnen den Verstand zu teuer gemacht hat.“
Nigk räusperte sich. „Ein Muster gibt es“, sagte er. „Die Bewegung ist nicht zufällig. Sie schiebt sich von Norden aus Richtung Süden.“
Xian ergänzte ruhig: „Und sie ist zu gleichmäßig, um nur Hunger zu sein. Es ist, als sei etwas hinter ihnen, das in gleicher Geschwindigkeit nachrückt und die Menschen vertreibt.“
Aldemar sah Anadar an. „Ihr wart unterwegs. Ihr habt viel gesehen und gehört. Was habt ihr gefunden, was wir nicht finden konnten?“
Anadar wählte seine Worte so, dass sie wahr waren und dennoch nichts preisgaben, was nicht gesagt werden durfte. „Wir haben viele Gründe gehört“, sagte er. „Und wenig, das man festhalten könnte. Es ist schwer, wenn jeder Bericht beim nächsten Dorf eine andere Form hat.“
„Das heißt, ihr wisst auch nicht, was es auslöst“, sagte Aldemar, und es klang nicht wie Vorwurf, eher wie Müdigkeit.
„Wir wissen, dass es ernst ist“, sagte Anadar. „Genug, um nicht zu warten. Und wir wissen, dass es immer weiter vorrückt. Zuerst beherbergst du Flüchtlinge, dann bist du plötzlich auf der Flucht.“
Slonda trat endlich zurück an den Tisch, und sein Blick fiel auf eine Notiz, auf der ein Name stand, den Shara nicht kannte. Er berührte das Papier nicht. Es war, als hätte er seit gestern Nacht eine neue Vorsicht gelernt.
„Die Konklave“, sagte er.
Aldemar hob den Kopf. „Ja“, sagte er. „Die Konklave. Als ob wir nicht schon genug hätten.“
„Wir müssen hin“, sagte Anadar. „Nicht, weil wir es wollen, sondern weil es der Ort ist, an dem die Schulen sich auf eine Richtung einigen müssen. Wenn wir die Versammlung verpassen, werden Entscheidungen getroffen, die wir später nur noch ertragen können.“
Shara sagte: „Und wenn wir hingehen, können wir zumindest verhindern, dass sie aus Bequemlichkeit handeln.“
Aldemar sah von einem zum anderen, und man spürte, dass er in sich abwog, was er ihnen geben konnte, ohne seine eigene Stadt zu gefährden.
Nigk trat einen Schritt vor. „Majestät“, sagte er, „Xian und ich können weiter nach Norden reiten. Wir können sehen, ob es irgendwo einen Punkt gibt, an dem die Ströme beginnen. Wir sind leichter als eine Einheit Soldaten. Wir sind schneller, und wir fallen weniger auf.“
Xian nickte. „Wir würden nicht lange bleiben. Nur sehen, nur hören, und zurückbringen, was man zurückbringen kann.“
Aldemar legte eine Hand auf den Tisch. „Ihr würdet euch selbst in Gefahr bringen“, sagte er.
Nigk hob die Schultern. „Das ist mein Beruf.“
Shara beobachtete den König, wie er mit dem Gedanken rang, Hilfe anzubieten und zugleich zu wissen, dass jedes Angebot eine Verpflichtung ist, die man später erfüllen muss. Tandor war stabil, aber nicht grenzenlos.
„Ich kann euch Pferde geben“, sagte Aldemar schließlich. „Gute Tiere. Frische. Und Proviant. Ich kann euch auch einen Brief mitgeben, der euch in den nördlichen Dörfern Türen öffnet, die sonst geschlossen bleiben. Mehr kann ich nicht versprechen. Nicht, ohne Wachen aus der Stadt zu ziehen, die ich hier brauche.“
Nigk nickte, als sei das genau das, was er erwartet hatte. „Das reicht.“
Xian sagte: „Wir danken, Majestät.“
Aldemar wandte sich wieder den Magiern zu. „Und ihr“, sagte er. „Ihr geht zurück zur Feurigen Feste.“
„Ja“, sagte Anadar.
„Wie schnell?“, fragte Aldemar.
„Sobald wir können“, sagte Shara.
Slonda hob den Blick. „Ich werde nicht mit ihnen gehen“, sagte er. „Ihr werdet mich hier brauchen.“
Aldemar sah ihn an, und für einen Moment war da wieder das alte, fast private Band zwischen ihnen. „Du bleibst“, sagte der König, und es war keine Frage.
Slonda nickte. „Tandor ist der Ort, an dem ich am ehesten eine Spur finde, ohne dass ich alles von vorn beginnen muss. In der Bibliothek kann ich weiter forschen. Und wenn die Konklave beginnt, werde ich von hier aus teilnehmen. Und bei allem, was wir bisher wissen, werdet ihr mich hier brauchen.“
Shara wollte etwas einwenden. Anadar sah es an der Bewegung ihrer Finger, an dem kurzen Anspannen ihrer Schultern. Doch sie sagte nichts, weil sie wusste, dass Slonda nicht aus Trotz blieb, sondern aus Notwendigkeit.
„Du willst allein in der Bibliothek graben“, sagte Anadar.
„Nicht allein“, erwiderte Slonda. „Ich habe Schüler. Und ich habe Tandor. Und ich habe Aldemar, der mir nicht jeden Schritt erklären muss.“
Aldemar lächelte schmal. „Ich werde dich nicht davon abhalten“, sagte er.
Slonda nickte, und diesmal war es fast dankbar.
Sie sprachen weiter, lange, über Wege, über Reisedauer, über die Frage, wie man Nachrichten schneller als Pferde schicken könne. Sie sprachen über die Flüchtlinge, ohne eine Ursache zu finden, und über Vorräte, ohne eine Lösung zu haben. Viel davon war Verwaltung, viel davon war Pflicht, und vielleicht war es genau das, was sie brauchten, um nicht ständig an die eine Stelle im Verlies zurückgedrängt zu werden, an der die Luft in sie hineinströmen wollte.
Ein Essen wurde aufgetragen, nicht festlich, aber reichlich, Suppe, Brot, Fleisch, Kräuter, und für eine Stunde sah es aus, als wäre dies nur eine Besprechung unter Menschen, die eine schwierige Lage meistern müssen. Aldemar erzählte Slonda von den letzten Wintern, die härter gewesen waren, als die Chroniken behaupteten. Slonda fragte nach dem Knie, und Aldemar fluchte leise, weil das Knie besser auf Zauber als auf Geduld reagierte. Xian blieb still, hörte, nahm alles auf. Nigk ließ den Blick öfter über die Türen gleiten als über die Schalen, als wäre selbst Nahrung für ihn nur ein Teil der Wachsamkeit.
Kein Wort fiel über das Verlies, über die Seite, über die Berührung, die nicht aus Fleisch gewesen war. Nicht, weil sie logen, sondern weil sie verstanden, dass manche Dinge in einem Thronsaal nicht existieren dürfen, bevor sie kontrollierbar sind.
Als sie schließlich aufstanden, war es später Nachmittag. Das Licht in den Fenstern hatte sich verändert, und die Schatten im Saal lagen länger über den Karten, als wollten sie die Markierungen bedecken.
Aldemar begleitete sie bis zur Tür, und dort wurde die Normalität wieder dünn.
„Passt auf euch auf“, sagte er, und man hörte, dass es mehr war als ein Satz.
„Du auch“, sagte Slonda, und es klang so, als hätten sie diese Worte schon oft gewechselt.
Nigk und Xian verbeugten sich, kurz, präzise.
„Wir reiten bei Morgenlicht“, sagte Nigk.
„Nehmt die nordöstliche Route“, sagte Aldemar. „Meidet die offenen Ebenen. Dort sehen euch zu viele.“
Xian nickte. „Wir werden berichten.“
Draußen empfing sie Tandor mit seiner Bewegung, mit Menschen, die arbeiteten, mit Flüchtlingen, die an Mauern saßen, weil Wände ihnen wenigstens eine Richtung gaben. Es waren weniger Händler auf den Plätzen als sonst, weniger Stimmen, die nach Ware riefen, und mehr leise Gespräche, die abbrachen, sobald jemand Fremdes vorbeiging. In den Gesichtern lag dieses unsichere Warten, das eine Stadt haben kann, wenn sie spürt, dass etwas auf sie zukommt, aber noch nicht weiß, wie es heißt.
Der Rückweg führte sie nicht sofort zur Herberge, nicht zu den Kammern, sondern wie von selbst zur Erdschule. Als hätten ihre Füße beschlossen, dass sie dorthin gehören, wo Holz brennt und Stein nicht fragt.
Im Kaminzimmer war es kühl. Jemand hatte das Feuer ausbrennen lassen, und der Raum roch nach der Nacht davor, nach Rauch, nach trockenem Holz, nach etwas, das noch nicht verarbeitet war. Anadar ging zum Kamin und legte Holz nach, ohne ein Wort zu sagen. Shara setzte sich, als würde ihr Körper erst jetzt merken, dass er müde ist. Slonda blieb stehen, als wäre er schon halb wieder in den Gängen der Bibliothek.
Anadar zündete das Feuer an. Die Flammen griffen langsam, dann fester, und als sie standen, war es, als hätte der Raum endlich wieder eine Richtung.
Er sah in das Feuer, dann zu den beiden anderen.
„Morgen brechen wir auf“, sagte er. „Und bevor wir gehen, brauche ich eine Entscheidung, die ich nicht allein tragen will.“
Shara hob den Blick. „Die Mutter.“
Anadar nickte einmal, kurz. Er sagte noch nicht ihren Namen. Er atmete nur ein, als würde er prüfen, ob die Luft diesmal aus ihm herausströmt oder wieder in ihn hinein. Dann legte er die Hand auf den warm werdenden Stein des Kamins, und sein Blick wurde still.Formularbeginn
Formularende
16
Anadar blieb vor dem Kamin stehen, als müsse er erst sicher sein, dass das Feuer wirklich da war. Die Flammen hatten sich gefangen, sie standen ruhig, nicht hoch, nicht gierig, nur lebendig genug, um dem Raum wieder eine Richtung zu geben. Shara saß im Sessel, die Hände im Schoß, und wirkte dabei nicht entspannt, sondern gesammelt, wie jemand, der seinen Körper bewusst schwer macht, damit der Geist nicht wegläuft. Slonda stand nahe am Fenster, ohne hinauszusehen. Er schien nur zu prüfen, ob das Glas noch Glas war und nicht etwas, das sich als Glas ausgab.
Anadar zog den zweiten Sessel ein Stück zurück, damit er Platz hatte, dann setzte er sich auf den Boden, direkt vor den Kamin, und schlug die Beine unter. Schneidersitz, Rücken gerade, die Hände locker auf den Knien. Es war keine Geste der Frömmigkeit, sondern eine Technik. Er hatte das so gelernt, lange bevor die sechs Zirkel ihm einen Namen gegeben hatten.
„Wenn ich weg bin“, sagte er leise, „redet ihr nicht über das, was wir nicht aussprechen dürfen.“
Shara hob den Blick. „Wir haben verstanden.“
Slonda nickte nur, als hätte jedes Wort heute ein Gewicht, das er nicht mehr leicht heben konnte.
Anadar schloss die Augen. Zuerst war da nur der Kamin, das Knistern, das leise Knacken von Holz, die Wärme, die in Wellen gegen sein Gesicht drückte. Er ließ es zu. Wärme war gut. Wärme war etwas, das nicht log.
