Pick Your Favourite City
- R.

- 5. Juni
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Juni

Pick what you like, so bin ich vorgegangen.
Ich saß noch auf Magnetic Island und wusste, viel Zeit bleibt mir hier unten in Down Under nun nicht mehr. Entweder mache ich noch etwas, was ich bisher nicht gemacht habe, schon wieder, oder ich schaue mir noch einmal etwas an, das ich schon einmal besucht hatte.
Ich überlegte Perth oder Alice Springs. Holy shit, war Alice Springs teuer. Schon allein der Flug. Und Perth, ja, wieso eigentlich nicht? Aber dann dachte ich: Warum nicht Melbourne?
Der ganze Trip kostet mich weniger als ein Flug nach Alice Springs, und man muss sich die Gegend auch einmal im Winter anschauen. Alle jammerten mir immer vor, dass es im Winter in Melbourne so kalt sei. Anfang Juni ist hier umgerechnet Anfang Dezember. Also saß ich am Flughafen in Townsville und stellte mir meinen Trip zusammen. Über Brisbane fliegen und dann gleich weiter nach Melbourne.
Bei den Hotelpreisen kam mir das Lachen. Melbourne ist im Vergleich zu vielem anderen wirklich günstig. Da hatte ich sogar die sechzig Extra Dollar für ein Zimmer mit Aussicht auf die Skyline übrig. Und was soll ich sagen? Eine Investition, die sich ausgezahlt hat, finde ich.
Mein Herz jammerte noch ein bisschen wegen der verpassten Perth Gelegenheit. Genau in dem Moment landete in Brisbane verspätet der Flieger aus Perth, der später meiner nach Melbourne werden sollte. Die Passagiere, die ausstiegen, sahen alle nicht sehr glücklich aus. Auch der Kapitän entschuldigte sich für die Verspätung. Der Flug muss ziemlich heftig und ruppig gewesen sein. Unwetter in Perth. Und schon war ich vollständig glücklich mit meiner Entscheidung.
So einfach kann es gehen.
Trotz Verspätung kam ich noch früh genug in Melbourne an, um den SkyBus in die Stadt zu nehmen. Als ich aus dem Flughafen trat, traf mich erst einmal die Temperatur. Nette zehn Grad. Frisch. Herrlich. Ich war vorbereitet, mit Jacke und langer Hose.
Kurz nach ein Uhr nachts war ich in meinem Hotel, das ich mir in der Nähe des SkyBus Bahnhofs genommen hatte. Als ich ins Zimmer kam, sah ich schon durch die Jalousie, was ich sehen wollte: die nächtliche Skyline. Natürlich die Hinterhof Skyline und nicht die teure Flusslagen Skyline. Aber hey, ich bin ein Kind der Hinterhöfe. Warum etwas vortäuschen, was man nicht ist?
Am nächsten Morgen kam ich natürlich schwer aus dem Bett. Nach einem Transfertag steckt mir das mittlerweile in den Knochen. Ich bin ja auch keine fünfundvierzig mehr. Wie sollte es auch anders sein?
Aber der Kaffee trieb mich aus dem Bett. Beziehungsweise das Verlangen danach.
Ich wackelte Richtung Queen Victoria Market, einem der Hauptgründe für meine Melbourne Entscheidung, nur um festzustellen, dass dieser montags nicht geöffnet ist. Montags und mittwochs. Gut, notiert.
Also setzte ich mich ins Café auf der anderen Straßenseite.
Der Winter in Melbourne ist wie Herbst bei uns. Süddeutscher Herbst, wohlgemerkt, nicht dieser Kram, den man im Ruhrpott hat, wo sich auch der Sommer wie Herbst anfühlt, nur feuchter.
Was macht man also mit diesem Tag? Fragte ich mich nach dem zweiten Kaffee.
Genau das: Kaffee trinken und durch die Stadt schlendern.
Ich hatte meinen Laptop dabei, weil ich noch ein paar Dinge erledigen musste. Irgendwann mittags war ich wieder im Hotel, weil es dann doch anfing zu regnen, und ich mit einem Tisch vor dem Fenster eine wirklich schöne Aussicht hatte. Außerdem, wie viel Kaffee kann der Mensch trinken? Also ich vielleicht fünf oder sechs. Danach wird vieles eher schwierig bis unmöglich.
Dann kam der Dienstag.
Endlich Markt. Endlich Ingwer Shot. Endlich.
Und als Geheimtipp: Der Dienstag ist wirklich einer der ruhigeren Tage auf dem Markt. Da kommt man sogar ins Plauschen. Die Melbourner sind wirklich eher gechillt und schnacken gern mit einem.
Alessandro war mein Kaffee Dealer für den Tag, an einem der Stände. Woher ich komme, was ich alles anschauen will, wollte er wissen. Dann kamen die Tipps. Unbedingt da vorne die American Donuts, die seien heiß und lecker. Und unbedingt der Royal Botanic Garden und die Museen. Er schwärmte.
