Nouméa, Neukaledonien
- R.

- 10. Apr.
- 9 Min. Lesezeit

Und manchmal werden Träume wahr. Nicht immer, nicht jeden Tag, aber hin und wieder, nach 35 Jahren dann eben doch. Ich wollte immer hierher. Warum eigentlich? Wieso kannte ich diese Insel überhaupt, so abgelegen im Pazifik, irgendwo zwischen Australien und gefühlt dem Nichts? Keine Ahnung mehr. Ich weiß nur noch, dass wir damals eine kleine Gruppe von Jungs waren, die die Leinzeller Umgebung und den Disco Express unsicher gemacht haben. Wolfgang Hurt Gasse, Vodka Lemon vor der Dorfdisko, und einer von uns hatte immer wieder Besuch aus Neukaledonien, in unserem Alter. So entstand eine Brieffreundschaft, Luftpost damals noch, vielleicht drei Briefe lang, wenn überhaupt. Seitdem ist viel passiert. Aber dieser Gedanke blieb. Ich wollte immer hierher. Und jeder, der sich damals auskannte, sagte nur: Was willst du denn dort? Da gibt es doch nichts. Viel zu teuer, viel zu weit, lohnt sich nicht. Ja, ja.
Jetzt bin ich hier. Und es ist genauso, wie ich es mir vorgestellt habe. Nur anders. Aber nicht weniger. Eher mehr. Eine andere Welt eben.
Wie immer habe ich mich nicht vorbereitet. Wozu auch. Zu viel Prägung stört nur. Grob wusste ich, was man machen kann. Die eigentliche Frage ist wie immer nicht was, sondern wie komme ich da hin und vor allem wieder weg. Ohne Auto sind die Möglichkeiten auf dieser Insel überschaubar. Und wie wir alle wissen, ist das mit dem Auto für mich keine Alternative. Die wenigen Male, in denen ich eines wirklich gebraucht hätte, waren Umzüge. Da ich aber mittlerweile ein fast perverses Vergnügen daraus gezogen habe, Willi damit zu nerven, hatte sich auch dieses Problem immer erledigt. Danke nochmal an dieser Stelle für die vielen Male, in denen du den Sprinter für mich bewegt hast. So viel Möbel waren es ja nie die du bewegt hattest, den Spaß hast du mir üebrlassen. Danke.
Die Optionen hier sind also überschaubar: Überlandbus RAÏ, privater Shuttle, Aircalin oder Fähre. Dazu Osterferien. Und wie soll es anders sein, diese Insel ist natürlich für den Autoverkehr gebaut. Man merkt das sofort. Wer kein Auto hat, denkt hier anders. Langsamer, umständlicher, abhängiger.
Beginnen wir aber von vorn, denn die Geschichte ist es wert, notiert zu werden, in allen kleinen Einzelheiten. Für mich und ausschließlich für mich. Wer mitliest, bitte. Ich teile gern. Auch aus.
In Auckland war die Fahrt mit dem SkyDrive kein Problem. Das Einchecken nicht, das Warten auf den Flieger auch nicht. Die Probleme begannen im Flugzeug. Wir flogen in ein Hochdruckgebiet, an sich eine gute Sache. Nur leider bedeutet das eben auch dieses Schütteln, Wackeln und Fallen, und das ist nicht meine bevorzugte Form des Vergnügens. Dieser Kontrollverlust. Irgendwann aber sah man sie schon von weitem. Das Korallenriff vor der Insel, die Wolken in den Bergen, dieses satte Grün. Und ich war augenblicklich verzaubert. Noch bevor das Flugzeug aufsetzte, starrte ich hinaus in diese immergrünen Berge und wusste, dass ich verloren bin.
