Anadar VII/III
- R.

- 19. Mai
- 62 Min. Lesezeit

18
Keiner achtete wirklich auf ihn.
Morgut merkte bald, dass genau darin seine größte Sicherheit lag. In einer Stadt, die im Aufruhr war, in der sich Gerüchte schneller bewegten als Karren, Befehle und Staub, fiel ein einzelner junger Mann kaum auf, solange er sich benahm, als gehöre er dorthin. Und das tat er. Er war in Ashrambrat aufgewachsen. Er kannte den Takt der Straßen, wusste, wann man sich am besten am Rand hielt, wann man aufrecht gehen musste und wann ein gesenkter Blick mehr Schutz bot als jede Maske. Solange er niemandem begegnete, der ihn wirklich kannte, konnte er sich beinahe unbemerkt durch die Stadt bewegen.
Gnoks Turm diente ihm als Zuflucht.
Noch immer war es ein Rätsel, wo der alte Magier geblieben war, doch Morgut schob diese Frage beiseite. Es mochte Gründe geben. Mussten Gründe geben. Im Augenblick war anderes wichtiger. Die Stadt bereitete sich auf einen Angriff vor, das war unübersehbar. Überall liefen Magier, Schüler und Boten durcheinander. Gruppen wurden gebildet, Plätze zugewiesen, Vorräte verteilt. Und über allem lagen Gerüchte, viele Gerüchte, von denen eines am lautesten war. Ein Wüstenvolk, so hieß es, habe Magier überfallen und sei nun auf dem Weg in die Stadt. Die Bewohner schluckten es begierig, und es gab ihnen einen Grund, die Magier hochleben zu lassen, die sich nun, wie sie glaubten, ganz ihrer Verteidigung widmeten.
Für Morgut aber gab es nur ein Problem, und dieses Problem hatte einen Namen.
Gudi.
Er wusste nicht, wo seine Schwester war. Und er konnte kaum jemanden fragen. Also schlich er durch die Stadt, lauschte halben Gesprächen, fing Namen und Wortfetzen auf, suchte nach einem Gerücht, einem Hinweis, einer Spur. Er fand nichts. Mit jedem Tag wuchs in ihm die Gewissheit, dass ihm bald nichts anderes übrig bleiben würde, als die Verliese selbst zu durchsuchen, blind und mit dem Risiko, sich dabei direkt in die Arme seiner Feinde zu bewegen.
Dann kam ihm die bessere Idee.
Er musste nicht das Gefängnis suchen.
Er musste denjenigen folgen, die wussten, wo Gudi war.
Zuerst nahm er sich Tzadier vor. Unauffällig, geduldig, über mehrere Tage hinweg. Er wusste, dass Tzadier wenigstens wusste, wo Gudi festgehalten wurde. Doch der Mann ging nie in ein Verlies. Er war beschäftigt, gehörte offenbar zu jenem engeren Kreis der direkt an Besprechungen mit Hokn`f teilnahm, der die anderen Magier in Form bringen sollte, sie Übungen leisten ließ, Zauber eintrichterte, sie zu etwas zu machen versuchte, das im Ernstfall wie eine Armee wirkte. Es schien wenig Erfolg zu bringen. Morgut sah es in den Gesichtern, in den Bewegungen, in der Unsicherheit, mit der viele ihre neue Wichtigkeit trugen.
Er wollte die Suche schon eigenmächtig beginnen, als ihm das Glück half.
Er belauschte ein Gespräch zwischen Tzadier und einem anderen Magier.
„Weißt du schon, was wir mit der Göre im Verlies machen?“
„Bring sie um, wenn sie dich stört, Okom.“
„Warum sollte ich. Sie leidet genug.“
Tzadier lachte leise, fast freundlich.
„Du bist zu weich. Deswegen wirst du es nicht weit bringen.“
Er klopfte dem anderen gegen die Brust.
„Du bist zu zart besaitet. Entledige dich ihrer und reih dich ein.“
Dann ließ er Okom mit seiner Unschlüssigkeit einfach stehen.
Also folgte Morgut von da an Okom.
So gut es ging. So unauffällig es ging. Diesmal wählte er öfter den Raben, kreiste, setzte sich auf Mauerkanten, Vorsprünge, Fenstergesimse, ließ den Mann unter sich laufen, als sei er nur ein weiterer Vogel, den keiner beachtete. Nach einigen Tagen war er sich sicher, in welchem Gebäude er zu suchen hatte.
Er bereitete sich vor.
Er kleidete sich schlicht, wie einer der vielen, die in diesen Tagen Besorgungen machten. In den Beutel, den er aus der Feurigen Feste mitgenommen hatte, steckte er Nahrung, Wasser, Stoffstreifen, etwas zum Reinigen, Kleinigkeiten, die er im Dunkeln würde brauchen können. Alles andere ließ er sorgfältig in Gnoks Turm zurück. Immer darauf bedacht, die Dinge so zu platzieren, dass sie nicht sofort auffielen, falls jemand den Turm durchsuchen sollte. Vor allem die Mondtropfen und die Notenblätter versteckte er besonders gut.
Dann drang er in das Gebäude ein.
Es war am frühen Abend, als die Gänge voller wirkten als sie tatsächlich waren, weil überall Schritte hallten und Stimmen an Stein zurückprallten. Morgut wartete lange, beobachtete die Tür, den Wechsel der Wachen, die Wege der Diener. Als er sicher war, dass der richtige Augenblick gekommen war, glitt er hinein, den Rücken dicht an der Wand, jede Bewegung klein und kontrolliert.
Das Gebäude selbst wirkte nach oben hin harmlos. Arbeitsräume, Vorratskammern, ein schmaler Innenhof, in dem ein Brunnen stand, dessen Wasser kaum benutzt wurde. Erst weiter hinten, hinter einer schweren Tür, begann die andere Welt. Die Luft wurde kühler. Dumpfer. Ein Geruch aus Stein, Schweiß, altem Blut und stehender Feuchtigkeit lag darin. Eine Treppe führte hinab.
Morgut lauschte.
Nichts.
Nur das ferne, unregelmäßige Tropfen irgendwo tiefer unten.
Er stieg hinab.
Die Stufen waren schmal und ungleichmäßig. An den Wänden steckten Fackeln, deren Licht zu selten gesetzt war, sodass die Dunkelheit zwischen ihnen fast wie eigener Stoff wirkte. Unten verzweigte sich ein Gang nach links und rechts. Morgut blieb stehen, atmete flach und lauschte wieder. Von rechts kam ein Geräusch. Nicht laut. Eher ein Husten. Ein erschöpftes, trockenes Geräusch, das kaum noch Kraft hatte, sich wie Leben anzuhören.
Er ging nach rechts.
Eine Zelle nach der anderen zog an ihm vorbei. Manche leer. Manche mit Gestalten darin, die sich im Dunkeln kaum erkennen ließen. Einmal hörte er ein Wimmern. Einmal nur Rascheln. Dann sah er sie.
Gudi.
Sie saß zusammengesunken an der Wand, die Knie angezogen, den Kopf darauf gelegt, und selbst im schwachen Licht erkannte Morgut, wie sehr sie gelitten hatte. Ihre Wunden waren inzwischen geschlossen, jedenfalls die meisten, aber das machte den Anblick nicht leichter. Es war das Elend danach, das ihn traf. Die Erschöpfung. Der Schmutz. Die Art, wie sie selbst im Sitzen wirkte, als müsse sie all ihre Kraft nur darauf verwenden, nicht weiter in sich zusammenzufallen. Ihre Kleider waren zerrissen. Ihr Gesicht war magerer geworden. Um ihren Mund lag jener ausgetrocknete Zug, den Menschen bekommen, wenn sie zu lange geweint und zu wenig getrunken haben.
Morgut hatte Mühe, nicht sofort ihren Namen laut zu sagen.
Stattdessen arbeitete er sich am Schloss ab, es stellte kein Problem dar auch ganz ohne Magie. Er hatte sich Dietriche besorgt, als Kind war er schon früh darauf gekommen, dass es wichtig ist Zugang zu allem zu haben und hatte sich das entsprechende Wissen angeeignet, dass ihm jetzt wieder nützlich erschien. Es klickte leise. Gudi hob den Kopf und fuhr zusammen.
„Schhh“, flüsterte Morgut.
Einen Herzschlag lang erkannte sie ihn nicht. Dann riss sie die Augen auf, und alles in ihrem Gesicht brach auf einmal auf. Er war mit zwei schnellen Schritten bei ihr, kniete sich hin und hielt sie, bevor sie laut werden konnte.
„Ich bin da“, flüsterte er. „Ich bin da, Gudi.“
Sie zitterte in seinen Armen. Nicht wild. Eher in jenen kleinen, erschöpften Stößen, die aus einem Körper kommen, der längst nicht mehr weiß, ob er sich noch Hoffnung leisten darf. Tränen liefen ihr über das Gesicht, still zuerst, dann heftiger, und Morgut strich sie ihr von den Wangen, so gut es ging, während er mit der anderen Hand den Beutel öffnete.
Er gab ihr Wasser.
Er ließ sie langsam trinken, nicht zu viel auf einmal. Dann etwas Brot, etwas weich Gemachtes, kleine Bissen, während er sie ansah und immer wieder versuchte, nicht die ganze Wut zuzulassen, die in ihm aufstieg, wenn sein Blick über ihre Arme, ihre Schultern, ihren Hals glitt. Sie war nicht mehr blutig. Nicht mehr frisch verletzt. Aber was sie ihr angetan hatten, saß tiefer.
„Es tut mir leid“, sagte sie irgendwann heiser.
Morgut schloss kurz die Augen.
„Sag das nie wieder.“
„Ich habe gedacht, du kommst nicht.“
„Ich hole dich hier raus“, sagte er. „Nicht heute. Noch nicht. Aber bald. Ich schwöre es dir.“
Sie sah ihn an. In ihren Augen lag etwas so blankes und so müdes, dass es ihn beinahe zerriss.
„Bitte“, flüsterte sie nur.
Er trocknete ihre Tränen mit dem Ärmel, strich ihr das Haar aus dem Gesicht und zwang sich, nicht länger zu bleiben, als klug war. Jede Sekunde hier war ein Risiko. Für sie. Für ihn. Für alles.
Gerade als er die Zellentür wieder anlehnen wollte, hörte er Schritte.
Schritte im Gang.
Langsam. Zögernd.
Okom.
Morgut spürte, wie ihm das Blut in den Schläfen schlug. Für einen Atemzug war sein Kopf leer. Dann bewegte er sich. Schnell, lautlos, dicht in den Schatten der gegenüberliegenden Nische, presste sich an die feuchte Wand und zog den Rest Dunkelheit mit dem eigenen Körper zusammen, so gut er es vermochte. Kein wirklicher Zauber. Mehr eine alte Gewohnheit aus Bewegung, Winkel, Atem und absolutem Stillhalten.
Okom kam näher.
Er trug eine Lampe in der einen Hand und in der anderen ein Messer.
Morgut sah es sofort.
Gudi sah es auch.
Der junge Magier blieb vor der Zelle stehen. Das Licht in seiner Hand zitterte leicht. Nicht nur wegen der Flamme. Seine Finger zitterten mit. Er öffnete die Tür nicht sofort. Er stand nur da und sah hinein, und Morgut begriff, dass in diesem Mann kein Tzadier steckte, kein Hokn`f, keine kalte Lust an Schmerz. Nur Schwäche. Feigheit. Und ein Gewissen, das er loswerden wollte, ohne zu wissen wie.
Okom dachte, dass es jetzt ein Ende haben könnte.