Dann begann er, das zu lösen, was ihn an den Raum band, nicht abrupt, nicht mit Gewalt, sondern Schicht für Schicht. Er ließ seine Atmung tiefer werden, ließ die Schultern sinken, ließ den Gedanken an Zeit aus dem Körper gleiten, wie Wasser, das durch eine Ritze abläuft. Draußen konnte ein Tag vergehen oder eine Stunde. Es war nicht wichtig. Wichtig war nur, ob der Kontakt möglich war.
Der physische Weg nach Zoordak, dachte er noch einmal, war etwa zehn Tagesritte. Zehn Tage Wind, zehn Tage Staub, zehn Tage Pferdeatem, und am Ende vielleicht ein Tor, das man nur sieht, wenn man es sehen darf. Aber eine Geistreise folgte nicht der Straße. Sie folgte keiner Linie auf einer Karte. Sie folgte etwas anderem, einem Faden, der nicht aus Entfernung bestand, sondern aus Nähe. Aus Erinnerung, aus Einverständnis, aus der einfachen Tatsache, dass jemand am anderen Ende bereit sein musste, zu empfangen.
Anadar wusste in etwa, was er zu tun hatte. Er wusste, wie man den eigenen Geist auf eine Spur setzt, ohne sich unterwegs zu verlieren. Und dennoch war er angespannt, so angespannt, dass er die Spannung fast als Schmerz spürte, im Nacken, hinter den Augen. Er konnte es nicht erzwingen. Wenn es nicht funktionierte, würde er nur gegen sich selbst laufen.
Er suchte nicht nach Zoordak als Ort. Er suchte nach der Mutter als Präsenz.
Er ließ die Bilder kommen, die nicht Bilder waren, eher Eindrücke. Ein Geruch von feuchter Erde nach Regen. Ein Ton, der an eine Glocke erinnerte, die man nur hört, wenn man nicht zuhört. Eine Erinnerung an einen Raum, in dem Stille nicht leer ist, sondern voll von Augen, die nicht sehen, sondern wissen.
Dann war da etwas wie ein Widerstand, nicht feindlich, eher wie eine Tür, die man nicht öffnen kann, weil sie nicht abgeschlossen ist, sondern weil man nicht eingeladen wurde.
Anadar drückte nicht. Er klopfte. Nicht mit einer Hand, sondern mit einem Gedanken. Ein kurzer Impuls, ein Zeichen, das nur jemand verstehen konnte, der ihn kannte.
Und plötzlich war die Tür nicht mehr da.
Er stolperte hinein.
Nicht körperlich, sondern geistig, und er spürte sofort, wie plump er gewesen war. Der Raum, in dem er landete, war kein Raum, und dennoch hatte er Form. Er war hell, ohne Lichtquelle. Er roch nach Kräutern und nach altem Holz. Er fühlte sich an wie ein Blick, der gleichzeitig streng und freundlich ist.
„Anadar“, sagte eine Stimme, die nah war, obwohl sie nicht aus einem Mund kam. „Du kommst wie ein Schüler, der zum ersten Mal eine Tür findet und dann meint, alle Türen wären so.“
Anadar hielt inne. Seine Verlegenheit war so abrupt, dass sie ihn fast aus dem Kontakt riss. „Mutter“, sagte er und merkte, wie ungeschickt es klang. „Verzeiht. Ich…“
„Du stolperst“, sagte sie, und in dem Wort lag eine echte Rüge, aber keine Härte. „Du trittst einfach in meinen Geist, als wäre er ein Flur in Tandor, den man durchquert, weil man es eilig hat.“
„Ich war eilig“, sagte er, und es war die Wahrheit.
Dann hörte er ihr Lachen. Glockenhell, warm, kurz, als hätte sie ihn genau dort erwischt, wo er am wenigsten Kontrolle hatte.
„Natürlich bist du eilig“, sagte sie. „Du bist immer eilig, wenn du Angst hast, dass du etwas verpasst.“
Er atmete aus. „Ich wollte nicht respektlos sein.“
„Du bist selten respektlos“, sagte sie. „Du bist nur manchmal grob. Aus Gewohnheit. Aus Schutz. Und aus dem Glauben heraus, dass du alles allein tragen musst.“
Anadar spürte, wie sich etwas in ihm entspannte, obwohl der Kontakt ihn gleichzeitig durchleuchtete. Bei ihr gab es kein Verstecken. Nicht, weil sie ihm wehtun wollte, sondern weil sie keinen Grund sah, ihn lügen zu lassen.
„Ihr wusstet, dass ich in Tandor bin“, sagte er.
„Natürlich“, antwortete sie, als wäre die Frage selbst niedlich. „Du glaubst immer noch, man könne sich vor mir verstecken, wenn man nur weit genug reitet.“
„Ich glaube nicht, dass ich mich verstecken kann“, sagte er. „Ich habe nur gehofft, dass ihr… beschäftigt seid.“
Wieder dieses Lachen, diesmal leiser, beinahe intim, wie ein Atemzug. „Ich habe dich immer im Auge“, sagte sie, und das Augenzwinkern lag so deutlich in der Stimme, dass Anadar es fast sehen konnte. „Nicht weil ich misstraue. Sondern weil du sonst vergisst, dass du gesehen wirst.“
Für einen Moment war da nur Nähe, ein stiller Austausch, der weniger aus Worten bestand als aus etwas, das darunter lag. Er spürte ihr Bewusstsein wie eine Hand, die nicht greift, sondern hält. Und er spürte, wie gefährlich es war, das zu mögen.
Er zwang sich, den Zweck nicht zu verlieren.
„Ich brauche euch“, sagte er.
Die Stimme wurde sofort ruhiger. „Ich weiß“, sagte sie. „Sag es.“
Anadar erzählte ihr nicht alles. Nicht hier. Nicht in diesem Zustand, in dem jedes Bild zu deutlich werden konnte. Er gab ihr den Kern, die Form, die Dringlichkeit. Wissen, das entzogen wurde. Ein Mechanismus, der reagiert, wenn man berührt. Und ein Freund, dessen Geist vielleicht nicht mehr nur sein eigener ist.
„Du willst, dass ich komme“, sagte sie.
„Ja“, sagte Anadar.
„Gut“, sagte sie. „Zieh dich zurück. Einen Moment. Du stehst in meinem Raum, als hättest du Angst, er könnte verschwinden, sobald du dich umdrehst.“
„Ich warte“, sagte er.
„Nicht hier“, sagte sie. „In dir.“
Er tat, was sie verlangte. Er löste sich aus dem Kontakt, langsam, vorsichtig, als würde er sich aus einem Wasser zurückziehen, das zu warm ist, um wahr zu sein. Er spürte den Kamin wieder, die Wärme im Gesicht, das Gewicht seines Körpers auf dem Boden. Er öffnete die Augen.
Shara sah ihn an. „Und?“
„Sie hat mich bemerkt“, sagte Anadar.
Slonda stieß einen Ton aus, der irgendwo zwischen Erleichterung und Misstrauen lag. „Natürlich hat sie das.“
Anadar wollte gerade noch etwas sagen, als es klopfte.
Dreimal. Fest. Nicht wie ein Bote, eher wie jemand, der nicht fragt, ob er eintreten darf, sondern nur ankündigt, dass er es tut.
Shara war als Erste auf den Beinen. Slonda hielt unwillkürlich den Stab fester. Anadar stand langsam auf, nicht hastig, nicht abwehrend. Er wusste bereits, wer da war.
Die Tür öffnete sich, und die Mutter trat ein.
Sie sah nicht aus wie eine Königin. Kein Schmuck, kein Prunk. Ein dunkler Mantel, der nach draußen roch, nach kühler Luft und nach etwas Kräuterigem, das an Zoordak erinnerte, obwohl Zoordak für die meisten nicht existierte. Ihr Haar war nicht auffällig, ihre Haltung nicht übertrieben. Und doch veränderte sich der Raum, als wäre das Kaminzimmer plötzlich nicht mehr nur ein Zimmer, sondern ein Ort, der in eine größere Ordnung eingebunden war.
Sie lächelte, und ihr Lächeln war nicht nett, es war wissend.
„Slonda“, sagte sie.
Slonda blinzelte, als müsse er sich vergewissern, dass er wach ist. Dann trat er einen Schritt vor. „Mutter“, sagte er, und seine Stimme klang dabei jünger, als Shara es je gehört hatte.
Die Mutter legte den Kopf leicht schief, als betrachte sie ihn von innen. „Du bist dünner geworden“, sagte sie.
„Die Welt ist schwerer geworden“, antwortete Slonda.
Sie lachte leise. „Das sagt jeder, der nicht genug schläft.“
Dann wandte sie sich Shara zu.
Und in dem Moment, als ihre Augen Shara fanden, geschah etwas, das Shara nicht verhindern konnte. Ein Erkennen, nicht nur ein Sehen. Es war, als hätte die Mutter Shara schon einmal gesehen, bevor Shara überhaupt wusste, dass sie gesehen werden kann.
Shara hielt stand. Nicht trotzig. Wach.
„Shara“, sagte die Mutter, als wäre der Name schon lange in ihrem Mund gewesen.
„Ich kenne euch nicht“, sagte Shara.
„Doch“, sagte die Mutter ruhig. „Du kennst mich. Du hast nur nie ein Wort dafür gehabt.“
Shara schluckte, und Anadar sah, wie sich ihre Finger kurz öffneten und wieder schlossen, als würde ihr Körper einen Reflex unterdrücken.
Die Mutter trat einen halben Schritt näher, ohne Shara zu bedrängen. „Ich begrüße dich“, sagte sie, und in der Stimme lag ungewöhnlicher Respekt, so deutlich, dass selbst Slonda den Blick hob. „Und ich bitte dich um etwas, nicht als Befehl und nicht als Forderung. Komm nach Zoordak, sobald du Zeit findest. Du bist dort willkommen. Du warst es immer.“
Shara hielt ihren Blick. „Warum?“
Die Mutter lächelte, nicht aus Ausweichung, sondern aus Geduld. „Weil du mehr bist als das, was du dir erlaubst zu sein“, sagte sie. „Und weil es Orte gibt, an denen man nicht ständig kämpfen muss, um das zuzugeben.“
Shara sagte nichts. Ihr Schweigen war nicht Ablehnung. Es war Vorsicht.
„Ich würde dich gern als Schülerin begrüßen“, fuhr die Mutter fort. „Nicht, um dich zu formen. Um dir zu zeigen, dass du nicht allein lernen musst.“
Ein langer Moment.
Dann nickte Shara einmal, kaum sichtbar. Nicht als Zusage, eher als Anerkennung, dass dieses Angebot existiert.
Die Mutter wandte sich Anadar zu, und das Kaminzimmer wurde wieder kleiner, als würde die Intimität kurz zurückgenommen, damit Arbeit möglich ist.
„Erzähl“, sagte sie.
Anadar erzählte. Diesmal vollständig genug, dass der Kern nicht mehr nur eine Form war. Blutleere Leichen, Berichte, die in Dörfern anders klangen, und der Versuch, in Tandor Wissen zu finden, das alt genug war, um nicht mehr in den Köpfen zu liegen. Er sprach von den Katakomben, davon, wie Slonda sie geführt hatte, und davon, wie die Instanz sie berührt hatte, nicht mit Krallen, nicht mit Zähnen, sondern mit etwas, das Ekel war und gleichzeitig Mechanismus.
Die Mutter unterbrach ihn nicht. Sie hörte zu, und ihr Zuhören war so intensiv, dass Anadar das Gefühl bekam, als würde sie nicht nur die Worte hören, sondern den Raum, aus dem sie kamen.
Als er fertig war, trat sie näher und legte zwei Finger an Anadars Schläfe.
„Nicht wehren“, sagte sie.
