Melbourne CBD Pt. II
- R.

- vor 2 Tagen
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Dabei dachte ich, Sydney ist die Stadt in Australien, die outstanding ist, bis ich in Melbourne war. Die gewinnt für mich den Vergleich sogar noch, zumindest was das Zentrum angeht. Warum? Für mich sind mehrere Faktoren ausschlaggebend: zum einen die (teilweise) unfreundlicheren Leute, dann der Queen Victoria Market und die Galerien.
Zugegeben: Sydneys Galerien sind exzellent. Aber Melbourne? Die National Gallery of Victoria (NGV) ist wirklich sehr geil. Ich musste sogar ein zweites Mal rein, nicht nur wegen einzelner Kunstwerke, sondern wegen allem: Gebäude, Architektur, Installationen… wirklich außergewöhnlich gut. Die NGV International hat mich am meisten abgeholt. Dann gibt’s noch die „nationale“ NGV (also NGV Australia), ziemlich modern, auch nicht schlecht, da ist sogar Kunst der First Peoples ausgestellt. Hat mir auch gefallen, aber nicht ganz so sehr wie die International.
Aufschlussreich war für mich auch das Immigration Museum. Um das kurz abzureißen: 26. Januar 1788, die ersten ~750 Strafgefangenen werden in der Bucht bei Sydney abgesetzt. Eingeschleppte Pocken haben schon vorher extrem viele Aborigines dahingerafft, dann bis 1928 sehr viele überlieferte Massaker und Vertreibungen. Terra nullius, 1835: Land kann nur von der Krone besessen und vergeben werden (was den „Treaty“ nichtig machte, der bis heute trotzdem gern als Legitimation hochgehalten wird). Später wurden auch Deutsche und Italiener während des 2. Weltkriegs interniert oder ihnen Grundrechte entzogen, Chinesen durften lange nicht legal einreisen und so zog sich diese britisch geprägte Kolonialisierung bis ins Heute. Man sieht sich selber als den feinen Gentleman im Tweed (oder besser gesagt im bunten Hemd) und ignoriert die blutige Spur hinter sich. Diskriminierung und Ausgrenzung Fremder sind bis in die heutige Zeit allgegenwärtig, man gibt sich aber den Anschein einer weltoffenen Gesellschaft. Very British sind auch die Straßennamen: Andrew, Charles, Edward, Victoria, King, Queen, Prince, die sich in jeder Stadt gleichen und wiederholen.
Davon abgesehen gibt es in Melbourne sogar ein Museum zur Kultur der First Peoples: den Koorie Heritage Trust, in einem Komplex mit der NGV und dem ACMI. Leider auch hier: nur ganz wenige Ausstellungsgegenstände. Das ganze Gebäude ist eher ein Veranstaltungsort, in den Schaukästen liegt wenig, großartige Erklärungen dazu? Eher nicht vorhanden. Ein paar Bumerangs, Holz- und Steinwaffen, ein paar Musikinstrumente, vor allem das Didgeridoo. Verziert sind die (meist) aus Holz gefertigten Teile mit Tieren: Echsen, Kängurus, Schlangen, eingebrannt. Aber nichts dazu, wie das hergestellt wird, was die Symbole bedeuten. Nichts über die moderne Zeit, nichts über Gesellschaftsstrukturen. Einzig: dass Überlieferungen zumeist mündlich erfolgten, durch Weitergabe an Kinder, indem sie zusahen.
Das Kinomuseum (ACMI) ist übrigens auch einen Besuch wert schon allein, weil der Eintritt umsonst ist und ich teilweise kein gutes Wetter hatte. Der Gang durch die CBD war zumeist schneller als die Tram zu nehmen. Zugegebenermaßen: Die ist im Innenstadtbereich kostenlos, aber um von A nach B zu kommen, musst du meistens umsteigen, weil die Tram im Grunde entweder von links nach rechts (oder zurück) oder von unten nach oben fährt. Um ehrlich zu sein: zu Fuß bist du oft schneller. Über Mittag hab ich entweder in Bibliotheken oder Galerien gearbeitet geht gut, weil es fast überall freies WLAN gibt.
Der Autoverkehr ist in Melbourne heftiger als in Sydney. Ich wage zu behaupten: maßgeblich wegen der oberirdisch fahrenden Trams, die dann doch zum Chaos beitragen. Mir stellt sich immer wieder die Frage, warum man überhaupt mit Autos im Innenstadtbereich unterwegs sein muss, vor allem, wenn alles zumeist fußläufig oder mit Öffentlichen erreichbar ist. Aber gut, werden schon alle ihre Gründe haben. Mit Autofahrern habe ich darüber schon genug diskutiert und laut den meisten ist das, was ich tue, für sie schlicht unmöglich.
Mein letztes Highlight und das ist wirklich eins für mich, ich finde es outstanding (ich habe es weder in Brisbane noch in Sydney so gefunden), ist der Queen Victoria Market. Absolut meins. Ich liebe solche Markthallen, Märkte überhaupt: frische Waren, exotische Sachen (also: europäischer Standard). Ungarische Salami oder Schweizer Käse geschenkt, das war nicht importiert. Auch das Brot oder die Brezel: nein, nicht wie man es gewohnt ist, aber besser als der normale Standard, den du sonst wo bekommst. Ich habe meinen morgendlichen Spaziergang dorthin genossen: das Schlendern, das Probieren, ich habe diesen Markt wirklich ins Herz geschlossen. Das wäre mein Zentrum, wäre ich in Melbourne gewesen.
Und nach dem dritten Tag wurde ich schon, sagen wir: freundlich, begrüßt. Die Art der Leute ist hier wirklich anders. Sie sprechen zwar alle diesen Australia-Slang im Englisch, aber nicht diesen Queensland-Slang. Mir tat’s schon ein bisschen im Herzen weh, als ich nach dem Auschecken vom Hotel noch ein letztes Mal auf den Markt ging: zum letzten Mal der wirklich gute Kaffee, der Rote-Bete-Ingwer-Shot, und dann nochmal ein Kaffee. Warten auf eine Tram, während man den Weg zum Südkreuz (Southern Cross) in der Zwischenzeit auch zu Fuß hätte machen können.
Dort in den Sky-Shuttle und direkt an den Flughafen, nur um erstmal eine Stunde warten zu müssen, weil der Flug Verspätung hat. Diese Zeilen hier entstehen im Flieger, auf einem wirklich ruppigen Flug, nach Adelaide, einer Stadt, von der es heißt, sie sei eine der schönsten der Welt. Ich werde berichten. In diesem Sinne.



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