Auckland I, Tāmaki Makaurau
- R.

- 5. Apr.
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Apr.

Irgendwie habe ich Neuseeland von der falschen Seite begonnen und arbeite mich von schön nach weniger schön vor, so jedenfalls mein Eindruck. Ich schreibe bewusst nicht hässlich, wir sind ja nicht in, ihr wisst schon. Warum nun weniger schön? Die Südinsel und im Speziellen Queenstown sind für mich outstanding. Fjordlandschaft dort, Vulkanlandschaft hier auf der Nordinsel. Wo nun der Unterschied liegt, mag man sich fragen. In der Betrachtungsweise, würde ich antworten.
Je näher man Auckland kommt, desto mehr sieht man arme Leute, dicke Leute, Leute in Eile, schönheitsoperierte Leute, eben die Zeichen einer Metropole. Es war mir gar nicht aufgefallen, aber in den letzten vier Wochen habe ich kaum Ampeln gesehen, hier sind sie wieder präsent. Im Gegensatz zu dem großen Nachbarn, ihr wisst schon, dessen Namen man nicht ausspricht, schalten die Fußgängerampeln hier wenigstens sofort um, wenn man sie drückt. Beim Nachbarn wartet man als Fußgänger oder Radfahrer gern mal ein paar Minuten. Es sind die kleinen Dinge, die sie hier anders machen. Besser, meiner Meinung nach. Das größere Umweltbewusstsein habe ich schon angesprochen? Größer? Hier ist es überhaupt vorhanden.
Nun ist der Schritt von Wellington, einer wirklich schönen Stadt, über Taupō, ja nett, nach Auckland gar nicht so weit. Nach vier Wochen abseits einer Großstadt dauert es für mich aber eine Weile, bis ich mich wieder in diese Hektik einfügen kann. Die Busfahrt war kurz, aber irgendwie unbequem. Mehr Leute, dickere Leute, ärmere Leute im Bus als im Süden. Dort setzen sich die Fahrgäste eher aus Touristen zusammen, hier ist der Bus einfach ein öffentliches Verkehrsmittel. Irgendwann nachmittags im Stadtzentrum rausgeworfen und dann erst einmal orientierungslos in der Häuserschlucht, so fühlte es sich für einen kurzen Moment an, bis man sich wieder sortiert hat. Wo ist die Sonne, wo ist welche Straße, ach ja, hier muss ich lang, gut. Es dauerte nicht lange, bis ich in der Unterkunft war und dann erst einmal arbeiten musste. Momentan staut sich immer wieder viel auf, und das Internet in dieser Unterkunft ist furchtbar.
Egal. Abends noch raus und am Hafen ein paar Bilder gemacht. Ich wohne zentral, und das ist gut. Es erinnert ein bisschen an Sydney, hat eine Harbour Bridge, gute Fähren und auch etwas Brisbane Ähnlichkeit, mit einer Queen Street Einkaufsmeile. Man begegnet hier wieder diesen typischen Straßennamen, die ich schon kenne, von ihr wisst schon wem.
Auckland ist also ebenfalls vulkanischen Ursprungs. Das Vulkanfeld gilt als aktiv, ein Ausbruch in der Millionenstadt ist jedoch eher unwahrscheinlich. Der letzte wird auf etwa 600 Jahre datiert, damals ist wohl Rangitoto aus dem Meer emporgestiegen. Sechshundert Jahre, da war diese Gegend schon längst von Māori besiedelt, die hier sehr fruchtbare Böden vorfanden, in dieser Landenge zwischen den Meeren. Um 1750 lebten hier bereits Zehntausende Menschen, und das Gebiet galt als eines der wohlhabendsten und dichtesten Zentren des vorkolonialen Neuseelands. 1840 wurde die Gegend dann kolonialisiert, vom weißen Mann. Um die 1990er wurde Auckland zur Millionenstadt, heute leben hier knapp 1,8 Millionen Einwohner. Ein schnelles Wachstum, das nicht ohne Spuren bleibt. Auckland ist nicht einfach nur immer weiter in die Fläche gewachsen, sondern vor allem auch dichter geworden. Deshalb konnten seit den 1990ern rund 800.000 Menschen dazukommen, ohne dass die Stadt überall wie eine einzige riesige Megacity wirkt. Allerdings fährst du dementsprechend auch lange durch Vororte, wenn du mit dem Bus in die Stadt willst. Vergnüglich.
