Cook Strait
- R.

- 26. März
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. März

Da saß ich nun den zweiten Tag im Bus, sah die Landschaft an meinem Auge vorbeiziehen und ärgerte mich darüber, dass ich mit der Geschwindigkeit eines Flüchtigen durch diese Region ziehe. Den Great Walk Abel Tasman, manche nennen ihn Strandspaziergang, hatte ich nun endgültig aufgegeben, obwohl Nelson die perfekte Station dafür gewesen wäre. Im Nachhinein bin ich nicht traurig darüber. Der 22-Grad-Halo, der sich um die Sonne bildete, erzählte mir schon das Kommende. Ein 22-Grad-Halo ist ein ringförmiges Lichtphänomen um die Sonne, das durch die Brechung des Lichts an Eiskristallen in hohen Wolken entsteht und oft als Hinweis auf heranziehende hohe Bewölkung und eine mögliche Wetteränderung gilt. Erklärung Ende.
Irgendwann fiel mir auf, dass ich in diesen Bussen leichte Übelkeit bekam. Ich bin buskrank. Und da kam mir dann auch die Erinnerung an die Überfahrt von Palermo nach Cagliari, damals vor vier Jahren, als ich mir auf der Fähre die Seele aus dem Leib kotzte. Wirklich übel. Und nun will ich über die Tasmanische See, besser gesagt die Cook Strait, mit einer Fähre durchschippern und werde schon im Bus krank. Mel gab auch richtig Gas. Irgendeine Interstate war gesperrt, also drückte er ordentlich aufs Pedal, über Schlaglöcher und durch Kurven. Ich konnte jeden bump genießen. Arbeiten konnte ich schon gar nicht mehr. Ich war dankbar über jeden Stopp.
Einer davon, Mel musste seine gesetzlich vorgeschriebene Pause machen, war bei den Pancake Rocks. Fünfundvierzig Minuten. Er schmiss uns aus dem Bus, zog mich kurz zu sich und sagte: Exakt fünf vor drei fahren wir wieder los, und jetzt mach, dass du da rechts runterläufst, ist schön. Fünf vor!
Und schon war ich auf dem 1,1 Kilometer langen Rundweg, und was soll ich sagen, wirklich wunderschön. Schöne Natur, und die Blowholes waren aktiv. Und ich sah Delfine. Die Pancake Rocks sind geschichtete Kalksteinformationen, die aussehen wie aufeinandergestapelte Pfannkuchen. As simple as it is, und wirklich ein beeindruckendes Naturschauspiel.
Auf meinem Weg begleitete mich Maja, eine Kindergärtnerin, die sich unterwegs eine Zigarette anzündete und keine allzu tolle Gesprächspartnerin war. Ob ich auch wolle, sie hielt mir ihre Zigarette hin. Ich lächelte dankbar ablehnend. Lebe straight edge, girl. Aber danke. Es hat mich nur zwei Jahre gekostet, mit dem Rauchen aufzuhören. Wäre blöd es nun wieder anzufangen. Wie ich das geschafft hätte. Ich erzählte ihr von dem harten Kampf, das beeindruckte sie ein bisschen, da sie Ähnliches durchgemacht. Die Hauptsache ist einfach, nicht das Aufhören aufzuhören, egal wie viele Rückfälle du hast. Wir unterhielten uns über dies und das, aber irgendwie war mir an diesem Tag nicht nach Sozialisieren. Also setzte ich mich im Bus wieder ab und starrte weiter aus dem Fenster, als die Übelkeit zurückkehrte.
Nelson erreichten wir im Dunkeln, und der Abschied von Mel war herzlich. Ich marschierte noch im Dunkeln durch die Stadt, eigentlich sehr hübsch, leider keine Zeit. Meine Unterkunft war verspielt, mit verschiedensten Gemälden, die gefiel mir. Leider, leider, leider hatte ich schon die Passage bis Wellington gebucht.
