Queenstown - Milford Sound by Bus
- R.

- 22. März
- 6 Min. Lesezeit

Das schwächste Glied in der Kette. Bei mir sind es momentan sehr geschwollene Füße, vom Wandern. Und wenn ich von Füßen rede, meine ich nicht den schwäbischen Fuß, meine lieben Schwaben, sondern den tatsächlichen Fuß, also nur die Füße und nicht das ganze Bein. Besonders um die Knochen herum. Das ist für mich nun nichts Aufregendes oder Neues, das geht schon wieder weg, das ist bisher jedes Mal wieder weggegangen. Bis dahin eben kurze Pause.
Woher ich das kenne? Zum ersten Mal sind mir geschwollene Füße an mir selbst vor etwa zwanzig Jahren aufgefallen, damals in der guten Studentenzeit, als ich am Fünfzehnten noch nicht die Miete für den laufenden Monat zusammenhatte und den demütigen Gang zum Vermieter schon hinter mir hatte, ihm versprechend, dass das Geld nächste Woche auf seinem Konto sei. Ja, dann ging es am Freitagmittag oder Abend los. Kneipe oder Biergarten arbeiten bis spät nachts um vier Uhr, am Samstagmorgen um zehn Uhr in den Biergarten, entweder den ganzen Tag oder abends wieder in die Kneipe. Völlig fröhlich gelaunt am Sonntagmorgen bei Frühjazz wieder auf der Schwaneninsel, nur um dann am Abend um acht endlich mal nach Hause zu kommen. Achtundvierzig Stunden, in denen vielleicht acht bis zehn Stunden Schlaf steckten und vierunddreißig Stunden Arbeit. Der Rest war Fahrzeit, in der man auf das Antrittskolloquium irgendeines Praktikums lernte. Und mit den damaligen 7,50 Euro Stundenlohn hatte man gerade so den fehlenden Rest zur Miete zusammen.
Dann sonntagnachts noch die Protokolle zu irgendeinem Praktikum geschrieben, da sich deine Laborpartnerin schon bei der Praktikumsleitung beschwert hatte, weil zwei Wochen vor Abgabeschluss immer noch keine Protokolle von mir eingereicht worden waren und sie doch gern das Abschlusskolloquium vorziehen wollte, um noch zwei Wochen Urlaub machen zu können. Also die Nacht durchgearbeitet, Protokolle fertiggeschrieben, dann zur Uni, Geld aufs Konto, Überweisung getätigt, noch Geld für eine Brezel übrig, super, Protokolle drucken, Ärger mit dem Fachschaftsdrucker, noch schnell das Antrittskolloquium am Mittag gerade so bestanden und dann heim und endlich die Schuhe ausgezogen. Und siehe da, zwei tiefgeschwollene Klumpfüße.
Was hilft, ist Beine hochlegen, und das tat ich, für meine Verhältnisse jedenfalls auch, nachdem ich mein Quartier bezogen hatte. Ich wusste, ich brauche mehr Zeit als die zwei Tage, die ich gebucht hatte. Leider nicht möglich in diesem Quartier. Es wurde Wochenende, da strömen alle raus in die Natur, und Queenstown ist nun einmal das Outdoor Mekka hier auf der Südinsel. Ich machte mir später einen Kopf darum. Die erste Nacht war noch sehr unruhig, schon das Aufstehen und auf Toilette gehen stellte mich vor logistische Herausforderungen. Ich hatte zusätzlich noch mächtige Blasen an beiden kleinen Zehen am rechten Fuß, dazu den abgehenden Nagel des großen Zehs am linken Fuß. Dieses Bergablaufen ist einfach nicht meins.
Am nächsten Tag gammelte ich lange im Bett herum, bis ich endlich rausging. Der small black, wie der Espresso hier heißt, war die Triebkraft. Ich setzte mich an den See, ich hatte wieder etwas zu arbeiten. Dabei sah ich alle zwei Stunden dieses alte Dampfschiff vor meinen Augen anlegen, viele Leute rauf, viele Leute runter. Schifffahrt, nice, ich hatte meinen Abendplan. Leider noch gar keinen Plan, was ich dann ab morgen machte, ich wusste nur, ich muss raus aus meinem Quartier.
