Anadar X/II
- R.

- 11. Juni
- 59 Min. Lesezeit

4
Und wieder träumte Anadar.
Wieder stand er an jenem Abgrund.
Keine Schlucht, wie die Welt sie kannte. Kein Riss in Fels, kein Rand eines Berges, kein Spalt zwischen zwei Ufern. Dieser Abgrund hatte keinen Boden, keine Wände, keine Tiefe, die sich messen ließ. Er war Dunkelheit, aber nicht nur Dunkelheit. Er war ein Ort, an dem Raum nur noch als Erinnerung bestand und jeder Schritt die Frage stellte, ob es überhaupt noch festen Grund gab.
Anadar stand an seinem Rand.
Wie jede Nacht.
Hinter ihm lag nichts.
Vor ihm lag nichts.
Und aus der Dunkelheit kam die Stimme.
„Wie wirst du dich entscheiden?“
Sie war leise.
Nicht drohend.
Nicht lockend.
Gerade deshalb war sie unerträglich.
Anadar blickte hinab. Er sah keine Bewegung, kein Licht, keine Gestalt. Nur Schwärze, die nicht wartete und doch alles zu erwarten schien. Er wusste, was nun kam, denn der Traum hatte sich schon viele Male wiederholt. Trotzdem spannte sich sein Körper an. Trotzdem war sein Herz schwer. Trotzdem fühlte sich jeder Atemzug an, als würde er bereits fallen.
„Wie wirst du dich entscheiden?“
Anadar trat über den Rand.
Und fiel nicht.
Wie immer.
Sein Fuß fand etwas, das nicht da war. Einen Grund ohne Stein, eine Fläche ohne Oberfläche. Er stand über dem Abgrund, nicht getragen von Magie, nicht von Wind, nicht von Feuer. Er stand einfach. Und wieder verstand er nicht, was das bedeuten sollte.
Die Dunkelheit um ihn herum wurde dichter.
Die Stimme kam näher.
Oder er entfernte sich von allem anderen.
„Wie wirst du dich entscheiden?“
„Worin besteht die Wahl?“ fragte Anadar.
Seine eigene Stimme klang im Traum fremd.
Keine Antwort.
Nur das Flüstern.
„Wie wirst du dich entscheiden?“
Dann erwachte er.
Er schreckte hoch, wie jede Nacht.
Sein Atem ging schnell. Seine Hände hatten sich in die Decke gekrallt, als hätte er versucht, sich an etwas festzuhalten, das im Traum nicht vorhanden gewesen war. Einen Augenblick lang wusste er nicht, wo er war. Nicht ganz. Das Bett unter ihm war zu weich für eine Zelle, der Raum zu still für ein Lager, die Wände zu schwarz für die Feurige Feste.
Dann kehrte Sahretûn zurück.
Stein.
Schatten.
Die schwache, rötliche Linie im Boden, die nie ganz verlosch.
Die Luft, die nicht abgestanden war und doch immer wirkte, als sei sie schon zu lange in dieser Stadt eingeschlossen gewesen.
Anadar setzte sich auf.
Wieder derselbe Traum.
Immer wieder derselbe Abgrund.
Seit er in Sahretûn war, kam er jede Nacht. Nicht immer gleich. Manchmal war die Stimme ferner. Manchmal stand er länger am Rand, bevor er den Schritt tat. Manchmal erwachte er, bevor sein Fuß den Grund fand. Aber die Frage blieb dieselbe.
Wie wirst du dich entscheiden?
Er verstand sie nicht.
Das war das Schlimmste.
Nicht, dass er entscheiden sollte. Daran war er gewöhnt. Zu oft hatte man ihn in Lagen gedrängt, in denen es keine guten Möglichkeiten gab. Zu oft hatte er zwischen falschen Wegen einen wählen müssen, nur weil Stillstand noch schlimmer gewesen wäre. Aber diesmal kannte er nicht einmal die Wahl.
Zwischen Flucht und Bleiben?
Zwischen Gnok und Shara?
Zwischen Macht und Ablehnung?
Zwischen Magier und Zauberer?
Oder zwischen etwas, das er noch gar nicht benennen konnte?
Er stand auf.
Der Raum, den man ihm gegeben hatte, war kein Kerker.
Das war beinahe beleidigend.
Ein Kerker hätte seine Lage ehrlicher gemacht. Ketten, Riegel, Wächter, Drohung. Aber Sahretûn hatte ihm nach der Sache mit Naaarstr die Fesseln genommen, die Tür geöffnet und die sichtbare Bewachung zurückgezogen. Kein Muurgha mehr in der Ecke. Kein Dämon, der jeden Atemzug mit vielen Augen maß. Kein Beschwörer vor der Tür, der vorgab, nur zufällig dort zu stehen.
Naaarstr war aus dem Schwert gelöst worden.
Nicht befreit.
Darin hatte Anadar sich nicht getäuscht.
Die Beschwörer hatten das Wesen aus der materiellen Bindung herausgeschnitten, Schicht um Schicht, mit einer Geduld, die ihm mehr Angst gemacht hatte als jeder offene Machtzauber. Einen Augenblick lang hatte er Naaarstr gespürt, nicht als Stimme, nicht als Schwert, sondern als hungrige Gegenwart im Raum. Wild. Zornig. Erregt von der Nähe jener, die nach Beschwörerblut rochen.
Dann hatten die Kreise gegriffen.
Naaarstr hatte geschrien.
Nicht mit Mund.
Mit allem.
Danach war er fort gewesen. Gebannt. Verschlossen. Weg aus dem Schwert, weg aus Anadars Geist, weg aus jener unheiligen Nähe, an die Anadar sich gegen seinen Willen beinahe gewöhnt hatte.
Seither war das Schwert nur noch ein Schwert.
Und Anadar war nicht mehr gefangen.
So sagten sie es nicht.
Sie mussten es nicht sagen.
Die Tür blieb offen. Er durfte gehen, wohin er wollte, soweit die Stadt es erlaubte. Er konnte durch Gänge wandern, in Höfe treten, in eine Bibliothek gehen, in der die Bücher nicht nach Alter rochen, sondern nach Staub, Haut und verschlossenem Feuer. Beschwörer begegneten ihm mit Respekt. Manche neigten leicht den Kopf. Manche nannten ihn Gast. Einmal hatte ein junger Mann ihn sogar „Meister Anadar“ genannt, als sei dieser Titel in Sahretûn noch von Bedeutung.
Doch sobald Anadar eine echte Frage stellte, schlossen sich die Gesichter.
Höflich.
Vollkommen.
Unüberwindlich.
„Wo ist Gnok?“
„Er wird versorgt.“
„Kann ich ihn sehen?“
„Zu gegebener Zeit.“
„Wer entscheidet diese Zeit?“
„Die Herren.“
„Welche Herren?“
„Die zuständigen.“
„Ist Marabar zurück?“
„Nein.“
„Wo ist er?“
„Außerhalb der Stadt.“
„Wo?“
Ein Schweigen.
Ein Lächeln.
Eine Verbeugung.
„Ihr werdet unterrichtet, sobald es für Euch von Bedeutung ist.“
Es war eine andere Art von Gefangenschaft.
Keine Mauer hielt ihn.
Nur Antworten.
Oder deren Fehlen.
Anadar zog sich an und verließ den Raum.
Der Gang draußen war leer. Das war er oft. Sahretûn konnte voller Menschen sein, und doch hatte man in manchen Korridoren das Gefühl, allein durch die Eingeweide eines Wesens zu gehen, das schlief und träumte. Die Wände waren glatt, schwarz, nicht spiegelnd, aber auch nicht stumpf. Wenn Anadar lange genug hinsah, glaubte er manchmal, Bewegungen unter der Oberfläche zu erkennen, als fließe dort etwas langsam durch Stein.
Er ging ohne Ziel.
Das tat er oft.
Bestimmte Wege waren offen. Andere nicht. Es gab keine sichtbaren Sperren, keine Türen mit Wachposten, keine Verbotsschilder. Aber manche Gänge endeten plötzlich in Wänden, die er am Vortag noch nicht bemerkt hatte. Manche Treppen führten nach unten und dann wieder auf denselben Gang zurück. Manche Türen öffneten sich auf Kammern, die leer waren, und wenn er später zurückkehrte, waren dort fremde Beschwörer bei Arbeit, die ihn höflich baten, einen anderen Weg zu nehmen.
Sahretûn ließ ihn gehen.
Aber nicht überallhin.
Auch das war eine Antwort.
Er kam in einen Hof, den er mochte, obwohl er nicht wusste warum. Über ihm lag kein Himmel. Oder kein richtiger. Eine graue Wölbung, sehr weit oben, durchzogen von langsamen, dunklen Strömen, die vielleicht Wolken waren, vielleicht etwas anderes. In der Mitte des Hofes stand ein Becken mit schwarzem Wasser. Keine Wellen. Kein Geruch. Anadar hatte einmal einen Stein hineingeworfen. Er hatte keinen Laut gehört.
Er verbrachte den Tag in der Bibliothek.
Sie war groß, aber nicht groß in der Weise der Bibliothek von Tandor. Tandor hatte atmen dürfen. Dort hatten Regale Wege gebildet, Tische Spuren von Händen getragen, Fenster Licht hereingelassen, Staub Geschichten gesammelt. Sahretûns Bibliothek war anders. Tiefer. Geordneter. Gefährlicher. Hier wirkten Bücher nicht wie Wissen, sondern wie Gefangene, die gelernt hatten, still zu sein.
Sahretûn log nicht plump.
Es kuratierte.
Das war schlimmer.
Er las dennoch.
Stundenlang.
Vielleicht länger. In Sahretûn traute er auch dem Tag nicht.
Er las von Menschen, die Magie nicht in Schulen geteilt hatten, sondern nach Beziehung. Nicht Feuer als Element. Nicht Erde als Technik. Nicht Geist als Kunst. Sondern Nähe, Wille, Bild, Name, Erinnerung, Austausch. Er las von frühen Zauberern, die nicht mehr beschrieben wurden wie Lehrer oder Krieger, sondern wie Knotenpunkte einer Welt, die noch nicht gelernt hatte, sich zu verschließen.
Er verstand wenig.
Und zu viel.
Immer wieder dachte er an Gnok.
An dessen Stimme.
Du musst zum Zauberer werden.
Dann dachte er an Shara.
Nicht bewusst zuerst.
Ihr Bild trat einfach zwischen die Zeilen.
Shara auf einer Mauer der Feurigen Feste. Shara mit Ruß im Gesicht und einem Blick, der jedes falsche Wort verbrannte, bevor es ausgesprochen wurde. Shara in der Wüste, obwohl er nicht wusste, wo sie gerade war. Shara mit seinem Kind unter dem Herzen.
Sein Kind.
Anadar schloss das Buch.
Der Raum blieb still.
Er war hier.
In Sahretûn.
Er las ihre Bücher, sprach mit ihren Meistern, ließ sich von ihren halben Wahrheiten umstellen. Er bewegte sich frei genug, um sich nicht wie ein Gefangener zu fühlen, und unfrei genug, um genau das zu sein. Draußen war Shara irgendwo in einem Krieg, den Hokn`f begonnen hatte. Die Feurige Feste war ohne ihn. Slonda war irgendwo dort draußen. Mutter lebte. Gnok lebte vielleicht nur, weil Anadar blieb.
Vielleicht.
Das war der Käfig.
Nicht die Stadt.
Nicht die Türen.
Gnok.
Wenn Anadar ging, würden sie Gnok töten.
Vielleicht sofort.
Vielleicht langsam.
Vielleicht schlimmer als töten.
Und wenn Anadar blieb, würden sie versuchen, ihn zu formen. Mit Büchern. Mit Respekt. Mit Wahrheit, die an den Rändern vergiftet war. Mit der Erinnerung an Gnoks Leben als Kette um seinen Hals.
Er stand auf.
Die Bibliothek war leer, soweit er sehen konnte.
„Ich bin also doch gefangen“, sagte er leise.
Niemand antwortete.
Vielleicht hörten sie es dennoch.
Anadar kehrte in seinen Raum zurück und schloss die Tür.
Er setzte sich auf das Bett.
Die moralische Falle war vollkommen.
Wenn er blieb, spielte er Sahretûns Spiel.
Wenn er ging, bezahlte Gnok.
Wenn er sich weigerte zu lernen, blieb er schwach.
Wenn er lernte, nutzten sie sein Lernen gegen ihn.
Wenn er vertraute, war er verloren.
Wenn er niemandem vertraute, wurde er wie sie.
Anadar legte den Kopf in die Hände.
Du musst zum Zauberer werden.
„Wie?“
Das Wort fiel in den Raum.
Leise.
Ehrlich.
Und dann setzte sich Anadar auf den Boden, er setzte sich in den Schneidersitz und verdrängte alle diese Gedanken, er begann zu meditieren und er begann sich in sich selber zurückzuführen, er suchte den Gedanken, er suchte den Funken.
5
Nach einiger Zeit wurde es einfacher.
Nicht leicht.
Nur einfacher.
Am Anfang hatte Shara jeden Atemzug, jede Bewegung, jedes Zittern der Flügel bewusst gespürt. Sie hatte die Hände viel zu fest um die Griffe geschlossen, die Schultern angespannt, den Rücken verkrampft, als könne sie allein durch Willen verhindern, dass der Wind sie verschlang. Jeder Stoß aus der Höhe hatte sie erschreckt. Jede Veränderung der Luft hatte sich angefühlt wie der Anfang eines Sturzes.
Doch je länger sie flog, desto mehr begriff sie, dass sie nicht gegen den Wind kämpfen durfte.
Das Prinzip war einfach.
Beinahe lächerlich einfach.
Zu einfach für etwas, das sie über Tod, Sand und Dämonen hinwegtrug.
Die Flügel wollten nicht gezwungen werden. Sie wollten gestellt werden. Ein wenig nach links, und der Körper folgte. Ein wenig mehr Fläche, und der Fall wurde langsamer. Die Hände hielten nicht fest, sie fragten. Der Wind antwortete. Nicht wie Magie. Nicht wie Feuer. Aber doch nicht völlig fremd. Er hatte Willen, ohne Wille zu sein. Er trug, wenn man ihn ließ. Er stieß, wenn man sich falsch stellte. Er bestrafte Starrheit und belohnte Nachgeben.
Zars flog vor ihr.
Weiß und schmal, mit weit ausgebreiteten Flügeln, sicher in jeder Bewegung. Sie schien nicht zu fliehen, sondern einer alten Straße zu folgen, die nur in der Luft lag. Um sie herum und hinter ihr glitten weitere Sondra durch den Himmel. Manche tiefer, manche höher, einige dicht beieinander, andere allein. Ihre Flügel fingen das Licht, kippten, senkten sich, stiegen wieder. In diesem Flug lag kein Triumph. Nur Überleben.
Shara hielt sich hinter Zars.
Es gab nur eine Richtung.
Nordwärts.
Hinter ihnen blieb die Pyramide zurück.
Zuerst war sie noch riesig gewesen, eine gewaltige Form im Sand, halb verschluckt von Staub und Rauch. Dann wurde sie kleiner. Die Linien verschwammen. Die Terrassen wurden Stufen aus Schatten. Der Rauch stieg noch immer auf, dunkel und schräg vom Wind zerrissen. Irgendwo dort unten kämpften vielleicht noch Sondra. Oder starben. Oder flohen durch Wege, die Shara nicht kannte.
Niemand folgte ihnen.
Keine Teppiche.
Keine Wirbel.
Keine Magier auf schwebenden Brettern.
Kein Dämon mit Flügeln.
Shara sah immer wieder zurück, zuerst aus Angst, dann aus Unglauben. Doch der Himmel hinter ihnen blieb frei. Die Angreifer hatten die Pyramide. Vielleicht genügte ihnen das. Vielleicht sahen sie die Flüchtenden nicht. Vielleicht glaubten sie, niemand könne weit genug kommen.
Vielleicht hatte Zars genau damit gerechnet.
Nach einer Weile wurde Ashambrat sichtbar.