Anadar tat es nicht. Er ließ sie hinein, und es fühlte sich nicht an wie Eindringen, sondern wie ein Licht, das an eine Stelle fällt, die man selbst nicht sehen kann. Für einen kurzen Moment war das Verlies wieder da, das schwache Leuchten, die Kälte, die falsche Luft. Er spürte wieder den Ekel, aber diesmal blieb er äußerlich, wie etwas, das man anschauen kann, ohne es zu trinken.
Die Mutter zog die Hand zurück. Sie nickte langsam.
„Ja“, sagte sie. „Es wollte das Wissen. Nicht euren Mut. Nicht euren Schmerz. Das Wissen.“
Slonda atmete scharf ein. „Also war es nicht zufällig.“
„Nein“, sagte die Mutter. „Das war platziert.“
Shara runzelte die Stirn. „Plaziert von wem.“
Die Mutter hob die Schultern, eine kleine Bewegung, die ehrlich war. „Das kann ich nicht sagen. Es kann lange vorher dort gewesen sein. Oder lange nachher. Es kann gesetzt worden sein, bevor ihr überhaupt wusstet, dass ihr suchen würdet, und dennoch genau auf euch reagieren. Manche Dinge warten. Manche Dinge werden gefüttert, bis sie wach werden.“
Slonda presste die Lippen zusammen. „Und es kann sein, dass es in mir sitzt.“
Die Mutter sah ihn an, und ihr Blick war plötzlich scharf. „Ja“, sagte sie. „Es kann sein, dass eine weitere Aversion in dir platziert wurde. Nicht um dich zu töten. Um dich zu stoppen, sobald du das Wissen wirklich berührst. Um aus dir eine Grenze zu machen, die du nicht überschreiten kannst, selbst wenn du willst.“
Slonda schluckte. „Kannst du es sehen.“
„Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen“, antwortete sie. „Ich kann warnen, aber ich kann nicht prophezeien. Es gibt Mechanismen, die sich erst zeigen, wenn man sie auslöst. Und manchmal ist das Auslösen der Preis, den man nicht zahlen sollte.“
Anadar hielt ihren Blick. „Siehst du eine Beeinflussung an uns. An mir. An Shara. An Slonda.“
Die Mutter schüttelte langsam den Kopf. „Nein“, sagte sie. „Und bevor du fragst, ich habe euch schon lange dahingehend gescannt. Dich, Anadar, weil du mich ständig zwingst, dich im Auge zu behalten. Slonda, weil er so gern in Tiefen greift. Und Shara“, sie lächelte dabei kurz, „weil sie die Art von Mensch ist, bei der die Welt gern ihre Finger versucht.“
Shara verzog den Mund. „Danke.“
„Bitte“, sagte die Mutter, als sei das die normalste Antwort.
Sie diskutierten lange. Nicht laut, nicht dramatisch, eher wie Menschen, die an einer Kante stehen und prüfen, wie tragfähig sie ist. Anadar wollte wissen, ob sie jetzt handeln mussten. Slonda wollte wissen, ob Nicht handeln eine Form von Feigheit ist. Shara wollte wissen, ob sie überhaupt begreifen, womit sie es zu tun haben, oder ob sie nur Namen für Schatten erfinden.
Am Ende war es die Mutter, die die Entscheidung aussprach, nicht als Befehl, eher als ruhige Zusammenfassung.
„Im Moment ist es nicht erforderlich, dieses Wissen zu erzwingen“, sagte sie. „Nicht jetzt, nicht vor der Konklave. Wenn ihr versucht, es zu nehmen, könnte ihr genau das auslösen, was jemand vorbereitet hat. Ihr würdet dem Mechanismus geben, was er will. Einen Anlass.“
Anadar sagte: „Also warten.“
„Warten“, bestätigte sie. „Und nach der Konklave, wenn ihr es dann noch braucht, versuchen wir es erneut. Aber nicht in Tandor. Nicht in fremden Katakomben. Wenn wir es tun, dann im Tempel von Zoordak. Dort ist der Boden meiner. Dort sind die Regeln älter als eure Angst.“
Anadar nickte. Er mochte es nicht, aber er verstand es.
Dann fragte er, weil es ihn seit Tagen nagte: „Die Vertreibungen aus dem Norden. Du liegst weiter nordöstlich. Was siehst du.“
Die Mutter seufzte, und es war das erste Mal, dass sie müde klang. „Ich bin mir dessen gewahr“, sagte sie. „Aber ich habe keine klare Sicht in die Dinge. Nicht auf die Ursache. Nicht auf den Auslöser. Und Zoordak“, sie lächelte schmal, „existiert aus dem Gedächtnis vieler nicht. Das ist ein Schutz, aber auch eine Einsamkeit. Deshalb haben wir wenig Flüchtlinge. Sie finden uns nicht, weil sie nicht wissen, dass man uns finden kann.“
„Aber die Wellen erreichen euch“, sagte Shara.
„Langsam“, sagte die Mutter. „Aber ja. Sie beginnen, uns zu streifen. Menschen, die sich verlaufen und plötzlich vor einem Tor stehen, das sie nicht erwartet haben. Menschen, die nicht wissen, warum sie hierher gekommen sind, aber trotzdem nicht weitergehen können. Es ist erst der Anfang.“
Sie schwieg einen Moment, dann sah sie Anadar an. „Ich muss bald wieder gehen.“
„So schnell“, sagte Slonda, und in dem Satz lag ungewollte Enttäuschung.
Die Mutter lächelte ihn an. „So schnell, wie ich immer gehe“, sagte sie. „Aber ich bin nicht allein gekommen.“
Sie wandte sich zur Tür. „Meine Schülerinnen warten unten. Alle zehn, würdet ihr sie bitte sicher in die feurige feste bringen.“
Anadar hob die Augenbrauen. „Du gibst sie uns mit.“
„Ich bitte dich“, sagte sie, und das Wort Bitte klang bei ihr zugleich freundlich und unumgehbar „Sie sind das kostbarste dass es gibt auf dieser Welt“.
Dann lachte sie wieder glockenhell, als hätte sie gerade etwas sehr Einfaches getan, das für alle anderen kompliziert ist. „Und ich danke dir, dass du mich gerufen hast, obwohl du dabei so charmant wie ein fallender Stein warst.“
Anadar verzog den Mund. „Ich übe.“
„Tu das“, sagte sie und ging zur Tür. „Du brauchst sie.“
Doch bevor sie hinausging, blieb sie bei Shara stehen. Ihr Ton wurde leiser, persönlicher, und die Wärme darin war so ernst, dass Shara unwillkürlich den Atem anhielt.
„Komm nach Zoordak“, sagte die Mutter. „Nicht weil ich etwas von dir will. Sondern weil du dort etwas finden wirst, dass du dir selbst noch nicht erlaubst. Und weil ich dich dort sehen möchte.“
Shara sagte nichts. Sie nickte nur, diesmal sichtbarer, und es war, als würde sie damit nicht zustimmen, sondern eine Möglichkeit in sich aufnehmen, die sie bisher nicht hatte.
Die Mutter berührte Shara nicht. Sie lächelte nur, ein letztes Mal, und trat hinaus.
Als die Tür sich schloss, blieb im Raum für einen Moment eine Stille, die nicht leer war. Das Feuer knisterte. Draußen lebte Tandor weiter.
Slonda sah Anadar an. „Sie hat Schülerinnen mitgebracht“, sagte er, als müsse er sich davon überzeugen, dass das gerade wirklich passiert ist.
Anadar nickte. „Sie hat uns zusätzliches Gewicht gegeben“, sagte er. „Keinen Ballast.“
Und irgendwo in Anadars Kopf klang noch immer, ganz leise, dieses glockenhelle Lachen nach, als wäre es ein Zeichen gewesen, dass die Welt zwar dunkler wird, aber nicht stumm.
17
Nigk war vor Sonnenaufgang wach, nicht weil er ausgeschlafen war, sondern weil sein Körper gelernt hatte, dass Schlaf ein Luxus ist, den man sich in unsicheren Zeiten nicht leisten sollte. In der Burg von Tandor lag die Kälte in den Steinfugen, als hätte die Nacht sie dort eingepresst. Selbst im Innenhof, wo man sonst durch Bewegung warm wird, fühlte sich die Luft an wie ein dünner Stoff, der nicht schützt.
Xian kam dazu, ohne Geräusch, ohne Ankündigung, als wäre sie schon die ganze Zeit in der Nähe gewesen. Sie trug ihren Mantel noch offen und ihre Haare waren zusammengebunden, praktisch, nicht schön. Ihr Atem stand weiß vor ihrem Gesicht, und trotzdem wirkte sie nicht fröstelnd, eher konzentriert. Nigk sah sie nur kurz an, und das genügte. Sie kannten einander so gut, dass man ihnen keine Worte aus der Tasche ziehen konnte, die sie nicht brauchten.
Sie sattelten die Pferde in Ruhe. Zwei Reitpferde, wach, nervös, mit glänzenden Flanken, und zwei Packpferde, geduldiger, schwerer, mit dem Blick von Tieren, die gelernt haben, dass Menschen oft nicht wissen, warum sie gehen, aber dennoch gehen. Nigk prüfte Riemen, Gurte, Schnallen, zog hier nach, lockerte dort, als wäre jeder Handgriff ein Stück Kontrolle. Xian ging daneben die Ausrüstung durch, nicht hektisch, sondern methodisch, und wenn sie etwas fand, das nicht stimmte, sagte sie nur ein Wort, das genügte.
„Route“, murmelte Nigk mehr zu sich als zu ihr, und zog eine grobe Skizze auf eine Wachstafel. Drei Tagesritte nordöstlich auf der Straße, bis zur Brücke über den Bricht. Dort hinüber, dann nach Norden, zur letzten bekannten freien Stadt, Chreck. Insgesamt sechs Tage, wenn die Straße offen bleibt und die Pferde nicht krank werden.
Xian beugte sich über die Linien und tippte mit dem Finger auf eine Stelle, an der Nigk die Abzweigung nur angedeutet hatte. „Wenn wir zu lange auf der Straße bleiben, sehen uns zu viele.“
„Und wenn wir zu früh abbiegen“, sagte Nigk, „sehen wir nicht, was wir sehen sollen.“
Sie sah ihn an, und in ihrem Blick lag etwas, das nur Geschwister teilen können, wenn sie nicht durch Blut verbunden sind, aber durch Jahre, durch Entscheidungen, durch die Gewohnheit, nebeneinander zu stehen. Xian war seine Schwester, adoptiert, ja, aber in ihrem Verhältnis gab es nichts, das nach Ersatz roch. Es war echt. Es war gewachsen.
„Dann bleiben wir drei Tage sichtbar“, sagte sie. „Und danach werden wir still.“
Nigk nickte. „Genau.“
Als sie den Hof verließen, dämmerte es gerade. Die Burg wirkte im ersten Licht wie ein dunkler Block, der sich nicht bewegt, egal was draußen geschieht. In den Gängen hinter ihnen lagen die Karten, die Tische, die Stimmen des gestrigen Tages. Vor ihnen lag Straße.
Sie ritten langsam durch das Tor, nicht weil sie zögerten, sondern weil sie den Moment brauchten, in dem ein Ausgang noch ein Ausgang ist und nicht schon ein Abschied.
Draußen, kurz hinter den letzten Häusern, wartete ein Reiter auf sie.
Er stand nicht mitten auf der Straße, sondern daneben, an der Stelle, wo das Gras schon dünn wird und der Boden härter. Das Pferd unter ihm war ruhig, als wüsste es, dass sein Reiter sich nur bewegt, wenn er es will. Anadar saß im Sattel, die Kapuze tief, als wäre auch er nicht sicher, ob er gesehen werden möchte.