Er hatte das Messer nicht deshalb mitgebracht, weil er es wirklich wollte. Er hatte es mitgebracht, weil Tzadier recht behalten sollte. Weil alle recht behalten sollten, die ihm sagten, dass man nur hart genug werden müsse, um dazuzugehören. Dass Mitleid nur ein anderer Name für Untauglichkeit sei. Dass man nicht weich bleiben könne in einer Zeit wie dieser.
Doch nun stand er hier und sah das Mädchen an.
Zu schmal. Zu blass. Zu erschöpft.
Und nichts in ihm brachte es fertig, den letzten Schritt zu tun.
Was, dachte er, soll das aus mir machen. Wozu soll das gut sein. Sie stirbt hier auch ohne mich. Sie leidet ohnehin. Warum muss ich es dann sein. Warum muss ausgerechnet ich beweisen, dass ich kein Feigling bin, indem ich eine Gefangene ersteche.
Er hasste sich für diesen Gedanken, noch während er ihn dachte.
Hasste seine Schwäche. Seine Angst vor Tzadier. Seine Angst vor sich selbst. Aber das Messer sank in seiner Hand. Er trat nicht ein. Er tat nur so, als prüfe er ihren Zustand, murmelte etwas Unverständliches und wandte sich dann wieder ab.
Als seine Schritte verklungen waren, atmete Morgut zum ersten Mal wieder richtig.
Er wartete noch. Lange. Erst als er ganz sicher war, dass Okom fort war, wagte er sich aus seinem Versteck. Er sah noch einmal zu Gudi. Sie nickte kaum merklich, die Augen voller Angst und Hoffnung zugleich.
Dann ging er.
Schweren Herzens. Mit zusammengebissenen Zähnen. Doch auch mit etwas, das er vorher nicht gehabt hatte. Gewissheit.
Er hatte seine Schwester gefunden.
Sie lebte. Sie wurde im Augenblick nicht misshandelt. Und er wusste nun, wo sie war.
Auf dem Rückweg schwor er sich Rache.
An Tzadier.
Und mehr noch an Hokn`f.
Unterdessen betrachtete Hokn`f die Stadt, als gehöre sie ihm nicht nur politisch, sondern in einem tieferen Sinn, als sei jeder Stein, jede Tür, jeder Mensch darin Teil seines Besitzes. Der Aufbau einer Magierarmee schritt voran, so gut das in der kurzen Zeit eben möglich war. Noch immer wartete er auf Nachricht von den anderen Schulen, doch die würden auf sich warten lassen. Die Boten waren erst vor einer Woche aufgebrochen. Bis dahin musste er selbst mit dem arbeiten, was ihm zur Verfügung stand.
Und während draußen Wachen aufgezogen, Patrouillen eingeteilt und Schüler zu kümmerlichen Trupps geordnet wurden, hatte er sich mit dem Nekromantiebuch in die Katakomben zurückgezogen.
Dort wurden in Ashambrat die Leichen aufbewahrt.
In der Wüste mumifizierte Fleisch schnell. Die Luft nahm Feuchtigkeit und Fäulnis mit einer Gier, die fast etwas Reinigendes haben konnte, wenn man nicht zu genau darüber nachdachte, was sie da reinigte. Zwischen Stein, Salz, Staub und still aufgebahrten Toten begann Hokn`f zu experimentieren.
Das erste Mal war nicht geplant groß.
Nicht feierlich.
Nicht einmal sicher.
Er stand in einer Kammer, in der drei alte Körper lagen, schon eingefallen, das Fleisch lederartig an Knochen gezogen, die Augenhöhlen dunkel und eingesunken. Das Buch lag offen auf einem steinernen Tisch. Daneben eine Lampe. Die Flamme war klein und gelb. Ihre Bewegung machte die Schatten unruhig.
Hokn`f hatte die Seiten mehrmals gelesen.
Nicht, weil er zweifelte, sondern weil er das Gefühl genoss, dass hier etwas vor ihm lag, das noch keiner in seiner Stadt beherrschte. Neue Macht. Neue Möglichkeit. Ein Werkzeug, das nicht nur die Lebenden in Reih und Glied bringen konnte, sondern vielleicht auch jene, die nichts mehr wollten und genau deshalb nie widersprachen.
Er begann zu sprechen.
Leise zuerst.
Dann fester.
Die Worte der Nekromantie waren anders als seine eigenen Zauber. Trockener. Spröder. Fast knirschend im Mund, als müssten sie sich erst durch Staub und Grabesluft schieben, ehe sie Form gewannen. Er zog Zeichen in die Luft. Die Lampe flackerte. Etwas an der Temperatur im Raum änderte sich, kaum spürbar zuerst, dann deutlicher. Die Stille wurde dichter, als halte sie selbst den Atem an.
Nichts geschah.
Für einen Augenblick.
Dann knackte es.
Ein kleines, trockenes Geräusch, als breche irgendwo tief in einem morschen Ast etwas nach Jahren endlich durch.
Hokn`f hob den Blick.
Die Hand des mittleren Leichnams hatte sich bewegt.
Nur ein Finger zuerst. Dann zwei. Langsam, abgehackt, ohne Eleganz, ohne jeden Rest von Menschlichkeit. Mehr wie etwas, das von außen gezogen wurde, ohne zu verstehen, dass es einst selbst einen Willen gehabt hatte.
Hokn`f trat näher.
Sein Herz schlug schneller. Nicht aus Furcht. Aus Erregung.
Er sprach weiter.
Das Knacken mehrte sich. Schultergelenke ruckten. Der Kopf des Toten neigte sich erst zur Seite, dann mit einem hässlichen, trockenen Ruck wieder nach vorn. Staub rieselte von ihm herab. Schließlich hob sich der Oberkörper. Langsam. Viel zu langsam für etwas Lebendiges, und gerade deshalb unheimlich. Der tote Mund öffnete sich, nicht weit, nur einen Spalt, doch aus ihm kam kein Laut. Keine Seele war zurückgekehrt. Kein Mensch. Nur Bewegung.
Dann richtete der Leichnam sich halb auf.
Die Augenhöhlen waren leer. Und dennoch hatte Hokn`f für einen flüchtigen Augenblick das Gefühl, angesehen zu werden.
Ein zweiter Körper zuckte.
Dann ein dritter.
Nicht sauber. Nicht geordnet. Nicht wie Soldaten, die man geweckt hatte. Mehr wie Puppen, in die ein fremder Wille tastend hineingriff und erst noch lernen musste, wie Glieder, Sehnen und Restgewicht eines toten Körpers überhaupt zusammenarbeiteten.
Hokn`f lächelte.
Langsam erst.
Dann breiter.
Denn was dort vor ihm im Halbdunkel der Katakomben saß, halb erhoben, halb noch in den Leichentüchern verfangen, war widernatürlich, war wunderbar.
Er hatte die Toten erweckt.
Und das erste Mal, als einer der leeren Schädel sich mit einem ruckhaften, viel zu schnellen Zucken zu ihm drehte, spürte selbst er für den Bruchteil eines Augenblicks einen kalten Schauder am Rücken.
Dann siegte die Freude.
Nicht an der Kunst.
An der Möglichkeit.
19
Sie wurden von einer Kutsche abgeholt.
Marabar hatte Slonda am Abend zuvor mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch erwartete und darum auch keinen hervorrief, bedeutet, er solle einpacken, was er für die nächste Zeit benötigen mochte. Eine Kutsche werde sie am frühen Morgen nach Süden bringen. Als Slonda gefragt hatte, wo genau Sahretûn liege, war der Beschwörer vage geblieben. Nicht, wie er sagte, weil er daraus ein Geheimnis machen wolle, sondern weil er es selbst nicht präzise benennen könne.
„Es geht gen Süden bis Ashrambrat“, hatte er erklärt, „und von dort weiter mit Kamelen. Eine Kutsche wäre in der Wüste ein denkbar unpraktisches Gefährt.“
So kam es, dass Slonda in der Nacht zusammenpackte, was er in dem Turm angesammelt hatte. Es war nicht viel. Selbst in dem halben Jahr, das er nun schon in dieser Zeit verbracht hatte, hatte sich um ihn herum kaum Besitz gebildet. Ein paar Kleidungsstücke. Notizen. Einige Dinge, die sich ohne Widerstand forttragen ließen. Aus der Bibliothek nahm er noch mehrere Bücher mit, mit denen er sich beschäftigen wollte, wenn sich Gelegenheit dazu ergab. Leihen war dafür nicht das rechte Wort. Er nahm sie schlicht an sich, mit der stillen Überzeugung, dass niemand, der seine Lage wirklich verstünde, ihm daraus einen Vorwurf machen würde.
Am nächsten Morgen stiegen sie in die Kutsche.
Im strömenden Regen brachen sie nach Süden auf.
Die Straßen waren durchweg gepflastert, was ihr einziges Glück war, denn alles jenseits davon war mittlerweile beinahe unpassierbar geworden. Rechts und links der Wege lag das Land schwer und dunkel unter Wasser. Bäche waren über ihre Ufer getreten, kleine Gräben zu braunen Strömen geworden, und nicht nur einmal mussten sie aussteigen, während die Kutsche auf provisorische Fähren verladen wurde, um einen angeschwollenen Fluss zu überqueren. Es war eine Reise durch Nässe, Lehm, Räderknarren und den dumpfen Geruch durchtränkter Erde.
Währenddessen setzten sie ihr Gespräch fort.
Nicht beiläufig, nicht um die Zeit totzuschlagen, sondern mit jener eigentümlichen Beharrlichkeit, die sich zwischen Männern einstellen kann, die längst begriffen haben, dass sie einander auf einer bestimmten Ebene ernst nehmen. Es ging wieder um Macht, Verantwortung, Wissen und Tausch. Um die alten Fragen, die sich nie ganz erledigen, nur ihre Kleidung wechseln. Und bald nahm das Gespräch jene Richtung, die es bei den beiden fast notwendig nahm, sobald sie sich länger als einige Augenblicke miteinander allein wussten.
Marabar saß Slonda gegenüber, die Hände ineinandergelegt, während draußen Regen gegen die Kutschenwand schlug.
„Meister der Zeit, Slonda“, sagte er, „wenn wir nun, da unser Tausch beschlossen ist, die Frage der Verantwortung erneut berühren, so möchte ich gern wissen, ob ihr nach wie vor geneigt seid, Wissen und dessen Anwendung voneinander zu unterscheiden, oder ob euer Urteil sich in der Zwischenzeit enger an meine Auffassung heranbewegt hat.“
Slonda blickte kurz zum Fenster hinaus, hinter dem nur graues Wasser an grauem Himmel vorüberzog.
„Ich bin noch immer geneigt, beides zu unterscheiden“, sagte er. „Doch dünkt mich zugleich, dass diese Unterscheidung nicht mit einer Trennung verwechselt werden darf. Wissen steht nicht außerhalb dessen, was mit ihm geschehen kann. Es ist nur nicht mit seinem Gebrauch identisch.“
Marabar nickte langsam.
„Dann würdet ihr also sagen, dass ein Werk, das Unheil ermöglicht, noch kein Unheil sei, solange es ungelesen ruht.“
„Nicht ganz“, erwiderte Slonda. „Ich würde sagen, dass ein Werk, welches Unheil ermöglicht, bereits Teil einer gefährlichen Ordnung ist, auch wenn es noch nicht gewirkt wurde. Doch sein volles Gewicht erreicht es erst dort, wo Wille und Tat sich mit ihm verbinden.“
„Das ist ein feiner Unterschied.“
„Die feineren Unterschiede sind häufig die einzigen, die es wert sind, verteidigt zu werden.“
Marabar lächelte.
