Kingdom of Tonga - Nukuʻalofa
- R.

- 8. Mai
- 5 Min. Lesezeit

Zuallererst muss ich mich wohl entschuldigen. Ich sollte keine Einträge mehr in zwanzig Minuten schreiben, schon gar nicht morgens um halb sieben am Flughafen, mit dem Laptop in der Hand und im Stehen in einer Warteschlange. Genau so ist nämlich der letzte Text entstanden, und genauso liest er sich auch. Pardon. Also gut, nun Tonga, besser gesagt das Königreich Tonga, noch einmal ein Stück weiter draußen im Pazifik. Wobei es im Alltag für mich zunächst vor allem Tongatapu ist, die Hauptinsel. Daneben gibt es noch ungefähr 170 weitere Inseln mit insgesamt knapp 100.000 Einwohnern.
Als ich meinen letzten Blogeintrag online gestellt hatte, war ich wie erwähnt bereits auf dem Weg zum Flieger. Draußen strahlendes Wetter, und als ich mich im Warteraum umsah, merkte ich, dass ich beinahe alle überragte, und das mit meiner Größe. Richtig, ich war der einzige weiße Mann im Flieger, dazu ein paar Menschen mit eher polynesischem Aussehen und ansonsten sehr viele asiatisch wirkende Mitreisende. Egal, dachte ich mir, rein in den Flieger und los. Irgendwann wurde der Flug ruppiger und das Wetter schlechter. Hin und wieder ein Luftloch, das Ganze über dem Pazifik, es war kein angenehmer Flug. Wobei ich den Piloten wirklich loben muss. Als wir aus dem Flugzeug ausstiegen, wehte uns der Wind beinahe vom Flughafen. Für dieses Wetter war der Flug erstaunlich ruhig. Wirklich, der Wind war heftig, der Regen peitschte.
Ein paar Minuten später standen wir in der Schlange zur Einreise. Ich stand ungefähr in der Mitte, also eigentlich ganz gut. Da ich gern immer ein bisschen Abstand zu meinem Vordermann halte, nicht zu sehr auf die Pelle rücke, nutzten meine lieben Mitreisenden das schamlos aus. Bei jeder Wendung mogelten sich mehr an mir vorbei, und plötzlich stand ich am Ende der Schlange. Was wir europäisch Geprägten als ziemlich unhöflich auffassen würden, scheint in anderen Kulturkreisen eher normal zu sein. Ist mir schon in Australien aufgefallen. Ich werde trotzdem nicht anfangen, meinem Vordermann ins Genick zu atmen. Aber gut, ich hatte eben auch den Luxus, nicht in einer besonders bevölkerungsdichten Region aufzuwachsen. Anyway, da stand ich nun am Ende der Schlange, als ich einen Pfiff hörte. Der Mann, der die tonganische Einreise abfertigte, war mit seinem Schalter fertig und pfiff mir. Also rutschte ich unter der Absperrung durch und stand plötzlich vorn. Gemurmel von der anderen Seite. Zwei Minuten später war ich draußen. Meine Mitreisenden hatten dieses Glück nicht, sie wurden reihenweise in ein gesondertes Räumchen gebeten. Warum auch immer. Es scheint Gründe dafür zu geben.
Kaum draußen, Geld holen, neue Währung, neue Scheine, Shuttle finden. Der junge Mann wartete schon und im strömenden Regen ging es zur Unterkunft. Wir wechselten kein einziges Wort. Ich starrte aus dem Fenster, und er wirkte auf mich, als sei er ganz froh, nicht reden zu müssen. Mir fiel sofort auf: Tonga, beziehungsweise das Königreich Tonga, ist anders als Fiji oder Vanuatu. Es sind Kleinigkeiten, aber sie springen dir sofort ins Auge. Zuallererst: Tonganer und Tonganerinnen sind polynesischer Abstammung, also kulturell eher näher an den Māori in Neuseeland als an den melanesischen Gesellschaften in Neukaledonien oder Vanuatu. Fiji wiederum hat ja zusätzlich noch seine starke indische Komponente. Das ist der erste Unterschied. Der zweite: Es liegt kein Plastikmüll auf den Straßen und Feldern. Es gibt eine Müllabfuhr und öffentlich zugängliche Mülleimer, sogar mit Mülltrennung. Entlang der Waterfront stehen überdachte Bänke, kilometerlang, alle paar Meter wieder eine, und sie werden benutzt. Dazu Mülleimer, teils sogar zum vorsortieren. Nur am Strand findet sich Plastik, ich vermute, angespült, und Schweine ebenso, Seeschweine. Auch die Straßen sind deutlich besser gebaut als in den anderen Inselstaaten, obwohl der Regen die Kanalisation an ihre Grenzen brachte. Diese ist übrigens keine unterirdische, sondern ein mit Steinplatten abgedeckter Graben.
