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Anadar X/III

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 11. Juni
  • 34 Min. Lesezeit

12

Mutter verbot Shara beinahe, sich an den Kämpfen zu beteiligen.

Beinahe.

Das Wort war wichtig.

Denn Mutter befahl es nicht.

Sie hätte es vielleicht gekonnt. Nicht durch Rang. Nicht durch irgendein Recht der Feurigen Feste. Aber durch jene stille Gewalt, mit der sie manchmal in einen Raum trat und alle anderen daran erinnerte, dass sie schon Kriege gesehen hatte, als ihre Großeltern noch nicht geboren waren. Sie hätte Shara ansehen und ihr sagen können, dass sie sich zurückzuhalten hatte, dass ein Kind unter dem Herzen kein Ort für Heldentum war, dass Anadar sie nicht dafür lieben würde, wenn sie sich und das Ungeborene in die erste Linie stellte.

Sie tat es nicht.

Sie sagte nur: „Nicht am Anfang.“

Shara verstand.

Sie hasste es.

Aber sie verstand.

Am Anfang bedeutete nicht nie.

Am Anfang bedeutete, dass andere zuerst brennen durften.

Slonda.

Miene.

Sindra.

Die Lichtschülerinnen.

Die Geisterschülerinnen.

Die Feuermagier auf den Mauern.

Die Sondra in den Felsgängen.

Mutter selbst.

Alle anderen.

Shara stand in den ersten Stunden und dann Tagen der inneren Verteidigung nicht untätig, aber sie wurde zurückgehalten. Sie koordinierte Feuergruppen, half an Engstellen, brachte Verwundete aus Abschnitten, die zu fallen drohten, und stand dort, wo ihre Stimme mehr nützte als ihre Kraft. Sie hasste die Vernunft darin. Es war eine Sache, nicht aus Feigheit zurückzubleiben. Eine andere, weil die Welt plötzlich etwas in ihr schützte, das wichtiger war als ihr eigener Stolz.

Doch irgendwann wurde Slonda müde.

Nicht sichtbar für alle.

Für Shara schon.

Er stand noch immer gerade. Seine Stimme blieb ruhig. Seine Hände zitterten kaum, wenn er Zeichen setzte. Aber seine Augen wurden tiefer, und zwischen zwei Bannungen blieb er einen Herzschlag zu lange still. Das genügte. Slonda war kein junger Mann, auch wenn seine Macht manchmal vergessen ließ, wie viel sein Körper tragen musste.

Miene und Sindra waren ebenfalls erschöpft.

Die beiden Töchter Sinadies hatten in den letzten Tagen mehr geleistet, als irgendjemand von Schülerinnen hätte verlangen dürfen. Ihr Licht hatte Toten die Bindung genommen, niedere Dämonen zerrissen, Breschen geschlossen, Kreise gestört, Verwundete gedeckt. Doch Licht war keine unendliche Quelle, nur weil es hell schien. Miene hatte Nasenbluten bekommen. Sindra musste sich nach jeder dritten großen Lichtlinie an der Mauer festhalten. Andere Schülerinnen waren bereits aus der Linie genommen worden, weil sie zitterten, weinten oder ins Leere starrten.

Da trat Shara vor.

Mutter sah sie kommen.

Sie sagte nichts.

Das war Erlaubnis genug.

Die großen Dämonen waren die wichtigste Verteidigung.

Nicht die Toten. Nicht die Magier. Nicht einmal Hokn`fs Wirbel, so furchtbar er war. Die Toten konnten sie verbrennen, zurückdrängen, lenken, festsetzen. Hokn`fs Wirbel konnten sie nicht verhindern, aber sie konnten sich darauf vorbereiten, Wege räumen, Mauern entlasten, Flammen in die Bresche werfen, sobald er nachließ.

Die großen Dämonen waren anders.

Wenn sie zu nah an die Mauern kamen, rissen sie Stein aus den Fundamenten. Sie fraßen Feuer oder warfen es verdreht zurück. Sie sprangen über Gräben, trugen Tote an den Mauern hinauf, brachen Tore, störten Kreise, zerschlugen ganze Abschnitte mit einem Schlag. Ein einzelner großer Dämon konnte das Werk von hundert Verteidigern zunichtemachen, wenn man ihn zu lange wirken ließ.

Also mussten sie gebannt werden.

Nicht getötet.

Nicht besiegt.

Aus der Welt genommen.

Das war eine andere Art von Kampf.

Slonda konnte es. Aber Shara war auf eine Weise geschickt darin, die selbst Slonda überraschte.

Vielleicht, weil sie Feuer verstand.

Vielleicht, weil sie nie gelernt hatte, Dämonen nur als Theorie zu betrachten.

Vielleicht, weil das Kind in ihr auf die Nähe dieser Wesen reagierte, lange bevor sie selbst sie ganz spürte.

Shara bannte nicht wie Slonda.

Slonda arbeitete mit Geduld, Zeichen, Zeit und einem tiefen Verständnis von Schwellen. Er fand den Punkt, an dem ein Wesen an diese Welt gebunden war, und löste ihn, so sauber es im Krieg möglich war. Shara war direkter.

Sie war gut darin.

Sehr gut.

Aber auch sie brauchte Zeit.

Und Zeit war das, was die Feurige Feste nicht mehr hatte.

Die Verteidiger hatten zwei Wege gefunden, die Dämonen zu verlangsamen.

Der erste war das direkte Bannen. Slonda, Shara, Miene, Sindra, manchmal eine andere Lichtschülerin, manchmal Xiodrie, wenn die Welt an der richtigen Stelle dünn genug wurde. Es war wirksam, aber jedes Mal kostete es Kraft. Man musste den Dämon binden, seine Gegenwehr aushalten, den Beschwörerkreis stören oder übergehen, die eigene Linie halten, während um einen herum Pfeile, Feuer, Stein, Schreie und Tote die Mauer erreichten.

Der zweite Weg war Mutter.

Mutter verlagerte sich vollständig darauf, die Beschwörer zu finden.

Sie stand nicht immer auf der Mauer. Oft war sie in einem der oberen Räume der Feste, vor Karten, vor Schalen mit Wasser, vor Steinen, vor Zeichen, die andere nicht lesen konnten. Manchmal stand sie einfach nur da, die Augen geschlossen, und nannte dann eine Richtung, einen Abstand, ein Zeichen im Gelände.

„Hinter dem dritten schwarzen Felsen.“

„Unter dem zerbrochenen Hang.“

„Drei Kreise. Einer falsch gesetzt. Der mittlere hält den Dämon.“

„Jetzt.“

Dann bewegten sich Trupps.

Sondra durch Felsgänge.

Dunkelelfen in der Nacht.

Feuermagier über verborgene Ausgänge.

Geisterschülerinnen an Schatten entlang, die niemand sonst bemerkt hätte.

Manchmal kamen sie zu spät.

Manchmal starben sie.

Manchmal erreichten sie den Kreis.

Und wenn sie ihn erreichten, wurde die Beschwörung zum Risiko für die Beschwörer selbst.

Mutter fand.

Andere koordinierten.

Die Trupps vernichteten.

Das gelang.

Nicht immer.

Aber oft genug.

Sie hielten die Gegner auf. Sie fügten ihnen Verluste zu. Hohe Verluste. Beschwörer starben. Magier starben. Totenreihen wurden verbrannt. Dämonen wurden gebannt, bevor sie Mauern brechen konnten. Mehr als einmal sah Shara, wie ein Angriff der Feinde stockte, nur weil irgendwo hinter der Linie ein Kreis zerbrach und ein Wesen plötzlich zurückgerissen wurde, mitten im Sprung, mitten im Schlag, mitten im Brüllen.

Noch hatten viele Verteidiger Skrupel, ihre Brüder und Schwestern zu töten.

Noch.

Die ersten Tage waren schlimm gewesen.

Feuermagier sahen Windmagier, Erdmagier, Wassermagier, Geister, Menschen aus Schulen, die einmal Teil derselben Ordnung gewesen waren. Manche Angreifer waren Verblendete. Manche Gezwungene. Manche hatten vielleicht nie verstanden, wohin Hokn`f sie führte. Und doch standen sie nun vor den Mauern der Feurigen Feste, geschützt von Toten, geführt von Beschwörern, neben Dämonen.

Skrupel schwanden nicht sofort.

Sie bluteten aus.

Mit jedem gefallenen Freund.

Mit jeder Bresche.

Mit jedem Verteidiger, den ein Magier der anderen Seite vom Wall riss.

Mit jedem Dämon, den ein Beschwörer in eine Gruppe junger Lichtschülerinnen schickte.

Am Ende blieb nicht Hass.

Hass war zu heiß, um lange zu halten.

Es blieb Notwendigkeit.

Das war schlimmer.

Was ihnen am meisten zusetzte, war die stille Armee.

Sie schien nicht weniger zu werden.

Natürlich wurde sie es. Shara sah, wie Feuer ganze Gruppen vernichtete, wie Erde sie verschüttete, wie Licht Bindungen kappte, wie Sondra sie in Stücke hackten und Zwerge ihnen die Beine zerschlugen. Aber Hokn`f füllte die Reihen immer wieder auf. Die Toten kamen nicht nur aus den Gräbern, die er geöffnet hatte. Gefallene Angreifer wurden ebenfalls genommen, wenn es möglich war. Manchmal sogar Verteidiger, bevor ihre Kameraden sie zurückholen konnten.

