Fiji - Nadi II
- R.

- 5. Mai
- 6 Min. Lesezeit

Bula. Ich wollte den Blick hinter die Kulissen. Einen Einblick aus einem bestimmten Winkel habe ich bekommen. Dafür musste ich allerdings auch noch einmal vor die Kulissen.
Ich hatte eine Tour gebucht, mit dem Boot zu einer Insel, und stand zum vereinbarten Zeitpunkt wieder am Schalter. Die Fahrt dorthin hatte mich 22 Minuten mit dem Fahrrad gekostet, das ich bei einem Wachmann am Parkplatz abstellen konnte. Fahrradstellplätze gibt es hier nicht. Egal wie teuer der Sprit noch wird, sie fahren Auto hier. Und sie schimpfen auf, ja auf wen wohl. Und der deutsche Kanzler legt sich mit ihm an, sagen sie hier, das finden sie gut, so wird das hier vermittelt. Ich lächle und nicke. Aber ich schweife ab.
Ich stand also am Schalter, sie schaut mich an und sagt: Ach, du heute nicht, zu wenig Leute, am Mittwoch. Am Mittwoch bin ich nicht mehr auf der Insel. Das ist nun aber dumm, wie machen wir das dann. Wie wäre es mit Rückerstattung. Schwierig, sie müsse mit der Buchhaltung reden und brauche meine Kreditkartendetails. Bitte? Memo an mich selbst: Touren zahlt man am selben Tag.
Also stand ich da, ein bisschen enttäuscht und konfus, und dachte mir, schauen wir mal, wann das Geld zurückkommt. Ich musste mir schnell noch etwas anderes überlegen und wurde auch fündig. Schnell gebucht, und wenn ich morgen noch eine Haitour machen wolle, dann würde ich 20 Prozent off bekommen. Hai, ja, wirst du da sehen, zu 75 Prozent.
Also rauf aufs Boot, wie 500 andere auch, und los ging es. Auf der ersten Insel wurden ungefähr 100 Passagiere rausgeworfen, die zweite war meine. Kein Anleger, sondern Shuttleboote holten einen vom großen Boot ab. Soweit, so gut. Dann Richtung Strand. Der Typ im Boot zeigte auf die Begrüßungsmusiker am Strand und meinte, wenn ich kein Bula zurückschreie, dann kein Bier. Bula kam von denen, Bula von uns, die Luke des Bootes ging auf und wie bei der Landung in der Normandie wurden wir von Bord gejagt, empfangen mit Ukulelensalven und breit grinsenden Menschen in Baströcken, die irgendein Lied trällerten. Bula.
Links und rechts rannten die Leute an mir vorbei, um sich die besten Liegen zu sichern. Ich hatte Glück und kam als einer der Ersten von Bord und hatte relativ schnell eine Liege unter einem Sonnenschirm. Anders als auf Neukaledonien sind die Inseln hier voll ausgerüstet. All inclusive Bar, Lunchbuffet, Toilette, Stromaggregat, Pool und Liegen. Zu meinem Bedauern auch eine Soundanlage, über die ein Animateur sechs Stunden lang Ansagen machte, unterbrochen von lauter Musik. Und alle mit einem freundlichen, überfreundlichen Bula-Gesicht. Yeah.
Also wenn ich in einem Resort abgestiegen wäre und die ganzen Tage solche Touren gemacht hätte, dann würde ich denken: Oh mein Gott, was für ein Paradies hier. Diese Bubble hatte ich nur betreten, um den Unterschied zu haben. Und den Vergleich.
Der Vergleich mit Neukaledonien zum Beispiel. Ich mag dieses Einfachere, nicht so Ausgefeilte, viel mehr. Und meinem Empfinden nach ist das Rifftauchen dort auch noch ursprünglicher, weil die Korallenbänke größer und noch nicht so angegriffen sind. Klar war das Schnorcheln auf der Insel wunderbar, aber die Korallen waren nicht ganz so dicht wie im Vergleich zu Neukaledonien.
Apropos Schnorcheln. Mann, habe ich Wasser geschluckt dieses Mal. Ich glaube, ich muss mich wirklich rasieren. Die Maske und das Meerwasser, was mir da nach dem Tauchgang aus der Nase läuft, das ist nicht mehr normal. Aber soll ja gesund sein, so eine Nasenspülung. Ich frage mich nur, was der Hals-Nasen-Ohren-Arzt damals alles entfernt hatte, als er meine Nasenscheidewand korrigierte. Abends läuft mir noch ein halber Liter Wasser aus der Nase, wenn ich mich nach vorne beuge. Widerlich.
Also bekommt man auf so einer Insel das Rundumpaket. Freundlich bis zum Abwinken und Getränke umsonst. Gern wäre ich vor zehn Jahren mit Jergler und Tiger da gesessen, dachte ich mir so zwischen den Tauchgängen. Hätten Würfel gespielt, wer das nächste Bier holt, und den Tag Tag sein lassen. Ich glaube, da saß auch die ein oder andere Reisegruppe und hat genau das gemacht. Bula. Die Zeiten sind vorbei.
Irgendwann ging es dann auch zurück, mit einem prächtigen Sonnenuntergang am Horizont. Schöner Tag, tolle Insel.
Kaum im Hafen, traf ich eine der Ladies, die mir vor zwei Tagen den ausgefallenen Trip verkauft hatten. Ja, kommt vor, sagte sie. Wir plauschten ein bisschen und plötzlich sagte sie: Willst du eigentlich keine Massage buchen? Ich kann dir das Mädchen auch auf dein Zimmer schicken. Ich war kurz perplex. „I’m not one of those.“ Damit war das Thema dann auch beendet. Und die wollten meine Kreditkartendetails? Uh. Es wird dir hier irgendwie alles angeboten, Dienstleistungen jeglicher Art.