Ich wägte Optionen ab, Möglichkeiten, ließ es offen und stieg auf das Steamboat TSS Earnslaw, einen historischen Dampfer, der in fünfundvierzig Minuten über den Lake Wakatipu nach Walter Peak dampft. Das Schiff ist seit 1912 im Einsatz und wird die Lady of the Lake genannt. Es gilt als eines der ältesten und größten noch fahrenden kohlebefeuerten Passagierdampfschiffe der Welt. Besonders cool ist, dass man während der Fahrt in den Maschinenraum kann. Da stand ich zuerst an Deck und fuhr in den Sonnenuntergang, umgeben von wirklich netten Neuseeländern, die alle in Walter Peak zum Barbecue ausstiegen, sodass auf der Rückfahrt im Dunkeln relativ wenige Passagiere an Bord waren. Da es zu dunkel zum Fotografieren war, konnte ich schon den Maschinenraum inspizieren. Beeindruckend. Dabei wurde mir schmerzlich bewusst, dass mein Freund Bruno, Matrose, Steuermann mit Patent, schon seit drei Jahren tot ist.
Im Hotel hatte ich dann die verschiedenen Pläne im Kopf. Eigentlich will ich noch den Rees laufen, sobald ich wieder kann, aber auch mir geht langsam die Zeit aus. Ich wollte nicht den ganzen Tag mit meinem Gepäck in Queenstown verbringen. Te Anau und Milford Sound waren über das Wochenende ausgebucht. Der Milford Track, der als einer der schönsten Tracks der Welt gilt, ist auf Jahre hinaus ausgebucht. Ich wollte noch nicht Richtung Norden, also wägte ich weiter ab und entschied mich für noch zwei Nächte mehr in Queenstown, um zu sehen, wie es meinen Füßen geht, und am nächsten Morgen mit dem Bus nach Milford Sound und wieder zurück zu fahren, mit einer Schifffahrt im Fjord und dem Gepäck im Bus. Ein Rundumpaket. Essen buchte ich keins mit, das hörte sich nicht so ansprechend an.
Nachts um kurz vor zwölf gebucht und gepackt, um 6:45 Uhr stand ich am Bus. Wieder ein Busfahrer, ausgesprochen fröhlich, redselig, er erzählte wieder viel. Zuerst Te Anau, das am größten See Neuseelands liegt, natürlich Kaffee vor irgendeiner Touristentankstelle. Ich traf dort einen älteren Tourenradler und bewunderte sein neongrünes Mountainbike mit Rohloff Nabenschaltung. Sofort wurde fachgesimpelt. Ich bedaure wirklich ein bisschen, hier nicht auch mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, und der Mann, wirklich alt, schwärmte von Neuseeland und den Touren. Er sagte, nach Milford Sound sei es eine sehr schöne Strecke, vor allem die Abfahrt nach dem Tunnel. Wirklich netter Typ. Dann schwärmte er noch von den Strecken in Australien, die man im Winter machen kann, allerdings nicht von den Australiern.
Dann ging es weiter. Stopp hier, fünf Minuten da, beinahe von einer Horde Touristen umgerannt, die alle ein Foto vor irgendeinem Berg und See machen wollten, dann weiter. Irgendwann begann es wieder bergiger zu werden, als wir ins Fiordland fuhren. Schönes Panorama, wirklich schöne Kulisse, hoch zu dem Tunnel, durch und dann hinunter. Diese Abfahrt würde ich wirklich gern einmal mit dem Fahrrad machen. Herrliches Panorama, diese Fjordlandschaft. Der Busfahrer palavert und erklärt.