Zunächst nur als dunkle Linie am Rand der Wüste, dann als Ansammlung von Türmen, Mauern und Strukturen, die Shara aus dieser Höhe fremder vorkamen als bei ihrer Ankunft. Die Windschule lag unter ihnen wie etwas, das einmal wichtig gewesen war und nun nur noch ein Punkt auf dem Weg. Dort hatte Hokn`f Macht gesammelt. Dort hatte Morgut gelitten. Dort hatte vieles begonnen, das nun nicht mehr aufzuhalten war.
Zars flog nicht dorthin.
Keine der Sondra tat es.
Shara ebenfalls nicht.
Ashambrat blieb unter ihnen zurück.
Der Wind trug sie weiter.
Sie waren noch hoch genug, dass viele Kilometer unter ihnen vergingen, ohne dass der Boden näher zu kommen schien. Die Wüste veränderte sich langsam. Das endlose Gelb und Braun brach auf. Zuerst waren es nur dunklere Flecken, dann flache Sträucher, schmale Linien von trockenem Grün, kleine Senken, in denen sich Leben hielt. Weiter nördlich wurde das Land unruhiger, weniger leer. Übergang. Nicht mehr ganz Wüste, noch nicht wirklich fruchtbares Land.
Erst da begann Shara sich zu fragen, wie man mit diesen Flügeln eigentlich landete.
Niemand hatte es ihr erklärt.
Zars hatte ihr gesagt, sie solle nicht zu viel an den Boden denken.
Das war leicht, solange der Boden weit entfernt war.
Nun wurde er größer.
Shara blickte auf die Flügel, auf die Griffe, auf die Gurte an ihrem Körper. Die Konstruktion war klug, vielleicht uralt, vielleicht oft erprobt. Aber nichts daran sagte ihr, wie man verhinderte, am Ende wie ein Stein in die Erde zu schlagen.
Sie trug Steinhaut.
Das beruhigte sie ein wenig.
Nicht genug.
Vor ihr senkte sich Zars.
Nicht plötzlich. Nicht steil. Sie änderte nur den Winkel der Flügel, und sofort veränderte sich ihr Flug. Die weiße Gestalt glitt tiefer, verlor Höhe, ohne schneller zu fallen. Shara beobachtete genau und tat es ihr nach.
Die Flügel stellten sich anders.
Der Wind griff anders hinein.
Sie sank.
Zu schnell.
Ihr Herz schlug hart.
Sie zog die Griffe leicht zurück, gab den Flächen mehr Widerstand, und der Sinkflug wurde flacher. Nun verstand sie. Nicht nach unten wollen. Vorwärts bleiben. Langsam Höhe verlieren. Den Boden nicht suchen, sondern ihn kommen lassen.
Zars war nun deutlich tiefer.
Shara hielt sie im Blick und ahmte jede Bewegung nach. Die anderen Sondra verteilten sich, als hätten sie unsichtbare Landeplätze im Kopf. Einige sanken zu einem langen, flachen Hang hinab, andere hielten auf eine breite Ebene mit niedrigem Gras und vereinzelten Steinen zu.
Die Landung war einfacher, als Shara gefürchtet hatte.
Und doch war sie nicht schön.
Zars richtete die Flügel im letzten Augenblick steil auf. Für einen Moment stand sie beinahe aufrecht in der Luft, der Stoff spannte sich, der Wind staute sich darin und bremste sie vollständig ab. Dann fiel sie die letzten Schritte zu Boden, federte ab, stolperte einmal und stand.
Shara tat es ihr nach.
Zu spät.
Die Flügel stellten sich auf, der Wind schlug hinein, ihr Körper wurde nach hinten gerissen, dann fiel sie. Nicht tief, aber hart genug, dass ihr die Luft aus der Brust wich. Sie landete auf den Füßen, knickte ein, kam auf ein Knie und eine Hand. Stein und trockenes Gras unter ihren Fingern. Staub im Mund. Die Flügel klappten hinter ihr halb zusammen und zogen noch einmal, als wollten sie sie rückwärts umwerfen.
Dann war es vorbei.
Sie lebte.
Nicht weit von Zars entfernt.
Shara blieb einen Augenblick kniend und atmete.
Dann begann sie zu lachen.
Nicht laut.
Nicht lange.
Aber sie lachte, weil sie geflogen war und nicht gestorben war. Weil der Boden wieder unter ihr war. Weil ihr Körper zitterte und dennoch gehorchte. Weil etwas in ihr, trotz allem, trotz Pyramide, Tod und Rauch, sich an diesen Flug erinnern wollte.
Um sie herum landeten weitere Sondra.
Einige geschmeidig. Andere schwerer. Eine stürzte, rollte sich ab und stand sofort wieder. Zwei halfen einer dritten, deren Flügelgestänge beschädigt war. Niemand schrie. Niemand brach zusammen. Aber als klar wurde, dass ihnen niemand folgte, veränderte sich etwas.
Die Spannung wich nicht.
Sie bekam nur Risse.
Eine Sondra legte beide Hände auf das Gesicht einer anderen und zog sie an sich. Zwei umarmten sich schweigend, die Stirnen aneinandergelegt. Weiter hinten sank jemand auf die Knie, nicht aus Verletzung, sondern weil die Kraft für einen Augenblick nicht mehr reichte. Einige blickten zurück nach Süden. Keiner sagte, was sie dort sahen.
Shara stand langsam auf.
Sie kam sich fremd vor.
Nicht unerwünscht.
Nur fremd.
Die Sondra teilten etwas, das sie nicht teilte. Tage und Wochen der Verteidigung. Eine Pyramide, die nicht nur Stein gewesen war. Gefährten, die zurückgeblieben waren. Wege, von denen sie nicht wusste, ob sie offen oder verschüttet waren. Ein Volk, das gelernt hatte, leise zu überleben.
Sie löste die Gurte der Flügel nicht sofort.
Ihre Hände wanderten zu ihrem Bauch.
Der kleine Gast darin war wach.
Sehr wach.
Er trat kräftig, als wolle er sich beschweren oder mitteilen, dass er den Flug keineswegs verschlafen hatte. Shara sah hinab. Ihr Bauch war inzwischen nicht mehr zu übersehen. Was lange noch unter Kleidung, Haltung und Bewegung verborgen gewesen war, trat nun deutlich hervor. Eine Rundung, die in einer Welt aus Krieg und alten Mächten fast trotzig wirkte.
„Du fandest das also auch aufregend“, murmelte sie.
Der nächste Tritt war Antwort genug.
Zars kam zu ihr.
Sie hatte ihre Flügel bereits abgelegt. Weißer Stoff hing an einer Schulter, Staub lag auf ihrem Gesicht, und an ihrer Rüstung klebte Blut. Nicht viel. Genug, um daran zu erinnern, dass sie nicht aus einem Traum gefallen waren.
„Meine Liebe“, sagte sie, „wir müssen weiter.“
Shara blickte nach Süden.
„Jetzt?“
„Ja.“
„Sie folgen uns nicht.“
„Noch nicht.“
Shara hasste dieses Wort weiterhin.
Zars lächelte, als habe sie den Gedanken gehört.
„Außerdem haben wir etwas für Euch.“
Eine andere Sondra führte ein Pferd heran.
Es war kleiner als die Pferde der Magier, sehniger, mit dunklem Fell und klugen Augen. Auf dem Rücken lag ein einfacher Sattel, nicht schön, aber praktisch. Die Zügel waren geflickt, die Decke darunter staubig. Es war kein Tier für höfische Wege. Es war eines, das lange Strecken kannte.
Shara sah das Pferd an.
Dann Zars.
„Ihr habt mir ein Pferd mitgebracht?“
„Nein“, sagte Zars. „Wir haben eines für Euch bewahrt.“
„Warum?“
„Weil Ihr nicht den ganzen Weg laufen solltet.“
Zars’ Blick senkte sich kurz zu Sharas Bauch.
Shara verzog den Mund.
„Ich kann laufen.“
„Das bezweifle ich nicht.“
„Aber?“
„Aber ein Kind unter dem Herzen ist kein Grund, schwach genannt zu werden. Es ist ein Grund, klug zu handeln.“
Shara wollte widersprechen.
Sie tat es nicht.
Stattdessen löste sie die Gurte der Flügel. Eine Sondra half ihr dabei, wortlos und geschickt. Als das Gestänge von ihren Schultern genommen wurde, fühlte sie sich plötzlich leichter und zugleich verletzlicher, als hätte sie eine zweite Haut abgelegt. Sie berührte den Stoff der Flügel, bevor er zusammengefaltet wurde.
„Werde ich das noch einmal benutzen?“
Zars sah nach Norden.
„Vielleicht früher, als Euch lieb ist.“
Nach einer kurzen Rast brachen sie auf.
Nicht lange genug, um wirklich zu ruhen. Nur lange genug, um die Flügel zu verstauen, Verletzungen notdürftig zu verbinden, Wasser zu teilen und die Pferde aufzuteilen. Es waren nicht genug Tiere für alle. Shara begriff schnell, dass die Sondra damit gerechnet hatten. Einige ritten, andere liefen nebenher. Die Pferde wurden gewechselt, ohne Streit, ohne Befehlston, beinahe lautlos. Wer erschöpft war, wurde auf ein Tier gesetzt. Wer wieder Kraft hatte, stieg ab. Niemand nahm sich ein Pferd, weil er Rang hatte.
Zars ging zunächst zu Fuß.
Shara ritt.
Das ärgerte sie.
Dann dachte sie an das Kind und schwieg.
Der Weg führte nach Norden.
Hinter ihnen lag die Wüste, die Pyramide, Rauch, Hokn`f, Marabar und das Tal der Toten.
Vor ihnen lag ein anderes Land.
Und irgendwo jenseits der Entfernung, hinter Hügeln, Straßen, Flüssen und kommenden Gefahren, stand die Feurige Feste.
Shara legte eine Hand auf ihren Bauch und richtete sich im Sattel auf.
„Gut“, sagte sie leise.
Der Wind kam von Süden.
Er trug noch Staub mit sich.
Und vielleicht, dachte Shara, den letzten Atem einer Pyramide, die gefallen war, damit etwas anderes weiterleben konnte.
6
Die Kaula gingen.
Nicht in einer Prozession. Nicht mit Abschiedsworten, nicht mit Dank, nicht mit jenem langen Umkreisen einer Entscheidung, das Menschen so oft brauchten, wenn sie etwas Großes erlebt hatten. Sie gingen einfach.
Nachdem sie sicher waren, dass ihr Kamerad stehen konnte.
Nachdem seine Gefährtin seine Schulter berührt und ihn lange angesehen hatte.
Nachdem Son und Indra ihnen noch einmal gegenübergetreten waren, schweigend, mit jener vorsichtigen Achtung, die zwischen ihnen und den großen Wesen entstanden war.
Dann verschwanden sie.
Schwer, leise und auf eine Weise würdevoll, die keinen Zuschauer brauchte. Sie hatten der Feurigen Feste mehr mitgebracht als ihr Leid. Sie hatten eine Frage hinterlassen, auf die niemand eine Antwort hatte.
Roto blieb zurück.
Und er war nicht mehr ganz derselbe.
Das ärgerte ihn ein wenig.
Er mochte klare Dinge. Ein Feind war ein Feind. Ein Freund war ein Freund. Ein Messer hatte eine Schneide, ein Bogen eine Sehne, ein Pferd entweder gute Beine oder schlechte. Die Welt konnte hart sein, aber sie musste nicht unnötig kompliziert werden.
Nun aber stand er in der Feurigen Feste und musste sich eingestehen, dass er ausgezogen war, um den Mörder seines Freundes zur Rechenschaft zu ziehen, und am Ende froh gewesen war, dass eben dieser Mörder weiterlebte.
Das Leben, dachte Roto, konnte manchmal sehr merkwürdige Wendungen nehmen.
Er hatte die Klinge schon an der Kehle des Kaula gehabt. Er hatte gespürt, wie schwer dieser Augenblick war. Nicht wegen Kol. Oder nicht nur wegen Kol. Sondern weil es einen Unterschied gab zwischen Rache und Gnade, und weil er in jenem Moment begriffen hatte, dass sein Arm nicht mehr aus demselben Grund handelte, aus dem er ursprünglich losgezogen war.
Er hatte töten wollen.
Dann hatte er befreien wollen.
Und dann hatte niemand mehr getötet.
Der Kaula war geheilt.
Ein Wunder.
Oder etwas anderes.
Roto mochte das Wort Wunder nicht. Es klang zu groß für Menschen, die nicht wussten, was geschehen war, und zu bequem für jene, die keine Erklärung hatten. Aber er hatte gesehen, was geschehen war. Er hatte die Wunde gesehen. Er hatte den Schmerz gesehen. Er hatte das Messer in der Hand gehabt.
Und dann war es vorbei gewesen.
Seitdem fühlte sich seine Wut fremd an. Nicht verschwunden. Nur fremd. Als gehöre sie noch zu ihm, aber nicht mehr ganz in seine Hand.
In der Feurigen Feste war inzwischen sehr viel los.
Mehr, als Roto erwartet hatte.
Er hatte die Feste immer für einen Ort gehalten, der über den Dingen stand. Eine sagenumwobene Schule am Meer, hart, alt, stolz, voller Feuermagier, die vermutlich schon mit brennenden Blicken geboren wurden und vor dem Frühstück drei Duelle austrugen. So jedenfalls stellte man sich in Ashambrat die Feurige Feste vor, wenn man sie nicht mochte.
Die Wirklichkeit war unübersichtlicher.
Boten kamen und gingen. Manche erschöpft, manche in Eile, manche so bleich, dass sie ihre Nachrichten offenbar selbst nicht glauben wollten. Viele wurden nach Norden geschickt. Andere kamen aus dem Norden zurück. Die Tore standen kaum still. In den Höfen übten Schüler, aber nicht mit der gewöhnlichen Strenge eines Schulbetriebs, sondern mit der Anspannung von Menschen, die wussten, dass Übung vielleicht sehr bald nicht mehr Übung sein würde.
Mutter war überall und nirgends.
Roto sah sie nicht oft, aber wenn er sie sah, war der Raum um sie anders. Nicht lauter. Nicht stiller. Nur aufmerksamer. Menschen traten zur Seite, ehe sie sie bemerkten. Boten sprachen kürzer. Lehrer standen gerader. Selbst Manador, der Dekan der Feurigen Feste, wirkte in ihrer Nähe nicht kleiner, aber anders ausgerichtet, als teile er mit ihr eine Sorge, die niemand sonst ganz sehen konnte.
Manador arbeitete fast ohne Pause.
Sinadie ebenso.
Die beiden berieten, schrieben, empfingen Nachrichten, schickten neue aus. Roto sah sie mehrmals in einem Raum mit Karten, auf denen Steine lagen, kleine Flammenzeichen, Linien nach Norden und Osten, Markierungen an Straßen, Flüssen und Städten. Einmal stritten sie leise. Nicht feindselig. Eher wie Menschen, die dieselbe Gefahr sahen und noch nicht wussten, welcher Teil davon zuerst zubeißen würde.
Slonda dagegen schien sich der Töchter anzunehmen, die hier in der Schule waren.
Vor allem Miene und Sindra.
Roto verstand nicht viel davon. Er war kein Gelehrter, kein großer Magier, und er hatte schon früh gelernt, dass es gesünder war, nicht so zu tun, als könne man Dinge beurteilen, die einen überstiegen. Aber er sah die beiden jungen Frauen in Übungen, die anders waren als die der Feuerschüler. Slonda stand dabei, ruhig, weißhaarig, mit der Geduld eines Mannes, der nicht lauter werden musste, weil er wusste, dass Zeit ohnehin auf ihn hörte.
Miene und Sindra übten mit Licht.
Oder mit Gedanken.
Oder mit etwas, das Roto nicht benennen konnte.
Manchmal stand die Luft um sie herum zu still. Manchmal flackerte ein Schatten an einer Stelle, an der kein Schatten sein durfte. Einmal sah er, wie Sindra die Hand hob und ein fallender Becher für einen Herzschlag zu zögern schien, bevor er weiterfiel. Roto beschloss, nicht zu fragen.