Nigk zog die Zügel an. Xian tat es gleichzeitig, als hätten sie es geübt.
„Meister“, sagte Nigk.
Anadar hob die Hand. „Steigt ab“, sagte er. Keine Bitte, keine Erklärung, nur eine Anweisung, die nicht nach Macht klang, sondern nach Dringlichkeit.
Sie stiegen ab. Die Pferde schnaubten, dampften, stampften in den kalten Boden. Die Packpferde schüttelten die Köpfe, als würden sie die Reise schon jetzt verfluchen.
Anadar ließ sein Pferd stehen, als bräuchte er keine Distanz, und trat näher. Sein Blick ging über ihre Ausrüstung, über die Lederteile, über die Gurte, über die Klingen, die an den Seiten hingen.
„Ihr geht weit“, sagte er.
„Sechs Tage bis Chreck“, sagte Nigk. „Und dann weiter, wenn es nötig ist.“
Anadar nickte. „Dann macht ihr es nicht mit dem, was ihr jetzt tragt.“
Xian hob leicht die Augenbrauen. „Was meinst du.“
„Ich meine“, sagte Anadar, „dass ihr friert, bevor ihr den Bricht seht. Und dass ihr blutet, bevor ihr versteht, warum.“
Nigk verzog den Mund. „Das klingt wie ein Segen.“
„Das klingt wie Erfahrung“, sagte Anadar.
Er trat hinter Nigk und legte eine Hand an dessen Lederrüstung. Es war kein spektakulärer Moment, kein Licht, kein Geräusch. Eher ein leises, inneres Klicken, als würde etwas in der Struktur des Materials einrasten. Nigk spürte sofort, dass das Leder sich anders anfühlte. Nicht dicker, nicht schwerer, eher als hätte es eine zweite Haut bekommen, eine Schicht, die nicht sichtbar war, aber da.
Anadar tat dasselbe bei Xian. Dann trat er zurück.
„Leichter“, sagte Nigk und bewegte die Schulter. „Und wärmer.“
„Es nimmt Kälte nicht weg“, sagte Anadar. „Es macht sie nur weniger relevant. Und es wird mehr abfangen, wenn euch etwas trifft. Nicht alles. Aber mehr.“
Er griff in eine Tasche und holte zwei kleine Amulette hervor, unscheinbar, matt, mit einer Oberfläche, die nicht glänzte, selbst wenn das Morgenlicht sie streifte. Er reichte sie ihnen.
„Tragt sie unter der Kleidung“, sagte er. „Nicht sichtbar. Sie können euch für kurze Zeit an die Umgebung anpassen. Nicht unsichtbar machen, nicht zaubern, was nicht da ist. Aber sie helfen, dass ihr nicht auffallt, wenn ihr nicht auffallen dürft.“
Xian drehte das Amulett zwischen den Fingern. „Wie lange.“
„Kurz“, sagte Anadar. „Und nur, wenn ihr ruhig bleibt. Wenn ihr rennt, wenn ihr panisch seid, bricht es schneller. Übt es. Verlasst euch nicht darauf, wenn ihr es nicht verstanden habt.“
Er nahm ihre Messer, nacheinander, und strich mit dem Daumen über die Klingen. Wieder dieses leise Klicken im Inneren der Dinge.
„Licht“, sagte er. „Nicht stark. Aber genug, um im Dunkeln zu sehen, wo die Spitze ist, und um etwas zu blenden, das sich zu sehr an euch gewöhnt.“
Nigk wollte etwas sagen, doch Anadar war bereits beim nächsten.
Ein Sack. Ein einfacher Sack aus grauem Stoff, der aussah, als hätte ihn ein Händler in Tandor für ein paar Münzen verkauft. Anadar hielt ihn hoch, als wäre er ein Argument.
„Darin ist mehr Platz, als außen ist“, sagte er. „Verstaut darin, was ihr nicht verlieren dürft. Aber passt auf. Wenn ihr ihn irgendwo liegen lasst, verliert ihr nicht nur den Sack. Ihr verliert alles, was ihr für sicher gehalten habt.“
Xian nahm ihn, prüfte die Nähte. „Und wenn er beschädigt wird.“
Anadar sah sie kurz an. „Dann wird es unordentlich.“
Nigk atmete aus. „Gut. Also nicht beschädigen.“
Anadar holte eine Brille hervor, deren Gläser dunkel wirkten, obwohl sie nicht getönt waren. Er reichte sie Xian.
„Nachtsicht“, sagte er. „Und Entfernung. Nicht, damit ihr die Welt größer macht. Damit ihr sie früher seht.“
Xian setzte sie nicht sofort auf, sondern hielt sie wie etwas, das man erst verstehen muss, bevor man es benutzt.
Dann kamen die Bögen. Zwei Bögen, schlank, unscheinbar, und doch fühlte sich die Luft um sie herum dichter an. Anadar legte sie auf den Boden, zog eine Sehne probeweise, als wäre es Handwerk, nicht Magie.
„Sie verfehlen nicht, wenn ihr nicht töricht seid“, sagte er. „Das ist ein Unterschied. Ihr müsst immer noch zielen. Ihr müsst immer noch entscheiden, ob ihr schießt. Der Bogen nimmt euch nicht die Verantwortung ab.“
Nigk schnaubte. „Schade.“
Anadar lächelte kurz, ohne Wärme. „Das ist Absicht.“
Zuletzt holte er ein Band hervor. Ein schmales Stück Stoff, unscheinbar, grau, fast wie ein Verband. Er hielt es einen Moment lang in der Hand, als würde er abwägen, ob er es überhaupt geben sollte. Dann reichte er es Nigk.
„Das ist für den höchsten Notfall“, sagte er. „Nur, wenn ihr keine andere Wahl mehr seht. Bindet es um euer Handgelenk. Und dann zerreißt es.“
Nigk sah ihn an. „Was passiert.“
„Das erkläre ich nicht“, sagte Anadar. „Nicht weil ich euch nicht vertraue. Weil ihr es dann zu früh einsetzen würdet. Es ist für eine Situation, in der ihr bereit seid, den Preis zu zahlen, ohne den Preis zu kennen.“
Xian sagte leise: „Und es funktioniert auch, wenn wir getrennt sind.“
Anadar nickte. „Nein, es funktioniert nur wenn ihr es beide umbindet, sollte es nur einer verwendet, wird nur einer gerettet, leider kann ich euch kein zweites machen, es ist sehr speziell.“
Er zog zwei Fellumhänge hervor, dicht, schwer, nach Tier und Rauch riechend. Doch als Xian den Umhang nahm, merkte sie sofort, dass er nicht einfach nur warm war. Er war unauffällig. Er nahm Licht anders auf, als Stoff es sollte. Als würde er das Auge ein wenig davon überzeugen, dass er Hintergrund ist.
„Sie wärmen“, sagte Anadar. „Und sie verschmelzen besser mit dem, was hinter euch liegt. Nicht zu gut. Gerade genug, sie machen euch nicht unsichtbar, nur nicht auffällig“
Er legte noch mehr Zauber auf ihre Schwerter, Hand über Metall, Blick kurz geschlossen, als würde er ein Muster in etwas einweben, das sonst nur schneiden kann. Als er fertig war, trat er einen Schritt zurück und sah beide an.
„Das alles“, sagte er, „ist nur dann hilfreich, wenn ihr es beherrscht. Übt damit. Heute Abend. Morgen. Jeden Abend. Verlasst euch nicht darauf, bevor ihr wisst, wie es sich verhält, wenn ihr müde seid, wenn ihr hungrig seid, wenn ihr Angst habt.“
Nigk nickte. Xian nickte.
Xian legte eine Hand kurz an den Hals des Packpferdes, beruhigend, dann sah sie zu Anadar. „Danke“, sagte sie, und in dem Wort lag mehr Respekt, als sie sonst zeigte.
Anadar hielt den Blick. „Passt auf euch auf“, sagte er. „Und wenn ihr das Band braucht, dann heißt das, dass alles andere bereits schief gegangen ist. Vergesst das nicht.“
Nigk grinste schief. „Wir vergessen es nicht.“
„Und kommt zurück“, sagte Anadar.
Nigk zog die Zügel seines Pferdes an. „Das ist der Plan.“
Anadar drehte sein Pferd, er ritt zurück in die Stadt. Nigk und Xian sahen ihm nach, bis der Reiter im grauen Licht der Stadt verschwand.
Die Straße führte nordöstlich aus Tandor hinaus, erst durch sanfte Hügel, dann durch offeneres Land, in dem der Wind schneller wurde. Am ersten Tag begegneten sie den Strömen. Menschen, die nach Süden gingen, nicht in geordneten Reihen, sondern in einer unregelmäßigen Bewegung, die dennoch Richtung hatte. Familien, einzelne Männer, Frauen mit Bündeln, Kinder, deren Augen zu groß wirkten für ihre Gesichter. Manche zogen Karren, manche trugen nur, was sie tragen konnten, manche hatten gar nichts mehr, außer dem Gehen.
Sie blickten die Reiter kaum an. Nicht feindlich. Eher so, als wären Nigk und Xian nicht wirklich da.
Nigk ritt näher an eine Gruppe heran und fragte, ohne zu schreien: „Wovor flieht ihr.“
Ein Mann sah ihn an, als müsste er erst verstehen, dass die Frage existiert. „Vor allem“, sagte er schließlich.
„Vor was genau“, fragte Nigk.
Der Mann zuckte mit den Schultern. „Kälte. Hunger. Barbaren. Es ist egal. Es ist hinten.“
Xian fragte bei einer anderen, einer Frau mit einem Kind auf dem Arm, deren Lippen blau waren: „Wo beginnt es.“
Die Frau schüttelte den Kopf. „Weiter oben. Immer weiter oben. Es kommt nach.“
„Was kommt“, fragte Xian.
Die Frau sah sie an, und in ihrem Blick lag nicht Wissen, sondern Erschöpfung. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich gegangen bin.“
So ging es den ganzen ersten Tag, den zweiten, den dritten. Die Menschen kamen ihnen entgegen, und je mehr sie versuchten, Informationen zu sammeln, desto weniger bekamen sie. Es war, als würden die Worte an einer Grenze stoppen, die nicht im Mund liegt, sondern dahinter. Wenn jemand etwas Konkretes sagte, war es anders, als hätte er es von jemand anderem gehört, und je weiter der Satz ging, desto mehr zerfiel er.
Am dritten Tag erreichten sie den Bricht.
Der Fluss war breit, dunkel, schnell, und an seinen Rändern lag Eis, das nicht trug, sondern nur zeigte, wie kalt das Wasser ist. Die Brücke war aus Stein, alt, mit niedrigen Mauern, die einmal glatt gewesen sein mussten und nun von Wetter und Zeit rau geworden waren. Unter ihnen rauschte der Bricht, als wolle er niemanden hinüberlassen und lasse es doch zu.
Dann ritten sie über die Brücke.
Nördlich vom Bricht veränderte sich das Land. Die Hügel wurden höher, die Bäume seltener. Das Gras wirkte härter, als würde es sich gegen den Winter wappnen, der ohnehin kommt. In der Ferne, weit hinter den nächsten Höhen, sahen sie die Berge. Schneebedeckt, nicht wie ein schöner Hintergrund, sondern wie eine Grenze. Der Schnee lag dort oben wie etwas, das nicht schmilzt, weil es nicht mehr Teil derselben Jahreszeiten ist.
Morgens schneite es leicht, fast jeden Morgen, feine Flocken, die sich auf die Umhänge legten und dort liegen blieben, als würden sie festhalten wollen, wo sie waren. Die Luft biss, aber Nigk spürte sie kaum. Die verzauberte Rüstung hielt Wärme zurück, wo sonst Kälte hineinkriecht. Der Fellumhang nahm den Wind, als wäre er eine Hand, die ihn wegschiebt.