Das traf die Feste härter als jede Bresche.

Wenn Hokn`f mit seinem gewaltigen Wirbel eine Lücke schlug und die stille Armee hindurchquoll, dann war es, als dränge nicht ein Heer, sondern ein Fluss aus Tod gegen sie. Sie konnten ihn aufhalten. Sie konnten ihn stauen, ablenken, verbrennen, zurückdrängen. Aber nie lange genug. Irgendwo blieb immer etwas hängen. Irgendwo kam etwas durch. Irgendwo musste jemand einen Körper töten, der längst tot war, während daneben ein lebender Feind angriff.

Darin lag Hokn`fs größte Waffe.

Nicht in der Kraft allein.

In der Erschöpfung, die er erzeugte.

Manador sah es.

Es beunruhigte ihn mehr, als er sagte.

Er wusste, dass die Mauern der eigentlichen Feste um ein Vielfaches stärker waren als die äußeren Verteidigungsringe. Diese Ringe waren darauf ausgelegt gewesen, Zeit zu kaufen, Feinde zu brechen, ihre Ordnung zu stören, Gelände zu nutzen und den Preis jedes Schrittes zu erhöhen. Die inneren Mauern waren anders. Älter. Tiefer im schwarzen Stein verankert. Mit Feuerlinien durchzogen, die seit Generationen nicht mehr vollständig geweckt worden waren.

Aber auch starke Mauern konnten fallen, wenn genug Tote gegen sie geworfen wurden.

Und genug Dämonen.

Und genug Wahnsinn.

Nach mehreren Tagen Schlacht kam der Angriff, der den dritten Wall unhaltbar machte.

Er begann bei Sonnenaufgang.

Oder bei dem, was noch wie Sonnenaufgang wirkte, denn der Himmel war längst voller Rauch.

Hokn`f schlug zuerst.

Nicht frontal auf die Mitte, wie viele erwartet hatten, sondern auf eine Stelle, an der der dritte Wall zwischen zwei schwarzen Felsrippen verlief. Dort war der Zugang eng, gut zu verteidigen, aber wenn er brach, öffnete er einen Weg in den Bereich zwischen Wall und Hauptmauer. Hokn`f wusste das. Oder seine Berater wussten es. Oder Marabar hatte es gesehen. Es spielte keine Rolle.

Der Wirbel kam.

Groß.

Dunkler als zuvor.

Mit Sand, Asche, Knochenstaub und roter Glut darin, als habe er etwas von den Mondtropfen nicht nur in sich aufgenommen, sondern in Zorn verwandelt. Er traf die Felsrippe zuerst, riss loses Gestein heraus, schleuderte es gegen die Mauer, traf dann den Wall selbst. Feuerlinien flammten auf, hielten, flackerten, hielten weiter.

Dann kamen die Dämonen.

Mehr als je zuvor.

Kleine Wesen zuerst, an den Rändern, um die Verteidiger zu binden. Dann größere. Drei auf einmal. Dann ein vierter, halb gebückt, mit einem Maul, das zu breit für seinen Kopf war. Einer schlug gegen den Wall, einer riss an einem Tor, einer wurde sofort von Licht getroffen und taumelte, aber nicht genug. Slonda und Shara standen an zwei verschiedenen Punkten, beide bereits im Bann, beide gebunden. Miene hielt eine Linie offen. Sindra brach fast zusammen und wurde von zwei Schülerinnen gestützt, während sie weiter Licht gab.

„Noch einen“, sagte Slonda.

Shara hörte ihn nicht.

Sie sah nur den Dämon vor sich, sah den Raum um ihn, sah die Stelle, an der Feuer greifen konnte, nicht an seiner Haut, sondern an seiner Verankerung. Sie brannte. Das Wesen brüllte. Xiodrie, irgendwo hinter ihr, schrie einen Namen oder ein Wort, das kein Name sein sollte. Die Linie riss.

Der Dämon verschwand.

Shara fiel auf ein Knie.

Keine Zeit.

Der nächste kam.

Währenddessen drängte die stille Armee gegen die von Hokn`f geschlagene Bresche. Körper um Körper. Nicht ungeordnet diesmal. Sie kamen in dichten Paketen, gedeckt durch Wirbel, von lebenden Magiern geschützt, mit größeren Leibern vorn, die brennende Ölgräben einfach mit sich füllten. Die Feurige Feste warf Feuer hinein, viel Feuer, aber die Masse drückte weiter.

Manador stand auf einer erhöhten Plattform und sah den Kampf.

Er sah die Linie.

Er sah die Erschöpfung.

Er sah, dass der Wall noch stand.

Und dass er dennoch verloren war.

Ein sturer Mann hätte gehalten.

Ein verzweifelter Mann hätte gehofft.

Manador war beides.

Aber er war auch Dekan der Feurigen Feste.

Er gab das Signal zum Rückzug.

Nicht laut.

Nicht panisch.

Drei rote Feuer stiegen über dem dritten Wall auf.

Dann eines in Weiß.

Die Verteidiger wussten, was das bedeutete.

Rückzug zur letzten Verteidigungslinie.

Zur Hauptmauer.

Zur Feurigen Feste selbst.

Der Rückzug begann sofort.

Nicht sauber. Dafür war der Kampf zu heftig. Aber geordnet genug. Die Zwerge hielten die unteren Engstellen. Sondra griffen in die Flanken. Dunkelelfen schossen aus erhöhter Deckung auf Beschwörerwachen. Feuermagier legten Sperren. Lichtschülerinnen zogen sich in Gruppen zurück, immer eine Linie haltend, immer eine andere deckend.

Als Ablenkung kam erneut der Angriff auf die Beschwörer.

Dieses Mal nicht aus einem einzigen Felsspalt.

Aus drei.

Kleine Trupps, verborgen seit Stunden, vielleicht seit Tagen, brachen hinter den Linien hervor. Feuer schlug in Kreise. Geisterklingen trafen Schutzzeichen. Sondra sprangen über Tote, schnitten Hände, Kehlen, Bindungsstäbe. Ein Zwergentrupp rammte eiserne Keile in den Boden, und zwei Beschwörungskreise verzogen sich, als sei der Stein darunter plötzlich nicht mehr bereit, sie zu tragen.

Die Dämonen stockten.

Nicht alle.

Aber genug.

Einer blieb mitten im Sprung hängen und wurde von Mienes Licht getroffen. Ein anderer wandte sich brüllend gegen die falsche Richtung. Ein dritter verlor für wenige Herzschläge seine Form, und Slonda, keuchend, bleich, aber noch aufrecht, nutzte den Augenblick und bannte ihn mit einer Bewegung, die eher wie ein Schnitt als wie ein Zauber aussah.

Gleichzeitig deckte die Feurige Feste die stille Armee mit einer massiven Menge an Feuer ein.

Nicht als gezielter Schlag.

Als Wand.

Flammen liefen über den Wall, fielen in die Bresche, schlugen aus vorbereiteten Rinnen und fraßen sich durch die drängenden Körper. Der Geruch war entsetzlich. Verbranntes Fleisch, alter Staub, nasse Erde, Knochen, Haare, Leder. Selbst viele Angreifer wichen zurück.

Die Verteidiger zogen sich zurück.

Zur letzten Mauer.

Zu den mächtigen Mauern der Feurigen Feste.

Doch der Feind ließ ihnen kaum Zeit.

Noch bevor sie sich wirklich neu formiert hatten, setzten die ersten Angriffe ein.

Zuerst durch Dämonen.

Sie hatten den Rückzug von Slonda und Shara genutzt, den kurzen Augenblick, in dem die Bannlinien unterbrochen waren, um vorzurücken. Zwei kleinere erreichten den Fuß der Hauptmauer und wurden dort von Feuer zerschlagen. Ein größerer rammte eine Klaue in den Stein, zog sich hinauf und bekam eine Lichtklinge durch den Arm. Er fiel nicht. Er zog weiter.

Dann kamen Slonda und Shara auf die Mauer.

Slonda keuchend.

Shara vor Schweiß glänzend, das Gesicht blass, die Haare an Stirn und Wangen geklebt. Sie sah aus, als müsste sie sich setzen. Stattdessen trat sie neben Slonda, hob die Hände und begann zu bannen.

Die Dämonen wurden langsamer.

Nicht schwach.

Nicht harmlos.

Aber langsamer.

Das genügte, damit Feuer sie fassen, Licht sie schneiden, Erde sie aus dem Gleichgewicht bringen konnte.

Im Schutz dieser ersten Angriffe hatte sich jedoch die stille Armee bereits bis zu den Mauern vorgeschoben.

Sie stand nun unten.

Dicht.

Dunkel.

Wartend.

Körper an Körper. Knochen an Fleisch. Rüstung an Grabtuch. Lebende Magier dahinter. Beschwörer weiter zurück. Hokn`f irgendwo zwischen ihnen, nicht immer sichtbar, aber spürbar wie ein Druck in der Luft.

