Sydney 26 Part 2
- R.

- 23. Feb.
- 5 Min. Lesezeit

Die Stadt ist wirklich richtig schön, zumindest den Teil, den ich gesehen habe. Meistens hielt ich mich im Zentrum auf. Entgegen meiner üblichen Gewohnheiten habe ich mir diesmal auch gleich Museen und Galerien gegeben, zumindest ein paar. Eigentlich hebe ich solche Dinge immer auf, bis ich alt bin und nicht mehr laufen kann, so zumindest die Grundintention. Aber hier am anderen Ende der Welt: Wer weiß, wie oft ich noch herkomme? Und verdammt, mittags kann es schon heiß und schwül werden. Also warum nicht ins Klimatisierte.
Aber von vorn.
Samstagmorgen in einer großen Stadt und was mache ich? Richtig, erst mal ins Gym. Ich hab mir direkt das beste am Platz ausgesucht und wurde nicht enttäuscht. Eine Eisenschwitzbude. Geil.
Wovon ich wirklich überrascht war: die überproportional vielen, wirklich gut definierten, bulky Typen mittleren Alters, die dort trainierten. Entweder haben die alle einen sehr guten Coach und Ernährungsberater, oder einen sehr guten Dealer, der sein Geschäft versteht. Wenn du weißt, worauf du achten musst, ergibt sich das von selbst: Akne auf den Schultern, definierte Muskeln da, wo du normalerweise nicht aus Versehen trainierst (Backen), Fehlstellungen bzw. Lücken zwischen den Zähnen (das lässt auf Kombipräparate mit Wachstumshormonen schließen), sowie der kleine runde Bauch, die Bubble, trotz harter Definition und leanem Look am Rest des Körpers. Dann weißt du Bescheid. Normalerweise laufen in einem Gym vielleicht zwei Typen von der Qualität und in dem Alter herum, und die wissen was sie tun. Ich weiß auch, was das kostet: Zeit und Disziplin. Aber nicht gleich 80 Prozent.
Nach dem Abspulen des 45 Minuten Programms ging’s zurück ins Hotel. Es war schon beinahe Mittag, als ich wieder loszog. Erstes Ziel: das Australian Museum, ein Naturkundemuseum. Ich wollte was Neues lernen über Australien und die First Nations. In der Beschreibung steht: „Ältestes Museum Australiens von 1827 mit umfangreichen zoologischen und anthropologischen Sammlungen.“
Vorweg: Museen und Galerien sind in Australien oft kostenlos, außer Sonderausstellungen. So viel zum Reichtum des Kontinents (und alle beschweren sich, wie teuer das Leben ist, wenn die wüssten; der Bildung hilft es auch nicht sonderlich). Welche Dinosaurier damals in Australien oder dem Urkontinent übers Land zogen: geschenkt. Vögel sind die Nachfahren von Dinos, wow, welch neue Erkenntnis aus den 60ern des letzten Jahrhunderts. Jedes Mal, wenn ich ein Huhn sehe, sehe ich den Dino in ihm. Genauso wie ich in vielen Menschen dieses kleine rattenartige Nagetier sehe, von dem sie abstammen.
Ich wollte vor allem etwas über Aboriginal People bzw. allgemein über die First Peoples lernen und wurde enttäuscht. Ein Saal, eine Ausstellung mit ein paar Instrumenten, und zusätzlich wurde die Seefahrt im Pazifikraum gezeigt. Zugegeben: Das war für mich extrem interessant. Navigation auf hoher See lange vor dem Kompass, über Naturbeobachtung, Strömungen, Wassertemperatur, Vogelzug. Da habe ich wirklich etwas Neues gelernt. Aber zu den First Peoples: für meinen Geschmack erschreckend wenig. Wobei der Fehler sicher auch bei mir liegen kann, vielleicht habe ich einfach nicht aufmerksam genug gesucht. Danach bin ich weitergezogen, es wurde mir außerdem ein bisschen zu voll.
Vorbei an St Mary’s Cathedral ging’s zur Art Gallery of New South Wales. Wieder: Eintritt frei. Es war schon später als gedacht, und ich wollte noch zum Hafen, um einen Sonnenuntergang zu fotografieren, also rauschte ich durch ein paar Abteilungen und dachte mir: Morgen komm ich wieder.
Ein Bild jedoch hat mich festgenagelt. Wirklich schön: violette Flecken, rote Linien. Davor posierte eine junge asiatische Frau auffällig reizvoll, ihr Freund fotografierte sie. Erst als sie zufrieden war, gingen sie weiter. Ich trat näher, schaute aufs Schild und stellte fest: Das Werk handelte von Siedlungspolitik in Australien und ihrem blutigen Verlauf, inklusive der vielen Massaker an den First Nations. Und wieder bewahrheitet sich: Check your background first.
