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Anadar VIII/II

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 28. Mai
  • 56 Min. Lesezeit

8

 

Anadar ritt aufrecht und ohne jede erkennbare Hast nach Ashambrat ein. Schon seine Haltung sagte genug. Er kam nicht wie ein Bittsteller. Nicht wie ein Gesandter, der auf Einlass hoffen musste. Er kam wie jemand, der wusste, dass man ihm die Tore öffnete, weil es klüger war, dies zu tun.

Am Stadttor wurde er dennoch angehalten.

„Wer begehrt Einlass“, schnauzte ihn eine der Wachen an, bemüht scharf, bemüht wachsam, und in genau diesem bemühten Ton lag bereits mehr Unsicherheit als Autorität.

Anadar brachte sein Pferd zum Stehen und blickte den Mann ruhig an. Dann schlug er seinen Umhang ein wenig zurück, gerade weit genug, dass der andere ihn besser erkennen konnte.

„Mein Name ist Meister Anadar von der Feurigen Feste“, sagte er. „Meister Hokn`f erwartet mich.“

Er sagte es nicht laut. Nicht drohend. Nur mit jener schlichten Selbstverständlichkeit, die oft schwerer wog als jede Schärfe.

Die Wache blickte sich unbehaglich um. Anadar sah dem Mann förmlich an, wie zwei widerstreitende Pflichten in ihm rangen. Der Auftrag, niemanden ungeprüft weiterzulassen. Und der Wunsch, um keinen Preis ausgerechnet mit diesem Mann Ärger zu bekommen.

„Was gibt es hier.“

Ein zweiter trat hinzu. Anadar kam die Gestalt entfernt bekannt vor, ohne dass er sie sofort einordnen konnte. Der Mann musterte ihn, und dann setzte eine späte Erkenntnis ein.

„Meister Anadar“, sagte er rasch. „Kommt weiter, bitte. Kommt in den Schatten. Gebt uns Gelegenheit, euer Kommen zu melden, damit in der Schule alles vorbereitet werden kann.“

Anadar lächelte nur flüchtig.

„Ich denke, ich werde erwartet“, sagte er. „Und wir sollten nicht unnötig Zeit verschwenden. Ich kenne den Weg.“

Damit setzte er sein Pferd wieder in Bewegung.

Er ritt nicht schnell. Gerade langsam genug, dass die Wachen Meldung machen konnten. Gerade rasch genug, dass niemand allzu viel Zeit gewann, irgendetwas sauber vorzubereiten. Das genügte ihm.

Während er durch die Straßen ritt, ließ er den Blick schweifen.

Ashambrat hatte sich verändert.

Nicht nur ein wenig. Nicht nur in jener stillen Weise, in der Städte sich mit den Jahren verschieben. Nein. Etwas an ihr war gespannt. Eingezogen. Als hätte die Stadt selbst gelernt, die Schultern hochzuziehen und auf den nächsten Schlag zu warten. Es waren weniger Menschen auf den Straßen als früher. Weniger Händler, weniger Kinder, weniger loses Geschrei. Dafür mehr Trupps. Bewaffnete Trupps. Nicht nur Stadtwachen. Auch Magier, und manche von ihnen trugen Waffen mit einer Wichtigkeit an der Hüfte, die schon verriet, dass sie den Umgang damit erst neuerdings für bedeutsam hielten.

Anadar hatte diese Unbeholfenheit bereits von oben beobachtet, als er sich der Stadt in anderer Gestalt genähert hatte. Kleine Gruppen von Magiern, die marschierten, als könne man Entschlossenheit durch Schrittfolge ersetzen. Männer und Frauen, die Schwerter oder Speere trugen und dabei wirkten, als hätten sie sich erst vor kurzem eingeredet, das gehöre nun zu ihnen. Ein einziger Trupp guter Feuermagier, dachte Anadar, könnte diese Stadt vermutlich in kurzer Zeit aufreiben.

Vermutlich.

Der Gedanke gefiel ihm nicht. Nicht nur, weil er wahr sein mochte. Sondern weil dieser Wirbelzauber, den er aus der Ferne hatte beobachten können, ihm ein wenig Kopfzerbrechen bereitete. Er war grob. Unsauber. Aber nicht harmlos.

Also beobachtete Anadar weiter, so viel er konnte, während er durch die Straßen ritt, vorbei an den Gärten, hinauf zu jenem Hof, in dem Hokn`f nun seinen Sitz eingerichtet hatte. Schon aus der Bewegung ringsum spürte er, dass sich sein Kommen herumgesprochen hatte. Überall war hektisches Treiben. Menschen verschwanden in Türen. Andere liefen quer über Höfe. Eine Botschaft jagte die nächste.

Er ignorierte alles und stieg erst im Hof vom Pferd.

Genau in diesem Augenblick trat Hokn`f aus der Schule.

Natürlich blieb er oben auf dem Treppenabsatz unter den Säulen stehen.

Spielchen.

Anadar konnte Spielchen auch.

Er ließ sich nicht sofort zu ihm hinauflocken. Stattdessen kniete er sich erst einmal hin, als habe er unterwegs Staub oder Schmutz an seinen Stiefeln entdeckt, und wischte mit ruhiger Gründlichkeit darüber. Er wusste, dass Hokn`f ihn beobachtete. Er wusste auch, dass jede unnötige Sekunde oben auf der Treppe den Mann ein wenig mehr reizte.

Erst dann stieg er hinauf.

Sein Pferd ließ er mitten im Hof stehen. Irgendjemand würde sich schon darum kümmern.

Hokn`f kam ihm nun entgegen, mit ausgebreitetem Lächeln und jener eingeübten Herzlichkeit, die Männern besonders gut gelingt, wenn sie einen anderen am liebsten sofort wieder loswerden würden.

„Meister Anadar“, sagte er. „Welch eine Ehre, euch hier in Ashambrat begrüßen zu dürfen.“

Er streckte die Hand aus.

Anadar nahm sie.

„Meister Hokn`f“, erwiderte er. „Wenn ein Bruder so nach Hilfe ruft, kann ich ja schlecht nein sagen.“

Der Satz traf. Anadar sah es sofort. Nicht tief. Nur an der kleinsten Verhärtung um den Mund, an dem kaum merklichen Stocken in den Augen, an der Spur Verärgerung, die über Hokn`fs Gesicht huschte, ehe er sie wieder unter Höflichkeit begrub.

Anadar ließ seine Hand los und bewegte den Kopf ein wenig, als wolle er sein Genick lockern.

„Harter Ritt bis hierher“, beklagte er sich mit jener beiläufigen Müde, die in Wahrheit nur dazu diente, dem anderen die erste Frage aus der Hand zu nehmen.

„Kommt herein, Meister, kommt herein“, sagte Hokn`f rasch. „Tzadier kennt ihr.“

Er deutete auf einen hageren Magier neben sich.

Anadar blickte ihn kurz an, nickte und sagte mit vollkommener Höflichkeit:

„Meister Tzadier. Ich bin erfreut.“

Höflichkeit konnte manchmal nicht schaden, dachte er. Schon gar nicht bei Menschen, die nicht recht wussten, ob sie eben geehrt oder geprüft wurden.

Sie traten in das angenehm kühle Innere der Schule.

„Ihr kommt allein“, fragte Hokn`f. „Ich dachte, euer Schüler, Meister Morgut, würde euch begleiten.“

Da war er also.

Nicht nur die Frage. Auch der Versuch dahinter.

Anadar spürte in seinem Geist etwas, plumpe Bewegung, nicht einmal besonders fein. Ein Abtasten. Zu grob, um ihm wirklich gefährlich zu werden. Innerlich musste er beinahe lächeln. Er ließ sich nichts anmerken.

„Morgut“, sagte er so ruhig wie möglich, „ist abgelenkt. Ihr kennt ihn. Er hat in Zoordak etwas gefunden, das ihn beschäftigt. Er ist jung, und ich bin vielleicht nicht der strengste Lehrmeister.“

Er log leicht. Sauber. Ohne innere Schärfe. Eine Lüge war nur dann eine Lüge, wenn sie aufgedeckt wurde. Im Übrigen war sie oft nur eine Form von Ordnung.

Und zugleich nahm er das wahr, was hinter Hokn`fs Gesicht aufflackerte.

Verärgerung.

Leicht nur.

Aber genug.

Das bestätigte Anadar, dass Hokn`f über Morguts Verbleib nichts wusste. Das war gut. Oder genauer, es war weniger schlecht, als es auch hätte sein können.

„Sagt, Meister Hokn`f“, fragte Anadar dann wie nebenbei. „Ist mein guter Freund Gnok in der Stadt? Ich würde ihm gern meine Aufwartung machen.“

Das traf völlig unerwartet.

Anadar wusste es schon im Augenblick, in dem er die Frage stellte. Und das, was daraufhin in Hokn`f aufstieg, war schwieriger zu deuten als die Sache mit Morgut. Es war nicht einfach Überraschung. Nicht bloß Ärger. Eher etwas Kleineres, das rasch weggedrückt wurde, ehe es Form annehmen konnte.

„Meister Gnok?“ sagte Hokn`f. „Ich habe den alten Kauz schon länger nicht mehr gesehen. Sicherlich könnt ihr später nach ihm sehen. Aber lasst uns doch erst die Lage besprechen.“

Da war etwas.

Sofort.

Anadar wusste nicht genau, was. Aber Gnok war nicht einfach nur abwesend.

„Wisst ihr schon“, fuhr Hokn`f fort, „wann die Feuermagier aus der Feurigen Feste ankommen? Sind sie bereits aufgebrochen?“

„Manador lässt mobil machen“, sagte Anadar. „Das dauert für gewöhnlich nicht allzu lange. Wann er sie losschickt, ist Sache des Befehlshabers, und der bin ich nicht.“

Mittlerweile hatten sie den Saal erreicht, den Hokn`f sich eingerichtet hatte.

Eine große, kühle Kammer.

Schön ausgestattet.

An den Wänden Karten. Auf Tischen Pläne. Markierungen. Skizzen. Notizen. Modelle. Auf einem der größeren Tische lag eine Darstellung der Stadt, weiter draußen eine stilisierte Pyramide in der Wüste, Wege, Linien, Pfeile, Bewegungen. Hokn`f hatte sich ein Strategiezentrum geschaffen, und zwar mit jener demonstrativen Sorgfalt, die nicht nur Übersicht, sondern auch Bedeutung ausstrahlen sollte.

Anadar blickte auf die Karten, auf die kleinen Figuren, auf die Markierungen und lächelte kurz.

„Nun sagt“, meinte er. „Wozu braucht ihr uns überhaupt? Das sieht doch alles sehr professionell aus. Warum marschiert ihr nicht einfach hinaus und fegt dieses Wüstenvolk vom Planeten.“

Er provozierte es bewusst nur leicht.

Gerade genug, um zu hören, wie man ihm antwortete.

Gerade genug, um noch als spöttische Kameradschaft durchzugehen.

Doch in Wahrheit hatte er bereits begriffen, dass fast nichts hier so war, wie es ihm geschildert worden war. Nicht die Stimmung der Stadt. Nicht die Magier. Nicht die Fragen nach Morgut. Nicht die Sache mit Gnok. Nicht die allzu gut vorbereitete Kriegszentrale. Nicht die nervöse Eile, mit der man sein Eintreffen zugleich gemeldet und kontrolliert hatte.

Zu vieles stimmte nicht.

Er ließ sich später mit der Ausrede zurückziehen, er müsse sich vom Ritt erfrischen und den Staub aus Gesicht und Händen waschen. Kaum war er für einen Augenblick allein, stand er still und ließ die Eindrücke auf sich einprasseln.

Nichts war hier, wie es sein sollte.

Gnok war nicht hier.

Morgut war nicht hier.

Die Geschichte, die man ihm erzählt hatte, war nicht die wahre Geschichte.

Und irgendwo darunter lag etwas, das bereits faulte.

Anadar hob langsam den Kopf und atmete einmal tief durch.

Sie würden dem auf den Grund gehen.

Sehr bald.

 

9

 

Sie wussten nicht recht, was sie mit ihm anfangen sollten.

Morgut war ein Gefangener der Sondra, nur einer ohne Fesseln, ohne Zelle und ohne jene klaren Grenzen, die einem Gefangensein wenigstens eine einfache Form geben. Niemand hatte ihn geschlagen. Niemand hatte ihn angekettet. Doch ebenso wenig hatte man ihm irgendein Recht eingeräumt. Er saß in einer Kammer, sauber, kühl und still, und spürte mit jeder Stunde deutlicher, dass die Sondra ihn nicht einzuordnen wussten. Vielleicht war genau das gefährlicher als offene Feindseligkeit.

Seine Gefangennahme war friedlich verlaufen. Er hatte den Wunsch geäußert, mit jemandem zu sprechen, der Verantwortung trug, und man hatte ihn gefragt, ob er aus Ashambrat komme und ob er jenen Magier kenne, die das Tal angegriffen hatten. Beides hatte er bejahen müssen. Dann aber hatte er erklärt, dass er nicht zu Hokn`f gehöre, sondern eher zu dessen Gegenteil, und danach hatte man ihn allein gelassen.

Nun wartete er.

Hin und wieder kam einer der Sondra vorbei, warf einen Blick in die Kammer und verschwand wieder, ohne ein Wort zu sagen. Das war alles. Keine Fragen. Keine Anklage. Keine Entscheidung. Nur Schweigen und Beobachtung. Mit der Zeit begann Morgut zu zweifeln. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, hierherzukommen. Vielleicht hatte er sich selbst aus dem Spiel genommen, gerade in jenem Augenblick, in dem seine Schwester ihn am dringendsten brauchte. Der Gedanke schlich sich immer wieder in ihn hinein, und jedes Mal drängte er ihn fort, ohne ihn wirklich loszuwerden.

Zeit verging.

Wie viel genau, konnte er nicht sagen. Vielleicht ein Tag. Vielleicht etwas mehr. Die Kammer ließ keine sichere Rechnung zu, und seine Unruhe fraß jede innere Uhr an. Je länger er wartete, desto stärker wurde seine Sorge um Gudi. Was geschah in Ashambrat, während er hier saß und nichts tun konnte. Was tat Hokn`f in diesen Stunden. Was geschah mit Okom. Was mit Gnok.

Dann holte man ihn ab.

Zwei hochgewachsene Sondra erschienen wortlos an der Tür und bedeuteten ihm, mitzukommen. Morgut erhob sich sofort. Schon in den ersten Schritten spürte er, dass er nun tiefer in das Innere der Pyramide geführt wurde oder vielleicht höher, das ließ sich im ersten Augenblick nicht gut sagen, alldieweil alles um ihn herum zugleich geordnet und verwirrend wirkte.