Der nächste Morgen. Ich hatte immer noch vieles abzuarbeiten und war doch nur auf der Suche nach einem Kaffee und wurde nicht so schnell fündig. Also wieder diese amerikanische Kette. Wenigstens ist das Internet dort ganz gut und der Espresso besser als das, was einem hier sonst geboten wird. Danach bin ich ein bisschen durch den Albert Park spaziert und stand plötzlich vor der Art Gallery, einem architektonisch wirklich schönen Gebäude, und bin rein. Eintritt frei, und auch innen architektonisch vom Feinsten. Schöne Ausstellungen. Ich finde Portraitabteilungen normalerweise eher langweilig. In Europa siehst du meist die blassen Konterfeis adliger Inzestgeburten, ups, kann man das so sagen? Vermutlich nicht. Aber wer sich einmal mit dem spanischen Habsburger Fall, Homozygotie, oder der Bluterkrankheit, Hämophilie, und deren Verbreitung durch Stammmutter Viktoria beschäftigt hat, deren Nachkommen sich mit bemerkenswerter Begeisterung in europäische Dynastien eingeheiratet haben, der weiß schon, was ich meine. Evolutionsbiologie ist einfach herrlich. Ach, heute ist das ja nicht mehr so, heute sind sie nur noch ein bisschen ferner verwandt. Da degeneriert man nicht mehr ganz so schnell, richtig Andrew? Ich schweife ab.
Jedenfalls sind in dieser Galerie die Portraits Māori Gesichter mit ihren Tätowierungen. Das ist für einen europäisch geprägten Burschen wie mich schon ein kleiner Kulturschock, den ich mit Freude betrachte. Es sieht so ungewohnt aus, so ungewohnt gut. Also ja, das ist ebenfalls sehr zu empfehlen. Ich mochte die Galerie, die irgendwo zwischen Moderne und Klassik hängt.
Den Tag ließ ich mit einer Fährfahrt nach Devonport ausklingen. Eigentlich wollte ich gleich wieder zurückfahren, wurde aber von der Fähre gebeten, wie viele andere auch, von Bord zu gehen. Eine reine Sightseeing Fahrt ist damit nicht zu machen. Man muss runter. Das ist ein bisschen ungeschickt gelöst, anderswo habe ich das besser gesehen. Ich nahm die Gelegenheit dennoch wahr, sah mich ein wenig um und bestieg noch Mount Victoria, bevor ich wieder zurückfuhr. Alles in allem ein eher entspannter Tag.
Abends habe ich dann noch die nächsten Wochen festgelegt und bin vom Gedanken in die Tat übergegangen. Ich liebe es nicht unbedingt, mich für so lange Zeit festzulegen, aber diesmal ging es nicht anders. Der Iran Krieg macht es möglich. Ich buchte, und nach dem Buchen merkte ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ein Ziel ist relativ groß für die Zeit, die ich dort verbringen will. Ach ja. Fokus.
Heute ging ich es ebenfalls entspannt an. Morgens musste ich arbeiten, dazu haben sie in der Nacht die Uhr umgestellt, daylight saving, das bringt mich mit den Uhrzeiten noch völlig durcheinander. Danach war ich wieder auf der Suche nach gutem Kaffee. Wieder musste ich in die Kette, dort kennt man mich nun schon unter meinem SB Namen, PeeeTa, eigentlich Peter, aber wen stört es. Im Anschluss wackelte ich wieder über den Albert Park zur Auckland Domain, einem riesigen Park, vorbei an den Sportflächen, auf denen früher Versammlungen abgehalten wurden, hinein ins Auckland War Memorial Museum.
Ich und Kriegsmuseum, aber es ist mehr als das. Hier musste ich mir ein Ticket lösen und wurde direkt in eine Konversation mit der Ticketverkäuferin gezwungen. Die Dame war sehr nett und wollte wissen, woher ich komme und so weiter, und dabei fiel mir auf, dass ich wohl seit Tagen die erste richtige Unterhaltung führte. Seit ich Taupō verlassen habe, habe ich eigentlich mit niemandem mehr gesprochen, außer Einsatz Kaffebestellungen. Drei Tage war ich nun in meinem Gedankenkarussell gefangen, und was soll ich sagen, es war erträglich. Zwar halte ich immer wieder an einigen Haltestellen der letzten zweieinhalb Jahre an, steige aus, schaue mich um, schaffe es aber doch wieder einzusteigen und weiterzufahren, statt hängen zu bleiben. Nun ja, die Dame ließ dann irgendwann von mir ab, und ich durfte in die Ausstellungen.
