Port Vila – Vanuatu
- R.

- 28. Apr.
- 7 Min. Lesezeit

Nun habe ich schon beinahe die letzten Tage Neukaledonien beziehungsweise Nouméa wieder verdrängt, das geht schnell, wenn man unterwegs ist. Deswegen versuche ich so schnell wie möglich zu schreiben, um die Sachen noch frisch und unausgegoren im Kopf zu haben. Leider ist es nun so, dass einem, wenn man etwas ganz arg toll findet, von dem man aber weiß, dass es bald zu Ende gehen wird, die Zeit wie Sand zwischen den Fingern zerrinnt. Es geht so schnell vorbei, und das macht einen schon einige Tage im Voraus leicht melancholisch. Mich zumindest. So war es mit mir und Nouméa, die letzten Tage Nouméa. Was soll ich sagen, ich versuchte, mir so viel wie möglich einzuprägen, von der Stadt und vom Strand, dem Zitronenstrand. Aufsaugen und das Gehirn prägen über Musik und Bilder.
Leider war das Wetter nicht mehr gut genug für einen Bootsausflug, beziehungsweise bekam ich mittags ein ja ja, morgen gehen wir, und abends ein nee, doch nicht. Schade. Ich wäre gern noch einmal raus und hätte mir eine weitere Insel angeschaut. Amédée fehlt also. Îlot Canard hätte ich noch machen können oder so viel anderes, aber ich nahm vorlieb mit dem Zitronenstrand. Habe ich mir das andere für das nächste Mal aufgehoben, wie üblich. Ich denke, es wäre es wert, noch einmal hinzugehen, mit ein bisschen mehr Vorbereitung, einem erneuerten Tauchschein und vielleicht einem Fahrrad.
Wie es auf Neukaledonien so üblich wurde, wurde mein Abflug auch verschoben, nach vorne, das heißt kein Drama. Ich bekam jeden Tag vier E-Mails, dass dem so ist, schon vier Tage im Voraus. Also alles ganz gemütlich. Morgens noch zwei Kaffee in meinem neuen Café, ich vermisste mein Atrium schon ein bisschen, und noch ein letzter Blick auf den Zitronenstrand, und dann ging die Fahrt zum Flughafen. Warum ich die Inseln nicht mehr gemacht habe? Nun ja, beim Blick auf den Abflugplan, alle Flüge gecancelt. Puh. Es ist schon ein bisschen schwierig, spontan etwas auf dieser Insel zu unternehmen, wenn einem die Zeit ausgeht. Würde ich noch einmal planen, würde ich mehr Zeit auf der Insel verbringen und hätte mein Fahrrad dabei, aber es ist, wie es ist, und nun stand ich schon am Flughafen.
Es war nicht viel los, und dann weiß ich schon, was das bedeutet, jeder wird ein kleines bisschen genauer betrachtet. Meine zweite Tasche wäre kein Handgepäck, sagte sie. Die Tasche, in der ich alle Batterien transportiere. Und nachdem sie mir das Gepäckstück auf die Waage legte, hatte sie auch recht, zu schwer. Ich war kurz in Versuchung umzupacken, dachte mir dann aber, die alte Weisheit, zwei Operatoren, zwei Auslegungen, erst einmal das zu checken, und siehe da, der junge Mann am Schalter blickte mein Gepäck an, sagte gut, hast du zwei Taschen, irgendjemand hat keine, passt schon, und drin war sie. Noch die Batterien davor umgepackt. Ne problem pas. Und nach dreimaliger Zollinspektion mit Bargeldbefragung auf Deutsch saß ich dann auch endlich im Flieger, neben mir ein Mann vom Schlag Männchen, breitbeinig, laut, Zähne hätte er putzen können. Ach, manchmal hat man kein Glück, manchmal kommt noch Pech dazu. Der Flug über Neukaledonien, oh Mann, ich habe da wirklich noch was liegen lassen. Diese Insel ist der Hammer, und ich muss zurückkommen.
Somit stehen nun Neuseeland, Südinsel, und Neukaledonien auf der Liste: Da muss ich noch einmal hin. Schauen wir mal, ob da noch was dazukommt.
Ich hatte mir das Wetter der kommenden Tage angeschaut, laut App eher regnerisch, und tue dir einen Gefallen, ergab die Zwei-Minuten-Recherche: Hol dir Bargeld am Flughafen und vergiss das Mückenspray nicht. Du kommst in Malariagebiet. Also beste Voraussetzungen. Dann schaute ich mich noch nach einem Hotel um, und da sprang mir eine Unterkunft auf einer Insel ins Auge, Iririki, Meerblick aud Sonnenuntergangsseite, und ich dachte mir, wieso eigentlich nicht. Port Vila auf Vanuatu auf einer Insel, warum eigentlich nicht. Und die Wahl war so gut und so schlecht, wie sie nur sein konnte.