Das Innere der Pyramide war nicht hohl.

Es war vielmehr durchzogen von Streben, Schächten, Mauern, Hallen und Rampen, die miteinander in einer Ordnung verbunden waren, deren Logik Morgut nicht sofort begriff. Große Räume öffneten sich, dann wieder enge Übergänge. In der Außenmauer lagen Kammern und Wohnräume. Es gab Vorratsbereiche, Wasserläufe, Plätze des Zusammenkommens, kleine Arbeitsräume und breite Ebenen, die offenbar mehreren Zwecken zugleich dienten. Und um zwischen einzelnen Höhen zu wechseln, gab es im Inneren Aufzüge, einfache, aber wirkungsvolle Konstruktionen, mit denen man über mehrere Stockwerke empor oder hinab gelangen konnte.

Die Sondra führten ihn schweigend weiter.

Von Ebene zu Ebene stieg er hinauf, und immer mehr staunte er über das, was er sah. Alles war zweckmäßig. Nicht karg, nicht arm, aber frei von jeder Zier, die nur sich selbst gefallen wollte. Kisten voller Gemüse und Obst standen ordentlich gestapelt in kühleren Bereichen. Wasser lief durch Leitungen, die sorgsam in die Struktur eingefasst waren. Es gab Schlafräume, Gemeinschaftsbereiche, Werkstätten. Überall sah man, dass hier ein Volk lebte, das sich nicht nur versteckt hatte, sondern in seinem Versteck Ordnung, Dauer und Würde bewahrt hatte.

Je höher sie stiegen, desto gespannter wurde Morgut.

Als sie schließlich die oberen Ebenen erreichten, merkte er sofort, dass sie sich nun nahe der Spitze der Pyramide befanden. Man führte ihn hinaus, und dort sah er, dass die obersten zwei Stockwerke von außen nicht bewachsen waren. Von hier oben konnte er auf die tieferen Terrassen hinabblicken, die durchgehend grün waren, so dicht und weich, dass sie aus dieser Höhe fast wie ein einziges großes Feld wirkten, wäre die schwindelnde Weite nicht gewesen.

Er trat an den Rand und blickte nach Norden.

Nichts als Wüste.

Kein Zeichen von Ashambrat, kein Rauch, kein Turm, keine Bewegung, nur Sand und flirrende Ferne, soweit das Auge reichte. Man führte ihn einmal rund um die Spitze, und überall war das Bild dasselbe. Wüste. Welt. Leere. Größe.

Dann deuteten die beiden Sondra auf eine letzte Treppe, die noch weiter nach oben führte.

Morgut stieg hinauf.

Dort warteten vier weitere Sondra auf ihn.

Sie waren nicht älter im Körper, aber älter im Blick. Das war das Erste, was ihm auffiel. Diese vier strahlten etwas aus, das keine Machtgeste brauchte und keinen Schmuck. Eine Selbstverständlichkeit von Gewicht. Etwas, das sofort Respekt verlangte, noch ehe ein Wort gesprochen war.

Morgut blieb stehen.

Für einen Herzschlag musterte er sie nur. Dann begann er zu sprechen.

„Verzeiht, ehrenwerte Sondra“, sagte er. „Verzeiht mein Eindringen und gestattet mir, mich vorzustellen. Ich bin Morgut aus Ashambrat, Schüler der magischen Disziplinen.“

Er verbeugte sich knapp.

„Und ich brauche eure Hilfe. Meine Schwester Gudi wurde entführt.“

Als er ihren Namen aussprach, setzte sofort ein leises Murmeln unter den vieren ein. Nicht laut. Nicht erschrocken. Mehr das rasche, bedeutungsvolle Aufleuchten einer Sache, die bereits bekannt war. Morgut bemerkte es sofort. Gudi war diesen Menschen nicht unbekannt. Sie hatte es ihm erzählt, und nun sah er den Beweis vor sich.

„Von Meister Gnok, der mit ihr unterwegs war, habe ich keine Spur finden können“, fügte er hinzu. „Ich wähne auch ihn entführt.“

Die vier wechselten Blicke, die Morgut nicht deuten konnte. Es war kein offener Rat. Eher die stille Verständigung von Wesen, die eine Sache längst auf mehreren Ebenen gegeneinander abgewogen haben und nun nur noch prüfen, was der neue Ankömmling davon ahnt.

Schließlich sprach eine von ihnen.

„Mein Name ist Zars“, sagte sie. „Das sind Dwon, Idan und Opla. Gemeinsam bilden wir den Tadut. Ihr würdet es vielleicht als eine Gruppe übersetzen, die anführt. Vielleicht.“

Sie machte eine kurze Pause und deutete Morgut, mit in einen kleinen Raum auf der letzten Stufe zu kommen.

Der Raum überraschte ihn.

Im Inneren war es deutlich kühler als draußen. Es war hell, obwohl kein sichtbares Fenster in den Wänden lag. Das Licht schien aus dem Stein selbst zu kommen oder aus einer Bauweise, die Morgut nicht begriff. Mehrere Diwane standen darin, niedrig und bequem, und die vier nahmen Platz, als gehörte dieser Ort nicht nur der Beratung, sondern auch einer Form stiller Würde.

Auch Morgut wurde bedeutet, sich zu setzen.

Zars blickte ihn ruhig an.

„Sag, Morgut aus Ashambrat, Schüler der magischen Disziplinen. Was könnt ihr uns über eure Schwester berichten.“

Morgut sammelte sich.

„Sie wurde von Hokn`f gefangengenommen, als sie aus Tandor zurückkehrte. Sie war dort zusammen mit Gnok. Hokn`f hat sie geschlagen, um Geheimnisse von ihr zu bekommen.“

Die vier blickten einander an und sprachen dann in einer Sprache miteinander, die Morgut nicht kannte. Es war ein schöner Singsang, weich und zugleich präzise, und obwohl er kein einziges Wort verstand, hatte er sofort das Gefühl, dass diese Sprache älter war als manches, das in Ashambrat als uralt galt.

Dann wandte Zars sich wieder an ihn.

„Das erklärt einiges“, sagte sie. „Eure Schwester war Trägerin von Geheimnissen. Und sie hat diese wohl preisgegeben.“

Die Blicke der vier ruhten nun offen auf ihm. Nicht anklagend. Aber prüfend genug, dass Morgut für einen kurzen Augenblick zögerte. Dann nickte er.

„Sie schwebte in Lebensgefahr“, sagte er rasch. „Ich denke nicht, dass sie viel geheim halten konnte.“

Er hörte selbst, wie sehr in diesem Satz Verteidigung lag. Nicht nur der Schwester wegen. Auch seiner selbst. Als müsse er klarstellen, dass Gudi nicht aus Schwäche verraten hatte, sondern aus Schmerz.

Zars hob die Hand und unterbrach ihn sanft.

„Wir verstehen dies. Es war nur noch eine Frage der Zeit, Morgut aus Ashambrat. Es war für uns an der Zeit, zurückzukehren und unseren Platz im Gefüge wieder einzunehmen. Das stand fest. Ob nun vor zehn Tagen oder in zehn Tagen, das war am Ende ohne große Bedeutung. Ebenso die Reaktion von euch Magiern. Auch die war abzusehen. Wir kennen euch schon lange.“

Sie ließ den Satz kurz stehen.

„Unsere eigentliche Frage ist eine andere“, fuhr sie dann fort. „Warum seid ihr hier bei uns, Morgut aus Ashambrat. Was erhofft ihr euch von uns.“

Morgut holte einmal tief Luft.

„Die Stadt“, sagte er. „Ashambrat. Ich erkenne sie nicht mehr. Sie hat sich verändert. Es sind nicht mehr die Menschen darin, die ich kenne. Nicht mehr die Lehrer. Nicht mehr die Ordnung. Nicht einmal die Luft fühlt sich an wie früher.“

Die vier hörten ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen.

Zars neigte nur leicht den Kopf.

„Und was wollt ihr nun von uns“, fragte sie. „Dass wir einen Krieg für euch führen. Ich denke, der Krieg wird bald ohnehin zu uns getragen, ob wir es wollen oder nicht. Es gibt hier etwas, nach dem er giert. Hokn`f, sagt ihr, sei sein Name. Er strebt nach Macht und vermutet hier etwas, das ihm dabei helfen kann.“

Wieder entstand eine Pause.

Diesmal länger.

Morgut spürte, dass sie darüber längst miteinander gesprochen hatten, vielleicht oft, vielleicht in jeder Nacht seit dem Auftauchen der Magier. Dass seine Anwesenheit keinen neuen Krieg brachte, sondern nur bestätigte, dass der Krieg bereits auf dem Weg war.

„Wir sind kein kriegerisches Volk, Morgut aus Ashambrat“, sagte Zars schließlich. „Aber wir kämpfen, wenn wir müssen. Und wir werden wohl müssen. Das spüren wir.“

Ihre Stimme war nicht stolz. Nicht trotzig. Nur klar.

„Was könnt ihr uns bieten, damit wir euch helfen.“

Der Satz blieb zwischen ihnen stehen.

Morgut schwieg einen Moment.

Er hatte mit vielem gerechnet. Mit Misstrauen. Mit Härte. Vielleicht sogar mit offener Ablehnung. Aber nicht damit, dass man so ruhig und so direkt die eigentliche Währung der Welt benannte.

Nicht Bitte.

Nicht Mitleid.

Nicht bloße Gemeinsamkeit.

Sondern Austausch.

Er blickte einen nach dem anderen an. Zars. Dwon. Idan. Opla.

Dann merkte er, dass dies vielleicht die erste wirklich wichtige Frage war, die ihm seit Tagen gestellt wurde.

Und dass die Antwort darüber entscheiden konnte, ob er seine Schwester retten würde oder ob Ashambrat mit allem, was darin noch lebenswert war, unter Hokn`f und seinem Wahnsinn versank.

 

10

 

Sie hatten verabredet, dass Anadar die Lage in der Stadt sondieren würde, während sie sich zunächst außerhalb umsah.

Also ritt Shara in einem größeren Bogen um Ashambrat. Es dauerte nicht lange, bis sie fand, was sie gesucht hatte: größere Karawanen, die in Richtung der Stadt zogen oder sie wieder verließen. Zuerst schloss sie sich jenen an, die aus der Stadt ritten. Nach kurzer Zeit kam sie mit den Karawanenmeistern ins Gespräch, unauffällig, freundlich, mit gerade jener Mischung aus Offenheit und beiläufiger Neugier, die es anderen leicht machte, mehr zu sagen, als sie eigentlich beabsichtigt hatten.

So erfuhr sie nach und nach, was nach Ashambrat gebracht wurde.

Und in welchen Mengen.

Sobald sie die Informationen hatte, die sie brauchte, verließ sie eine Karawane wieder unauffällig und schloss sich der nächsten an, die in die Stadt zog. Nur selten machte man ein Geheimnis daraus, was man transportierte. Und Shara war zunehmend verwundert über die Mengen an Waffen und Rüstungen, die von überall her nach Ashambrat gebracht wurden. Manche Karawanenmeister berichteten ganz offen, dass sie nun schon zum wiederholten Male mit großen Ladungen von Schwertern, Schilden, Speeren und Pfeilen in die Stadt ritten.

Nachdem sie das erkannt hatte, machte sie sich auf, jene Karawanen zu suchen, die Lebensmittel in die Stadt brachten.

Doch da wurde sie nicht im selben Maß fündig, wie sie es erwartet hätte.

Wer solche Mengen an Waffen hortete, musste auch in der Lage sein, eine entsprechende Armee mit allem Lebensnotwendigen zu versorgen. Gerade daran aber stimmte etwas nicht. Das war die erste wirkliche Ungereimtheit, auf die sie stieß. Sie verbrachte mehrere Tage damit, einzelnen Zügen zu folgen, Gespräche aufzugreifen, Mengen gegeneinander zu rechnen, bis ihr Bild langsam schärfer wurde.

Dann sah sie einen Zug Reiter in einiger Entfernung.

Es war die Art, wie sie ritten und wie sie im Sattel saßen, die sie sofort verriet. Es waren Magier. Und zu ihrer großen Überraschung nicht wenige. Schon von Weitem erkannte sie an den Farben und der Haltung, dass es überwiegend Magier aus der Lebensschule waren, und daneben welche aus den Wasserschulen. Man sah es ihnen an, wie unwohl sie sich fühlten. Nicht alle von ihnen waren für schnelles, langes Reiten gemacht. Nicht alle waren es gewohnt, sich als marschierende Verstärkung durch die Wüste zu bewegen. Und doch zogen sie nach Ashambrat.

Aber auch sie rechtfertigten noch immer nicht die Mengen an Waffen, die Shara inzwischen in der Stadt vermutete.

Sie kamen nicht schnell voran.

Im Gegenteil.

So konnte Shara relativ leicht viel Distanz zwischen sich und der Gruppe legen. Sie musste Anadar so schnell wie möglich von ihren Erkenntnissen in Kenntnis setzen.

Sie hatten ein Signal vereinbart.

Auf einer Düne im Westen entzündete sie ein kurzes Leuchtfeuer, klein, aber von Weitem sichtbar, wenn man wusste, wonach man Ausschau halten musste. Es dämmerte bereits, als nach sehr kurzer Zeit ein großer Rabe auf ihre Position zuflog und sie einige Male umkreiste. Dann verwandelte er sich noch im Flug zurück in seine menschliche Gestalt.

Mittlerweile konnte er es tatsächlich so elegant und fließend aussehen lassen, als habe er es nie anders gemacht.

Shara betrachtete ihn mit einem Anflug ehrlicher Bewunderung.

„Das wird immer fließender und anmutiger“, gab sie zu.

„Mittlerweile lande ich nicht mehr auf dem Bauch“, sagte er und klang dabei beinahe albern vergnügt.

Als sie bemerkte, dass er sogar seine Rüstung angelegt hatte, klopfte sie gegen die ledernen Brustplatten.

„Du wirst sichtlich besser.“

Er nickte. Dann verschwand der leichte Ton wieder aus seinem Gesicht.

„In der Stadt stimmt etwas nicht“, begann er. „Es ist mit... ich weiß nicht... zu sehr in einer Linie. Ich kann es nicht ganz fassen. Es wirkt nicht wie eine Stadt, die nur in Angst lebt. Eher wie eine Stadt, die auf etwas ausgerichtet wird.“

Shara setzte sich in den Sand und deutete ihm, sich neben sie zu setzen.

