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Queenstown- Franz Josef - Neslon

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 25. März
  • 6 Min. Lesezeit

Es gibt so Tage, da haut dir das Leben einfach auf die Fresse. Oder versucht es zumindest. Und gestern war einfach mal wieder einer von diesen. Du wachst auf, hast eine E Mail im Postfach und denkst: Das kann doch jetzt nicht wahr sein. Du richtest dein Leben nach etwas aus, freust dich, planst entsprechend, und dann kommt der Vorschlaghammer und reißt dir mit zwei Sätzen die Zukunft ein. Und da ich weiß, dass so etwas selten allein kommt, bin ich mir ziemlich sicher, dass in den nächsten Tagen noch ein oder zwei weitere Hämmer auf mich einschlagen werden. Ein Hammer kommt selten allein. Um es mit den Worten des Philosophen zu sagen: I pray for fire. Wenigstens wird es nicht langweilig.

Das Leben gibt mir mal wieder Zitronen, und den verdammten Tequila habe ich schon vor zehn Jahren ausgetrunken. Was soll man mit diesen Zitrusfrüchten noch anfangen? Wenn man drei hat, jonglieren. Und dann? Ich durchlief die fünf Phasen der Trauer in ungefähr fünf Minuten: Leugnung, Wut, Feilschen, Depression und Akzeptanz. Dann war die erste Tasse Kaffee auch schon leer.

Ich haderte noch ein bisschen, packte mein Zeug und lief zum Bus. Draußen spuckte ich erst einmal auf den Boden, sinnbildlich für dieses Schicksal, und versuchte mich an die anderen Pläne zu erinnern, die ich noch in der Tasche hatte. Und siehe da: Ich habe durchaus passable Alternativen. Also Zeit, diese Wege zu beschreiten. Life goes on, until it ends. Ein fröhliches Fickt euch an den bösen Rest.

Dann saß ich auch schon im Bus und hatte einiges zu organisieren, umzustrukturieren und meinen Unmut mit einem erlesenen Kreis zu teilen. Schließlich hatte ich mich darauf eingerichtet, am 1. Mai wieder in Deutschland einer geregelten Arbeit nachzugehen. Nun habe ich wieder mehr Zeit und verfluchte mich dafür, Queenstown bereits verlassen zu haben. Ich stehe ja plötzlich gar nicht mehr unter diesem Zeitdruck. Hättest du, kleine Niete, deine Absage E-Mail nach bereits erfolgter Zusage, was nebenbei weder legal noch professionell ist, nicht einen Tag früher schreiben können? Ich war gerade dabei, mich zu verlieben, du Lurch.

Verdammt, dieser emotionale Schaden. Das wird wieder dauern, bis ich darüber hinweg bin. Vermutlich bis nächste Woche, wenn mir die nächste zuckersüße Stadt mit ihrem umwerfenden Panorama vors Auge springt und mir der nächste Hammer auf den Hinterkopf haut.

Glück im Unglück? Noch bin ich in Neuseeland. Noch habe ich Optionen. Noch habe ich Pläne. Und so saß ich da im Bus, überlegte und plante. Viel war mir an diesem Tag nicht nach, die Netzabdeckung wurde auch schlechter. Ich starrte aus dem Fenster und ließ die Landschaft an mir vorbeiziehen: Lake Hāwea, Lake Wānaka, Berg links, Berg rechts.

Bei einer der vielen Pausen, es war Mittagspause, fragte ich eine Mitfahrerin, ob ich mich zu ihr an den Tisch setzen dürfe. Daraus entwickelte sich ein Gespräch, das bis tief in den Abend reichte. Wer Sätze sagt wie weirdly obsessed with the body of dead animals, hat sofort mein Herz gewonnen. Ich glaube nicht, dass als Tierärztin das zwingend Grundvoraussetzung für diesen Beruf ist, aber schaden tut es offensichtlich auch nicht.

