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Magnetic Island

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 31. Mai
  • 7 Min. Lesezeit

Woher kommt nun eigentlich der Name?

Wegen der Anziehungskraft, die diese Insel auf einen ausübt? Oder war es ordinär einfach James Cook, dessen Kompassnadel in der Nähe dieser Insel verrücktspielte, ein Phänomen, das seit 1770 nie wieder beobachtet wurde?

Messartefakte. Etwas, mit dem man sich als Naturwissenschaftler gut auskennt, egal welche Disziplin man bespielt hat. Von 6 K Anomalien über Diffusionskoeffizienten bis zu Ghost Peaks, wenn wieder jemand mit einer Probe zu nah am Detektor vorbeimarschiert.

Den Weg von Cairns machte ich mit dem Bus. Greyhound Australia, sechs Stunden bis Townsville. Der Spirit of Queensland, ein Zug, der in etwa zwanzig Stunden von Cairns nach Brisbane fährt, war an diesem Tag ausgebucht. Da saß ich nun also morgens um sieben Uhr im Bus und war ganz froh, dass der Fahrer nicht durchs Mikro quatschte.

Teile der Landschaft kannte ich schon. Bis Innisfail war ich am Tag zuvor mit Steve gekommen. Dichtes, sattes Grün, mit Ranken und Lianen überwucherte Bäume, dieser typische nordqueensländische tropische Regenwald. Weiter südlich, bei Tully, stand dann plötzlich ein riesiger goldener Gummistiefel mit einem Frosch darauf. Steve hatte dazu am Tag zuvor im Bus eine Anekdote erzählt. Der Gummistiefel steht für die höchste Regenmenge, die innerhalb eines Jahres in einem besiedelten australischen Gebiet fiel. Er ist knapp acht Meter hoch. So viel Regen fiel dort in einem Jahr. Acht Meter Regen.

Ein paar Stunden weiter südlich fiel mir auf, dass das dichte Grün langsam wich und gegen diese typische Eukalyptusbaum Graslandschaft eingetauscht wurde, die ich auch von Brisbane kenne. Für mich heißt das: Von hier bis tausend Kilometer weiter südlich ändert sich die Landschaft nur noch langsam. Halbtrockene Steppe, leicht grünlich, gelblich, australisch eben. So ist das hier mit den Distanzen. Die schöne tropische Landschaft ist vorbei, abgelöst von diesem weiten, trockeneren Queensland.

Irgendwann kam ich in Townsville an. Praktischerweise direkt am Ferry Port. Dort lief ich erst einmal etwas verpeilt herum, bis ich auf eine junge Dame aufmerksam wurde, die mir heftig zuwinkte und mich zu sich rief. Ich hatte sie beim Riffschwimmen kennengelernt. Was für eine Wiedersehensfreude mit der jungen Dame aus Augsburg, die noch seekranker gewesen war als ich. Sie hatte sich inzwischen vom Bombast abgeseilt, der ging ihr wohl auf den Sack, und war nun auf dem Weg Richtung Süden. Gerade kam sie von Magnetic Island zurück.

Sie gab mir ein paar Tipps, und ich gab ihr welche für Brisbane. Nummern tauscht man heute nicht mehr aus, aber Instagram Handles. Dann ging es für mich weiter.

Rauf auf die Fähre.

Da saß ich nun, und die Fähre legte ab. Ich blickte mich unter den Fahrgästen um. Die meisten waren tätowiert, aber nicht mit diesen klassischen Aussie Tattoos, also nicht diese vereinzelten hässlichen Strichmännchen, sondern anders. Ich nahm die Stöpsel aus den Ohren und hörte ein bisschen zu, um meinen Verdacht bestätigt zu bekommen. Hier wurden verschiedene europäische Sprachen gesprochen. Italienisch hier, Norwegisch dort, Deutsch sehr präsent. Die Insel ist ein Hotspot.

Das war aber nicht das Einzige. Frisuren, Ohrringe, Auftreten. Das waren keine normalen europäischen Urlauber. Das war ein ganz besonderes Völkchen, das hierherkommt. Hippies, Aussteiger, Raver.

Bei ein paar Leuten wird dir sofort klar, was Sache ist. Ein Pärchen setzte sich direkt vor mich. Sie mit quer über den Hals tätowiertem „Lawless“ in riesigen Lettern. Ihr Macker daneben mit „sharing is caring“ fett auf dem Unterarm, das er dir immer wieder vor die Nase hält. Da weißt du Bescheid. Das gesetzlose Stück, das der Typ gern teilen möchte, ist jedenfalls nicht von der Sorte, die du gern nimmst. Wirklich nicht.