„Und doch“, sagte er, „leben wir in einer Welt, in welcher gerade die feinen Unterschiede mit besonderer Begeisterung niedergetrampelt werden, sobald ein gröberer Vorwurf sich bequemer erheben lässt.“
„Das“, sagte Slonda trocken, „ist wohl eine Beobachtung, auf die sich fast jede Schule einigen könnte.“
„Nicht jede Schule“, entgegnete Marabar. „Manche Schulen halten den gröberen Vorwurf bereits für eine Form von Wahrheit, alldieweil er genügend Menschen nützt.“
Slonda sah ihn an.
„Und Sahretûn hält sich davon frei.“
„Keineswegs. Wir halten uns nur für geübter darin, unsere Nützlichkeiten in Begriffe zu kleiden, welche die Gestalt von Prinzipien annehmen.“
Slonda musste darüber trotz sich selbst leicht lächeln.
„Eine erstaunlich offene Selbstauskunft.“
„Nur gegenüber jemandem, der klug genug ist, sie nicht für ein Geständnis zu halten.“
Sie schwiegen einen Augenblick, während die Kutsche in ein Schlagloch geriet, sich schwer hob und wieder senkte.
Dann sagte Slonda:
„Erlaubt mir im Gegenzug eine Frage. Ihr sprecht oft von Verantwortung, von Begrenzung, von dem, was ein Beschwörer rechtfertigen können müsse. Doch wenn Rechtfertigung in den Mittelpunkt rückt, besteht dann nicht die Gefahr, dass Moral allmählich zu einer bloßen Kunst des guten Formulierens verkommt.“
Marabar hob leicht die Brauen.
„Das ist ein scharf gesetzter Einwand.“
„Ich halte ihn für berechtigt.“
„Vielleicht ist er das. Doch wäre die Gegenfrage zu stellen, ob Moral, die sich niemals formulieren lässt, überhaupt mehr ist als ein Gefühl, das im Ernstfall als Erstes davonläuft.“
„Ihr vertraut also der Sprache mehr als dem Gewissen.“
„Nein“, sagte Marabar ruhig. „Ich traue dem Gewissen weniger, als andere es zu tun pflegen. Das Gewissen i ist wandelbar. Es passt sich dem Hunger, der Angst, der Einsamkeit, der Liebe, dem Stolz und der Gelegenheit an. Sprache dagegen zwingt wenigstens dazu, eine Form zu wählen. Sie bewahrt nicht vor Schuld. Aber sie macht Schuld sichtbarer.“
„Oder besser verkleidet.“
„Auch das.“
„Dann“, sagte Slonda, „sind wir wieder bei dem alten Dilemma. Wissen gegen Wissen. Vertrauen gegen Vertrauen. Form gegen Begehren.“
„Ja“, sagte Marabar. „Nur dass ich, je länger ich mit euch rede, den Verdacht hege, dass ihr im Grunde weniger an Wissen interessiert seid als an einem Verfahren, mit ihm zu leben, ohne daran zu verderben.“
Slonda antwortete darauf nicht sofort.
Denn der Satz hatte ihn präziser getroffen, als ihm lieb war.
„Und wenn es so wäre“, sagte er schließlich, „so läge darin noch kein Widerspruch. Wer Wissen nur besitzen will, ist bereits auf dem Weg, ihm zu dienen. Wer lernen will, mit ihm zu leben, hat vielleicht noch eine Chance, Herr seiner selbst zu bleiben.“
Marabar senkte den Blick kurz, als präge er sich den Satz ein.
„Das“, sagte er, „ist beinahe etwas, das in einem Kodex stehen sollte.“
„Dann sorgt dafür, dass es nicht dort landet. Alles, was in einem Kodex steht, wird früher oder später von einem Dummkopf gegen den verwendet, der es besser gemeint hat.“
Diesmal lachte Marabar leise und offen.
„Ihr werdet mir mit jedem Tag sympathischer, Meister der Zeit, Slonda.“
Je weiter sie nach Süden kamen, desto weniger regnete es unablässig. Allmählich wurden die Schauer von Sonnenschein unterbrochen, und die Welt schien sich selbst langsam wieder daran zu erinnern, dass Licht mehr konnte als bloß Wolkenränder aufhellen. Als sie schließlich Ashrambrat erreichten, blühte die ganze Stadt. Selbst die Wüste ringsum trug noch das Echo des Regens. Zwischen den Steinen und am Rand der Wege brach Grün hervor, zaghaft, aber deutlich, und die Gärten rund um die Schule standen so üppig, wie Slonda sie nie zuvor gesehen hatte.
Auch die Stadt war für ihn wieder anders.
Nicht in ihrem Kern, denn die Schule in ihrer Mitte war noch immer der Mittelpunkt, umgeben von den Gärten, die wie ein geordnetes Versprechen zwischen Stein und Wüste lagen. Doch alles andere wirkte voller, gesättigter, lebendiger. Für zwei Tage blieben sie dort. Marabar kümmerte sich um die Karawane, die für sie zusammengestellt wurde. Slonda beobachtete, wie Kamele bepackt, Wasserschläuche geprüft, Vorräte gebündelt und allerlei Güter verladen wurden, deren bloße Menge ihm zeigte, dass Sahretûn nur selten, dann aber gründlich versorgt wurde.
„Wir kaufen nicht oft ein“, sagte Marabar, als Slonda ihn danach fragte. „Doch von Zeit zu Zeit bedarf auch Sahretûn der Dinge, die es nicht selbst hervorbringt.“
Dann ritten sie gen Süden.
Am Kopf einer langen Karawane, mit Dutzenden von Kamelen, die langsam und geduldig durch die Hitze gingen. Je weiter sie kamen, desto heißer wurden die Tage. Die Nächte hingegen blieben kühl. Marabar fand den Weg mit einer Sicherheit, die Slonda beeindruckte, zumal die Landschaft sich dem ungeübten Blick bald so ähnlich sah, dass jeder Horizont wie eine Wiederholung des vorangegangenen wirkte.
Acht Tage, nachdem sie aufgebrochen waren, verließen die Karawanenbegleiter sie und machten sich auf den Rückweg.
Dort, an jenem Punkt, bat Marabar Slonda, sich die Augen zu verbinden.
„Nicht aus Misstrauen gegen euch“, sagte er, „sondern aus Treue gegen den Ort, an den ihr geführt werdet.“
Slonda tat, wie ihm geheißen wurde.
Tagsüber trug er die Binde. Nachts durfte er sie im Lager abnehmen, doch durfte er sich nicht entfernen. So ritten sie noch einige Tage weiter. Erst an einem Morgen verzichtete Marabar wieder auf die Binde.
„Meister der Zeit, Slonda“, sagte er mit einer Feierlichkeit, die selbst für ihn noch eine Spur feiner gesetzt war als gewöhnlich, „heute werden wir das Ziel unserer Reise erreichen, und es dünkt mich nur recht und billig, dass ein Ereignis von solcher Größe und solchem Gewicht nicht hinter verhülltem Blick, sondern von euren eigenen Augen empfangen werde.“
Slonda nahm die Binde ab.
Und sie ritten weiter.
Der Sand veränderte sich. Erst allmählich. Das gelbe, helle Land wurde dunkler, dann grau, dann beinahe schwarz. Sie ritten in eine Talsenke hinab, zwischen natürliche Felsformationen, die aussahen, als habe ein Riese sie einst hingeworfen und dann in ihrem Fallen erstarren lassen. Vulkanisch, dachte Slonda sofort. Alles daran wirkte alt, gewaltsam und zugleich stillgelegt, als ruhe in dem schwarzen Gestein eine uralte Erstarrung.
Dann kamen sie an einen Tunnel.
Breit genug, dass die ganze Karawane ihn passieren konnte. Sie ritten hinein. Der Klang der Schritte veränderte sich. Wände rückten näher. Der Geruch von heißem Staub und Stein wurde dichter. In einiger Entfernung sah Slonda schließlich Licht.
Sie hielten darauf zu.
Und als sie die Öffnung erreichten, verschlug es ihm den Atem.
Unter ihnen öffnete sich ein weites Tal im schwarzen Fels, mit schwarzem Sand, als sei die Welt dort unten nicht von derselben Hand gemacht worden wie der Rest der Erde. Und in seiner Mitte stand, hoch erhoben und in dunkler Majestät, das Ziel ihrer Reise.
Sahretûn.
Die Stadt lag da wie eine Festung, die nicht gebaut, sondern beschlossen worden war. Schwarze Mauern. Hohe Zinnen. Türme, die sich scharf gegen die Luft erhoben. Auf den Mauern brannten in großen Schalen Feuer, deren Licht selbst am Tag etwas Bedrohliches behielt. Eine solche Stadt hatte Slonda noch nie gesehen. Ganz anders als die Feurige Feste, nicht aufsteigend und offen, sondern geschlossen, wehrhaft, düster, als sei hier jeder Stein mit dem Gedanken gesetzt worden, dass er dem nächsten Angriff standzuhalten habe.
Viel gefährlicher.
Viel düsterer.
Und von einer Macht, die nicht zur Schau gestellt werden musste, weil sie in jeder Linie schon gegenwärtig war.
So lag die Stadt der Beschwörer vor ihm.
20
Prinz Zarad konnte seine Abreise nicht ewig weiter hinausschieben, und so kam schließlich der Tag des Abschieds. Anadar hätte die ausgesprochene Einladung in den Norden nur allzu gern angenommen. Zu groß war sein Interesse daran, die Kultur der Dunkelelfen nicht nur in Andeutungen, nicht nur in Gesprächen, sondern in ihrer eigenen Welt, in ihrem eigenen Gefüge, in ihrem wirklichen Leben zu erleben. Wenn sich ihm eines Tages eine Gelegenheit dazu bieten würde, wollte er ihr folgen. Doch im Augenblick gab es Dringenderes.
Immer wieder wurde seine Aufmerksamkeit zu den Bildern zurückgezogen, die Zarad ihm gezeigt hatte. Noch immer konnte er sich keinen rechten Reim darauf machen, wer das Attentat auf Mutter verübt hatte. Es lag ihm auf der Zunge. Er war sicher, dass er die Gestalt kannte, oder zumindest die Bewegung, die stockende, unstete Art, sich dem Ziel zu nähern. Es war da, knapp hinter seinem Denken, und entzog sich ihm doch jedes Mal, sobald er genauer danach greifen wollte.
Isidre war währenddessen keineswegs untätig gewesen.
Sie hatte Gerätschaften, Reagenzien und Kräuter aus Tandor kommen lassen, und als Anadar sie suchte, trat er in ein alchemistisches Labor, das im Augenblick mehr nach Feldlager des Verstandes als nach einem Raum der Ordnung aussah. Überall standen Gefäße, Röhren, Schalen, Mörser, Fläschchen und Brenner. Auf mehreren Tischen liefen gleichzeitig Versuche. Ein süßlicher, scharfer, bitterer und metallischer Geruch lag übereinander in der Luft, und mitten in alldem stand Isidre, konzentriert und ruhig, wie jemand, der sich erst wieder an die Welt erinnert, wenn sie ihn direkt anspricht.
Sie blickte auf.
„Oh, Anadar, wie schön, dass ihr hier seid.“
Sie machte noch eine Markierung an einem ihrer Ansätze, ehe sie sich ihm zuwandte. Anadar ließ den Blick über die Vielzahl der Aufbauten wandern. Isidre bemerkte es und lächelte.
„Was habt ihr erwartet?“
Sie trat zu ihm und hielt ihm eine Glasröhre vor die Nase. Darin befand sich ein weißlicher Feststoff, durchzogen von mehreren verschiedenfarbigen Bändern, drei an der Zahl, klar voneinander abgesetzt.
„Ich konnte es eingrenzen“, sagte sie. „Auf vier.“
Anadar sah sie an.