Und wenn dann noch Dinge kommen wie: „Ach ja, und gestern bin ich einfach aus einem Flugzeug gesprungen. Mir war danach“, eine Phrase, die im Laufe des Tages zum Running Gag wurde, während sie mir Bilder zeigte, auf denen man sieht, wie wahnsinnig verrückt glücklich ein Mensch dabei grinsen kann, dann weißt du: Die kann nicht verkehrt sein.

Sie hätte Angst gehabt zu kotzen, sagte sie. Das sei übrigens der Grund, warum der erfahrene Tandemspringer einen Helm trage. Nicht aus Sicherheitsgründen. Wobei irgendwie doch. Denn die Kotze der Mitspringer im Mund des Guides könne Infektionen oder Schlimmeres auslösen. Wieder etwas gelernt.

Da saß ich nun also neben der belgischen Tierärztin, die, wie sie zugab, auch lebende Tiere ganz gern hat, und lauschte ihren Geschichten. Ich, der sich vor, während und nach so einem Sprung vermutlich eher mit vollständiger Darmentleerung bei angezogener Hose beschäftigen würde, wurde vor Neid ganz blass, als sie das Video auspackte, wie sie mit ihrem Kajak an Delfinen im Meer vorbeifuhr. Ich ließ mir die Stelle zeigen und setzte sie direkt auf meine Liste fürs nächste Mal. Ja, Neuseeland wird es wieder geben. Es ist mein neues Italien, nur weiter weg. Italien hat mich auch zwei Anläufe gekostet, bevor es richtig gut wurde. Beim ersten Mal erkannte ich nur das großartige Potenzial.

Trotzdem ärgerte es mich ein bisschen, dass ich vorgestern Abend meine Route für die nächsten Tage bereits festgelegt und gebucht hatte und nun auf die Nordinsel wechseln werde. Grüße des Missfallens gehen raus an den Lurch.

Wo war ich? Ach ja, beim Busfahren. Vorbei an Paringa, wo ein wirklich schöner Walk gewesen wäre, leider mit ausgebuchten Hütten, und Fox Glacier, zusammen mit dieser beeindruckenden Dame, die in ihren drei Wochen Neuseeland vermutlich deutlich mehr mitnimmt als ich in meiner Zeit. Die Stunden vergingen allerdings im Flug, und plötzlich standen wir in dieser kleinen Ortschaft Franz Josef.

Der Ort hängt, wie so vieles hier, am Gletscher. Benannt wurde er nach Kaiser Franz Joseph, nur dass man ihn hier mit f schreibt statt mit ph. Ein sympathischer Übertragungsfehler, der mir als Ral-mit-pH natürlich sofort gefällt.

Sehr touristisch hier. Helikopterlandeplatz, kurze Hikes und alles, was man offenbar auf einem Gletscher in Meeresnähe so machen möchte. Nach dem Einchecken trafen wir uns wieder und erkundeten erst einmal dieses Wildlife Ding. Mit Kiwis, Chamäleons, Pinguinen und ein bisschen Gletschergeschichte. Interessant, aber nach ungefähr zehn Minuten waren wir auch schon wieder draußen und auf dem nächsten Walk.

Die Tierärztin erzählte mir mehr über Kiwis. Vor allem über dieses absurd große Ei, das im Verhältnis zum Körper fast schon unanständig wirkt. Umgerechnet auf den Menschen wäre das ungefähr so, als würde jemand ein Baby mit zehn Kilo plus zur Welt bringen. Und ich hörte immer, dreieinhalb Kilo seien schon ein ordentlicher Brocken (A pfund oder 2).

Interessant wird es, mal wieder, evolutionsbiologisch. Der Kiwi ist so etwas wie der Vogel gewordene Sonderweg Neuseelands: bodenlebend, nachtaktiv, mit starkem Geruchssinn und einem Lebensstil, der eher an ein kleines Säugetier erinnert als an einen klassischen Vogel. Kein Wunder in einem Land, das an Land fast ohne Säugetiere auskam und deshalb seine Tierwelt auf eine ganz eigene Weise gebaut hat. Umso brutaler trafen später die eingeführten Räuber auf diese schlecht vorbereitete Fauna. Katzen etwa sind aus Naturschutzsicht hier kein Hausthema, sondern fast schon eine ideologische Frage. Aber ich schweife ab. Es gibt das Predator Free 2050 Motto, welche die symphatische Form von New Zealand first darstellt?

