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Der 13. Oktober

Autorenbild: R.
R.
11. Okt.
9 Min. Lesezeit

Mein zweiter Geburtstag, wie ich den Tag nenne und ihn begehe. Und es ist wirklich ein zweiter Geburtstag: 13. Oktober 2016 habe ich das letzte Glas Alkohol getrunken, ein Jahr später, 13. Oktober 2017, habe ich endlich, nach langem Kampf, mit dem Rauchen aufgehört. Und deswegen ist es immer wieder ein Tag zum Feiern und Reflektieren für mich. Und bisher habe ich diesen Tag in meinem öffentlichen Tagebuch noch nicht ausreichend gewürdigt. Und das kann ich heute endlich tun. 10 Jahre und 9 Jahre kein Alkohol und keine Zigaretten, beinahe undenkbar für jeden, der mich von früher kennt. Rauchen hat mich mein ganzes Leben begleitet, schon im Kinderzimmer. Ich kann mich an keine Stelle in meinem Leben erinnern, an der ich nicht von Zigarettenrauch umgeben war. Und es war nur folgerichtig, dass ich selber angefangen habe.

Im Alter von 15 Jahren unter der Leinbrücke in Leinzell, morgens mit Lars, nach dem Aussteigen aus dem Bus. Ich sah ihn eines Morgens die Treppen runterlaufen und folgte ihm, und dann, ja, dann begann das morgens zum Treffen zu werden. Keine Sorge, Lars, du bist nicht schuld, dass ich cool sein wollte. Und auch nicht, dass ich 26 Jahre lang rauchte. Wenn manchmal auch nur trockenen, zerbröselten Tabak aus alten Beuteln, gesammelt und mit einem Apfelschnitz wieder angefeuchtet, weil kein Geld mehr da war. Oder, und das gebe ich ungern zu, manchmal auch einfach nur Zigarettenstummel, weil, ja was, kein Geld da war. Was die Sucht aus einem macht. Und dann das Aufhören, 2 Jahre Kampf, immer wieder der Rückfall, immer wieder: Denkt man, man hat es im Griff, 3 Wochen nicht geraucht, da darf man sich doch eine gönnen. Freitags eine geschnorrt auf der Straße, samstags 3 und am Sonntag wieder eine Schachtel gekauft, weil man ja jederzeit wieder damit aufhören kann. Das dauerte dann wieder ein paar Wochen, bis man stark genug für den neuen Versuch war. Und was man alles versuchte. Ich rauche nur noch, wenn ich was trinke: Plötzlich saß man jeden Abend in der Bar mit einem Bier in der Hand, so viel dazu. Die Sucht findet ihre Wege. Wirklich geholfen hat ein Nikotinspray, von dem man sich dann nur noch entwöhnen musste, wie mit dem Schnuller, nur anders, und diesmal hatte ich keine Oma, die ihn einfach versteckte.

Dass man als Raucher süchtig ist, das ist allgemeiner Konsens. Das mit dem Alkohol ist anders. Alkoholiker bist du nur, wenn du dein Leben nicht mehr im Griff hast, oder, und Vorsicht, hier wird es ironisch, wenn du keinen Alkohol trinkst. So ist die soziale Definition eines Alkoholikers in Deutschland. Solange du funktionierst, kannst du saufen, was du willst und wie viel du willst. Ich habe in meinem Leben schon wirklich viele Menschen gesehen, bei denen ich den Begriff anders setzen würde. Damals, Typen, die erst aufhörten zu zittern, wenn sie den ersten Schluck Hefeweizen in der Mittagspause hatten. Hubsi, eine Stuttgart-West-Legende, sah aus und sprach wie der lebende Tod, der mehrmals gestorben ist, und jeder Wirt schlug 3 Kreuze, wenn er lebendigen Fußes nachts aus der Kneipe ging und nicht wieder wegen Herzstillstand mit dem Sanka. Den ich jeden Abend als Stammgast hatte, wenn ich arbeitete, und plötzlich kam er nicht mehr. Knapp ein halbes Jahr, und dann sah ich ihn in einem Penny wieder. Blühendes Leben, er hatte Farbe im Gesicht, Fleisch auf den Rippen, kein Tippelschritt mehr, sah gut aus. Ein paar Wochen später kam er wieder, abends, nachts, wollte ein Bier, das billigste, und sah wieder aus wie der Tod. „Weißt du, Ralph, ich war 6 Monate abstinent und wollte das feiern, nur ein kleines Bier, dann noch eins.“ Tiger und Martin, die beiden Glasbläser, zu denen ich so gern ging. Beide mittlerweile tot, gestorben in der Rente. Wolltest du dein Zeug schnell, saßt du unten, 9 Uhr, und hast mit ihnen gewürfelt, ein Bier. Nach 10 Bier hattest du dein Zeug, und es war 4 Uhr, und sie gingen nach Hause. So als ob nichts wäre, während man selber ziemlich zugerichtet war. Manchmal ging ich auch einfach nur runter, um irgendwas Belangloses reparieren zu lassen, einfach so, dann klackten die Würfel.