Aber zuerst, Vanuatu. Wer kennt es nicht. Das Südseeparadies? Vanuatu ist kein einzelnes Inselparadies, sondern ein melanesischer Inselstaat aus 83 Inseln, dessen Reiz weniger in Perfektion als in seiner rauen, lebendigen Vielfalt liegt. Hier begegnet man nicht nur tropischem Wasser, Erdbeben und Vulkanen, sondern vor allem einer Kultur, in der Kastom bis heute kein Museumswort ist, sondern gelebter Alltag, getragen von Ahnenbezug, Respekt, Naturverbundenheit und weitergegebenem Wissen. Kastom bedeutet in Vanuatu weit mehr als Brauchtum, es ist eine gelebte Lebensweise aus Ahnenwissen, Ritualen, Regeln und Gemeinschaft. Wer das Land verstehen will, muss deshalb nicht nur auf Strände und Palmen schauen, sondern auf das, was unter allem weiterwirkt. Dazu kommt eine sprachliche Vielfalt, die fast unwirklich wirkt. Bislama, Englisch und Französisch sind die offiziellen Sprachen, daneben gibt es im Land über 100 lokale Sprachen. Gerade das macht Vanuatu so besonders, denn es wirkt oft weniger hübsch geweist als andere Pazifikziele und dafür unmittelbarer, ursprünglicher und kulturell dichter. Wer hier ankommt, merkt schnell, dass Vanuatu nicht nur schön ist, sondern eine eigene Temperatur hat, mehr Dorf als Fassade, mehr Wirklichkeit als Kulisse.
So, das sind die Texte aus der Werbebroschüre. Die Realität? Nun ja, ich steige nur in Port Vila ab, ein paar Nächte, und deshalb egal was kommt, es wird schon. Am Flughafen Standardprozedere. Zum ersten Mal hier? Ja? Wo bist du her? Willkommen an Vanuatu. Hast du was zu verzollen? Nein? Ein Zelt. Ach komm, geh da in die Verzollungsschlange, da kommst du schneller durch. War auch so. Kaum draußen, he, du brauchst du ein Taxi? Erst mal Bargeld. Ach, der Fahrer lässt dich am Automaten raus. 2000 VUV dann bis Iririki, normal wären eventuell 1000 VUV, aber okay, und schon an einer langen Schlange vorbei im Taxi. Der Fahrer begann auch gleich: Was willst du denn sehen hier? Ich sagte, was ich denke? Er sagte, da kann ich dir eine Tour zusammenstellen, Halbtag, du und ich? 15000 VUV. Ich werde es mir überlegen, war nicht die Antwort, die er hören wollte. 12000 VUV. Na, ich brauche erst einmal Internet, ob er mir seine Nummer geben könne? Da war er schon beleidigt. Das ist sogar für meine Verhältnisse schnell. Kaum zwanzig Minuten auf einer Insel und schon jemand tief beleidigt. Meinen persönlichen Rekord eingestellt, würde ich sagen.
Der Weg war nun auch eher eine lange Schlange an Autos. Vorbei an Hütten und Meer. Port Vila wurde im Dezember 2024 von einem Erdbeben heimgesucht, vieles ist noch nicht wiederhergestellt, und das merkt man. Port Vila, die kleine Hauptstadt Vanuatus auf Efate, liegt an einem großen Naturhafen und wirkt weniger wie eine eigentliche Metropole als wie ein tropisches Tor zu Lagunen, Inseln, Märkten und Bootstouren. Seit dem Erdbeben vom 17. Dezember 2024 trägt die Stadt jedoch auch sichtbare Brüche, denn Teile des Zentrums waren oder sind aus Sicherheitsgründen gesperrt, während Wiederaufbau und Reparaturen weiterlaufen. Gerade dadurch wirkt Port Vila heute nicht nur schön, sondern auch verletzlich und zäh, eine Hafenstadt, die sich ihr entspanntes Gesicht bewahrt hat, obwohl der Alltag nach dem Beben noch immer nicht ganz wieder derselbe ist. Und bei einigen Gebäuden sieht man chinesische Aufbauhilfe, die sind hier sehr prominent vertreten. Ich sag es nur so.