Er hatte genug gesehen, um zu wissen, dass die Welt sich gerade auf eine Weise veränderte, die einfache Männer besser nicht vorschnell erklärten.
Nach einiger Zeit erfuhr er, dass Klaast und Isidre nach Tandor aufbrechen würden.
Das überraschte ihn.
Nicht, dass jemand aufbrach. Alle brachen auf oder kamen an. Sondern dass ausgerechnet Klaast die Feurige Feste verlassen sollte. Der Erdmagier wirkte in diesen Tagen wie ein Mann, der sich gerade erst daran gewöhnt hatte, unter mehr Blicken zu stehen, als ihm lieb war. Isidre dagegen schien bereit, sofort loszugehen. Ihre roten Haare waren zurückgebunden, ihr Blick wach, ihre Hände schon bei den Gepäckstücken, als wüsste sie, dass Zögern nur eine andere Form von Zeitverschwendung war.
Roto sprach sie an, bevor sie aufbrachen.
Son und Indra standen bei ihm.
Die beiden Frauen hatten seit dem Abschied der Kaula weniger gesprochen als sonst. Auch sie waren verändert. Vielleicht nicht so sichtbar. Aber Roto merkte es. Sie waren näher beieinander geblieben, hatten oft zum Meer hinausgesehen und manchmal in einer Weise geschwiegen, die nicht leer war.
„Ihr geht nach Tandor?“ fragte Roto.
Klaast nickte.
„Ja.“
„Warum?“
Isidre sah ihn an.
„Weil dort Menschen sind, die wissen müssen, was geschehen ist.“
„Und weil von dort einige Wege leichter werden“, fügte Klaast hinzu.
Roto kratzte sich am Kinn.
„Braucht Ihr Begleitung?“
Klaast sah überrascht aus.
Isidre nicht.
„Wollt Ihr denn fort von hier?“ fragte sie.
Roto sah sich um.
Über den Hof. Zu den Schülern. Zu den Boten. Zu den Türmen. Zu Manador, der gerade mit zwei Magiern sprach und dabei aussah, als hätte er seit Tagen nicht richtig geschlafen.
„Ich glaube, ich stehe hier eher im Weg.“
Son sah ihn an.
„Du stehst oft im Weg“, sagte sie.
Indra lächelte.
Roto schnaubte.
„Dann ist es wenigstens nichts Neues.“
Klaast musterte ihn einen Moment.
„Wir können Begleitung brauchen.“
„Gut.“
„Der Weg wird nicht ungefährlich.“
„Das sagt man über jeden Weg, kurz bevor er unangenehm wird.“
Isidre nickte knapp.
„Dann packt.“
Sie brachen gemeinsam auf.
Klaast, Isidre, Roto, Son und Indra.
Der Abschied von der Feurigen Feste war kurz. Manador gab Klaast letzte Anweisungen. Mutter sprach mit Isidre, zu leise, als dass Roto etwas verstanden hätte. Slonda verabschiedete sich von Son und Indra mit einer Höflichkeit, die fast traurig war. Roto bekam von einem jungen Feuermagier Proviant gereicht und von einer älteren Magierin einen Blick, der ihm sagte, er solle diesen Proviant nicht auf den ersten zwei Tagen aufessen.
Er tat, als habe er ihn nicht verstanden.
Dann ritten sie nach Norden.
Die Straße führte zunächst durch Land, das noch den Atem des Meeres in sich trug. Wind von der Küste, salziger Geruch, Möwen über den Felsen. Später wurde das Land ruhiger, weiter, weniger von Feuer und Meer geprägt. Die Feurige Feste sank hinter ihnen zurück, aber nicht ganz aus dem Denken. Roto hatte das seltsame Gefühl, dass jeder Schritt von ihr fort zugleich ein Schritt auf etwas zu war, das am Ende wieder dorthin führen würde.
Sie kamen gut voran.
Klaast sprach wenig.
Isidre sprach nur, wenn es nötig war.
Son und Indra ritten oft nebeneinander, manchmal vor, manchmal hinter der Gruppe. Roto hielt sich meist in der Mitte, nicht weil er sich für den Mittelpunkt hielt, sondern weil er so am besten hören konnte, wenn vorne jemand etwas entschied und hinten jemand etwas bemerkte.
Ungefähr fünf Tage, nachdem sie Richtung Norden aufgebrochen waren, begegneten sie einem Zug von Geistmagiern aus Zoordak.
Roto sah sie schon von Weitem.
Eine lange Reihe auf der Straße, nicht wie ein Heer, aber auch nicht wie Reisende. Zu geordnet. Zu still. Graue, dunkle und helle Gewänder, einige Wagen, mehrere Lasttiere, Banner ohne großes Schwingen, als wollten selbst die Zeichen dieser Menschen keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Manche waren alt, manche jung. Einige trugen Stäbe. Andere Bücherkästen. Einige hatten den Blick von Menschen, die mehr sahen, als Roto angenehm fand.
Sie alle waren auf dem Weg zur Feurigen Feste.
Die beiden Gruppen hielten an.
Klaast sprach mit einer älteren Geistmagierin, deren Namen Roto nicht verstand oder sofort wieder vergaß. Isidre stand daneben, die Arme verschränkt. Son und Indra beobachteten schweigend. Roto tat dasselbe, nur weniger elegant.
Als die Geistmagier weiterzogen, sah er ihnen nach.
„Das waren viele“, sagte er.
„Ja“, sagte Isidre.
„Alle zur Feurigen Feste?“
„So sieht es aus.“
„Und das ist normal?“
Isidre sah ihn an.
„Nein.“
Roto nickte langsam.
Da begann auch er zu begreifen, dass sich wohl etwas zusammenbraute.
Nicht nur eine Schwierigkeit.
Nicht nur Streit zwischen Schulen.
Etwas Größeres.
Er wartete, bis sie wieder unterwegs waren, dann ritt er neben Isidre.
„Also gut“, sagte er. „Was passiert hier eigentlich?“
„Das ist eine lange Antwort.“
„Wir haben Straße vor uns.“
Klaast, der vor ihnen ritt, drehte den Kopf leicht.
„Wir werden die Erdmagier ebenfalls zur Feurigen Feste bringen“, sagte er. „Zumindest jene, die bereit sind zu kommen.“
Roto sah ihn an.
„Warum?“
Die Frage kam so direkt, dass Son hinter ihm leise ausatmete.
Isidre warf ihm einen kurzen Blick zu, als wolle sie prüfen, ob er wirklich keine feinere Art kannte, gefährliche Dinge zu fragen. Er kannte keine.
Klaast antwortete trotzdem.
„Weil wir auf der letzten Konklave Dinge erfahren haben, die es notwendig machen, uns vorzubereiten.“
„Auf Hokn`f?“
„Unter anderem.“
„Unter anderem ist selten gut.“
„Nein.“
Klaast zügelte sein Pferd ein wenig, bis Roto auf gleicher Höhe war.
„Euer guter Hokn`f scheint sehr gerne nach der Macht greifen zu wollen.“
Roto verzog das Gesicht.
„Er ist nicht mein guter Hokn`f.“
„Ihr kommt aus Ashambrat.“
„Das heißt nicht, dass ich jeden mag, der dort hoch sitzt.“
Klaast nickte.
„Dann umso besser.“
Roto dachte darüber nach.
Es passte.
Er wollte es nicht weiter prüfen, weil es bereits passte. Hokn`f. Der Mann, der Ashambrat schon länger lenkte. Der immer die Ordnung vor sich hertrug wie ein Banner, unter dem er alles sammelte, was ihm nützte. Der nie laut nach Macht greifen musste, weil er so tat, als falle sie ihm aus Pflicht in die Hand.
Ja.
Das passte.
„Was hat er getan?“ fragte Roto.
Klaast schwieg einen Moment.
Isidre antwortete.
„Genug, dass wir nicht warten sollten, bis er vor unseren Toren steht.“
Roto sah nach Norden.
Die Straße zog sich vor ihnen durch das Land, hell unter dem Himmel, unschuldig wie jede Straße, die noch nicht wusste, wer auf ihr marschieren würde.
„Und Sahretûn?“ fragte Son plötzlich.
Klaast und Isidre wechselten einen Blick.
Das gefiel Roto gar nicht.
„Sahretûn ist zurück“, sagte Klaast.
Roto hatte den Namen schon gehört. In der Feurigen Feste. In halben Sätzen. In Gesprächen, die abbrachen, wenn jemand näherkam. Er hatte verstanden, dass es kein Ort war, über den man leicht sprach.
„Zurück von wo?“
„Von dort, wo es hätte bleiben sollen“, sagte Isidre.
Das war keine gute Antwort.
Aber es reichte, um zu wissen, dass eine bessere vermutlich noch schlechter gewesen wäre.
Eine Weile ritten sie schweigend.
Dann sagte Roto: „Also holen wir Erdmagier.“
„Ja.“
„Damit sie zur Feurigen Feste gehen.“
„Ja.“
„Und danach?“
Klaast sah nach vorn.
„Danach hoffen wir, dass wir genug sind.“
Roto schnaubte leise.
„Das ist kein Plan.“
„Nein“, sagte Klaast. „Aber im Moment ist es der Anfang von einem.“
Roto nickte.
Damit konnte er leben.
Ein Anfang war besser als Stillstand.
Hinter ihnen zog der Zug der Geistmagier weiter nach Süden, zur Feurigen Feste. Vor ihnen lag Tandor, Erde, alte Bündnisse und Menschen, die überzeugt werden mussten, dass die Zeit für bequemes Abwarten vorbei war.
Roto richtete sich im Sattel auf.
Er wusste nicht, was genau auf sie zukam.
Aber er begann zu verstehen, dass er nicht mehr im Weg stand.
Er war unterwegs.
7
Manador, Sinadie, Slonda und Mutter wussten, dass die Zeit des Wartens vorbei war.
Nicht, weil eine Nachricht es ihnen sagte.
Nicht, weil ein Bote mit dem letzten Beweis durch das Tor geritten wäre.
Sondern weil alle Zeichen in dieselbe Richtung wiesen.
Die Welt zog sich zusammen.
Sahretûn war zurück. Hokn`f hatte seine Maske fallen lassen. Die Toten gingen wieder durch die Welt. Dämonen waren nicht mehr nur Erinnerung, Warnung oder verbotene Schrift. Sie griffen an. Sie wurden gerufen. Sie wurden benutzt. Und irgendwo im Süden war eine Pyramide gefallen, die älter war als die Ordnung der Schulen.
Die unheilige Allianz, die sich dort geformt hatte, würde nicht im Süden bleiben.
Das wusste Mutter.
Das wusste Slonda.
Das wusste Manador.
Und Sinadie wusste es ebenfalls, auch wenn ihr Blick oft zu ihren Schülerinnen ging, als rechne sie innerlich, wie viele von ihnen noch Kinder gewesen waren, als all dies begann.
Sie würden nach Norden kommen.
Nicht vielleicht.
Nicht irgendwann.
Bald.
Und was sich ihnen in den Weg stellte, würden sie unterwerfen oder vernichten.
In den ersten Tagen nach der Konklave wirkte die Feurige Feste wie ein Ort, der gleichzeitig erwachte und sich verhärtete. Tore wurden überprüft, Vorräte gezählt, alte Kammern geöffnet, Signale erneuert, Wachtürme besetzt, Boten ausgesandt. Karten lagen auf Tischen, an Wänden, auf Böden. Kreidezeichen bedeckten Steinplatten. Schüler wurden in Gruppen eingeteilt. Lehrer, die seit Jahren nur unterrichtet hatten, trugen plötzlich wieder Rüstungen, deren Leder steif geworden war.
Manador schlief kaum.
Sinadie ebenso wenig.
Mutter wirkte, als brauche sie keinen Schlaf, doch selbst an ihr sah man eine andere Schwere. Nicht Müdigkeit. Erinnerung. Sie hatte zu viele Angriffe gesehen, zu viele Städte fallen, zu viele Bündnisse zu spät geschlossen. Nun ging sie durch die Feste, sprach leise mit Manador, mit Slonda, mit Sinadie, manchmal auch mit niemandem, und überall, wo sie war, wurden die Menschen ruhiger und zugleich ernster.
Slonda war unruhiger.
Er verbarg es schlecht.
Nicht vor Mutter.
Nicht vor Manador.
Nicht vor sich selbst.
„Er hätte längst einen Weg finden müssen“, sagte er einmal, als sie in einem der oberen Räume über Karten standen.
Mutter blickte nicht auf.
„Anadar?“
„Wer sonst?“
„Er findet ihn.“
„Das sagt Ihr, als sei es Gewissheit.“
„Nein“, sagte Mutter. „Ich sage es, weil es notwendig ist.“
Slonda lachte bitter.
„Das ist nicht dasselbe.“
„Für Anadar manchmal schon.“
Er antwortete nicht.
Sein Bruder verschollen. Nicht tot, nicht frei, nicht erreichbar. Und dieses Nichtwissen nagte an Slonda stärker, als er zugab. Es war nicht nur Sorge. Es war Schuld, alte und neue. Er hatte Anadar beschützen wollen, hatte ihn oft nicht verstanden, hatte ihm vertraut, ihn verloren, wiedergefunden und nun erneut verloren. Und Sahretûn war kein gewöhnlicher Feind. Sahretûn konnte Menschen nicht nur töten. Es konnte sie verdrehen.
Mutter legte ihm schließlich eine Hand auf den Arm.
„Er wird auftauchen.“
Slonda sah sie an.
„Und wenn nicht?“
Mutter schwieg einen Augenblick.
„Dann hat er einen Grund.“
Das half ihm nicht.
Aber es hinderte ihn daran, weiterzusprechen.
Es gab zu viel zu tun.
Gegen die Toten waren Feuer und Licht geeignet. Darin waren sich alle einig. Feuer vernichtete Körper, Licht zerschnitt jene dunkle Bindung, die sie aufrecht hielt. Die Töchter Sinadies, wie die Schülerinnen der Lichtschule in der Feurigen Feste inzwischen liebevoll genannt wurden, übten bis zur Erschöpfung. Miene und Sindra standen oft an ihrer Spitze, nicht weil man es ihnen befohlen hätte, sondern weil die anderen ihnen folgten. Sie waren jung, aber nicht mehr kindlich. Nicht nach dem, was sie gesehen und gelernt hatten.
Slonda übernahm ihre Ausbildung dort, wo Sinadies Lehre endete.
Er zeigte ihnen keine großen Wunder.
Nicht zuerst.
Er zeigte ihnen Schwellen.
Grenzen und Bannungen.
Den Unterschied zwischen einem Körper und der Kraft, die ihn gegen den Tod bewegte. Den Punkt, an dem ein Bann nicht zerstören musste, sondern lösen konnte. Den Augenblick, in dem Licht nicht brannte, sondern trennte. Einige verstanden es schnell. Andere erschraken, weil sie spürten, wie nah manche dieser Übungen an Dingen lagen, die man ihnen früher verboten hätte.
„Ihr lernt nicht, um zu beherrschen“, sagte Slonda zu ihnen. „Ihr lernt, um zu beenden.“
Das sagte er oft.
Vielleicht auch zu sich selbst.
Mit den Dämonen war es schwieriger.
Viel schwieriger.
Slonda konnte bannen. Das wusste er. Er hatte genug gesehen, genug gelesen, genug aus Sahretûn gestohlen oder dort bezahlt, um zu wissen, dass er nicht hilflos war. Aber mächtige Dämonen im Angriff waren etwas anderes als ein gebundener Name in einer Kammer oder ein halb gelöstes Wesen in einem Kreis. Er konnte nicht viele auf einmal bannen. Niemand konnte das. Nicht ohne Vorbereitung. Nicht ohne Preis.
Also musste Wissen verteilt werden.
Nicht alles.
Nicht an jeden.
Aber genug.
Er arbeitete mit Sinadie, Mutter und Manador an einfachen Bannformen, die auch unter Druck eingesetzt werden konnten. Keine perfekten Kreise. Keine langen Formeln. Keine Kunststücke für Gelehrte. Schnelle Zeichen, Rufpunkte, Lichtklingen, Feuerbrüche, geistige Widerhaken. Dinge, die einen niederen Dämon nicht unbedingt vernichteten, aber zurückwarfen, störten, aus einer Bindung rissen oder für einen entscheidenden Augenblick öffneten.