Ein Bier. So nannte ich es immer, wenn ich mit meiner Frau telefonierte, und wir beide wussten, dass es nicht ein Bier war und blieb. Der Vorsatz war vielleicht da, mehrere Stunden später kam ich dann. Am Anfang ging sie noch mit. Ein Bier. Sicherlich nicht jeden Tag, außer ich wollte nur rauchen, wenn ich was getrunken hatte, manchmal mehrere Wochen nicht, keinen Alkohol, aber wenn, dann blieb es nie bei einem Bier, sicherlich nicht. Schon mit 16 Jahren, Tourdisco und Flasche Wodka Lemon, gekauft von meiner Mutter. Dann, als ich in GD war, Michas Kneipe und die Goisenmaß. Micha, leider mittlerweile auch gestorben. Wohnheim im Lindenhof, oh mein Gott, der erste Tag, als ich zur Zimmerbesichtigung da war und ich mit der Frau reinlief. Die Küche, jeder Zentimeter voll mit einer Bierflasche, und auf der Eckbank der Küche wachte gerade jemand auf, und ich wusste: Ich bin zuhause. Dann Abi und Jörg & Martin, Chasa und Tess, das ist eine ganz eigene Geschichte, die einen eigenen Rahmen verdient, irgendwann. Während des Studiums: Ich arbeitete viel in Bars, Biergärten und Kneipen. Mit Nadine und Johannes, bis heute sind wir befreundet, und bis heute sagen sie mir, arbeiten mit mir war immer das Beste. Meine beiden Lieblingskollegen und die Batmans, die wir während der Arbeit einer Qualitätskontrolle unterziehen mussten. Man trinkt, wenn man sein Studium mit Bararbeit finanziert. Und nach der Schicht dann noch ins Oblomow oder Dilayla, Nadine war da unerbittlich. Aber sie musste auch nicht am nächsten Morgen in eine Vorlesung. Es war trotzdem eine der schönsten Zeiten in meinem Leben, mit ihr abends, nein, es war nachts, morgens um 4 Uhr, noch um die Häuser ziehen. Unvergesslich für mich. Was für eine großartige Frau.

Die Zeit mit Fei, meinem Bruder, als Postdoc in Stuttgart: Ohne die abendlichen Hefeweizen und Gespräche könnte ich wohl heute immer noch kein Englisch sprechen. Und sein vorgeheucheltes Interesse für Fußball, ich denke, er wollte einfach nur nicht alleine sein, und so verbrachten wir viele Abende zusammen.