„Das ist unheimlich“, sagte Nigk am ersten Abend, als sie ihr Lager machten, nicht weit von der Straße, zwischen niedrigen Büschen, die sich wie geduckt hielten.
Xian sah ins Feuer. „Das ist nützlich.“
Sie probierten die Gegenstände aus, wie Anadar es gesagt hatte. Nicht spielerisch, sondern ernst, als würden sie Waffen prüfen.
Nigk legte Dinge in den Sack. Proviant, ein Ersatzriemen, eine kleine Kupferkette, die er als Erinnerung an etwas trug, das er niemandem erzählte. Der Sack nahm alles, als wäre er leer, und als Nigk hineinfasste, spürte er nicht die Tiefe eines Sackes, sondern etwas, das sich nach innen ausdehnt.
Xian setzte die Brille auf. Ihr Blick veränderte sich nicht äußerlich, aber Nigk merkte es, als sie plötzlich in die Dunkelheit starrte, als wäre sie nicht dunkel.
„Da“, sagte Xian leise.
„Was“, fragte Nigk.
„Ein Tier“, sagte sie. „Weit weg. Es bewegt sich kaum.“
Nigk blinzelte. Er sah nichts. Xian beschrieb es ruhig, als würde sie eine Karte lesen. Dann nahm Nigk die Brille, setzte sie auf, und plötzlich lag die Nacht nicht mehr wie ein schwarzes Tuch, sondern wie ein Raum, in dem Dinge existieren. Er sah den Umriss, weit hinten, eine Bewegung, die sonst unsichtbar gewesen wäre.
Sie übten mit den Bögen. Nicht auf Wild, nicht auf Leben, sondern auf ein Stück Holz, das Nigk in den Schnee stellte. Die Pfeile flogen gerade, aber sie fühlten sich an, als hätten sie eine Entscheidung in sich. Als würden sie die Lücke suchen, wenn die Hand sie richtig führt.
Am dritten Abend waren sie nicht perfekt, aber sie waren nicht mehr fremd in der Magie. Die Dinge wurden Teil ihrer Bewegungen. Teil ihrer Routine.
Chreck erreichten sie am sechsten Tag.
Die Stadt lag wie ein letzter Stein im Weg der Ströme. Ihre Mauern waren hoch, aber nicht stolz. An manchen Stellen sah man Reparaturen, neue Steine, andersfarbig, als hätte man in Eile geflickt, was nicht brechen durfte. Vor den Toren standen Lager, nicht geordnet, aber auch nicht chaotisch, eher wie eine Antwort auf eine Frage, die man nicht gestellt hatte. Rauch stieg aus vielen kleinen Feuern, dünn, grau, und die Luft roch nach Suppe und nach nassem Stoff.
Mit dem Brief Aldemars wurden sie schneller durchgelassen, als Nigk es gewohnt war. Die Wachen sahen die Siegel, sahen die Namen, und die Türen öffneten sich nicht freundlicher, aber bereitwilliger. Ein Bote führte sie nicht zum Markt, nicht zu einem Gasthaus, sondern zu einem Gebäude nahe der inneren Mauer, in dem es nach Leder und nach Eisen roch.
Dort wartete der Stadtkommandant Stoort.
Er war groß, aber nicht elegant. Sein Körper wirkte, als sei er aus denselben Steinen gebaut wie die Mauer, vor der er stand. Ein breiter Hals, Hände, die mehr gearbeitet als geschrieben haben, und ein Gesicht, das nicht viele Ausdrücke hatte, weil es gelernt hatte, dass Ausdrücke Energie kosten. Sein Haar war kurz, sein Bart ebenso, und als er den Brief Aldemars las, zog sich eine Narbe an seinem Kinn mit, als wäre sie ein eigenes Wesen.
„Ihr seid die Leute aus Tandor“, sagte er.
Nigk nickte. „Nigk. Xian.“
Stoort musterte sie, als würde er entscheiden, ob sie wirklich existieren oder nur ein weiterer Bericht sind. „Ihr wollt nach Norden“, sagte er dann, und es war keine Frage.
„Wir sehen, was die Menschen treibt“, sagte Xian.
Stoort schnaubte, ein trockenes Geräusch. „Wenn ihr das herausfindet, schreibt es nicht auf“, sagte er.
Nigk sah ihn an. „Warum sagst du das.“
Stoort zuckte mit der Schulter. „Weil alles, was man aufschreibt, hier schneller stirbt als das, was man im Kopf behält.“
Er führte sie zu einem Tisch, auf dem ebenfalls Karten lagen, grob gezeichnet, mit Markierungen, die von Händen stammten, die eher kämpfen als zeichnen. Stoort deutete auf Linien.
„Wir sammeln Flüchtlinge“, sagte er. „So gut es geht. Wir geben ihnen Suppe, wir geben ihnen Decken, wir geben ihnen Wege. Dann schicken wir sie nach Süden. Tandor. Sontor. Dörfer, die noch tragen.“
„Und der Norden“, fragte Nigk.
Stoort sah einen Moment lang nicht auf die Karte, sondern ins Leere, als würde er dort etwas sehen, das er nicht gern benennt. „Es wird kälter“, sagte er. „Früher, als es sollte. Härter, als es sollte. Und es kommen weniger Flüchtlinge als vor einer Woche.“
„Weniger ist gut“, sagte Nigk.
Stoort schüttelte den Kopf. „Weniger heißt nicht gut“, sagte er. „Weniger heißt, dass sie nicht mehr durchkommen. Oder dass niemand mehr da ist, der kommt.“
Xian ließ das einen Moment stehen. „Ist es friedlich“, fragte sie.
Stoort nickte langsam. „Meistens“, sagte er. „Die meisten sind müde. Müde Leute kämpfen selten, wenn sie noch laufen können. Es gab Unruhe, aber nicht viel. Mehr Angst als Gewalt.“
Nigk sah zur Tür. „Wir bleiben nicht.“
Stoort nickte, als hätte er es erwartet. „Bleibt nicht“, sagte er. „Und nehmt einen Pfad, den nicht jeder kennt.“
Er gab ihnen eine grobe Richtung. Ein Jägerpfad, der von der Stadt wegführt, hinein in das Land, das schon nach Bergen riecht. Er gab ihnen noch Proviant, mehr als üblich, weil Aldemars Brief Gewicht hatte. Und er gab ihnen einen Blick, der mehr warnte als jedes Wort.
Sie ritten noch am selben Tag aus Chreck hinaus.
Der Jägerpfad war schmaler als die Straße, härter, weniger benutzt. Er führte zwischen dunklen Bäumen hindurch, die sich mit Schnee schmückten, ohne dass es schön wirkte. Es war, als hätte jemand die Welt leiser gedreht. Bald begegneten sie keinen Menschen mehr. Bald sahen sie kaum Tiere. Einmal ein Fuchs, der ihnen aus der Ferne nachsah und dann verschwand, als wäre er nie da gewesen. Einmal ein Vogel, der nicht sang, sondern nur aufflog, als sie zu nah kamen.
Sie stiegen höher. Der Schnee blieb liegen. Der Boden wurde weiß, nicht nur am Morgen, sondern auch am Mittag. Der Wind wurde dünner, schärfer. Die Packpferde schnauften, ihre Flanken dampften, aber sie gingen. Nigk spürte die Kälte nicht, wie er sie spüren sollte, und genau das machte ihn wachsam. Wärme ohne Ursache ist so verdächtig wie Stille ohne Grund.
Am Tag des Grondpasses begann es bereits am Vormittag zu schneien. Keine Flocken mehr, sondern ein echtes Fallen, dichter, schwerer, als würde der Himmel beschließen, dass jetzt genug Sicht war. Der Pfad wurde enger, der Anstieg steiler. Links und rechts ragten Steinflanken auf, dunkel unter der weißen Schicht, und manchmal sahen sie alte Markierungen, Steine, aufgerichtet, als hätten Menschen hier einst Regeln gesetzt, wann man geht und wann man umkehrt.
Sie gingen nicht um.
Der Pass selbst lag wie eine Kerbe zwischen zwei Welten. Oben war der Wind stärker, er drückte gegen Gesicht und Brust, er nahm Geräusche mit, als würden sie ihm gehören. Xian zog die Brille auf, und ihre Augen wurden zu Werkzeugen. Nigk hielt die Packpferde enger, sprach leise zu ihnen, nicht weil Tiere Worte verstehen, sondern weil Stimme Bewegung beruhigt.
Im Schneefall überquerten sie den Grondpass bei Tag.
Als sie auf der anderen Seite den ersten Abstieg begannen, öffnete sich vor ihnen die nördliche Ebene.
Weit, flach, weißgrau, und doch nicht leer. Am Horizont lag eine Linie, die nicht aus Bergen bestand, sondern aus etwas Dunklerem, das nicht zu erklären war, solange man noch zu weit weg ist. Der Schnee fiel weiter, als würde er sich bemühen, alles gleich zu machen.
Nigk hielt an, nur einen Moment, und atmete aus.
„Da unten“, sagte er leise.
Xian nickte. „Da unten“, wiederholte sie.
Und sie ritten weiter hinab, hinein in die Ebene, in der es keine Menschen mehr gab, die einem entgegenkommen und nichts sagen können.
18
Als Anadar die Tür zum unteren Gang der Erdschule öffnete, hatte er kurz das Gefühl, er öffne keine Tür, sondern eine Schleuse.
Dahinter wartete kein geordneter Empfang, keine Reihe, kein stilles Nicken. Dahinter wartete ein Haufen. Ein sehr junger, sehr lebendiger, sehr unorganisierter Haufen, der in mindestens vier Gespräche gleichzeitig zerfiel, ohne dass jemand den Eindruck machte, das sei ungewöhnlich.
„Er ist es.“„Nein, das ist nicht er, er ist größer.“„Doch, ich kenne ihn, das ist er, ich habe sein Denken schon gehört, bevor er die Tür geöffnet hat.“„Du hast sein Denken nicht gehört, du hast sein Zögern gehört, das ist etwas anderes.“„Shara ist dabei.“„Natürlich ist Shara dabei, das ist doch das Spannende.“
Anadar blieb einen Moment stehen und ließ den Lärm durch sich hindurchlaufen, ohne ihn zu stoppen, er hörte nur fetzten und war sich nicht sicher ob die Worte leise gesprochen oder laut gedacht wurden. Es war nicht unangenehm. Es war nur sehr viel.
Shara trat neben ihn, verschränkte die Arme und sah in den Raum, mit Missbilligung des Chaos vor ihr.
Slonda stand hinter ihnen, mit diesem müden Ausdruck, den man bekommt, wenn man sich seit Tagen an einem Gedanken festhält, der weg will, und jetzt, in diesem Moment, gezwungen ist, noch etwas anderes zu halten. Er sah die jungen Frauen an, und in seinem Blick lag eine Mischung aus Amüsement und einem ganz leisen Schrecken.
„Die sind wirklich alle da“, sagte Shara.
„Ja“, sagte Anadar. „Und sie sind hell wach.“
In der Mitte des Raums stand Miene. Sie war nicht alt, aber älter als die anderen, und in ihrer Haltung lag etwas, das man nicht übt, sondern erwirbt. Sie hatte diesen ruhigen Blick, den man bei Leuten sieht, die schon mehr als eine Schule durchlaufen haben und gelernt haben, dass Wissen eine Form von Gewicht ist.
Miene trat vor, ohne Eile, ohne Unsicherheit, und verneigte sich nicht, weil sie wusste, dass Anadar das nicht brauchte.