Ein Augenblick konnte reichen.
In der Feurigen Feste lernte man rasch, dass ein Augenblick oft alles war.
Die Töchter übten mit Licht.
Die Feuermagier übten mit Flammen.
Die Geisterschülerinnen, die einige Tage später aus Zoordak eintrafen, brachten eine andere Art von Schärfe mit. Sie kamen stiller als die Feuermagier, weniger sichtbar, weniger laut. Aber sobald sie mit der Geisterklinge übten, begriff jeder, der zusah, warum Mutter sie hatte rufen lassen. Die Klingen waren nicht für Fleisch allein gemacht. Sie schnitten dort, wo Wille an Form gebunden war. Gegen Tote konnten sie wirken. Gegen niedere Dämonen ebenfalls. Gegen Beschwörer, wenn diese zu nah an ihre eigenen Bindungen traten.
Als der Zug aus Zoordak durch das Tor kam, wurde allen bewusst, wie rasch die Zeit verging.
Es gab keine Übungszeit mehr.
Nur Vorbereitung.
Wenige Tage später kamen Klaast und Isidre zurück.
Mit ihnen die Erdmagier.
Nicht alle.
Aber viele.
Mehr, als Manador erwartet hatte.
Mehr, als Klaast selbst zu hoffen gewagt hatte.
Die Eiferer waren zurückgeblieben, wie niemanden überraschte. Jene, die lieber in der Reinheit ihrer alten Gewissheiten saßen, als an einem Ort zu kämpfen, an dem Feuer, Licht, Geist, Erde, Sondra und wer wusste was noch Seite an Seite stehen würden. Doch der Großteil der Erdmagier folgte dem Ruf seines Dekans. Manche aus Treue. Manche aus Pflicht. Manche, weil sie den Berichten glaubten. Manche, weil sie Klaast nicht mehr für einen Mann hielten, der ohne Grund vor Gefahr warnte.
Klaast sah erschöpft aus, als er durch das Tor ritt.
Aber er sah nicht mehr unsicher aus.
Das bemerkte Manador sofort.
„Ihr habt viele gebracht“, sagte er.
Klaast stieg vom Pferd.
„Nicht genug.“
„Das sagt jeder vernünftige Mann vor einer Belagerung.“
„Dann bin ich offenbar vernünftig geworden.“
Isidre stand neben ihm, staubig, müde, mit roten Haaren, die aus der Bindung gefallen waren. Son, Indra und Roto kamen hinter ihnen. Roto sah zur Feste hinauf, als würde er noch immer entscheiden, ob er beeindruckt oder beleidigt sein sollte.
„Wir haben unterwegs Geistmagier getroffen“, sagte Isidre. „Sie sind angekommen?“
„Ja“, sagte Sinadie. „Und bereits eingebunden.“
„Gut.“
„Gut ist ein großes Wort“, sagte Manador.
„Dann eben nützlich.“
Damit konnte er leben.
Die Erdmagier wurden sofort in die Verteidigungspläne aufgenommen.
Manador und seine Feuermagier brachten ihnen die Grundlagen des Kampfes in der Feurigen Feste bei. Nicht, weil Erdmagier nicht kämpfen konnten. Aber die Feste war kein gewöhnlicher Ort. Ihre Mauern waren nicht nur Mauern. Ihre Türme standen nicht zufällig. Feuerlinien liefen durch den Stein. Alte Durchgänge führten an Orte, die nur im Notfall geöffnet wurden. Höfe konnten zu Fallen werden, Treppen zu Engstellen, Brüstungen zu Flammenrinnen.
Die Erdmagier verstanden Mauern.
Die Feuermagier verstanden die Feste.
Gemeinsam wurden sie gefährlicher.
Sie arbeiteten an Taktiken, mit denen sie den Angriff so lange wie möglich halten wollten. Erdbarrieren vor äußeren Toren. Feuerkanäle zwischen den ersten Mauerringen. Lichtgruppen auf erhöhten Punkten, um die Toten zu brechen. Geisterklingen an Engstellen. Bewegliche Trupps aus Sondra, sobald diese eintrafen, auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste, wann und wie viele kommen würden.
Niemand sprach offen davon, dass sie diesen Kampf wahrscheinlich nicht gewinnen konnten.
Jeder wusste es.
Die Armee im Süden wuchs. Hokn`f sammelte Tote. Sahretûn hatte Beschwörer geschickt. Vielleicht Dämonen. Vielleicht Schlimmeres. Die Feurige Feste war stark, aber sie war keine Welt. Sie konnte fallen.
Doch wenn sie fiel, dann nicht billig.
Das wurde Manadors Satz.
Nicht laut verkündet.
Nicht auf Banner geschrieben.
Aber in jeder Besprechung lag er unter den Worten.
Wir verkaufen uns teuer.
Einige Tage später erschien am südlichen Horizont ein Zug, den zuerst niemand einordnen konnte.
Wachen meldeten Bewegung.
Nicht Magier.
Nicht Reiter.
Nicht Totes.
Als sie näherkamen, sah man Weiß.
Viele weiße Gestalten.
Mehrere Hundert.
Sondra.
Und mit ihnen Shara.
Hochschwanger.
Für einen Moment stand die Feurige Feste still.
Nicht wirklich. Keine Feste steht still, wenn der Krieg kommt. Aber die Nachricht lief schneller als jeder Bote. Shara war zurück. Shara kam mit Elfen aus der Wüste. Shara lebte. Die Pyramide war gefallen. Die Sondra hatten sie verlassen. Hokn`fs Armee war im Besitz der Mondtropfen. Ein Dämon hatte die Mauern gerammt. Marabar war dort gewesen.
Und Shara trug Anadar Kind unter dem Herzen.
Manador traf sie im äußeren Hof.
Sinadie neben ihm.
Mutter kam kurz darauf.
Slonda ebenfalls.
Shara stieg vom Pferd, langsam, mit der Würde einer Frau, die nicht zulassen wollte, dass irgendjemand ihr half, bevor sie es selbst entschied. Staub lag auf ihr. Ihr Gesicht war schmaler geworden. Die Augen härter. Aber als sie Mutter sah, veränderte sich etwas. Nicht Schwäche. Nur ein kurzer Riss in der Haltung.
Mutter trat zu ihr und legte beide Hände an ihr Gesicht.
„Du lebst.“
Shara nickte.
„Die Pyramide nicht.“
Niemand sagte sofort etwas.
Zars trat neben sie.
In Weiß, staubig, ruhig, eine Anführerin ohne Pyramide und ohne sichtbaren Zweifel.
„Die Pyramide hat getan, wozu sie errichtet wurde“, sagte sie.
Manador betrachtete sie.
„Und nun?“
Zars sah zur Feurigen Feste hinauf.
„Nun tut Ihr, wozu diese Feste errichtet wurde.“
Das war kein Trost.
Es war eine Herausforderung.
Die Nachrichten, die die Sondra brachten, waren schlecht.
Schlechter, als viele befürchtet hatten.
Der Fall der Pyramide war kein Ende. Er hatte Hokn`f gestärkt. Seine Armee war bereits auf dem Weg nach Norden. Geistesschülerinnen aus Zoordak streckten ihre Gedanken danach aus und bestätigten, was die Sondra berichteten. Eine große Bewegung, schwer, dunkel, wachsend. Viele Magier. Beschwörer unter ihnen. Ein Pulk aus Toten hinter der Armee, größer werdend mit jedem Ort, den sie passierten. Hokn`f ließ keine Gelegenheit aus, Friedhöfe zu öffnen, Schlachtfelder zu plündern, Gräber zu schänden. Alles, was einst Körper gewesen war, konnte für ihn wieder Marsch werden.
Die Feurige Feste reagierte sofort.
Die Sondra wurden nicht als Fremde behandelt.
Das überraschte viele.
Vielleicht sogar die Sondra selbst.
Doch die Integration verlief beinahe unheimlich glatt. Feuer und Sondra ergänzten sich besser, als irgendjemand geplant hatte. Die Feuermagier arbeiteten frontal, hart, zerstörerisch. Die Sondra bewegten sich zwischen Linien, nutzten Lücken, Deckung, Höhe, Schatten, plötzliche Stöße und schweigendes Zurückweichen. Wo Feuermagier eine Mauer hielten, machten die Sondra daraus eine Falle. Wo Sondra einen Gegner banden, öffneten Feuermagier den Raum für Flammen.
Shara stand oft zwischen beiden Gruppen.
Nicht als Befehlshaberin im formalen Sinn.
Aber als Brücke.
Die Feuermagier kannten sie. Die Sondra achteten sie. Zars sprach mit ihr, Manador hörte ihr zu. Sinadie beobachtete, wie Shara sich trotz ihrer Schwangerschaft von Karte zu Karte, Hof zu Hof und Übung zu Übung bewegte, und sagte irgendwann leise zu Mutter:
„Sie wird sich nicht schonen.“
Mutter sah Shara an.
„Nein.“
„Sollten wir sie zwingen?“
Mutter lächelte schwach.
„Du kannst es versuchen.“
Sinadie dachte kurz darüber nach.
„Nein.“
Wieder einige Tage später kam die nächste Überraschung.
Dieses Mal aus dem Norden.
Die Wachen meldeten einen Trupp, dann einen Zug, dann mehr als das. Keine geschlossene Armee, aber genug, dass die Tore erneut geöffnet und die Höfe geräumt wurden.
Dunkelelfen.
Viele.
An ihrer Spitze Prinz Zarad.
Mit ihnen Zwerge.
Und Xiodrie.
Sie kam nicht wie eine Botin, die stolz auf ihre Aufgabe war. Sie kam wie jemand, der zu lange unterwegs gewesen war und zu viel gesehen hatte, um noch Freude an einem gelungenen Auftrag zu haben. Ihr Gesicht war scharf vor Müdigkeit, ihre Kleidung staubig, ihre Augen wach.
Manador stand am Tor, als sie eintrafen.
Zarad verneigte sich knapp.
Nicht tief.
Aber ehrlich genug.
„Wir hörten, dass die Welt wieder versucht, unterzugehen“, sagte der Prinz.
Manador sah ihn an.
„Und Ihr wolltet zusehen?“
„Nein“, sagte Zarad. „Diesmal nicht.“
Die Zwerge hinter ihm lachten rau.
Es war das erste ehrliche Lachen, das die Feurige Feste seit Tagen gehört hatte.
Xiodrie trat an Slonda heran.
„Ihr braucht Hilfe.“
Slonda sah sie an.
„Das sagen mir in letzter Zeit viele.“
„Diesmal stimmt es.“
„Das auch.“
Von diesem Tag an gingen Slonda und Xiodrie gemeinsam hinaus.
Nicht weit zuerst.
Dann weiter.
Sie erkundeten die Umgebung, nicht nur mit menschlichen Augen. Slonda suchte nach Bewegungen, nach Brüchen in dem, was kommen wollte. Xiodrie suchte anders. Wilder. In Gerüchen, Schatten, unruhigen Tieren, falsch liegendem Staub, Krähen, die zu früh aufflogen, Träumen, die sich in Wasser spiegelten.
Zusammen sahen sie mehr.
Die Armee Hokn`fs bewegte sich nach Norden.
Langsam, aber nicht langsam genug.
Sie bestand aus vielen Magiern, mehr als Slonda gehofft hatte, weniger geordnet, als Hokn`f es vermutlich glaubte. Es gab Beschwörer bei ihnen. Keine Dämonen, soweit sie sehen konnten. Nicht offen. Nicht marschierend. Nicht in jener Weise, die Bronbt vor der Pyramide gezeigt hatte. Das beruhigte niemanden. Beschwörer trugen Möglichkeiten mit sich, nicht nur Wesen.
Hinter der Armee zog der Pulk der Toten.
Er wurde größer.
Mit jedem Friedhof.
Mit jedem verlassenen Dorf.
Mit jedem alten Schlachtfeld.
Mit jedem Ort, an dem Hokn`f etwas fand, das einmal Mensch gewesen war und nun für seine Ordnung weitergehen sollte.
Als Slonda und Xiodrie zurückkehrten, war es bereits dunkel.
Manador, Mutter, Sinadie, Klaast, Isidre, Zars, Zarad und einige andere warteten im Kartenraum.
Slonda sprach nicht sofort.
Das genügte, um die Stimmung zu verändern.
„Wie weit?“ fragte Manador.
Xiodrie antwortete.
„Wenige Tagesritte.“
Niemand bewegte sich.
„Dämonen?“ fragte Mutter.
„Keine sichtbaren“, sagte Slonda.
„Beschwörer?“
„Ja.“
Zars schloss kurz die Augen.
Nicht aus Angst.
Aus Bestätigung.
„Tote?“ fragte Sinadie.
Xiodrie lachte einmal ohne Freude.
„Viele.“
Slonda trat zur Karte und legte drei Steine auf die südliche Straße.
Dann einen vierten.
Dann schob er sie langsam Richtung Feurige Feste.
„Sie kommen“, sagte er.
Es war nicht dramatisch gesprochen.
Nicht laut.
Nicht beschwörend.
Gerade deshalb traf es alle.
Manador sah auf die Karte.
Dann hob er den Blick.
„Dann beenden wir die Vorbereitungen.“
„Nein“, sagte Mutter.
Alle sahen sie an.
Sie stand am Rand des Tisches, die Hände ruhig, das Gesicht sehr alt und sehr lebendig zugleich.
„Jetzt beginnen sie erst.“
Draußen schlug Wind gegen die Mauern der Feurigen Feste.
In den Höfen übten Feuer, Licht, Geist, Erde, Sondra, Dunkelelfen und Zwerge bis tief in die Nacht. Über den Türmen brannten Signalflammen. In den Kammern wurden Verletztenlager vorbereitet. In den Kellern öffnete man Türen, die seit Generationen nicht geöffnet worden waren. Auf den Mauern standen Wachen und sahen nach Süden.
Alle wussten es nun.
Es würde auf ein letztes Aufbäumen hinauslaufen.
Auf eine letzte Schlacht um die Feste.
Und die Feurige Feste wartete nicht mehr darauf, ob der Krieg kam.
Sie wartete nur noch darauf, wann.
„Wenn nur Anadar hier wäre.“ Ein Satz den sie alle immer wieder sagten.
8
Marabar war mit dem Verlauf der Ereignisse nicht ganz zufrieden.
Das ärgerte ihn.
Nicht, weil Unzufriedenheit ihm fremd gewesen wäre. Im Gegenteil. Unzufriedenheit war nützlich. Sie hielt den Geist wach, verhinderte Bequemlichkeit, schärfte den Blick für Abweichungen. Aber diese Unzufriedenheit hatte einen Beigeschmack, den Marabar nicht mochte.
Überraschung.
Er hatte Hokn`f unterschätzt.
Nicht vollständig. So weit wollte er sich selbst nicht beleidigen. Er hatte den Meister der Winde nie für harmlos gehalten. Ein Mann wie Hokn`f war gefährlich, weil er sich selbst für notwendig hielt. Solche Männer griffen nach Macht nicht aus Freude, nicht einmal aus Gier allein, sondern aus Überzeugung, dass Ordnung ohne ihre Hand zerfallen müsse. Das machte sie brauchbar. Lenkbar. Vorhersehbar in den großen Linien.
Oder so hatte Marabar geglaubt.
Die Pyramide war gefallen.
Natürlich nicht durch Hokn`f allein. Marabar war nicht so töricht, sich vom Lärm eines Sturms täuschen zu lassen. Erst Bronbt hatte den Ausschlag gegeben. Erst das Auftauchen des Dämons hatte die Schlacht endgültig zugunsten der Angreifer geneigt. Ohne ihn hätten die Sondra vielleicht noch länger gehalten, vielleicht Tage, vielleicht mehr. Die Pyramide war alt gewesen, vorbereitet, mit Wegen und Sicherungen versehen, die selbst Marabar Respekt abnötigten.
Doch Hokn`f war gefährlich weit gekommen.
Zu weit.