Manador stand auf den Zinnen der Hauptmauer.

Sinadie neben ihm.

Sie sagte nichts.

Das musste sie nicht.

Er wusste, was sie dachte.

Er wusste es, weil er es selbst dachte.

Sie konnten diesen Kampf nicht gewinnen.

Nicht auf Dauer.

Sie konnten ihn verlängern. Sie konnten den Feind bluten lassen. Sie konnten Dämonen bannen, Tote verbrennen, Kreise zerstören, Mauern halten, Rückzüge ordnen. Sie konnten vielleicht Tage kaufen. Vielleicht weniger. Vielleicht mehr, wenn die Welt gnädig war, was sie selten war.

Aber gewinnen?

Nein.

Nicht so.

Nicht gegen diese Masse.

Nicht gegen Hokn`fs Wahnsinn, Sahretûns Geduld, Marabars Berechnung und eine stille Armee, die aus jedem Friedhof neu geboren wurde.

Slonda kam zu ihnen, schwer atmend.

Shara neben ihm.

Sie legte eine Hand an die Mauer, nicht aus Schwäche, sagte sie sich vielleicht, sondern um den Stand zu finden. Ihr Bauch war groß unter der Rüstung und dem angepassten Gewand. Viel zu groß für diesen Ort. Viel zu sichtbar zwischen Feuer, Blut und Stein.

Manador sah sie an.

„Wie lange könnt Ihr das noch durchhalten?“

Slonda wollte antworten.

Shara kam ihm zuvor.

„So lange, wie wir müssen.“

Manador sah hinab auf die Tote vor der Mauer, dann zu den Dämonen, die sich wieder sammelten, dann zu den Linien der Beschwörer dahinter.

„Also für immer.“

Shara verzog den Mund.

Nicht ganz ein Lächeln.

„Wenn nötig.“

„Dann brauchen wir ein Wunder“, sagte Manador. „Oder mehrere.“

Sinadie blickte zu Slonda.

„Wisst Ihr, wo Euer Bruder ist?“

Slondas Gesicht wurde hart.

„Nein.“

„Wo ist Anadar?“

Die Frage blieb kaum einen Atemzug in der Luft.

Dann schrie Shara auf.

Alle drehten sich zu ihr um.

Sie stand noch, aber nur knapp. Eine Hand klammerte sich an den Stein der Mauer, die andere lag auf ihrem Bauch. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt. Für einen furchtbaren Moment glaubte Manador, ein Pfeil habe sie getroffen, ein unsichtbarer Zauber, ein Splitter, irgendetwas.

„Shara!“

Sinadie griff nach ihr.

Shara schüttelte den Kopf, aber der nächste Schmerz zwang sie in die Knie.

Sie war nicht verletzt.

Nicht von außen.

Sie krümmte sich erneut, atmete stoßweise, und Schweiß lief ihr über die Schläfen.

Von der Treppe kam Mutter nach oben.

Sie sah Shara.

Sie sah ihren Bauch.

Sie sah die Gesichter der anderen.

Und in ihrer Stimme lag keine Überraschung.

Nur die bittere Anerkennung eines weiteren Zeitpunkts, der keine Rücksicht auf Krieg nahm.

„Ihre Wehen setzen ein“, sagte Mutter.

 

13

Anadar wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war.

Vielleicht Stunden.

Vielleicht Tage.

Vielleicht gar keine.

In Sahretûn war Zeit ohnehin nie ganz verlässlich gewesen, doch diesmal lag es nicht an der Stadt. Diesmal lag es an ihm. Er war so weit in sich versunken, dass die äußeren Dinge ihren Anspruch auf Wirklichkeit verloren hatten. Der Raum war noch da, irgendwo. Das Bett, die Wände, der schwarze Stein, die rötliche Linie im Boden, die nie ganz erlosch. Vielleicht traten Beschwörer ein. Vielleicht verließen sie den Raum wieder. Vielleicht stand jemand vor der Tür. Vielleicht wartete die Stadt darauf, dass er sich bewegte.

Anadar nahm es nicht wahr.

Er saß auf dem Boden.

Im Schneidersitz.

Die Hände locker auf den Knien.

Der Atem ruhig.

Nicht der erzwungene Atem eines Magiers vor einem schwierigen Zauber. Nicht die vorbereitete Sammlung vor einem Kreis, nicht die Konzentration auf ein Zeichen, eine Formel, einen Willensstoß. Es war tiefer. Einfacher. Gefährlicher.

Er suchte nichts vor sich.

Er suchte in sich.

Er hatte sich durch die Gedanken sinken lassen, die ihn hielten, störten, zerrten. Gnok. Shara. Sahretûn. Naaarstr. Marabar. Mutter. Slonda. Das Kind. Die Feurige Feste. Die Bücher. Die halben Wahrheiten. Den Abgrund. Immer wieder waren sie gekommen, und immer wieder hatte er sie nicht fortgestoßen, sondern an sich vorbeiziehen lassen.

Bis etwas still wurde.

Nicht leer.

Still.

Und in dieser Stille lag ein Frieden, den Anadar nicht erwartet hatte.

Kein glücklicher Frieden. Kein Trost. Keine Erlösung. Eher ein Ort, an dem alles, was in ihm kämpfte, für einen Augenblick aufhörte, sich selbst für das Wichtigste zu halten. Er spürte seinen Körper. Den Boden. Den Atem. Das Schlagen seines Herzens. Darunter etwas anderes. Einen Punkt, der nicht Herz war, nicht Geist, nicht Magie im gewöhnlichen Sinn. Ein Zentrum. Oder eine Erinnerung an eines.

Er ging tiefer.

Dorthin, wo der Funke gewesen war.

Nicht der große Anadar. Nicht der Meister des Feuers. Nicht der Mann mit dem Schwert, dem Dämon, dem Ruf, der Schuld, den Kämpfen. Ein Kind im Stroh. Kälte. Hunger. Slonda, der fror. Der Wunsch, nicht selbst zu überleben, sondern den Bruder nicht sterben zu lassen. Keine Formel. Kein Zeichen. Kein Wissen. Nur Not. Liebe. Antwort.

Dort blieb er.

Und in dem friedlichsten Moment, den er seit langer Zeit gekannt hatte, kam die Frage zurück.

Nicht wie im Traum.

Nicht aus der Dunkelheit.

Nicht von irgendwo außerhalb.

Sie stand plötzlich in seinem Geist, klarer als je zuvor.

Wie wirst du dich entscheiden?

Anadar atmete ein.

Diesmal erschrak er nicht.

Die Frage war nicht lauter geworden. Nur näher. Nicht drängender. Nur wahrer. Und jetzt, in dieser Tiefe, erkannte er etwas, das er im Traum nie erkannt hatte.

Er spürte, wer fragte.

Gnok.

Nicht nur Gnok, wie er jetzt war, gefesselt, geblendet, gebrochen und doch noch immer mit einem letzten Funken Hoffnung in sich. Auch Gnok aus früheren Zeiten. Gnok als Zeuge der ersten Fehler. Gnok als Schuld. Gnok als Liebe zu Maraà. Gnok als Mahnung. Gnok als Kette.

Vor Anadars innerem Auge entstand ein Bild.

Gnok.

Dann Shara.

Shara auf einer Mauer.

Shara im Feuer.

Shara mit seinem Kind unter dem Herzen.

Wie ist deine Entscheidung?

Jetzt verstand Anadar.

Nicht alles.

Aber genug.

Gnok war nicht nur ein Gefangener.

Gnok war ein Mittel.

Sahretûn hielt ihn am Leben, um Anadar zu halten. Nicht aus Gnade. Nicht aus Achtung. Nicht einmal aus Verhandlung. Gnok war der Haken, an dem sie ihn befestigt hatten. Solange Anadar blieb, lebte Gnok. Solange Gnok lebte, blieb Anadar. Solange Anadar blieb, konnte Sahretûn ihn umstellen, formen, füttern, prüfen, einlullen, reizen, verführen, brechen oder in etwas verwandeln, das irgendwann vielleicht selbst glauben würde, es habe aus Freiheit gewählt.

Er war Gnoks Lebensversicherung.

Und Gnok war seine Kette.

Mutter hing an Gnok.

Slonda hing an ihm.

Anadar selbst hing an ihm.

Damit war er erpressbar.

Und dann war da Shara.

Nicht als zweite Kette.

Als Wahrheit.

Shara brauchte ihn nicht, damit er sich gut fühlte. Sie brauchte ihn nicht als Entschuldigung, als Pflicht, als Verhandlung. Sie war kein Mittel, ihn zu halten. Sie war der Ort in ihm, an dem Magie nicht aus Kontrolle kam, sondern aus Verbindung.

In diesem Augenblick begriff Anadar seine Entscheidung.

Er dachte nicht weiter nach.

Zum ersten Mal in seinem Leben zauberte er bewusst.

Nicht als Magier.

Als Zauberer.

Kein Zeichen.

Kein Wort.

Kein Kreis.

Kein Aufbau von Feuer, kein Griff nach einer Schule, kein Schritt durch eine vorbereitete Bahn. Er griff nicht nach Magie. Er öffnete sich ihr. Er stellte keinen Befehl. Er wurde Richtung. Nicht Ort zu Ort, nicht Körper durch Raum, sondern Wille zu Verbindung.

