top of page

Queenstown

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 15. März
  • 5 Min. Lesezeit

Diese Busfahrt allein war schon eine Geschichte wert. Abends hatte ich mich entschlossen, nach Queenstown zu gehen, beziehungsweise zu fahren, und buchte relativ kurzfristig noch einen Intercity. Klar war, dass die bequeme Fahrzeit nicht mehr verfügbar war, also hieß es früh los. Ich stand dreißig Minuten vor Abfahrt am Bahnhof. Und siehe da, der Bus kam, wie im Internet angekündigt, fünfzehn Minuten früher, und zwei Minuten später saß ich schon auf meinem Platz. Pünktlich ging es los.

Womit ich nicht gerechnet hatte, war das Palaver, das nun begann. Der Fahrer plauderte pausenlos über das Mikrofon. Er erzählte Geschichten, kommentierte dies und das, und überhaupt schien er zu jedem Busch, jedem Hügel und jedem Ort eine Meinung zu haben. Wir hielten hier, wir hielten da, fuhren vorbei am Lake Tekapo, dann am Lake Pukaki bis kurz vor den Mount Cook, der wirklich ausgesprochen fotogen ist. Dann Mittagspause und Fahrerwechsel. Wer nun gedacht hat, der Neue wäre ruhiger gewesen, oh nein. Der drehte das Mikrofon erst richtig auf und kannte offenbar jeden Grashalm mit Vornamen. Das war eine Fahrt. Stopp hier, Stopp da, dann über den Lindis Pass und weiter Richtung Queenstown und Lake Wakatipu. Und wer gedacht hat, das sei es gewesen, nein. Er drehte noch eine Extrarunde mit uns, weil er meinte, er müsse noch jemanden an einem Hotel außerhalb absetzen. Es stieg nur keiner aus. Also hatte er sich wohl geirrt, sagte er fröhlich und fuhr uns zurück in die Stadt, wo er uns schließlich herauswarf, jedem noch sein Gepäck in die Hand drückte, ohne dabei auch nur eine Sekunde seinen Redefluss zu unterbrechen. Halleluja.

Es waren wirklich schöne zehn Stunden. Die Landschaft ist toll. Und so stand ich dann in diesem Postkartenstädtchen Queenstown, gegründet irgendwann achtzehnhundertirgendwas von einem Mister Rees, der dort wohl irgendwie eine Hütte baute. Dann kam 1866 der Goldrausch, die vielen Nuggets in den Bächen und Sandbänken waren aber schnell eingesammelt von den Zehntausenden, die da plötzlich kurz über Mordor herfielen. Danach war wieder Ruhe, bis dann irgendwann der Tourismus Fahrt aufnahm.

Es ist wirklich hübsch hier, und man kann viel machen. Wandern, Skifahren, Bergsteigen, Boot fahren, Rad fahren, hier gibt es für jeden etwas. Queenstown an sich ist allerdings eher so etwas wie eine Einkaufsmall für Outdoorleute. Outdoorkleidung? Bekommt man hier, ganz problemlos. Überall kann man Sachen buchen. Hubschrauber, Paragliding, Kanufahren, ziemlich viel, was mit Höhe verbunden ist, und jeder, der diesen Blog verfolgt, weiß, was ich von Höhen halte. Mir reichte heute schon beinahe wieder die Gondelfahrt zum Bob’s Peak. Hoch ging es allein, mit dem Rücken demonstrativ zum Panorama. Ich drehte mich ein paarmal um, ging eigentlich. Als Kind war ich auch Skifahren, da war das alles kein Problem. Die Rückfahrt ebenso, Rücken schön zum Panorama.

Ich unterhielt mich auf der Rückfahrt mit ein paar älteren Herrschaften, und ich muss sagen, sie hörten nicht nach dem ersten Satz auf, mit mir zu reden, bloß weil ich nicht aus der Gegend bin. Was für ein Novum. Ich war erstaunt, das bin ich gar nicht mehr gewohnt. Selbst als ich einen Fehler im Englischen machte, kein Problem. Sie lachten, als ich ihnen erzählte, dass ich Höhen nicht mag, und die älteste von ihnen, ich glaube sie war so um die achtzig, erzählte mir von ihrem Tandemparagleitsprung. Als wir an der Bungyrampe vorbeifuhren, die sichtbar leer war, lächelten sie und sagten, der Sport sei wohl mittlerweile etwas außer Mode geraten. Sie lachten und meinten, ich solle doch lieber Boot fahren, das sei schön, und es gäbe auch noch einen Rosengarten. Die Alten saßen da und machten sich ein wenig lustig über mich und meine kleine Höhenangst, und es tat gut, mit ihnen zu lachen. Das hatte ich schon ein Jahr nicht mehr.