„Was konntet ihr eingrenzen?“
Isidre schloss für einen Moment die Augen und lächelte über sich selbst.
„Ja. Entschuldigt. Ich beginne wie immer in der Mitte. Auf vier verschiedene Gifte.“
Sie deutete zuerst auf die drei farbigen Ringe in der Röhre, dann auf ein Glas weiter hinten, in dem eine grünliche Flüssigkeit stand.
„Es war ein Gemisch aus vier Giften. Zwei davon waren stark wasserlöslich. Eines war für die Lähmung verantwortlich, das andere verhinderte die Blutgerinnung. Beide sind gefährlich, aber ich denke, wir haben sie mittlerweile weitgehend aus dem Körper gedrängt. Die beiden anderen jedoch sind die eigentlichen tödlichen Bestandteile.“
Sie hob die Glasröhre wieder an.
„Dieses hier ist ein Gift, das in einer bestimmten Fischart vorkommt und daraus gewonnen wird. Sehr teuer. Sehr wirkungsvoll. Es greift die inneren Organe an, langsam, aber gründlich. Und dieses hier“ sie tippte auf den oberen Ring „ist das Heimtückische. Wirklich heimtückisch. Ein Gift, wie es in bestimmten Spinnen vorkommt. Nicht in erster Linie tödlich. Es greift das Gehirn an. Das Bewusstsein. Den Geist. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass genau dies der Teil ist, der uns noch immer am meisten Sorge bereiten muss.“
Sie sprach das mit jener stillen Nüchternheit aus, die in ihrem Fall beinahe wie Stolz klang. Nicht auf die Tat, natürlich, sondern auf die Tatsache, dass sie in diesem Wirrwarr überhaupt eine Form erkannt hatte.
Anadar starrte sie einen Moment lang an.
„Und was machen wir nun mit dieser Information?“
„Oh, richtig, ja.“
Isidre schwenkte zwei kleine Fläschchen, in denen verschiedenfarbige Flüssigkeiten leuchteten.
„Dank Xiodrie, die ganz genau richtig gehandelt hat und den größten Teil der Gifte aus der Wunde entfernte, bevor es wirklich tief eindringen konnte, und dank dieser beiden Mittelchen hier, denke ich, dass wir Fortschritte erzielen können. Ich habe heute Morgen mit der Behandlung begonnen.“
In Anadar keimte Hoffnung auf, vorsichtig erst, dann stärker.
„Du meinst, Mutter wird bald wieder die Alte?“
Isidres Blick wurde weicher. Beinahe bedauernd.
„Das, mein Guter, kann niemand sagen. Ob und wie lange es dauern wird, darüber gebe ich keine Prophezeiung ab. Wenigstens aber haben wir nun etwas, das wir dem Gift entgegensetzen können. Ob sie je wieder dieselbe wird, kann ich dir nicht versprechen.“
Es war keine große Hoffnung.
Aber es war Hoffnung.
Und im Augenblick war das mehr, als er noch vor wenigen Tagen gehabt hatte.
Sie gingen zurück zu Mutter.
Xiodrie war wie selbstverständlich da, als hätte niemand auch nur erwägen können, dass sie sich aus dieser Wache zurückziehen würde. Anadar setzte sich ans Bett der Frau, die er so sehr liebte und verehrte, nahm ihre Hand in seine und schwieg. Er sah, wie die beiden Frauen ihr Tropfen einer der Substanzen einflößten, mit jener angespannten Aufmerksamkeit, mit der Menschen etwas tun, von dem sie nicht wissen, ob es nun helfen oder nur eine weitere Verzögerung sein wird.
„Ich werde heute bei ihr bleiben“, sagte Anadar schließlich. „Ihr beide könnt ein wenig Schlaf brauchen.“
Sie widersprachen nicht. Fast schien es ihn beiden peinlich zu erleichtern. Sie verabschiedeten sich leise und versprachen, später wiederzukommen.
Dann war er allein mit Mutter.
Eine Zeit lang saß er einfach nur da. Hielt ihre Hand. Hörte ihr Atmen. Beobachtete die feinen Veränderungen ihres Gesichts, als könne er aus jeder Regung lesen, ob sie näherkam oder sich weiter entfernte. Irgendwann begann sein Geist wieder zu wandern. Und dieses Mal gab er sich mit der Leere, die ihm in ihr bisher begegnet war, nicht zufrieden.
Er ging auf die Suche nach ihr.
Er drang in ihren Geist ein und fand wieder diese verlassene Weite, dieses ausgedünnte, ausgebleichte Innere, das ihm jedes Mal die Brust zuschnürte. Doch dieses Mal kam er nicht vorsichtig, nicht tastend. Er setzte seine Präsenz wie ein Leuchtfeuer in diese Leere.
„Mutter“, rief er in ihrem Geist. „Wo bist du?“
Er erhielt keine Antwort.
Und so vergingen die Tage.
Alle drei, Xiodrie, Isidre und Anadar, hatten den Eindruck, dass sich Mutters Körper langsam erholte. Sie war nicht mehr ganz so grau. Nicht mehr ganz so schwach. Noch immer alt, noch immer eingefallen, noch immer unendlich fern von dem leuchtenden Bild, das sie sonst von ihr getragen hatten. Aber das Gegengift zeigte Wirkung. Nur der Geist. Anadar spürte dort noch immer nichts. Keine klare Antwort. Keine Wärme. Keine Stimme.
Dennoch wich er nicht mehr von ihrer Seite.
Er ließ seine Präsenz in ihrem Geist verankert, so gut er es vermochte. Meist war eine der beiden Frauen mit ihm im Raum, oft schweigend, nur wenige Worte sagend, und doch gemeinsam mit ihm wachend. Mit Xiodrie kam er ins Gespräch, er wusste, dass sie sich in andere Tiere verwandeln konnte, nicht über Zaubersprüche, nicht über Rollen, sondern aus einem inneren Gefühl heraus.
Das faszinierte ihn beinahe mehr als die Wandlung selbst.
Er wollte verstehen, wie sie Magie wirkte. Denn es schien so grundverschieden von dem zu sein, wie er und die Magier es taten. Sie versuchte es ihm zu erklären, so gut sie konnte, und verwies immer wieder darauf, dass sie keine Bücher las, sondern dies nach Gefühl, Veranlagung und einem instinktiven Begreifen tat, das sich ihrer eigenen Sprache oft entzog. Anadar hörte aufmerksam zu, stellte Fragen, vergaß für kurze Zeit sogar seine Müdigkeit.
So viele Arten, Magie zu wirken.
Es überraschte ihn mehr, als er es sich eingestehen wollte, dass man nicht an Schrift, Wort und ritualisierte Form gebunden sein musste, um sie zu nutzen.
So plätscherten Tage dahin.
Und in stillen Momenten wünschte er sich hin und wieder, bei Shara sein zu können.
Nachts, wenn er am Bett von Mutter saß, seine Präsenz in ihr verankert hielt und doch hin und wieder gegen seinen Willen eindöste, schrak er immer wieder aus demselben Traum hoch. Ein Traum, den er schon früher gehabt hatte. Er stand an einer Klippe. Unter ihm nichts als Tiefe. Hinter ihm Stimmen. Immer wieder dieselbe Frage.
Wie wirst du dich entscheiden.
Manchmal sprach Manador sie. Manchmal Isidre. Dann wieder Shara. Mutter. Morgut. Immer dieselbe Frage in einem anderen Mund. Immer derselbe Druck. Immer dieselbe Erwartung, dass er einen Schritt tun müsse, den er noch nicht verstand. Und immer wieder trat er hinaus, oder glaubte hinauszutreten, und wachte erschrocken auf, das Herz rasend, nur um später erneut wegzudämmern.
Andere Träume kamen und gingen.
Aber immer wieder kehrte dieser eine zurück.
Und dann kam die Nacht, in der sein Traum und seine Wache ineinandergriffen.
Er saß wieder neben Mutter. Seine Präsenz lag in ihrem Geist, vertraut, still, fast schon gewohnt. Er dämmerte, ohne ganz zu schlafen, und sah wieder die Szene, die Zarad ihm gezeigt hatte. Den Raum. Die Gestalt. Das Messer in der Hand. Die Bewegung auf Mutter zu.
Dann geschah es.
Etwas packte seine Präsenz in Mutters Geist.
Nicht ein Gedanke. Nicht eine Regung. Nicht ein tastender Widerstand.
Etwas Gewaltiges.
Etwas Altes.
Es traf ihn so plötzlich, dass er nicht einmal mehr begriff, was geschah, ehe es ihn schon umherwarf. In ihrem Geist brach ein Sturm los. Eine rohe, uralte Kraft griff nach ihm, schüttelte ihn, schleuderte ihn umher wie eine Puppe.
„Warum!“
Der Schrei kam nicht wie Sprache. Er kam wie eine Erschütterung.
„Warum hast du das getan!“
Er war nicht darauf vorbereitet. Nicht im Traum. Nicht im Wachen. Nicht auf diese Wucht. Er versuchte sich zu lösen, doch das, was ihn gepackt hatte, war von einer Größe, gegen die er im ersten Moment kaum mehr war als ein Lichtpunkt im Wind. Sie zerquetschte ihn fast. Riss an ihm. Stieß ihn zurück. Er spürte Hass. Blanke, sengende Verzweiflung. Einen Schmerz, der sich schon in Wut verwandelt hatte, ehe er ihn überhaupt benennen konnte.
Er riss die Augen auf.
Und starrte direkt in Mutters.
Sie hatte sich aufgesetzt.
Sie sah ihn an mit einem Hass, so fremd und so furchtbar, dass er im ersten Herzschlag nicht begriff, wen sie vor sich zu haben glaubte. Ihre Hände waren in ihn gekrallt, oder wollten es gerade sein, und noch immer drückte ihr Geist mit voller Gewalt auf den seinen.
„Mutter“, keuchte er.
Sie war im Begriff, ihn zu töten.
Nicht absichtlich vielleicht. Nicht als Mutter. Sondern in jener Verwechslung von Geist und Erinnerung, in der sie sich offenbar ganz an einem anderen Ort befand.
Er holte aus und schlug sie hart ins Gesicht.
„Hör auf“, zischte er mit letzter Kraft. „Ich bin es.“
In ihrem Geist stemmte er sich zugleich mit allem, was ihm noch blieb, gegen sie. Machte sich groß. Weitete seine Präsenz. Drängte gegen das, was ihn vernichten wollte.
„Mutter!“
Er schrie es nun aus Verzweiflung.
Und dann ließ es nach.
So plötzlich, wie es gekommen war.
Die Gewalt wich zurück. Der Druck löste sich. Der Sturm in ihrem Inneren sackte in sich zusammen. Anadar rang nach Luft und blickte in ihre Augen. Nun war dort kein Hass mehr. Nur ein Erkennen, das zu spät kam und sofort wieder zu Schmerz wurde.
Eine Träne rann ihr über das Gesicht.
Ihre Lippen bewegten sich.
„Gnok“, sagte sie.
Nur dieses eine Wort.
Dann sank sie zurück in die Kissen.
21
Nach der Ankunft in Sahretûn wurde Slonda nicht sofort mit Fragen, Prüfungen oder Riten überfallen.
Zu seiner eigenen Überraschung gab man ihm zunächst Zeit.
Nicht viel, aber genug, dass die Stadt ihn nicht gleich ganz verschlang. Man führte ihn vor, ja, und zwar zuerst jenen, die in Sahretûn einen Rang trugen, der es erlaubte, über einen Fremden zu urteilen, bevor dieser überhaupt wusste, auf welcher Stufe er selbst in ihren Augen stand. Doch dies geschah nicht grob. Nicht als Verhör. Eher wie ein ruhiges Vorzeigen eines seltenen Gegenstandes, von dem man noch nicht sicher war, ob er nützlich, gefährlich oder beides zugleich sein würde.