„Hokn`f hat ganze Karawanenladungen an Waffen in die Stadt bringen lassen“, sagte sie. „Damit könnte man jede Wache der Stadt vermutlich dreißigmal bewaffnen. Zusätzlich sind die Lebens und Wassermagier nur noch einen guten Tagesritt entfernt. Aber selbst das erklärt diese Mengen nicht.“

Anadar sah sie sofort scharf an.

„Wie viel. Hast du eine Schätzung.“

„Knapp achthundert“, sagte sie. „Vielleicht ein paar mehr oder weniger.“

Er pfiff leise durch die Zähne.

„Das sind beide Schulen zusammen.“

Sie nickte.

„Von Morgut?“

„Keine Spur“, sagte sie. „Auch nicht von Gnok.“

„Bei mir dasselbe“, erwiderte er. „Keine Spur von Morguts Schwester und Hokn`f verbirgt etwas. Ich wollte nicht zu tief eindringen. Aber da ist etwas im Verborgenen. Und er lässt seine Magier diesen Wirbel üben. Ich habe es von oben gesehen.“

Shara blickte ihn an.

„Und nun?“

Er antwortete nicht sofort.

Stattdessen zog er sie zu sich und küsste sie.

„Heute Nacht wird nicht mehr viel passieren“, sagte er leise.

Also legten sie sich nebeneinander in den Sand, auf ihren Umhang, und blickten in den kalten Nachthimmel. Es war eine jener Nächte, in denen die Stille nicht leer war, sondern bis an den Rand gefüllt mit Gedanken, die man nicht ganz aussprach.

„Ich werde nun gen Süden reiten“, sagte Shara irgendwann. „Ich will diese Sondra näher betrachten. Danach sollten wir uns wiedersehen, bevor ich Manador entgegenreite und ihm berichte.“

„Und ich werde den überraschten Mienen zusehen, sobald ich den Trupp Magier einreiten sehe“, sagte Anadar. „Ich schaue, ob ich noch etwas über die Waffen erfahre. Zumindest muss er sie lagern.“

Sie blickten einander lange an.

Tief.

Für einen Moment hatten beide dieselbe Vorahnung, dass dies das letzte Mal für lange Zeit sein könnte, dass sie so beieinanderlagen. Beide schoben den Gedanken beiseite. Nicht, weil er unwahr gewesen wäre. Sondern weil sie ihn jetzt nicht brauchten. Sie rückten nur noch näher aneinander.

Als die Sonne bereits aufging, trennten sie sich schließlich.

Ein letzter Blick in die Augen.

Ein letzter Kuss.

Dann erhob er sich und flog in Vogelgestalt zurück in Richtung Stadt.

Shara sah ihm lange nach. Erst kreiste er noch über ihr, dann wurde er kleiner, bis er schließlich nur noch ein Punkt am Horizont war. Sie seufzte, ging zu den Pferden und ritt wieder um die Stadt herum, diesmal Richtung Süden, immer näher an jene Pyramide, die sie bereits am Horizont zuvor von Weitem gesehen hatte.

Auch hier begann sie mit vorsichtigen, weiten Kreisen.

Sie konnte nichts ausmachen, das zu oder von dem Bauwerk ritt. Keine Boten, keine Karawanen, keine bewaffneten Züge. Nur Stille, Sand und die Fremdheit dieses großen, hellen Baus inmitten der Wüste. Also zog sie die Kreise enger.

Und kam näher.

„Stopp“, ertönte plötzlich eine weibliche Stimme hinter ihr. „Bis hierher und nicht weiter, Magier.“

 

11

 

Natürlich hatte er sich beinahe verloren.

Nachdem Slonda aus Sahretûn zurückgekehrt war, hatte er sich zunächst hingesetzt und damit begonnen, alles niederzuschreiben, was er dort gelernt hatte. Er schrieb nicht hastig. Nicht wie einer, der Wissen nur festhalten will, bevor es entgleitet. Er schrieb mit der Sorgfalt eines Mannes, der genau wusste, dass jedes Wort, das er zu Papier brachte, Gewicht haben würde. Er war nach unsagbaren fünfzig Jahren zurückgekehrt. Zugegeben, er hatte nicht die ganze Zeit in einer einzigen geraden Linie dort verbracht. Mehrmals war er mit Marabar in der Zeit vor und zurück gesprungen. Er konnte selbst nicht mehr genau sagen, wie viele Jahre er in Wahrheit mit dem Erlernen der Beschwörung zugebracht hatte. Es waren einige gewesen. Im linearen Strom der Welt aber waren fünfzig Jahre vergangen.

Und nun fasste er zusammen, was er gelernt hatte.

Er machte daraus ein Werk.

Das Werk.

Das einzige dieser Art, das außerhalb von Sahretûn existieren sollte.

Er stellte jede einzelne Seite selbst her. Jedes Blatt Papier schöpfte er eigenhändig, walzte es, trocknete es, prüfte es auf Fehler und Unregelmäßigkeiten. Dann versah er jede Seite mit einem Zauber der Geistschule, wie Mutter es ihm gezeigt hatte, um das Lesen zu erschweren oder, für den Richtigen, zu erleichtern. Danach schrieb er die Beschwörungsformeln hinein. Die Rufe. Die Bindungen. Die Kreise. Die Beschränkungen. Vor allem aber schrieb er die Warnungen hinein. Er war nicht töricht genug zu glauben, Wissen sei harmlos, nur weil es in Worte gefasst war. Also gab er ihm Zähne und Mauern zugleich.

Als das Werk vollendet war, versiegelte er es.

Und er fertigte aus demselben Material einen Dolch an, mit dem sich dieses Siegel öffnen ließ.

Er gab sich Mühe.

Sehr viel Mühe.

Als er fertig war, war er zufrieden mit sich. Sehr sogar. Nun musste er das Buch nur noch verbergen. Und welches Versteck war dafür besser geeignet als die Bibliothek in Tandor, deren tiefere Schichten er so gut kannte wie kaum ein anderer. Also reiste er nach Tandor, begab sich in die unteren Bereiche der Bibliothek und schuf dort in einer Wand eine Nische, in die er das Werk legte. Dann versiegelte er die Wand wieder und entrückte das Versteck aus der Zeit.

Niemand sollte ohne sein Wissen an dieses Buch gelangen.

Tandor hatte sich in den Jahrhunderten wenig verändert.

Wozu auch, dachte Slonda. Die Schule im Allgemeinen nicht, die Stadt selbst nur ein wenig. Das Umland dagegen hatte sich viel stärker gewandelt. Wege hatten sich verschoben, Wälder waren gewachsen oder verschwunden, Dörfer gekommen und vergangen. Doch Tandor selbst lag immer noch in derselben ernsten Ruhe da, als sei es für die Zeit selbst gebaut worden.

Da er nun eine Aufgabe vollendet hatte und wusste, dass er Zeit besaß, wenn nicht er, wer sonst, begab er sich zur Schule der Nekromanten, die in derselben Stadt weilte wie die Erdmagier. Ohne Umschweife fragte er den Dekan der damaligen Zeit, ob er die Nekromantie erlernen dürfe.

Und so geschah es.

Slonda erweiterte sein Wissen um die Lehren der Toten.

Es stellte sich sogar heraus, dass ihm dieses Handwerk lag. Nicht auf kalte Weise, sondern fast natürlich. Es war, als ob sein Geist auch dort Zugänge fand, wo andere nur Grenze oder Abscheu sahen. Also verbrachte er einige Jahre im frühen Tandor und vertiefte sich in eine Kunst, die viele mieden und wenige wirklich verstanden.

Immer wieder begegnete er in diesen Jahren Drinda oder Pildara, manchmal auch Hartra, wenn sie auf der Durchreise waren. Nicht immer erkannten sie ihn, dazu lagen sie an anderen Punkten ihrer eigenen Linie. Slonda begann nun besser zu begreifen, was Zeit in Wahrheit war. Nicht bloß Bewegung. Nicht bloß Vorher und Nachher. Sondern eine Vielheit von Linien, die sich berührten, kreuzten, auseinanderliefen, sich verdichteten und wieder verloren. Die Linearität des einzelnen Menschen war nur ein Faden darin. Das Kontinuum selbst aber war etwas anderes, größer, spröder und weit weniger gefügig, als es ihm früher erschienen war.

Es war Pildara, die ihm nach und nach Fons, Ko Trka und Paddi vorstellte.

Und so wurde ihm bewusst, dass sie nur sieben waren.

Immer.

Sieben Zeitmagier.

Zu keinem Zeitpunkt waren es mehr.

Und es begab sich genau ein einziges Mal, dass sie alle sieben gleichzeitig im selben Raum versammelt waren. Dies war in Tandor, zu jener Zeit, als Slonda sich zum Nekromanten machte.

Pildara stand in ihrer ganzen Unnahbarkeit am Kopfende des Tisches.

„Meine Damen, meine Herren“, begann sie.

Das Gemurmel im Raum verstummte nicht sofort. Einige redeten noch leise weiter, andere blickten nur halb aufmerksam in ihre Richtung. Pildara räusperte sich. Ein paar Gespräche brachen ab.

„Und natürlich Hartra“, zischte sie.

Der Hünenhafte wandte langsam den Kopf und sah sie mit einer aufrichtigen Unschuld an, die bei ihm stets schwer zu deuten war.

„Pildara, was.“

Sie gebot ihm zu schweigen, einer Aufforderung, der er eher widerwillig als gehorsam nachkam, wobei es bei Hartra oft schwer war zu sagen, ob sein Widerstand Absicht oder bloße Natur war.

Pildara ließ den Blick über die Runde gleiten.

„Meine Damen“, sagte sie und sah in Richtung Ko Trka und Paddi, „sowie meine Herren. Es ist wohl das erste Mal, und soweit ich mich erinnere…“

Nervöses Lachen ging durch den Raum. Es war stillschweigender Konsens unter ihnen allen, nicht allzu präzise über Zeit nachzudenken, wenn es um die eigene Stellung darin ging.

„… und vermutlich auch das einzige Mal, dass wir alle sieben uns gleichzeitig im selben Raum befinden. Und wie wir bereits übereingekommen sind, ist es notwendig, dass wir dies nun nutzen. Es gibt einiges zu besprechen.“

Sie pausierte.

„Wie wir alle wissen, dünnt das Kontinuum in der Zukunft wieder aus. Es scheint nun so zu sein, dass wir an einen Punkt kommen, an dem das Springen äußerst komplex und risikoreich wird. Das heißt, wir verlieren den sicheren Einblick in die Zukunft der Dinge. Was bedeutet, dass wir Prozesse, die wir in der Vergangenheit angestoßen haben, nicht mehr in der gewohnten Weise kontrollieren können. Die Umstände werden ihren eigenen Gang gehen.“

Wieder eine Pause.

Dann deutete sie auf Slonda.

„Slonda hat die Beschwörungsmagie erlernt. Im Tausch gegen unser Wissen. Dies war notwendig, da diese Kunst in der Zeit, die kommt, erneut gebraucht werden wird.“

Das war für die meisten keine Neuigkeit mehr. Viele hatten diese Information über die Jahre bereits auf die eine oder andere Weise erhalten. Doch nun stand Slonda selbst auf.

Er sammelte sich kurz.

Dann sprach er.

„Es ist wichtig, dass wir vorsichtiger werden.“

Er hob die Hand und erschuf vor sich ein Abbild Marabars. Nicht vollkommen, aber präzise genug, dass jeder im Raum die Gestalt erkennen konnte. Das Gesicht. Die Haltung. Die Kühle.

„Dieser Beschwörungsmagier“, sagte Slonda, „besitzt nun unsere Geheimnisse und kann sie anwenden. Wenn ihr irgendwo etwas Ungewöhnliches entdeckt oder beobachtet, das mit dieser Gestalt in Zusammenhang steht, so vermerkt es und lasst es mir zukommen.“

Damit war ausgesprochen, was bisher nur als Ahnung unter ihnen schwebte.

Gefährliches Wissen war in die Welt gelangt.

Und es würde nicht schaden, wenigstens Informationen darüber zu sammeln.

Sie besprachen noch vieles an diesem Abend. Fluchträume. Zeitbriefkästen. Teilnahmen an Konklaven. Verstecke, Übergänge, Markierungen, Absprachen darüber, wer was wann beobachten und wie weiterleiten sollte. Es war keine Versammlung von Mächtigen, die sich ihrer eigenen Größe gefielen. Es war eher ein Kreis von Menschen, die wussten, dass sie nun an einem Punkt standen, an dem Vorsicht nicht mehr bloß Tugend, sondern Notwendigkeit war.

Als sie sich schließlich wieder trennten, taten sie es mit einer Herzlichkeit, wie Slonda sie unter Menschen nur selten erlebt hatte.

Nicht laut.

Nicht sentimental.

Aber echt.

Und immer wieder dachte er berührt daran, zu welchem Kreis er gehörte.

Was für ein auserwählter Kreis an Begabten.

 

12

 

Alles lief in Richtung seiner Gunst.

Hokn`f stand über seiner Stadt und sah zu, wie die beiden anderen Schulen einritten. Es war eine Ansammlung von Magiern, wie sie die Welt schon lange nicht mehr gesehen hatte. Nicht nur an Zahl, sondern an Bedeutung. Kräfte, die sich bewegten. Schulen, die auf seinen Ruf hin gekommen waren. Er brauchte die Feuermagier nicht. Nicht wirklich. Gern hätte er sie in erster Linie in die Schlacht geschickt, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Aber auch so hatte er Hilfe. Die anderen Schulen waren viel schneller. Sie hatten sich schon beim ersten Ruf nach Hilfe auf den Weg gemacht.

Er ließ den Blick über den Hof und die Straßen hinausgleiten, dann begab er sich langsam auf die Stufen der Schule hinab, um Dekanin Fontal und From zu begrüßen.

Am oberen Ende der Treppe blieb er kurz stehen.

Neben ihm stand Anadar, der sich schon am frühen Morgen wieder bei ihm eingefunden hatte.

Es war Hokn´f gleichgültig, dass der Feuermagier anwesend war. Er sollte ruhig sehen, wie seine Allianz Früchte trug. Er sollte ruhig erkennen, dass Ashambrat nicht mehr allein war und dass auf Hokn´fs Ruf hin nicht bloß einzelne Boten, sondern ganze Schulen in Bewegung gerieten.

Fontal und From stiegen aus ihren Sätteln, beide erschöpft vom Ritt durch die Wüste, beide jedoch sofort wieder in Haltung, sobald ihre Füße den Boden berührten. Hokn`f breitete die Arme aus und ging ihnen entgegen.

„Dekanin Fontal“, sagte er, umarmte sie und küsste sie auf die Wange. „Dekanin From.“

Die gleiche Begrüßung galt auch ihr.

