Melbourne CBD Part I
- R.

- vor 4 Tagen
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Aktualisiert: vor 3 Tagen

(Central Business District), sollte jemand fragen. Und hier bin ich nun, zuhause. Was für eine Stadt, so ganz heimatlich, beinahe europäisch. Überall Hochhäuser, geschäftige Menschen, die keine Zeit haben, dich anrempeln, direkt sind, nicht unhöflich aber ruppig, mit Charakter, so wie ich es mag. Menschen, die nicht bei einem Guten Morgen in Tränen ausbrechen und eine emotional elementare existenzielle Krise bekommen. Menschen, die sich nicht mit How is it going, bla bla, Heuchelei aufhalten. Du kommst zur Sache und jeder respektiert das. Der hinter dir in der Schlange ebenfalls.
Ich bin zuhause, auch das Wetter. Nicht heiß, beinahe schön kühl, es wird Herbst. Das ist schön.
Am Flughafen angekommen, den Weg zum SkyBus habe ich gefunden. Dreißig Minuten später stand ich am Southern Cross und war ein bisschen orientierungslos. Das Hotel war nicht weit, ich hatte jedoch keine Lust zu laufen und schaute mich nach der Tram um. Die fuhr, ich wunderte mich, wie ich bezahlte, ein kurzer Blick bestätigte es. In der CBD ist das Verkehrsmittel tatsächlich umsonst. Also rein und die paar Stationen gefahren.
Melbourne ist eine Quadratstadt, das heißt, sie wurde entworfen und dann gebaut und ist nicht gewachsen. Praktisch für Menschen ohne Orientierungssinn, kenne da ein paar. Mich kannst du ja an jedem beliebigen Punkt einer Stadt rauswerfen und ich finde mich rasch zurecht, außer ich bin in Genua, mit dem mehrschichtigen Konzept kam sogar ich nicht auf Anhieb klar. Navigation ist nie ein Problem gewesen, Zeit auch nicht. Du kannst mich nachts wecken und ich sag dir, ohne auf die Uhr zu schauen, wie spät es ist. Fähigkeiten, die keiner braucht.
Also ins Hotel, ein richtig schäbiges Loch, zentral. Tasche abwerfen und raus, die Gegend erkunden. Das ist normalerweise immer der erste Move, wo ich bin. Ziellos durch die Gassen, Eindrücke sammeln. Hektisch, umtriebig, voll. Links, rechts, Läden, Restaurants, einfach lebendig, nicht ganz so künstlich wie Brisbane.
Ich schlenderte ziellos umher, bis ein Schild meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Da stand Treaty, eine Ausstellung in der State Library Victoria. Sie zeigt die Geschichte des sogenannten Batman Treaty von 1835 und stellt heutige Deutungen dazu gegenüber. Im Kern geht es um Batmans Behauptung, Land sei von Aboriginal Elders gegen Waren abgetreten worden. Für mich ist daran vor allem problematisch, dass ein englisches Vertragsdokument als endgültiger Landkauf gelesen wird, obwohl Sprache, Machtverhältnisse und das Verständnis von Landbesitz damals extrem ungleich waren*. Dass man sich dennoch bis heute auf solche Papiere berufen kann, zeigt, wie widersprüchlich und einseitig mit dem Thema umgegangen wird.
Mich interessierte das Thema, also bin ich in die Bibliothek gegangen, um erst einmal festzustellen, dass ich suchen muss. Nicht auf Anhieb zu finden, also schlenderte ich durch die vollen Hallen. Irgendwann wollte ich schon aufgeben und war auf dem Weg nach draußen, als ich ein kleines Hinweisschild sah. Bitte rechts. Da stand ich nun auch schon in dem einen kleinen Raum, der Treaty behandelte. Ein paar Meinungen per Video dazu und das war es.
Wieder war ich enttäuscht, wieder nichts zur eigentlichen Geschichte dieses Landes. Beim Verlassen der Ausstellung fiel mir ein kleines Hinweisschild auf. Da stand: Aboriginal und Torres Strait Islander Besucherinnen und Besucher werden darauf hingewiesen, dass diese Ausstellung Bilder und Stimmen von Menschen enthält, die verstorben sind. Und somit hatte ich durch dieses kleine Hinweisschild mehr gelernt über die First People als in der ganzen Zeit zuvor.
