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Fiji – Nadi

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 3. Mai
  • 8 Min. Lesezeit

Bula, wie man hier sagt.

Transfertage sind Transfertage, also meist vor allem eines: Warten. So auch hier. Auschecken um elf, Koffer um halb elf vor die Tür. Als ich zur Rezeption wackeln wollte, lagen sie immer noch da, also habe ich sie gleich selbst mitgenommen. Trainingsgewicht. „Why didn’t you leave your suitcases by the door? They’ll be picked up.“ Der besserwisserische Ton von, ich weiß ihren Namen nicht, Typ Katharina, die mir auf dem Weg zur Rezeption begegnete. Ich hatte auf einem Ausflug ein deutsches Auswandererpärchen aus Australien kennengelernt. Sie kannte alle Tricks und Schnäppchen, um sich durchs Leben ein kleines bisschen überlegen zu fühlen, er war ihr stilles Anhängsel. Sie sprach mich grundsätzlich auf Englisch an, ich lächelte nur und murmelte etwas von Wertsachen. „Hast du dir dein Shuttle nun endlich an der Rezeption gebucht? Nur 2500 Vanuatu Dollar pro Person?“ Nö, hatte ich nicht, und ich murmelte etwas davon, dass ich das gleich mache.

Kaum an der Rezeption, checkte ich aus. Nummer one-oh-eight, die Rechnung, ich hatte ja ein bisschen Bammel davor, aber ja, das war alles ich, ging noch, Kostenkontrolle gehalten. Und ich brauche noch ein Airport Shuttle. Oh, das ist voll, aber ich kenne da noch einen Taxifahrer, warte, ich ruf den mal an. 2000 Vanuatu Dollar, okay? Jo. Marco wartet um zwölf am Anleger. Noch einen Kaffee in der Bar, dann mit dem Boot rüber. Vorbei das Luxusleben, endlich. Da stand Katharina mit ihrem Kleinbus und ungefähr fünfundzwanzig anderen, die sich da hineinzwängten. Ein Einheimischer winkte mir zu, ich wurde wohl beschrieben. Marco? Yes. Raphael? So heiße ich auf den Inseln bisher immer, warum auch immer. Das fing in Neukaledonien schon an. Yo. Ich fragte Katharina noch, ob die beiden bei mir mitwollen, wir könnten uns die 2000 teilen. Das saß.

Ich hatte noch Zeit bis zum Abflug, also fuhr Marco mich noch ein bisschen herum. Präsidentenpalast, Nationalmuseum, hier und da, und irgendwann war ich am Flughafen. Bag drop, Sicherheitsschleuse, durch. Dann wartete ich im Drei Gate Flughafen und irgendwann saß ich im Flieger. Dann, keine Ahnung warum, hatte ich beim Abheben so ein leichtes Rumoren im Magen. Das Flugzeug wackelte ein bisschen, und mir wurde nicht besser, Flugangst kam auf. Kein guter Tag für mich. Bis das Essen kam. Das war es nämlich. Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen. So einfach kann es sein. Von wegen Flugangst. Die Signale, die einem der Körper manchmal gibt, und was das kranke Hirn daraus macht.

Einreisewarteschlange und durch. Was für freundliche Menschen. Noch Geld geholt, die Scheine sind so hübsch, und da stand plötzlich einer neben mir. Brauchst du ein Taxi? Jo. Wie ist dein Name? Ralph. Hi Raphael, ich bin Simi, wo musst du hin? Ich sagte es ihm. Zwanzig Dollar, Fiji oder Australien. Fiji. Okay. Und wir liefen zu seinem Auto. Ich natürlich wieder schnurstracks auf die Beifahrertür zu, mache die Tür auf und stehe vor dem Lenkrad. Kurze Verwirrung meinerseits. Für einen Moment dachte ich sogar, vielleicht hat das Ding ja zwei. Simi lachte schon, wie alle Umstehenden. Das ist auch wirklich verwirrend. Die letzten vier Wochen war ich wieder auf der richtigen Seite der Straße unterwegs, hier fahren wir wieder links. Das ist für mich jedes Mal komplett konfus. Das heißt auch wieder, als Fußgänger links an den Leuten vorbei. Mein Gehirn sortiert das manchmal einfach nicht mehr, und für die anderen Passanten ist das vermutlich auch eher unangenehm.

