Adelaide 26 Pt. I
- R.

- vor 20 Stunden
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Endlich, endlich bin ich fündig geworden. Die Suche hat ein Ende, zumindest die oberflächliche. Im South Australian Museum, eigentlich ein Naturkundemuseum, finde ich endlich eine etwas größere Ausstellung über Aboriginal peoples. Aber langsam und von vorne. Morgens aufgewacht und gedacht, ich gehe wieder in einen Markt, beziehungsweise in eine Markthalle. In der Nacht hat es schon mächtig geregnet, und das zog sich huete den ganzen Tag, auf dem Weg zum Markt einmal komplett nass. Der Markt an sich, leider nicht die Melbourne Qualität, sehr eng, wenig Vielfalt, gefühlt voll, also wieder raus und im Regen Richtung Bahnhof und Museum, der richtige Tag dafür.
Wenn ich Adelaide mit Sydney oder Melbourne vergleichen muss, macht es auf mich irgendwie einen verschlafenen Eindruck. Weniger Baustellen, weniger Hektik, weniger dieses Dauerbrummen, kleiner, provinzieller. Viele Gebäude wirken, als ob sie schon ewig da stehen, und die Stadt fühlt sich an manchen Stellen an, als wäre sie nicht im gleichen Tempo wie die anderen. Das ist natürlich nur mein Eindruck aus ein paar Tagen: In Sydney und Melbourne sehe ich viel mehr Menschen mit asiatischem Hintergrund im Straßenbild, in Adelaide deutlich weniger. Ich erwähne das, weil es für mich Teil des unterschiedlichen Stadtgefühls ist. Warum Adelaide in so vielen Rankings als besonders lebenswert vorne liegt, wurde mir an diesem Tag noch nicht sofort offensichtlich. Kommt vielleicht noch. Wer weiß? Das Museum wieder umsonst. Unten bei den Dinos und den präparierten Tieren voll mit Menschen. Die Ausstellung zu Aboriginal peoples deutlich weniger besucht, wie hätte es auch anders sein sollen.
Was lernte ich dort? Dass die Vorfahrinnen und Vorfahren der heutigen Aboriginal peoples vor sehr langer Zeit nach Australien kamen, grob in der Größenordnung 50.000 bis 65.000 Jahre. Im Museum stand 50.000, neuere Studien diskutieren teilweise ältere Zeitfenster. Natürlich werden Landbrücken und Seewege aus Südostasien diskutiert, je nachdem wie der Meeresspiegel damals stand. Was ich sehr spannend fand: genetische Arbeiten deuten darauf hin, dass nach dieser frühen Besiedlung über sehr lange Zeiträume relativ wenig zusätzlicher Genfluss von außen stattfand, auch innerhalb Australiens gibt es starke regionale Muster. Das war keine homogene Bevölkerung. Die Aborigines sind keine homogene Einheit. Es handelt sich um sehr viele Nations und Sprachgruppen mit eigenen Territorien, Sprachen, Rechtssystemen und Traditionen. Von 250 um 1850 ist die rede. Vor der Kolonisierung wurden in Australien sehr viele Sprachen gesprochen, oft ist von hunderten die Rede, mit vielen Dialekten. Handel wurde über weite Strecken betrieben, wie Funde nahelegen, aber Verwandtschaftsmuster wirken oft regional, so wie man es bei großen Distanzen erwarten würde. Wenn man tiefer einsteigen will, sieht man in der Genetik teilweise Unterschiede zwischen dem Y-Chromosom und der mitochondrialen DNA. Das kann auf geschlechtsspezifische Mobilität hindeuten, ist aber nichts, was man mit einem Satz sauber erklärt, und sicher auch nicht überall gleich. Ich merke nur, wie schnell man da in eine Scheinsicherheit rutscht, weil es so schön objektiv klingt und sich so Wahr anhört, in Wirklichkeit war es wohl sehr viel komplexer.