Shara.

Der Funke antwortete.

Die Welt verschwand.

Nicht dunkel.

Nicht hell.

Nur fort.

Anadar stand plötzlich auf den Mauern der Feurigen Feste.

Direkt neben Shara.

Einen Herzschlag lang verstand niemand, was geschehen war.

Nicht einmal er.

Die Welt schlug mit voller Gewalt auf ihn ein. Rauch. Feuer. Schreie. Stein unter den Füßen. Wind voller Asche. Das Brüllen von Dämonen. Das Krachen von Körpern gegen Mauern. Der Geruch von verbranntem Fleisch, heißem Metall, Staub und Blut. Er sah Manador. Sinadie. Slonda. Mutter. Er sah Lichtlinien über den Zinnen, Feuerströme zwischen Felsen, tote Körper am Fuß der Mauer. Er sah Dämonen, die sich an die Brustwehr krallten.

Und er sah Shara.

Sie kniete.

Eine Hand auf dem Bauch.

Das Gesicht schmerzverzerrt.

Schweiß auf der Haut.

Sie schrie.

Nicht vor einer Wunde.

Vor Wehen.

Anadar stand da, so überrascht wie alle anderen. Für einen kurzen Moment war er sicher, noch immer zu träumen. Der Abgrund. Die Stimme. Die Entscheidung. Vielleicht war dies nur der nächste Teil. Vielleicht würde er gleich wieder erwachen, in Sahretûn, auf dem Boden seines Zimmers, gefangen in derselben Frage.

Dann griff eine riesige Klaue über die Brustwehr.

Der Traum endete.

Instinkt wurde Handlung.

Anadar wandte sich.

Er sammelte seinen Willen.

Nicht wie früher. Nicht über Worte. Nicht über die vorbereiteten Bahnen eines Feuerzaubers. Er griff nicht nach einer Formel. Er suchte nicht nach einem Zeichen. Er sah nur das Wesen, sah seinen Druck auf der Mauer, sah den Raum, den es einnahm, sah die Linie, an der es hier war.

Und ließ seine Energie frei.

Der Dämon wurde von der Mauer gerissen.

Nicht verbrannt.

Nicht gebannt.

Zurückgestoßen.

Mit einer Gewalt, die selbst Anadar erschreckte.

Das Wesen flog rückwärts, schlug gegen einen anderen Körper, stürzte hinab und riss Tote mit sich. Der Aufprall ließ den Stein unter Anadars Füßen erzittern.

Ein zweiter Dämon zog sich an einer anderen Stelle hoch.

Anadar hob die Hand.

Keine Flamme.

Ein Stoß.

Der Raum selbst schien ihn fortzudrücken.

Auch dieser Dämon fiel.

So mühelos.

Zu mühelos.

Die anderen sahen ihn an.

Nicht erleichtert zuerst.

Entsetzt.

Denn sie sahen, dass er sich verändert hatte.

Slonda war der Erste, der sprach.

Er stand wenige Schritte entfernt, bleich, keuchend, von Erschöpfung gezeichnet, und dennoch lag in seinem Blick etwas, das gefährlich nahe an Freude war.

„Du bist zur richtigen Zeit angekommen“, sagte er trocken.

Anadar sah ihn an.

Sein Bruder.

Lebendig.

Real.

„Sag mir, dass das kein Traum ist.“

Slonda atmete schwer aus.

„Dafür ist es zu laut.“

Anadar drehte den Kopf.

Mutter stand dort.

Einen Augenblick lang sah sie ihn nicht als den Mann, der aus dem Nichts auf einer belagerten Mauer erschienen war. Sie sah ihn als den Jungen, der einmal vor ihr gestanden hatte, als den Schüler, den Sohn, die Gefahr, die Hoffnung, die Schuld. In ihrem Blick lag alles.

Anadar wollte etwas sagen.

„Ich...“

Er brach ab.

Denn in seinem Blick lag ebenfalls alles.

Gnok.

Sahretûn.

Die Entscheidung.

Mutter verstand.

Nicht sofort.

Aber dann.

Ihr Gesicht veränderte sich. Schmerz ging hindurch, so scharf, dass Anadar ihn fast körperlich spürte. Sie wusste, was seine Ankunft bedeutete. Sie wusste, wen er zurückgelassen hatte. Sie wusste, was diese Wahl gekostet hatte.

Eine Träne lief über ihr Gesicht.

„Du hast dich richtig entschieden, mein Lieber“, sagte sie.

Es war kein Trost.

Es war Vergebung.

Oder der Anfang davon.

Shara richtete sich halb auf.

Nur halb, denn der nächste Schmerz kam, und sie packte Anadars Arm mit einer Kraft, die ihn beinahe mehr erschreckte als der Dämon. Ihre Augen fanden seine. In ihnen lag so viel auf einmal, dass selbst die Schlacht für einen Atemzug kleiner wurde.

Freude.

Erleichterung.

Unglaube.

Wut.

Sehr viel Wut.

„Wo warst du?“ fauchte sie.

Dann zog sie ihn zu sich und küsste ihn.

Hart.

Kurz.

Zornig.

Lebendig.

Anadar wollte antworten.

Da kletterte der Dämon, den er eben zurückgestoßen hatte, wieder an der Mauer hoch.

Anadar drehte sich halb, hob die Hand und schleuderte ihn erneut hinab.

„Ich war beschäftigt“, sagte er.

Shara starrte ihn an.

„Beschäftigt?“

„Gefangen und beschäftigt.“

„Das ist keine ausreichende Antwort.“

„Ich hatte wenig Zeit, eine bessere vorzubereiten.“

Ein weiterer Dämon rammte sich gegen die Mauer.

Anadar wandte sich, spürte die Linie, ließ den Stoß kommen, und das Wesen wurde zurück auf den Boden gedrückt, als hätte eine unsichtbare Faust es getroffen.

Mutter sah es als Erste wirklich.

Nicht den Effekt.

Die Art.

Kein Feuerzeichen. Kein Kreis. Kein Wort. Kein Aufbau wie bei einem Magier. Die Kraft war nicht roh, nicht chaotisch, nicht einmal besonders laut. Sie war einfach da, als hätte Anadar aufgehört, Magie zu befehlen, und begonnen, mit ihr an derselben Stelle zu stehen.

Ein Erkennen lief über ihr Gesicht.

Slonda sah es ebenfalls.

Er sagte nichts.

Vielleicht, weil er zu müde war.

Vielleicht, weil ihm für einmal die Worte fehlten.

Shara packte Anadars Gesicht mit beiden Händen und zwang ihn, sie anzusehen.

Ein weiterer Schmerz ging durch sie, doch sie biss die Zähne zusammen.

„Du kümmerst dich hier um den Kampf“, sagte sie.

„Was?“

„Ich habe eine Idee.“

„Shara, du hast Wehen.“

„Das ist mir aufgefallen.“

„Du solltest...“

„Sag diesen Satz nicht zu Ende.“

Anadar schloss den Mund.

Sie küsste ihn noch einmal.

Diesmal kürzer.

Dann ließ sie ihn los, wandte sich zur Treppe und ging hinunter, langsam, angespannt, mit einer Hand an der Wand, aber mit der unerschütterlichen Entschlossenheit einer Frau, die selbst dem eigenen Körper nur begrenzt Befehlsrecht zugestand.

Sinadie rief zwei Schülerinnen heran.

Manador sah Anadar an.

Dann zu den Feinden.

Dann wieder zu Anadar.

„Gut“, sagte er. „Dann hoffen wir, dass du wirklich beschäftigt warst.“

Anadar hatte keine Zeit, sich zu wundern.

Seine Ankunft hatte etwas ausgelöst.

Oder vielleicht war sie nur im selben Augenblick geschehen, in dem die Angreifer ihren letzten Druck sammelten. Unten im Feld bewegte sich die stille Armee. Nicht in Wellen. In Massen. Riesige Dämonen liefen nun auf die Feurige Feste zu, größer als die, die zuvor gegen die Mauern gekommen waren. Beschwörungskreise glommen weit hinter den Linien, stärker geschützt als je zuvor. Marabar war irgendwo dort unten, Anadar spürte es mehr, als dass er ihn sah.

Und Hokn`f wuchs.

Nicht körperlich.

Nicht wirklich.

Aber in der Luft um ihn herum sammelte sich Sand, Asche, Wind und rote Glut. Der Wirbel, der sich um ihn bildete, war größer als alles, was die Feurige Feste bisher getroffen hatte. Die stille Armee drängte voran, als sei ihr ein einziger Wille gegeben worden. Magier formierten sich dahinter. Dämonen brüllten. Kreise flammten. Die Welt vor der Feste wurde zu Bewegung.

Manador trat an die Zinnen.

Er sah alt aus in diesem Moment.

Nicht schwach.

Nur alt genug, um zu wissen, wann eine Verteidigung zur letzten wurde.

Dann hob er die Stimme.

„Nun, Kinder.“

Die Feuermagier auf der Mauer hörten ihn.

Die Lichtschülerinnen.

Die Geisterschülerinnen.