Wir machten noch einen kleinen Walk, hoch durch den wirklich schönen Urwald. Vögel, Ziegen, Flora, Fauna, Brücke, Fluss, und die ganze Zeit diese angenehme Konversation. Auf dem Rückweg über ein steiniges Flussbett merkte ich, dass meine neuen Schuhe tatsächlich ihren Job machen. Sie sind besser als die Turnschuhe, müssen aber wohl noch ein bisschen eingelaufen werden. Menschen mit breiten, aber kleinen Füßen werden das kennen. Ich fühle die Schmerzen schon voraus. Das ist keine Vorahnung wie die kommenden Hämmer, das ist eine Prophezeiung. Aber immerhin sind meine Zehen besser geschützt.

Neben ihrer ungewöhnlichen Faszination für die Körper toter Tiere, aus Flugzeugen springen und fürs Klettern hat die Dame noch eine weitere Leidenschaft, und diese teilen wir sogar: die Fotografie. Deshalb dauerte der Rückweg noch ein bisschen länger. Mit Kirchenbesuch und entsprechendem Fotografieren im richtigen Licht und Winkel saßen wir irgendwann beim neuseeländischen Essen. Richtig neuseeländisch. Ein echtes Kiwi Restaurant. Und was gibt es als Spezialität? Zwei Seiten Speisen von Fish and Chips über Prawns mit Chips bis hin zum vegetarischen Curry. Nicht zu vergessen die zwanzigseitige Wein und Bierkarte. Neuseeländisch eben.

Danach saßen wir noch ewig auf der Veranda vor ihrem Hostel und palaverten über dies und das, und zum Abschied gab es für mich noch eine rote Kiwi von ihr. Sauer und frisch, zitronig, und dagegen bin ich immerhin nicht allergisch. Es juckt mich am nächsten Morgen jedenfalls nicht an irgendeiner verdächtigen Stelle.

Beeindruckende junge Dame. Ja, ich weiß, junge Dame klingt aus meinem Mund inzwischen wie eine Formulierung aus einer anderen Zeit. Aber in meinem Alter sind sie alle kleine Küken, Kiwiküken. Und ich bin eben einfach ein alter Mann. So ist das. Jedenfalls war es wirklich angenehm, ihre Gesellschaft gehabt zu haben und ein Abendessen nicht traurig und alleine in irgendeinem Restaurant verbringen zu müssen. Auch das mal wieder schön.

Zurück im Hotel machte ich mich dann noch an die Analyse der Absage, zusammen mit einer wirklich außergewöhnlichen und klugen Frau am Telefon, die mich davor bewahrte, eine emotionale Antwort rauszuhauen. Nicht aggressiv, das ist nicht mein Stil, aber eben doch emotional. Auch dafür pure Dankbarkeit. Dafür, dass ich mittlerweile wieder Menschen kenne, die einfach da sind.

Egal, welche Hämmer noch kommen, in diesem Sinne.

P.S.Da ich gerade mit dem Bus nach Nelson fahre, packe ich den Tag wohl auch noch kurz mit rein. Derselbe fröhliche Busfahrer wie gestern begrüßt mich schon freundlich mit Vornamen mit pH. Links Meer, rechts Berge, Brücken, Stopps, so geht das heute den ganzen Tag. Was ich wirklich viel sehe, sind Tourenradler, und alle haben dasselbe Setup und keinen Gepäckträger. Ich ärgere mich schon wieder, dass ich nicht mit dem Fahrrad hier bin. Aber die Schuld kann ich diesmal nicht auslagern, die Entscheidung habe ich selbst getroffen. Aber heute ist heute und morgen ist ein neuer Tag. Es wird ein anderes Mal geben, so viel ist sicher.

 
 
 

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