„Welch eine Freude, dass ihr in der Stunde der Not zu uns geeilt seid.“

Fontal blickte ihn an und lächelte kurz. Dann bemerkte sie Anadar, der hinter Hokn`f die Treppe hinunterkam. Ein kurzer Schatten des Schauderns huschte über ihr Gesicht, kaum merklich, aber vorhanden.

„Bruder Hokn`f“, sagte sie laut genug, dass alle Umstehenden es hören konnten, „natürlich sind wir umgehend zu euch geeilt, um euch und eure Stadt gegen äußere Gefahr zu verteidigen.“

Sie sprach das mit Sorgfalt aus, und Anadar bemerkte sofort, welche Grenze sie in diesem Satz zog. Hilfe. Ja. Verteidigung. Ja. Doch keine bedingungslose Unterordnung. Kein Wort, das Ashambrats Version bereits zur Wahrheit erhob.

Dann wandte sie sich an ihn.

„Wie ich sehe, hat Manador seinen fähigsten General geschickt. Ich bin sehr gespannt auf eure Einschätzung, Meister Anadar.“

Sie streckte ihm die Hand entgegen.

Anadar nahm sie und führte sie an seinen Mund.

„Meisterin Fontal. Erneut bin ich erfreut, eure Gegenwart genießen zu dürfen.“

From, die einen halben Schritt abseits geblieben war, bemühte sich sichtbar, von diesen Gesten nicht an den Rand gedrängt zu werden.

„Wir sind sehr gespannt auf die Lagebesprechung“, sagte sie. „Und auf die Gefahren, die durch diese Sondra entstanden sind.“

Hokn`f, der Menschen ebenso gut lesen konnte wie vermutlich alle anderen Anwesenden, bemerkte die Feinheiten in jeder einzelnen Regung. Er wusste, mit welchen Halbwahrheiten und Lügen er diese Streitmacht nun in seine Reihen gezogen hatte. Er hatte die Magier in der Stadt. Aber er hatte ihre Befehlshaber noch nicht unter Kontrolle. Noch nicht. Doch daran arbeitete er.

Er geleitete alle hinein.

Hinein in die Kühle.

Hinein in die Pracht seines Saales.

Mittlerweile hatte man ihm einen Tisch bauen lassen, maßstabsgetreu und aufwendig, auf dem Ashambrat auf der einen Seite lag und die Pyramide beinahe auf der anderen. Straßen, Mauern, die Schule, das Tal, alles war darauf nachgebildet. Es war eindrucksvoll, und genau darauf kam es an.

Hokn`f ließ nun jene Magier nach vorn treten, die bei der Schlacht anwesend gewesen waren, in der sich die Pyramide erhoben hatte. Einer nach dem anderen schilderten sie ihre Version der Ereignisse. Natürlich war es keine zufällige Erinnerung. Es war eine fein abgestimmte Erzählung. Ein feiger Angriff aus dem Nichts. Ein Wüstenvolk, das unprovoziert zugeschlagen hatte. Magie, die unerlaubt, wild und bedrohlich gewirkt worden war.

Nach der dritten Darstellung desselben Vorgangs erhob Anadar die Stimme.

Meister Usita hatte soeben seine Version beendet.

„Meister Usita“, sagte Anadar höflich, „entschuldigt bitte die Frage. Warum war ein so großer Trupp von Magiern damals in der Wüste unterwegs? Als ich noch Schüler der Schule war, waren solche Ausflüge tief in die Wüste nicht gewöhnlich. Was war der Anlass. Gab es einen Grund, warum die Sondra sich provoziert gefühlt haben könnten.“

Usita stockte.

Es war nur ein kurzes Stottern, ein Hängenbleiben an der ersten Antwort, aber es reichte. Sein Blick flog sofort zu Hokn`f.

„Weil, ja, weil wir da waren…“

„Aus Übungszwecken, Meister Anadar“, fiel Hokn`f ihm ins Wort. „Uns ist es gelungen, einen neuen Zauber zu entwickeln, einen sehr mächtigen, und wir wollten genügend Abstand zu allem haben, um seine Grenzen zu erproben.“

Er log glatt.

Und warf Usita einen Blick zu, der später Konsequenzen versprach.

Anadar wandte sich wieder dem Magier zu.

„Kann es also sein, dass durch euer Manöver dort draußen ein Missverständnis entstand.“

Usita blickte wieder zu Hokn`f, dann zurück.

„Ja... ähm... möglich“, gab er zu.

Anadar drehte sich nun zu Hokn`f um.

„Wie würdet ihr das einschätzen.“

Hokn`f schäumte innerlich.

Anadar führte ihn vor, das wusste er. Er zwang sich jedoch zur Ruhe. Seine Stimme blieb kontrolliert, als er antwortete:

„Sicherlich könnte dies missinterpretiert worden sein. Jedoch spricht ein tödlicher Angriff eine eigene Sprache.“

„Ich bin sicher“, sagte Anadar ruhig, „es gibt zwei Versionen derselben Geschichte.“

Sein Blick glitt bei diesen Worten kurz zu Tzadier, der neben Hokn`f am Relieftisch stand, und wieder huschte dieses leichte Lächeln über sein Gesicht. Es war kein offenes Grinsen. Nur gerade genug, um zu zeigen, dass er mehr sah, als ihm gesagt wurde.

Hokn`f reagierte einen Augenblick zu schnell.

„Der Kodex verbietet das“, sagte er lauter, als er beabsichtigt hatte.

Das einsetzende Schweigen verriet ihm sofort, dass er etwas angesprochen hatte, das er lieber vorsichtiger behandelt hätte.

Er fing sich.

„Der Kodex verbietet magisches Wirken außerhalb der Schule. Und dies ist hier eindeutig belegt.“

Es war Fontal, die darauf antwortete. Ihre Stimme hatte jene Ruhe, die an eine unberührte Wasseroberfläche erinnerte.

„Bewiesen ist gar nichts, Hokn`f. Aber ihr deutet es an. Ihr wollt also eine Untersuchung der Umstände beantragen, damit sich die Konklave damit beschäftigt.“

Das lief nicht nach seinem Plan.

Überhaupt nicht.

Er hätte Zustimmung gewollt. Entsetzen. Geschlossenheit. Nicht diese langsame, kühle Verschiebung, in der aus seiner Erzählung plötzlich ein Antrag, ein Verdacht, ein möglicher Verfahrensgegenstand wurde.

Als die Versammlung sich schließlich auflöste, war Hokn`f außer sich.

Die angekommenen Magier baten darum, den Rest des Tages für sich zu haben. Sie hätten die beschwerliche Reise in den Knochen, und ein Ritt durch die Wüste sei nichts, worüber sich leicht hinweggehen ließe. Man vertagte die eigentliche Besprechung auf den nächsten Tag. Nach und nach verließen die Magier der anderen Schulen den Saal, bis nur Hokn`f und sein engster Kreis zurückblieben.

Sobald die Türen sich geschlossen hatten, wandte er sich an Tzadier.

„Warum konntest du das nicht verhindern“, fragte er scharf. „Ich sagte dir, du sollst ihre Wahrnehmung beeinflussen. Sie waren müde, und wir hatten sie beinahe so weit.“

Tzadier war noch immer bleich.

„Meister“, sagte er. „Ihr habt keine Vorstellung. Er hat mich einfach ausgeschlossen. Mitten in der Diskussion.“

Hokn`f sah ihn an.

„Was meinst du mit ausgeschlossen.“

„Er hat mich einfach aus seinen Gedanken ausgeschlossen. Und aus denen der anderen. Mit Leichtigkeit. So, als würde er eine Tür schließen.“

Hokn`f dachte nur ein einziges Wort.

Anadar.

Wenn er nicht aufpasste, würde ihm der Feuermagier seine ganzen Pläne noch durchkreuzen.

Zuerst aber musste er seine schlechte Laune an etwas anderem auslassen.

„Sucht mir diesen Okom“, sagte er. „Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Findet ihn umgehend.“

Dann dachte er weiter.

Das Problem mit Anadar musste gelöst werden. Und da war noch diese Göre im Verlies. Wenn der Feuermagier noch länger hier herumstöberte, würde er früher oder später auf sie stoßen. Hokn`f saß noch lange da und nippte an seinem Glas Brandy, während der Gedanke in ihm arbeitete. Schließlich begann eine Idee Form anzunehmen. Wozu hatte man Helfer.

Er schrieb eine kurze Nachricht auf einen kleinen Zettel und befestigte ihn an einer der Tauben, die für solche Dinge vorgesehen waren. Gerade in dem Moment, als er sie auf seinem Balkon freiließ, traten zwei Magier mit Okom in den Saal.

„Meister, ihr habt nach mir rufen lassen“, sagte Okom unterwürfig.

Hokn`f deutete den Wachen, dass sie gehen konnten, und bedeutete Okom, näher zu treten.

„Okom“, sagte er. „Ihr macht euch rar. Gibt es etwas, das ihr mir sagen möchtet. Ihr scheint nicht glücklich zu sein mit der Situation hier in Ashambrat.“

„Meister? Ich bin nicht sicher, wovon ihr sprecht.“

„Ihr scheint euch zurückzuziehen, Okom. Dabei habt ihr so unglaublich wertvolle und wichtige Talente, die ihr hier neben mir sehr zu eurem und meinem Nutzen einsetzen könntet.“

Hokn`f blickte dem jungen Magier in die Augen. Okom konnte diesem Blick nicht lange standhalten.

„Okom“, sagte Hokn`f leiser, beinahe freundlich. „Ich möchte euch hier an meiner Seite wissen.“

Er ließ den Satz wirken.

„Dafür müsst ihr nur eine Sache für mich erledigen.“

Okom hob den Kopf wieder, zögernd.

„Diese Göre lebt noch. Das ist ein Zustand, den ich nicht dulden kann. Würdet ihr das bitte für mich beenden, dann habe ich einen Platz für euch hier.“

Der Satz hing im Raum wie etwas Kaltes, das sich nicht mehr zurücknehmen ließ.

Und Hokn`f sah dem jungen Magier an, dass genau jetzt der Augenblick gekommen war, in dem sich entscheiden würde, ob Okom ihm endgültig gehörte oder ob er ihn würde brechen müssen.

 

13

 

Okoms Tag war gekommen, und er hatte nichts von dem in sich, was ihn hätte tragen können.

Er wollte niemandem etwas zuleide tun. Er hatte nie jemandem etwas zuleide tun wollen. Nicht wirklich. Nicht in der Weise, wie die anderen es offenbar für notwendig hielten. Er wollte nicht töten, nicht um aufzusteigen, nicht um Anerkennung zu finden, nicht um endlich einmal als brauchbar zu gelten. Nach dem Gespräch mit Hokn`f wusste er jedoch, dass ihm diese Entscheidung nicht mehr gehörte. Sie war ihm abgenommen worden. Von dem einen Mann, der in Ashambrat aus jeder Schwäche ein Werkzeug machte.

Seit er den Saal verlassen hatte, war ihm klar gewesen, dass man ihn nicht aus den Augen lassen würde. Vielleicht folgte ihm jemand. Vielleicht hatte Tzadier sich irgendwo in seinen Rücken gesetzt. Vielleicht war ein anderer auf ihn angesetzt worden. Okom spürte niemanden. Aber das hieß nichts. In einer Stadt wie dieser konnte Unsichtbarkeit beabsichtigt sein. Und von Morgut hatte er seit Tagen nichts mehr gehört. Kein Zeichen. Kein Wort. Kein Gedanke, der zu ihm durchdrang.

Er war allein.

Vollständig.

Und nun sollte er Gudi töten.

Er wusste, dass er keine Zeit hatte. Er wusste auch, dass, wenn er es nicht heute tat, es jemand anderes übernehmen würde. Vielleicht roher. Vielleicht langsamer. Vielleicht mit Freude. Dieser Gedanke war es am Ende, der ihn in Bewegung brachte. Nicht Gehorsam. Nicht Mut. Reiner Ekel vor dem, was sonst geschehen würde.

Also ging er ins Verlies.

Mit einem Entschluss, der eher aus Verzweiflung als aus Stärke bestand.

Er stieg hinab. Jeder Schritt hallte ihm zu laut entgegen. Der Gang war lang, feucht und von jener stickigen Kälte erfüllt, die in alten Gemäuern nicht von Luft kam, sondern von zu vielen Dingen, die dort unten gelitten hatten. Schon auf halbem Weg glaubte Okom, jeden Augenblick eine Hand auf der Schulter zu spüren, eine Stimme hinter sich zu hören, ein Messer im Rücken zu fühlen. Nichts davon geschah. Gerade das machte alles schlimmer.

Er blieb vor der Tür ihres Verlieses stehen.

Drinnen lag Gudi auf dem Stein.

Sie wirkte kleiner als sonst. Nicht kleiner im Körper, sondern im Raum. Als hätte die Dunkelheit um sie herum etwas von ihr aufgezehrt. Okom sah sie einige Minuten nur an, ohne sich zu rühren, und in diesen Minuten begriff er, dass er sich längst entschieden hatte.

Er öffnete die Tür.

So vorsichtig, dass selbst das Scharnier nur leise klagte.

Dann schlich er zu ihr, kniete sich neben sie und flüsterte:

„Psst. Wach auf, Gudi.“

Sie zuckte zusammen, fuhr aus einem flachen Schlaf hoch und brauchte einen Moment, bis sie ihn erkannte.

„Was, Okom?“

„Sei leise“, sagte er. „Es ist Zeit. Wir müssen uns beeilen.“

Er hatte keine Schlüssel für ihre Ketten. Aber er hatte sich vorbereitet. Seine Hände zitterten, als er die Magie ansetzte. Es gelang ihm dennoch, das Eisen in kürzester Zeit einfrieren zu lassen, bis die Glieder spröde wurden, und mit zwei hastigen Schlägen sprangen sie.

Draußen auf dem Gang war es still.

Zu still.

Er lauschte. Nichts. Er streckte den Geist aus. Nichts. Kein Tzadier. Kein Wächter. Kein halb verschlafener Gedanke, der hinter einer Tür klebte. Nichts. Es war, als habe die Nacht selbst den Atem angehalten.

Er ging zur Tür, blickte hinaus.

Niemand.

Auch weiter den Gang hinunter kein Mensch, kein Gedanke, kein Rest von Gegenwart.

Er konnte es kaum glauben.

Sie schlichen los. Schnell. Leise. Gudi hinter ihm, schwach noch, aber wach genug, um zu begreifen, dass jetzt jede falsche Bewegung ihr Ende sein konnte. Sie erreichten den Ausgang des Verlieses. Noch immer niemand. Die Treppen hinauf. Kein Laut. Keine Begegnung. Kein Ruf.