„Meister Anadar“, sagte sie. Dann sah sie zu Slonda. „Meister Slonda.“ Sie knickst vor ihm „Ihr seht müde aus“
Slonda atmete aus, als hätte sie ihn gerade bei etwas ertappt. „Ich schlafe“, sagte er. „Nur selten gleichzeitig mit der Nacht.“
Miene lächelte kurz. „Das ist kein Schlaf.“
Anadar hörte das leise Kichern der anderen, und er spürte gleichzeitig, wie sich ihre Aufmerksamkeit wie ein Schwarm um ihn legte. Nicht feindlich. Nur neugierig. Neugier war in Zoordak nie eine harmlose Eigenschaft. Sie war eine Technik.
„Miene“, sagte Anadar. „Gut, dass du es bist.“
„Wer sonst“, murmelte eine Stimme von hinten, und sofort kam eine zweite. „Siendra, sei still.“
Siendra war leicht zu erkennen. Nicht, weil sie anders aussah, sondern weil sie anders Raum nahm. Sie stand nicht still, sie stand in Möglichkeiten. Ihre Augen flackerten von Person zu Person, als wolle sie alles gleichzeitig aufnehmen.
Neben ihr standen Osonde und Asina, die Zwillinge. Sie waren nicht wirklich identisch, aber sie bewegten sich in einem ähnlichen Rhythmus, als hätten sie sich über Jahre hinweg abgestimmt, ohne es zu merken. Wenn die eine den Kopf neigte, tat die andere es einen Atemzug später. Wenn die eine lächelte, wusste die andere schon, warum.
Trinde und Trina standen etwas abseits, und Anadar hätte fast gelächelt. Nicht wegen ihrer Namen, sondern weil sie die Art von Paar waren, die sich gegenseitig stützen, ohne dass es auffällt. Sie wirkten stiller als die anderen, aber in ihrer Stille lag kein Rückzug, sondern Beobachtung.
Winda saß auf einer Kiste und tat so, als säße sie dort zufällig. Ihr Blick war hell, wach, und wenn Anadar sie richtig kannte, war sie diejenige, die nachts nicht schläft, weil sie nicht schlafen will.
Volirida und Kloinonda standen nebeneinander und wirkten bereits jetzt, als würden sie in ihren Köpfen Listen führen. Ihre Bewegungen waren ruhig, fast zu ruhig, wie Wasser, das sich entschieden hat, nicht zu zeigen, wie tief es ist.
Und Xo stand ganz hinten, fast unsichtbar, nicht weil sie sich versteckte, sondern weil sie es kannte, unbemerkt zu sein. Ihr Blick war nicht scheu. Er war nur konzentriert, als würde sie in jedem Moment entscheiden, ob etwas eine Information ist oder ein Irrtum.
„Meisterin Shara“, sagte Miene, und ihr Ton war respektvoll, fast formell. „Es ist gut, euch zu sehen.“
„Ist es“, sagte Shara, und man hörte, dass sie nicht wusste, ob sie das ernst meint.
„Wir sollen mit euch reisen“, sagte Siendra sofort.
„Wir sollen euch begleiten“, verbesserte Miene.
„Wir sollen euch beschützen“, sagte Winda.
„Wir sollen euch beobachten“, sagte Xo leise.
Alle sahen zu Xo.
Xo zuckte mit den Schultern. „Es ist das gleiche, wenn man es richtig macht.“
Anadar hob die Hand. Der Raum wurde nicht still, aber leiser, als hätte jemand die Luft gedämpft.
„Zuerst“, sagte er, „möchte ich wissen, wie ihr hierher gekommen seid.“
„Mit Kutschen“, sagte Trina.
„Zwei“, sagte Trinde.
„Drei“, sagte Osonde.
„Zwei“, sagte Asina sofort.
Osonde verzog den Mund. „Es waren drei. Die Mutter hat eine wieder mitgenommen.“
„Warum“, fragte Shara.
Siendra lächelte. „Weil sie das kann.“
„Das ist keine Antwort“, sagte Shara.
„Doch“, sagte Siendra, „nur keine, die du magst.“
Miene hob die Hand, ruhig, wie jemand, der gelernt hat, dass man in Gruppen manchmal nicht überzeugen kann, sondern nur sammeln. „Wir sind in drei Kutschen losgefahren“, sagte sie. „Zwei für uns und eine für Dinge. Die Mutter hat die dritte wieder mitgenommen, kurz bevor sie euch erreichte. Sie sagte, sie brauche sie noch.“
„Wofür“, fragte Anadar, obwohl er bereits wusste, dass die Antwort nicht hilfreich sein würde.
Miene lächelte. „Sie hat nicht erklärt, wofür.“
Slonda gab ein trockenes Geräusch von sich. „Sie erklärt selten, wofür. Ihre Gedanken sind unergründlich.“ Er lachte nun herzlich.
Anadar sah ihn leicht giftig an. „Wie hat sie das getimet.“
Slonda zuckte mit den Schultern, und für einen Moment war er wieder der Slonda, der sich über die Welt aufregt, weil sie nicht logisch genug ist. „Sie beobachtet dich“, sagte er. „So einfach ist das.“
Anadar hielt den Blick. „Und der Rest.“
Slonda lächelte müde. „Der Rest ist vielleicht Zufall. Oder vielleicht nicht. Wer weiß.“
Shara sagte leise: „Ich hasse Leute, die so leben können.“
Miene hörte es natürlich.
„Man muss es nicht mögen“, sagte sie. „Man muss nur lernen, damit zu arbeiten.“
Der Haufen begann wieder zu reden, durcheinander, als hätten sie nur kurz Luft geholt.
„Reiten wir“, fragte Trinde.
„Wir können reiten“, sagte Trina.
„Wir können sitzen“, sagte Volirida.
„Wir können auch laufen“, sagte Winda. „Laufen ist gut für die Disziplin.“
„Du läufst“, sagte Siendra. „Ich reite.“
Shara schloss kurz die Augen. „Hört ihr euch eigentlich selbst.“
Mehrere Stimmen antworteten gleichzeitig. „Ja.“
Anadar ließ sich nicht provozieren. Er sagte nur: „Wir reisen geordnet. Wir reisen leise. Und“, kurze Pause und er sagte das folgende sehr langsam, dabei blickte er jeder Schülerin in die Augen: „ihr werdet nicht in die Köpfe anderer stolpern, nur weil ihr es könnt.“
Zehn Gesichter sahen ihn an, und in einigen lag echte Überraschung, als hätte er gerade eine exotische Regel genannt.
„Nicht einmal“, sagte er, „wenn es lustig wäre.“
Winda hob die Hand. „Was ist, wenn es notwendig ist.“
Anadar sah sie an. „Dann werdet ihr es merken, weil ich es sage.“
Siendra lächelte, und in diesem Lächeln lag so viel Unschuld, dass es sicher falsch war. „Und wenn du es nicht merkst.“
Anadar lächelte zurück. Nicht warm. Nur klar. „Dann werden wir Probleme haben, Siendra. Aber nicht die, die du dir wünschst.“
Das brachte tatsächlich Stille, kurz genug, dass man sie hören konnte.
Dann wurde es hektisch.
Die Kutschen standen vor der Erdschule wie Tiere, die nicht wissen, warum sie hier sind. Die Pferde davor stampften ungeduldig, als hätten sie bereits genug von Menschen. Die Schülerinnen erklärten, sie könnten sich selbst darum kümmern, und das war sogar richtig, nur eben auf die Art richtig, die in der Praxis trotzdem schwierig ist.
Eine zog gleichzeitig an zwei Zügeln. Eine andere versuchte, einen Gurt zu lösen, der nicht gelöst werden sollte. Zwei diskutierten darüber, ob man Packpferde psychologisch überzeugen kann, ohne sie zu berühren. Xo stand daneben und sagte nichts, bis ein Rad gefährlich über einen Stein rutschte, dann hob sie nur zwei Finger, und plötzlich schob sich der Gedanke „langsam“ in drei Köpfe gleichzeitig, und die Bewegung wurde ruhiger.
Shara sah das, als hätte man ihr gerade gezeigt, wie man einen Menschen von innen aus bremst.
„Das macht ihr nicht mit mir“, sagte sie sofort.
Mehrere Köpfe drehten sich zu ihr. Zehn Augenpaare. Zehn Arten von Neugier.
„Wir würden nie“, sagte Trina.
„Wir wollen nur lernen“, sagte Trinde.
„Wir wollen nur sehen, wie du denkst“, sagte Winda.
„Nein“, sagte Shara.
„Das war sehr eindeutig“, murmelte Volirida anerkennend.
Anadar half schließlich, ohne es zu kommentieren. Er hob eine Tasche, die schwerer war als sie sein sollte, und fragte nicht, warum sie so schwer war. Er half, die Kutschen zu ordnen, weil Ordnung manchmal schneller ist als Diskussion.
Als alles halbwegs stand, kam der Moment des Abschieds.
Slonda trat zu Anadar, und der Abschied zwischen ihnen war kurz, weil sie sich nicht erklären mussten. Eine Umarmung, fest, ohne Worte, ein kurzer Druck am Rücken, der mehr sagte als jeder Satz.
„Komm heil zurück“, sagte Slonda.
„Du auch“, sagte Anadar.
Slonda schnaubte. „Ich bleibe in einer Bibliothek. Ich bin so sicher, wie man sein kann.“
Anadar sah ihn an. „Das ist genau der Satz, der dich am Ende in Schwierigkeiten bringt.“
Slonda lächelte, und für einen Moment war da wieder etwas Leichtes. „Dann werde ich dich später dafür hassen.“
Der Abschied zwischen Shara und Slonda war länger. Sie umarmten sich nicht wie Leute, die sich kennen, sondern wie Leute, die etwas gemeinsam durchgestanden haben, das man nicht jedem erzählt. Shara hielt ihn einen Moment zu fest, als würde sie ihn am Gehen hindern wollen, obwohl sie selbst gehen musste.
„Pass auf dich auf“, sagte Slonda leise.
Shara löste sich langsam. „Du auch“, sagte sie. „Und schreib nichts auf.“
Slonda nickte, und diesmal war es nicht amüsiert. „Ich habe verstanden.“
Dann ging es los.
Die Straße nach Süden war voller Menschen. Nicht so dicht wie am Großen Markt, aber voll genug, dass man ständig ausweichen musste. Karren, Bündel, Kinder, die nicht weinten, weil sie dafür keine Energie mehr hatten. Die Kutschen kamen langsamer voran als Pferde, weil die Straße nicht für Flucht gebaut war, sondern für Handel.
Die Gasthäuser waren überfüllt. Nicht nur, weil Reisende da waren, sondern weil die Welt sich verschoben hatte, und jeder, der sonst ein Bett hatte, es jetzt mit jemandem teilen musste, der keins mehr hatte. Anadar fragte zweimal nach Zimmern, beim dritten Mal hörte er auf zu fragen.
Sie schlugen ihr Lager am Straßenrand auf.
Es war nicht romantisch. Es war kalt, es war unbequem, und es war voller Geräusche, die nicht nach Natur klangen, sondern nach Menschen, die versuchen, nicht zu zerbrechen. Anadar machte Feuer. Shara sorgte dafür, dass niemand zu nah an die Kutschen kam. Die Schülerinnen saßen im Halbkreis und redeten, bis Anadar sie ansah.
„Wache“, sagte er.
„Wir können alle gleichzeitig wachen“, sagte Siendra sofort.
„Nein“, sagte Anadar. „Eine von euch. Mit mir. Und dann eine mit Shara.“
Shara sah ihn an. „Ich brauche keine Begleitung.“
Anadar sagte ruhig: „Doch. Du brauchst eine, die du dir selbst aussuchst.“
Das brachte ihm einen Blick ein, der scharf war und gleichzeitig ein wenig dankbar, was sie sofort wieder versteckte.