Der Wirbel, mit dem er gegen die Mauern gefahren war, hatte nichts mehr mit gewöhnlicher Windmagie zu tun gehabt. Marabar hatte viele Magier gesehen, starke, brillante, wahnsinnige, überhebliche. Er hatte Meister gesehen, die glaubten, ein Element gehorche ihnen, weil es einmal vor ihnen gekniet hatte. Er hatte Feuermagier gesehen, die Städte anzündeten, Erdmagier, die Mauern öffneten, Wassermeister, die ganze Truppen erstickten, Geistmagier, die Menschen in sich selbst einsperrten.
Aber dieser Wirbel war anders gewesen.
Nicht wegen Hokn`f.
Wegen der Tropfen.
Mondtropfen.
Marabar hatte vor der Schlacht zum ersten Mal gesehen, wie Hokn`f sie wirklich benutzte. Nicht als Heilmittel. Nicht als Vorrat. Nicht als kostbare Flüssigkeit, um die sich Legenden rankten. Als Verstärker. Als Brennstoff. Als etwas, das die Grenze zwischen durchschnittlicher Kraft und katastrophaler Wirkung aufhob.
Das faszinierte ihn sofort.
Und es beunruhigte ihn ebenso schnell.
Ein mittelmäßiger Magier wurde durch sie nicht weise. Nicht kontrollierter. Nicht tiefer. Aber gefährlich. Sehr gefährlich. Ein Mann, der sonst nur Kraft besaß, erhielt plötzlich Durchschlag. Ein Ehrgeiziger bekam Werkzeug. Ein Verzweifelter bekam Reichweite. Ein Narr bekam die Möglichkeit, Schaden anzurichten, der weit über sein eigenes Maß hinausging.
Hokn`f war kein Narr.
Das war das Problem.
Der Wirbel, der auf die Pyramide zugerast war, hätte es mit einem großen Dämon aufnehmen können. Nicht ihn bannen. Nicht vernichten. Nicht wirklich bezwingen. Aber aufhalten. Beschäftigen. Abdrängen. Zeit kaufen. Und manchmal war Zeit alles, was ein Gegner brauchte, um aus einer schlechten Lage eine offene zu machen.
Und dann die Toten.
Hokn`fs stille Armee.
Marabar hatte das Konzept gekannt, er hatte ohm das Buch überlassen. Natürlich. Nekromantie war keine neue Entdeckung, auch wenn die Schulen sich gern einredeten, alles Vergessene sei verschwunden, nur weil sie die Bücher verbrannt, versteckt oder mit frommen Verboten belegt hatten. Tote zu bewegen war keine Kunst, die Marabar bewunderte. Sie war grob, schmutzig, oft instabil und von unangenehmer Ästhetik. Aber sie hatte einen Vorteil, den man nicht leugnen konnte.
Masse.
Ein toter Soldat fürchtete nichts.
Ein toter Diener zweifelte nicht.
Ein toter Magier stellte keine Fragen.
Und ein Heer aus Toten war schwer zu demoralisieren, weil ihm jede Moral fehlte.
Hokn`f hatte daraus mehr gemacht, als Marabar erwartet hatte. Nicht nur eine Waffe gegen die Sondra. Nicht nur einen Rammbock aus Leichen. Er hatte damit auch die eigenen Verbündeten gefesselt. Wer in seinem Lager stand, sah vor sich den Feind und hinter sich die Toten. Desertion wurde nicht verboten. Sie wurde unmöglich gemacht.
Das war roh.
Aber nicht dumm.
Marabar musste zugeben, dass er ihn unterschätzt hatte.
Er mochte diese Erkenntnis nicht.
Sie machte Hokn`f interessanter.
Und gefährlicher.
Wie allen Beschwörern war Marabar klar, dass all dies keinen wirklich großen Dämon zu Fall bringen würde. Nicht dauerhaft. Nicht, wenn der Dämon richtig gerufen, richtig gebunden, richtig geführt war. Ein Wirbel konnte zerstreuen. Feuer konnte verletzen. Licht konnte stören. Eine Armee aus Toten konnte einen Körper aufhalten, vielleicht auch einen niederen Dämon unter Masse begraben.
Aber Dämonen waren nicht die eigentliche Gefahr.
Nicht für Sahretûn.
Die Gefahr lag woanders.
Ein Angriff auf die Beschwörer selbst.
Das war es, was Hokn`fs neue Macht bedeutete.
Ein Dämon mochte durch Sturm und Tote gebunden werden, lange genug, dass ein Beschwörer seinen Kreis verlor. Ein Wirbel konnte Linien zerstören. Ein Haufen toter Körper konnte Schutzräume überschwemmen. Ein durch Mondtropfen gestärkter Windmeister konnte auf Entfernung einen Beschwörungskreis brechen, bevor der Dämon überhaupt sinnvoll geführt wurde oder gar den Beschwörer selber angreifen.
Das war gefährlich.
Nicht, weil Hokn`f Sahretûn verstand.
Sondern weil er es nicht verstehen musste.
Ein Bauer musste nicht die Baukunst eines Turmes begreifen, um den richtigen Stein herauszuschlagen.
Marabar stand auf einem geborstenen Vorsprung der Pyramide und sah hinab in das Tal.
Die Schlacht war vorbei, aber der Ort war noch immer voller Bewegung. Magier durchsuchten die unteren Ebenen. Hokn`fs Tote trugen Kisten hinaus. Die Sondra waren fort, tot oder verschwunden. Marabar vermutete Letzteres. Zu wenige Leichen. Zu viele offene Möglichkeiten. Ein Volk wie dieses baute keine Pyramide, ohne Fluchtwege in ihre Niederlage einzunähen.
Das musste man im Auge behalten.
Hokn`f stand weiter unten zwischen seinen Leuten.
Er wirkte erschöpft.
Aber nicht gebrochen.
Das war bedauerlich.
Der Gebrauch des Mondtropfens hatte ihn sichtbar angegriffen. Marabar sah es an der Art, wie er manchmal zu langsam atmete, wie seine Hand kurz an seinem Hals hängen blieb, wo die Phiole gelegen hatte, wie sein Blick zu hell war, wenn er Befehle gab. Solche Kraft nahm immer etwas. Die Frage war nur, ob sie mehr nahm, als sie gab.
Bei Hokn`f war die Antwort noch offen.
Marabar mochte offene Antworten, wenn er sie selbst stellte.
Nicht, wenn andere sie verkörperten.
Ein junger Beschwörer trat hinter ihn.
Nicht zu nah.
Er hatte gelernt.
„Herr aus Sahretûn, Marabar.“
„Sprich.“
„Die Kisten werden gesammelt. Die Fläschchen sind zahlreicher als erwartet.“
„Unbeschädigt?“
„Die meisten.“
„Gut.“
„Meister Hokn`f verlangt, dass sie zunächst unter seiner Aufsicht bleiben.“
Marabar lächelte.
„Natürlich verlangt er das.“
Der junge Beschwörer wartete.
„Und?“
„Er sagte, er habe den Angriff geführt und den Durchbruch erzwungen.“
„Hat er das?“
„Zum Teil.“
Marabar wandte sich nicht um.
„Dann wäre es unhöflich, ihm sofort zu widersprechen.“
„Soll ich das als Zustimmung verstehen?“
„Nein.“
Der junge Beschwörer schwieg.
Marabar sah weiter auf Hokn`f hinab.
„Sorge dafür, dass wir wissen, wie viele Fläschchen es sind. Sorge dafür, dass wir wissen, wo sie gelagert werden. Sorge dafür, dass wir in der Nähe bleiben, aber nicht so, dass Hokn`f sich bewacht fühlt.“
„Und wenn er sie wegbringen lässt?“
„Dann wissen wir, wohin.“
„Und wenn er sie benutzt?“
Marabar lächelte wieder.
„Dann lernen wir.“
Der Beschwörer verneigte sich und ging.
Marabar blieb allein.
Für einen Moment dachte er an Anadar.
Der Kontrast war bemerkenswert.
Hokn`f griff nach Macht, indem er alles, was er berührte, in Werkzeug verwandelte. Tote, Magier, Angst, Verbündete, Feinde, selbst seine eigenen Grenzen. Er war nicht subtil, aber er war konsequent. Man konnte mit ihm arbeiten, solange man seine Richtung verstand. Aber je mehr Mondtropfen er erhielt, desto weniger sicher wurde diese Richtung. Macht veränderte Männer wie ihn nicht. Sie machte nur sichtbarer, was immer schon in ihnen gewesen war.
Anadar war anders.
Nicht ungefährlicher.
Anders.
Anadar stand vor Macht und fragte sich noch, welchen Preis sie hatte. Er dachte zu viel. Fühlte zu viel. Hing an Menschen, die man gegen ihn verwenden konnte. Genau deshalb war er formbar. Oder zerstörbar. Vielleicht beides. Sahretûn konnte aus ihm etwas machen, wenn man ihn nicht zu früh brach.
Hokn`f dagegen ließ sich nicht formen.
Nur lenken.
Und selbst das nun nicht mehr einfach.
Ihr Werkzeug hatte Zähne bekommen.
Marabar würde Gochad berichten müssen.
Nicht dramatisch. Gochad verachtete Übertreibung, wenn sie nicht bewusst eingesetzt wurde. Aber vollständig. Die Mondtropfen. Die stille Armee. Der Wirbel. Die Wirkung auf die Pyramide. Der mögliche Einsatz gegen Beschwörungskreise. Die Notwendigkeit, Hokn`f vorerst nicht offen zu entmachten.
Das war der wichtigste Punkt.
Eine einfache Übernahme der Kontrolle war nicht mehr möglich.
Nicht ohne Risiko.
Hokn`f würde Widerstand leisten. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht offen. Aber er würde spüren, wenn man ihm die Hände zu früh anlegte. Und ein Mann mit einer Armee aus Toten, einer wachsenden Gefolgschaft von Magiern, Mondtropfen und verletztem Stolz war kein Mann, den man ohne Vorbereitung demütigte.
Also taten die Beschwörer nun, was sie am besten konnten.
Sie blieben geduldig.
Geduld war keine Passivität.
Nur dumme Menschen hielten sie dafür.
Geduld bedeutete, den Gegner nicht an der Stelle zu packen, an der er stark geworden war. Geduld bedeutete, ihn laufen zu lassen, solange der Weg schmaler wurde. Geduld bedeutete, ihm Siege zu geben, die ihn abhängiger machten. Geduld bedeutete, die Nahrung seiner Macht zu zählen, die Sprache seiner Befehle zu lernen, die Grenzen seines Körpers zu beobachten, die Menschen um ihn herum zu berühren, bevor er merkte, dass er nicht mehr allein entschied.
Hokn`f wollte nach Norden.
Gut.
Dann würde er nach Norden gehen.
Er wollte die Feurige Feste angreifen.
Gut.
Dann würde er sie angreifen.
Er wollte als Eroberer erscheinen.
Sollte er.
Die Feurige Feste würde ihn Kraft kosten. Die Sondra waren nicht vernichtet. Die Schulen sammelten sich. Vielleicht bald noch mehr. Hokn`f würde vor diesen Mauern seine Macht zeigen müssen. Und jede Macht, die gezeigt werden musste, offenbarte zugleich, wo sie riss.
Marabar hob den Blick nach Norden.
Dort lag die Feste aus Feuer.
Dort würde sich vieles entscheiden.
Nicht alles.
Das Finale gehörte nicht Hokn`f.
Nicht den Magiern.
Nicht einmal den Dämonen.
Das Finale gehörte jenen, die lange genug warteten, um zu erkennen, wann ein Sturm nur Lärm war und wann er eine Tür öffnete.
Hinter ihm bebte die Pyramide noch einmal leise.
Ein spätes Nachgeben im Stein.
Marabar wandte sich um und ging hinab.
„Lasst Hokn`f glauben, dass er führt“, sagte er zu dem nächsten Beschwörer, der ihn erwartete.
„Und wenn er es wirklich tut?“
Marabar blieb stehen.
Für einen Augenblick war sein Lächeln verschwunden.
„Dann sorgen wir dafür, dass er in die richtige Richtung führt.“
„Und danach?“
Marabar sah zu den Toten, die die Kisten mit Mondtropfen aus der Pyramide trugen.
„Danach“, sagte er, „werden wir sehen, wie viele Zähne unser Werkzeug noch braucht.“
9
Hokn`f war sich seiner Macht bewusst.
Und sie tat ihm gut.
Nicht wie Wein. Nicht wie Lob. Nicht wie die kleinen, alltäglichen Bestätigungen, an denen sich gewöhnliche Menschen wärmen mussten. Dies war tiefer. Klarer. Wahrer. Der Fall der Pyramide hatte ihn nicht mächtig gemacht, sagte er sich. Nein. Das wäre eine falsche Deutung gewesen. Der Fall der Pyramide hatte nur enthüllt, was schon lange in ihm gelegen hatte.
Macht.
Führung.
Notwendigkeit.
Die anderen hatten es nun gesehen.
Endlich.
Sie hatten gesehen, wie sein Sturm gegen die Mauern gefahren war. Sie hatten gesehen, wie der Sandwirbel wuchs, wie er die Luft zerriss, wie er Stein und Widerstand brach. Sie hatten gesehen, dass Hokn`f nicht nur der Mann war, der Befehle gab, während andere starben. Er war der Mann, der selbst in den Kern des Sturms trat und die Welt zwang, sich zu beugen.
Das hatte Eindruck gemacht.
Er hatte es in den Gesichtern der Magier gesehen.
Nicht nur Angst. Angst war leicht zu gewinnen. Die stille Armee gewann Angst, sobald sie sich bewegte. Der Dämon hatte Angst gewonnen, als er gegen die Pyramide rannte. Nein, was Hokn`f in den Blicken gesehen hatte, war mehr.
Respekt.
Widerwillig vielleicht.
Verstört vielleicht.
Aber Respekt.
Und Respekt war der Anfang von Gehorsam.
Die stille Armee hatte ihren Wert ebenfalls bewiesen. Mit ihr konnte man eine Stellung stürmen, ohne zu viele lebende Kräfte zu verlieren. Tote klagten nicht. Tote zögerten nicht. Tote fragten nicht, ob ein Angriff sinnvoll, ehrenhaft oder notwendig war. Sie gingen. Sie fielen. Sie standen wieder auf, solange genug von ihnen blieb. Und wenn sie endgültig zerbrachen, ersetzte man sie.
Ein besseres Werkzeug konnte ein Heerführer kaum verlangen.
Alles in allem war der Kampf an der Pyramide hervorragend verlaufen.
Natürlich hatte es Verluste gegeben. Natürlich waren einzelne Angriffe unordentlich gewesen. Natürlich hatten manche Befehlshaber gezögert, manche Magier versagt, manche Gruppen nicht die Leistung erbracht, die man von ihnen hätte erwarten dürfen. Aber das war Krieg. Krieg offenbarte Schwächen, und wer klug war, nutzte diese Offenbarung. Die Magier waren nun durch eine Schlacht gegangen. Sie hatten Blut gesehen, Tote, Dämonen, brechende Mauern, das Innere einer feindlichen Festung. Das machte sie brauchbarer.
Kampferfahrung zählte viel.
Mehr als die schönen Formeln der Konklave.
Mehr als die alten Rechte der Schulen.
Mehr als die Empörung jener, die erst dann über Mittel klagten, wenn andere ihnen damit zuvorkamen.
Hokn`f lächelte, während er durch das eroberte Lager ging.
Mondtropfen.
Sehr viele.
Sehr, sehr viele.
Die Kisten waren gesichert worden, auch wenn die Beschwörer zu großes Interesse daran zeigten. Das war zu erwarten gewesen. Marabar hatte den Blick eines Mannes gehabt, der eine neue Zahl in seine Rechnung eintrug. Hokn`f hatte es gesehen. Natürlich hatte er es gesehen. Der Beschwörer war klug, aber Klugheit machte ihn nicht unsichtbar.
Die Mondtropfen gehörten zu den wichtigsten Ergebnissen dieses Sieges.
Mit ihrer Hilfe konnte Hokn`f Wunder wirken.