Was ich lernte: Sound ist eigentlich die falsche Bezeichnung für die Gegend. Die Namen stammen oft aus der frühen europäischen Benennung und sind historisch geblieben, auch wenn die geologische Einordnung eigentlich eine andere ist. Ein Sound ist ursprünglich eher ein vom Meer geformter Meeresarm oder die Überflutung eines Flusstals, also nicht primär glazial entstanden. Ein Fjord ist durch Gletscher entstanden. Ein Gletscher schneidet ein tiefes, steilwandiges U Tal aus, das später vom Meer überflutet wird. Der Witz bei Milford Sound ist deshalb, es heißt zwar Sound, ist geologisch aber eigentlich ein Fjord. Milford Sound hat die typischen Fjordmerkmale, steile Felswände, sehr tiefes Wasser, ungefähr zweihundert bis dreihundert Meter tief, und eine klar glazial geformte Landschaft. Deshalb ist es ein Fjord mit dem falschen historischen Namen.
Ich lernte noch mehr auf der Busfahrt. Der Māori Name von Milford Sound ist Piopiotahi. Wörtlich bedeutet das ein einzelner piopio. Der piopio war ein neuseeländischer Singvogel, heute ausgestorben. Die bekannteste Erzählung hinter Piopiotahi knüpft an Māui an. Māui wollte den Menschen Unsterblichkeit bringen und stellte sich dafür Hine nui te pō, der Göttin des Todes. Er scheiterte dabei und starb. Nach dieser Überlieferung flog anschließend ein einzelner piopio, also dieser heute ausgestorbene Vogel, nach Piopiotahi, um dort um Māui zu trauern. Daher der Name. Piopiotahi, ein einzelner piopio.
Wunderschön, nicht wahr? Es gibt noch andere Erzählungen dazu. Zusätzlich gehört Piopiotahi in die größere Māori Erzählung, dass Tū te Rakiwhānoa die wilde Landschaft des Südens, also auch Fiordland, geformt hat. In der Māori Überlieferung, besonders bei Ngāi Tahu, ist Tū te Rakiwhānoa der Gestalter der Südinsel. Nachdem das Land zunächst roh und wild war, formte er Berge, Täler, Wasserläufe und die Landschaft so, dass sie bewohnbar wurde. Auch Fiordland und damit Piopiotahi gelten als Teil dieses großen Schöpfungswerks. Eine Schöpfungsgeschichte, wirklich einzigartig schön.
Unser Busfahrer war allerdings auch eine Art Nanny. Auf der Abfahrt zur Anlegebucht ließ er uns die Busnummer auswendig lernen, 1078. Er beschrieb genau, wie alles ablaufen würde, in welche Schlange wir uns ab wann zu stellen hatten, welcher Pier unserer sei, wie das Boot heißt und was mit denen sei, die zurückfliegen. Er gab Tipps, wo man sich auf dem Boot hinstellen solle, um gute Fotos zu schießen. Er ließ es uns wiederholen, noch und nöcher. Danach war die Geschichte relativ einfach, und wir standen auf dem Boot und konnten die Berge identifizieren. Mount Tūtoko, der höchste in der Region mit ungefähr 2700 Metern. Mitre Peak, der ikonische Berg direkt am Fjordufer mit seinen fünf Spitzen. The Lion. Mount Pembroke. The Elephant. Die Wasserfälle, Lady Bowen und Stirling. Und natürlich warnte er uns, dass der Seegang heftig sein würde, sobald wir aus dem Fjord heraus und in die Tasmanische See fahren. Der raueste Ozean auf dem Planeten, das war dann der Schiffskapitän mit einer seiner Durchsagen. Aber von dort konnte man den St Anne Point gut sehen, mit einem Leuchtturm, der das Ende des Landes markiert. Ende Gelände.
Dann zurück, noch einmal vor einzelnen Punkten gehalten, zurück in den Bus, der dank unseres Busfahrers einfach zu identifizieren war unter den anderen fünfhundert Reisebussen. Die Rückfahrt verlief ruhig, kein Gequatsche mehr im Bus, und die Landschaft zog vorbei, bis ich schließlich nach vier Stunden am Abend wieder in Queenstown stand. Rein ins nächste Hotel, abends noch raus, um am See Nachtaufnahmen von der Aurora zu machen, die an diesem Abend wieder stark war.
Über Nacht die Füße hochgelegt, und nun heißt es warten. Ich denke, ich setze mich jetzt gleich mit einem small black an den See und schreibe am Buch weiter. In diesem Sinne.



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