Beim Ausstieg aus dem Flieger und der Reaktivierung meines Handys wurde mir dann sofort etwas anderes bewusst. Mit meinen bisherigen Anschlüssen würde ich hier kein Netz bekommen, so las ich es jedenfalls aus den ersten Nachrichten. So einfach kann es gehen. Also durch die Passkontrolle, wo ich mit einem der breitesten Lächeln begrüßt wurde, die ich je gesehen habe, und weiter zur Biosecurity. Und dort wurde mir sofort gewahr, dass wir nun wieder in Frankreich sind. Während sich die Polizei und Ordnungskräfte in Australien und Neuseeland gern dezent im Hintergrund halten, ist Staatsmacht in kontinentaleuropäischer Ausprägung eher präsent. Die strenge Polizistin am Eingang des Zolls sah mich an und fragte: Wieviel Geld haben Sie dabei? 8000, sagte ich. Ihre Augen wurden groß, ich solle es zeigen. Dann fragte sie, ob neuseeländische oder australische Dollar. Ich sagte pazifische Franc, und augenblicklich entspannte sich die Situation. Auch meine Kameraausrüstung erregte noch Aufmerksamkeit. Wo ich hin wolle? Noch ohne festen Plan, sagte ich. Das schien sie zufriedenzustellen, sie gab mir einen Wisch mit und schickte mich zur Biosecurity. Der Hund schnüffelte nur desinteressiert an mir und der Mann winkte mich durch.
Draußen stand ein Schild zu SIM Karten, ich wackelte zum Schalter und der enorm freundliche Mann dort verkaufte mir eine funktionierende SIM und installierte sie gleich. Soviel dazu, dachte ich. Mein Shuttlefahrer wartete ebenfalls schon. Auch wieder enorm freundlich. Der Flughafen liegt fünfzig Kilometer außerhalb von Nouméa, und ich hatte den Shuttle für ein paar Euro vorab gebucht. Ich durfte vorne Platz nehmen, und er gab mir gleich einen Vorgeschmack auf das, was mich erwartete. Französisch. Und ich hatte doch wieder alle mühsam erlernten Vokabeln vergessen. Ich nickte, ich sagte ahhh, ich sagte ohhh, und ich sagte vor allem: Fuck, ist das schön hier.
Die Straße war gut ausgebaut. Links die wolkenverhangenen grünen Berge, rechts die Ebene, hin und wieder das Meer. Der Fahrer lieferte mich im Hotel ab, und auch dort wurde ich herzlich empfangen. So viel Nettigkeit bin ich gar nicht gewohnt. Ich durfte mein Zeug abstellen, und weil es noch früh war, ging ich gleich wieder los. Erstmal einen guten Kaffee finden. Was sich in Frankreich, wie immer, schwierig gestaltet. Und auch hier am anderen Ende der Welt ist es nicht einfach, einen wirklich akzeptablen Kaffee zu finden. Ich weiß nicht, wie die das machen. Eigentlich kann man das doch gar nicht so falsch machen.
Was einem relativ schnell auffällt, gerade wenn man die jüngere Geschichte der Insel wenigstens grob kennt, sind Stacheldraht, Kameras und diese latente Spannung im Stadtbild. Und so ungern ich es sage, man sieht hier auch zwei Wirklichkeiten nebeneinander. Die einen arbeiten, die anderen, zumeist Männer, sitzen herum, schnorren dich an oder treiben durch den Tag. Wenn Neukaledonien in den letzten Jahren Schlagzeilen machte, dann meistens wegen Krawallen. Zuletzt war sogar Emmanuel M. hier. Und ich möchte eines betonen: Ich verwende das Wort Kanak hier nicht im deutschen Schimpfwortgebrauch. In Neukaledonien ist Kanak die Eigenbezeichnung vieler Einwohner. Der Begriff geht ursprünglich auf eine polynesische Bezeichnung für Mensch oder Mann zurück.
Die jüngsten schweren Unruhen begannen im Mai 2024, nachdem Paris das lokale Wahlrecht erweitern wollte und damit langjährig ansässigen Nicht Kanak mehr Einfluss bei den Provinzwahlen gegeben hätte. Viele Kanak und Unabhängigkeitsbefürworter sahen darin eine Verwässerung ihres politischen Gewichts und damit eine Gefährdung des seit dem Nouméa Abkommen laufenden Entkolonisierungs und Selbstbestimmungsprozesses. Die Ausschreitungen waren die schlimmsten seit den 1980er Jahren. Barrikaden, Brandstiftungen, Plünderungen, Angriffe auf Geschäfte und Fahrzeuge, bewaffnete Zusammenstöße, vor allem in und um Nouméa. Es gab dreizehn, später in manchen Rückblicken vierzehn Tote, je nachdem, wie gezählt wurde. Im Kern geht es weiter um Selbstbestimmung bis hin zur vollen Souveränität. Wer sich wirklich dafür interessiert, kann die Artikel selbst suchen. Das hier muss reichen.