Okom glaubte jeden Augenblick entdeckt zu werden. Jeder Schritt nach oben erschien ihm wie eine Einladung an das Unglück, nun endlich zuzuschlagen. Dass nichts geschah, war fast schlimmer als eine Verfolgung gewesen wäre. Es hatte etwas Unwirkliches. Etwas, das ihn bereits jetzt an den Rand eines viel größeren Misstrauens trieb.

Dann waren sie draußen.

In der Nacht.

Ashambrat lag unter Ausgangssperre, und genau das war ihr einziger Schutz. Niemand durfte auf den Straßen sein. Niemand sollte sehen, wie sie durch die Schatten huschten, an Mauern entlang, durch enge Gassen, unter Vorsprüngen, durch tote Winkel, die Morgut ihm beschrieben hatte. Okom hatte mit ihm einen Unterschlupf festgelegt, sorgsam gewählt, nicht weit, auf Wegen erreichbar, die man im Verborgenen gehen konnte.

Er wusste, dass ihr Verschwinden bemerkt werden würde.

Er wusste auch, dass man nach ihnen suchen würde.

Er hoffte nur mit einer Verzweiflung, die schon weh tat, dass Morgut sich bis dahin etwas einfallen lassen würde.

Also führte er Gudi durch die Nacht.

Unbeobachtet, wie es schien.

Immer noch keine Gedanken.

Immer noch kein Mensch.

Immer noch nur dieses Schweigen, das inzwischen wie eine zweite Haut an ihm klebte.

Schließlich erreichten sie den Unterschlupf.

Sie gingen hinein. Okom lauschte noch einmal nach draußen. Nichts. Wieder nichts. Und erst da begann sich in ihm langsam etwas zu lockern. Nicht viel. Nur gerade genug, dass Hoffnung wieder eine Form fand.

Sie hatten das erste Hindernis geschafft.

Lebend aus dem Verlies gekommen.

Morgen, sagte er sich, morgen würden sie die zweite Etappe wagen. Irgendwie aus der Stadt. Noch vor Tagesanbruch. Noch bevor ihr Verschwinden entdeckt wurde. In irgendeine Richtung, Hauptsache fort. Weg von Ashambrat. Weg von Hokn`f. Weg von diesem kalten Wahnsinn, der sich wie Schimmel über alles legte.

Gudi fiel ihm vor Dankbarkeit in die Arme, kaum dass sie glaubte, in Sicherheit zu sein.

Er hatte Essen und Wasser dort bereitgelegt. Sie griff danach mit einer Gier, die jeden Rest von Würde überstieg. Nicht, weil sie keine mehr besessen hätte, sondern weil Hunger und Furcht längst alles andere aus ihr herausgedrückt hatten. Okom sah ihr beim Essen zu und fühlte zum ersten Mal seit Tagen etwas, das beinahe Frieden war.

Es waren keine menschlichen Augen, die ihnen gefolgt waren.

Nein.

Hokn`f war sich sehr wohl bewusst, dass Okom die Gedanken anderer aufspüren konnte. Aber Untote denken nicht. Und Hokn`f war klar gewesen, dass nach ihrem Gespräch etwas geschehen würde. Darauf hatte er sich längst eingerichtet. Er hatte seine untoten Augen überall.

Überall in der Stadt.

In Winkeln. In Höfen. In dunklen Durchgängen. Auf Dächern. Hinter verriegelten Türen. Reglos, wo es nötig war. Beweglich, wo es genügte. Die Ausgangssperre sorgte dafür, dass niemand ihnen begegnete und niemand ihr Vorhandensein bemerkte. Durch die Augen seiner Erweckten blickte Hokn`f selbst auf Ashambrat herab, ruhig, geduldig, fast genießerisch, und es war ihm darum ein Leichtes gewesen, den beiden zu folgen.

Er fand ihr Versteck sehr schnell.

Noch vor Mitternacht hatte er es mit genügend Untoten umstellt, dass eine Flucht unmöglich wurde. Dann ließ er sie eindringen. Einen nach dem anderen. Still. Bewaffnet. Schwert in toter Hand, Schritt um Schritt, ohne Hast, ohne Wut, ohne Zögern. Es gab für sie nur ein Ziel. Das zu Ende zu bringen, was Okom nicht geschafft hatte.

Es war schnell vorbei.

Beinahe ohne Gegenwehr.

Die stillen Untoten metzelten die beiden im Dunkeln nieder, ehe aus Überraschung wirklicher Widerstand werden konnte. Ein kurzes Aufschrecken. Ein lautloser Versuch, eine Waffe zu greifen. Ein Schrei, der nicht weit kam. Dann war es zu Ende.

Hokn`f lächelte kalt, als er seine untote Armee wieder in den Untergrund schickte.

Er wurde besser.

Mit jedem Tag besser darin, sie zu befehligen. Ihnen komplexere Aufgaben zu übertragen. Abläufe zu verketten. Sie nicht nur schlagen, sondern suchen, umstellen, warten und im richtigen Augenblick handeln zu lassen. Es erfüllte ihn mit einer tiefen, sauberen Zufriedenheit, einer, die nichts mit roher Grausamkeit zu tun hatte und gerade deshalb schlimmer war.

Zurück blieben zwei Tote.

Gemeuchelt in einer Nacht, die niemand bemerkt hatte.

Und was wäre das für eine Verschwendung gewesen, dachte Hokn`f, wenn er die beiden nicht ebenfalls in seine stille Armee eingliedern würde.

 

14

 

„Es wird Zeit, dass wir es zu Ende bringen. In jedem Ende wohnt ein Anfang.“

Marabar stand inmitten des riesigen Kraters auf schwarzer Asche.

Früher hatte man diesen Ort durch einen Tunnel im Berg betreten können. Der Tunnel war längst eingestürzt, der Weg durch den Stein verschlossen. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich auch das wieder öffnen ließ. Stein gab nach. Gebirge brachen. Selbst Landschaften erinnerten sich an ihre alten Formen, wenn man nur lange genug wartete oder hart genug nachhalf.

Marabar lächelte.

Früher hatte hier Sahretûn gestanden.

Und bald würde es sich wieder aus diesem schwarzen Staub erheben.

Daran glaubte er nicht nur. Darauf hatte er hingearbeitet. Sehr lange. Viel zu lange, wie mancher vielleicht gesagt hätte. Aber was waren schon Jahre für einen wie ihn. Jahre waren nur das Material, aus dem größere Dinge gemacht wurden, wenn einer nicht schwach wurde und nicht aufgab.

Er blickte sich langsam um.

Hinter ihm standen die untoten Zwillinge, geduldig, reglos, vollkommen wachsam. Zwischen ihnen saß Gnok auf einem eisernen Stuhl, gefesselt und geknebelt. Marabar hatte ihm die Augenbinde abgenommen, damit er sehen konnte.

„Du kennst das hier, nicht wahr“, sagte er leise. „Du erkennst es wieder, Gnok.“

Er erwartete keine Antwort.

„Eine Stadt wie Sahretûn zu beschwören ist nicht so einfach, wie es vielleicht den Anschein hat. Wir mussten damals ein wenig überhastet aufbrechen. Wie du dich sicherlich erinnerst.“

Er drehte sich halb um und sah dem alten Magier in die Augen.

Dort war Entsetzen.

Gutes Entsetzen.

Nicht das rohe, erste Erschrecken eines Menschen, der etwas Unerwartetes sieht. Sondern jenes tiefere Entsetzen, das erst dann entsteht, wenn Erinnerung und Gegenwart sauber aufeinanderpassen und der Geist versteht, was vor ihm liegt.

„Richtig“, sagte Marabar. „Wir sind damals geflohen. Die ganze Stadt. Wir haben Sahretûn in die Kerkerdimension versetzt, um euch zu entkommen, mein alter Feind. Ihr habt ganze Arbeit geleistet. Ihr habt uns beinahe vollständig vernichtet. Aber wir hatten für diesen Fall vorgesorgt.“

Er begann vor Gnok auf und ab zu gehen, langsam, in jener vollkommen beherrschten Bewegung, die fast immer gefährlicher war als jede Hast.

„Ungefähr zur selben Zeit, als ihr unsere Vernichtung plantet, planten wir unsere Rettung. Die Magie schwand aus der Welt. Es wurde immer schwieriger, Dämonen mit Macht zu beschwören. Unser ganzer Schutz beruhte am Ende fast nur noch auf Abschreckung, auf dem Wissen anderer, was wir im Notfall noch tun konnten. Und ihr habt das natürlich irgendwann gespürt. Nicht wahr. Du und die anderen Alten. Du und Mutter.“

Er spie den Namen aus.

Nicht laut.

Gerade deshalb wirkte es stärker.

„Du willst etwas sagen.“

Marabar blieb stehen und beugte sich ein wenig vor, bis sein Gesicht nur noch eine knappe Armlänge von Gnoks entfernt war.

„Sie lebt nicht mehr“, sagte er weich. „Dafür hast du gesorgt. Danke, mein lieber Feind.“

Dann lachte er.

Laut.

Frei.

Mit jener Grausamkeit, die nicht aus Zorn kam, sondern aus Genuss. Er sah die Verzweiflung in Gnoks Augen und weidete sich daran.

„Und genau deshalb habe ich dich noch nicht getötet. Weil du leidest. Unendlich leidest. An dem Mord, den du begangen hast.“

Er wandte sich wieder dem Krater zu.

Es war beinahe so weit.

Lange hatte es gedauert, dieses Feld für die Rückkehr vorzubereiten. Die Fläche wieder von Geröll und Unebenheiten zu säubern, den Basalt freizulegen, die Zeichen des Übergangs tief in den Boden zu gravieren, damit sich Stein wieder an Stein fügen konnte. Lange hatte er daran gearbeitet und vieles eigenhändig überwacht, damit kein Fehler sich in die Arbeit schlich. Jeder einzelne Schritt hatte gestimmt. Jeder Bogen. Jede Linie. Jeder Schnitt. Immer wieder hatte er daran gedacht, für diese Arbeit einen Dämon zu beschwören, doch er hatte sich dagegen entschieden. Es musste sauber sein. Es musste richtig sein. Nicht schnell.

Und dann das Blut.

So viel Blut.

Frisch musste es sein.

Frisch und reichlich.

Immer wieder war er mit Menschen hierhergekommen, Sklaven zumeist, die er auf Askand gekauft hatte. Menschen, die niemand vermisste. Menschen, deren Fehlen in keiner Stadt einen Namen bekam. Er hatte sie arbeiten lassen, hatte sie den schwarzen Boden glätten, Geröll tragen, Asche fortschaffen und Rillen ausheben lassen. Und als sie ihren Zweck erfüllt hatten, hatte er sie getötet und ihr Blut genommen, um die Zeichen zu tränken und zu versiegeln. Danach war er nach Askand zurückgekehrt, hatte neues Blut gekauft, neue Hände, neue Rücken, neue Leben, die ihm nichts bedeuteten.

So vergingen die Jahre.

Aber was waren schon Jahre für einen wie ihn.

Nun war es beinahe fertig. Die riesige Beschwörung war vollständig in den Basaltboden geschnitten. Der ganze Krater war zu einem einzigen Werkzeug geworden. Marabar lächelte still vor sich hin. Immer wieder hatte es die Gefahr gegeben, entdeckt zu werden. Gerade das hatte es so reizvoll gemacht. Ein Spiel. Ein langsames, geduldiges Spiel. Und er war am Gewinnen.

Plötzlich bewegte sich einer der Zwillinge rasch.

Marabar fuhr herum.

Der Untote hatte etwas gefangen. Eine Taube. Er zerquetschte sie in der Faust, als wäre sie eine überreife Frucht.

„Guter Junge“, sagte Marabar.

Die beiden waren darauf abgerichtet, ihn zu schützen. Und das taten sie offenbar ausgezeichnet. Marabar trat näher und blickte auf das zerdrückte Tier. Eine jener Tauben, die er Hokn`f überlassen hatte.

„Was will dieser Trottel schon wieder“, murmelte er.

Hokn`f war nützlich. Nicht mehr. Nicht weniger. Eine brauchbare Schachfigur im Spiel. Er würde die Schule unter sich vereinen, Macht bündeln, die Stadt in einen Kriegszustand treiben, und wenn er damit fertig war, würde er ersetzt werden. Ein Bauer. Ein guter Bauer, aber eben nur das.

Marabar beugte sich hinab und nahm den Fuß der Taube. Eine Nachricht war daran gebunden. Die Tiere waren auf ihn ausgerichtet. Sie würden ihm immer den Zettel bringen, gleichgültig, wem man sie ursprünglich gegeben hatte.

Er entrollte das Schriftstück.

Las.

Dann hob sich ein kaltes Lächeln um seinen Mund.

„Interessant“, sagte er. „Sehr interessant.“

Er blickte zu Gnok hinüber.

„Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten.“

Dann trat er ein Stück beiseite und begann, Zeichen auf den Boden zu malen, während er die passenden Worte murmelte. Nicht hastig. Nicht laut. Alles an ihm wirkte ruhig, beinahe heiter, als bereite er etwas Vorzügliches vor und nicht ein weiteres Verbrechen.

In der Mitte der Beschwörung zog er sein Messer.

Er wollte das nötige Blut dafür geben.

Doch dann fiel sein Blick auf Gnok.

„Heute werde ich nicht bluten“, sagte er fröhlich. „Heute bist du es.“

Er gab den Zwillingen ein Zeichen. Sie brachten Gnok näher, rissen sein Bein in die richtige Stellung, und Marabar schnitt ihm mit dem Messer einen langen, sauberen Riss in das Fleisch. Das Blut rann sofort heraus, dunkler als auf Askand, reicher, voller, von einem Magier und nicht bloß von irgendeinem namenlosen Körper. Marabar ließ es auf die Zeichen tropfen und beobachtete zufrieden, wie sich die Linien damit füllten.

„Das ist mehr als ausreichend“, sagte er lachend.

Dann vollendete er die Beschwörung.

Es dauerte nicht lange.

Der Boden unter den Zeichen begann zu glühen, dann zu brennen, und aus der Erde fuhr eine Gestalt herauf, ein massiger, fremder Schrecken. Fünf Hörner trug der Kopf, oder etwas, das einem Kopf noch am nächsten kam. Darunter ein Leib mit zu vielen klauenbewehrten Händen. Über jeder Klaue saß ein Auge, und in jeder Hand öffnete sich ein zahnbewehrter Mund.

„Herr von Sahretûn, Marabar“, kreischten die Münder im höllischen Gleichlaut.

Marabar trat keinen Schritt zurück.