Nicht Wunder im kindischen Sinn. Nicht das unberechenbare Eingreifen einer Macht, die niemand verstand. Echte Wunder. Gelenkte. Geplante. Nutzbare. Kraft, die in Form gebracht werden konnte. Ein Vorrat an Möglichkeiten. Ein Mittel, um aus Grenzen Übergänge zu machen.
Der Sturm an der Pyramide war nur der Anfang gewesen.
Nur ein Versuch.
Ein erster Beweis.
Er hatte noch nicht einmal gewusst, wie weit er gehen konnte. Er hatte nur einen Tropfen genommen, nur einen einzigen, und dennoch hatte der Wirbel die Mauern eines uralten Werkes zum Nachgeben gezwungen. Was würde geschehen, wenn er die Dosierung besser verstand? Wenn er die stille Armee gezielter damit stärkte? Wenn er ausgewählte Magier kurz vor dem Angriff damit versorgte? Wenn er die Tropfen nicht nur als Verstärker nutzte, sondern als taktischen Vorrat, als letzte Reserve, als Schlag, den niemand erwartete?
Die Möglichkeiten waren weit.
Sehr weit.
Natürlich hatte das Auftauchen des Dämons das Blatt schneller zugunsten der Angreifer geneigt, als es ohne ihn der Fall gewesen wäre.
Das gestand Hokn`f sich zu.
Er war nicht blind.
Bronbt war beeindruckend gewesen. Ein Wesen von roher Gewalt, das gegen Stein lief, als sei Stein nur eine Unverschämtheit, die jemand vergessen hatte, aus dem Weg zu räumen. Sein Horn hatte die Pyramide erschüttert, und selbst Hokn`f hatte einen Augenblick lang gespürt, dass dort eine Macht wirkte, die nicht einfach mit den Begriffen der Schulen zu erfassen war.
Dämonen konnten nützlich sein.
Das würde er im Hinterkopf behalten.
Nicht mehr.
Denn Nützlichkeit bedeutete noch lange nicht Überlegenheit. Ein Dämon war ein Werkzeug der Beschwörer, und Werkzeuge konnten den Besitzer wechseln, wenn man verstand, wie sie gehalten wurden. Vielleicht nicht sofort. Vielleicht nicht bei den großen Wesen. Aber alles, was gebunden werden konnte, hatte eine Schwachstelle. Jede Kette hatte ein Schloss. Jeder Kreis eine Linie. Jeder Beschwörer einen Körper, der blutete, wenn man ihn traf.
Hokn`f dachte bereits weiter.
Die Feurige Feste.
Sie würde fallen.
Nicht leicht. Nein. Das wäre zu viel verlangt. Die Feuermagier waren stur, gut ausgebildet, gefährlich in ihren eigenen Mauern. Manador war kein Narr. Sinadie ebenfalls nicht. Mutter war dort, und Slonda vielleicht auch. Dazu kamen nun vermutlich andere Schulen, wenn die Konklave mehr Bewegung ausgelöst hatte, als Hokn`f lieb war.
Aber die Feste würde fallen.
Sie musste fallen.
Und wenn sie gefallen war, würde der Streit in der Koalition beginnen.
Hokn`f wusste das mit derselben Gewissheit, mit der er wusste, dass Wind immer einen Weg durch Lücken fand. Solange es einen gemeinsamen Feind gab, hielten sich die Spannungen. Sobald dieser Feind gebrochen war, würden die Ansprüche sichtbar werden. Die Beschwörer würden ihren Preis verlangen. Marabar würde lächeln und von Ordnung sprechen. Gochad würde alte Rechte behaupten. Die Magier, die Hokn`f gefolgt waren, würden nach Belohnung, Sicherheit, Stellung verlangen. Manche würden zweifeln. Manche würden plötzlich ihre Skrupel wiederentdecken, wenn die größte Gefahr vorüber zu sein schien.
Dann musste er schnell sein.
Hart.
Unmissverständlich.
Vielleicht durfte er nicht einmal warten, bis der Krieg gegen die Feuermagier vollständig beendet war. Vielleicht musste der nächste Schlag schon vorbereitet sein, während die Mauern der Feste noch brannten. Wer nach einem Sieg innehielt, gab anderen Gelegenheit, aus dem Sieg eine Verhandlung zu machen.
Hokn`f verhandelte nicht, wenn er nehmen konnte.
Er lächelte siegesgewiss in sich hinein, während in seinem Kopf die Pläne Form annahmen.
Zuerst die Feste.
Dann Ordnung innerhalb der eigenen Reihen.
Dann die Beschwörer.
Nicht offen. Nicht sofort. Nicht plump. Sahretûn war gefährlich, und Hokn`f hatte nicht vor, denselben Fehler zu begehen, den so viele vor ihm begangen hatten: einen Feind zu unterschätzen, nur weil man ihn nicht mochte. Nein. Die Beschwörer würden gebraucht werden. Noch. Ihre Dämonen, ihr Wissen, ihre alte Stadt, ihre Arroganz. Alles davon war nützlich.
Aber nützlich war nicht dasselbe wie vertrauenswürdig.
Hokn`f hatte nicht vor, eine Welt zu retten, nur um sie Gochad zu überlassen.
Auf dem Weg nach Norden ließ er an jedem Friedhof halten.
An jeder Begräbnisstätte.
An jedem alten Schlachtfeld, das Kundschafter meldeten.
An jedem verlassenen Dorf, in dem hinter kleinen Steinen Namen lagen, die niemand mehr aussprach.
Die ersten Male hatten einige der lebenden Magier noch weggesehen. Manche hatten sich entfernt. Andere hatten leise protestiert, nicht laut genug, um Mut zu sein, aber laut genug, um sich später sagen zu können, sie hätten nicht geschwiegen. Hokn`f achtete auf solche Menschen. Er merkte sich Gesichter. Nicht alle sofort. Aber genug.
Dann gewöhnten sie sich daran.
Das taten Menschen immer.
Beim ersten geöffneten Grab sprachen sie von Entweihung.
Beim fünften sprachen sie leiser.
Beim zehnten fragten sie, wie lange der Aufenthalt dauern würde.
Beim zwanzigsten schickten sie selbst Männer mit Schaufeln.
Hokn`f beobachtete diese Veränderung mit stiller Zufriedenheit.
Moral war oft nur der Name für eine Gewohnheit, die noch nicht lange genug unter Druck gestanden hatte.
Die stille Armee wuchs.
Zuerst füllte er die Bestände wieder auf, die an der Pyramide verloren gegangen waren. Zerschlagene Körper wurden ersetzt, gebrochene Reihen geschlossen, fehlende Masse ergänzt. Doch bald war es mehr als Wiederherstellung. Viel mehr. Der Pulk hinter der Armee wurde größer, dunkler, breiter. Tote Bauern. Tote Soldaten. Alte Knochen aus vergessenen Gräbern. Körper, die kaum noch Form hatten, aber für einfache Aufgaben genügten. Besser erhaltene Leichen wurden nach vorn genommen, mit Zeichen versehen, geordnet, eingeteilt.
Hokn`f arbeitete mühelos.
Oder es schien so.
Er wusste, dass es Kraft kostete. Natürlich. Alles kostete Kraft. Aber die Mondtropfen änderten das Verhältnis. Was früher eine Grenze gewesen wäre, war nun nur noch Aufwand. Was früher Erschöpfung bedeutet hätte, war nun eine Frage der Einteilung. Man musste nicht jeden Toten gut machen. Nur gehorsam. Man musste nicht jede Bindung schön ausführen. Nur stabil genug, um bis zur Feurigen Feste zu marschieren.
Er begann, seine stille Armee in Gruppen zu gliedern.
Schwere Körper für den ersten Druck.
Schnelle Körper für Breschen.
Knochenhafte für Ablenkung.
Frische für gezielte Angriffe.
Magierleichen, soweit brauchbar, unter besonderer Aufsicht.
Er hatte gelernt.
Die Pyramide hatte ihn gelehrt.
Hokn`f ritt oft nicht mehr an der Spitze der lebenden Armee, sondern zwischen ihr und den Toten. Dort, wo beide Ordnungen sich berührten. Vor ihm marschierten Magier, Soldaten, Verbündete, Überzeugte, Ängstliche, Ehrgeizige. Hinter ihm die stille Armee, die keine Überzeugung brauchte. Das gefiel ihm. Es war ein Bild der Welt, wie sie sein sollte.
Wille vorn.
Gehorsam hinten.
Und er dazwischen.
Als Achse.
Am dritten Tag nach dem Fall der Pyramide ließ er an einem alten Friedhof halten, der neben einer aufgegebenen Wegstation lag. Die Steine waren verwittert, die Namen kaum lesbar, die Umfriedung halb eingefallen. Ein Ort, der vergessen worden war, bis Hokn`f ihn wieder nützlich machte.
Die Gräber öffneten sich.
Er hob die Hand.
Die ersten Körper bewegten sich.
Manche nur als Knochen, die klappernd aus Erde und Stoff stiegen. Manche mit Resten von Haut, Haar, Kleidung, persönlichem Schmuck. Ein Kind war darunter. Das ließ einen der jüngeren Magier würgen. Hokn`f ließ den kleinen Körper wieder sinken. Nicht aus Mitleid. Aus Zweckmäßigkeit. Zu klein. Zu brüchig. Zu störend für die Moral der Lebenden.
Man musste nicht jede Grenze zugleich überschreiten.
Nur die, die nützlich war.
Die übrigen Toten reihten sich ein.
Ohne Fragen.
Ohne Anklage.
Ohne Dank.
Hokn`f spürte, wie die stille Armee hinter ihm wuchs, und mit ihr wuchs die Gewissheit in seinem Inneren.
Die Feurige Feste würde brennen.
Die Schulen würden sich beugen.
Die Beschwörer würden lernen, dass sie nicht die Einzigen waren, die alte Kräfte zu benutzen wussten.
Und wenn Mutter, Manador, Slonda und all die anderen glaubten, sie könnten ihm mit neuen Sitzen, alten Rechten und verborgenen Schulen die Ordnung entreißen, dann hatten sie den Sinn dieser Zeit nicht verstanden.
Die alte Welt war vorbei.
Eine neue musste geformt werden.
Hokn`f sah nach Norden.
Dort, irgendwo hinter Staub, Straße und kommenden Toten, lag die Feste aus Feuer.
Er lächelte.
„Weiter“, befahl er.
Die Armee setzte sich in Bewegung.
Lebende vorn.
Tote hinten.
Und über allem der Wille eines Mannes, der nicht mehr glaubte, nach Macht zu greifen.
Er glaubte, sie endlich auszuüben.
10
Fontal war müde.
Nicht nur erschöpft.
Müde.
Es gab eine Erschöpfung, die aus dem Körper kam. Aus zu wenig Schlaf, zu langen Ritten, falschem Essen, Wunden, Staub in der Kehle, steifen Fingern an den Zügeln. Diese Erschöpfung kannte sie. Jeder Magier, der je eine längere Reise oder eine ernsthafte Übung hinter sich gebracht hatte, kannte sie. Man konnte sie ertragen. Man konnte sie schlafen. Man konnte sie essen. Man konnte sie mit Willen übergehen, bis der Körper irgendwann forderte, was ihm zustand.
Aber das hier war tiefer.
Fontal war müde von dem, was sie gesehen hatte.
Sie und die Magier, die ihr noch immer folgten, waren durch Feuer gegangen, auch wenn es nicht immer Feuer gewesen war. Sand, Tote, Sondra, Dämonen, Breschen, Blut auf hellem Stein, die Halle der Erinnerung, Mondtropfen in toten Händen. Sie hatten einen Kampf geführt, der härter gewesen war, als sie es sich zu Beginn auch nur hätte vorstellen können. Nicht härter im Sinne von mehr Feinden oder größerer Gefahr. Härter, weil der Kampf ihnen nicht erlaubte, sich selbst weiterhin für gut zu halten.
Es gab keine Gnade in diesem Krieg.
Und keine Erlösung.
Nicht für die Sondra, die bis zum Tod gekämpft hatten.
Nicht für die Magier, die glaubten, auf der richtigen Seite zu stehen und doch immer öfter wegsahen.
Nicht für die Toten, die aus ihren Gräbern geholt wurden.
Nicht für jene, die Befehle ausführten, obwohl sie längst wussten, dass Befehle nicht mehr genügten, um Schuld zu erklären.
Nach dem Fall der Pyramide hatte Fontal erwartet, dass sie wenigstens rasten würden.
Nicht aus Menschlichkeit. Die traute sie Hokn`f kaum noch zu. Aber aus Notwendigkeit. Die Armee war erschöpft, die Ordnung beschädigt, die Magier verstört, die Toten mussten neu gegliedert werden, die Beute gesichert, die Verletzten versorgt, die Nachrichten sortiert. Selbst ein kalter Feldherr hätte eine Pause gebraucht, wenn auch nur, um seine Kräfte zu zählen.
Hokn`f brach fast sofort nach Norden auf.
Keine Pause.
Kein wirklicher Widerspruch.
Niemand hatte mehr die Kraft, oder niemand hatte mehr den Mut.
Vielleicht war das inzwischen dasselbe.
Mit seinen neuen Verbündeten war aus dem, was im Tal der Pyramide begonnen hatte, endgültig eine Armee geworden. Nicht mehr nur ein Zusammenschluss aus Magiern, die einem politischen Befehl folgten. Nicht mehr nur ein Heereszug aus Schulen, die zu spät begriffen hatten, welchem Mann sie sich angeschlossen hatten. Nun gingen Beschwörer zwischen ihnen. Männer mit kahlen Schädeln, tätowierter Haut, dunklen Gewändern und Zähnen, die zu spitz wirkten, wenn sie lächelten. Sie sprachen höflich. Zu höflich. Sie bewegten sich nicht wie Gäste, sondern wie Menschen, die jedes Lager nur als vorübergehend fremden Besitz betrachteten.
Fontal fürchtete sie.
Nicht so, wie sie den Dämon Bronbt gefürchtet hatte.
Das war eine andere Angst gewesen. Uralt, körperlich, fast tierisch. Bronbt hatte das Tal hinaufgestürmt, und jedes Wesen mit Instinkt hatte begriffen, dass dort etwas kam, das nicht überredet, nicht eingeschüchtert, nicht müde gemacht werden konnte.
Die Beschwörer waren schlimmer.
Sie sahen einen an, als wüssten sie bereits, welche Teile der Seele zuerst brechen würden.
Fontal wusste, dass sie auf der falschen Seite stand.
Der Gedanke kam inzwischen nicht mehr als Anklage.
Er war nur noch Wahrheit.
Sie stand auf der falschen Seite.
Aber sie wusste auch, dass sie nicht einfach hinüberwechseln konnte. Nicht ohne ihre Leute zu riskieren. Nicht ohne From zu gefährden. Nicht ohne jene Magier, die noch auf sie hörten, den Toten hinter der Armee auszuliefern. Hokn`f hatte den Ring um die Sondra geschlossen, doch in Wahrheit hatte er auch seine eigenen Verbündeten eingekreist. Vor ihnen der Feind. Hinter ihnen die stille Armee. Neben ihnen die Beschwörer.
Wer ging, starb.
Wer blieb, verlor etwas anderes.
Fontal hoffte auf eine Gelegenheit.
Sie wusste nicht, welche.
Ein Fehler Hokn`fs. Ein Angriff, der die Ordnung zerriss. Ein Moment, in dem die Feurige Feste nah genug und die stille Armee weit genug entfernt war. Eine Nachricht. Ein Zeichen. Vielleicht Anadar. Vielleicht Slonda. Vielleicht Mutter.
Vielleicht niemand.
Der kleine Funke Hoffnung, der ihr blieb, war beinahe lächerlich.
Aber er war das Einzige, was sie aufrecht hielt.
Nach vielen Tagen auf dem Pferd änderte sich das Land.
Zuerst kaum merklich. Der Staub wurde dunkler. Das Gras niedriger. Büsche standen vereinzelter, gekrümmt vom Wind, als hätten sie nie geglaubt, hier wirklich wachsen zu dürfen. Dann trat der schwarze Stein hervor. Nicht als einzelne Felsen, sondern als Grund. Vulkanisches Gelände, hart, unbewachsen, spröde, als sei Feuer vor langer Zeit erstarrt und habe der Erde verboten, weich zu werden.