So lief ich also durch die Straßen und sammelte die ersten Eindrücke dieser Stadt, die im Kern knapp achtzigtausend Einwohner hat, im erweiterten Umland ungefähr zweihunderttausend. Mein Internet funktionierte zunächst, ich konnte mir Wege und Orte markieren. Wie immer ziehe ich zu Beginn immer weitere Kreise um meine unmittelbare Umgebung und kehre dann wieder zum Ausgangspunkt zurück. Was ich sah, gefiel mir. Es war alles anders. Und zwar auf eine Weise anders, die man nicht sofort greifen kann. Jede einzelne Nuance weicht leicht ab, und genau das macht den Reiz aus.
Als ich endlich ins Zimmer konnte, legte ich mich erst einmal unter die Klimaanlage und war platt. Temperaturen und Luftfeuchtigkeit sind auf Brisbane Niveau, ebenso die frühe Uhrzeit, zu der die Sonne untergeht. Ich schaffte es am Abend noch einmal hinaus, aß etwas und ging, weil ich keinerlei Lust auf Umstände hatte, zu McDonald’s. Und ich muss sagen, ich hatte noch nie einen Big Mac mit Fischgeschmack. Egal. Ich war müde und fiel danach einfach ins Bett.
Am nächsten Morgen hieß es früh raus. Früh bedeutet bei mir acht Uhr. Ich stand am Port Moselle Markt, probierte dort den nächsten Kaffee und bedauerte einmal mehr, dass ich keinen Fisch esse. Die Auslage sah wirklich gut aus. Ich schlenderte durch die Stadt, Kaffee hier, Kaffee da, und irgendwann merkte ich, dass ich plötzlich kein Netz mehr hatte. Ich vermutete zunächst mein Handy dahinter und ging zurück ins Hotel, auch weil ich für die nächsten Tage noch nichts vorbereitet hatte. Es gibt hier erstaunlich viele Möglichkeiten, und ich schaute mir alle an, nur um am Ende festzustellen, dass ich mich nicht entscheiden konnte.
Sollte ich auf die Île des Pins, mit ihren Sandstränden und Buchten von atemberaubender Schönheit? Manchmal mit der Fähre erreichbar, wahrscheinlich aber eindeutig besser per Flugzeug, das seit März nicht mehr vom Flughafen Magenta geht, sondern vom großen Flughafen draußen. Oder doch eine der anderen Inseln, deren Flughäfen, wie ich im Hotel von der wirklich tollen Rezeption erfuhr, teils geschlossen sind? Die Leute hier sind wirklich hilfreich und nett. Oder doch sechs Stunden mit dem Bus in den Norden oder Osten, dort aussteigen, Unterkunft suchen und dann eben laufen? Ich war gefangen in Möglichkeiten. Und bin es beim Schreiben dieser Zeilen noch immer ein wenig.
Das Internet ging weiterhin nicht. Ich lief zu einem Aussichtspunkt, ärgerte mich langsam, weil es mir die Möglichkeit nahm, unterwegs Dinge nachzuschauen. Wieder zurück im Hotel sagte man mir an der Rezeption, ich solle am nächsten Morgen zu OPT gehen, die könnten mir etwas verkaufen, das wirklich funktionieren würde.
Am Abend ging ich noch einmal raus, wieder Hafen, wieder Markt, wieder etwas zu essen organisieren. Man muss sich das vorstellen: Ich bin hier mitten im Pazifik, und sie haben hier Patisserie und Baguette wie in Frankreich. Und was soll ich sagen, die einfache Bistro Salami von der Tankstelle ist besser als alles, was du in Australien oder Neuseeland bekommst. Es geht also doch. Noch ein Stangenbrot dazu und voilà, leben wie Gott in Frankreich, mitten im Pazifik.
Mit ein paar Patisserieteilchen stand ich also am Hafen und wartete auf den Sonnenuntergang, um Fotos zu machen. Das gelang, glaube ich, ganz gut. Allerdings erregte ich wohl auch die Aufmerksamkeit eines Typen, der immer wieder auf mich zukam und mit mir reden wollte. Ungewaschen, Rastazöpfe, hager, zwei Köpfe größer als ich. Und ich? Ich kann nun einmal kaum Französisch und lief einfach weiter. Später passte er mich noch einmal ab, ich blieb höflich, sagte, ich hätte kein Geld, und ging zurück ins Hotel, legte die Einkäufe ab und setzte mich danach noch auf ein Getränk ins Restaurant nebenan.