Um es zu verkürzen: Die materiellen Technologien vieler Aboriginal Nations waren historisch überwiegend lithisch, also steinbasiert, und entwickelten keine indigene Metallurgie. Gleichzeitig lebten sie als Jäger, Sammler und Fischer, teils mit sehr intensiver Landschafts und Ressourcenbewirtschaftung. Gesellschaftlich waren das hochkomplexe, stark institutionalisierte Gemeinschaften mit ausgeprägten Rechts, Verwandtschafts und Wissenssystemen, nur eben ohne Staatlichkeit im eurasischen Sinn. Wenn man vor den Objekten steht, Waffen, Werkzeuge, Funde, dann ist vieles Holz, Knochen oder Stein, dazu Seile, Netze, Fallen. Und genau da merkt man: kein Metall heißt nicht weniger komplex, eher andere Pfade, andere Prioritäten, andere Optimierung.
Massiv beeindruckt hat mich, wie Wissen weitergegeben wurde. Nicht primär aufgeschrieben, sondern performativ, durch mündliche Überlieferung, also Storytelling, Gesang, Ritual, eingebettet in konkrete Orte, Jahreszeiten und soziale Rollen. Dazu kommen Gedächtnisstützen, die gleichzeitig anschaulich sind, Strickfiguren, also Fadenspiele, wo Motive und Abfolgen sichtbar werden, oder Sandmalereien, die Beziehungen, Wege, Spuren, Ahnenfiguren und Ereignisse als temporäre Diagramme zeigen. Das ist nicht nur Illustration, das ist Teil des Lehrens selbst. Inhalt wird an Handlung, Rhythmus, Wiederholung und Gemeinschaft gekoppelt, und dadurch bleibt es stabil über Generationen.
Und dann die Jagd. Tracking, stalking, also Spuren lesen, sich annähern, alles sehr praktisch, sehr körperlich, sehr ruhig. Speere, Keulen, Bumerangs, Netze und Fallen, das steht da alles als Dinge, aber eigentlich ist das Entscheidende das Wissen dahinter, Tierverhalten, Wetter, Wasser, Timing.
Und ja, ich habe den Teil mit den Giften nicht vergessen, der hat mich wirklich fasziniert. Im Museum stand sinngemäß: Aboriginal hunters nutzten toxische Pflanzen, indem sie sie in bestimmten Situationen in Wasserstellen einbrachten, um Tiere, die dort trinken, zu betäuben und leichter fangen zu können. Besonders wirksam soll das bei Emus gewesen sein. Gleichzeitig stand dort auch der sehr praktische Punkt, dass solange eine Wasserstelle so behandelt war, man selbst auf andere Wasserquellen ausweichen musste. Das ist für mich so ein Moment, wo man merkt, wie fein dieses Umweltwissen sein muss, nicht nur Wirkung, sondern auch Konsequenzen und Logistik. Unten wurde zudem erwähnt, dass als Beispiel Duboisia Arten genutzt wurden und dass das auch für Menschen giftig ist. Das ist also nichts Romantisches, sondern sehr konkret, sehr vorsichtig, sehr verantwortungsgebunden.
Dann der berühmte Bumerang. Die verbreitetste und funktional wichtigste Variante ist nicht der zurückkehrende Bumerang, sondern der nicht zurückkehrende, meist schwerer und auf Wirkung und Reichweite optimiert. Der zurückkehrende Bumerang ist leichter und aerodynamisch so gestaltet, dass er durch Auftrieb an den Flügelprofilen, Drall und gyroskopische Präzession eine Kreisbahn beschreibt und in die Nähe des Werfers zurückkehren kann. Entscheidend ist die Kombination aus Form, also Krümmung, Profil, Schwerpunkt, Wurftechnik, also Anstellwinkel, Spin, Kraft, und Wind.