Fontal hob den Kopf.
Am unteren Ende des weiten Landes, erhöht auf Felsen, lag die Feurige Feste.
Sie hatte Geschichten über sie gehört.
Natürlich hatte sie das.
Jeder hatte Geschichten über sie gehört. Die Feste am Meer. Die Schule des Feuers. Der Ort, an dem Schüler lernten, Flammen zu formen, bevor sie lernten, sich vor ihnen zu fürchten. Eine Bastion, ein Trotzbau, ein Denkmal gegen Stürme, Feinde und Vernunft.
Doch die Wirklichkeit war größer.
Nicht unbedingt höher, nicht prächtiger, nicht schöner als die Erzählungen. Größer in ihrer Bedeutung. Sie stand dort, als habe sie nie gefragt, ob sie stehen dürfe. Mehrere Mauerringe umgaben sie, angepasst an das schwarze Gelände, nicht dagegen gebaut, sondern daraus gewachsen. Wege führten hinab und hinauf, wenige nur, schmal, schwer, leicht zu sperren. Überall Felsen, Geröll, Kanten, abrupte Senken, kaum Pflanzen. Eine Armee hier aufmarschieren zu lassen war möglich, aber nicht bequem. Und Hokn`fs Armee war inzwischen groß genug, dass Unbequemlichkeit gefährlich werden konnte.
Hinter der Feste erstreckte sich die Landzunge.
Meer auf mehreren Seiten.
Grau, weit, unruhig.
Fontal sah die Mauern.
Die Türme.
Die erhöht liegende Feste im Inneren, hart und dunkel gegen den Himmel, und sie hatte plötzlich den Eindruck, dass dieser Ort nicht gebaut worden war, um schön zu sein. Er war gebaut worden, um eine Antwort zu geben.
Komm.
Hol mich.
Wenn du kannst.
Sie schluckte.
Das würde kein Spaziergang werden.
Nicht mit allen Magiern.
Nicht mit der stillen Armee.
Nicht mit den Beschwörern.
Vielleicht nicht einmal mit Dämonen.
Schon aus der Entfernung sah sie die Verteidiger auf den Mauern. Punkte zuerst, dann Linien, dann Formationen. Banner. Lichtzeichen. Feuerstellen. Bewegungen, die zu geordnet waren, um zufällig zu sein. Die Feste wartete. Nicht überrascht. Nicht leer. Nicht eingeschüchtert.
Sie waren vorbereitet.
Fontal spürte ein gefährliches, fast schmerzhaftes Aufatmen.
Nicht weil das gut war.
Weil es bedeutete, dass dort jemand begriffen hatte.
Die Armee hielt auf den Höhen vor dem schwarzen Gelände an. Befehle wurden gerufen, Lagerplätze zugewiesen, Trupps verschoben, Kundschafter ausgesandt. Die stille Armee sammelte sich weiter hinten, ein dunkler Pulk, der auf dem helleren Land noch falscher wirkte als in der Wüste. Tote zwischen Gras und Stein. Tote unter offenem Himmel. Tote, die nicht müde wurden, während die Lebenden von den Pferden stiegen und ihre Beine kaum noch spürten.
Fontal saß ab.
From trat neben sie.
„Sie haben sich vorbereitet“, sagte From leise.
„Ja.“
„Das ist gut.“
Fontal sah sie an.
Froms Mund war hart.
„Für wen?“
Fontal antwortete nicht.
Sie wusste es nicht mehr.
Vielleicht war es gut für die Welt, wenn die Feste hielt.
Vielleicht war es schlecht für ihre Leute, wenn sie gegen diese Mauern geschickt wurden.
Vielleicht war beides wahr.
Ein Bote kam zu ihnen.
Jung. Nervös. Er vermied es, Fontal direkt anzusehen.
„Meisterin Fontal. Ihr werdet zur Lagebesprechung gerufen.“
„Von wem?“
„Meister Hokn`f.“
Natürlich.
„Wer ist anwesend?“
Der Bote zögerte.
„Meister Hokn`f. Fürst Gochad. Herr Marabar. Weitere Befehlshaber.“
Fontal spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog.
Gochad also persönlich.
Nicht nur Marabar.
Die Beschwörer waren nicht mehr Begleitung. Sie saßen am Tisch.
„Ich komme“, sagte sie.
Der Bote verneigte sich und ging.
Fontal sah zur Feste hinüber.
Von hier aus wirkte sie zugleich nah und unerreichbar. Wie eine Insel aus Feuerstein inmitten einer Welt, die gerade von allen Seiten her gegen sie anlief.
Über ihr krächzte ein Rabe.
Fontal hob den Blick.
Der Vogel zog allein seine Kreise über dem Lager. Schwarz gegen den hellen Himmel. Er flog nicht wie ein gewöhnlicher Rabe, der nach Abfällen suchte. Er kreiste zu hoch. Zu ruhig. Zu aufmerksam. Einmal senkte er sich ein wenig, als wolle er die Wege zwischen Zelten und Trupps prüfen, dann stieg er wieder.
Fontal folgte ihm mit den Augen.
Ein Rabe.
In einem Heer voller Toter, Beschwörer und Magier hätte ein Rabe niemandem auffallen müssen.
Ihr fiel er auf.
Sie wandte sich ab und ging zur Lagebesprechung.
Hinter ihr kreiste der Rabe weiter über dem Heer.
Vor ihr warteten Hokn`f, Gochad und Marabar.
Und über den schwarzen Felsen hinweg sah die Feurige Feste herab, als habe sie diesen Augenblick seit langer Zeit erwartet.
11
Der erste Angriff war ein Test.
Das sagten sie zumindest.
Hokn`f nannte es eine Erkundung der Verteidigungsfähigkeit. Marabar nannte es eine notwendige Eröffnung. Gochad sagte gar nichts, sondern sah von einer erhöhten Stellung auf die Mauern der Feurigen Feste hinab, als betrachte er nicht eine Festung, sondern eine alte Rechnung, deren Ergebnis ihn interessierte, ohne ihn zu beunruhigen.
Fontal glaubte keinem von ihnen.
Ein Test, der mit Toten geführt wurde, war noch immer ein Angriff.
Sie setzten jenen Teil der stillen Armee ein, der kaum noch aus mehr bestand als Knochen, alten Rüstungsresten, zerfetzten Grabtüchern und dem Willen Hokn`fs. Keine frischen Körper. Keine wertvollen Leiber. Keine Toten, die für gezielte Durchbrüche oder schnelle Vorstöße brauchbar gewesen wären. Nur Masse, Lärm, Bewegung, Druck.
Die Knochenarmee setzte sich in Bewegung.
Sie strömte über das schwarze Gelände, stolpernd, klappernd, schneller als ein natürlicher Körper in diesem Zustand hätte sein dürfen. Zwischen den Felsen und Geröllfeldern wirkten sie wie etwas, das der Boden selbst ausgespuckt hatte. Eine graue, weiße, dunkle Welle aus Gebeinen, die auf den ersten Verteidigungswall der Feurigen Feste zulief.
Die Antwort kam sofort.
Kein Warnschuss.
Kein Ruf.
Kein Versuch, den Angreifern zu zeigen, dass man vorbereitet war.
Ein Sturm aus Feuer brach von den Mauern.
Er kam nicht einfach von oben herab. Er kam aus Schlitzen im Stein, aus Furchen im schwarzen Fels, aus eingelassenen Linien, die Fontal vorher nicht bemerkt hatte. Flammenzungen schlugen quer über die Zugänge, breite Feuerschneisen öffneten sich zwischen Felsen, und aus den Türmen kamen gebündelte Stöße, so hell, dass selbst die Beschwörer im Lager für einen Augenblick die Augen verengten.
Die Knochenarmee zerfiel.
Nicht langsam.
Nicht unter heroischem Widerstand.
Sie wurde hinweggefegt.
Knochen platzten, Rüstungsstücke glühten, alte Schädel sprangen auseinander, Rippenkäfige wurden zu schwarzem Staub. Wo einzelne Körper durch die erste Welle kamen, traf sie die zweite. Wo einige sich aus den Flammen zogen, stürzten Erdmagier aus verborgenen Deckungen Felsen auf sie herab oder Lichtschülerinnen schnitten die Bindungen, die sie noch hielten.
Der Angriff hätte dort enden können.
Tat er nicht.
Denn die Verteidiger warteten nicht ab.
Noch ehe Hokn`f eine neue Anordnung geben konnte, brach mitten im Lager seiner Koalition Tumult aus.
Ein Feuerball schlug zwischen zwei Zeltreihen ein.
Nicht zufällig.
Nicht blind.
Er traf den Bereich, in dem Reservetrupps der Windmagier standen und Boten bereitgehalten wurden. Die Explosion riss Männer zu Boden, schleuderte Stangen, Stoffe und brennendes Leder in die Luft. Schreie folgten. Pferde rissen sich los. Ein zweiter Feuerstoß kam nicht von der Mauer, sondern von einem Felsspalt seitlich des Lagers. Ein verborgenes Feuerteam hatte sich dort eingenistet, wartete seit Stunden oder Tagen und schlug nun mitten in die Ordnung der Angreifer.
Dann war es wieder verschwunden.
Zurück in den Felsen.
Als hätte der Berg selbst Feuer gespuckt.
Vom allerersten Augenblick an gab es kein Abwarten der Feuermagier.
Kein vorsichtiges Taktieren.
Keine Verteidigung, die nur reagierte.
Die Feurige Feste nutzte ihr Gelände mit gnadenloser Präzision. Jeder Weg nach unten war vermessen. Jeder Fels konnte Deckung oder Falle sein. Jede Senke konnte Truppen verschlucken. Jeder Vorsprung konnte plötzlich Licht, Feuer, Pfeile oder Geisterklingen auswerfen. Die Verteidiger überließen den Angreifern nicht die Wahl, wann der Kampf begann und wann er endete. Sie zwangen sie zum Angriff, indem sie Stillstand bestraften.
Das war es, was Hokn`f am meisten erzürnte.
Nicht die Verluste.
Verluste waren Material.
Sondern die Tatsache, dass Manador ihm die Initiative verweigerte.
Am Abend des ersten Tages waren die Knochen fast vollständig verloren, mehrere Lagerabschnitte beschädigt, zwei Nachschublinien verbrannt und eine Einheit der Windmagier so schwer getroffen, dass sie für den nächsten Angriff unbrauchbar wurde.
Hokn`f nannte es weiterhin einen Test.
Niemand widersprach.
Aber niemand glaubte ihm.
Am zweiten Tag setzten sie mehr ein.
Nicht alles.
Noch nicht.
Aber genug, um aus dem Test Krieg zu machen.
Wirbel stiegen aus dem Lager der Windmagier auf und fuhren gegen die äußeren Stellungen. Magier aus mehreren Schulen rückten in geschlossenen Gruppen vor, geschützt durch Schilde, bewegliche Erdbarrieren und dunkle Zeichen der Beschwörer. Die stille Armee folgte ihnen in breiteren Bahnen, diesmal nicht nur Knochen, sondern frischere Körper, schnellere, schwerere, besser gebundene. Und zwischen ihnen liefen Dämonen.
Zuerst kleinere.
Geduckte, hornige Wesen, mit zu langen Armen, zu vielen Zähnen, zu schnellen Bewegungen. Sie sprangen über Felsen, rannten an Mauern hoch, warfen sich gegen Tore und Vorsprünge, suchten Lücken, rissen mit Klauen nach allem, was auf den Wällen stand.
Die Feurige Feste antwortete.
Licht traf die ersten.
Geisterklingen die nächsten.
Die Töchter Sinadies standen auf erhöhten Punkten, Miene und Sindra unter ihnen, und ihr Licht war nicht weich. Es fiel nicht wie Morgen. Es schnitt. Es trennte. Es traf die kleineren Dämonen dort, wo Bindung und Körper einander berührten, und für einen Augenblick sah man, dass diese Wesen nicht einfach Fleisch waren, sondern gezwungene Form.
Dann kamen die Geisterklingen.
Schülerinnen aus Zoordak, bleich vor Anstrengung, aber mit klaren Augen, führten sie an Engstellen. Die Klingen gingen durch Klauen, Kehlen, Schultern, Gelenke. Nicht immer tödlich. Nicht immer bannend. Aber störend. Verstümmelnd. Öffnend. Und wenn ein kleiner Dämon ins Straucheln kam, schlug Feuer hinein.
Fontal sah einen von ihnen in drei Teilen zu Boden gehen.
Er schrie weiter.
Bis eine Lichtschülerin sein Zeichen traf.
Dann war er fort.
Nicht tot.
Fort.
Sie wusste nicht, ob das besser war.
Die größeren Dämonen kamen später.
Sie waren vorsichtiger eingesetzt. Nicht viele. Noch nicht. Aber jeder einzelne veränderte den Kampf. Wenn sie den Mauern zu nahe kamen, bebte der Stein. Einer riss mit beiden Armen eine ganze äußere Brustwehr auf. Ein anderer fraß Feuer und spie es schwarz zurück. Ein dritter schob sich durch eine Lücke, obwohl fünf Feuermagier ihn brannten und zwei Erdmagier Felsen auf ihn niederwarfen.
Dann kam Slonda.
Oder nicht nur Slonda.
Man sah Slonda kaum.
Er stand auf einer inneren Erhöhung des zweiten Walls, weißhaarig, schmal, beinahe zu ruhig für das Toben um ihn herum. Um ihn lagen Zeichen, die nicht lange bestehen blieben. Sie glühten auf, zitterten, zerfielen wieder, wurden von seinen Händen neu gesetzt und verschwanden erneut, als könnten sie in dieser Schlacht nur Augenblicke überleben. Neben ihm stand Xiodrie, dunkel, wild, mit Haaren, die im Wind peitschten. Ihre Hände zeichneten Formen in die Luft, die Fontal nicht verstand, und doch spürte sie, dass sie nicht zauberte wie eine Magierin der Schulen. Xiodrie griff nicht nach Ordnung. Sie griff nach Rissen.
Um Slonda herum arbeiteten Lichtschülerinnen und Geisterschülerinnen. Einige Sondra legten kleine Zeichen aus Mondfarbe auf den Stein, schnell, präzise, ohne aufzusehen. Miene stand etwas tiefer an der Mauer, die Hände erhoben, das Gesicht bleich vor Anstrengung. Neben ihr hielt Sindra eine Lichtlinie offen, die vom Wall bis zu Slondas Kreis reichte.
Der große Dämon, der gerade die Brustwehr niedergerissen hatte, stockte.
Nur für einen Herzschlag.
Aber sichtbar.
Seine Klauen krallten sich in den Stein. Der Kopf fuhr herum, als hätte er etwas gehört, das nicht für Ohren bestimmt war. Dann krümmte sich die Luft um ihn. Feuer schlug nicht mehr direkt in seinen Körper, sondern um ihn herum, in die Stellen, an denen seine Form an diese Welt gebunden war. Licht traf nicht mehr seine Haut, sondern den Raum, an dem er hing.
Der Dämon brüllte.
Die Beschwörer im Lager antworteten sofort. Drei von ihnen warfen sich in ihre Kreise, die Hände auf den Boden gepresst, die Stimmen scharf, schnell, voller Zwang. Die Bindung hielt. Nicht gut. Aber sie hielt. Der Dämon rammte die Klauen tiefer in den Stein und zog sich wieder vorwärts, Schritt für Schritt, gegen Slondas Bann an.
Miene sank auf ein Knie.
Sindra schrie etwas, das im Lärm unterging, und verstärkte die Lichtlinie.
Slonda hob die Hand.
Nicht hoch. Nicht dramatisch.
Nur genug.
„Jetzt“, sagte er.
Xiodrie schlug mit beiden Fäusten in den Boden.
Die Zeichen aus Mondfarbe flammten auf. Mienes Licht fuhr durch sie hindurch, Sindras Linie riss sich wie ein glühender Faden um den Dämon, und Slondas Bann schloss sich. Für einen Augenblick sah Fontal nicht mehr den Körper des Wesens, sondern etwas dahinter. Hunger. Form. Zwang. Einen Namen, der nicht ausgesprochen wurde und dennoch unter Druck geriet.