Dort saß ich nun, starrte, weil das Internet immer noch nicht ging, in die Gegend, und natürlich tauchte er wieder auf. Diesmal mit einer Frau, die mich anlächelte und mir zuwinkte. Da wurde mir endgültig klar, was er mir die ganze Zeit anbot. Vergiss es, Junge. An sowas bin ich nun wirklich nicht interessiert. Billiger Sex, womöglich mit einer laufenden Geschlechtskrankheit, oder überhaupt Sex. Wozu. Aus dem Alter bin ich raus. Was ich suche, kann man nicht kaufen, ich suche etwas was es heutzutage nicht merh gibt, auch damit habe ich mich abgefunden. Er winkte, sie lächelte, ich ignorierte beide. Die Frau am Nebentisch echauffierte sich lautstark, die beiden verschwanden, und kurz darauf sagte auch sie noch irgendetwas zu mir, was nicht freundlich klang. Ich glaube, ich habe es schon verstanden. Typisch ich. Ich laufe durch die Straßen, interessiere mich für Kunst und Sonnenuntergänge, irgendwer will mir etwas andrehen, und am Ende regen sich die Umstehenden über mich auf. So ist das mittlerweile in meinem Leben. Immer am falschen Ort zur genau falschen Zeit. Auch das habe ich akzeptiert. Ich bin offenbar eine Enttäuschung für alle anderen Unbeteiligten.
Der nächste Morgen führte mich dann also zu OPT NC, dem Office des Postes et Télécommunications de Nouvelle Calédonie. Richtig, die Sache mit dem Internet, das immer noch nicht funktionierte. Mein Kontakt hatte mir zwar per WhatsApp geschrieben, man arbeite daran, aber glauben wollte ich das nicht. Also hin. Nummer ziehen, richtige Kategorie erwischen, und das alles ohne Handy zum Übersetzen. Ich musste mich konzentrieren, aber irgendwie funktionierte es. Nicht zu viel nachdenken, einfach machen. Nach zehn Minuten war ich an der Reihe. Ich hatte mir meine Sätzchen in der Wartezeit zurechtgelegt und war bereit. Identifikation, Personalausweis, Broschüre, Tarifwahl. Alles lief gut. Dann sah sie mich an, sagte etwas, und ich verstand wieder nur Bahnhof. Sie lächelte, tippte es in ihren Computer und drehte den Bildschirm zu mir. Softwareprobleme, stand da. Wann sie behoben seien, wisse man nicht. Vielleicht heute Mittag, vielleicht Montag. Ich zog weiter durch ein paar Elektronikläden, ließ mich noch einmal quer durch die Gegend schicken, und auch dort sagte man mir nur, dass das Telekommunikationsnetz in Neukaledonien derzeit teilweise außer Betrieb sei und niemand wisse, wann das wieder funktionieren würde.
Willkommen in einer anderen Welt. Und ich merkte langsam, dass ich anfing, genau das zu genießen.
Mein größtes Problem habe ich trotzdem noch nicht gelöst. Ich habe mir nur Zeit gekauft, indem ich meinen Aufenthalt in Nouméa um zwei Nächte verlängert habe. Sonst hätte ich morgen früh losgemusst. Da hier alles noch erstaunlich analog funktioniert, du an Schalter mit Öffnungszeiten gebunden bist und mit Menschen kommunizieren musst, die alle nur Französisch sprechen, war das vermutlich keine dumme Entscheidung. Ich sprach noch mit Fanny an der Rezeption, die mir wirklich eine Hilfe ist. Sie sagt zu jedem Plan: Ja, schön, das kannst du machen, dort musst du hin. Und dann fragt sie: Hast du ein Auto? Nein. Dann wird es schwierig. Ja, du kannst den Bus nehmen. Ja, die Flugzeuge fliegen. Aber wie kommst du dort dann von A nach B?
Genau deshalb bin ich mittlerweile dazu übergegangen, sämtliche Pläne wieder über Bord zu werfen und zum ursprünglichen zurückzukehren. Richtig. Ich klappere gerade Fahrradläden ab. In diesem Sinne.



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