„Muurgha“, sagte er. „Bring mir einen Magier aus Ashambrat. Sein Name ist Anadar.“

Der Dämon wollte sich sofort in Bewegung setzen.

„Lebend, Muurgha. Lebend und gefesselt und geknebelt.“

Muurgha richtete sich zu voller Größe auf und blickte auf Marabar herab. In seinem Aufbäumen war Widerstand. Ekel. Hass. Vielleicht sogar ein Rest dämonischer Belustigung darüber, dass ein Beschwörer so klein blieb und dennoch befahl.

Marabar spürte die Gegenwehr.

„Lebend, Muurgha“, sagte er schärfer. „Und nicht sterbend. Entführe ihn. Brenne nicht die Stadt nieder. Niemand soll dich sehen.“

Der Dämon zischte und wand sich. Für einen kurzen Augenblick stemmte sich alles an ihm gegen den Dienst. Marabar hielt die Kontrolle. Sauber. Hart. Ohne ein sichtbares Zeichen von Anstrengung, auch wenn der Druck durch die Bindung scharf genug war, dass jeder Schwächere daran gezittert hätte.

Schließlich zwang er Muurgha unter seinen Willen.

Das würden sehr amüsante Tage werden.

Marabar wandte sich noch einmal Gnok zu.

„Das Spiel“, sagte er, „neigt sich langsam dem Ende zu, mein alter Feind.“

Dann band er ihm die Augen wieder zu.

Der Schrecken für heute reichte.

 

15

Anadar war damit beschäftigt, alle Informationen zu sammeln und zusammenzuhalten.

Er hatte bemerkt, wie versucht worden war, ihn und andere zu beeinflussen. Er wusste die ganze Zeit, dass hier etwas nicht stimmte. Dieser plumpe Beeinflussungsversuch hatte es ihm nur endgültig bestätigt. Deshalb ließ er denjenigen, Tzadier, zunächst in dem Glauben, es funktioniere. Der Mann stellte sich dabei erstaunlich plump an. Noch viel plumper als Fontal damals in Tandor. Bei dem Gedanken daran lächelte Anadar kurz, aber eher aus Reue als aus wirklichem Wohlgefallen. Er hatte die Magierin damals massiv verschreckt, das hatte er bei ihrem Wiedersehen deutlich gespürt.

Doch Tzadier war von einer ganz anderen Art.

Anadar ließ ihn so lange gewähren, bis er es beinahe nicht mehr aushielt. Das Ganze war eine so abgekartete, so einstudierte Angelegenheit, dass ihm beinahe schlecht davon wurde. Also hatte er dem Spiel einen Riegel vorgeschoben. Er blockierte Tzadier und nahm ihm im selben Augenblick die Beeinflussung der anderen aus der Hand. Es war ihm ein Einfaches dieses Unterfangen zu beenden. Hokn`f spielte ein gefährliches Spiel, und es wurde allmählich Zeit, sich diesem Spiel wirklich zu nähern und es zu beenden.

Anadar wusste, dass Shara sich inzwischen dem anderen Teil der Angelegenheit näherte. Darauf vertraute er vollständig. Spätestens bei der nächsten Konklave würden die Masken fallen, davon war er überzeugt. Und bis dahin legte er hier bereits kleine Fäden des Misstrauens aus.

Als sich die Geist und Wassermagier schließlich mit dem Hinweis auf ihre Erschöpfung verabschiedeten, nahm Anadar das zum Anlass, sich ebenfalls zu entfernen. Er ging die Stufen der Schule hinab und bemerkte zunächst nicht, dass Fontal sich ihm näherte.

„Auf ein Wort, Meister Anadar.“

Er fuhr aus seinen Gedanken hoch und blickte in die grauen Augen der Dekanin der Geistschule.

„Meisterin Fontal. Sehr gern. Im Übrigen bin ich noch gar nicht dazugekommen, mich bei euch zu bedanken. Die Schriftstücke sind in der Festung angekommen und waren uns eine große Hilfe.“

„Das freut mich“, sagte sie knapp. „Ich denke, wir sollten ein wenig abseits gehen.“

Sie gingen gemeinsam die Stufen hinunter und schlugen einen Weg durch die Stadt ein. Ashambrat war nicht mehr so belebt wie früher, doch die Ankunft der Magier anderer Schulen hatte neuen Tumult in die Straßen getragen. Händler standen in Gruppen zusammen, Kinder wurden rascher als sonst aus dem Weg gezogen, Menschen sahen hin, sahen wieder weg. Die beiden gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, bis Fontal vorsichtig begann.

„Ihr wart das, nicht wahr. Der die Beeinflussung beendet hatte.“

Anadar nickte nur.

„Das dachte ich mir“, sagte sie. „Aber könnt ihr mir sagen, warum er es macht.“

„Wer.“

Sie warf ihm einen kurzen Seitenblick zu.

„Hokn`f. Ihr wisst es doch. Ihr spürt es auch, dass hier etwas nicht so ist, wie es scheint.“

„Ich vermute es“, sagte Anadar.

„Was wisst ihr“, fragte sie ohne Umschweife. „Und warum seid ihr nicht als ganzer Trupp hier eingeritten.“

Anadar lächelte flüchtig.

„Das ist eine zweigeteilte Frage, Fontal. Was ich weiß, ist, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Ich vermisse mehrere Personen. Gnok ist spurlos verschwunden. Ebenso mein Schüler Morgut und seine Schwester. Und noch einiges mehr liegt im Argen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Sondra einen solchen Konflikt leichtfertig riskieren.“

„Also müssen wir ihre Version hören“, sagte Fontal.

Anadar sah sie an und lächelte diesmal etwas offener.

„Ihr seid nicht alleine hier, richtig? Ich habe ihre Anwesenheit gespürt. Wisst ihr.“

„Wen.“

„Shara.“

Wieder blickte er sie an und lächelte.

„Ihr seid gut. Ja. Sie ist hier.“

„Ihr sammelt Informationen für Manador“, sagte Fontal. „Ihr wollt wissen, was das hier ist, bevor ihr die Feuermagier herschickt. Richtig.“

„Das war nicht schwierig zu erraten.“

„Ihr seid ein Spion.“

„So würde ich es nicht ausdrücken.“

Beide lachten kurz.

Dann wurde Anadar wieder ernst.

„Ich bin mir nicht sicher, wegen was wir eine Untersuchung einleiten sollen. Wegen der Sondra oder doch wegen Hokn`f.“

Fontal sah ihn nun ebenfalls wieder ernst an.

„Ich weiß nicht warum, aber er lässt Unmengen an Waffen in die Stadt schaffen.“

Sie schlenderten weiter durch die Straßen und sprachen noch über verschiedene Dinge, scheinbar lose, in Wahrheit aber mit großer Aufmerksamkeit.

Plötzlich sagte Fontal:

„Ihr wisst, dass ihr mir Albträume bereitet habt.“

Anadar drehte sich leicht zu ihr.

„Was davon war real. Von den Dingen, die ihr mir in Tandor gezeigt habt.“

„Alles, Fontal. Alles. Und das ist das Schlimme. Wir leben in Zeiten, in denen viel in Bewegung kommt.“

Sie schwiegen eine Weile.

Dann sagte sie:

„Wenn ihr Hilfe braucht, Anadar, lasst es mich wissen. Ich weiß nicht, ob ich auf der richtigen Seite stehe.“

Dieses Gespräch verfolgte ihn noch lange.

Er wusste, dass Fontal eine Politikerin durch und durch war. Sich aber so unverschämt alle Seiten offenzuhalten, das wagte nicht einmal er ihr vollständig zuzutrauen. Er ging den Gedanken mehrmals durch und beschloss schließlich, ihn mit Shara zu teilen, sobald er konnte. Sie würde ihm vermutlich besser sagen können, was Fontal wirklich bezweckte.

Dann zwang er sich, auf seine eigentliche Aufgabe zu konzentrieren.

Die Waffen.

Er hatte die letzten Tage beobachtet, wo Karawanen entladen wurden, wie die Kisten und Kästen gelagert, weitergeschafft und umverteilt wurden. Genau dort setzte er an. Für diese Nacht bereitete er sich mit verschiedenen Zaubern vor. Die Vogelgestalt war für nächtliche Erkundungen unter der Erde ungeschickt. Er überlegte, ob eine Ratte oder eine Katze ihm mehr Erfolg bringen würde, und entschied sich schließlich für die Katze.

Die Verwandlung verlief rasch.

Nach einigen Minuten hatte er auch das Wesentliche verstanden, nur mit dem Schwanz kam er zunächst nicht ganz zurecht. Der war ihm im Weg. Auch das senkrechte Klettern hinab und hinauf bereitete ihm am Anfang Probleme, doch er begriff schnell. Schon bald huschte er durch die nächtlichen Gassen, über Mauern, Dächer und Innenhöfe. Verschlossene Türen waren in dieser Gestalt kaum ein Hindernis. Entweder fand er einen Spalt, der groß genug war, oder ein Fenster, das nicht ganz sauber schloss.

Die Straßen waren leer.

Niemand bewegte sich draußen. Die Sonne war lange untergegangen, als er das Gebäude fand, in dem die Kisten entladen worden waren. Eine Öffnung genügte, und er schlüpfte hinein.

Er hörte es.

Und er roch es.

Noch bevor seine Augen ihm zeigten, was dort geschah.

Die Waffen wurden verladen.

Kisten wurden geöffnet, Schwerter und Rüstungen entnommen und in den Keller getragen. Von Gerippen. Von Skeletten. Von Untoten.

Zuerst glaubte Anadar, seine Wahrnehmung als Katze spiele ihm einen Streich. Dass die fremde Sensorik seines Tierkörpers ihm die Szene verzerrte. Doch nein. Es war so. Was sich vor ihm abspielte, war wirklich. Eine surreale, stumme, ungeheuerliche Szene.

Er folgte den Untoten in den Keller.

Niemand nahm Notiz von ihm.

Dort unten, drei Stockwerke unter der Erde, lag eine Halle. Waffen und Rüstungen wurden an ihrem Eingang abgelegt, und dann lief einer nach dem anderen von anderen Untoten an dem Stapel vorbei, nahm sich einen Helm, ein Schwert oder Axt, einen Brustharnisch und ging weiter hinunter.

Anadar folgte.

Die nächste Halle war größer. Viel größer.

Und dort standen sie.

Dicht auf dicht gedrängt. In Reihen. Einer hinter dem anderen. Tote. Bewaffnet bis an die Zähne.

Eine Armee.

Versammelt im Untergrund.

Anadar blieb stehen, und für einen Augenblick gefror ihm das Blut. So etwas hatte er noch nie gesehen. Das war keine improvisierte Verteidigung. Das war Vorbereitung. Das war Absicht. Das war Krieg, bevor der Krieg offen benannt wurde.

Er hatte genug gesehen.

Leise, vorsichtig, schnell lief er in Katzengestalt wieder nach oben. Niemand beachtete ihn. Niemand schien ihn gesehen zu haben. Er war beinahe oben angekommen, als er es im letzten Augenblick wahrnahm.

Eine Klaue schoss nach ihm.

Nur seine Katzenreflexe retteten ihn. In einem einzigen Sprung entkam er der ersten Bewegung.

Seine tierischen Instinkte schlugen in Panik um. Das, was da vor ihm stand, konnte unmöglich... Doch es war.

Er verwandelte sich im selben Augenblick zurück und zog sein Schwert, als eine weitere Klaue des Dämons auf ihn niederging. Er schlug die Hand ab und zwang sich zur Konzentration. Ein Flammenstrahl schoss aus seiner linken Hand auf das Wesen zu, während eine der Klauen ihn dennoch traf.

Was dann entbrannte, war ein Kampf, wie Anadar ihn noch nie geführt hatte.

Er versuchte zunächst nur, Abstand zu gewinnen. Raum. Einen Atemzug Zeit. Genug, um sich in seiner aufsteigenden Panik an eine Bannung zu erinnern. Doch egal, was er versuchte, der Dämon hielt stand und griff weiter an. Schläge. Klauen. Hörner. Ein ständiges Nachsetzen, als sei er genau darauf gezüchtet, keinen Gegner zur Ruhe kommen zu lassen.

Bald brannte das Lagerhaus.

Das Feuer griff an Kisten, Balken und Stoffe. Über ihnen explodierte ein Teil des Daches, als der Dämon anwuchs und seine Klauen erneut nach Anadar schlug. Die ersten Alarmglocken begannen in der Stadt zu läuten.

Anadar fokussierte sich.

Er versuchte es mit einem Lichtzauber. Wieder wurden einige Klauen abgetrennt, doch auch das stoppte den Dämon nicht. Er kam weiter. Er war zu nah. Zu schnell. Zu wirklich.

Dann griff das Wesen mit seinen Hörnern an.

Eines davon drang durch Anadars Steinhaut.

Direkt in seine Brust.

Anadar starrte ungläubig auf das Horn, das aus ihm ragte. Seine Hand wurde schlagartig schwach. Das Schwert entglitt ihm. Alles wurde weit. Fern. Unwirklich.

Das Letzte, woran er sich erinnerte, war das Feuer, das über dem Dämon zuckte.

Dann wurde alles schwarz.

 

16

 

Morgut verlor die Geduld mit den Sondra.

Vielleicht nicht auf einmal. Nicht in einem einzigen Zornesstoß, nicht mit einem plötzlichen Ausbruch, sondern langsamer, Stunde um Stunde, Gespräch um Gespräch, in jener stillen Art, in der Geduld nicht reißt, sondern dünner und dünner wird, bis sie eines Tages nur noch wie ein Faden in der Hand liegt. Seine Schwester saß in einem Verlies. Ihr einziger Schutz war Okom, ein Magier mit Skrupeln, einer, der sich lieber duckte, als offen Stellung zu beziehen. Morgut wusste, dass selbst das viel war in einer Stadt wie Ashambrat, und doch kam es ihm mit jedem Tag weniger wie Rettung und mehr wie Verzögerung vor.

Er saß nun seit mehreren Tagen in der Pyramide fest.

Nicht in einer Zelle. Nicht in Fesseln. Nicht einmal unter offenem Zwang. Aber auch das änderte nichts daran, dass er nicht fortkam. Immer wieder wurde er nach oben geholt, wie jeden Tag, wie auf ein stilles Zeichen hin, und immer wieder drehte sich alles um dieselben Fragen. Wie solle Hilfe aussehen. Was genau erwarte er. Was biete er im Gegenzug.

Die Sondra waren dabei immer freundlich.

Immer ruhig.

