top of page

Queenstown die zweite

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 23. März
  • 4 Min. Lesezeit

Ich muss aufpassen, nicht dass ich mich noch verliebe. Nein, natürlich nicht in die Dame, die mir jeden Morgen meine beiden Espressi in dem kleinen Hostel macht, in dem es den besten Kaffee der Stadt gibt, sondern natürlich in Queenstown.

Sie ist aus Sydney, 28, kinderlos und glücklich (damit), ist hauptberuflich Weltenbummlerin und in Queenstown gestrandet. Eigentlich will sie weiter nach Südostasien, dort sei das Leben angenehmer, sagt sie. Gleichzeitig sucht sie aber einen Mitbewohner für ihre Wohnung, weil das Leben hier eben auch absurd teuer ist. Ihre deutsche Mitbewohnerin ist gerade ausgezogen. Mit australischem Pass kann sie hier so lange bleiben, wie sie will, und sie macht Kaffee aus lateinamerikanischen Bohnen, die in Neuseeland geröstet wurden. Die beste Kombination aus beidem, wie sie immer anmerkt.

Der Kaffee ist hervorragend, die Gespräche mit ihr auch. Wir haben uns auf den ersten Blick verstanden. Sie geht gern feiern, auch das ist teuer hier, der Abend kostet schnell ein kleines Vermögen. Augenzwinkern. Ich bin zu alt für den Scheiß, kommt mit einem Lächeln zurück. Von ihr weiß ich auch, woher der Begriff Hangover* kommen soll. Sie sagt, jedes Mal wenn sie feiern war, ist der nächste Tag einfach nicht zu gebrauchen, man kann höchstens noch arbeiten gehen. Sie findet die Neuseeländer auch sehr viel angenehmer als ihre Landsmänner und Landsfrauen. Hat aber auch eine Erklärung dafür. Die Städte hier sind viel kleiner und in Kleinstädten ist man eh freundlicher. Das Panorama ist besser, außerdem und sowieso, Queensland ist wie Texas, du verstehst? Ich habe schon erwähnt, dass ich den Sydney Akzent toll finde, oder?

Wenn ich noch länger hier bleibe, wird es gefährlich. Sie suchen hier Barmänner oder Aushilfsköche, das kann ich, und zu meinem Leidwesen bekomme ich gerade mehr Arbeit rein, als ich eigentlich wollte. Deswegen saß ich die letzten zwei Tage hier in der Stadt fest und bin nicht noch auf einen Hike. Mir geht die Zeit aus. Ich muss dagegen mal wieder etwas tun. Ich wollte vielleicht drei bis fünf Stunden pro Woche arbeiten, nicht jeden Tag acht. Zur Wahrheit gehört auch, dass meine Fußknöchel zwar wieder gut sind, die Blasen an den Zehen aber noch zwicken. Nichts Schlimmes, aber eben ein Grund, nicht zu gehen. Wenn man einen Grund braucht, findet man schon immer eine Ausrede. Das, und neue Schuhe, das, und dass mir die Zeit ausgeht. So werde ich morgen schweren Herzens Queenstown verlassen, mit dem Bus.

Kein Rees Track. Der Dart ist auch geschlossen. Versteht man, wenn man es versteht. Jason Momoa bin ich übrigens auch nicht über den Weg gelaufen. Laut einem Busfahrer soll er hier irgendwo Grundstücke besitzen. Um ehrlich zu sein, ich finde es hier wirklich schön. In einem anderen Leben würde ich vielleicht auch einfach hierbleiben. Aber mich zieht es weiter. Neuseeland ist noch so groß, es gibt noch so viel zu sehen, eine ganze Insel. Ob die überall so freundlich, nett, zuvorkommend und höflich sind? Das muss ich noch ergründen.

Ich könnte nach Dunedin, wo die einzige Albatroskolonie auf menschenbesiedeltem Land nistet, und dann wieder nach Christchurch, um noch ins Antarktismuseum zu gehen. Von dort aus sind die Briten Richtung Pol gestartet. Oder ich grabe mich noch tiefer in die Māori Geschichten ein, denn hier in Queenstown wird man immer wieder auf eine aufmerksam gemacht.

Sie geht ungefähr so: Vor langer Zeit gab es am Whakatipu Waimāori, dem heutigen Lake Wakatipu, Wettkämpfe junger Frauen im See, aber niemand schwamm ganz hinüber. Hākitekura, die Tochter des Kāti Māmoe Rangatira Tuwiriroa, beobachtete das vom heutigen Ben Lomond aus, nahm trockene Raupō Fasern und einen Kauati, also einen Feuerbohrer, mit und schwamm noch vor Sonnenaufgang los. Sie orientierte sich an zwei Gipfeln auf der anderen Seite des Sees, den heutigen Cecil Peak und Walter Peak, die in der Überlieferung Kā Kamu a Hākitekura heißen, also ungefähr das Funkeln oder Blitzen, das Hākitekura sah. Interessanterweise sind das die Gipfel, hinter denen ich die Aurora fotografierte. Am Ufer bei Te Ahi o Hākitekura, dem heutigen Refuge Point, kam sie an Land und entzündete ein Feuer. Als ihr Vater das Flackern sah, schickte er ein Waka, um sie zurückzuholen.

Und die Gegend rings um den See blieb für Māori auch deshalb besonders wichtig, weil man von hier auf alten Wegen zu kostbarem Pounamu zog, dem grünen Stein, Greenstone, gefunden unter anderem am oberen Ende des Dart River. Für die Māori ist Pounamu ein taonga, also ein Schatz, ein heiliger Stein voller mana und mauri. Wenn man über so einen Stein streicht, wie man es hier in der Stadt tun kann, bedeutet das oft Verbindung, Respekt und Erinnerung. Man tritt mit der wairua und mauri des Steins in Beziehung, und das Berühren kann ein Gefühl von whanaungatanga ausdrücken, also Verbundenheit. Keine starre Bedeutung, eher etwas, das vom Ort und von der jeweiligen tikanga abhängt.

Es ist zauberhaft hier. Die Mischung aus laubabwerfenden Bäumen in ihren Herbstfarben und den immergrünen Bäumen macht etwas ganz Eigenes aus dieser Stadt. Das Cityzentrum ist mehr eine große Mall, aber nicht schlimm, wenn man weiß, wo man hin muss, oder wenn man Tipps bekommen hat. Galerien gibt es hier auch viele, mit wirklich außergewöhnlicher Kunst. Der Garten ist schön, man kann Frisbee spielen, es gibt spezielle Körbe, und am See lässt sich ohnehin alles machen: schwimmen, paddeln, Motorboot fahren, mit irgendwelchen neumodischen Tauchgeräten durchs Wasser schießen oder einfach nur daliegen und die Natur anschauen, völlig umsonst.

Und dann ist da wieder dieser Kaffee. Wenn ich nicht aufpasse, verliebe ich mich noch in diese Stadt und bleibe einfach hier. Und das ist gerade das Letzte, was ich gebrauchen kann. Deswegen fahre ich morgen weiter nach Franz Josef. Bei dem Namen kommen bei mir keine Frühlingsgefühle auf. In diesem Sinne.


*Der Hangover: Die Geschichte, wonach sich der Begriff von armen Menschen im viktorianischen England ableitet, die sich betrunken zum Schlafen über ein Seil hängten, den sogenannten two penny hangover, könnte auch falsch sein. Aber lustig ist sie trotzdem.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare


bottom of page