Rom 26


Es ist immer wieder die Ewige Stadt, in die es mich zieht, wie auch schon 15, 21, 22, 24 und 25. Man sollte meinen, ich kenne alles, und jedes Mal bin ich wieder aufs Neue begeistert davon, wie ein kleines Kind. Das, was ich in Australien am meisten vermisst habe, und das sage ich, ohne irgendetwas zu beschönigen, ja, das war Italien. Oder auch liebevoll: Eatery. Jedes Mal, wenn ich Down Under versucht habe, zumindest italienisches Essen zu finden, wurde ich maßlos enttäuscht. Auf der Speisekarte stand zwar Carbonara oder Pizza, aber Pilze haben in einer Soße Köhlerart nichts verloren, und was sie Käse nannten und Pizzateig, war schlichtweg eine Beleidigung. Und hier sorgen wir uns über Ananas auf der Pizza.
Also ein weiterer runder Geburtstag und noch ein bisschen Zeit auf der Uhr. Welche besseren Gründe kann es geben, kurz nach Italien, genauer gesagt nach Rom, zu gehen? Ohne große Planung und Vorbereitung. Dani schrieb mir, dass sie früher von der Arbeit kommt und mich zum Bahnhof bringen kann. Da war es geschehen. Von der Buchung bis zum Bahnhof vergingen keine 30 Minuten, noch ein kleiner Kaffee, und ich saß auf dem Weg Richtung Stuttgart Flughafen, mit der obligatorischen Einstimmung im Fragola am Bismarckplatz auf das Kommende. Rein in den Flieger und schon abgehoben.
Ich wunderte mich kurz, warum die Stewardess so lange auf ihrem Sitz sitzen blieb. Nach zwei Luftlöchern war mir schnell klar, warum. Bis zu den Alpen hatten wir einen ziemlich bumpy Flug. Zum Glück saß ich eingequetscht zwischen einem Geschäftsmann mit ausgefahrenen Ellenbogen und Helen, einer in Stuttgart lebenden Amerikanerin, die mit ihrem Mann Richtung Kreuzfahrt unterwegs war. Nach ihrem zweiten Bloody Mary waren wir in ein Gespräch vertieft, und der Geschäftsmann neben mir bekam sein Fett weg, sodass auch seine Ellenbogen irgendwann automatisch einklappten. Die Macht des lauten Lästerns. Helen war voll des Lobes wegen meines exzellenten Englischs, und ich musste sie nur auslachen. Kann schon sein, dass es besser ist als der Durchschnitt, aber für mich fühlt es sich immer noch so an, als würde ich mit Kindersprache versuchen zu kommunizieren. Deutsch ist so viel vertrauter für mich. Genau, sagte Helen, immer wieder.
Kaum gelandet, schlug mir dann auch schon das ins Gesicht, was ich seit Queensland so unglaublich vermisse: 35 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, bis nachts weit nach Mitternacht. Juli in Rom. Hätte ich wissen können, habe ich ignoriert. Gibt auch Vorteile: weniger Touristen. Viel weniger. Es gibt schlaue Menschen.
Was gibt es noch zu erzählen? Mein Hotel suchte ich mir nahe der Engelsburg aus, was am Freitagmorgen auch mein erster Weg war. Cappuccino auf der Engelsburg, zum Geburtstag alles Gute. Da saß ich nun zwei bis drei Stunden, fing an, über das Vergangene nachzudenken, und langsam setzte sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Dann weiter, zurück ins Hotel in der Mittagshitze und abends wieder raus. Eine Runde um Forum, Kolosseum, Circus Maximus, klar am Palatin vorbei, das Übliche halt. Es ist immer noch alles da und immer noch im besten Zustand, wie schon zig Jahre zuvor.