Die Sondra.

Die Zwerge.

Die Dunkelelfen.

Slonda.

Anadar.

Alle, die noch standen.

„Macht euch bereit. Unser letztes Gefecht steht bevor.“

Anadar trat neben ihn.

Unter ihnen stürmte der Tod.

Vor ihnen wuchs der Wind.

Hinter ihnen, irgendwo in der Tiefe der Feurigen Feste, trug Shara sein Kind in eine Welt, die gerade um ihr Überleben kämpfte.

Anadar hob die Hände.

Nicht als Magier.

Nicht mehr nur als Magier.

Und um die Feurige Feste entbrannte eine Schlacht, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte.

 

14

Sie spürten es alle gleichzeitig.

Nicht als Klang.

Nicht als Licht.

Als Veränderung.

Etwas verschob sich in der Schlacht. Nicht in den Linien, nicht in den Mauern, nicht in den Heeren, sondern darunter. In jener Tiefe, in der Magie nicht mehr in Schulen zerfiel, sondern nur noch Kraft, Wille und Entscheidung war.

Dann sahen sie es.

Anadar stand auf den Zinnen der Feurigen Feste.

Und die Dämonen wurden von den Mauern gestoßen.

Nicht verbrannt. Nicht wie zuvor mühsam gebannt, nicht von Lichtlinien gebunden, nicht durch Kreise aufgehalten, die unter der Gewalt der Beschwörer zu brechen drohten. Er hob die Hand, und ein Wesen, das eben noch mit beiden Klauen an der Brustwehr hing, wurde zurückgeschleudert, als habe die Welt selbst beschlossen, dass es dort nicht bleiben durfte.

Für einen Atemzug stockte selbst der Angriff.

Verteidiger und Angreifer sahen es.

Slonda sah es.

Mutter sah es.

Hokn`f sah es.

Marabar sah es.

Gochad sah es.

Und jeder begriff etwas anderes.

Für die Verteidiger war es Hoffnung.

Für Hokn`f war es Herausforderung.

Für Marabar war es Warnung.

Für Gochad war es der Beginn des eigentlichen Spiels.

Das große Finale war nun nicht mehr fern.

Es hatte begonnen.

Gochad und Marabar machten sich bereit.

Nicht für kleine Beschwörungen. Nicht für jene geduckten Wesen, die man an Mauern warf, um Schwachstellen zu finden. Nicht für Dämonen, die mit genug Feuer, Licht und Mut zurückgetrieben werden konnten. Sie bereiteten die mehrgehörnten vor. Wesen, deren Ruf keinen Fehler erlaubte. Wesen, bei denen ein falscher Name, eine verwischte Linie, ein zu früher Befehl nicht nur den Beschwörer tötete, sondern alles um ihn herum mitriss.

Dämonen, die selbst wieder kleinere Dämonen rufen konnten.

Marabar stand in einem Kreis aus schwarzem Pulver, Blut und Mondstaub. Um ihn knieten Beschwörer. Einige sangen. Andere hielten sich die Hände über die Ohren, obwohl der Gesang aus ihren eigenen Kehlen kam. Gochad stand etwas weiter hinten, ohne Eile, die Augen auf die Mauern gerichtet. Hinter ihm warteten Männer aus Sahretûn, kahl, tätowiert, mit gesenkten Köpfen und spitzen Zähnen, als seien sie keine Zeugen, sondern Werkzeuge, die nur auf den richtigen Griff warteten.

Die ersten mehrgehörnten Dämonen erschienen.

Sie kamen nicht aus Rauch.

Sie kamen aus einem Fehler in der Welt.

Ein Riss, ein schwarzer Knick im Licht, dann Körper. Groß, schwer, mit mehreren Hörnern, die sich wie krumme Kronen aus Schädeln bogen. Einer hatte vier. Einer sieben. Einer neun. Ihre Haut war nicht einheitlich, sondern schien aus verschiedenen Dunkelheiten zusammengesetzt. Sie öffneten Mäuler, und aus diesen Mäulern krochen kleinere Wesen, dünn, schnell, klauenbewehrt, als gebäre die Schlacht selbst ihre nächste Stufe.

Sie rannten unverzüglich gegen die Feste.

Nur um zu sehen, dass der Mann auf der Mauer eine Kraft besaß, die lange nicht mehr auf der Welt zu sehen gewesen war.

Anadar stand zwischen Feuer und Rauch.

Er wirkte nicht groß.

Nicht wie Hokn`f, der unten im Feld immer weiter anwuchs in seinem Sturm. Nicht wie ein Heerführer. Nicht wie ein Fürst. Er stand schmal auf dem Stein, die Kleidung von Sahretûn noch an ihm, das Gesicht bleich, die Augen wach, und um ihn herum war nichts von der gewohnten Sprache der Magier. Keine Formeln. Keine Zeichen. Keine laute Geste.

Er sah.

Er verstand.

Er stieß zurück.

Ein mehrgehörnter Dämon erreichte die Mauer, rammte beide Arme in den Stein und zog sich hoch. Anadar hob die Hand, und die Luft um das Wesen zog sich zusammen. Es wurde nicht fortgeschleudert wie die kleineren zuvor. Es war zu schwer, zu tief gebunden, zu sehr gegen die Welt gepresst. Aber es stockte. Für einen Herzschlag. Dann für einen zweiten.

Das genügte Slonda.

Das genügte Miene.

Das genügte Sindra.

Licht traf den Dämon. Geisterklingen schnitten in die Bindung. Feuer stieg aus der Mauer und umschloss ihn. Anadar drückte, Slonda löste, Shara war nicht mehr da, und dennoch hielt der Bann.

Das Wesen wurde zurückgerissen.

Nicht vernichtet.

Gebannt.

Doch hinter ihm kamen drei weitere.

Unten im Feld trank Hokn`f mehr als einen Mondtropfen.

Fontal sah es aus der Entfernung.

From sah es ebenfalls.

Hokn`f hielt die Phiole nicht mehr wie ein Heilmittel, nicht wie eine Reserve, nicht wie etwas, das man mit Vorsicht gebrauchte. Er trank, als nehme er endlich zu sich, was ihm immer zugestanden hatte. Einen Tropfen. Dann einen zweiten. Vielleicht mehr. Niemand in seiner Nähe wagte, ihn aufzuhalten.

Der Sturm um ihn wuchs.

Sand, Asche, Staub, Knochensplitter, Funken und rote Glut wurden in die Höhe gerissen. Die Luft bog sich um ihn. Magier wichen zurück. Tote wurden von den Füßen gehoben und doch weiter nach vorne gezogen. Hokn`f stand im Zentrum der Gewalt, und für einen Augenblick sah er beinahe nicht mehr aus wie ein Mensch, sondern wie der Wille eines Sturms, der gelernt hatte, sich selbst für gerecht zu halten.

Die stille Armee rannte an.

Nicht mehr in Wellen.

In einem einzigen dunklen Druck.

Alles würde heute entschieden werden.

Die Verteidiger bereiteten sich vor.

Auf den Mauern wurden letzte Befehle gerufen. Manador stand mit erhobener Hand, Sinadie neben ihm, das Haar vom Wind gelöst, die Augen hart. Slonda keuchte, aber er blieb aufrecht. Mutter war verschwunden. Oder vielleicht nicht verschwunden. Bei Mutter wusste man nie, ob Abwesenheit nicht nur eine andere Form von Vorbereitung war. Zars und die Sondra verteilten sich in den inneren Wegen. Die Zwerge schlossen die unteren Zugänge. Die Dunkelelfen bewegten sich dorthin, wo Schatten am längsten hielten.

 

Und Shara ging.

Sie wurde immer wieder von den Wehen gezwungen, stehenzubleiben.

Die Schmerzen kamen öfter.

Härter.

Sie rissen durch ihren Körper, als wolle die Welt sie in zwei Richtungen zugleich ziehen. Eine Hand lag an der Wand, die andere auf ihrem Bauch. Sie atmete durch die Zähne. Manchmal blieb sie stehen, gebeugt, die Stirn gegen den Stein, und wartete, bis der Krampf nachließ. Dann ging sie weiter.

Im Gehen zog sie die Rüstung aus.

Erst die Armschienen.

Dann den Brustschutz, dessen Schnallen sich mit zitternden Händen kaum lösen ließen.

Ein Stück nach dem anderen ließ sie zurück, nicht achtlos, aber ohne Zögern. Metall, Leder, Schutz, Rang, Krieg. Am Ende trug sie beinahe nur noch den weißen Unterrock, verschmutzt von Staub, Schweiß und Blut, und darüber einen losen Mantel, den sie kaum noch geschlossen hielt.

Sie verließ die Feurige Feste durch einen Tunnel, der zur Landzunge führte.

Der Gang war alt.

Älter als viele Mauern oben.

Feucht vom Meer, dunkel, nach Salz und Stein riechend. Hinter ihr bebte die Feste unter den Angriffen. Staub rieselte von der Decke. Einmal erschütterte ein Einschlag den Tunnel so stark, dass Shara gegen die Wand fiel und dort blieb, weil eine neue Wehe sie niederzwang.

Sie presste eine Hand auf den Bauch.