In der ersten Nacht wachte Anadar mit Miene. Miene sprach nicht viel. Sie saß da, die Knie angezogen, die Hände um eine Tasse, die nie ganz warm wurde, und sah ins Dunkel, als würde sie dort Informationen lesen.
„Du bist angespannt“, sagte sie irgendwann.
„Ja“, sagte Anadar.
„Wegen der Konklave“, fragte sie.
„Auch“, sagte Anadar.
Miene nickte. „Und wegen uns.“
Anadar schwieg.
Miene lächelte. „Wir sind jung“, sagte sie. „Wir sind neugierig. Wir sind nervig. Und wir sind sehr gut darin, so zu tun, als wären wir harmlos.“
„Ihr seid nicht harmlos“, sagte Anadar.
„Nein“, sagte Miene. „Aber wir sind lernbar.“
In der zweiten Nacht wachte Shara mit Siendra, und das war von Anfang an ein Fehler.
Siendra saß zu nah am Feuer, die Beine ausgestreckt, und ihre Augen waren zu wach, als würde sie den Schlaf verachten.
„Du bist wirklich so“, sagte Siendra nach einer Weile.
Shara sah sie an. „Wie.“
Siendra machte eine kleine Bewegung mit der Hand, als würde sie Shara aus der Luft abzeichnen. „So. Kante. Schutz. Und darunter etwas, das du niemandem gibst, weil du Angst hast, dass es dann weg ist.“
Shara blieb still. Ihr Blick wurde härter.
Siendra lächelte. „Du brauchst keine Worte“, sagte sie. „Ich höre sie trotzdem.“
„Hör auf“, sagte Shara.
Siendra hielt inne, und für einen Moment war sie wirklich still, als hätte Shara eine Grenze gesetzt, die selbst Geist respektieren muss. Dann sagte sie leiser: „Wir wollen dich nicht verletzen.“
„Ihr wollt mich kopieren“, sagte Shara.
„Ja“, sagte Siendra.
Shara starrte sie an.
Siendra zuckte mit den Schultern. „Das ist ein Kompliment.“
„Nein“, sagte Shara. „Das ist lästig.“
Siendra grinste. „Das kann beides sein.“
Am dritten Tag wurde das Wetter schlechter. Nicht nur Regen. Sturm. Ein Wind, der die Straße in einen schlammigen Fluss verwandelte, und ein Himmel, der so tief hing, dass man das Gefühl hatte, er wolle die Menschen wieder hineinpressen.
Sie erreichten den Großen Markt gerade rechtzeitig, um nicht im offenen Feld zu bleiben.
Zwei Tage blieben sie dort, weil es sonst nicht ging. Das war nicht Anadars Wunsch. Es war Notwendigkeit.
Der Große Markt war anders als beim letzten Mal. Weniger Handel, mehr Improvisation. Die Flüchtlinge waren auch hier, nicht als Masse, sondern als Hintergrund, der alles veränderte. Händler verkauften Decken, nicht Schmuck. Brot, nicht Geschichten. Und überall diese Blicke, die nicht wissen, ob sie morgen noch hier sind.
Anadar sagte den Schülerinnen, sie sollen in der Nähe bleiben.
Die Schülerinnen nickten.
Dann gingen sie einkaufen.
Sie gingen nicht zu zweit. Sie gingen zu zehnt. Wie ein Schwarm, der beschlossen hat, jetzt ein Ziel zu haben. Shara sah ihnen nach und fühlte ein unangenehmes Ziehen zwischen Schläfen und Nacken, als würde ihr eigenes Denken plötzlich in mehreren Köpfen gleichzeitig herumgetragen.
„Ich will das nicht“, sagte sie.
Anadar saß auf einer Kiste, zog die Kapuze tiefer und sah aus, als würde er innerlich lachen, aber äußerlich zu diszipliniert sein, es zu zeigen. „Das ist jetzt passiert“, sagte er.
„Du bist unerträglich“, murmelte Shara.
„Ich bin realistisch“, sagte Anadar.
Als die Schülerinnen zurückkamen, kamen sie nicht leer zurück. Sie kamen bewaffnet zurück, zumindest nach ihrer eigenen Definition.
Sie hatten Lederrüstungen gekauft. Nicht alle gleich, aber alle auffällig ähnlich, in Schnitt, in Haltung, in dieser Art von praktischer Strenge, die Shara sonst unbewusst trug. Sie hatten Gürtel, Taschen, Messer, Handschuhe. Sie hatten sogar Haarbänder, die ihre Haare so zusammenhielten, wie Shara es trug, wenn sie nicht nachdenken will, ob sie schön ist.
Shara starrte sie an, als hätte man ihr den Spiegel ihres schlimmsten Tages vor die Füße gestellt.
„Nein“, sagte sie.
„Doch“, sagte Winda glücklich.
„Ihr seht lächerlich aus“, sagte Shara.
Trina zog die Schultern hoch, als würde sie testen, wie sich das Leder bewegt. „Es ist sehr funktional.“
„Das ist nicht der Punkt“, sagte Shara.
Siendra trat vor Shara, nahm exakt denselben Stand ein, denselben Blick, denselben Druck im Kiefer. Für einen Moment war es so gut kopiert, dass Shara einen Schritt zurückwich, als hätte sie sich selbst zu nah gesehen.
Anadar lachte. Nicht laut. Aber eindeutig.
„Hör auf“, sagte Shara zu ihm.
„Ich kann nicht“, sagte Anadar. „Das ist zu gut.“
„Das ist nicht gut“, sagte Shara. „Das ist krank.“
Miene trat dazwischen, ruhig wie immer. „Sie wollen dich nicht verspotten“, sagte sie. „Sie wollen lernen. Du bist für sie ein Beweis, dass man Geist haben kann, ohne weich zu werden.“
Shara sah sie an. „Und dafür müssen sie aussehen wie ich.“
Miene lächelte. „Für sie schon.“
Dann kam das nächste.
Fast alle hatten plötzlich ein Pferd.
Nicht edle Tiere, nicht perfekt, aber Pferde. Wie sie das geschafft hatten, in einem Markt, der kaum noch normale Preise kannte, war Anadar ein Rätsel. Bis Volirida sagte: „Wir haben verhandelt.“
Kloinonda ergänzte: „Sehr intensiv.“
Xo sagte leise: „Und wir haben geschummelt.“
„Reiten könnt ihr“, fragte Shara, und man hörte, dass sie bereits die Antwort hasst.
„Eher mäßig“, sagte Trinde ehrlich.
„Aber wir lernen schnell“, sagte Trina.
Winda saß bereits im Sattel und hielt sich fest, als wäre sie gerade dabei, die Idee von Reiten zu erfinden.
Anadar betrachtete den Haufen, diese zehn jungen Frauen, die gleichzeitig eine Gefahr und eine Chance waren, und dachte, dass die Mutter entweder unglaublich präzise geplant hat oder unglaublich gut improvisiert.
„Wie hat sie das gewusst“, murmelte er.
Slondas Satz aus Tandor kam ihm wieder in den Kopf. Sie beobachtet dich.
Vielleicht war es so einfach.
Sie verkauften die Kutschen am Großen Markt, nach kurzem Hin und Her, das länger dauerte, als Anadar geduldig fand. Die Schülerinnen fanden es spannend, Händler zu überlisten. Shara fand es anstrengend, dabei zu stehen und zuzusehen, wie zehn Geister gleichzeitig an einem Preis ziehen.
Am Ende war der Preis nicht schlecht. Und die Kutschen waren weg.
Plötzlich wurden sie schneller.
Mit Pferden war die Reise weniger Kampf gegen Schlamm und mehr Bewegung. Das Wetter wurde besser, nicht sofort, aber langsam, als würden sie aus einer Zone herausreiten, in der der Himmel schwerer ist. Die Landschaft änderte sich. Mehr Grün. Weniger graue Kälte. Der Boden wurde wieder verlässlich.
Und die Schülerinnen, so unerquicklich sie in Tandor und am Großen Markt gewesen waren, passten sich rasch an. Sie wurden stiller, wenn es nötig war. Sie hörten auf, gleichzeitig zu sprechen, zumindest meistens. Sie lernten, dass Witze nachts anders klingen als am Feuer in einem sicheren Raum.
Shara merkte es zuerst, und es irritierte sie fast noch mehr, als ihre Albernheit. Reife in so kurzer Zeit war entweder Talent oder Angst.
In den Nächten wachte Anadar manchmal mit Xo. Xo sprach wenig, aber wenn sie sprach, traf es genau.
„Du hast Angst, dass wir dich aufhalten“, sagte sie einmal.
Anadar sah ins Dunkel. „Ich habe Angst, dass ihr euch selbst überschätzt.“
Xo nickte. „Das tun wir. Aber wir tun es nicht aus Dummheit. Wir tun es, weil wir sonst nie lernen würden, wo die Grenze ist.“
„Und wenn die Grenze euch tötet“, fragte Anadar.
Xo sah ihn an. „Dann war es nicht die Grenze. Dann war es die Welt.“
Anadar sagte nichts dazu. Er merkte nur, dass diese zehn nicht nur Streber waren. Sie waren, auf ihre Weise, auch Mut.
Sie kamen schneller voran, als Anadar es gehofft hatte. Die Tage liefen. Die Abstände wurden kürzer. Die Straßen bekannter. Irgendwann roch die Luft wieder nach dem Süden. Nach Holz, das anders brennt. Nach Menschen, die nicht nur fliehen, sondern ankommen wollen.
Als die Feurige Feste endlich am Horizont auftauchte, war es drei Tage vor der Konklave.
Anadar wusste es, bevor er es zählte. Nicht wegen der Zeit, sondern wegen der Spannung. Die Luft um die Feste war anders. Dicker. Erwartungsvoller. Voll von Stimmen, die nicht sprechen, sondern planen.
Sie ritten durch das Tor, und sofort spürte Shara, wie Blicke an ihnen hängen blieben. Nicht nur an Anadar, nicht nur an ihr. An den zehn jungen Frauen, die hinter ihnen ritten, in Leder, in neuem Ernst, mit zu vielen Augen in zu vielen Richtungen.
„Wer sind die“, hörte Shara jemanden murmeln.
„Zoordak“, murmelte eine andere Stimme, und es klang, als würde sie nicht glauben, dass sie das Wort gerade gesagt hat.
Die Schülerinnen richteten sich im Sattel auf, als hätten sie geübt, wie man ankommt.
Anadar sah das Treiben, die ankommenden Delegationen, die geschäftigen Helfer, die Boten, die zu schnell laufen, und er merkte, dass sie es geschafft hatten und alle überlebt.
Sie waren rechtzeitig da.
Und als er neben Shara ritt, lehnte er sich ein wenig zu ihr, gerade so, dass es niemand sonst hören musste.
„Drei Tage“, sagte er leise. „Wir haben drei Tage, bevor alles laut wird.“
Shara nickte, und in ihrem Gesicht lag dieses angespannte, alte Wissen, das sie nur hat, wenn sie sich nicht wohlfühlt und trotzdem bleibt.
Hinter ihnen lachte eine der Schülerinnen leise, nicht frech, eher vor Aufregung.
Die Feurige Feste nahm sie auf, und der Trubel um die Ankömmlinge war nicht freundlich und nicht feindlich.
Er war einfach da.
Wie ein Zeichen, dass die Welt sich gleich wieder bewegen wird.