Nicht mein Fall, diese Leute. Wirklich nicht.

Mit einem süffisanten Lächeln widmete ich mich wieder meiner Musik und der Landschaft. Nicht der Tussi, die vor mir auf und ab stolzierte und die schöne Aussicht versperrte.

Kaum auf der Insel angekommen, gönnte ich mir das, was ich den ganzen Tag noch nicht gehabt hatte: einen guten Kaffee. Den gab es direkt an der Bushaltestelle, während ich auf den Bus wartete. Ich hatte mir meine Unterkunft in Horseshoe Bay dem Namen nach ausgesucht. Irgendwas mit Sunset. Und das war mein Programm.

Eine kurze Busfahrt später, in einem wirklich vollen Bus, stand ich auf der anderen Seite der Insel und konnte in meine Unterkunft einziehen. Ich war ein bisschen fertig. Die letzten Tage mit diesen Sightseeing Touren in Cairns waren sehr getaktet gewesen, und manchmal mag ich einfach mehr Zeit, um die Seele baumeln zu lassen.

Ich ging noch einmal raus zum Sonnenuntergang. Und der war wirklich richtig schön. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Für gute Sonnenuntergänge bin ich auf der falschen Seite Australiens abgestiegen. Aber auf solchen Inseln kann man sie richtig schön beobachten, über dem Meer, wenn man auf der richtigen Seite ist. Und hier scheint das der Fall zu sein.

Für den nächsten Tag nahm ich mir nichts vor. Außer nicht früh aufzustehen. Und das funktionierte.

Horseshoe Bay ist nun wirklich nicht groß, und der Supermarkt ist massiv überteuert. Es gibt ein nettes Café oder zwei, dann war es das auch schon beinahe. Also erkundete ich mit dem Bus die Insel und saß abends wieder am Strand. Dort hatte ich einen wirklich spektakulären Sonnenuntergang.

Für den nächsten Tag hatte ich mir vorgenommen, endlich Koalas in freier Wildbahn zu fotografieren. Ich bin seit über einem Jahr in Australien und habe noch keinen Koala gesehen. So viel dazu. Andere Tiere auch nicht, aber über manche bin ich ganz froh.

Ja, ich könnte auch in den Zoo. Aber im Prinzip mag ich solche Anstalten nicht. Der einzige Grund, warum ich in Zoos gehe, ist, sie mit der Wilhelma zu vergleichen, um im Anschluss ein vernichtendes Urteil abzugeben. Stuttgart forever.

Und wie sollte es anders sein: Ich kam natürlich spät los. Die Sonne stand schon hoch. Kein Frühstück, zwei doppelte Espresso, und los ging es Richtung Forts Junction. Dort dann noch eine Dose Cola, nur um oben bei der Forts Junction in der prallen Sonne zu stehen, als plötzlich das Zittern einsetzte und dieses mulmige Gefühl kam. Das Insulin hatte seine Arbeit getan und meinen Blutzuckerspiegel wieder nach unten getrieben.

Da stand ich nun, mitten auf einem Hike, mit zittrigen Beinen.

Es war ja nicht das erste Mal, dass mir so etwas passierte. Wie oft bin ich bei vierzig Grad am Berg schon vom Fahrrad gestiegen und dachte: Das war es jetzt, ich sterbe.

Und wie damals auch heute: kurz Pause im Schatten und weiter. Ich hatte natürlich nichts zu essen dabei, keine Vorbereitung, und war einfach einem Wanderweg gefolgt, der mitten in die Pampa führte. Aber es ist alles nur Psyche. Selbst wenn du denkst, du kannst nicht mehr, geht immer noch etwas. Noch mehrere Stunden sogar. Mit diesem Wissen machte ich den Abstieg hinunter Richtung Florence Bay. Zweihundert Höhenmeter, gute Treppen. Beim Hinunterlaufen kamen mir Jogger entgegen, die fröhlich lachend in der Hitze die Treppen hochrannten.

Da kam Neid auf.

Ich wackelte dann Richtung Heimat, nahm noch eine Steigung und stand wieder in Horseshoe Bay vor meiner Unterkunft. Auf dem Weg, endlich etwas zu essen. Mittags um vierzehn Uhr.

Da kam mir mein Vermieter entgegen. Ich sei doch Deutscher, meinte er. Heute Nacht gäbe es einen Rave am Strand. Ob ich da nicht hinwolle.

Wir müssen dringend mal wieder an unserem Image arbeiten. Deutsch, Rave, wirklich.