Marabar blieb während all dessen bei ihm.
Die beiden teilten einen Raum, was Slonda anfangs verwunderte, dann aber als klug erkannte. Man wollte ihn nicht allein lassen, nicht aus blankem Misstrauen, sondern weil Sahretûn kein Ort war, an dem ein Fremder sich einfach nach eigenem Gutdünken verlor und dabei zufällig die falsche Tür öffnete. Marabar führte ihn herum, stellte ihn anderen vor, Meistern, Schülern, Akloven, Adepten, und mit jedem Tag wurde Slonda klarer, wie streng pyramidisch in ihrer Hierarchie diese Stadt aufgebaut war.
Es gab keine Unklarheit über Rang.
Keine schlampige Gleichheit, die im Alltag so tat, als sei jeder Mann nur durch sein Talent von dem anderen unterschieden. In Sahretûn trug jeder seinen Platz sichtbar, und zwar nicht nur in Kleidung, Haltung und Zeichen des Körpers, sondern in der Art, wie andere ihm auswichen oder sich ihm näherten. Wer sprach zuerst. Wer schwieg. Wer stand. Wer sitzen blieb. Alles war geordnet.
Und Marabar stand höher, als Slonda zuerst angenommen hatte.
Noch war er kein Meister, das nicht. Doch er war offenbar längst so weit aus dem Kreis der niedrigeren hervorgetreten, dass selbst jene, die sich über ihm befanden, bereits mit dem Blick auf ihn ruhten, als sei sein nächster Schritt nur noch eine Frage des rechten Himmels und nicht mehr des Zweifels.
Mit den Meistern von Sahretûn durften Slonda und Marabar speisen.
Das allein sagte genug.
Die anderen Schüler und niederen Ränge machten meist einen Bogen um sie, vor allem um Marabar, sobald er anwesend war. Es war keine offene Furcht. Eher jene vorsichtige Distanz, mit der Menschen jemanden behandeln, der ihnen vielleicht noch nicht befehlen darf, aber schon in einer Weise in ihre Zukunft hineinragt, die jede Vertraulichkeit unklug erscheinen lässt. Slonda bemerkte es sofort.
Eines Abends, als sie nach einer solchen Mahlzeit in ihren Raum zurückkehrten, sprach er es an.
„Sie meiden euch.“
Marabar legte den Mantel ab, glatt und ohne Eile, als sei der Satz weder Vorwurf noch Überraschung.
„Nicht alle.“
„Genug, dass es auffällt.“
Marabar sah ihn an.
„Vielleicht sind sie klug genug, ihre Nähe zu dosieren, solange sie nicht wissen, ob sie später einmal von mir gesehen oder gerichtet werden wollen.“
„Das klingt nach einer Stadt, in der man lieber früh lernt, wessen Schatten künftig länger fällt.“
„Ganz recht“, sagte Marabar. „Und Sahretûn ist sehr gut darin, früh zu sehen, wer eines Tages einen langen Schatten werfen wird.“
Kurz darauf erfuhr Slonda auch, weshalb man Marabar bereits so behandelte.
Die nächste Schwarze Krone stand bevor.
Nicht irgendeine.
Eine volle.
Und unter einer vollen Schwarzen Krone zum Meister erhoben zu werden, war in Sahretûn etwas Besonderes.
Man erklärte es Slonda nicht gleich in aller Breite. Zuerst vernahm er nur Andeutungen, Halbsätze, Formulierungen, in denen deutlich wurde, dass dieses Himmelszeichen weit mehr war als bloßer Aberglaube. Erst bei einem der Abendessen, als mehrere Meister anwesend waren und man Marabar bereits mit jener kühlen Achtung behandelte, die fast schon Vorgriff war, sprach einer von ihnen das Thema offener an.
Es war ein älterer Meister mit schmalem Gesicht, dessen Tätowierungen im Lampenlicht matt glänzten.
„Schüler aus Sahretûn, Marabar“, sagte er, „ihr tretet nun in eine seltene Gunst. Nicht jedem fällt die Erhebung unter eine volle Schwarze Krone zu.“
Marabar neigte den Kopf.
„Gunst ist ein großes Wort für eine Prüfung, Meister aus Sahretûn, Nodra.“
„Nur der Törichte trennt Prüfung und Gunst vollständig voneinander“, sagte Nodra. „Die kleine Krone kehrt mehrfach wieder. Unter ihr werden Anwärter geschoren, Zähne angespitzt, Zungen gespalten, Tätowierungen gesetzt. Unter ihr werden niedrigere und mittlere Weihen vollzogen. Doch die volle Krone schließt sich nur selten. Wenn die drei Monde sich in schwarzer Staffelung über dem südlichen Himmel ordnen und das Sternenband dazwischen sich verdunkelt, dann ist dies eine Nacht, in der Bindung, Herrschaft und Maß auf besondere Weise geprüft werden.“
Ein zweiter Meister fügte hinzu:
„Nicht jeder, der unter der vollen Krone erhoben wird, ist größer als jene, die es an gewöhnlichen Nächten wurden. Aber jeder, der darunter fällt, steht für immer unter einem anderen Erinnern.“
Slonda hörte aufmerksam zu.
„Dann“, sagte er, „ist also nicht bloß der Rang von Gewicht, sondern auch der Himmel, unter dem er verliehen wird.“
Mehrere Blicke ruhten auf ihm.
Nodra antwortete.
„Meister der Zeit, Slonda, ihr solltet gerade dies leicht begreifen. Kein Geschehen ist nur das, was geschieht. Es ist immer auch das Verhältnis, in dem es zu Ort, Stunde, Ordnung und Zeichen steht.“
Marabar sagte dazu nichts.
Doch Slonda sah, dass in ihm etwas arbeitete. Kein Stolz. Nicht offen. Eher Sammlung. Als habe auch er verstanden, dass die kommenden Wochen ihn nicht nur nach oben, sondern tiefer in die Stadt selbst hineinführen würden.
Sahretûn blieb Slonda unterdessen ein Rätsel.
Er durfte sich frei bewegen, das war wahr, und doch gewann er immer wieder den Eindruck, dass ihm wesentliche Teile dieser Stadt einfach nicht zugänglich waren. Er verlief sich häufig. Die Gänge sahen einander ähnlich, nicht zufällig, sondern so, als hätte man ihre Wiederholung mit Absicht geplant. Treppen führten in Höfe, aus Höfen in Hallen, aus Hallen in Korridore, die sich in ihrer schwarzen Strenge beinahe spiegelten. Türen tauchten an Stellen auf, an denen er sie beim letzten Mal nicht gesehen zu haben glaubte. Manche Wege endeten unvermittelt an Mauern, die ihm wenig überzeugend wie bloßer Stein vorkamen.
Schließlich erwähnte er dies Marabar gegenüber.
„Nicht einmal ich“, sagte Marabar, „würdet mit Bestimmtheit behaupten können, alle Teile dieser Stadt zu kennen.“
„Nicht einmal ihr.“
„Nein.“
„Dann ist Sahretûn größer, als sie sich zeigt.“
„Oder verschlossener.“
Slonda sah ihn an.
„Und gewisse Bereiche sind an Rang gebunden.“
„Gewisse Bereiche“, sagte Marabar, „würde niemand betreten, dessen Rang noch zu gering ist.“
„Noch“, wiederholte Slonda. „Dann ist Meister nicht der höchste Rang.“
Marabar wandte den Blick zum Fenster.
„Der Wind dreht“, sagte er. „Morgen wird es heißer werden.“
Slonda musterte ihn.
„Ihr weicht mir aus.“
„Ja.“
„Dann habe ich wohl die richtige Frage gestellt.“
„Oder die, welche noch nicht zu beantworten ist.“
Damit war das Thema beendet, jedenfalls an jenem Tag.
Nach der sehr kurzen Zeit des Einlebens begann Slondas eigentliche Ausbildung.
Marabar erklärte ihm, dass sie in Wahrheit bereits in Gontar begonnen habe. Dort seien die ersten Gespräche, die Prüfung, die Grundlegung der Begriffe gewesen. Nun jedoch, in den gesicherten Mauern Sahretûns, würden die tatsächlichen Rituale und Zauber folgen.
Und so arbeiteten sie.
Nicht nur an Beschwörung.
Auch am Wesen der Zeit.
So, wie Slonda es einst von Drinda in Tandor gelernt hatte, zeigte er nun Marabar, wie man die Planetenkonstellationen herbeirief und mit ihnen arbeitete. Er erklärte ihm, dass Zeitmagie nicht bloß aus Eingriffen bestand, sondern aus Orientierung, Verhältnis, Lage, Gewichtung von Augenblicken, dem Erkennen von Knotenpunkten, ehe überhaupt an Bewegung zu denken war. Es dauerte sehr lange, bis Marabar dies verinnerlichte. Nicht, weil ihm die Intelligenz dazu fehlte, sondern weil sein Denken aus einer anderen Schule kam. Er dachte in Bindungen, Schwellen, Gegenleistungen und Namen. Slonda zwang ihn nun, in Verläufen zu denken.
Marabar lernte langsam.
Aber gründlich.
Etwa zur selben Zeit durfte Slonda die ersten Dämonen selbst beschwören.
Die erste Beschwörung lief selbstverständlich schief.
Später meinte Marabar sogar, sie müsse schieflaufen, alldieweil kein erster Ruf rein genug sein könne, um schon im ersten Versuch zu halten, was er fordere. Slonda hatte die Zeichen sauber gesetzt, den Namen in der richtigen Ordnung gesprochen, die Begrenzungen nicht vergessen, und dennoch kam etwas durch, das nicht ganz dem entsprach, was gerufen werden sollte. Der Kreis begann an einer Stelle zu zittern. Ein Schatten fuhr zu weit gegen die Bannung. Marabar griff ein, schnell und ohne jede Aufregung, und bannte den Dämon zurück, noch ehe echter Schaden entstand.
„So beginnt es immer“, sagte er danach. „Am Anfang macht man Fehler. Die Kunst beginnt nicht dort, wo man ohne Fehler wirkt. Sie beginnt dort, wo man Fehler erkennt, ehe sie sich verselbständigen.“
So arbeiteten sie parallel.
Marabar lehrte Slonda die Kunst der Beschwörung. Slonda lehrte Marabar die Grundlagen der Zeitmagie.
Wochen vergingen.
Und dann kam die volle Schwarze Krone.
Die Nacht begann schon anders als andere. Über Sahretûn lag eine gespannte Feierlichkeit, die nicht laut wurde, sondern die Bewegungen der ganzen Stadt veränderte. Feuer brannten auf den Mauern. In den Höfen wurden schwarze Stoffbahnen gezogen. Niemand sprach unnötig laut. Selbst die Luft schien zu warten. Als die Monde schließlich aufstiegen, sah Slonda, warum man diesem Zeichen einen eigenen Namen gegeben hatte.
Drei Monde standen über dem südlichen Himmel.
Nicht exakt in einer Linie, sondern leicht versetzt, wie Zacken einer Krone. Zwischen ihnen spannte sich ein dunkler Himmelsraum, in dem das Sternenband zurückzutreten schien. Nicht ausgelöscht. Eher verschluckt. Die Schwarze Krone schloss sich über Sahretûn.
Die Zeremonie fand auf einem breiten Hof innerhalb der inneren Mauern statt.