Einer der Taxifahrer die Tage davor wollte sich zu meinem persönlichen Chauffeur machen, er würde mich auch zum Curry bei sich zu Hause einladen. Das ist wirklich ein bisschen viel. Und Massagen auf dem Zimmer, welcher Art auch immer? Nicht mein Ding, wirklich nicht. Das ist so gar nicht das, was ich suche.
Das im Dunkeln mit dem Rad nach Hause fahren war eine andere Sache. Ich fand mein Fahrrad noch bei dem Wächter und bin los. Vor den Autos habe ich keine Angst. Die halten tatsächlich Mindestabstand, auch wenn ich ohne Licht unterwegs bin, und sie wissen sogar, wo ihre Bremse ist, wenn es sein muss. Bei den Schlaglöchern und Straßenbelägen fahren die hier auch sehr proaktiv. Es waren eher die Schlaglöcher, um die ich mir im Dunkeln Sorgen machte. Die können tief sein. Aber noch einmal gut gegangen, nichts passiert. Da gibt es Löcher im Boden, ich denke, da siehst du bis auf den Erdkern runter. Hätte ja auch den geliehenen Helm aufziehen können, der im Hotelzimmer lag.
Aber ich schaffte es nach Hause und war am Überlegen, ob ich morgen noch einmal diese wirklich teure Tour zu den Haien machen sollte, 75 Prozent oder lieber mit dem Fahrrad weiter die Insel erkunden. Ich entschied mich am nächsten Morgen für Zweiteres, auch weil eines meiner Ohren immer noch leichte Anfälle von Meerwasserverstopfung machte. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Einfach ein komisches Gefühl im Ohr.
Also raus und mit dem Fahrrad ein bisschen durch die Stadt. Erst zu McD’s, einen Kaffee oder zwei ziehen, und dann weiter. Dass jemand hier mit dem Fahrrad im Verkehr unterwegs ist, ist eher ungewöhnlich. Ich sehe auch sonst kaum Menschen auf dem Fahrrad, eher Fehlanzeige. Dementsprechend starren sie dich an und die Kinder klatschen dich ab. Interaktion am Straßenrand allenthalben, zwischen Schlagloch und Verkehr. Mit dem Fahrrad bist du in der Stadt tatsächlich schneller als mit dem Auto.
Dann irgendwann raus in das Hinterland. Es ging schnell von Asphalt auf Asphalt mit Schlagloch, auf Schotter, dann auf Schotter mit Schlagloch. Das machte Spaß, so durch eine Landschaft noch vor den Sleeping Giants, vorbei an kleinen Häusern und Farmen. Überall Ziegen und Kühe und der ubiquitäre Plastikmüll, überall.
Dann fiel es mir ein: Natürlich gibt es hier keine Müllabfuhr. Was du siehst, sind Feuerstellen, auf denen verbrannte Reste von Müll aller Art liegen. So funktioniert das hier. Nicht wirklich effizient. Du siehst in den Resorts und auf den Inseln, wie auch in Vanuatu, keinen Müll herumliegen. Verlässt du die Bubble, sieht das Bild anders aus.
Der einzig frei zugängliche Strand in Nadi, die Nadi Bay, ist übersät mit Plastikmüll. Auch das Wasser dort ist nicht wie das Wasser auf den Inseln. Es ist nicht klar, es ist trübe und undurchsichtig. Es mag wohl mit den Resten der Feuer zu tun haben, die überall um diesen Strand entzündet werden. Ein bisschen weiter draußen ist das Wasser dann wieder klarer.
Anyway, das war es, was mir während meiner Radtour immer wieder auffiel. Ein Haus irgendwo am Wegesrand und daneben irgendwo eine Feuerstelle mit verkohlten Resten von Müll und auch sonst Autofracks und Müll allerorten. Schlimm für mich und so gar nicht passend zu der Bula-Kulisse, die dir vorgespielt wird.
Dass einen die Navi-App hin und wieder vor einen Fluss führt, geschenkt. Man sieht die reingelegten Steine und man könnte darüber laufen, wenn man wollte. Ich fragte mich, ob es wohl Krokodile auf Fiji gibt. Ich glaube nicht, entschied mich aber jedes Mal dagegen und fuhr lieber wieder zurück und nahm die nächste Abzweigung. Flüsse sind besser als Abgründe. Wie oft mich so eine App schon in den Tod schicken wollte, kann ich beinahe gar nicht mehr zählen. Aber wenigstens rechnet sie mittlerweile einen neuen Weg, sollte man vom vorgegebenen abgekommen sein. Ansonsten komme ich mit den vielen neuen Funktionen noch nicht so klar. Ich brauche mehr Fahrradzeit.
Egal, wo war ich. Ja, hinter den Kulissen. Hinter diesen ist dieses Fiji gar nicht so fröhlich und sauber, wie es der Touri-Bubble vorgegaukelt wird. Überall musst du aufpassen, dass du nicht übers Ohr gehauen wirst. Kleines Beispiel: Abends habe ich mir immer noch etwas zu trinken an der Tankstelle geholt. Am Anfang habe ich nicht aufgepasst. Drei Items, 20 Dollar. Irgendwann fiel mir auf, dass das einfach nicht sein kann, und ich ließ mir beim dritten Mal die Rechnung geben. Zehn Dollar. Der Junge hatte mir einfach jeden Abend zehn Dollar aufgeschlagen.
Also Obacht hinter den Kulissen. In diesem Sinne.



Kommentare