Ich lächelte ihn an und fragte, ob das so ein australischer Rave sei. In Brisbane wurde ich ebenfalls zu einem eingeladen. Einer, der um 18 Uhr anfing und um Mitternacht endete. Ich lehnte damals dankend ab und lache heute noch darüber. Das war einer der besten Witze, die mir jemand in Australien erzählt hat. Ein Rave, der um 18 Uhr anfängt und um 0 Uhr endet.

Gott.

Ein Rave fängt am Freitag nach der Arbeit an und hört am Montagmorgen auf, wenn man wieder zur Arbeit geht. Punkt.

Außerdem: Ich bin Stuttgarter. Einer, der früher noch jeden ersten Freitag im Monat in die Röhre zu Drum and Bass ging. Mir braucht man mit einem Strandrave nicht zu kommen. Die Röhre, oh oh. Ich habe wenig ausgelassen, als ich jung war, und das ist auch gut so. Ich vermisse heute gar nichts. Ich muss nichts nachholen. Ich war extrem experimentierfreudig damals.

Jetzt sitze ich da und lache über beide Ohren.

Wo war ich? Genau, der Rave.

Mein Vermieter meinte, ich würde ihn an seinem aufblasbaren silbernen Pillow erkennen, falls ich mich doch entschließen sollte. Ich hatte andere Pläne, und die hatten etwas mit dem Sonnenuntergang zu tun.

Eigentlich wollte ich auf Magnetic Island zu einem Teil der Insel, wo bei Sonnenuntergang Wallaby Herden über ein Feld rennen. Ich hatte Videos davon gesehen. Aber um ehrlich zu sein: Ich bin dazu nicht gekommen. Ich kam von dem Strand direkt vor meiner Haustür einfach nicht weg. Den konnte ich mir nicht entgehen lassen. Und na ja, diese Videos von den Wallaby Herden, bessere kann ich auch nicht machen.

Am nächsten Tag packte mich der Ehrgeiz. Ich frühstückte ordentlich, und dann ging es wieder in den Walk vom Vortag, nur ein bisschen andersherum. Jede Bucht, jede Bay, jede Treppe, jeden Anstieg. Eine kleine entspannte Runde. Elf Kilometer, achthundert Höhenmeter, fast nur Treppen.

Das war herrlich.

Wirklich ein schöner Walk direkt vor der Haustür. Jede Bucht, jede Bay, der Schweiß lief, und es ist wirklich so: Wenn man sich körperlich mit Ausdauersport anstrengt, fällt man irgendwann in eine Art mentalen Zustand, der meditativ ist. Alles Unwichtige wird leise, und das Wichtige wird präsent. Das war richtig gut, wenn auch ein bisschen kurz.

Ich habe schon viele solcher Touren in meinem Leben gemacht. Natürlich stehen die Himmelsleiter in Heidelberg, San Fruttuoso im Portofino National Park oder Neapel immer noch heraus. Aber ich liebe Treppen. Und die hier sind wirklich auch nicht schlecht. In der Hitze. Leider ein bisschen kurz. Egal. Trotzdem schön.

Ich war lange vor Sonnenuntergang zurück in der Bay. Egal. Es war schön.

Abends stand ich wieder am Strand. Da es Samstag war, waren auch viele Leute unterwegs, vor allem Aussies. Sie saßen mit Campingstühlen und Weinflaschen am Strand, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Hier eine Gruppe, dort eine Gruppe. Alle sehr kommunikativ und freundlich. Sie drehten sich nicht weg, wenn sie merkten, dass du nicht einer der ihren bist.

Wirklich, die letzten Tage in Australien waren die Leute alle so freundlich, nett und offen. Liegt es an mir? Habe ich mich verändert, und die Leute reagieren nun anders auf mich?

Es sind genau diese Interaktionen mit Menschen, die man im Kopf hat, wenn man früher an Australien dachte. Alle nett, freundlich, hilfsbereit. Du bekommst Tipps, wo es auch schön ist, wo du hingehen solltest, was es zu sehen und zu fotografieren gibt. Auch an diesem Abend, an diesem Strand.

Ich machte mir also so meine Gedanken. Ob ich mich verändert habe. Oder ob es doch daran liegt, dass die Menschen in touristischen Gegenden daran gewöhnt sind, dass andere aus anderen Ländern kommen und ebenfalls kommunizieren.

Da gibt es noch ein paar Puzzleteile, die ich zusammensetzen muss, bevor ich ein abschließendes Urteil zum Besten gebe.

In diesem Sinne.


 
 
 

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