Nicht in einem Saal. Nicht verborgen. Sondern unter dem offenen Himmel, damit Mond, Dunkelheit und Stadt selbst Zeugen seien. Die Meister standen im Halbkreis. Dahinter die anderen Ränge, streng geordnet. Die Feuer auf den Mauern warfen Licht auf schwarze Steinplatten, auf Gesichter, Tätowierungen, gespannte Münder. In der Mitte des Hofes war ein Kreis gezogen, nicht bloß mit Kreide oder Farbe, sondern mit eingeschnittenen Linien, in denen dunkles Metall eingelassen war.
Marabar trat ein.
Barhaupt. Schwarz gekleidet. Ohne Schmuck. Ohne jedes Zeichen von Zier.
Nodra trat ihm gegenüber.
„Schüler aus Sahretûn, Marabar“, sagte er, und seine Stimme trug über den ganzen Hof, „ihr seid geprüft worden in Form, Maß, Bindung, Verantwortung und Herrschaft. Ihr habt den Kreis gehalten, wo andere gebrochen wären. Ihr habt gerufen und gebannt. Ihr habt getragen, was euch auferlegt wurde. Wollt ihr nun unter der Schwarzen Krone in den Stand der Meister erhoben werden.“
„Ich will es“, sagte Marabar.
„Und wisst ihr, dass Herrschaft in Sahretûn nicht Würde ohne Last ist, sondern Last ohne Ende.“
„Ich weiß es.“
„Und wisst ihr, dass jedes Wissen, das euch fortan gegeben wird, euch nicht erhöht, sondern tiefer verpflichtet.“
„Ich weiß es.“
Dann begann das Ritual.
Es war kein bloßes Ernennen. Kein Sprechen und Bekräftigen allein. Ein Kreis wurde geöffnet, enger als jene, die Slonda bisher gesehen hatte. Ein gehörnter Dämon wurde nicht vollständig gerufen, doch nahe genug, dass seine Gegenwart den Hof füllte wie Druck in der Luft. Mehrere Münder unter dem Kreis der Meister begannen zugleich zu murmeln. Marabar stand still in der Mitte, die Hände offen, die Finger angespannt, während sich dunkle Linien um seine Füße schlossen und dann wieder öffneten, als müsse seine Bindung unter genau dieser Konstellation noch einmal bewiesen werden.
Der Dämon drängte.
Nicht mit Gewalt des Körpers, sondern mit Druck gegen Ordnung, Geist und Maß.
Slonda sah, wie Schweiß an Marabars Schläfen trat. Wie seine Tätowierungen erst silbern, dann golden aufglühten. Wie seine Stimme tiefer wurde, während er die Form hielt. Es war kein langer Kampf. Doch er war von einer Dichte, die Minuten wie etwas Großes erscheinen ließ.
Schließlich beruhigte sich der Kreis.
Der Druck wich.
Und Nodra trat vor.
Ein Stab wurde gebracht. Schwarz. Schlank. Oben eine weiße Kugel, unten eine dunkle.
Nodra hielt ihn Marabar hin.
„Unter der vollen Schwarzen Krone, vor den Mauern Sahretûns, im Wissen dessen, was wir tragen, und in Anerkennung dessen, was ihr gehalten habt, erheben wir euch. Von nun an seid ihr Meister aus Sahretûn, Marabar.“
Marabar nahm den Stab entgegen.
Und die ganze Versammlung neigte, wenn auch nur leicht, den Kopf.
Von da an war er Meister aus Sahretûn, Marabar.
Slonda war als Gast von all diesen Hierarchien ausgenommen, was ihn in Wahrheit sehr erleichterte. Spätestens als er bei einer anderen Gelegenheit dabei war, wie ein Aklove aus Sahretûn unter Schmerzen behandelt wurde, während seine Zähne angespitzt wurden, wusste er, dass er auf den rituellen Eifer dieser Stadt gut verzichten konnte.
Mit Marabars Erhebung veränderte sich auch ihr Verhältnis.
Nicht äußerlich. Sie arbeiteten weiter. Doch Marabar begann, deutlicher zu drängen. Weniger in der Beschwörung, die er Slonda weiterhin mit methodischer Geduld beibrachte, als in dem, was er nun von ihm verlangte.
Er wollte mehr.
Er wollte an das Eingemachte.
Eines Abends, als sie wieder über Planetenkonstellationen und Verankerung sprachen, legte Marabar die Hände beiseite und sagte:
„Meister der Zeit, Slonda, ich habe lange genug in den Vorhallen eurer Kunst gestanden. Es dünkt mich an der Zeit, dass ihr mir nun nicht länger bloß das Verhältnis von Bewegung und Konstellation schildert, sondern jenen Kern freilegt, dessentwegen eure Schule in der Welt zugleich bewundert und gefürchtet wird.“
Slonda sah ihn ruhig an.
„Und was genau meint ihr damit.“
„Ihr wisst es sehr wohl.“
„Dann sagt es dennoch.“
Marabar lächelte schmal.
„Die Bewegung durch die Zeit. Nicht bloß das Lesen ihrer Ströme. Nicht bloß das Erkennen ihrer Knoten. Sondern das tatsächliche Durchschreiten. Das Lösen aus einem Strom und das Eintreten in einen anderen. Ihr habt mich lange genug um den Körper eures Wissens herumgeführt. Nun will ich sein Herz sehen.“
Slonda antwortete nicht sofort.
Dann sagte er:
„Nein.“
Marabar hob leicht die Brauen.
„Dies ist eine kurze Antwort für einen Mann, der sonst so große Freude an Unterscheidungen hat.“
„Dann gebe ich euch noch eine längere. Nein, Meister aus Sahretûn, Marabar. Dieses Wissen gebe ich euch nicht.“
„Nicht jetzt oder nicht überhaupt.“
„Nicht überhaupt.“
Marabar lehnte sich zurück.
„Dann seid ihr also bereit, von mir immer tiefere Kreise der Beschwörung zu verlangen, während ihr selbst die innerste Kammer eurer Kunst verschlossen haltet.“
„Ja.“
„Dies ist unerquicklich.“ Slonda atmete einmal aus. „Dies ist nicht Ungerechtigkeit, wenn es einen Grund gibt.“
„Und dieser Grund.“
„Dass dieses Wissen alles andere übersteigt, was ich euch bisher gezeigt habe.“
Marabar sah ihn lange an.
„Und ihr traut mir nicht.“
„Ich traue niemandem in dieser Sache. Nicht einmal mir selbst ohne weiteres.“
„Ein bequemes Argument.“
„Ein wahres.“
Marabar schwieg.
Dann sagte er mit milder Kälte:
„Ihr verlangt also Vertrauen gegen Vertrauen, Wissen gegen Wissen, und sobald eure Furcht den innersten Kreis erreicht, nennt ihr euer Zurückweichen plötzlich Maß.“
„Ich nenne es Verantwortung.“
„Und ich“, sagte Marabar, „nenne es den Punkt, an dem euer schönes Gebäude der Gegenseitigkeit zu einer Einbahnstraße wird.“
Slonda antwortete darauf nicht mehr.
Doch der Riss war gesetzt.
Einige Zeit später war es Slonda selbst, der mehr wollte.
Bis dahin hatte Marabar ihn sauber, geduldig und streng geführt. Grundformen. Bannung. Mehrfachbindungen. Erste Blicke auf kompliziertere Rufe. Doch es war deutlich, dass auch hier noch etwas hinter der letzten Tür lag. Besonders seit Slonda begriffen hatte, dass die Hierarchie von Sahretûn nicht bei den Meistern endete, verlangte es ihn nach mehr.
Eines Abends sprach er es aus.
„Meister aus Sahretûn, Marabar. Ihr habt mich an die Grenze dessen geführt, was ihr für lehrbar haltet. Doch ich bin nicht blind. Es gibt mehr. Es gibt Kreise, die ihr mir nicht zeigt. Dämonen, über die ihr nur andeutungsweise sprecht. Ich will über die Gehörnten lernen.“
Marabar sah nicht einmal von dem Text auf, in dem er gerade gelesen hatte.
„Nein.“
Nun war Slonda es, der still wurde.
„Ihr seid rasch mit diesem Wort.“
„Weil es hier ausreicht.“
„Nicht für mich.“
Marabar schloss das Buch.
„Dann lasst mich ausführlicher sein. Ihr seid nicht bereit.“
„Das ist euer Urteil.“
„Ja.“
„Und wenn ich es nicht teile.“
„Dann ändert dies nichts an seiner Geltung.“
Slonda trat näher.
„Ihr fordert von mir die inneren Bewegungen meiner Schule und verweigert mir zugleich die euren.“
„Ich fordere sie“, sagte Marabar ruhig, „weil ich glaube, dass ihr sie tragen könntet. Ich verweigere euch die Gehörnten, weil ich glaube, dass ihr sie noch nicht tragen könnt.“
„Noch nicht“, wiederholte Slonda. „Das klingt auf einmal nach Vertröstung.“
„Oder nach Grenze.“
„Und wer zieht sie.“
„Ich.“
Da schwiegen beide.
Lange.
Dann sagte Slonda:
„Dann sind wir also dort angekommen, wo unser Bündnis scheitert. Ich will über die Gehörnten lernen. Ihr wollt durch die Zeit reisen. Ihr verweigert mir das eine. Ich verweigere euch das andere.“
Marabar legte das Buch ganz beiseite und sah ihn offen an.
„Ja“, sagte er. „Dort sind wir angekommen.“
„Und keiner von uns wird nachgeben.“
„Nicht in dieser Frage.“
„Dann stehen wir.“
„Dann stehen wir.“
Und so kamen sie an ein Patt.
Nicht aus Mangel an Klugheit. Nicht, weil einer den anderen missverstand. Sondern gerade weil beide genau begriffen hatten, worum der andere bat. Slonda wollte die Gehörnten. Marabar wollte die Bewegung durch die Zeit. Beide wussten, dass das Wissen des anderen tiefer lag als alles, was bisher gegeben worden war. Beide hielten sich für berechtigt, es zu verlangen. Und beide hielten sich für ebenso berechtigt, es zu verweigern.
Das war die eigentliche Form ihres Stillstands.
Nicht Unwissen.
Sondern Gleichgewicht.
22
Von jenem Augenblick an, in dem sie erwacht war, war nichts mehr wie zuvor.
Anadar war nach dem Kampf in ihrem Geist so erschöpft gewesen, dass er kaum noch wusste, wie er aus dem Stuhl aufgestanden und aus dem Zimmer gekommen war. Xiodrie und Isidre hatten ihn abgelöst, und Mutter war, als er sie verließ, in einen wachen Schlaf gefallen, still, anwesend, doch noch nicht ganz zurückgekehrt in jene Form von Gegenwart, die man als Leben unter Lebenden bezeichnen konnte. In ihrem Geist war sie wieder da gewesen. Das allein hatte genügt, um ihm die letzte Kraft aus den Gliedern zu nehmen. Die Wucht ihrer Attacke, die er knapper überlebt hatte, als ihm lieb war, und der folgende Kampf hatten ihn ausgesogen. Er war in einen Schlaf gefallen, tief und schwarz, und erwachte erst einen Tag später wieder, einigermaßen erholt, wenn auch mit jenem dumpfen Nachhall in Körper und Geist, der einen nicht vergessen lässt, was in der Nacht zuvor beinahe geschehen wäre.
Er rappelte sich auf, machte sich frisch und ging direkt zu Mutters Zimmer.
Er wusste nicht, was ihn dort erwarten würde. Noch immer hielt er sie für schwach, für gebrechlich, für eine Frau, die ihre Rückkehr teuer bezahlt hatte und sich nun nur mit Mühe an dieser Welt festhielt. Als er eintrat, blieb er deshalb einen Herzschlag lang einfach in der Tür stehen.
Vor ihm saß wieder die goldene Gestalt, halb aufgerichtet im Bett.