Wenn man sich ein bisschen in Queenstown bewegt, erkennt man sofort, dass es sehr viele japanische Touristen gibt. Ja, es sind Japaner, sie verraten sich. Man muss nur eine kleine Verbeugung andeuten, und schon geht es los, das sitzt einfach tief. Und sie benehmen sich manchmal wie kleine Kinder, und das zu beobachten macht richtig Spaß. Wenn die ich weiß nicht wie alte Oma sich ein Eis bestellt, als vierte oder fünfte in ihrer Gruppe, und dann genau das bestellt, was die vor ihr bestellt hat. Wie sie sich fotografieren und es gleich posten. Wie sie die Speisekarte mit dem Handy scannen, um sie zu übersetzen. Wie sie zusammen beraten, was nun zu tun ist. Wenn eine dann noch etwas Extravagantes bestellt, irgendeine Schokokuppel auf dem Eis. Wie kleine Kinder, mit einer diebischen Freude daran, Dinge zum ersten Mal zu machen. Es tut so gut, das zu sehen. So befreiend. Firsts in life, die sind so wichtig, vor allem hier in dieser Postkartenatmosphäre.

Abends nach der Busfahrt bezog ich erst einmal mein Hotel. Ein kleines Zimmer mit riesigem Bett und Panoramafenster zum See, kleine Dusche, kleine Küche und eine wunderschöne Aussicht. Ich war dann erst einmal beschäftigt, mir eine kleine Tour zusammenzustellen. Man muss die Hütten im Voraus buchen, zumindest bei den meisten Runden, und viele Hütten sind ausgebucht. Dann bin ich logistisch noch ohne Auto unterwegs, das dauert eine Weile, bis man etwas zusammenhat. Aber ich habe jetzt eine kleine Viertagestour als Einstieg zusammen, einfach um reinzukommen und zu sehen, wie ich mit dem Gepäck klarkomme. Nichts Spektakuläres.

Ich dachte mir, ich muss es ja nicht gleich wieder so machen wie das letzte Mal, mit dem Fahrrad im Mai von Stuttgart nach Rom, ohne Navigation, ohne richtiges Equipment, mit Schnee auf den Alpen und fünfunddreißig Grad auf der Villa Aurelia. Diesmal gibt es keine Möglichkeit, unterwegs mal eben etwas nachzukaufen oder nachzuladen. Das muss sitzen. Also lieber etwas Einfacheres zum Einstieg. Mit massig Gepäck, das man unterwegs auch nicht einfach entsorgen kann. Man muss sogar seinen Müll mitschleppen, sogar das Klopapier soll man wieder mitnehmen. So ist das hier.

Ich bin gespannt, wie das wird, mit zweiundzwanzig Kilometern am Tag und knapp dreißig Kilogramm auf dem Rücken. Ich freue mich darauf und hoffe, dass ich an meine Grenzen komme. Sollte ich zu viel Gepäck haben, muss ich erst einmal meine Milch vernichten, dann bin ich auch direkt ein paar Kilo leichter. Insgesamt habe ich berechnet, dass ich in vier Tagen ungefähr einundzwanzig- bis vierundzwanzigtausend Kilokalorien zu mir nehmen sollte, und ungefähr so viel habe ich eingepackt. Riegel, Müsli, Käse und Brot. Keine Bananen, die Schalen müsste ich mitschleppen, aber ein paar Äpfel. Dazu noch ein paar Notfallgels. Müsli geht zur Not auch mit Wasser. Ich weiß, Fertigprodukte sind viel leichter, jedoch habe ich damit meine bekannten Probleme und bereits einen allergischen Schock hinter mir.

Der Auslöser ist mir immer noch unklar, mittlerweile ist es aber wieder viel besser. Wenn ich tippen müsste, würde ich sagen, es war eine photoallergische Reaktion, keine reine Sonnenallergie. Die hätte ich wohl schon früher in meinem Leben haben müssen. Meine Augen sind immer noch lichtempfindlich. Wäre es eine reine Kontaktallergie gewesen, hätte ich am ganzen Körper Ausschlag gehabt. Wenigstens jucken meine Ohren nun nicht mehr und mein Gesicht ist auch nicht mehr ganz so stoppschildähnlich. Ich fragte den Verkäufer bei Kathmandu noch, ob ich das Zeug waschen solle, bevor ich es anziehe. Nein, brauchst du nicht. Beweisen könnte ich es wohl nur durch Wiederholung, aber darauf verzichte ich lieber. Immerhin kann ich nun mit Stolz behaupten, dass ich Kiwibeeren nicht vertrage. Diese Dinger sehen aus wie Kiwis in Beerengröße und schmecken wie eine Mischung aus Stachelbeere und Kiwi. Die lösten bei mir den ganz normalen Juckreiz aus, trotz Antihistaminikum. Funny, aber lecker.

Ach, ich bin heute ein bisschen uninspiriert im Schreiben. Das kommt bestimmt nach meiner Viertagestour zurück, in der ich wohl keinen Netzempfang haben werde. In diesem Sinne.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare


bottom of page