Freiheit 85 km
- R.
- vor 7 Stunden
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Kehren wir zurück zu den Ursprüngen.
Dieser Blog war einmal dazu gedacht, über Fahrradreisen zu schreiben. Was ist nur daraus geworden? In den letzten Jahren eher ein Tagebuch der täglichen Jämmerlichkeiten. Aber heute, ja, ab heute wird alles anders.
Wir brauchen uns nicht darüber zu unterhalten, dass ich fett geworden bin. Mal wieder. Aber dass ich so unfit bin, das ärgert mich massiv. Das frustriert mich. Ich denke, ich war auch selten so dick, und beides zusammen ergibt jemanden, der auf dem Fahrrad wieder kämpfen muss, um einen Berg hochzukommen.
Der gemeine Bürger würde nun sagen: Dann hat die Midlife Crisis halt gewonnen, enspann dich.
Aber da kennt ihr mich schlecht.
So einfach gebe ich nicht auf. Vor allem nicht gegen den einzigen Gegner, der es würdig ist, bekämpft zu werden. Und der bin ich selbst.
Also, gesagt, getan. Die letzten Tage war ich wieder mehr mit dem Fahrrad unterwegs. Auch bei 38 Grad. Ist ja wie in Italien und immer noch besser als in, ihr wisst schon wo, mit dieser Luftfeuchtigkeit.
Da ich beruflich nach Niedersachsen musste und danach ein paar freie Tage hatte, dachte ich mir: Nimmst du dein Fahrrad mit und lässt es runterlaufen. Das ging früher ja auch ganz gut.
Heute war ich dann gegen Mittag fertig mit arbeiten, irgendwo nahe Hannover, tippte um zwei Uhr Göttingen ein und sah: 120 Kilometer.
Easy, dachte ich.
Was natürlich völliger Unsinn war. Das wäre früher schon nicht easy gewesen. Vielleicht machbar, ja. Aber easy? Nein.
Heute jedenfalls, was soll ich sagen, die ersten vierzig Kilometer war ich schon arg am Hadern. Zu allem Überfluss regnete es auch noch. Gegenwind. Gewicht in den Gepäcktaschen. Und gegessen hatte ich den ganzen Tag nichts außer zwei Bananen.
Es war zäh.
Zäh mit Gepäck. Zäh mit meinen zusätzlichen Kilos. Zäh mit dieser Mischung aus Trotz, Frust und der leisen Frage, ob ich vielleicht doch nicht mehr der bin, der ich einmal war.
Aber ich biss mich durch.
85 Kilometer.
Mit Pausen alle zwanzig Kilometer. Mit langsam den Berg hochfahren. Mit Einkaufen. Mit Bananen. Mit Musik. Mit Mindestzielsetzung. Mit allem, was eben hilft, wenn der Körper nicht mehr ganz das macht, was der Kopf noch von ihm verlangt.
Und jetzt liege ich im Wald. Biwakiere. Höre die Geräusche um mich herum und denke darüber nach, dass genau das vielleicht die Freiheit ist, die ich lange vermisst habe.
Nicht die große Freiheit. Nicht die Freiheit aus Werbespots, mit Sonnenuntergang und perfekten Beinen.
Sondern diese hier.
Müde Beine. Feuchte Sachen. Ein Körper, der meckert. Ein Kopf, der langsam ruhiger wird. Ein Fahrrad neben mir. Wald. Irgendwo zwischen Hannover und Göttingen. Kein Plan, der perfekt aufgeht, aber ein Weg, der wieder angefangen hat.
Und natürlich Haribo Lakritz Parade.
Die habe ich endlich gefunden. Hier in irgendeinem Supermarkt. Der eigentliche Grund, warum ich aus, ihr wisst schon woher, zurückgekommen bin.
Die Lakritze dort ist scheiße.
In diesem Sinne.