„Nicht jetzt“, flüsterte sie.

Der Schmerz antwortete nicht.

Er kam.

Er blieb.

Er ging.

Shara atmete.

Dann ging auch sie weiter.

Am Ende des Tunnels trat sie auf die Landzunge hinaus.

Das Meer lag auf beiden Seiten. Grau, wild, windgetrieben. Die Feurige Feste ragte hinter ihr auf, ein dunkles Herz aus Stein und Feuer, und vor ihr erstreckte sich das schmalere Land bis zu den Felsen am Rand. Der Schlachtenlärm war hier zugleich ferner und gewaltiger. Gedämpft durch die Mauern, getragen vom Wind, gebrochen vom Meer. Sie hörte Schreie, Feuer, Stein, das Brüllen von Dämonen, das tiefe Dröhnen von Hokn`fs Sturm.

Sie sah riesige Dämonenköpfe über den Mauern auftauchen.

Sie sah Licht einschlagen.

Sie sah Feuerlinien.

Sie wusste, dass Anadar dort oben stand.

Nicht nur er.

Alle standen dort.

Alle hielten.

Und sie hatte nur wenig Zeit.

Shara lief in die Mitte der Landzunge.

Dort, wo der Boden flacher wurde und der schwarze Stein unter einer dünnen Schicht aus Sand und salzigem Staub lag, sank sie auf die Knie und begann, Kreise zu malen.

Nicht schön.

Nicht wie eine Beschwörerin aus Sahretûn.

Nicht mit der kalten Genauigkeit Marabars.

Ihre Hände waren zu müde dafür, ihr Körper zu sehr im Aufruhr, ihr Atem zu ungleichmäßig. Aber sie kannte die Form. Sie hatte sie gesehen. Nicht gelernt im üblichen Sinn. Erinnert. In der Halle der Erinnerung. In Bildern, die nicht nur Vergangenheit gewesen waren. In Linien, die für genau diesen Augenblick dort gelegen hatten, verborgen zwischen Fall, Flucht und Gleichgewicht.

Sie malte.

Ein äußerer Kreis.

Ein zweiter.

Zwölf Punkte.

Dann der dreizehnte, nicht außen, sondern in der Linie selbst.

Sie hielt inne.

Ja.

Das passte.

Eine Wehe kam.

Sie krümmte sich, beide Hände auf dem Stein, die Stirn fast am Boden. Ihr Atem wurde rau. Für einige Augenblicke konnte sie nicht sehen, nicht denken, nicht zählen. Nur Schmerz. Druck. Körper. Das Kind, das kam, ob Krieg war oder nicht.

Als der Krampf nachließ, hörte sie ein Geräusch.

Nicht vom Meer.

Nicht von der Feste.

Sie hob den Kopf.

Aus einem seitlichen Zugang der Landzunge kamen Tote.

Nicht viele.

Ein kleiner Trupp.

Still.

Bewaffnet.

Überlegen genug.

Vielleicht waren sie durch einen verborgenen Weg gekommen. Vielleicht hatte Hokn`f sie ausgesandt, um jede Fluchtlinie zu prüfen. Vielleicht war es Zufall. In dieser Schlacht gab es keinen Unterschied mehr.

Shara hatte keine Waffe.

Keine Rüstung.

Nur das Messer für die Beschwörung.

Und in diesem Augenblick kam die nächste Wehe.

Sie konnte nicht aufstehen.

Die Toten kamen näher.

Einer hob das Schwert.

Shara schluckte.

Der Kopf des Untoten flog davon.

Nicht durch Feuer.

Nicht durch Magie.

Durch eine Klinge.

Ein Kaula stand hinter ihm.

Groß, schwer, lautlos, als hätte der Fels ihn selbst ausgespuckt. Dann ein zweiter. Ein dritter. Weitere. Sie kamen auf die Landzunge, nicht in Hast, nicht mit Schlachtrufen, sondern in jener tödlichen Stille, die Shara bereits kannte. Ihre Waffen waren in Bewegung, bevor die Toten begriffen, dass sie angegriffen wurden. Knochen brachen. Arme fielen. Schädel wurden zerschlagen. Ein Untoter drehte sich zu Shara, wurde von zwei Seiten zugleich getroffen und sank in Stücken zu Boden.

Die Kaula sahen Shara nicht lange an.

Einer neigte nur den Kopf.

Dann schlichen sie weiter.

Leise.

Tödlich.

Auf der Suche nach weiteren Gegnern.

Auch sie waren hier, um zu kämpfen.

Auch sie waren hier, um zu sterben, wenn sie sich nicht beeilte.

Shara sah wieder auf den Kreis vor ihren Füßen.

Eine Linie war verwischt.

Sie erneuerte sie.

Ihre Hände zitterten.

Sie begann die Beschwörung.

Nicht mit der Stimme Sahretûns.

Nicht mit deren Anspruch.

Nicht mit deren Hunger nach Besitz.

Sie rief nicht, um zu beherrschen.

Sie rief, um ein Gleichgewicht zu erzwingen, das niemand mehr freiwillig herstellen würde.

Sie wusste, dass sie alles auf eine Karte setzte.

Sie dachte an die Halle der Erinnerung.

An die Bilder.

An die Mondtropfen.

An Zars.

An die Pyramide.

An die Worte, die sie nicht verstanden hatte, bis der Boden unter ihr nachgab und der Himmel sie trug.

Gleichgewicht.

Sie erinnerte sich an den Namen, den sie brauchte.

Der höchste Dämon.

Der dreizehngehörnte.

Nicht der stärkste im einfachen Sinn.

Nicht der lauteste.

Nicht der grausamste.

Der höchste.

Der, der nicht einfach gerufen wurde.

Der anerkennen musste.

Shara stand auf.

Für einen Moment gelang es ihr.

Sie hob die Hände über den Kreis.

Das Meer wurde stiller.

Oder sie hörte es nicht mehr.

Die Schlacht entfernte sich.

Oder sie sank tiefer.

Der Name kam über ihre Lippen.

Nicht laut.

Aber vollständig.

Die Luft über dem Kreis verdunkelte sich.

Der Stein unter ihren Füßen wurde warm.

Dann heiß.

Eine neue Wehe riss sie nieder.

Sie schrie.

Nicht wie eine Kriegerin.

Nicht wie eine Magierin.

Wie eine Frau, deren Körper gerade entschied, dass kein Krieg der Welt wichtiger war als Geburt.

Sie brauchte Blut, um die Beschwörung zu beenden.

Sie griff nach dem Messer.

Sie wollte gerade ihre Hand öffnen, als sie merkte, dass sie bereits blutete.

Nicht aus der Hand.

Der Kreis nahm an, was die Welt ihm gab.

Ein neuer Krampf kam.

Stärker.

Tiefe Gewalt. Druck. Öffnung. Schmerz, der nicht Feind war und doch alles von ihr verlangte. Shara konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Sie sank zurück, presste, keuchte, fluchte, betete nicht, rief keinen Namen, sondern klammerte sich an den Rand des Kreises, als könne sie die Welt daran hindern, vollständig auseinanderzufallen.

Es ging schneller, als sie erwartet hatte.

Vielleicht weil es Zeit war.

Vielleicht weil die Beschwörung den Augenblick geöffnet hatte.

Vielleicht weil dieses Kind schon die ganze Zeit auf genau diese Schwelle gewartet hatte.

Ihre Tochter kam zur Welt inmitten eines Beschwörungskreises.

Shara war schwach.

Schweißgebadet.

Zitternd.

Die Schlacht war irgendwo verschwunden. Sie hörte nichts mehr. Nicht die Mauern. Nicht das Meer. Nicht die Kaula. Nicht die Dämonen. Nur ihren eigenen Atem, hart und gebrochen, und einen kurzen, furchtbaren Moment lang kein Schreien.

Sie nahm das Kind an sich.

Klein.

Warm.

Glitschig.

Lebendig.

„Nein“, flüsterte Shara. „Nein, nein, nein.“

Sie gab ihr den Klaps.

Einmal.

Dann noch einmal.

Der Schrei kam.

Dünn.

Wütend.

Wunderbar.

Shara lachte und weinte zugleich, ohne zu wissen, ob beides wirklich geschah. Mit dem Messer, das sie für die Beschwörung mitgebracht hatte, durchschnitt sie die Nabelschnur. Ihre Hände waren ungeschickt. Sie zitterten. Sie hielt ihre Tochter an sich, drückte sie gegen die Brust, gegen ihr Herz, gegen den einzigen Ort, der in diesem Moment noch Sinn ergab.

Sie wusste nicht, wie lange es gedauert hatte.

Vielleicht Augenblicke.

Vielleicht eine Ewigkeit.

Alles war still um sie herum.

Dann hörte sie ihre Tochter schreien.

Und erst danach hob sie den Blick.

Am Rand des Beschwörungskreises stand er.

Er sah beinahe menschlich aus.

Das war das Schrecklichste an ihm.

Nicht seine Größe. Nicht die Dunkelheit um ihn. Nicht die zwölf Hörner, die sichtbar aus seinem Kopf ragten wie eine Krone aus Nacht und altem Schmerz. Das dreizehnte Horn sah man nicht wie die anderen. Es war kein Horn aus Knochen oder Schatten. Es war ein leerer Punkt über seiner Stirn, eine Abwesenheit, die schwerer wog als alles Sichtbare.

