Samoa - Apia
- R.

- 14. Mai
- 6 Min. Lesezeit

Nun also Samoa. Darauf hatte ich mich gefreut. Viel gelesen, viel gehört. Schließlich würde ich beinahe behaupten, dass Samoa vielleicht das bekannteste Ziel hier im Südpazifik ist. Vielleicht ist Fiji bekannter. Wer weiß.
Für mich ging es jedenfalls früh raus, beziehungsweise früh los, und wie es bei mir so ist, wenn ich um drei Uhr wach sein muss, bin ich um drei Uhr wach, aber nicht weil ich meinen Wecker gestellt hätte, sondern weil ich beinahe gar nicht geschlafen habe. Das funktioniert nicht so gut bei mir. Also beinahe eine Nacht wach und dann der Stress am Morgen, den ich für meine Verhältnisse erstaunlich ruhig und ohne emotionale Achterbahnfahrt gemeistert hatte. Easy.
Und dann saß ich sechs Stunden auf Fiji im klimatisierten Flughafen. Raus und wieder rein wollte ich nicht, war mir zu anstrengend, also saß ich da und nickte immer wieder weg, diese Zehn-Sekunden-Schläfchen, nur um dann irgendwann im überfüllten Flieger nach Apia zu sitzen, glücklicherweise relativ weit vorn, schneller Ausstieg.
Und schon am Flughafen wurde mir klar: Samoa ist anders. Die Menschen sind nett, keine Frage, nur anders nett. Nicht so aufgesetzt nett, sondern mit einem eindeutig anderen Auftreten und Selbstbewusstsein, aber trotzdem relaxed. Ich war ziemlich schnell durch die Einreise, hatte meine Tasche in der Hand, Biosecurity, der schaut mich an, schaut meine Schuhe an, ich hatte sie auf Hochglanz geputzt, Geheimtipp, und durch war ich.
Dann lief ich in die Halle und da traf mich die Luftfeuchtigkeit und die Hitze, und da war sie wieder, diese bleierne Müdigkeit, die mich hin und wieder in Queensland überfiel. Schnell noch Geld geholt und schon saß ich im Taxi. Auch er bot mir an, mich die Tage über die Insel zu fahren, er hatte sogar eine Karte, welch ein Fortschritt. Ich blieb vage, wusste ich doch, dass ich heute erst einmal keine Entscheidungen mehr treffen wollte. Nur um zu beweisen, was für ein Fahrer er ist, überholte er besonders oft und fuhr auch sonst eher aggressiv. Ich bin ja eher der Typ, der gern ein paar Minuten später irgendwo ankommt, gern auch zu spät, wenn es dafür keine menschlichen Kollateralschäden gibt. Sei’s drum, dieses Mal ist es gut gegangen.
Was ich vom vorbeiziehenden Samoa sehen konnte, war das, was ich schon vermutet hatte: Samoa ist anders. Die ganze Tsunami-Mauer entlang der Küste ist in den verschiedensten Farben lackiert, die Straßen sind breit und gut, es gibt Ampeln, man fährt auf der falschen Seite, und es stehen viele traditionelle Holzhäuser am Straßenrand, langhausähnlich. Und was für mich neu war: sehr, sehr viele Nationalflaggen. Wirklich kilometerlang.
Für mich als aufrechten und ehrlichen Deutschen ja eher massiv verstörend, so viel Nationalbewusstsein. Man sieht ja, was passiert, wenn das in die falsche Richtung kippt. Da bin ich eher bei weniger ist mehr, aber jeder nach seiner Fasson. Randthema: Wollen wir in Deutschland wirklich wieder die stärkste Armee Europas haben, bei den Wahlergebnissen momentan, wirklich? Ob das so eine gute Idee ist. Aber was weiß ich schon. Zum Glück lief das Projekt Umvolkung gut an.