Auf der Taxifahrt fing Simi sofort an zu reden. Dein Hotel ist kein Resort, warum? Ach, weil man in Resorts immer so abgeschottet ist und ich Fiji erleben will. Und dann wurde ich von seiner Freundlichkeit regelrecht überrollt. Er lachte. Dann hast du dir das richtige Viertel ausgesucht. Gegenüber hast du den besten Nachtclub der Stadt. Ob ich gerne feiern gehe. Und dann kamen wir ins Quatschen. Ob ich Fußball oder Rugby mag. Fußball, sagte ich, aber bei einem Rugbyspiel in Wellington war ich schon einmal. Und da ging es los. Willst du morgen mit nach Ba? fragte er. Nur hundert Dollar. Er fährt zum Rugbyspiel, Super Rugby Pacific, Fijian Drua gegen Highlanders. Wichtiges Spiel. Ich müsste nur seinen Sprit zahlen, also hundert Fiji Dollar, er nimmt mich mit, Eintrittskarte, also auch seine, und davor macht er mit mir noch Sightseeing. Generell mache er nicht nur Taxi, sondern auch Ausflugstouren. Garden of the Sleeping Giant, 150 Dollar. Ich war kurz überrollt und sagte, ich überlege es mir. Telefonnummerntausch. Später zeigte meine Überschlagsrechnung allerdings ziemlich klar: Hundert Fiji Dollar sind nicht nur die Benzinkosten. Nice try. Aber immerhin war er nicht eingeschnappt.

Er ließ mich an meinem Hotel raus, und er hatte recht. Freitagabend, es war bereits dunkel, und ich stand mitten im Vergnügungsviertel, so schien es. Einchecken, superfreundliche Dame, Internet kostet noch einmal zehn Dollar extra am Tag, aber wenigstens funktioniert es reibungslos. An der Rezeption lagen ein paar Flyer, und ich war auf meinem Zimmer. Dann noch einmal raus, etwas essen, um die Ecke indisches Curry, Fiji Style. Memo an mich selbst: Ich sollte wirklich ein bisschen besser aufpassen, was ich esse. Danach auch schon ins Bett. Auf einem der Flyer sah ich etwas, einen Fahrradverleih, und eine Idee keimte auf. Dann fing um etwa zehn Uhr abends noch jemand im Hinterhof an zu flexen. Bestens, passende Untermalung zum Diskobeat.

Der nächste Morgen. Der Mann, der gestern bis kurz vor Mitternacht geflext hatte, fing um acht Uhr morgens im Hinterhof an zu sägen. Und bei mir schlug das Curry zu. Ich war erst einmal zu nichts zu gebrauchen. Das habe ich wirklich nicht vertragen. Erst gegen Mittag war ich wieder so halbwegs in der Lage, mein Zimmer zu verlassen. Ist manchmal so. Also lief ich die drei Kilometer zum Fahrradverleih. Ich sagte, ich will das Rennrad. Das ging dann eine Weile hin und her. Er wollte mir nur das Local Bike geben, das wollte ich aber nicht. Keine Federgabel. Er sagte, brauchst du hier. Ich sagte, ich habe Unterarme. Irgendwann stellte er mir eines der beiden Räder raus, das ohne Bremsen. Ich kam zurück, und er zog das zweite hervor. Bessere Bremsen. Er richtete es noch ein bisschen, und schon konnte ich los. Und das tat ich auch.

Und ich bekam schlagartig gute Laune, wie ich da so fuhr. Pfeifend stand ich an der Ampel, und die Leute grinsten mich an. Ich glaube, das sieht man hier eher selten. Wenn ich immer wieder in die Gesichter der Menschen am Straßenrand schaue, lachen sie mich an, und ich lächle zurück. So fuhr ich zum Hafen Denarau, um mir die Möglichkeiten vor Ort anzuschauen, nicht nur anhand der Flyer. Und schon wieder Bula. Was suchst du? Ich weiß es noch nicht so genau, sagte ich, und schon war ich von einer der Damen in ein Verkaufsgespräch verstrickt und buchte eine Passage für Montag. Schauen wir mal, ob das Wetter mitmacht. Irgendeine Insel mit Alkohol for free, all inclusive und dem ganzen Zeug. Ich bin gespannt. Sie könne mir auch eine Tour zum Sleeping Giant für nur 180 Dollar organisieren. Ich deutete auf mein Fahrrad. Da willst du mit dem Fahrrad hin? Das ist aber weit. Ich lächelte. Wo mein Hotel sei. Ich sagte es ihr. Du bist nicht im Resort? Nope. Okay, dann 120 Dollar für den Garden? Ich lächelte wieder. Also die Bootstour beginnt um zehn, dann musst du mit dem Fahrrad um sieben los. Ich sagte, ich brauche zwanzig Minuten für die Strecke. Okay, dann fährst du um acht los, um neun sollst du da sein. Und was machst du Dienstag? Eine Freundin von ihr kam dazu, und ich wurde weiter bequatscht. Sie packten ihren ganzen Charme aus. Ob ich Sport mache und hier und da. Charme haben sie, wirklich. Irgendwann konnte ich mich loseisen, ohne noch eine weitere Tour gebucht zu haben, und floh beinahe vom Hafen. Puh. Die sind hier alle ziemlich geschäftig.