Dabei lernte ich viel über Auckland und seine Besiedlung. Es gab auch wieder so einen interaktiven Tisch, hervorragend. Also Museen können sie hier in Neuseeland, sehr viel besser als, ihr wisst schon wo. Sehr empfehlenswert das Ganze. Gut, das obere Stockwerk besteht aus den Kriegen, in die Neuseeland gezwungen wurde, Empire sei Dank. Aber selbst das war eher eine Mischung aus Ausstellung und Gedenkstätte.
Was ich aus diesem Museum mitnahm, beziehungsweise was mich beeindruckte, war erneut die Māori Ausstellung, ebenso die Darstellung, wie verschiedene Tiere und Pflanzen es überhaupt bis nach Neuseeland geschafft haben, und die Auckland spezifische Ausstellung. Und hier erkannte ich zum ersten Mal eine Parallele zwischen einzelnen Staaten. Neuseeland ist kernwaffenfrei, und das hat auch einen Grund. Es ist die Ablehnung der Atomwaffenversuche im Pazifik durch Franzosen und Amerikaner. Einer der Höhepunkte war wohl die Versenkung der Rainbow Warrior 1985 in Auckland, ich selbst kann mich daran erinnern.
Und um der Wahrheit die Ehre zu geben, wir sind damals im Kalten Krieg in der Nähe von Mutlangen aufgewachsen. Die Ablehnung der Kernkraft lag nie allein in der Kernkraft selbst, auch wenn das immer wieder falsch hingedreht wird. Die Ablehnung und auch das Entstehen der Grünen lagen darin begründet, dass wir alle wussten, sobald der Kalte Krieg in eine heiße Phase übergeht, würden wir als Erste weggebombt werden. Daraus kam die Ablehnung. 1986, ein eingesperrter Sommer, tat sein Übriges. Neuseeland machte daraus eine identitätsstiftende Sicherheitsdoktrin, Deutschland vor allem einen Atomausstieg. An der nuklearen Abschreckung der NATO hat Deutschland bis heute Teil, in diesem Sinne.
P.S.
Gegen die zivile Nutzung von Radioaktivität in Medizin, Industrie und Forschung, also Materialprüfung, Prozessmesstechnik, Sterilisation, Siliziumdotierung und Isotopenherstellung, hat kaum jemand etwas einzuwenden. Forschungsreaktoren gehören dazu, auch wenn sie aus Sicht der Proliferation nicht völlig unproblematisch sind, weil ein Teil dieser Anlagen historisch mit hochangereichertem Uran betrieben wurde. Grüße nach Garching. Gerade deshalb ist die Skepsis gegenüber der großen Kernenergie politisch nachvollziehbar, zumal Länder wie Neuseeland ihre nuklearfreie Haltung ausdrücklich aus der Erfahrung mit den dunklen Seiten dieser Technologie entwickelt haben.
In Deutschland war der Ausstieg 2011 nach Fukushima folgerichtig. Am 30. Juni 2011 stimmte der Bundestag mit 513 Ja Stimmen gegen 79 Nein Stimmen bei 8 Enthaltungen für die Änderung des Atomgesetzes. Der Ausstiegspfad wurde damit bis 2022 festgeschrieben. Heute versuchen genau jene, die kein Windrad in Sichtweite haben wollen, diesen Kurs wieder zurückzudrehen. Atomkraft gern, aber Endlager bitte bei den anderen.
Dann werden neue Reaktortypen ins Feld geführt, und ja, sie sind oft mit zusätzlichen passiven Sicherheitsfunktionen ausgelegt, aber ein Restrisiko bleibt, und abgebrannter Brennstoff bleibt hochradioaktiv und muss aufwendig abgeschirmt und verwaltet werden. Ökonomisch sieht es nüchtern aus: Bestandserhalt bestehender Kernkraft liegt meist unter 40 USD/MWh, neuer Kernkraftbau eher bei 40 bis 80 USD/MWh, ein aktuelles US Modell für neue fortgeschrittene Kernkraft bei 81,45 USD/MWh. Neue Erneuerbare liegen im Regelfall darunter, etwa bei 29,58 USD/MWh für Onshore Wind, 31,86 USD/MWh für Solar und 37,58 USD/MWh für Geothermie.
Zum Vergleich liegt Gas im Neubau ungefähr hier:neues Gaskraftwerk, Combined Cycle: 64,55 USD/MWhneues Gas Spitzenlastkraftwerk, Combustion Turbine: 133,88 USD/MWh
Interessant. Man muss wirklich kein Genie sein, um zu erkennen, was zukunftsträchtiger ist.



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