Tonga war keine klassische Kolonie, stand aber siebzig Jahre unter britischem Protektorat, von 1900 bis 1970, und wurde schon vor rund dreitausend Jahren besiedelt. Es war immer stark hierarchisch organisiert, wurde 1845 zum Königreich geformt und erhielt 1875 eine moderne Verfassung. Dieser Wille zur Selbstbestimmung scheint den Polynesiern wirklich in die Wiege gelegt, das ist mir sehr sympathisch. Gleichzeitig wurde Tonga im 19. Jahrhundert massiv christianisiert. Viele Missionare, viele Kirchen, ein echter Ruhetag am Sonntag. Die alte tonganische Kultur ist dadurch nicht verschwunden, aber sie liegt heute unter einer dicken christlichen Oberfläche, und man muss ein wenig graben, um etwa auf die Schöpfungsgeschichte zu stoßen. Aber diese lohnt sich. In der tonganischen Erzählung beginnt alles mit dem Urmeer. Hikuleʻo erschafft die vulkanischen Inseln, indem sie Steine in den Ozean wirft. Maui zieht die Koralleninseln mit seinem Haken aus dem Meer herauf. So erklärt der Mythos Tonga als Inselwelt aus zwei Ursprüngen, aus Feuer und Stein einerseits, aus Koralle und Meer andererseits. Interessanterweise: Geologisch ist Tonga zweigeteilt. Die Inseln liegen in zwei ungefähr parallelen Ketten. Im Westen eher die höheren, vulkanischen Inseln, im Osten vor allem flachere Korallen und Kalkinseln, zu denen auch Tongatapu gehört. Flach wie ein Blatt, und genau deshalb empfindlich für Tsunamis und Stürme.
Woher ich das alles weiß? Nun ja, am ersten Tag blieb mir nichts anderes übrig, als den Regen auszusitzen. Abends konnte ich noch ein bisschen raus, aber es gingen immer wieder heftige Schauer nieder, und der Sturm war extrem. Ich liebe so etwas ja, stürmisches Wetter hat was. Der zweite Tag begann etwas freundlicher und ich konnte mich umsehen. Meine Gastgeberin hatte mir ein Fahrrad vor die Tür gestellt, eines von der Sorte all gas, no brakes, um eine samoanische Legende zu zitieren, und so fuhr ich durch die Stadt, vorbei am königlichen Palast in der Nähe meiner Unterkunft. Wirklich ein schönes Gebäude. Die heutige Staatsform ist eine konstitutionelle Monarchie, der König ist weiterhin wichtig, aber Tonga hat auch Parlament und Regierung. In der Nähe des Palastes liegen auch die Botschaften, und die chinesische ist hier besonders bedeutend und riesig.
China ist in Tonga vor allem deshalb so sichtbar, weil eine relativ kleine chinesische Community im Handel stark auffällt und weil China beim Wiederaufbau und über Kredite in Nukuʻalofa sehr präsent wurde. 2006 kam es in Nukuʻalofa zu schweren Unruhen, nachdem erwartete demokratische Reformen ausblieben. Große Teile des Stadtzentrums wurden geplündert und niedergebrannt, auch chinesisch geführte Geschäfte wurden angegriffen. Der Wiederaufbau wurde später in großem Maß über chinesische Kredite finanziert, und genau deshalb hängen China, Nukuʻalofa und 2006 bis heute politisch und im Stadtbild sichtbar zusammen. Und das sieht man. Aber auch Australien und seine Nothilfe sind präsent, wie auch in den anderen Inselstaaten. Australien gilt in Tonga bis heute als einer der wichtigsten Partner für Nothilfe und Katastrophenhilfe, besonders seit dem Ausbruch des Hunga Tonga Hunga Haʻapai und dem Tsunami von 2022. Australien reagierte damals schnell mit humanitärer Soforthilfe, Aufklärungsflügen, Schiffen der Marine und später auch mit weiteren Mitteln für Wiederaufbau und langfristige Erholung. Es sind hier viele Interessen vertreten, und das merkt man auch.
Woher ich auch das weiß? In meiner Unterkunft ist ein älterer Neuseeländer aus Dunedin abgestiegen, der weiter im Norden ein Resort betreibt. Dort bietet er von Juli bis Oktober Schwimmen mit Walen bei Neiafu an. Grüße nach Deutschland, Timmy. Er sagt, du kannst die Uhr nach den Tieren stellen. In der ersten Juliwoche kommen sie, werfen ihre Kälber und sind dann Mitte Oktober wieder verschwunden. Schwimmen mit Walen, drei Stunden für 150 Euro, sagt er. Wer Timmy Feeling will, nun wisst ihr, wo. Und der gute Mann bestätigte auch etwas, das ich selbst schon festgestellt hatte: In Tonga verstehen sie etwas vom Kaffeekochen. Der zieht dir die Schuhe aus, nicht so wie die Plörre auf manchen anderen Inseln. Franzosen können viel, aber Kaffee gehört offenbar dazu.
In diesem Sinne.



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