Er ließ mich an der Bank raus, dann am Bootsanleger zum Hotel. Da stand ich nun kurz orientierungslos, und schon griff man nach meiner Tasche und meinem Rucksack, kurzer Namensabgleich, und ich stand auf dem Boot zur Hotelanlage. Inmitten von anderen Ankömmlingen und zu meiner allergrößten Freude meine Lieblinge, alles Australier. Um mich herum lauter "naaaarrr", "woader" und andere Dialektigkeiten, die ich so unglaublich liebe. In der Mitte auf dem Boot stand einer und sagte: it’s a bit culture shocking here. Was er genau meinte? Keine Ahnung. Vermutlich eine der üblichen rassistischen Bemerkungen, die sie üblicherweise von sich geben, ohne es so zu meinen. Ich dachte kurz an Kielholen, auf dem Boot, entschied mich dagegen, keine Haie in Sicht, nur lauter bunte kleine Fischleins, und steckte mir meine Musik in die Ohren, um mir den Scheiß (Dialekt) nicht mehr anhören zu müssen.
Kaum am Anleger, schon wieder empfangen, mit einem Drink, wenigstens alkoholfrei, und mein Gepäck wurde auf mein Zimmer gefahren. Ich durfte laufen. Nicht jedoch, bevor ich nicht eine Einweisung in die wirklich große Anlage bekommen hatte. Von einer freundlichen älteren australischen Lady, die wohl alle hier begrüßt und die sonstigen Mitarbeiter anweist, zu tun, was sie halt tun sollen. Ich war ein kleines bisschen überfordert, bin ich ja eher von der Sorte: Du willst meine Koffer tragen, Vorsicht, die sind schwer, kann ich sie dir abnehmen. Aber gut, nachdem ich meinen üblichen Gang rausgenommen habe und mir die Einweisung über mich ergehen ließ, durfte ich dann auch den Weg zu meinem Zimmer in Angriff nehmen.
Ich weiß jetzt auch, warum ich etwas zum Spezialpreis habe. Bagger vor dem Fenster und kaum Internet in der Bude, aber einen exzellenten Blick auf den Sonnenuntergang. Wer braucht schon WLAN auf seiner Bude, wenn er einen Whirlpool auf der Sonnenuntergangsterrasse hat. Und der Bagger, Musikstöpsel rein, Bagger aus. High class Resort mit Schnorchelcove für Low Budget Preis. Geht doch. Woanders hast du Kinderspielplätze vor der Fresse. Frühstück inklusive, von 7:30 Uhr bis 10 Uhr. Aber so musste ich heute Morgen feststellen, wir sind australisch geprägt, das heißt, wenn du um 9 Uhr kommst, haben alle schon gefrühstückt. Ja, die stehen alle so früh auf, muss ich schon die "naaaarrrs" nicht hören. Aber, und was viel schlimmer ist, englisches Frühstück. Wah. Du gründest auf der ganzen Welt Kolonien, treibst Handel wegen Gewürzen und Tee, und das Einzige, das du hinbekommst, ist was? Das? Kulinarik für den Arsch. Und die machen sich lustig über kontinentales Frühstück. Da stehst du dann vor der Baked Beans Pampe, mit Speck und irgendeinem Ei, das vergewaltigt wurde, und wünschst dir ein Nutellabrötchen. Nur eins.
Entgegen meiner Gewohnheiten bin ich nicht wie irre durch Port Vila gerannt. Ich habe nicht so viel Zeit, habe mir stattdessen ein paar Touren für die nächsten Tage gebucht und den Tag heute genutzt, mich nur ein bisschen umzuschauen, nur ein kleines bisschen. Ich war kurz einkaufen, und was soll ich sagen, die Supermärkte sind anders, ganz anders. Die Regale sind nicht so voll, und was du findest, ist jetzt nicht das, was du gewohnt bist zu bekommen. Ich werde mich noch einarbeiten, aber sie sind stolz auf das, was sie produzieren, ihr Bier, ihr Rindfleisch sowie ihre Süßkartoffel.
Ansonsten habe ich den Tag mit Pumpen verbracht. Die haben hier ein Gym über ihrem Resort Beach, das musste ich zwei Stunden in Beschlag nehmen. Irgendwie hatte ich Bock auf Maximalkrafttraining, mit viel Rumsitzen und aufs Meer starren. Irgendwie bin ich nicht schwächer geworden die letzten Wochen. Eigentlich ist es ja so, dass wenn du von einem Training, wie dem Isolationstraining der letzten Wochen, damit der Bizeps nicht zu sehr schrumpft, auf ein Freihanteltraining umstellst, die Nervenbahnen erst einmal wieder lernen. Neuromuskuläre Koordination nennt man das im Jargon. Von den Gewichten her, die ich heute gedrückt habe, ich bin zufrieden mit meiner Entwicklung, das war schon mächtig. Und für ein Hotelgym haben die richtig was rumliegen an Gewichtsscheiben, schön. Dann war ich noch schnorcheln. Nicht ganz eine Insel in Neukaledonien, aber die sind auch speziell. Hier muss man schon mehr schwimmen, um das Gleiche zu sehen, jedoch auch sehr schön. In diesem Sinne.



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