Nie übten sie Druck aus. Nie forderten sie etwas in grober Form. Niemals wurde er bedroht. Nie auch nur unhöflich behandelt. Das allein machte es schwerer, ihnen Zorn entgegenzubringen. Und doch ging ihm die Zeit aus. Das spürte er jeden Morgen schärfer. Es war, als säße seine Schwester nicht nur in einem Verlies, sondern als tropfe jede Stunde von ihr ab und niemand außer ihm höre das.

Und wieder wurde er nach oben geholt.

Wieder saß er Zars, Dwon, Idan und Opla gegenüber in dem hohen, kühlen Raum nahe der Spitze der Pyramide, in dem Licht und Luft gleichermaßen seltsam still wirkten. Wieder ging es um dieselben Fragen, nur in anderer Ordnung.

„Ihr sagt“, begann Zars, „dass Ashambrat nicht mehr dieselbe Stadt ist.“

„Ja.“

„Und doch wollt ihr, dass wir euch helfen, in genau diese Stadt einzugreifen.“

„Ja, ich will, dass ihr mir helft.“

Dwon verschränkte langsam die Hände.

„Und was geschieht dann“, fragte er. „Nehmen wir an, wir helfen euch. Wir dringen ein. Wir helfen euch die Stadt zu befreien. Was folgt. Was wird Hokn`f in Ashambrat machen. Seine Magier bleiben. Seine Lüge bleibt. Wann wärt ihr zufrieden.“

Morgut schwieg.

„Also helfen wir euch in dieser Angelegenheit“, sagte Opla, „und überlassen eine Stadt dem Wahnsinn.“

„Ich bin nicht hier, um Philosophie zu treiben“, fuhr Morgut sie an, schneller und schärfer, als er es beabsichtigt hatte. „Ich bin hier, weil mir die Zeit davonläuft und ich Hilfe brauche, schnell.“

Es wurde still.

Nicht gekränkt. Nicht feindselig. Eher das Schweigen von Wesen, die etwas zur Kenntnis nehmen und es in ihr Urteil einarbeiten.

Zars sprach als Erste wieder.

„Wir verstehen euren Schmerz.“

„Nein“, sagte Morgut. „Das tut ihr nicht.“

Er stand auf.

Sofort hätte er sich für den Satz verfluchen können, doch es war zu spät. Er hatte ihn ausgesprochen, und mehr noch, er hatte ihn in genau dem Ton ausgesprochen, in dem aus Erschöpfung endlich Trotz wird.

„Wenn ihr mich jeden Tag heraufholt, um dieselben Fragen zu stellen, dann fragt ihr nicht nach Hilfe. Dann prüft ihr nur, wie lange ich ruhig bleibe.“

Niemand antwortete sofort.

Dwon sah zu Zars hinüber.

Idan atmete hörbar aus.

Zars blieb sitzen und hob nur leicht den Blick.

„Vielleicht“, sagte sie, „prüfen wir beides.“

Dieser Satz tat Morgut mehr weh als jede Drohung.

Nicht weil er grausam war. Sondern weil er ehrlich war.

Er trat an den Rand der obersten Ebene hinaus, wo die Luft trockener wurde und die Wüste wie etwas Unendliches unter der Pyramide lag. Für einen Moment stand er dort, spürte seinen Zorn, seine Hilflosigkeit, seinen Ekel davor, hier festzusitzen, während in Ashambrat alles geschah, was nicht hätte geschehen dürfen.

Dann traf er seine Entscheidung.

Er verwandelte sich.

Nicht langsam. Nicht schön. Fast wütend. Federn. Knochen. Leichtigkeit. Ein Rabe stand, wo eben noch ein Mann gestanden hatte, und mit einem einzigen kräftigen Schlag der Flügel stieß er sich vom Rand der Pyramide ab und flog nach Norden davon.

Niemand hielt ihn auf.

Die vier sahen ihm nur nach.

„Er wird es allein erledigen wollen“, sagte Dwon nach einer Weile.

„Er ist ungeduldig“, sagte Idan.

„Vielleicht auch zu Recht“, erwiderte Zars. „Nur würde ihm Hilfe von uns mehr schaden als helfen.“

Da erklang hinter ihnen eine zaghaft erhobene Stimme.

„Zars?“

Sie drehten sich um. Eine Elfe war von unten heraufgetreten, jung im Gesicht, doch mit diesem eigenartigen Ausdruck der Sondra, in dem Aufmerksamkeit tiefer saß als bloße Höflichkeit.

„Was gibt es, Fi“, fragte Zars.

Fi wandte den Blick von dem Vogel ab, der schon weit über der Wüste Richtung Norden zog, und sah zu ihrer Anführerin.

„Es ist wieder jemand in das Tal eingedrungen, Zars. Eine Frau.“

 

Morgut hatte die Geduld verloren.

Er flog direkt auf die Stadt zu, und schon von weitem sah er, dass etwas gebrannt haben musste. Der Rauch hing noch in der Luft. Einer der Hallen am Rand der Stadt ragte mit verkohltem, halb offenem Dach in den Himmel. Noch stieg schwacher Qualm daraus auf. Morgut registrierte es, aber es interessierte ihn nicht. Nicht jetzt. Er suchte zuerst eine unbeobachtete Ecke, verwandelte sich zurück und machte sich sofort auf den Weg, Okom zu finden.

Zuerst suchte er dort, wo Okom sich tagsüber gewöhnlich bewegte.

Nichts.

Dann in den schmalen Gassen, in denen er ihn früher aufgespürt hatte.

Nichts.

Er ging an die stilleren Höfe. An die Innenwege zwischen Schule und Nebengebäuden. Zu den Schattenzonen, in die ein Mann wie Okom sich instinktiv zurückzog, wenn er niemandem begegnen wollte.

Nichts.

Morgut klopfte nicht an Türen. Er spähte durch Ritzen. Lauschte. Streckte immer wieder den Geist aus, tastete nach schwachen Gedankenfäden, nach Angst, nach vertrauter Unsicherheit, nach genau jenem inneren Zögern, an dem er Okom inzwischen aus jeder Menschenmenge heraus hätte erkennen können. Es war nichts da.

Nichts.

Und nun begann die Unruhe in ihm zu wachsen.

Er ging schneller.

Verlor die Vorsicht Schritt für Schritt.

Er suchte in den Gängen nah an den Quartieren der Magier, dann weiter unten, dort, wo man nicht so leicht gesehen werden wollte. Er suchte zwischen Mauern, in toten Winkeln, sogar in einem verlassenen Innenhof, in dem bloß Staub und ein umgestürzter Krug lagen. Jeder Ort, an dem Okom hätte warten, schlafen, sich verbergen können, war leer.

Da ging Morgut in das Verlies.

Nicht mehr vorsichtig.

Nicht mehr lautlos.

Er vergaß jede Vernunft, jede Abwägung, jede Rücksicht auf Augen, Ohren oder Folgen. Er ging direkt zu Gudis Zelle.

Sie war leer.

Der Stein. Die Kettenreste. Die Dunkelheit. Sonst nichts.

Er sah in die Nachbarzellen.

Öffnete Türen.

Sah in andere Verliese.

Niemand. Nicht Gudi. Nicht Okom. Nicht einmal Blut. Nur Leere. Als habe man das Geschehene schon wieder glattgezogen, damit kein Blick mehr daran hängen blieb.

Das machte ihn rasend.

Er verließ das Verlies beinahe rennend und nahm den Weg zu dem Unterschlupf, den er mit Okom festgelegt hatte, er war als erstes darüber geflogen und hatte niemanden daarin gespürt, deswegen hatte er ihn zuerst ignoriert. Doch nun als er sich zu Fuß näherte, wusste er, dass etwas nicht stimmte. Die Tür hing schief. Nicht weit offen, sondern in einer Art, die Verrat roch. Holz war gesplittert. Ein Teil des Rahmens ausgebrochen.

Drinnen lag Blut auf dem Boden.

Nicht viel an manchen Stellen. An anderen so dunkel und getrocknet, dass der Stein es bereits in sich gezogen hatte.

Morgut blieb einen einzigen Herzschlag lang stehen.

Dann verlor er jede Rücksicht.

 

„Das war ein Angriff auf eines unserer Waffenlager, vermutlich geführt von den Sondra.“

Sie standen in Hokn`fs Saal an dem großen Tisch versammelt. Hokn`f erklärte das Feuer der vergangenen Nacht in einer der Hallen als Überfall, der erfolgreich zurückgeschlagen worden sei.

„Es brannte nur die Lagerhalle ab“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Und wir fanden einige verkohlte Leichen in den Überresten. Ansonsten ist wenig geschehen. Die Wachen berichten jedoch, dass sie mehrere Gestalten über die Mauern haben fliehen sehen. Nach Süden.“

Es war glatt gelogen.

Doch das kümmerte Hokn`f wenig. Was genau in jener Nacht geschehen war, wusste er selbst nicht bis ins Letzte. Er wusste nur, dass niemand den eigentlichen Untergrund unter der Lagerhalle gefunden hatte. Glücklicherweise war das Dach eingestürzt und hatte den Zugang nach unten unter sich begraben. Seine Untotenarmee darunter war intakt und unentdeckt. Ihr war nichts geschehen. Das allein zählte. Mit etwas Geschick konnte er aus dem Feuer kapital schlagen, Feuer und ein verschwundener Feuermagier. Wie passend.

Sie diskutierten noch belangloses Zeug, Einzelheiten über Sicherung, Patrouillen und die üblichen Vorschläge, als plötzlich eines der äußeren Fenster barst.

Glassplitter sprühten in den Saal.

Ein Vogel schoss herein, groß, schwarz, schnell, und verwandelte sich noch im Flug zurück in einen Menschen. Im nächsten Augenblick landete Morgut direkt vor Hokn`f.

Er warf sich auf ihn.

Seine Hand schloss sich um Hokn`fs Kragen, und mit einer Kraft, die aus blankem Zorn geboren war, riss er ihn hoch.

„Wo ist sie“, knurrte Morgut. „Wo ist meine Schwester. Was habt ihr mit ihr gemacht.“

Hokn`f starrte in die verzerrte Fratze vor sich. Für einen Augenblick war sogar er überrascht.

Dann kam der Schlag.

Von hinten.

Ungewöhnlich hart.

Tzadier schlug Morgut mit dem Griff eines Dolches an den Kopf. Der Treffer saß genau richtig. Morguts Finger lösten sich. Seine Augen rollten zurück, und er sackte bewusstlos zu Boden.

Die versammelten Magier standen um ihn herum.

From war die Erste, die sprach.

„Das ist Morgut. Der Schüler von Anadar.“

Ihre Stimme klang erschrocken. Nicht gespielt. Wirklich erschrocken.

„Was ist nur in ihn gefahren.“

„Das kann ich nicht sagen“, antwortete Hokn`f, erboist, während er sich den Kragen strich. Niemand hatte ihn je so behandelt. Niemand. „Aber vermutlich steckt er mit Anadar unter einer Decke. Wo ist der Feuermagier überhaupt.“

Fontal stand ein wenig abseits.

Sie beobachtete die Szene.

Sie war bei weitem nicht so überrascht, wie sie sich gab. In Morguts Auftauchen und in Hokn`fs Reaktion hatte sie etwas gespürt, dem sie auf den Grund gehen musste. Nicht nur Wut. Nicht nur Chaos. Da war ein Faden. Einer, der tiefer hinabführte.

Und sie hatte längst begonnen, ihn zu sehen.

 

17

 

Slonda hatte lange geglaubt, dass seine Neugier ihn eines Tages in den Untergang treiben würde.

Es war kein Gedanke, der ihn erschreckte. Eher einer, den er mit der Zeit so oft betrachtet hatte, dass er ihm beinahe vertraut geworden war. Zu viel hatte er gesehen, zu viel gelernt, zu oft Grenzen überschritten, von denen andere nur aus Schriften wussten. Und doch war es nicht die dunkle, verbotene oder gefährliche Kunst, die ihn in diesen Jahren am hartnäckigsten lockte. Es war etwas anderes. Etwas, das ihm fremd war und darum vielleicht noch schwerer wog.

Die Wandler.

Jedes Mal, wenn Slonda an einer Konklave teilnahm, was er von Zeit zu Zeit tat, so wie es im Zeitzirkel vereinbart worden war, fiel sein Blick unweigerlich auf jene Magier, die nie ganz in einer festen Gestalt erschienen. Manchmal saßen dort Menschen, deren Augen eine Tiefe hatten, die an Tiere erinnerte. Manchmal Tierwesen, deren Hände sich menschlich bewegten, manchmal Menschen mit Tierköpfen, als gehörten sie nicht ganz derselben Form an wie der Rest des Körpers. Manchmal Erscheinungen, die nur auf den ersten Blick menschlich wirkten und bei näherem Hinsehen in jeder Bewegung verrieten, dass unter Haut und Haltung etwas anderes lauerte.

Sie faszinierten ihn.

Mehr, als er es sich zunächst eingestehen wollte.

Während er in Tandor seine Studien der Nekromantie vertiefte, schob sich dieser Gedanke immer wieder in seine Überlegungen. Anfangs hatte er ihn beiseitegeschoben. Es gab genug zu tun. Genug zu lernen. Genug zu ordnen. Doch mit der Zeit veränderte sich sein Verhältnis zu den Lehren der Toten. Was ihm zuerst als bedeutende Erweiterung seines Wissens erschienen war, verlor an Reiz. Tote waren lehrreich, gewiss. Tote waren nützlich, nicht zuletzt in den Händen jener, die Ordnung aus dem Ende formten. Doch sie waren still. Vorhersehbar. Sie boten Widerstand nur auf die Weise, wie Materie Widerstand bot. Nicht wie Leben.

Und Slonda merkte, dass ihn das irgendwann langweilte.

Das Lebendige war ihm ansprechender.

Im wahrsten Sinne des Wortes.

Es war Wandlung, Bewegung, Instinkt, Körper, Wille, Flucht, Jagd, Furcht, Paarung, Zorn, all das, was Tote nur noch als grobe Erinnerung in sich trugen. Je deutlicher ihm das wurde, desto klarer wurde ihm auch, dass er den nächsten Schritt längst innerlich getan hatte.

Also fasste er einen Entschluss.

Die Schule der Wandlung war nicht so verschlossen wie die Beschwörer gewesen waren. Geheimnisvoll, ja. Fremd, zweifellos. Aber nicht hermetisch. Nicht ganz. Und so machte Slonda sich schließlich auf den Weg in den Norden, nach Varakht.

Varakht war keine Stadt.

Es war keine Burg.

Nicht einmal eine Ansammlung von Häusern, wie andere Schulen sie mit den Jahrhunderten aus Stein, Holz und Gewohnheit errichteten.

Varakht war ein Felsen.