Am nächsten Morgen stand ich wieder am Bus, diesmal einer von der Sorte: Halt’s Maul und steig ein. Aber nicht mit dem Kaffee, sonst zahlst du eine Runde. Puh. Also ab nach Picton. Dumm nur, dass der Bus wohl einen Schaden hatte. Er zog am Berg nicht an, und so schlichen wir hoch, mit einer mächtigen Rauchfahne im Rücken. Um das auszugleichen, wurden alle Stopps gestrichen, und bergab und auf der Geraden gab er richtig Gas. Und da war die Übelkeit wieder. Schlagloch. Sollte ich mir noch Medikamente holen oder einfach durchleiden? Ich blickte auf die Karte. In Picton wäre es möglich, wenn wir rechtzeitig ankommen würden.
Wir hatten natürlich ein bisschen Verspätung, und ich checkte gleich im Port ein. Du solltest in exakt einer Stunde wieder hier sein, hieß es. Und ich? Ich setzte mich einfach in die Wartehalle, weil es draußen mit Schütten begonnen hatte. Da saß ich so und arbeitete an den nächsten Kapiteln, und neben mir saß ein eventuell gleichaltriger Mann, der hin und wieder aufstand und am Schalter fragte, wann es eigentlich losgeht. Eigentlich war ja schon Boarding Time. Ich fragte ihn auf Englisch, warum wir noch hier sitzen, und er antwortete auf Deutsch, nein, auf Österreichisch. Er hatte wohl anhand meines Computers meine Sprache erkannt.
Martin kommt aus Wien, aus dem 9. Bezirk, Servitenviertel, Althangrund, Freud, Beethoven, Schubert, ein Althangrundler also (hoffe ich habe das richtig Marie), und ein Weltenbummler, der Slow Traveling betreibt und ungefähr neun Monate hier unten unterwegs ist. Ich muss mir irgendwann einmal Wien vornehmen, dachte ich mir gerade so. Eine Stadt, die definitiv mehr Kultur und Historie zu bieten hat als ganz Australien.
Martin erzählte mir, dass er erst drei Monate in Australien war. Perth sei ja so toll, Melbourne, davon sind alle zu Recht begeistert, und Adelaide, nun ja. Seit zwei Monaten ist er hier auf der Südinsel unterwegs und hatte, zu meinem Erstaunen, ungefähr dieselbe Idee für Neuseeland wie ich. Und zu meinem Erstaunen hat er ganz ähnliche Geschichten gemacht wie ich, und noch so viel mehr dazu. Natürlich, er hat ja Zeit.
Und so kommen wir ins Reden und steigen auf die Fähre, und die legt dann auch eineinhalb Stunden später ab als nach Fahrplan. Als DB-Erprobter, alles kein Problem. Während Corona in Namibia, über hundert Länder besucht, ich hörte zu. Italien schien unser beider Lieblingsspot auf der Welt zu sein. Ist ja auch wirklich wunderschön. Er erzählte vom Slow Traveling und davon, wie man relativ billig durch die Gegend kommt.
Der Regen und der Wind machten es beinahe unmöglich, an Deck zu sitzen, also saßen wir an den Scheiben und ließen uns durch den Fjord nach draußen fahren. Ich wunderte mich: keine Übelkeit, nichts, auch nicht auf der eigentlichen Straße. Es war auch ruhiger Seegang und leider nicht so spektakulär. Also muss ich diese Überfahrt nicht noch einmal machen, wenn ich wieder hier bin. Wieder etwas von der Liste genommen. Hätte drei Tage mehr in Queenstown verbringen können, wenn ich geflogen wäre. Ach, ich habe Liebeskummer.
In Wellington stiegen wir von Bord, mit dem Shuttlebus in fünf Minuten bis zum Bahnhof, dann trennten sich unsere Wege. Ich war auf dem Run in meine Unterkunft. Er sagte, er habe noch nichts gebucht, und es regne nicht, also denke er, da oben auf dem Berg habe er einen grünen Spot für sich entdeckt und werde dort heute schlafen.
Als ich in der Unterkunft war und meine Bruchbude öffnete, sah ich das Potenzial für zwei. Ich schrieb ihm eine Mail, dass er heute Nacht auch bei mir unterkommen könne. Noch keine Antwort, aber wir sind heute Abend auf Bier verabredet. Also er Bier, ich Wasser.
In diesem Sinne.



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