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Fulda - Mannheim 183 km

Autorenbild: R.
R.
4. Juli
4 Min. Lesezeit

Ich hatte mir einen Plan erstellt. Wie üblich mit eingebaut einer Fehlfunktion am Fahrrad. Fahrradladen um Fahrradladen entlang der Strecke, so ging es morgens los. Natürlich 2 h später als mir lieb ist, aber Fahrradläden machen erst um 9 Uhr auf, manche. Kurz nach neun stand ich beim ersten, und er erbarmte sich meiner sofort. Speiche gebrochen. Kein Problem. Dreißig Minuten später war ich wieder draußen, allerdings mit den Worten, dass mein Hinterrad wohl bald seinen Geist aufgeben würde. Das war dann also der Warnschuss. Nicht mein Gewicht. Das Hinterrad. Das heißt natürlich auch: Ich habe ein DT-X-Laufrad bis zur Materialermüdung gefahren. Nicht schlecht.

Und somit ging es los. Die ersten dreißig Kilometer bis Schlüchtern waren sehr wellig. Kurz vor Schlüchtern war ich dann auch aus der Rhön draußen. Die Rhön ist landschaftlich wirklich schön. Ein klasse Mittelgebirge. Danach fuhr ich das Kinzigtal nach der Talsperre hinunter. Es lief heute nicht besonders gut. Es war zäh. Gegenwind. Schwere Beine. Vielleicht auch das Hinterrad. Aber landschaftlich war es großartig. R3, Radfernweg Hessen. Diese ganzen Radfernwege in Hessen sind toll. Da könnten sich andere Bundesländer wirklich etwas abschauen. Gute Ausschilderung, gute Wege, gute Infrastruktur.

Eigentlich ging es das ganze Tal entlang bergab, in Flussrichtung der Kinzig. Aber der Gegenwind verdarb es. Entweder der Gegenwind oder mein Hinterrad. Manchmal hatte ich zumindest den Eindruck, dass da noch etwas nicht ganz rund läuft. Vielleicht suche ich aber auch nur einen Grund dafür, dass es früher leichter ging. Landschaftlich war es bis Wächtersbach und Gelnhausen wunderbar. Beide Orte leben noch von Geschichte, besonders Gelnhausen mit seiner Staufervergangenheit. Diese Gegend hat etwas. Burgen, alte Orte, Flusstäler, Fachwerk, Erinnerungen an ein Reich, das unter den Staufern von den Küsten des Mittelmeeres bis weit in den Norden reichte. Und diese Staufer stammen ja am Ende auch von dort, wo ich herkomme. Von der Schwäbischen Alb.

Bei Gelnhausen traf ich leider eine falsche Entscheidung. Ich wollte raus aus dem Gegenwind und verließ deshalb den R3 und das Kinzigtal. Stattdessen wechselte ich auf einen Radweg, der vier Kilometer kürzer nach Hanau führte, dafür aber deutlich mehr über Straßen, die auch von Autos mitbenutzt wurden. Leider. Das war ein Fehler. Es war nicht mehr angenehm. Ständig dieses Aufpassen. Zweimal wurde ich mal wieder von Autofahrern genötigt zu bremsen. Wenn du auf einer Straße so fährst, dass ein Radfahrer an parkenden Autos nicht vorbeikommt, während du entgegenkommst, dann ist etwas falsch. Hätte ich es trotzdem probiert und nicht gewartet, kenne ich die Antwort schon, nachdem sie einen angefahren hätten: „Ich habe dich gar nicht gesehen.“ Jaja. Also waren es 28 Kilometer Vorsicht statt 32 Kilometer kurviger Gegenwind im hübschen Tal. Nein, ich fahre jetzt nicht mehr zurück und mache meine Entscheidung rückgängig. Das nächste Mal.

Ich war spät in Hanau. Ich war ja auch spät gestartet. So gegen 15 Uhr kurvte ich ein bisschen durch die Stadt, in der ich auch einmal eine glückliche Zeit hatte. Es war noch alles da. Ich fuhr nahe an unserer alten Wohnung vorbei, direkt am Mahnmal der neun getöteten Menschen des rassistischen Anschlags vom 19. Februar 2020. Zweihundert Meter Luftlinie. Das muss ich mir heute vorstellen. Zweihundert Meter von dort entfernt hat rechter Terror neun Menschen niedergestreckt. #saytheirnames: Gökhan Gültekin. Sedat Gürbüz. Said Nesar Hashemi. Mercedes Kierpacz. Hamza Kurtović. Vili Viorel Păun. Fatih Saraçoğlu. Ferhat Unvar. Kaloyan Velkov.


Ich war mir noch nicht sicher, ob ich wirklich nach Mannheim fahren sollte. Ich öffnete wieder meine Navigationsapp. Ich hatte bereits 93 Kilometer in den Beinen und tippte Mannheim ein. 104 Kilometer. Voller Unglaube öffnete ich die andere App. 97 Kilometer. In meinem Kopf hatte ich 90 Kilometer abgespeichert. Das war meine Strecke, die ich jahrelang am Wochenende gefahren bin. Wochenendependeln. Am Ende innerhalb von vier Stunden. Sichtlich verwirrt zoomte ich in die Apps und sah die abstrusen Wege, die dort geplant wurden. Also schloss ich sie wieder und dachte mir: Ich kann es auch einfach so probieren. Und fuhr los.

Mir war klar: Wenn ich einmal die falsche Abzweigung nehme, bin ich vermutlich verloren. Es hatte damals eine Weile gedauert, bis ich damals die Strecke zusammenhatte. Und es war auch früher nicht immer ganz einfach, ihr jedes Mal sauber zu folgen. Aber die ersten dreißig Kilometer liefen erstaunlich gut. Im Wald um die Grube Messel wurde es dann etwas komplexer, aber ich wurschtelte mich richtig durch und war bald an Darmstadt vorbei. Was mich trieb, war die Belohnung. Ich wollte unbedingt eine Gemüsesuppe im Amas zum Abendessen. Das war damals eine glückliche Zeit. Schwierig und anstrengend, ja, aber bei einer Nudelsuppe im Amas vergaß man viel.

Und so fuhr ich aus den Ausläufern des Odenwalds hinaus und hinunter zur Bergstraße. Die letzten dreißig Kilometer waren zäh. Ich war wirklich nicht mehr der Frischeste. Als ich Lorsch erreichte, wusste ich: Jetzt nur noch durch den Wald und dann noch ein bisschen. Das setzte neue Kräfte frei. Kurz nach 21 Uhr erreichte ich endlich meine Unterkunft. 183 Kilometer standen heute auf dem Tacho. Also waren es doch nur 90 Kilometer zwischen Hanau und Mannheim. Früher habe ich das besser weggesteckt. Und wahrscheinlich auch wesentlich schneller gefahren. Aber es liegt sicherlich am Hinterrad.

Als ich eincheckte, sah ich an der Straßenecke ein italienisches Restaurant. Dort war ich damals mit Marco, einem Austauschstudenten aus Italien, eingekehrt. Die machten eine hervorragende Pizza. Ein bisschen bedauernd lief ich daran vorbei in Richtung Amas, nur um festzustellen, dass es schon seit 20 Uhr geschlossen hatte. Also doch neapolitanische Pizza. So ist das im Leben. Geht eine Tür zu, geht manchmal eine andere auf. In diesem Sinne.

 
 
 

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