Es war mittlerweile schon spät, und ich suchte eine Position für den Sonnenuntergang. Leider in ganz Denarau kein Zugang zum Strand, alles mit Resorts zugebaut, kein Durchkommen. Also weiter. Da wurde mir ein bisschen flau im Magen. Das Curry hatte noch einmal zugeschlagen, und ich hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Also Tankstelle und Schokoriegel. Das funktionierte. Beim Weiterfahren eierte plötzlich mein Hinterrad. Das kannte ich schon. Platten. Ein paar Meter weiter war Schluss. Noch fünf Kilometer bis zurück zum Bikeshop. Da stand ich nun. Die Sonne ging langsam unter, der Bikeshop hatte noch eine Stunde offen und ich fünf Kilometer zu gehen. Was also machen. Ich stellte mich an den Straßenrand, und das dritte Taxi nahm mich mit und ließ mich beim Bikeshop raus. Er war leider nicht mehr da, er war beim Rugby. Ich solle das Rad einfach abstellen und morgen früh wieder holen. Okay, mache ich. Wie komme ich denn zum Strand? Da vorne bei der Strandbar einfach durch. Also gerade noch rechtzeitig zur Sonnenuntergangsfotografie gekommen und danach die drei Kilometer im Dunkeln zurück zum Hotel gelaufen. Klar hätte ich ein Taxi nehmen können, aber ich wollte die volle Fiji Erfahrung. Hier laufen wirklich viele Menschen einfach von A nach B auch im dunkeln.

Kein indisches Curry für mich an diesem Abend. Ich nahm einen Burger, mit Fischgeschmack, und am nächsten Morgen, richtig, er hat abends wieder geflext, ging es wieder los zum Fahrradverleih. Ich war zwei Stunden nach Öffnung dort, das Rad war noch nicht repariert. Er wäre noch nicht da. Also machte ich es selber, beziehungsweise wollte es machen. Die ältere Dame, die wieder im Laden saß, wollte mir helfen. Sie machte es nicht allein, aber plötzlich wollte sie helfen, und alles dauerte doppelt so lange. Es gibt so Menschen, und ich mag sie einfach nicht, ich lächelte jedoch vor mich hin.

Irgendwann kam ich los. Erst einmal Kaffee bei McDonald’s, gesicherte Qualität, bevor ich zum Hindu Tempel fuhr. Sightseeing. Hindu Tempel? Ja, richtig, und hier etwas zur Geschichte Fijis. Fiji wurde vor Jahrtausenden von pazifischen Seefahrern besiedelt und war lange Teil der weiten ozeanischen Welt, bevor es im 19. Jahrhundert unter britischen Einfluss geriet und 1874 britische Kronkolonie wurde. Besonders prägend war die Politik des ersten Gouverneurs Sir Arthur Gordon, der die indigene fidschianische Gesellschaft schützen wollte, zugleich aber die wirtschaftliche Entwicklung über Plantagen vorantrieb. Weil viele indigene Fidschianer nicht in großem Stil als Plantagenarbeiter eingesetzt werden sollten, wurden ab 1879 indische Vertragsarbeiter nach Fiji gebracht. Bis 1916 kamen über 60.000 Menschen aus Indien ins Land, vor allem für die Zuckerindustrie. Genau daraus erklärt sich ein großer Teil des heutigen Fiji, in dem indigene iTaukei Traditionen und eine starke indo fidschianische Geschichte bis heute nebeneinander weiterwirken. Unabhängig wurde Fiji 1970, doch die koloniale Vergangenheit ist bis heute nicht bloß Geschichte, sondern noch immer spürbar in Gesellschaft, Politik und im Verhältnis der Bevölkerungsgruppen. Der britische Kolonialismus und wie nachhaltig er diese Inseln bis heute geprägt hat.

Nach dem Tempel, mit diesen bunten Mauern und Figuren kann ich ehrlich gesagt noch nicht so viel anfangen, ich habe da noch keinen echten Zugang, keine Sorge, kommt noch, steht auf der Liste, fuhr ich die zwanzig Kilometer zum Garden of the Sleeping Giant. The Sleeping Giant ist eine Gebirgskette hier, und ja, sie sehen aus wie schlafende Riesen und nicht wie schwangere Frauen. Ich vertrug die Hitze und den Weg ganz gut und war etwa eine Stunde später an der Abzweigung. Gravel Road mit Schlaglöchern. Alsbald war ich oben und mein Hinterrad hatte mal wieder kaum noch Luft. Darüber machte ich mir später Gedanken und zahlte erst einmal den Eintritt. Bula hier, bula da, Orchideen hier, Orchideen da, und ich lief durch diesen wunderschönen Dschungel bis zum Lookout und zurück. Schaukel hier, Schaukel da. Und dann merkte ich, ich brauche etwas zu trinken, ich bin dehydriert. Also zurück zur Kasse, und die Dame hatte selbstgemachten Saft mit Eiswürfeln für mich. Nach zwei Gläsern des besten Saftes, den ich je getrunken habe, kümmerte ich mich um den Rückweg. Es standen genug Taxis herum, die Reisegruppen nach oben brachten. Einer sah mich, klar bringt er mich kurz runter, und das Fahrrad, klar, hinten rein. Fünfzig Dollar. So billig kam ich also in den Garden. Mohammed ist sein name, und ich habe seine Nummer, wieviel Tage ich den noch hier sei, er könne mir ein paar Touren zusammenstellen, in diesem Sinne, vinaka.



 
 
 

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