Ein gewaltiger, hohler Felsen, von Wind und Werkzeugen geformt, ausgehöhlt, durchzogen von Eingängen, Schächten, Spalten und weiten Kammern. Schon von außen hatte er etwas von einem Wesen, das sich in die Landschaft gelegt hatte und dort weiteratmete, auch wenn kein Brustkorb zu sehen war. Es gab nicht einen Haupteingang, sondern viele Zugänge, breite und schmale, hohe und niedrige, runde Öffnungen, die an Nester erinnerten, und Spalten, durch die nur etwas Schlankes oder sehr Kleines hindurchgekommen wäre. Slonda stand lange vor diesem Ort und sah zu ihm auf, während der Nordwind an seinem Gewand zerrte.

Dann ging er hinein.

Oder vielmehr, man ließ ihn hinein.

Ob er wirklich aufgenommen wurde oder ob man ihn nur in der Nähe des eigenen Wissens duldete, blieb ihm lange unklar. Wahrscheinlich war die Antwort irgendwo dazwischen. Die Wandler begrüßten ihn nicht in einer Weise, wie andere Schulen einen Besucher begrüßten. Es gab kein feierliches Willkommen, keinen Dekan, der mit ruhiger Stimme Regeln erklärte, keine strenge Ordnung, die auf einen Blick sichtbar geworden wäre. Stattdessen hatte Slonda von der ersten Stunde an das Gefühl, in einen Strom eingetreten zu sein, der längst floss und sich wegen seiner Anwesenheit nicht im Geringsten veränderte.

Niemand dort war durchgehend in Menschengestalt.

Manche von ihnen gingen als Tiere an ihm vorbei, und erst wenn sie ihn ansahen, wurde ihm klar, dass in diesem Blick keine bloße Kreatur, sondern ein denkender Geist wohnte. Andere trugen Mischgestalten, halb Mensch, halb etwas anderes, oft so fließend ineinander übergehend, dass Slonda nicht hätte sagen können, an welchem Punkt die Grenze verlief. Ein Arm konnte in eine Schwinge auslaufen, ein Rücken in etwas, das eher Fell als Stoff trug, ein Gesicht im nächsten Augenblick weiter sein, ein Kiefer anders, die Augen weiter außen oder tiefer gesetzt.

Und das Merkwürdigste war, dass niemand dort schien, als halte er diese Form für etwas Besonderes.

Es war nicht Verwandlung als Kunststück.

Es war Leben.

Slonda wurde in diese Welt eingelassen, so weit, wie man ihn eben hineinließ. Er lernte Anatomie in einer Tiefe, die selbst ihn überraschte. Nicht die trockene Ordnung von Knochen, Muskeln und Sehnen, wie ein Nekromant sie braucht, um einen Körper funktional zu verstehen. Sondern die lebendige Anatomie. Die Spannung in einem Sprung. Die Verteilung des Gewichts bei einem Wolf, einem Hirsch, einem Raubvogel. Die Beschaffenheit des Auges in der Nacht und am Tag. Das Verhältnis von Jagdtrieb und Vorsicht. Die Form von Furcht im Körper. Wie Tiere sahen. Wie sie hörten. Wie sie die Welt begriffen, ohne sie in Worte zu zerlegen.

Es war für Slonda eine sehr lehrreiche Zeit.

Und eine beunruhigende.

Denn nie war er sich ganz sicher, mit wem er gerade sprach. Niemand hatte eine feste Gestalt, keine feste Form, kaum eine feste Stimme. Selbst wenn er glaubte, einen von ihnen wiederzuerkennen, weil Körpergröße, Blick oder Haltung ähnlich waren, konnte er nie sicher sein, dass er sich nicht irrte. Mehr noch, es schien ihm mit der Zeit, als gäbe es dort nicht einmal ein individuelles Bewusstsein in der Weise, wie Menschen es gewöhnlich verstanden. Nicht, dass die Wandler keine Einzelwesen gewesen wären. Doch sie wirkten auf ihn verbunden, durchlässig, als läge unter ihren einzelnen Gestalten noch etwas Größeres, ein gemeinsamer Resonanzraum, in dem Gedanken, Stimmungen und Wahrnehmungen einander berührten.

Er verstand nie ganz, wie sie miteinander verbunden waren.

Aber er spürte, dass sie es waren.

Vielleicht war es genau dieses Gefühl, das ihn immer ein wenig unruhig hielt. Slonda war vieles gewohnt, doch ein Kollektiv, das nicht offen kollektiv auftrat, sondern in lauter Einzelwesen lebte und dennoch etwas Gemeinsames trug, blieb ihm fremd.

Ihre Kommunikation verstärkte diesen Eindruck noch.

Sie sprachen nicht nur mit Worten. Oder genauer, Worte waren nur ein kleiner Teil dessen, was unter ihnen geschah. Vieles lief über Tonfolgen, über Wiederholungen, über Abstände, über kleine melodische Figuren, die Slonda nie ganz entschlüsselte. Es hatte etwas mit Musik zu tun und mit Mathematik, dessen war er sicher. Es gab Muster, Wiederholungen, Spiegelungen, Antworten, die nicht in Bedeutung, sondern in Verhältnis gedacht zu sein schienen. Slonda fand keinen wirklichen Zugang dazu. Er konnte sich einiges erschließen, wie man sich in einer fremden Sprache mit Geduld erste Brücken baut, aber er drang nie wirklich hinein.

Vielleicht ließen sie ihn auch nie ganz hinein.

Das war möglich.

Und vielleicht war gerade das ihre Form von Vorsicht.

Doch trotz allem gelang es ihm, das Entscheidende zu lernen. Nicht alles. Nicht bis in die Tiefe, in der die Wandler selbst ihre Kunst verstanden. Aber genug. Genug, um einige Tiergestalten anzunehmen. Genug, um den Körper als etwas Beweglicheres zu begreifen, als die meisten Schulen es je taten. Genug, um zu merken, wie viel Denken im Fleisch lag und wie viel Magie in der Bereitschaft, sich aus sich selbst hinauszubewegen.

Es genügte ihm.

Zumindest für eine Weile.

Dann wurde ihm etwas anderes bewusst.

Er drückte sich.

Nicht vor einer einzelnen Pflicht, nicht vor einer Person, nicht vor einem konkreten Entschluss. Sondern vor der Rückkehr. Vor seiner eigenen Zeit. Vor dem, was dort bevorstand. Er wusste es. Die Dinge würden ernst werden. Gefährlich. Schwerer, als sie es schon jetzt waren. Und so sehr er sich selbst gern als einen sah, der nüchtern auf Notwendigkeiten zuging, so wenig war er frei davon, Umwege zu lieben, wenn das Ziel unerquicklich war.

Also blieb ihm am Ende nichts anderes übrig, als sich einen Übergang zu suchen.

Einen, der stabil genug war.

Sicher genug.

Und er fand einen.

Nicht leicht. Nicht ohne Mühe. Aber er fand ihn schließlich und beging ihn, eine Zeit verlassend, die er anfangs kaum mochte und die ihm dann irgendwann doch ans Herz gewachsen war.

Als er in seine eigene Linie zurückkehrte, war der Sprung zeitlich kleiner, als er erwartet hatte. Nur wenige Wochen lagen zwischen seinem Aufbruch und seiner Wiederkehr. Auch räumlich war er nicht weit von Tandor entfernt. Die Welt hatte sich also nicht weit von ihm wegbewegt, und doch fühlte sie sich in jenem ersten Augenblick, als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, anders an.

Verdichteter.

Gespannt.

Als sei irgendwo ein Ton angeschlagen worden, den nicht jeder hörte, der aber die Luft bereits veränderte.

So kam es, dass Slonda eines Morgens nach Tandor hineinlief, gerade in jener Stunde, in der Mutter und Isidre um das Leben des Kaula kämpften.

Die Erdmagierstadt lag ruhig in der Morgensonne, und doch spürte Slonda schon beim Näherkommen, dass in ihrem Inneren etwas in Unordnung geraten war. Es war nicht Tumult. Nicht offene Panik. Vielmehr jene verschobene Konzentration, die durch eine Schule geht, wenn viele wissen, dass etwas nicht stimmt, ohne dass es laut ausgesprochen werden muss. Menschen gingen rascher. Gespräche wurden kürzer beendet. Blicke glitten häufiger zu Türen, hinter denen etwas verborgen lag.

Slonda betrat die inneren Bereiche ohne größere Schwierigkeit. Er kannte Tandor zu gut, um sich dort wie ein Fremder zu bewegen. Je näher er jedoch jenem Trakt kam, in dem Isidre ihre Studien betrieb, desto deutlicher nahm er die gespannte Aufmerksamkeit wahr.

Und dann sah er sie, die Kaula in Isidres Räumen als er sie betrat. Für einen Augenblick blieb Slonda einfach stehen. Die Wasserwesen waren zu Erzählung geworden und doch waren sie nun da. Einer schwer verletzt. Die anderen still, wachsam, mit jener Art Präsenz, die ihn sofort spüren ließ, dass sie weder Menschen noch bloße fremde Gäste waren, sondern Träger einer viel älteren Welt. Dann trat er ein.

Da war Mutterund beugte sie sich über etwas, das im Bett lag und Isidre arbeitete neben ihr, konzentriert, bleich vor Erschöpfung und Willen. Xiodrie stand etwas abseits und wirkte wie immer so, als gehöre sie zugleich mitten hinein und gar nicht an diesen Ort.

Auf einer eigens dafür hergerichteten Liege lag der verletzte Kaula.

Und Slonda sah die Wunde.

Er war vieles gewohnt.

Er hatte Tote gesehen, Verfaulendes, magisch Zerstörtes, Körper, die unter Zauber und Gegenschlag aufgebrochen waren, Beschwörungsfehler, Nekromantie, Dinge, die andere Augen nie hätten ertragen können. Doch was dort vor ihm lag, war von anderer Art. Die Wunde sah nicht einfach entzündet, vergiftet oder verdorben aus. Sie wirkte, als ob etwas in ihr arbeitete. Nicht Leben. Nicht im eigentlichen Sinne. Aber Bewegung. Eine schwarze, unnatürliche Fortsetzung des Schadens, als habe der Hieb nicht nur Fleisch und Gewebe getroffen, sondern eine Art von fortdauernder Fäulnis hinterlassen, die sich noch immer weiterdenken wollte.

„Slonda“, sagte Mutter, ohne überrascht zu klingen, als hätte sie längst gewusst, dass er in genau diesem Moment eintreten würde. „Wie schön, dass du dich endlich wieder zeigst.“

„Mutter“, erwiderte er und neigte den Kopf. „Isidre.“

Isidre sah nur kurz auf.

„Wenn ihr helfen wollt, dann nicht mit Höflichkeiten.“

Er ließ sich davon nicht stören und trat näher.

„Was ist das.“

„Eine Wunde“, sagte Isidre trocken, „die sich nicht fassen lässt.“

Mutter sah ihn an.

„Das Schwert, in das Anadar den Dämon zwang, hat sie verursacht.“

Das reichte.

Slonda verstand sofort, warum der Raum sich so anfühlte.

Er beugte sich über den Kaula und besah sich die Stelle, ohne sie zunächst zu berühren. Schon im bloßen Hinsehen lag etwas Widerständiges. Die Wunde schien da zu sein und zugleich einen Teil ihrer Wirklichkeit dem Zugriff zu entziehen, wie etwas, das nicht ganz an dieser Ebene festgebunden war.

„Ich habe so etwas noch nie gesehen“, murmelte er.

„Wir auch nicht“, sagte Isidre. „Und das tröstet mich nicht im Geringsten.“

Xiodrie, die bisher geschwiegen hatte, trat nun etwas näher.

„Es sieht aus wie eine Form von Dämonenfäule.“

Slonda hob den Kopf.

Mutter und Isidre hatten auf diesen Satz bereits reagiert, das sah er sofort. Offenbar war er nicht neu. Doch nun, da er selbst dabei war, wog er schwerer.

„Ihr kennt dies“, fragte er.

„Nicht aus eigener Anschauung“, sagte Xiodrie. „Aber aus Geschichten. Alten Flüchen. Es gab Hexen, die jemandem etwas anheften konnten, das weiterfraß, auch wenn die Wunde selbst schon hätte still sein müssen. Was ich darüber weiß, sah so aus. Und es war immer tödlich.“

Im Raum wurde es sehr still.

Slonda sah erneut auf die Verletzung.

Dämonenfäule.

Das Wort passte.

Und es passte ihm nicht.

„Wenn es von dämonischer Natur ist“, sagte er langsam, „dann wird bloße Heilkunst nicht genügen. Ihr behandelt nicht nur die Zerstörung. Ihr müsst etwas lösen, das sich in den Schaden selbst hineingeschrieben hat.“

Isidre schloss kurz die Augen.

„Das weiß ich selbst.“

„Ich zweifelte nicht daran.“

Sie warf ihm einen Blick zu, der in einer anderen Stunde schärfer ausgefallen wäre, aber sie war zu müde für einen wirklichen Streit.

Mutter trat einen halben Schritt zurück und musterte Slonda auf jene Weise, die er von ihr kannte, seit er jünger gewesen war und sie ihm noch deutlicher als allen anderen das Gefühl gegeben hatte, mehr zu sehen, als sie aussprach.

„Ihr seid gerade zur rechten Zeit zurückgekehrt“, sagte sie.

„Das hoffe ich.“

„Ich ebenfalls.“

Slonda streckte die Hand aus, hielt sie über die Wunde und ließ seinen Geist sehr vorsichtig in deren Nähe gleiten. Nicht hinein. Noch nicht. Zuerst nur darum, Form und Widerstand zu prüfen. Sofort spürte er, wie sich etwas dagegenstellte. Kein einfacher Zauberrest. Kein bloßer Nachhall. Etwas Kleines, Kaltes und Zähes, das nicht loslassen wollte. Es erinnerte ihn in der Struktur eher an eine Bindung als an einen gewöhnlichen Fluch.

Er zog die Hand zurück.

„Das wird unangenehm“, sagte er leise.

„Für wen“, fragte Xiodrie.

„Für alle, wenn wir es nicht richtig machen.“

Mutter lächelte sehr schwach.

„Das klingt immerhin nach einer Aufgabe, die euch gefallen könnte.“

Slonda sah auf den Kaula, auf die schwarzen Ränder der Wunde, auf die fremden Wasserwesen im Raum, auf Mutter, die kaum genesen und doch schon wieder im Mittelpunkt der Dinge stand, und begriff, dass seine Umwege vorbei waren.

Er war zurück.

Und die Zeit, der er hatte entkommen wollen, wartete bereits auf ihn.

 

Ende Teil 2

 
 
 

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