Aborigines sind nicht ein Volk, es sind viele verschiedene Gruppen, die alle eine unterschiedliche Kultur und einen unterschiedlichen Hintergrund haben. Es gibt mündliche Erzählungen und Überlieferungen, Riten, Gesetze, Tabus, Rollen, Verwandtschaften und die Traumzeit. Das sind die Dinge, die ich erfahren möchte. Lieder, die dich sicher durch die Gegend bringen. Zeichnungen und Darstellungen, Schlangen und Kreise, die Wasserlöcher zeigen. Das verborgene Wissen, das nur die Elders kennen. Komplexe Strukturen und Vielfalt. Das würde ich gern im Ansatz erzählt bekommen.
Wieder enttäuscht zog ich weiter. Es war langsam Zeit, etwas zu essen und eine Position für den Sonnenuntergang zu finden. Ich fand am Yarra River einen Biergarten. Wie es üblich ist, nimm dir einen Tisch und bestelle per Handy. Ein paar Minuten später stand eine kleine Vesperplatte und eine Virgin Margarita vor mir. Das Ambiente traf es schon beinahe, und die Oliven, ja, die waren wirklich gut. Ich genoss es, schon lange nicht mehr gevespert. Danach weiter auf die Brücke über den Yarra und den Sonnenuntergang eingefangen, mittelprächtig, zu wenig Wolken für Spektakel.
Der nächste Morgen und das öffentliche Verkehrssystem in der CBD. Es ist ausgezeichnet, wenn auch schon beinahe eine zu hohe Frequenz. Hey, besser als nichts, oder Brisbane. Und innerhalb einer gewissen Zone sogar umsonst. Außerhalb brauchst du eine extra Karte, die ich mir am Automaten besorgte, da ich die Innenzone wohl ein paarmal verlassen musste, um mehr zu sehen.
Mein Weg führte mich zum Queen Victoria Market und siehe da, ein sehr reichhaltiges Frühstück. Auch weil ich mir das im Hotel kurz anschaute und naserümpfend liegen ließ. Nussschmiere auf Weißbrot, bitte. Ingwershot und irgendein Shake mit Erbsenprotein dazu, verdammt geile Kirschen. Was willst du mehr. Eine Bibliothek zum Arbeiten. Also runter an die Docks, rein in das Ding und mein Zeug erledigen.
Danach war es weit nach Mittag und ich ins Hotel, um meinen Laptop reinzuschmeißen, und weiter zur National Gallery of Victoria. Es hatte angefangen zu regnen, nein, zu schütten. Ich rutschte in meinen abgelaufenen Schuhen durch die Gegend und war froh, mir nicht den Hals gebrochen zu haben. Ich sollte die Dinger wirklich bald entsorgen, die sind durch.
Mit der Tram kam ich an und wieder umsonst war der Eintritt, außer der Sonderausstellung, die ich mir leistete. Frauen und Fotografie. War wirklich gut. Ein paar der Bilder habe ich wirklich neidvoll betrachtet. Neid ist die schönste Form der Anerkennung. Dann schlenderte ich durch den Rest der Galerie und war von manchen Sachen, vor allem vom Raum und dem Gebäude an sich, begeistert. Gegen 17 Uhr verließ ich das Museum, nur um mich ein weiteres Mal durch die Gassen von Melbourne gehend, nein, rutschend, zu finden, um dann nach Suppe und enttäuschendem Sonnenuntergang früh ins Bett zu schleichen.
*Der Batman Treaty (Juni 1835) waren zwei Deeds, mit denen John Batman im Namen der Port Phillip Association behauptete, von Kulin und Wurundjeri und teils Boonwurrung Ältesten ein riesiges Gebiet um Port Phillip und Melbourne gegen Waren und eine Art jährliche Abgabe erworben zu haben. Aus Siedlerperspektive sollte das die Besetzung als vertraglich und damit legitim erscheinen. Die Kolonialregierung erklärte das jedoch mit Governor Bourkes Proclamation vom 26. August 1835 faktisch für nichtig und stützte damit die Logik von terra nullius. Land gehöre vor der britischen Inbesitznahme niemandem, daher könnten Aboriginal People es rechtlich nicht verkaufen, und Landvergabe liege allein bei der Krone. Viele viktorianische Aboriginal Stimmen deuten das Treffen eher als missverstandenen Austausch beziehungsweise tanderrum, also Zugang und Gastrecht auf Zeit statt Eigentumsübertragung, und verweisen auf Übersetzungs und Machtasymmetrien. Historikerinnen diskutieren zusätzlich die Zuverlässigkeit der Unterschriften beziehungsweise Marks und was tatsächlich vereinbart wurde.



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