Im Biergarten gab es eine Spezialmischung, die meinen Namen trug. Andre hat sie immer bei mir geordert: die Mische. Süßer Sprudel (Zucker), Roséwein und Starkbier oben drauf. Hört sich furchtbar an, ist es auch, aber die machte Spaß. Und so gewöhnte ich mich über die Jahre daran, Alkohol zu konsumieren. Nach den ganzen Nuller Jahren blieb eigentlich nur der Alkohol übrig, und der war und ist gesellschaftlich akzeptiert. Nur mir selber hat mein Verhalten, mein Trinkverhalten, nicht gefallen, dieses Vornehmen, nur ein Bier, bei dem es nie blieb. Und dann, vor 10 Jahren, als ich einen langen Abend mit meinem lieben Freund George aus Georgien hatte, mit einem Gespräch irgendwo zwischen theoretischer Physik und angewandter Chemie und eindeutig mehr Bieren, als gut war, hatte ich meinen letzten Abend. Oder so begann er, im Römer Hof, der einzigen Restaurant, das für uns an diesem Tag erreichbar war. Danach ging er heim und ich weiter, Kaffee Schl**d (wer es kennt, kennt es) mal wieder, ein Kosename für einen Kaffeeraum eines Arbeitskreises, der für seine Exzesse bekannt war, gern gesehen war ich nicht, schon lang nicht mehr. Dann ein Labor eines alten Kommilitonen der noch am, sagen wir arbeiten, war. Ich hatte kein Ziel und keinen Auftrag, einfach nur trinken um des Trinkens willen.  Am nächsten Morgen hatte ich den Entschluss gefasst: Das war es, kein Alkohol mehr für mich. Und das war der 13. Oktober, und dieses Datum war und ist ein willkürliches, nicht gewählt, aber gewollt. Und da ich ein Gedächtnis wie ein Sieb habe und der 13. Oktober so gut funktionierte, nahm ich wieder einen Anlauf am 13. Oktober, um mit dem Rauchen aufzuhören, ein Jahr später. 2 Wochen bevor ich in die Krebsforschung startete, und was soll ich sagen, es funktionierte, bis heute.

Der Entschluss, der fiel nicht über Nacht. Den trug ich wohl schon lange mit mir herum, immer wenn es wieder einmal zu viel eskalierte, wenn der Hangover zu stark war und man sich trotzdem quälte. Wissenslücken vom Vorabend, der saure Geschmack von Kotze beim Aufwachen im Mund, der Kontostand, die Blicke beim ersten Treffen danach manchmal. Ich glaube, mein Umfeld wusste lange vor mir, dass ich keinen guten Umgang mit Alkohol habe, aber das gesellschaftlich Genormte ist ein wirklich anderes. Und an diesem Morgen, dem 13. Oktober, einem Donnerstag, war es das dann einfach. Ich war immer gut darin, etwas in Unmaßen zu machen und ins Extrem zu schwanken. Ich bin aber auch verdammt gut darin, eine Tür zu schließen und diese geschlossen zu halten.

Es ist immer noch, selbst nach 10 Jahren, komisch, mit einem Glas Wasser in einer Menge zu sein, die Alkohol trinkt. Die Blicke auf das Wasser. Musst du noch fahren? Wie, du hast keinen Führerschein? Noch nie gehabt, ach ja. Nichts macht dich verdächtiger, ein Alkoholiker zu sein, als nicht zu trinken und keinen Führerschein zu haben. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Nichts macht mich müder, als Betrunkenen zuzuhören. Selbst nach einem Glas werden Menschen lauter, und es wird immer unverständlicher, was sie sagen, inhaltlich. Früher, in Kneipen beim Arbeiten, nie ein Problem; heute, aus der nüchternen Distanz betrachtet, einfach nur ermüdend. Ich bin immer froh, wieder weg zu sein von Angetrunkenen oder Menschen, die trinken, die Tür zu schließen und zu gehen. Macht es einsam?

Am Anfang tat ich mir noch selber leid, das änderte sich dann aber. Ich war in dieser Zeit auch nicht glücklich mit meiner Stelle, langfristiger Vertrag hin oder her, 60 bis 80 Stunden die Woche, zumeist administrative Scheiße statt Wissenschaft, und ich wusste, ich musste mich verändern. Zusätzlich eine taube Nuss als Kollegen, der Wichser. Meine Frau wohnte schon bei ihrer neuen Stelle, und ich dümpelte noch an der Uni rum. Was ich in Gang setzte mit dem Beschluss, nicht mehr zu trinken, das weiß ich bis heute nicht. War ich doch eigentlich ein hervorragender Barstool Warrior. Was folgte, war eine Zeit der Arbeitslosigkeit, die erste Zeit in meinem Leben seit 25 Jahren ohne klares Ziel, Definition und Druck. Ich hatte meinen Langzeitvertrag gekündigt und wollte mich umorientieren, mich auf mich besinnen, etwas Sinnvolles aus meinem Leben machen, und da kam die Krebsforschung, was ich immer machen wollte, wofür es in Stuttgart aber keine Gelegenheit gab.