19
Die Feurige Feste hatte drei Tage Zeit, aus einer Ankunft wieder Alltag zu machen, und sie hatte keine Lust dazu. Alles, was neu war, blieb sichtbar. Alles, was ungewöhnlich war, blieb hörbar. Und zehn Schülerinnen aus Zoordak, jung, neugierig und mit einem Blick, der zu oft an einem Menschen hängen blieb, waren nicht das, was man in der Feste als leise Veränderung bezeichnet.
Schon am ersten Abend saßen Anadar und Shara im großen Kaminraum des Lehrturms, vor dem Feuer, das hier anders brannte als in Tandor. Heller, trockener, als würde es weniger nachdenken. Rotar, der Dekan, hatte sich nicht gesetzt, weil er sich nicht setzen musste, um präsent zu sein. Er stand am Rand der Gruppe, die Hände hinter dem Rücken, und sah aus, als hätte er die Fähigkeit, gleichzeitig zuzuhören und schon den nächsten Tag zu planen.
„Erzählt“, sagte Rotar, und es klang wie ein Befehl, der höflich verpackt war.
Anadar erzählte. Er erzählte von Tandor, von den Flüchtlingen, von der Bewegung auf der Straße, von der Unschärfe der Berichte, von der Kälte, die früh kam. Er erzählte ruhig, ohne sich selbst zu wichtig zu machen, und ohne die Stellen zu berühren, die nicht in diese Runde gehörten.
Shara ergänzte, wenn es nötig war, kurz, präzise, mit einer Ungeduld, die nicht gegen die Menschen gerichtet war, sondern gegen die Welt, die ihr Informationen nur in Bruchstücken gab.
Im Raum saßen weitere Meister, nicht nur Zuhörer, sondern Richter und Verstärker. Manador war da, ruhig wie ein Stein, der gelernt hat, dass auch Feuer warten kann. Loon sagte kaum etwas, aber seine Augen registrierten jedes Wort wie ein Protokoll, das er nicht aufschreiben musste. Vaslat wirkte müde, als hätte er die Nachrichten schon geahnt, bevor sie ausgesprochen wurden. Intra stellte gelegentlich eine Frage, die so einfach klang, dass man erst später merkte, wie tief sie ging. Koscht lachte selten, und wenn er lachte, klang es wie ein Messer, das man testet.
Und dann war Fantor da.
Fantor war laut, noch bevor er sprach. Er füllte den Raum mit Bewegungen, mit kleinen Gesten, mit dem Bedürfnis, gesehen zu werden, mit dem Weinglas in der Hand. Er hatte diese Art von Sicherheit, die nicht aus Können kommt, sondern aus dem unerschütterlichen Glauben, dass die eigene Meinung ein Geschenk ist.
„Das mit der Kälte ist übertrieben“, sagte Fantor irgendwann, als Anadar gerade von einem Dorf berichtete, in dem die Brunnen schon zugefroren waren. „Kälte ist Kälte. Die Leute übertreiben, weil sie Angst haben. Und Angst ist ansteckend.“
Shara sah ihn an, als würde sie abwägen, ob sie ihn in den Kamin werfen darf, ohne dass es auffällt.
Saltor fragte nur: „Ihr wart doch auch dort als es begann.“
Fantor lächelte, als hätte er die Frage erwartet und sich auf sie gefreut. „Ich konnte kein Muster erkennen.“
„Eventuell habt ihr nicht hingeschaut“, sagte Shara.
Fantor tat so, als wäre das ein Scherz, und lachte zu laut.
Rotar sagte nichts. Er ließ Fantor reden, das allein war bereits eine Form von Disziplin.
Die Abende wiederholten sich. Geschichten, Fragen, kurze Schweigen, wenn man merkte, dass niemand mehr Genaues wusste. Politik kroch unter jedes Gespräch, auch wenn niemand sie beim Namen nannte. Wer hilft wem. Wer schickt Vorräte. Wer lässt Grenzen schließen. Wer tut so, als sei es nur ein Winter.
Und immer wieder diese eine Erkenntnis, die wie ein Stein im Raum lag, egal wie man ihn drehte: Die Nachrichten aus dem Norden waren nicht gut, aber sie waren auch nicht klar.
In diesen Gesprächen erwähnte Anadar weder Nigk noch Xian. Er erwähnte keine Reise nach Norden, keine geheimen Wege, keine zusätzliche Ausrüstung. Er ließ das Thema nicht einmal in die Nähe der Sprache kommen. Er hatte ein komisches Gefühl, seit Tandor, seit dem Verlies, seit dem Wissen, das verschwunden war. Ein Gefühl, dass manche Dinge besser überleben, wenn sie nur in wenigen Köpfen existieren.
Als sie nach dem zweiten Abend allein in einem Gang standen, dort wo die Fackeln niedriger brannten und die Stimmen nicht mehr nachhallten, sagte er zu Shara: „Sag nichts darüber. Zu niemandem.“
Shara sah ihn an. „Ich habe es nicht vor.“
„Nicht einmal als Nebensatz“, sagte Anadar.
„Ich habe verstanden“, sagte Shara. Dann zog sie eine Augenbraue hoch. „Und ich finde es irritierend, dass du plötzlich vorsichtig bist.“
Anadar sah kurz weg. „Ich nenne es nicht vorsichtig. Ich nenne es notwendig.“
Während die Meister redeten, wurde in Sharas Turm etwas anderes organisiert. Etwas Praktischeres, Lauteres, Unfaireres.
Die zehn Schülerinnen waren untergebracht worden, nicht irgendwo, sondern dort, wo Shara sie sehen konnte, wenn sie wollte, und hören konnte, wenn sie nicht wollte. Morgut hatte die Ausbildung mitübernommen, oder zumindest den Teil, den man nicht in Büchern lernt. Er hatte diesen Blick, der jede Diskussion sofort in eine Entscheidung verwandelt und er war mit der Schule des Geistes vertraut, er konnte sich abschirmen.
„Zuerst Körper“, sagte Morgut am Morgen nach der Ankunft.
Empörung war ein zu kleines Wort. Es war ein Chor aus Protest, aus argumentierter Unlust, aus hochintelligenter Verweigerung.
„Das ist ineffizient“, sagte Volirida.
„Das ist barbarisch“, sagte Siendra.
„Das ist Erde“, sagte Winda, als wäre das eine Beleidigung.
Morgut sagte: „Das ist notwendig.“
Die ersten Übungen waren ein Desaster. Nicht weil die Schülerinnen schwach waren, sondern weil sie es nicht gewohnt waren, dass der Körper widerspricht. Sie waren gewohnt, dass Geist gewinnt. Dass Denken alles löst. Morgut ließ sie laufen, tragen, halten, wiederholen, bis die Empörung keine Luft mehr hatte.
Shara beobachtete das aus einer Ecke, zuerst mit unbeteiligtem Gesicht, dann mit einem Ausdruck, der verriet, dass sie es innerlich sehr genoss. Sie sagte nichts, weil sie wusste, dass jedes Wort sie zur Gegnerin machen würde.
Der Umschwung kam, als sie Shara ohne Rüstung sahen.
Es war kein dramatischer Moment. Shara kam einfach aus einem Nebenzimmer, die Haare noch nicht gebunden, ein schlichtes Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, und ihr Körper war nicht der Körper einer Frau, die sich schützt, indem sie hart wirkt. Er war der Körper einer Frau, die überlebt, weil sie stark ist. Nicht groß, nicht protzig, aber eindeutig.
Zehn Blicke klebten an ihr.
„Oh“, sagte Trina leise.
„Oh“, wiederholte Trinde, als hätte sie gerade eine neue Wahrheit gelernt.
Winda saß plötzlich aufrecht. „Das hat Vorteile.“
„Ja“, sagte Morgut trocken. „Das hat Vorteile.“
Ab da trainierten die Schülerinnen anders. Nicht begeistert, aber zielgerichtet. Sie wurden nicht sofort erwachsen, aber sie wurden ernsthafter. Und sie begannen, Shara nicht nur zu kopieren, sondern zu beobachten. Das war schlimmer, weil es subtiler war.
Es dauerte keine Stunde, bis Anadar merkte, dass er ein neues Problem hatte. Nicht die Schülerinnen. Seine eigenen Schüler.
Er hatte versucht, sie fernzuhalten. Nicht um die jungen Frauen zu schützen. Sondern seine Schüler.
Es schlug fehl.
Die Schülerinnen waren in Gedanken schneller als in Füßen, und sie fanden heraus, wie man einen jungen Feuerstudenten dazu bringt, sich zu überschätzen, nur indem man ihm das Gefühl gibt, er sei verstanden. Es war kein Kampf, es war ein Spiel, und seine Schüler verloren innerhalb kürzester Zeit.
Anadar sah einen seiner Schüler später im Hof stehen, den Blick leicht glasig, das Gesicht zufrieden, als hätte er gerade die Liebe seines Lebens getroffen und wusste nicht warum.
„Was ist mit dir passiert“, fragte Anadar.
Der Schüler lächelte. „Ich habe gelernt, Meister.“
„Du hast verloren“, sagte Anadar.
„Das auch“, sagte der Schüler glücklich.
Anadar beschloss, mit den Schülerinnen zu reden. Nicht als Strafe. Als Schutzmaßnahme. Für alle, die nicht gelernt hatten, dass Geist keine Höflichkeit kennt.
Und dann fiel ihm etwas auf, das ihn auf eine Art belustigte, die Shara sofort spürte.
Er sah Shara zwischen den zehn. Er sah ihre Haltung, ihre Bewegungen, ihre Blicke. Und er merkte, dass Shara in einem ähnlichen Alter sein musste wie diese Gruppe, vielleicht nur wenige Jahre entfernt. Das war nicht neu, aber es war plötzlich sichtbar, weil die anderen wie Spiegel um sie herum standen.
Die drei Tage vergingen schnell, wie Tage vergehen, wenn alles auf einen Punkt zuläuft. Es wurde geredet, trainiert, geplant. Es kamen Delegationen. Es kamen Gerüchte. Es kamen Karten. Es kamen Boten, die zu schnell liefen und zu wenig wussten.
Und Fantor wurde nicht leiser. Er kommentierte alles. Er stellte sich neben jede Diskussion, als wäre er ihr Besitzer. Er wusste immer ein bisschen mehr als die anderen, zumindest in seiner eigenen Erzählung, und genau das machte ihn zweifelhaft. Er war oberflächlich, aber nicht dumm. Er war gefährlich auf die Art, wie Leute gefährlich sind, die sich selbst glauben.
Am Morgen der Konklave war die Feste stiller. Nicht ruhig. Nur anders. Wie ein Raum, in dem man die Stühle zurechtrückt, bevor man urteilt.
Kurz vor Beginn traf man sich im unteren Ratsaal. Ein Raum aus Stein, ohne Schmuck, mit Bänken an den Wänden und einer Tür, die nicht groß war, aber schwer. Eine Tür, die nicht für Komfort gebaut war, sondern für Bedeutung.
Rotar war da, Mantel, Haltung, Blick. Manador stand neben ihm, still, als hätte er die Hitze in sich eingeschlossen, um sie später zu benutzen. Weitere Meister warteten, in kleinen Gruppen, in kurzen Gesprächen, die abbrachen, sobald jemand den Kopf hob. Shara stand nahe bei Anadar.
Anadar sah die Tür an. Er dachte an die Konklave, an das, was gesagt werden kann, und an das, was nicht existieren darf, bevor es kontrollierbar ist. Er dachte an den Norden. An die Ebene. An Menschen, die nicht wissen, warum sie gehen. Und an zwei Namen, die er nicht aussprach.
Rotar sah in die Runde. „Jetzt“, sagte er.
Die Tür zur Konklave wurde geöffnet.



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