Nicht ganz so strahlend wie sonst, nicht ganz so leicht, doch ohne Zweifel wieder jene Frau, die alle als Mutter kannten. Ihre Haut hatte wieder Wärme. Ihr Haar leuchtete. Ihre Schönheit war da, wenn auch etwas dünner aufgetragen als sonst, als läge unter ihr noch immer die Wahrheit ihres geschwächten Körpers und dränge darauf, nicht vergessen zu werden. Missgestimmt war sie ob ihrer Lage dennoch, und Isidre erinnerte sie offenbar im Abstand weniger Atemzüge daran, dass sie sich zu schonen habe. Xiodrie, überglücklich über die Rückkehr der Frau, die sie Mutter nannte, versuchte zwischen beiden zu vermitteln, wurde dabei aber je nach Standpunkt entweder überhört oder kurzerhand benutzt.
Als Anadar eintrat, erntete er zuerst einen langen, tiefen Blick.
Mutter fixierte ihn.
„Du hast mich geschlagen“, protestierte sie.
Sie hob das Kinn ein wenig, und auf ihrer Wange trat ein blauer Fleck hervor, den sie ihm mit demonstrativer Würde zeigte.
„Heftig.“
Anadar ließ sich davon nicht beirren. Er trat näher, beugte sich zu ihr und küsste sie auf die verletzte Wange.
„Mutter, wie schön, dich wieder unter uns zu wissen.“
„Du wolltest mich töten“, sagte er dann mit unschuldiger Stimme. „Dessen bist du dir bewusst, Mutter?“
Sie sah ihn aus ihren goldenen Augen an.
„Du hattest dort nichts zu suchen.“
„Habt ihr etwas zu verbergen? Und wärt ihr heute wieder unter uns, wenn ich nicht dort gewesen wäre?“
Er beugte sich vor und umarmte sie vorsichtig. Für einen Augenblick versteifte sie sich. Dann erwiderte sie die Umarmung.
„Mein Lieber“, sagte sie leise.
„Schön, dass du wieder unter uns bist.“
In genau diesem Moment spürte er sie wieder in seinem Geist. Nicht tastend. Nicht schüchtern. Sie setzte sich hinein, wie jemand sich in einen vertrauten Sitz zurücksinken lässt, den er nur kurz verlassen hatte. Da war sie wieder. Nicht als Leere, nicht als fernes Echo, sondern als jene goldene, warme, gefährliche Präsenz, die Mutter in Wahrheit war.
Mit einem tiefen Seufzen ließ sie sich zurück in die Kissen fallen.
„Was hätte ich ohne euch drei nur gemacht.“
„Du wärst gestorben“, sagte Isidre trocken. „Ziemlich schnell sogar. Ohne Xiodrie wärest du bereits nach Minuten tot gewesen.“
Mutter streckte die Hände nach der jüngeren Frau aus.
„Meine Tochter“, sagte sie. „Das kann ich dir niemals vergessen.“
Xiodrie wurde rot und sah zu Boden, als wisse sie nicht, wohin mit einer solchen Dankbarkeit.
Anadar blieb den ganzen Tag bei Mutter.
Sie unterhielten sich viel. Er versicherte sich, dass es ihr wirklich besser ging, dass sie wieder die Alte wurde. Noch war sie schwach, das war nicht zu übersehen. Doch dass sie sich wieder als die goldene Schönheit zeigte, die sie den anderen so oft vorgab zu sein, war bereits Beweis genug, dass ihre Kräfte zurückkehrten. Das hatte er auch in jener Nacht gespürt, als sie ihn im Geist gepackt und beinahe wie eine lästige Fliege zerdrückt hatte. Der Gedanke daran ließ ihn noch immer schaudern. Sie hatte ihn für Gnok gehalten. Nicht als Entscheidung, nicht als Urteil, sondern als Reflex, geboren aus Schmerz, Schock und Erinnerung. Sie hatte sich verteidigt mit allem, was sie hatte.
Seine Gedanken schweiften wieder dorthin ab.
„Es tut mir leid, mein Lieber“, sagte sie in seinem Kopf, ohne die Lippen zu bewegen. „Ich hatte keine Kontrolle darüber. Es war ein Reflex.“
Eines jener Gespräche begann, von denen die anderen im Raum nichts mitbekamen.
„Bin ich ein offenes Buch für dich“, fragte er zurück. „Hörst du immer meine Gedanken mit?“
„Nein. Nicht immer. Nur wenn du so laut denkst wie gerade.“
Sie lachte in seinem Kopf, und dieses Lachen traf ihn fast ebenso tief wie ihre Rückkehr selbst. Er hatte es vermisst, ohne es vorher ganz gewusst zu haben.
„Ich habe dir viel zu verdanken“, sagte sie. „Du hast mich zurückgeholt. Ich war verloren gewesen.“
„Ich denke, es war eher die Neutralisierung des Giftes.“
„Das auch.“
Dann wurde ihr Ton ernster.
„Kommen wir zum eigentlichen Thema, Anadar. Ich habe eine Bitte an dich.“
„Sprich.“
Es folgte ein kurzes Schweigen. Dann spürte er, wie sich ihr Geist öffnete und ihn einlud. Er trat hinüber, vorsichtig wie immer, und fand sie dort in der Gestalt, in der er sie kannte. Leuchtend golden. Überwältigend schön. Doch dieses Mal lag in ihrer Schönheit etwas anderes. Keine Verführung. Keine Inszenierung. Eher ein bewusstes Sich Zeigen.
Sie nahm ihn an der Hand.
„Gnok hätte mich niemals angegriffen“, sagte sie. „Niemals. Komm. Ich zeige es dir.“
Und so führte sie ihn in ihre Vergangenheit.
Nicht in bloße Bilder. Nicht in lose Erinnerungen. Sie nahm ihn mit nach Dioneès’ Tal, in eine Zeit, als sie noch nicht mit einer Illusion gearbeitet hatte, als ihre Schönheit wirklich die ihre gewesen war und nicht das goldene Gewand, mit dem sie sich später umgab. Sie zeigte ihm das Tal in seiner ganzen Pracht. Das Licht. Das Wasser. Die Hänge. Die Gebäude. Das Leben, das dort einst gewesen war. Und sie zeigte ihm auch die Vernichtung. Das Ausgelöschtwerden. Die Leere, die zurückblieb, als alles Schöne zu Asche, Stein und Schweigen geworden war.
Dann zeigte sie ihm Gnok.
Nicht als alten Magier. Nicht als Verbündeten aus den letzten Jahren. Sondern den Gnok, den sie geliebt hatte. Den Mann, dem sie vertraut hatte. Die Wärme zwischen ihnen. Die Nähe. Die Selbstverständlichkeit ihrer Verbindung.
„Niemals“, sagte sie noch einmal. „Niemals hätte er dies getan, Anadar. Ihm muss etwas geschehen sein. Und das, mein Lieber, ist es, was du für mich tun musst. Finde ihn. Und bringe in Ordnung, was geschehen ist. Bitte. Tu es für mich.“
In ihrem Geist küsste sie die Gestalt, die Anadar dort darstellte, und für beide war es ein sehr intimer Augenblick. Noch nie hatte die Frau, die alle Mutter nannten, einem anderen solche Einblicke gewährt. Noch nie hatte sie so weit in ihre Hintergründe und in ihre eigentlichen Beweggründe blicken lassen.
„Bitte“, sagte sie noch einmal. „Finde ihn für mich.“
Später saß Anadar mit Xiodrie in einem Hof von Zoordak.
Er hatte beschlossen, in Tiergestalt in die Feurige Feste zurückzukehren, als Vogel. Allein wagte er es nicht. Er kannte die Theorie, gewiss, doch er hatte Respekt vor der Praxis. Also ließ er sich von der ehemaligen Hexe zeigen, wie sie es machte.
Sie warf die Schriftrollen, die er mitgebracht hatte, mit kaum verhohlener Verachtung beiseite.
„Damit wirst du es nicht lernen“, sagte sie. „Nicht so.“
Dann zeigte sie es ihm.
Einfach. Direkt. Mit jenem instinktiven Wissen, das sich seinem Denken entzog und ihn gerade deshalb so fesselte. Anadar starrte sie mit offenem Mund an und ließ es sich noch einmal vorführen.
„Es ist nicht so, dass du deinen Intellekt verlierst“, sagte Xiodrie. „Er bleibt dir erhalten. Und der Schritt zurück in deine menschliche Gestalt wird aus deinem Wunsch geformt, nicht aus deiner Rolle.“
Sie deutete wieder auf seine Papierrolle, als wolle sie sagen, dass er dieses Ding nun endlich vergessen möge.
Anadar schüttelte noch immer den Kopf, als wolle er nicht wahrhaben, was er sah. Doch er wusste, dass er es nun selbst versuchen musste. Also nahm er die Rolle noch einmal herbei, wirkte den Zauber und ließ den Spruch frei.
Zuerst dachte er, nichts sei geschehen.
Dann veränderte sich seine Wahrnehmung.
Die Welt sprang nicht. Sie rückte anders zurecht. Seine Augen lagen plötzlich anders im Raum. Sein Körper war nicht mehr dort, wo er ihn erwartet hatte. Er blickte nach oben auf einen Haufen seiner eigenen Kleidung.
Er wollte sich empört beschweren, doch aus seinem neuen Schnabel kam nur ein krächzender Laut.
Dann verstand er.
Er war in Tiergestalt.
Er breitete die Schwingen aus und blickte Xiodrie aus seinen neuen Augen an. Es fühlte sich gut an. Fremd, aber nicht falsch. Mehr noch, es fühlte sich instinktiv richtig an. Er machte ein paar hüpfende Schritte, prüfte das Gewicht, den Schwerpunkt, die neue Leichtigkeit.
Und da hörte er Mutter in seinem Geist.
„Mein Lieber, würdest du bitte zu mir kommen. Wir müssen miteinander reden.“
Ganz ohne Nachdenken sprang er.
Sein neuer Körper erhob sich in die Luft. Es war, als wüsste er bereits, wie man flog. Nicht gelernt. Nicht verstanden. Sondern instinktiv vorhanden im Leib des Tieres. Er schwang sich höher, glitt durch den Hof, durch ein offenes Fenster hinein in Mutters Zimmer und setzte sich am Ende des Bettes auf den Pfosten.
Sie sah ihn an.
„Glaubst du nicht, dass Kommunikation in Menschengestalt einfacher wäre?“
Anadar hätte errötet, hätte er es in dieser Gestalt gekonnt. Also dachte er nur daran, sich zurückzuverwandeln.
Das Resultat war weniger elegant.
Er fiel mehr, als dass er wirklich verwandelte, kam halb über das Bett, halb darüber hinweg und landete irgendwie unbeholfen, beinahe nackt, nur noch in seiner Unterwäsche. Sofort wurde ihm klar, dass dies ein Punkt war, über den er noch nachdenken musste. Xiodrie wechselte ihre Gestalt mitsamt Kleidung. Bei ihm hatte das offenkundig noch nicht funktioniert.
Mutter sah ihn an.
„Anadar“, sagte sie in gespielter Empörung, „ich bin noch schwach. Viel zu schwach für...“
Sie ließ den Satz offen.
Er wäre am liebsten im Boden versunken.
„Ich... ich...“ stammelte er. „Das muss ich noch einmal üben.“
Während er sich eilig eine Decke als eine Art Umhang überwarf, lobte sie ihn mit geradezu übertriebener Wärme.
„Schön, dass du es nun gewagt hast. Und erfolgreich.“
Er errötete noch mehr.
Dann wurde sie ernst.
Sie sprach mit ihm, und sie wusste, dass er bald aufbrechen würde.