Die Phase der Besinnung, das Entdecken des Radfahrens, die langen Touren. Angefangen hatte ich damit schon vorher, nach Rom, die erste 2015, noch rauchend und mit jeden Abend einer Flasche Wein oder ein paar Flaschen Bier. Das war eine Tour. Bis heute unvergessen für mich. Ich wurde über die Jahre besser, die Touren wurden weiter, zum Mittelmeer, mehrmals, Schwarzes Meer, Malta, Sardinien, Spanien, ob ich das alles gemacht hätte, wenn ich noch getrunken hätte?

Dann die Gelegenheit auszuwandern, keine 5 Minuten dachte ich darüber nach, wieder aus einer Situation raus, die mir ganz und gar nicht mehr gefiel. Die Zeit in Essen war psychisch sehr fordernd, keines der Versprechen, die am Anfang gegeben wurden, wurde eingehalten, alle Mühe und alle Arbeit nur zerredet und kleingemacht, mit Phasen, in denen ich beinahe täglich Selbstmordgedanken hatte, so scheiße war es. Nicht, dass ich temporäre Probleme terminal lösen müsste, aber auch das gehört zu einer Wahrheit. Auch in dieser Phase kein Gedanke an Alkohol und Rauchen, stabil. Nicht so wie im Studium und der Promotion, in denen der Alkohol da war, um sich zu retten, die Murmel zu fluten, zu formatieren, zu resetten, wie es umgangssprachlich auch bezeichnet wurde. Dann das Auswandern, die Flucht vor der Situation, und das Verstehen nach wenigen Momenten, dass ich Heimweh habe.

Und in all der teilweise dunklen Zeit habe ich nie einen Gedanken daran verschwendet, jetzt einen Schluck Alkohol trinken zu müssen oder eine Zigarette zu rauchen. Und darauf bin ich stolz. Obwohl: 10 Jahre nicht trinken, so ganz richtig ist das nicht. In Australien hat mir bei einem Essen ein Kollege ein Root Beer bestellt, und aus Absicht oder nicht, es war ein alkoholisches. Nichts ist verdächtiger, ein Alkoholiker zu sein, als jemand, der keinen Alkohol trinkt; das ist auch in anderen Kulturen so. Ich trank einen Schluck und merkte unmittelbar, nicht am Geschmack, sondern an der entspannenden Wirkung, was es war. Das war es, ein Schluck, und dann ließ ich das Glas stehen.

Jedoch kein Licht ohne Schatten. Es ist nicht so, dass alles locker flockig von der Hand geht und mir nur die Sonne aus dem Arsch scheint und ich nun 2 Geburtstage feiere. Ohne Alkohol ist das, was ich oben beschrieben habe, die Namen, die Leute, die Gelegenheiten, alles nicht mehr da. Für mich als introvertierten Menschen, und ja, ich bin introvertiert und schüchtern, ist es sehr schwierig, neue Menschen zu finden. Freunde nennt man das. Ich weiß nicht, ob es am Alter liegt, an meiner Introvertiertheit oder doch daran, dass es mit Alkohol einfach viel einfacher ist. Früher war es kein Problem, eine Frau kennenzulernen, oder zwei; heute erscheint es mir unmöglich und viel zu kompliziert, mit einer Frau zu reden oder ein interessantes Gespräch zu führen. Dafür war Alkohol gut. Und ehrlich: Selbst dann war es ein guter Trade-off. Einsamkeit ist gar nicht so schlimm, wenn man die dunkle Seite kennt, die hinter der geschlossenen gesellschaftlichen Tür lauert. Die böse Fratze des einen Biers.

 
 
 

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