Im La Matziciana ging es dann zum Abendessen. Pünktlich zur Eröffnung stand ich vor der Tür, ich weiß ja, wie voll es sein kann. Solo? Si! Sie setzten mich in die Mitte eines Raumes und dachten wohl, sie tun mir etwas Gutes, indem sie zwei Frauen neben mich setzten, die sich relativ schnell, nach exakt einem Satz, als Australierinnen outeten. Der Dialekt. Naaaauuurrr! Und nicht der süße aus Sydney. Panik kam in mir hoch. Geburtstagsessen neben zwei Landpomeranzen von Down Under.
Ich lächelte und begab mich in Beobachterposition. Die beiden Damen bestellten mächtig von der Speisekarte, waren jedoch mit manchen der Gerichte nicht einverstanden und wandelten sie bei der Bestellung ab. Nach der Antipasta fragten sie dann den Kellner, ob sie ihre Bestellung wieder abbestellen könnten. Sie seien doch gerade erst von einem langen Flug angekommen und nun nicht mehr hungrig. Sie zahlten und gingen, ohne Trinkgeld zu hinterlassen. So typisch australisch eben. Der Kellner freundlich, bis die beiden aus dem Laden waren, und dann fiel das berühmte Wort: „Cazzo!“ Das Gesicht. Der Blick. Die Geste. Um es vorwegzunehmen: Das Trinkgeld der beiden Damen habe ich an meinem Geburtstag übernommen, denn Marco ist wirklich ein hervorragender Kellner.
Und ich muss zugeben, dass der Samstag total ereignislos verlief. Ich saß lange auf der Dachterrasse des Hotels und tat nichts, um später zur Spanischen Treppe zu schlendern und Fotos zu machen. Das war es. Spektakulärer geht es nicht.
Sonntags, wie könnte es auch anders sein, kein Rombesuch ohne Palatin. Und das zelebrierte ich wie üblich, bis ich am Ende wieder am Hippodrom saß und mehrere Stunden, tatsächlich, einfach nur dasaß und reflektierte. An dieser Stelle stand oder saß ich die letzten Jahre öfter. Ich ließ die Gedankenwelt wieder passieren.
2024, damals mit der Überlegung, nach Australien auszuwandern. Ob es wirklich ein ernsthafter Gedanke war? Ich hatte gerade meinen unbefristeten Vertrag unterschrieben. Es gab einige Punkte, die dafür sprachen. Abenteuerlust war einer davon, die anderen, nun ja, sagen wir es so: Es war besser für alle Beteiligten. So schmerzhaft die Trennung auch für jeden war, ich denke, es war das Beste so.
Im letzten Oktober oder September 2025 saß ich da wieder, dieses Mal mit der Überlegung, wie ich es am geschicktesten anstelle, wieder nach Hause zu kommen. Meine Abenteuerlust war gesättigt, und da bemerkte ich etwas, was bei mir selten ist. Ich begann zu lächeln und mich wohlzufühlen. Ich meine, seit ich zurück in Deutschland bin, oder besser: in Europa, bekomme ich mein Dauergrinsen eigentlich nicht mehr aus dem Gesicht.
Und ich fing an, darüber nachzudenken und eine andere Perspektive auf Australien zu bekommen. Die Integration, also meine, es ist nicht so, dass es nicht Gelegenheit dazu gegeben hätte, wenn ich so zurückblicke. Es gab Möglichkeiten und Gelegenheiten, und ich denke, ich habe viele davon verstreichen lassen und nicht wahrgenommen. Warum? Vielleicht bin ich ja auch wie die Aussies und halte mich für etwas Besseres? Who the fuck knows! In diesem Moment ich.
Scheiß auf Geld, scheiß auf was auch immer ich dachte. Ich wollte nie auswandern und bin glücklich, zurück zu sein. Und Glück, meine Freunde, ist ein kostbares Gut. Das Wertvollste, das wir haben. Und so saß ich da und lachte. Lachte über mich und darüber, dass alles so lief, wie es lief. Und ging in Richtung Kolosseum, einem neuen Tag entgegen. In diesem Sinne.



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