Sein Gesicht war menschlich.

Schön beinahe.

Traurig vielleicht.

Oder so alt, dass Trauer und Geduld dasselbe geworden waren.

Er blickte Shara direkt an.

Nicht auf das Blut.

Nicht auf den Kreis.

Nicht zuerst auf das Kind.

Auf sie.

Dann kniete er nieder.

Ein Knie im Kreis.

Der höchste Dämon senkte das Haupt vor einer Frau im blutigen weißen Unterrock, die ihr neugeborenes Kind an die Brust gedrückt hielt, während hinter ihr die Feurige Feste brannte und die Welt an ihrer letzten Mauer stand.

Seine Stimme war leise.

Und dennoch hörte sie sie überall.

„Königin von Sahretûn, Shara“, sagte er. „Was ist Euer Begehr?“

 

15

Was dann geschah, hatte niemand erwartet.

Nicht die Verteidiger.

Nicht die Angreifer.

Nicht Hokn`f.

Nicht Marabar.

Nicht einmal Mutter.

Anadar stand auf den Zinnen der Feurigen Feste, die Hände erhoben, den Atem flach, den Blick auf die Dämonen gerichtet, die sich erneut gegen die Mauern warfen. Er stieß sie zurück. Nicht alle zugleich, nicht ohne Anstrengung, aber mit einer Kraft, die den Rhythmus der Schlacht verändert hatte. Wo zuvor ein großer Dämon an der Mauer genug gewesen war, um ein ganzes Verteidigerstück in Panik zu bringen, brauchte es nun mehr. Viel mehr.

Anadar hielt sie.

Slonda bannte.

Miene und Sindra hielten Lichtlinien offen, obwohl ihre Körper kaum noch gehorchten. Sinadie stand hinter ihnen, eine Hand auf der Schulter einer Schülerin, die zu zittern begonnen hatte. Manador rief Befehle. Feuer lief über die Mauer. Die Zwerge schlugen auf Hände und Klauen ein, die über die Brustwehr kamen. Sondra warfen sich zwischen Licht und Rauch, erschienen, töteten, verschwanden wieder.

Noch war alles Kampf.

Dann stockte der erste Dämon.

Nicht weil Anadar ihn traf.

Nicht weil Slonda seinen Bann schloss.

Er stockte einfach.

Ein mehrgehörntes Wesen, das eben noch beide Klauen in den Stein der Mauer geschlagen hatte, hob den Kopf. Sein Maul öffnete sich. Kein Brüllen kam heraus. Der Körper zitterte, als hätte jemand eine Saite in ihm zerschnitten. Die Hörner auf seinem Schädel flackerten in der Luft, nicht wie Feuer, sondern wie ein Bild, das seinen Halt verlor.

Slonda senkte die Hand.

Anadar sah ihn an.

Slonda sah zurück.

Der Dämon löste sich auf.

Nicht mit einem Schrei.

Nicht mit einem letzten Schlag.

Er fiel nicht. Er wurde nicht zurückgerissen. Er zerfiel in schwarzen Staub, der für einen Augenblick auf der Mauer lag und dann vom Wind fortgetragen wurde.

Ein zweiter Dämon, weiter unten am Fuß des Walls, wandte sich plötzlich um.

Die Beschwörer schrien.

Fontal hörte ihre Stimmen durch die beginnende Stille hindurch. Schrill. Zornig. Ungläubig. Einer hielt beide Arme in einen Kreis, als könne er die Bindung mit den Händen festhalten. Ein anderer wiederholte denselben Befehl immer wieder, schneller, verzweifelter, als sei die Sprache selbst schuld daran, dass nichts mehr gehorchte.

Der Dämon lief ein paar Schritte auf die Beschwörer zu.

Nicht schnell.

Nicht angreifend.

Nur frei genug, um nicht mehr in die Richtung zu gehen, in die man ihn gezwungen hatte.

Dann löste auch er sich auf.

Ein dritter brach mitten im Lauf zusammen. Ein vierter stand aufrecht, sah zum Meer, als erkenne er dort etwas, das niemand sonst sehen konnte, und verschwand. Die kleineren Wesen, die aus den Mäulern der großen Dämonen gekrochen waren, schrien plötzlich nicht mehr. Einige zerfielen. Andere gruben Klauen in den Boden, als wollten sie bleiben, durften aber nicht. Dann waren auch sie fort.

Die Schlacht kam ins Stocken.

Nicht sofort vollständig.

Ein Pfeil flog noch.

Ein Toter stürzte noch gegen ein Tor.

Ein Feuermagier schleuderte eine Flamme auf etwas, das schon nicht mehr da war.

Dann breitete sich Stille aus.

Schlagartig.

Unnatürlich.

So still, dass man den Wind hörte.

So still, dass man das Meer hörte.

So still, dass man beinahe die verzweifelten Rufe der Beschwörer verstand, die immer neue Namen sprachen, neue Kreise öffneten, neues Blut auf den Boden warfen und doch nichts mehr erreichten.

Nichts kam.

Kein Riss.

Kein Schatten.

Kein Horn.

Kein Dämon.

Marabar stand reglos inmitten seiner Kreise.

Sein Gesicht war nicht mehr höflich.

Gochad hob langsam den Kopf.

Zum ersten Mal wirkte er nicht erschüttert, aber aufmerksam auf eine Weise, die selbst seine eigenen Leute beunruhigte. Er sah nicht zu den Mauern. Nicht zu Anadar. Nicht zu Hokn`f. Sein Blick ging weiter. Über die Feste hinweg. Zur Landzunge.

Mutter stand auf der Mauer und sah dasselbe nicht mit den Augen, sondern mit etwas Tieferem.

Ihr Gesicht wurde blass.

„Shara“, flüsterte sie.

Anadar hörte den Namen.

Er wollte sich umdrehen.

Da bewegte sich unten das Heer.

Hokn`f.

Der Meister der Winde schwoll zu seiner ganzen Größe an. Nicht im Fleisch. Nicht in Knochen. Aber der Sturm um ihn wurde gewaltig, wuchs über ihn hinaus, riss Staub, Asche, zerbrochene Waffen und schwarze Erde in die Höhe. Die Dämonen mochten schweigen. Die Beschwörer mochten versagen. Die Toten standen noch. Seine stille Armee stand noch. Und er selbst stand noch.

Hokn`f hob beide Arme.

„Vorwärts!“

Die stille Armee rauschte an.

Oder sie wollte es.

Der erste Schritt kam.

Dann der zweite.

Dann erklang eine Flöte.

Leise.

Sehr leise.

Und doch hörte man sie über das ganze Feld.

Eine kleine Melodie, kaum mehr als ein Faden aus Klang, der sich durch die Stille zog. Kein Marsch. Kein Signal. Keine Kriegsmusik. Etwas viel Komplizierteres. Eine Folge von Tönen, die sich umeinanderlegten, wieder lösten, zurückkehrten, als habe jemand den Atem eines Vogels, das Rauschen von Gras und das Lachen eines Kindes in eine einzige Melodie gezwungen.

Die stille Armee stockte.

Hokn`f riss den Kopf herum.

Die Toten blieben stehen.

Nicht alle auf dieselbe Weise. Einige erstarrten mitten im Schritt. Andere senkten die Waffen. Wieder andere drehten langsam die Köpfe, als lauschten sie etwas, das tiefer ging als Hokn`fs Befehl. Die große Masse, die eben noch gegen die Mauern gedrängt hatte, stand plötzlich da wie ein Heer, das vergessen hatte, warum es tot war.

Die Flöte spielte weiter.

Auf einer freien Stelle mitten im Schlachtfeld saß Morgut.

Niemand wusste, wie er dorthin gekommen war.

Vielleicht hatte der Rabe den Weg gekannt.

Vielleicht hatte Morgut Wege gefunden, die niemand sah, weil niemand erwartete, dass ein Junge mitten durch eine Armee aus Toten gehen konnte, wenn er nur die richtige Melodie spielte. Er saß auf einem flachen Stein, die Beine angewinkelt, die Flöte an den Lippen, den Blick halb gesenkt, als spiele er nicht für Hokn`f, nicht für die Feste, nicht für die Welt, sondern für die Toten selbst.

Seine Finger bewegten sich schnell.

Sicher.

Spöttisch fast.

Fontal stand nur wenige Dutzend Schritte entfernt.

Sie hatte den Raben gesehen.

Sie hatte auf ein Zeichen gewartet.

Sie hatte gehofft, ohne zu wissen, worauf.

Jetzt wusste sie es.

Morgut hatte die stille Armee.

Nicht gestört.

Nicht abgelenkt.

Nicht verwirrt.

Er hatte sie.

Vollständig.

Hokn`f begriff es ebenfalls.

Sein Gesicht verzerrte sich.

Zorn.

Unglaube.

Demütigung.

Der Sturm um ihn begann zu schwanken. Nicht weil ihm Kraft fehlte, sondern weil seine Ordnung brach. Dämonen fort. Beschwörer nutzlos. Stille Armee entzogen. Und dort, mitten im Feld, saß ein Junge und spielte Flöte.