Er schmiss mich am Hotel raus und ich fragte ihn, wie danke auf Samoanisch heißt. Er sagte es mir, ganz aufgelöst und freundlich. Das hat ihm gefallen, dass ich danach gefragt habe. Und dann ins Hotel. Links und rechts und schon waren meine Taschen in anderen Händen und ich eingecheckt. Die Dame am Tresen lächelte süffisant: „Ist warm heute, nicht wahr.“ Was soll ich sagen, sie hat ja recht.
Hoch ins Zimmer, und da traf mich erst einmal die auf achtzehn Grad heruntergekühlte Klimaanlage. So kannst du dich nicht akklimatisieren. Also deutlich wärmer gestellt, und da mir das immer noch zu kalt war und die Sonne am Untergehen war, bin ich einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nachgegangen: Sonnenuntergangsfotografie am Meer. Dazu musste ich aber noch ein bisschen laufen, beziehungsweise humpeln. Ich hatte immer noch Probleme mit dem linken Fuß, beziehungsweise mit dem ganzen Bein. Es fühlte sich immer noch so an, als hätte ich heute zweihundert Kilometer mit dem Fahrrad gemacht. Ich kenne das ja. Also humpelte ich zu einem Punkt, von dem es gut werden würde, was es auch tat, und lief die Kilometer wieder zurück.
Ich musste etwas mit meinem Fuß machen, der war geschwollen. Es ist jetzt nicht so, dass mir das unbekannt ist. Ich denke, ich habe auf dem Fahrrad in Tonga einfach eine Position einnehmen müssen, das ohne Pedale, die nun irgendeinen Muskel strapaziert hat, und der hat jetzt eine fröhliche Entzündungsreaktion. Schmerzen, die bis ins Knie ausstrahlten. Ja, so ist das, wenn man alt wird. Ich habe es noch ins Hotel geschafft, habe mir vorgenommen..... und schon war ich eingeschlafen. So schnell ging das.
Zu Samoa: Die Inseln wurden vor Jahrtausenden von polynesischen Seefahrern besiedelt und gehören kulturell zum Kernraum Polynesiens. Im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert geriet Samoa immer stärker unter ausländischen Einfluss. 1899 wurde der westliche Teil des Archipels deutsch, 1914 von Neuseeland besetzt und später unter neuseeländischer Mandatsverwaltung weitergeführt. Der Widerstand gegen diese Fremdherrschaft, besonders in Gestalt der Mau Bewegung, gehört bis heute zum historischen Selbstverständnis des Landes. Unabhängig wurde Samoa 1962 und war damit der erste pazifische Inselstaat dieser Größenordnung, der seine politische Souveränität zurückgewann.
Also deutsche Verwaltung während der vorletzten Jahrhundertwende und diese starke polynesische Veranlagung zur Unabhängigkeit. Ich weiß schon, warum mir das hier alles sehr sympathisch ist. Von den Briten keine Spur, okay, die Neuseeländer, aber die sind ja auch eher vom Kaliber Krawall und Unabhängigkeit.
Wer Samoa verstehen will, kommt an faʻa Samoa nicht vorbei, also dem samoanischen Weg. Dazu gehört auch das faʻa matai oder Matai System. Die Gesellschaft ist kollektiv organisiert, getragen von den erweiterten Familien, den aiga. Ein sehr anschauliches Beispiel für den samoanischen Weg ist, dass politische Teilhabe in Samoa bis heute eng mit dem Matai System verknüpft ist: Wer ins Parlament will, muss einen registrierten Matai Titel besitzen und über diesen Titel monotaga, also fortlaufende Pflichten und Dienste, im Wahlkreis geleistet haben. Ein Matai ist in Samoa ein traditioneller Titelträger und meist das Oberhaupt einer Familie, also weit mehr als nur ein Häuptling im westlichen Sinn.
Daran sieht man, dass Politik in Samoa nicht einfach als individuelles Recht verstanden wird, sondern als etwas, das aus Familie, Rang, Dorf und Verpflichtung herauswächst. Gerade darin zeigt sich aber auch die Nähe zum Patriarchat, denn obwohl Frauen Matai Titel tragen können, sind sie in diesen traditionellen Machtstrukturen deutlich schwächer vertreten. Die Männer sind stark hier, das merkt man sofort, wenn man sich in der Stadt bewegt, und sie sind es gewohnt. Es ist einfach ein anderes System. Du als Ausländer und Jüngerer zollst den Männern, denen du auf der Straße begegnest, Respekt. Und dadurch zollen sie dir Respekt. Es ist ein bisschen crazy, aber das wusste ich schon, es nun aber zu erleben ist etwas anderes. Samoa ist anders, sagte ich schon, oder?