Und obwohl der zurückkehrende oft der leichtere ist, kann er richtig wehtun. Ich habe das als Kind einmal gesehen. Wir hatten damals in Utzsetten einen Jungen, ich glaube Andreas war sein Name, Bastler und Tüftler, Segelschiff, Flugdrachen, Bumerang, alles. Er ging leicht in die Luft und wir waren Kinder, er hatte es nicht einfach mit uns. Einmal warf er seinen selbst gebauten Bumerang auf dem Feld. Er kehrte immer zurück, auch wenn er kurz abgelenkt war. Irgendwann passte er einen Moment nicht auf, und der Bumerang knallte ihm an den Kopf. Das tat schon beim Zusehen weh.
Warum kehrt er zurück? Weil er im Flug wie ein rotierendes System aus zwei kleinen Flugzeugflügeln arbeitet. Durch die Profilform entsteht Auftrieb, und durch den schnellen Spin wird er kreiselstabil. Weil ein Arm relativ zur Luft schneller arbeitet als der andere, entsteht eine Auftriebsasymmetrie, und über Präzession (spin) wird daraus eine Kurve. Spin mal wieder, der Kreisel, das Elektron, dieses Rotationsprinzip, das einen in der Physik immer wieder einholt.
Und dann diese gesellschaftliche Ebene, die ich vorher so nicht auf dem Schirm hatte. Rollen, Regeln, Zuständigkeiten, und auch bei etwas so Basalem wie Essen und Teilen ist das nicht beliebig. Auf einem Schild stand als Beispiel zur Schildkrötenjagd: Die Beute wird nach Rollen verteilt, ein Arm an diese Person, der andere Arm an jene, der Skipper bekommt ein Bein, und die Person, die die Schildkröte tatsächlich speert, bekommt den Kopf. Das klingt erst banal, aber es ist im Kern Ordnung und soziale Logik.
Ich könnte noch sehr viel mehr schreiben, aber ein letztes Thema muss zumindest kurz rein. Dreaming, oft als Traumzeit übersetzt, meint nicht Träume im psychologischen Sinn, sondern ein Gesamtsystem aus Schöpfungs und Ursprungsgeschichten, Law, Ethik, sozialer Ordnung und Wissen über Country, also Land als Beziehung und Verantwortung. Es ist weniger eine abgeschlossene Vergangenheit als eine fortdauernde Ebene, die erklärt, warum Orte, Tiere, Menschen und Regeln so sind, wie sie sind, und wie man sich ihnen gegenüber richtig verhält. Eine Dreaming person ist vereinfacht gesagt jemand, der durch Herkunft, Zugehörigkeit und Initiation mit bestimmten Dreamings verbunden ist, oft gekoppelt an Orte, Totems, Lieder und Zeremonien. Daraus folgen Rechte und Pflichten, etwa wer bestimmte Geschichten erzählen darf, wer für bestimmte Plätze zuständig ist, wer welche Zeremonien mitträgt. Details sind je nach Nation sehr unterschiedlich und oft bewusst nicht vollständig öffentlich. Komplex.
Und das Blogbild, die Yuendumu School Doors. Die zeigen Tjukurrpa, also Dreaming, in einer Form, die öffentlich geteilt werden darf. Keine Deko, sondern ein visuelles System, das Country als Geflecht aus Orten, Wegen, Ereignissen und Verantwortung zeigt. Man kann die Motive wie eine Karte lesen, mit Plätzen und Tracks, und zugleich wie eine Erzählung. Und die Verbindung zu Liedern ist für mich der Schlüssel: Songlines verbinden Stationen entlang von Wegen, halten Wissen über Orientierung, Jahreszeiten und Ressourcen lebendig, und sichern, dass Geschichten über Generationen korrekt erinnert werden. Dass die Türen echte Schultüren waren und Kratzer und Graffiti tragen, macht sie für mich noch stärker. Es ist nicht nur Kunst, es ist Wissen, Alltag, Zeitdokument. Und dass Warlpiri Älteste das 1983 bewusst auf Schultüren gemalt haben, ist für mich ein klares Statement: Schule als Ort des Lernens, und Tjukurrpa als Wissen, das daneben steht und dazugehört. Ich denke an die Zeichnungen auf unseren Schultüren, in diesm Sinne.



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