Es ist selten, dass Einwohner so begeistert von ihrer Stadt sind. Er hat dieselbe Liebe zu Melbourne wie ich zu Stuttgart.
Alessandro ist Kind von Einwanderern aus Argentinien, wie er mir erzählte. Argentinier. Lustiges Völkchen. Sehen aus wie Italiener, benehmen sich wie Briten, und Buenos Aires hatte zumindest einmal die höchste Psychologendichte weltweit. Aber ich schweife ab.
Melbourne.
Interessanterweise wirkt das Stadtbild von Melbourne sehr international, teilweise südostasiatisch geprägt. Etwa dreiundzwanzig Prozent chinesische Abstammung, etwa sechseinhalb Prozent indische Abstammung. Rund die Hälfte der Einwohner der Hauptstadt Victorias hat Migrationshintergrund, beide Elternteile eingewandert, und irgendwie merkt man das der Stadt an.
Gleichzeitig wirkt Melbourne viel europäischer als viele andere australische Städte. Oder ein bisschen wie eine Stadt an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Keine dauergrünen Laubbäume, herbstliche Temperaturen, ein anderer Rhythmus. Wie gesagt, die Australier sagten alle, Melbourne sei eiskalt im Winter. Der Wind kommt wohl auch vom Pol. Aber in diesen paar Tagen war es wirklich nicht zu kalt. Gute Kleidung, in meinem Fall Baumwolljacke über zwei Lagen Shirts, und das war es. Ich bin anderes gewohnt. Ich genieße das hier regelrecht.
Ganz angenehm.
Und dann sind die Menschen eher von der netten Sorte. Sie reden mit dir, an den Ständen, wenn du etwas kaufst. Es ist wirklich angenehm in dieser Stadt. Klar rennen sie hier auch herum und gehen ihren Geschäften nach. Klar drängen sie sich an dir vorbei, wenn du Platz lässt. Aber ich habe ohnehin meist den Kopf in den Wolken, schaue mir die Hochhäuser an oder sitze in Museen herum.
Ich lasse die Seele baumeln.
Ich reflektiere über das Leben, über mein Leben, sitze bei Regen in meinem Zimmer und starre auf die Skyline. Und mache genau das Gleiche.
Ja, Regen. Gestern hatte ich so einen Tag. Auch nicht wirklich unangenehm. Ich mag das ja, wenn Regen die Häuserschluchten hinunterfällt und der Wind einen fast umbläst. Ich stehe da drauf. Es erinnerte mich daran, wie ich in Manhattan im Spätsommer ein Gewitter aufziehen sah. Das war beeindruckend und spektakulär, wie es durch die Straßenschluchten zog. Und so war es hier auch. Nur ein kleines bisschen kälter.
Ich war dreimal in der National Gallery of Victoria. Dieser rote Saal mit den europäischen Werken hat es mir wirklich angetan. Auch sonst ist es eine wirklich gut gemachte Galerie.
Ich marschierte den Yarra River auf und ab. Ich war tatsächlich im Royal Botanic Garden, und ja, er ist gut. Nicht wie die botanischen Gärten in manch anderen australischen Städten. Er ist wirklich gut. Beinahe wie die Anlagen in, ihr wisst schon wo.
Warum gibt es in Stuttgart eigentlich keine Skyline? Richtig. Die Frischluftschneise würde im Kessel fehlen.
Tatsächlich habe ich mir diese Donuts auf dem Queen Victoria Market angetan. Zu meiner Überraschung hielt ich Berliner in der Hand. Original Berliner, mit Marmeladenfüllung, warm. Lecker, aber nun nichts Besonderes. Aber lecker.
Und so gingen die Tage nun doch relativ schnell vorbei. Das passiert, wenn man mit dem Kopf nach oben durch die Stadt läuft oder sich mit dem öffentlichen Nahverkehr auseinandersetzt.
Melbourne hat einen guten öffentlichen Nahverkehr. Zwar bist du im Central Business District zu Fuß vermutlich schneller unterwegs als mit diesen Waggons, aber hey, sie sind umsonst. Genau wie der Eintritt in die Galerien und Museen. Und die Hotels sind billig.
Also ich stehe auf diese Stadt.
Nicht nur wegen des Marktes, der wirklich besonders ist. Wenn ich noch einmal nach Australien auswandere, dann sicherlich nach Melbourne.
Ich hatte noch überlegt, Touren zu machen. Zu den Twelve Apostles oder irgendwelchen Inseln. Aber immer, wenn ich mich ans Fenster setzte und auf die Skyline blickte, verlor ich diesen Gedanken wieder und verfolgte ihn nicht weiter. Dann ging es raus, Kaffee trinken, und weg war der Gedanke an eine geführte Tour.
Mittlerweile habe ich sogar mein Stammcafé gefunden. Direkt unten steht ein ausgedienter Eisenbahnwaggon mit einem netten Café darin. Der Kaffee ist gut. Der Kaffee ist stark. Was will man mehr?
Ich mag diese Stadt. Sie bringt Gedanken zum Abschluss.