Da stand ich nun vor diesem Mahnmal, vor dem gerade noch so hübsch posiert wurde, und lernte in wenigen Minuten mehr über die Kolonialisierung und die blutige Geschichte Australiens als im letzten Jahr zusammengenommen. Insgesamt sind um die 350 Massaker überliefert, mit denen Vertreibung und Besitznahme vorangetrieben wurden; das letzte datiert auf 1928, nach meiner kurzen Recherche. Dunkelziffer?. Bis heute tun sich die Australier schwer, nein nicht mit ihrer Vergangenheit, sondern mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit. Wenn man recherchiert, stößt man auf Sätze wie: „In Teilen wird die Kolonisierung als (Siedler-)Genozid bzw. als genozidale Praxis beschrieben; juristisch ist die Einordnung wegen des Intent-Erfordernisses umstritten.“ Ich denke, mehr muss dazu nicht gesagt werden. Juristisch. Das spricht für sich.
Und außerdem: Dem Thema begegnest du im Alltag kaum. Sie feiern ihren Australia Day nach wie vor am 26. Januar (1788), dem Tag, an dem die britische Flotte die ersten Kolonisten (rund 750 Strafgefangene) an Land setzte. Andere nennen ihn „Invasion Day“ oder „Day of Mourning“. Was mir in Sydney zusätzlich auffiel: Überall weht die Regenbogenflagge, sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität sind stark sichtbar, Gleichbehandlung derjenigen, alles völlig in Ordnung und richtig und wichtig. Und gleichzeitig bleibt dieser andere blinde Fleck: Wenn du nicht weiß bist, bist du anders und du bist nicht gleich.
Es wurde spät, und ich war auf dem Weg zum Hafen durch den Royal Botanic Garden. Den gibt’s gefühlt in jeder Stadt, genauso wie überall dieselben Straßennamen: Charles, Queen, King, Edward, boring british Lizbeth Vibes. Dafür sind die Namen der Suburbs oft herrlich ungewöhnlich.
Also runter zum Wasser, durch den Garten, vorbei am Freiluftkino (leider nichts für mich Sehenswertes), und dann Richtung Mrs Macquarie’s Chair: eine gute Position für Sonnenuntergangsfotografie suchen. Das war relativ einfach. Leider stehen Oper und Sonnenuntergang nicht in einer Linie, falsche Jahreszeit. Aber ich hatte die Sonne, wie sie hinter den Wolkenkratzern verschwand, und für ein paar Minuten sogar ein bisschen Drama im Licht. Wenigstens ein paar gute Aufnahmen.
Für den nächsten Tag nahm ich mir eine andere Position vor. Aber erst mal essen, und das kann man in Sydney wirklich gut. Aus Brisbane bin ich gewohnt, dass die Sonne um sechs untergeht und damit gefühlt alles schließt und jeder im Bett ist. Hier sitzen die Leute noch draußen, genießen das Leben, sehr europäisch. Einziger Unterschied: Rauchen gibt’s quasi nicht mehr. Nur die ganz Süchtigen können nicht lassen und zahlen abnorm hohe Summen für die Glimmstängel.
Ich entschied mich für indisch, und die Entscheidung war großartig. Klasse Restaurant, nette Bedienung, gelungen.
Der nächste Tag begann träge: bummeln, Kaffee hier, kleines Frühstück da. Dann wieder in die Art Gallery of New South Wales, den Rest ansehen, Geld für die Sonderausstellung zahlen, und die überlebensgroßen Statuen von Ron Mueck betrachten. Großartig.
Was ebenso auffällt: Sie sind sehr darauf bedacht, asiatische, oder besser: chinesische Kunst zu zeigen. Auch das hat einen Grund: die Touristen, die im Zentrum von Sydney sehr dominieren. Scheint ein beliebtes Reisegebiet zu sein, finanzstark, und das Geld ist willkommen. Nachdem ich zum chinesischen Neujahr einen tanzenden Drachen mit lauter Musik in der Gallery serviert bekommen hatte, ging es für mich zurück Richtung Stadt: zuerst in eine Bibliothek, um mich in Ruhe auf ein paar Themen vorzubereiten, und danach weiter zum Museum of Contemporary Art direkt am Hafen.
Dort gab es großartige Installationen, die zum Denken anregen. Kunst darf und muss kritisieren. Allerdings waren es weniger die ganz gewagten Themen, und einiges hatte ich irgendwie schon mal gesehen, nur ein paar Jahrzehnte früher, auf der anderen Seite der Welt. In der einen oder anderen Form.
Weiter ging’s nach The Rocks, eigentlich ein Künstlermarkt, ursprünglich, so habe ich es verstanden. Heute eher eine Luxusboutique Kulisse. Auf dem Plan stand dann noch Bootfahren. Leider zog das Wetter zu, die Sonnenuntergangsfotografie fiel aus, das hervorragende indische Abendessen allerdings nicht.
In diesem Sinne.



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