Der Dämon bäumte sich auf.
Dann wurde er zurückgerissen.
Nicht fortgeschleudert.
Nicht getötet.
Aus der Welt genommen.
Gebannt.
Dort, wo er eben noch gestanden hatte, blieb nur ein schwarzer Abdruck im Stein, aus dem Rauch stieg.
Die Verteidiger schrien nicht vor Jubel.
Sie hatten keine Zeit.
Denn im selben Augenblick brach hinter den Linien der Angreifer ein zweiter Kampf aus.
Aus einem Riss im Fels, den die Beschwörer für eine natürliche Spalte gehalten hatten, stürzte ein verborgener Trupp hervor. Feuermagier zuerst, dann Sondra, zwei Geistesschülerinnen und ein Zwerg mit einer Axt, die fast so breit war wie seine Brust. Sie kamen nicht viele. Vielleicht zwölf. Vielleicht weniger. Aber sie kamen an der richtigen Stelle.
Direkt hinter den Schutzkreisen der Beschwörer.
Der erste Feuerstoß traf einen Kreis von außen und riss die Linien auf. Eine Sondra sprang durch den Rauch und schnitt einem der Beschwörer die Hand ab, bevor dieser seinen Bann erneuern konnte. Eine Geisterklinge fuhr durch den Rücken eines zweiten, nicht tief genug, um ihn sofort zu töten, aber tief genug, dass seine Stimme brach. Der Zwerg schlug einen Pfahl aus schwarzem Holz aus dem Boden, und der Kreis daneben erlosch, als hätte jemand ihm den Atem genommen.
Für einen Augenblick geriet die ganze Beschwörungslinie ins Wanken.
Die Dämonen an der Mauer spürten es.
Einer von ihnen taumelte. Ein anderer wandte sich gegen die eigene Flanke, bis zwei Beschwörer ihn schreiend zurückzwangen. Ein dritter löste sich nicht, aber seine Form flackerte, und die Lichtschülerinnen auf dem Wall nutzten den Augenblick. Lichtklingen schlugen in seine Bindung, Feuer folgte, und das Wesen wurde in eine Senke zurückgedrängt, wo Erde über ihm zusammenbrach.
Marabar reagierte als Erster.
Er stand nicht dort, wo der Angriff einschlug, aber seine Hand fuhr hoch, und drei schwarze Zeichen öffneten sich zwischen den Beschwörern und dem verborgenen Trupp. Eine Sondra wurde zurückgerissen, als habe eine unsichtbare Klaue sie gepackt. Einer der Feuermagier fing Feuer, nicht von außen, sondern von innen, und warf sich schreiend zu Boden. Die Geistesschülerinnen wichen zurück, bleich, blutend, aber sie hatten getan, wofür sie gekommen waren.
Die Beschwörer waren gezwungen, ihre Dämonen loszulassen.
Nicht ganz.
Aber genug.
Mehrere Kreise wurden hastig geschlossen. Andere brachen ab. Tote wurden herangezogen, um die Lücke zu füllen. Lebende Magier warfen Schutzschilde auf, während die verborgenen Verteidiger sich bereits wieder in den Felsspalt zurückzogen. Zwei schafften es nicht. Der Rest verschwand so schnell, wie er gekommen war.
Zurück blieb Unordnung.
Nicht viel.
Aber genug, dass die Feurige Feste den nächsten Dämon bannen konnte, bevor er die Mauer erreichte.
Fontal sah es und begriff, weshalb diese Verteidigung so gefährlich war.
Die Feste hielt nicht nur stand.
Sie griff in die Hand, die sie würgte.
Die Beschwörer lernten schnell.
Das musste Fontal ihnen lassen.
Nach diesem Angriff ließen sie die Dämonen nicht mehr blind anrennen. Sie schützten ihre Kreise besser. Sie stellten lebende Magier um sich, dann Tote, dann beides. Sie bewegten ihre Beschwörungen weiter nach hinten, dort, wo die Feuertrupps der Feste schwerer hinkamen, und legten zusätzliche Zeichen gegen Angriffe aus den Felsen.
Aber das hatte seinen Preis.
Jeder Kreis, der sie selbst schützte, fehlte im Angriff. Jeder Tote, der einen Beschwörer bewachte, fehlte an der Mauer. Jeder Magier, der einen Rücken deckte, konnte nicht nach vorne schlagen.
Die Feurige Feste war nicht nur Mauer.
Sie war ein Gelände, das zurückbiss.
Aus Felsgängen, die niemand auf den Karten der Angreifer gefunden hatte. Aus Spalten, die wie natürliche Risse gewirkt hatten. Aus unterirdischen Wegen, die offenbar älter waren als die äußeren Mauern. Kleine Trupps aus Feuermagiern, Sondra, Geisterschülerinnen und manchmal Dunkelelfen stießen ins Lager, schlugen gegen Beschwörer, zerstörten Kreise, warfen Flammen in Vorräte und verschwanden wieder, bevor die stille Armee sie umschließen konnte.
Einmal stand ein Trupp plötzlich kaum dreißig Schritte von Marabar entfernt.
Für einen kurzen Augenblick wurde das Lager still.
Dann griffen die Beschwörer selbst ein.
Marabar blieb ruhig, doch um ihn herum brach schwarzes Licht aus drei Schutzzeichen. Zwei Sondra wurden zurückgeschleudert. Eine Geisterschülerin sank auf die Knie, Blut aus Nase und Mund. Ein Feuermagier warf eine Flamme, die von etwas Unsichtbarem zur Seite gerissen wurde. Dann kamen Tote von beiden Flanken, und der Trupp musste sich zurückziehen.
Aber der Schaden war angerichtet.
Nicht körperlich.
Strategisch.
Von diesem Moment an mussten die Beschwörer einen erheblichen Teil ihrer Kraft auf eigene Sicherung verwenden. Schutzkreise. Wachen. Tote als Puffer. Magier als Schild. Jeder Bann, den sie für sich selbst wirkten, fehlte im Angriff. Jeder Dämon, der auf Befehl wartete, während sein Beschwörer den eigenen Kreis stabilisierte, gab den Verteidigern Zeit.
Die Feurige Feste zwang auch Sahretûn zur Vorsicht.
Das war vielleicht ihr erster echter Sieg.
Die stille Armee hatte ebenfalls Schwierigkeiten.
Hokn`f hatte geglaubt, die Toten würden die äußeren Verteidigungen überschwemmen. Und sie taten es, teilweise. Aber die Feuermagier und ihre Verbündeten hatten gelernt. Sie wussten inzwischen, wie man die Toten lenkte, ohne sich auf einen offenen Schlagabtausch einzulassen. Sie warfen Feuer nicht immer frontal, sondern trieben die Leiber in falsche Wege, in Senken, auf brüchigen Grund. Erdmagier öffneten schmale Risse, gerade tief genug, um Reihen ins Stolpern zu bringen. Lichtgruppen zerstörten die Bindungen einzelner Knotenpunkte, so dass ganze Trauben von Körpern für Augenblicke orientierungslos wurden. Sondra schnitten Beine, nicht Köpfe, und ließen Leiber zurück, die den Nachfolgenden den Weg versperrten.
Es war nicht schön.
Aber es war wirksam.
Hokn`f musste selbst eingreifen.
Immer wieder.
Wenn ein Vorstoß festsaß, kam sein Wirbel. Wenn ein Durchbruch drohte zu scheitern, stieg Sand und schwarzer Staub auf. Wenn die Verteidiger eine Rampe aus Toten verbrannten, warf er einen Sturm darüber, erstickte das Feuer, schleuderte neue Leiber nach vorn. Er war groß geworden in diesem Krieg, größer als sein eigener Körper, ein Wille aus Wind, der über das Feld fuhr und Breschen schlug, wo andere nur Verluste sahen.
Aber jedes Eingreifen kostete.
Fontal sah es.
Vielleicht sahen es auch andere.
Der Mondtropfen gab ihm Kraft, doch sie war nicht sauber. Nach jedem großen Wirbel wirkte Hokn`f für einige Atemzüge leerer, dann heller, dann zorniger. Als würde etwas in ihm nach jedem Einsatz nicht einfach erschöpft, sondern ausgehöhlt und sofort wieder mit gefährlicherem Feuer gefüllt.
Er bemerkte es nicht.
Oder wollte es nicht bemerken.
Am Ende des zweiten Tages fiel der erste Verteidigungswall.
Nicht vollständig zerstört.
Nicht überrannt in einem einzigen Triumph.
Er wurde unhaltbar.
Manador gab den Rückzugsbefehl rechtzeitig.
Das sah jeder, der hinsah.
Die Verteidiger brachen nicht. Sie wichen. Sondra deckten die Bewegungen. Feuermagier legten brennende Sperren. Erdmagier ließen an drei Stellen die Wege hinter sich einbrechen. Lichtschülerinnen hielten die Toten fern, bis die letzten Verwundeten durch waren. Dann zogen sie sich in den zweiten Ring zurück.
Der erste Wall fiel.
Und nahm viele Angreifer mit sich.
Als Hokn`fs Armee endlich dort stand, wo die Verteidiger am Morgen noch gestanden hatten, war der Boden verbrannt, zerbrochen, mit Fallen versehen und voller Toter, die nicht wieder aufstanden.
Vor ihnen lag der zweite Wall.
Größer.
Besser geschützt.
Höher im Gelände.
Und offensichtlich vorbereitet.
Die Angreifer hatten mit vielem gerechnet.
Mit Feuer.
Mit Trotz.
Mit starken Mauern.
Mit Manadors Starrsinn.
Aber nicht mit einer solchen Effizienz.
Nicht mit dieser Art Gegenwehr, die keine Tapferkeit vorführte, sondern jeden Schritt kostspielig machte. Nicht mit einer Verteidigung, die wusste, dass sie nicht jeden Angriff verhindern musste, sondern nur jeden Erfolg vergiften.
Am dritten Tag begann das eigentliche Ringen.
Die Angreifer änderten ihre Taktik.
Sie schützten die Beschwörer besser. Sie stellten die stillen Körper nicht mehr nur als Masse voran, sondern als bewegliche Wälle um die Kreise. Sie ließen kleinere Dämonen seltener allein vorstürmen und riefen größere, gefährlichere Wesen, deren Bannung länger dauerte und mehr Kraft band. Die Magier griffen konzentrierter an, nicht mehr überall zugleich, sondern auf ausgewählte Punkte. Hokn`f nutzte seine Wirbel nicht mehr nur als Zorn, sondern als Werkzeug, um Breschen zu schlagen und den Augenblick danach sofort mit Toten zu füllen.
Die Verteidiger antworteten.
Jede Bresche wurde zu einer Falle.
Jeder eroberte Hof zu einem brennenden Becken.
Jeder scheinbare Rückzug zu einem Schnitt in die Flanke.
Manador führte nicht von einem Thron aus. Er war auf den Mauern, in den Höfen, an den Engstellen. Sinadie stand bei den Lichtgruppen und schickte ihre Töchter dorthin, wo die Dunkelheit am dichtesten wurde. Slonda und Xiodrie jagten nicht jeden Dämon. Sie wählten. Sie warteten, bis ein großer zu weit vorstieß oder ein Beschwörer zu viel Kraft in eine Bindung legte. Dann schlugen sie zu.
Zars und die Sondra machten aus dem Gelände ein Netz.
Dunkelelfen unter Prinz Zarad kamen nachts.
Zwerge hielten tiefe Zugänge, die kein Toter ohne zertrümmerte Beine passierte.
Geistesschülerinnen standen bleich und zitternd in den Zwischenringen und schnitten Bindungen, bis manche von ihnen nur noch mit Hilfe aufrecht standen.
Der Kampf wurde nicht entschieden.
Er wurde verbraucht.
Mann um Mann.
Körper um Körper.
Kreis um Kreis.
Wall um Wall.
Am vierten Tag fiel der zweite Verteidigungswall.
Wieder nicht als Zusammenbruch.
Als Entscheidung.
Manador sah, dass er nicht mehr zu halten war. Die Flanke war zu stark beschädigt, zwei Dämonen hatten sich zu tief in den südlichen Abschnitt gefressen, und Hokn`fs Wirbel hatte eine Bresche geschlagen, groß genug, um die stille Armee hindurchzupressen. Ein sturer Mann hätte gehalten, bis alle dort starben.
Manador war stur.
Nicht dumm.
Der Rückzug zum dritten Ring begann noch vor Sonnenuntergang.
Geordnet.
Bitter.
Teuer.
Die Angreifer drängten nach, wurden aber dreimal zurückgeschlagen. Ein Feuergang zündete unter ihren Füßen und verschlang eine ganze Gruppe Toter. Sondra brachen aus einem Seitentunnel hervor und töteten zwei Beschwörer, bevor sie selbst verschwanden. Eine Lichtgruppe bannte einen niederen Dämon direkt in der Bresche, wodurch der Angriff für kostbare Augenblicke stockte.
Dann schloss sich der dritte Ring.
Die Angreifer standen vor ihm.
Nähe war kein Sieg.
Das begriffen sie nun.
Die Feurige Feste bestand nicht aus einer Mauer.
Sie bestand aus Schichten.
Aus Gelände.
Aus Feuer.
Aus Menschen, die wussten, dass sie zurückweichen konnten, ohne zu fliehen.
Dennoch kamen die Angreifer näher.
Tag um Tag.
Schritt um Schritt.
Die äußeren Hänge lagen hinter ihnen. Zwei Verteidigungswälle waren gefallen. Die schwarze Erde war von Feuer, Blut, Asche und zerbrochenen Knochen bedeckt. Die stille Armee war geschrumpft und wieder aufgefüllt worden. Dämonen waren gebannt, verletzt, zurückgerissen oder erneut gerufen worden. Magier starben auf beiden Seiten. Sondra verschwanden in Gängen und kehrten nicht immer zurück. Zwerge trugen Verwundete in die Tiefe. Dunkelelfen schossen aus Schatten, bis die Beschwörer begannen, selbst Schatten zu fürchten.
Es gab kaum Pausen.
Die Nächte gehörten nicht mehr der Ruhe, sondern Reparaturen, neuen Kreisen, Bergung von Verwundeten, Sortieren von Toten, leisen Angriffen, Gegenangriffen, Feuerzeichen am Himmel. Die Tage gehörten den großen Vorstößen.
Die Verluste waren hoch.
Auf allen Seiten.
Aber Hokn`fs Heer machte Raum gut.
Die Feurige Feste lag nun näher.
Ihre eigentlichen Mauern standen noch immer. Hoch, hart, trotzig, mit der inneren Feste darüber wie einem glühenden Herzen aus Stein.
Doch zwischen den Angreifern und diesem Herzen lagen nun weniger Ringe als zuvor.
Hokn`f sah das.
Marabar sah es.
Gochad sah es.
Manador sah es ebenfalls.
Und jeder von ihnen verstand etwas anderes darin.
Für Hokn`f war es Beweis.
Für Marabar Gelegenheit.
Für Gochad Geduld.
Für Manador Zeitgewinn.
Denn jeder Wall, der fiel, hatte etwas gekauft.
Stunden.
Kräfte.
Wunden.
Erschöpfung.
Erkenntnis.
Und vielleicht, wenn die Welt noch nicht ganz verloren war, genug Zeit für das, was noch kommen musste.
Am Abend des vierten Tages stand Fontal auf einem eroberten Abschnitt des zweiten Walls und sah hinauf zum dritten Ring.
Über ihr kreiste wieder der Rabe.
Er hatte die Schlacht überlebt.
Oder war nie wirklich Teil von ihr gewesen.
Fontal sah ihn an, während unten die stille Armee neu geordnet wurde und irgendwo ein Dämon in einem Kreis heulte.
„Beeil dich“, flüsterte sie, ohne zu wissen, ob sie Morgut meinte, Anadar, Mutter oder irgendeine Hoffnung, die noch keinen Namen hatte.
Der Rabe krächzte.
Dann flog er Richtung Feste.



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