Jetzt geht es zurück nach Brisbane und dann wieder in die schwäbische Provinz. Und ich freue mich darauf. Wirklich. Ich habe richtige Vorfreude. Meine wenigen Besitztümer sind heute angekommen und stehen in einer Scheune und warten auf mich.
Nebst Vorfreude ist Reflexion eine wichtige Eigenschaft. Und man kann viel über mich behaupten, aber reflektieren kann ich. Das habe ich die letzten Tage und Wochen getan und Melbourne hat mir geholfen zu sortieren und das wichtige vom unwichtigen zu trennen, trotzdem, vieles ist noch am Gären und wird auch noch ein bisschen köcheln müssen. Aber manches ist ausgereift, und manche Prozesse waren ganz aufschlussreich.
Ich werde bald fünfzig, ist mir aufgefallen, neulich, beim Blick in den Reispass.
Vor einem Vierteljahrhundert, mitten während meines Studiums, irgendwo zwischen Versagensangst und Größenwahn, setzte ich mich hin, schaute in den Spiegel und definierte meine Lebensphilosophie. Ich hatte einige Menschen getroffen, einiges erlebt und zu der Zeit einen wirklich komischen Mitbewohner. Generell gab es damals eine Menge Personen um mich herum, die nur sich und ihren Vorteil sahen. Denen alles recht war, um selbst besser dazustehen. Menschen, die sich so lange an dich hängen, bis du langsamer wirst, und die dann so tun, als hätten sie dich aus eigener Kraft überholt. Mir war alles recht um diese Blutsauger nicht um mich zu haben. Ich schaute mir das an und wollte alles werden, nur nicht so wie sie.
Und Spoiler: Ich habe es geschafft.
Damals legte ich fest, wie ich werden wollte. Was die Axiome sind, welche Linien ich nicht überschreiten will. Der Grundgedanke war, dass ich in fünfzig Jahren noch in den Spiegel sehen kann, mir in die Augen schauen und kein schlechtes Gewissen haben muss. Wegen nichts.
Heute, fünfundzwanzig Jahre später, kann ich das.
Ich kann mir wenig vorwerfen. Ich nutze Menschen nicht aus. Ich manipuliere nicht. Ich lüge nicht. Ich erschleiche mir keine Vorteile. I do not put others down, because this is a sign of a weak character.
Vielleicht dumm. Vielleicht nicht.
Aber ein Einfamilienhaus mit Garten und einem Kredit, den ich dreißig Jahre abzahlen muss, war nie mein Ziel. Ich liebe die Freiheit. Diese ungebundene. Dieses Heute hier und wenn es mir nicht gefällt, morgen da. Das ist unstet, nicht sicher, nicht einfach. Und langsam werde ich zu alt dafür. Es werden schon Stellen abgelehnt, weil ich nun einfach alt bin. Ja, das ist diskriminierend, aber nicht, wenn man keinen Grund angibt.
Egal.
Ich brauche nicht viel. Es geht weiter. Ich bin kompetent und gut, einigermaßen intelligent und extrem kreativ. So, no worries. Bisher habe ich mich noch jedes Mal neu erfinden können.
Ich bin nicht von Neid getrieben, worauf ich besonders stolz bin. Neid führt nur zur Unzufriedenheit, wie ich leider im engsten Familienkreis zu oft beobachten musste. Leider ist Neid auch ein großer Motor.
Doch mir ist aufgefallen, dass ich ein paar Feinjustierungen vornehmen könnte.
Ich muss nicht jede Lüge schlucken, mit den Schultern zucken und weitermachen. Klar kann ich das machen wie bisher, weil ich mich nie auf dieses Niveau herablassen wollte. Wie hat es meine Ex Frau einmal so liebevoll ausgedrückt: „Musst du immer der moralische Sieger bleiben?“
Darüber habe ich nun länger nachdedacht und auch heute muss ich sagen: Ja.
Dafür kann ich mir nichts kaufen. Davon wird man nicht reich. Aber wenigstens muss ich dafür niemanden anlügen, betrügen, beleidigen oder hintergehen.
In den letzten Jahren wurde es öfter und intensiver. Versprechen und Unwahrheiten, damit ich irgendwo hingehe, anderes verlasse. Hierher oder dorthin komme. Ich brauche nur auf die letzten Jahre zurückzublicken. Sobald du da warst, war von all dem nichts mehr zu sehen. Alle Versprechen, nicht mehr existent. Das zieht sich nun schon seit ein paar Jahren so.
Und wenn ich genug davon hatte, mich manipulieren, anlügen oder anschreien zu lassen, und gegangen bin, dann hat man noch einmal eins draufgesetzt. Im Beruflichen wie im Privaten.
Also denke ich, es wird Zeit, dies zu ändern.
Nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das bin ich nicht. So funktioniere ich nicht.
Aber einfach nur noch die andere Wange hinhalten?
Nein.
Da gibt es Besseres.
Für jede Lüge gibt es nun eine Wahrheit.
Denn Lügen haben ein Verfallsdatum.
Wahrheit verjährt nicht.
In diesem Sinne.



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