Hokn`f konnte den Wirbel nicht mehr halten.

Der Sturm fiel in sich zusammen.

Nicht auf einmal, sondern in schweren, hässlichen Stößen. Staub sank. Asche regnete. Knochenstücke fielen klappernd auf den Boden. Hokn`f stand im abklingenden Wind, größer wirkend als ein Mensch und zugleich kleiner als je zuvor. Kein Heerführer mehr. Kein Meister der Ordnung. Nur ein Mann, dem ein Kind die Toten genommen hatte.

Er ging los.

Nicht rennend.

Nicht zaubernd.

Schritt für Schritt.

Wutentbrannt.

Auf Morgut zu.

Morgut spielte weiter.

Eine einzelne Note bog sich nach oben.

Fontal bewegte sich.

Jetzt.

Das war der Augenblick, auf den sie gewartet hatte, ohne zu wissen, dass sie genau auf ihn gewartet hatte. Kein Befehl. Kein Plan. Keine sichere Flucht. Kein Schutz für ihre Leute. Kein großer Seitenwechsel mit erhobenen Bannern. Nur ein Rücken. Hokn`fs Rücken. Sein Sturm fort. Seine Aufmerksamkeit vollständig auf Morgut gerichtet. Seine Macht in Trümmern, aber noch gefährlich genug, um alles zu töten, was vor ihm stand.

Fontal war näher als die anderen.

Näher, als Hokn`f wusste.

Sie zog das Messer.

Nicht ihre Geisterklinge.

Keinen großen Zauber.

Ein Messer.

Klein.

Dunkel.

Fest in ihrer Hand.

Für einen Herzschlag dachte sie an alles, was sie hierher geführt hatte. An die Konklave. An Anadar, der die Wahrheit gezeigt hatte. An die Halle der Erinnerung. An die Sondra, die nicht gefangen genommen werden konnten, weil sie lieber starben. An From. An ihre Magier. An die Kinder, die sie vielleicht nicht retten konnte. An die falsche Seite, auf der sie zu lange gestanden hatte.

Dann stieß sie zu.

Von hinten.

Hart.

Unter den Schädelrand.

Ins Gehirn.

Hokn`f blieb stehen.

Sein Körper verstand es vor seinem Geist.

Die Hand hob sich, als wolle er nach dem Messer greifen, doch sie fand nur Luft. Sein Mund öffnete sich. Kein Befehl kam heraus. Kein Sturm. Kein letztes großes Wort.

Nur ein leiser, nasser Atemzug.

Dann brach er zusammen.

In diesem Moment brach auch die stille Armee.

Nicht durch Feuer.

Nicht durch Licht.

Nicht durch Bann.

Durch das Ende dessen, der sie gebunden hatte.

Körper fielen. Reihen sackten in sich zusammen. Knochen lösten sich. Frische Leiber stürzten wie Puppen ohne Fäden zu Boden. Waffen glitten aus toten Händen. Über das ganze Feld hinweg fiel ein Heer in die Erde zurück, aus der es nie hätte gehoben werden dürfen.

Morgut spielte die Melodie zu Ende.

Nicht feierlich.

Nicht traurig.

Er setzte eine letzte Note.

Hell.

Kurz.

Unverschämt spöttisch.

Dann nahm er die Flöte von den Lippen und sah zu Hokn`fs Leichnam hinüber.

Auf der Mauer stand Anadar reglos.

Slonda neben ihm.

Manador senkte langsam die Hand.

Sinadie schloss die Augen.

Mutter atmete aus, als habe sie seit langer Zeit den Atem gehalten.

Fontal stand über Hokn`f, das Messer noch in der Hand, Blut auf den Fingern, und wartete auf das Entsetzen, die Schuld, den Zusammenbruch.

Nichts davon kam.

Noch nicht.

Sie spürte nur, dass sie endlich nicht mehr auf der falschen Seite stand.

Dann hob sie den Blick zur Feurigen Feste.

Und weit hinter der Mauer, auf der Landzunge, schrie ein neugeborenes Kind in eine Welt, die für einen einzigen Atemzug still geworden war.

 

Epilog

 

Anadar blickte hinaus ins Tal.

Vor ihm, auf der Wiese, spielte seine Tochter.

Maraá.

So hatten Shara und er sie genannt.

Das Kind lief barfuß durch hohes Gras, lachte über etwas, das Anadar nicht sehen konnte, und streckte die Hände nach den kleinen Lichtern aus, die zwischen den Blumen tanzten. Keine Glühwürmchen. Keine Funken. Feen. Echte, winzige Feen, kaum größer als Blütenblätter, die sich von Kelch zu Kelch bewegten und die Blumen bestäubten, als sei dies die selbstverständlichste Arbeit der Welt.

Vielleicht war sie das inzwischen wieder.

Die Magie kehrte zurück.

Nicht überall gleich. Nicht laut. Nicht in einem einzigen großen Wunder, das jeder hätte benennen können. Sie sickerte in die Welt wie Wasser in trockene Erde. In manche Täler stärker als in andere. In alte Wälder. In vergessene Quellen. In Orte, an denen geliebt, gekämpft, geopfert und geboren worden war.

Und vor allem hier.

In diesem Tal.

Als würde es die Magie anziehen.

Oder als würden sie es tun.

Anadar.

Shara.

Maraá.

Nicht weit von ihrem Haus entfernt stand ein runder Kuppelbau aus hellem Stein, halb von Wein und blühenden Ranken überwachsen. Dort wohnte Mutter. Weiter hinten, auf einem niedrigen Hügel, erhob sich ein schmaler Turm, in dessen oberen Fenstern abends oft noch Licht brannte. Dort hatte Gnok es sich gemütlich gemacht.

Mutter und Gnok sagten, sie seien zu alt, um zusammenzuwohnen.

Niemand glaubte ihnen.

Shara und Anadar hatten sich ein Haus gebaut.

Nicht groß. Nicht prachtvoll. Kein Turm, keine Halle, kein Denkmal. Ein Haus mit breiten Fenstern, mit einer Bank vor der Tür, mit Kräutern am Weg und einem Dach, auf dem im Sommer kleine weiße Blüten wuchsen. Shara hatte darauf bestanden, dass es keine Festung wurde. Anadar hatte nicht widersprochen.

Seit der großen Schlacht waren einige Jahre vergangen.

Die Welt hatte sich beruhigt.

Nicht geheilt.

Noch nicht vollständig.

Aber beruhigt.

Andere lenkten nun die Geschicke der Schulen, der Städte und der Reiche. Andere stritten in Konklaven, schrieben Gesetze, erneuerten Bündnisse, heilten alte Wunden oder rissen neue auf. Manador, Sinadie, Slonda, Fontal, Zars, Klaast, Isidre, Morgut und viele andere trugen ihren Teil daran.

Anadar hörte davon.

Manchmal.

Er mischte sich seltener ein, als viele gehofft und manche gefürchtet hatten.

Shara trat neben ihn, legte eine Hand auf seine Schulter und sah hinaus zu ihrer Tochter, die gerade einer Fee nachlief und dabei beinahe über den eigenen Schatten stolperte.

„Sie wird Ärger machen“, sagte Shara.

Anadar lächelte.

„Das hat sie von dir.“

„Von mir?“

„Ganz sicher.“

Shara sah ihn von der Seite an.

„Du hast dich einmal aus Sahretûn auf eine belagerte Mauer gezaubert.“

„Das war notwendig.“

„Natürlich.“

„Und du sprangst Hochschwanger aus einem Turm, 500 Meter in die Tiefe“

Maraá blieb plötzlich stehen.

Sie drehte den Kopf, als hätte sie etwas gehört, das niemand sonst hören konnte. Dann hob sie die Hand. Die Feen um sie herum hielten inne. Für einen winzigen Augenblick wurde das Tal sehr still.

Anadar richtete sich auf.

Shara ebenfalls.

Maraá lachte.

Dann liefen die Feen weiter, als sei nichts geschehen.

Anadar und Shara sahen einander an.

Lange.

Dann seufzte Shara.

„Ende?“

Anadar blickte wieder hinaus ins Tal.

Die Blumen leuchteten im Wind.

Irgendwo in der Ferne rief eine Stimme, die vielleicht nur Erinnerung war.

Er lächelte.

„Ich glaube es nicht.“

Nachwort: An alle die es bis hierhin gelesen haben, danke, euch 3. Wenn ihr Kommentare habt, dann schreibt sie hier drunter, ich werde sicherlich bald die Geschichte wieder offline nehmen, sobald ich anfange sie zu editieren und überarbeite. Jetzt weiß ich wie die Geschichte ausgeht und was ich wie am anfang schreiben muss um noch mehr zu verstecken.
Nachwort: An alle die es bis hierhin gelesen haben, danke, euch 3. Wenn ihr Kommentare habt, dann schreibt sie hier drunter, ich werde sicherlich bald die Geschichte wieder offline nehmen, sobald ich anfange sie zu editieren und überarbeite. Jetzt weiß ich wie die Geschichte ausgeht und was ich wie am anfang schreiben muss um noch mehr zu verstecken.

 
 
 

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