Also ich erwachte aus meinem Koma und fragte meinen Fuß, wie es heute aussieht, und er sagte mir: Och du, mach mal langsam heute. Also verließ ich mein Zimmer und die Luftfeuchtigkeit sagte mir dasselbe: Mach mal langsam heute. Wirklich heiß, wirklich schwül. So lief ich zum Frühstück und der erste Tropfen Schweiß rann mir den Rücken runter in die Arschritze, der erste von vielen an diesem Tag. Und die Dame am Frühstücksbuffet blickte mich an und sagte süffisant: „Heiß heute, nicht wahr.“ Und ich verstand das Spiel.
Ich bin raus aus dem Hotel und wollte mich in der Stadt umsehen, Kreise ziehen wie üblich und einen Supermarkt finden. Ich kehrte ziemlich schnell zurück und tat das einzig Vernünftige. Ich setzte mich an den Pool und steckte meinen Fuß den ganzen Tag ins kühle Nass, und er dankte es mir durch Abschwellen, der ganze Schmerz wich aus dem linken Bein. Herrlich.
Abends bin ich noch einmal raus, wieder auf der Suche nach einem Supermarkt, wieder nicht fündig geworden. Ich fand Baumärkte, Fischmarkt, Elektroläden mit Spirituosen und Musikinstrumenten und einen McDs, viele Bekleidungsgeschäfte, noch keinen Supermarkt. Das war es schon beinahe für den Tag.
Und der nächste Tag begann genauso. „Warm heute.“ „Och, eigentlich ist es ganz okay.“ Und mittags in der größten Hitze raus, laut pfeifend durch den Cultural Park gelaufen und links „Hot today“, rechts „Heiß, nicht wahr“. Sie wissen ganz genau, dass die Hitze und die Luftfeuchtigkeit für so einen Nichtinselbewohner ziemlich heftig sein müssen. Und ich nickte und lächelte und pfiff und ließ es mir nicht anmerken, habe ich auch, akklimatisiert, und lief ein bisschen durch die Stadt.
Das Stadtbild ist wieder geprägt durch prächtige Kirchen, auch katholische, und der Schweiß lief mir die Arschritze runter. „Nett hier, heute ist es ein bisschen schwül?“ Der nächste mit seinem schönen grauen Rock, so einen brauche ich, und einem bunten Hemd. Und ja, es ist verdammt schwül hier. Das Spiel ist wirklich nett. Und auf dem Rückweg fand ich endlich, was ich zwei Tage gesucht hatte, einen Supermarkt von der Sorte Gemischtwarenladen. WD 40 neben Zahnpasta. In meinem nächsten Leben werde ich malaysischer Gemischtwarenhändler, also von der Seele her, nicht vom Beruf. Ich setze auf Karma.
Abends gab es im Hotel noch Kulturprogramm ich musste meine Fusskühlung dafür unterbrechen. Männer und Frauen, die tanzten, sangen und Trommel spielten, ganz original mit Feuertanzshow, eigentlich ganz angenehm. Einzig den „bone of recognition“, habe ich nicht ganz verstanden, und ob man die polynesischen Frauen ansprechend fand, fragte der Einpeitscher danach, nicht meine Worte, es war tatsächlich ein Missverständnis. Er wollte, dass wir Geld in die „bowl of recognition“ schmeißen. Nicht irgendwas mit "bone". Und am Ende sind die männlichen Tänzer an den Tischen herumgegangen, um sich zu bedanken, und jedes Mal wurde ich gefragt, warum ich alleine hier sitze. Haben sie etwas Neues gefunden, die Jungs. In diesem Sinne.



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