„Ich gehe zuerst nach Ashrambrat“, sagte er. „Ich versuche dort seine Spur zu finden. Morgut sollte inzwischen ebenfalls dort sein. Vielleicht hat er etwas erfahren.“
Mutter nickte langsam.
„Pass auf dich auf. Wer immer Gnok in Gewalt hat, ist mächtig. Sehr mächtig. Gnok ist ein sehr starker und erfahrener Magier. Wer immer ihn dazu brachte, mich zu töten zu versuchen, muss klug sein, sehr alt, sehr weise, extrem mächtig und gefährlich. Es wird nicht Hokn`f sein. Dazu ist dieser zu schwach. Pass auf dich auf, mein Lieber.“
23
Für Roto war es eine völlig neue Erfahrung.
Die beiden Wassermagierinnen halfen ihm dabei, doch das nahm dem Ganzen nichts von seinem Schrecken. Schon die ersten Züge unter Wasser brachten Angst und Beklemmung in ihm hoch. Sein Körper wollte nicht glauben, dass dies möglich war. Alles in ihm wehrte sich gegen den Gedanken, unter Wasser Luft zu holen. Zu tief saß der Respekt vor dem Wasser, vor seiner Schwere, seiner Fremdheit, seiner alten Macht über jeden, der kein Geschöpf der Tiefe war.
Son machte es ihm vor.
Sie tauchte unter und atmete, als sei es das Gewöhnlichste von der Welt. Dann kam sie wieder hoch, spuckte Wasser aus und hustete kräftig, um die letzten Reste aus ihren Lungen zu pressen. Es wirkte furchtbar. Roto starrte sie an, halb fasziniert, halb angewidert. Dennoch tauchte er wieder unter.
Er konnte das Wasser nicht einatmen.
Nicht wirklich.
Da traf ihn unter Wasser ein Schlag in die Seite. Kurz, gezielt, gerade stark genug, um ihn zu überraschen. Reflexhaft öffnete er den Mund und zog Wasser ein. Sofort wollte er wieder auftauchen, alles aus den Lungen pressen, doch Indra hielt ihn mit einer Hand unter Wasser fest. Die beiden Frauen blickten sich an, und Roto begriff in seiner Panik, dass dies nicht das erste Mal war, dass sie jemanden auf diese Weise zum Wasseratmen brachten.
Überwindung war alles.
Als er sich nicht mehr wehrte und endlich begriff, dass er nicht ertrank, ließ Indra ihn los und tauchte ebenfalls voran. Beide Magierinnen schwammen voraus, und Roto folgte, noch immer damit beschäftigt, sich an dieses unmögliche Atmen und das ebenso unmögliche Schwimmen zu gewöhnen. Die beiden machten es ihm vor, zeigten ihm mit knappen Bewegungen, wie er seine neuen Schwimmhäute benutzen musste, wie man mit den Armen zog, mit den Beinen lenkte, den Körper schmal hielt. Sie waren ihm deutlich überlegen, geschmeidiger, natürlicher, doch es dauerte nicht lange, bis er wenigstens verstanden hatte, wie man in eine Richtung kam, ohne sich dabei nur lächerlich durch die Fluten zu wühlen.
Als sie schließlich so weit waren, deutete Son der Gruppe Kaula, die bereits auf sie wartete, dass es losgehen könne.
Die Kaula schwammen voraus.
Und sie folgten ihnen.
Zuerst ging es über Korallenbänke, durch glitzerndes, lebendiges Wasser, in dem alles heller und fremder wirkte als an der Oberfläche. Roto sah Farben, die er nie benannt hatte. Er sah Fischschwärme, die wie lebendige Tücher an ihnen vorbeizogen, und Pflanzen, die sich im Wasser bewegten wie atmende Wesen. Dann kamen sie an den Rand des Riffs, und von dort ging es hinab in die blauen Tiefen.
Dort begriff Roto, dass dies nicht nur ein Riff war.
Es war viel mehr.
Was vor ihm im Wasser aufstieg und zugleich hinabführte, war ein ganzes Konstrukt aus Felsen, Säulen, Torbögen, Öffnungen und Verzierungen, von einer anmutigen Schönheit, die unmöglich natürlich gewachsen sein konnte. Sie glitten an etwas hinab, das so gewaltig, so fremdartig und zugleich so vollkommen wirkte, dass Roto für einen Moment darüber vergaß, zu schwimmen. Überall wimmelte es von Leben. Zwischen Bögen und Steinen huschten Tiere. Pflanzenschleier zogen sich über Mauern, als hätte die See selbst beschlossen, diese Stadt nicht zu verschlingen, sondern zu schmücken.
Er verstand mit einem Mal, dass dies das Unterwasseräquivalent einer Stadt war.
Nur ungleich schöner.
Sie tauchten tiefer, und Roto hätte beinahe den Anschluss an die Gruppe verloren, so sehr hielt ihn der Anblick gefangen. Erst als Son sich nach ihm umsah und ihm mit einer scharfen Bewegung bedeutete, näher zu kommen, riss er sich los und schwamm weiter. Schließlich erreichten sie ein Plateau, an dessen Rand sie entlangglitten. Links stieg eine Wand hoch, schwarz und mit Formen versehen, die Roto nicht deuten konnte. Rechts fiel alles ab in jene dunklen Tiefen, in denen das Wasser seine Farbe verlor und etwas Bodenloses annahm.
Dann kamen sie an eine Öffnung.
Statuen rahmten sie ein, und hinter ihr schimmerte Licht.
Die Gruppe schwamm hinein, dann wieder ein Stück aufwärts, bis sie an einer schrägen Rampe langsam aus dem Wasser steigen konnten. Kaum war Roto halb draußen, krümmte es ihn. Er hustete verkrampft Wasser aus den Lungen, Tränen liefen ihm über das Gesicht, und er verfluchte im Stillen alles, was mit Wasser zu tun hatte. Indra schlug ihm ein paar Mal kräftig auf den Rücken, bis er endlich wieder halbwegs atmen konnte.
Son lächelte ihn an.
„Nachher wieder.“
Dann lachte sie lauter, als sie seinen vorwurfsvollen Blick sah.
„Du wirst dich daran gewöhnen.“
Sie gingen weiter.
Die Höhle war groß, und das Leuchten kam von den Wänden selbst. Einige Tropfsteine, die von der Decke hingen, gaben ein sanftes Licht von sich, so dass der ganze Raum wie von innen heraus schimmerte. Die Kaula führten sie zu einer Nische, in der auf einer Bahre einer von ihnen lag. Halb schlafend, halb delirierend, stöhnte er vor sich hin. Seine Frau kniete neben ihm. Sie schob vorsichtig eine Art Decke aus Algen zur Seite und legte eine Wunde frei, die zwischen Bauch und Brust an der Flanke lag.
Die drei Magier erstarrten.
Die Wunde war vollständig schwarz.
Sie blutete nicht. Sie nässte nicht. Und doch war sie schlimmer als jede offene Verletzung. Das Gewebe darum herum begann ebenfalls zu schwärzen, ebenso die Adern, die unter der Haut sichtbar wurden. Ein fauliger Gestank ging von ihr aus, schwer und widerlich, als würde dort etwas nicht bloß verrotten, sondern sich langsam ausbreiten.
Die drei blickten sich ratlos an.
„Schwert“, sagte die Kaula und deutete den Stoß an.
Sofort dachten sie an Anadar.
Oder an etwas, das mit derselben Art von Gewalt verwundet hatte.
So etwas hatten sie noch nie gesehen. Sie berieten sich leise. Keiner von ihnen war Erdmagier. Keiner hatte Isidres Erfahrung mit Wunden, Giften und Dingen, die sich zwischen Körper und Magie einnisteten. Schließlich kamen sie zu demselben Schluss: Wenn hier noch etwas zu tun war, dann musste jemand wie Isidre diese Wunde sehen.
Nun blieb nur noch, die Kaula davon zu überzeugen, den Verletzten nach Tandor zu bringen.
Und das erwies sich rasch als schwierig.
Sie versuchten, den Umstehenden zu erklären, dass sie hier nicht helfen konnten, dass sie jemanden mit mehr Wissen brauchten, dass der Mann sterben würde, wenn sie nur blieben und ihn weiter ansahen. Doch je mehr sie sprachen, desto mehr verwandelte sich die Frustration der Kaula in Zorn, und der Zorn in Feindseligkeit. Eine Auseinandersetzung lag bereits in der Luft. Die Körper spannten sich. Hände griffen nach Messern. Stimmen wurden härter.
Dann tauchten aus der Tiefe drei Tentakel auf.
Was dort vor ihnen aus dem Wasser glitt, ließ den Magiern den Atem stocken. Es war die Krake. Gewaltig, alt, fremd, und mit einer Gegenwart, die alles im Raum mit einem Schlag neu ordnete. Die umstehenden Kaula beruhigten sich augenblicklich.
Einer der Tentakel wurde den Magiern hingehalten.
Zuerst wussten sie nicht, was das bedeuten sollte. Dann trat Son vor, begriff offenbar schneller als die anderen, und legte den Arm hin. Der Tentakel schlang sich darum. Kurz verzog sie das Gesicht vor Schmerz, dann war es vorbei. Indra folgte, dann Roto.
Zwei Tage später war das Schiff wieder auf dem Rückweg zum Festland.
Mit an Bord waren neben den drei Magiern auch der verletzte Kaula, seine Frau und vier weitere Kaula. Kral beobachtete das Schauspiel aus einiger Entfernung. Ein wenig bedauerte er, dass dieses Abenteuer nun wohl seinem Ende entgegenging. Roto hingegen verstand inzwischen sehr viel besser, was damals unter dem Turm in der Schule der Wassermagier geschehen sein musste. Er lächelte still vor sich hin bei dem Gedanken, dass Grot vermutlich näher an der Wahrheit gewesen war, als sie alle geglaubt hatten, und dass er selbst einen Teufel tun würde, ihm das jemals zu erzählen.
Die Wunde jedoch bereitete ihm Sorgen.
Sie schwärzte weiter. Mehr noch, sie schien sich auszubreiten, beinahe zu leben, als wäre da etwas in dem Fleisch, das nicht starb, sondern nur weitergriff. Der verletzte Kaula litt unter entsetzlichen Schmerzen. Nicht nur einmal schrie er in seiner Sprache auf, laut, verzerrt, voll Hass und Qual, und keiner an Bord verstand ein Wort davon.
Doch jeder verstand den Schmerz.
24
Er war inzwischen ein Name geworden.
Nicht nur ein Mensch, der in den Hallen Sahretûns lebte, aß, lernte und schlief, sondern ein Name, den andere mit jenem knappen Respekt aussprachen, der in dieser Festung mehr galt als jede Freundlichkeit. Meister aus Sahretûn, Fantor. So nannten sie ihn, und mit der Zeit hatte selbst er begonnen, sich daran zu gewöhnen, als wäre es eine zweite Haut.
Er hätte zufrieden sein sollen.
Er war es nicht.
Nicht, weil ihm etwas fehlte, das man benennen konnte. Er hatte Zugang zu den Riten, zu den Schutzkammern, zu den Kreisen aus Metall, zu den Listen der Namen, zu den Stäben, zu den Regeln. Er hatte die Gehörnten gerufen. Er hatte sie gebannt. Er hatte sich von ihrer Gegenwart im Geist nicht mehr zermahlen lassen, so wie zu Beginn, als jeder Ruf noch an ihm fraß und jede Stimme in seinem Kopf wie ein Messer war. Er war stärker geworden. Geübter. Kälter.
Und doch war da dieses winzige, nagende Gefühl, dass Sahretûn ihn noch immer nicht ganz ließ.
Wie ein Haus, in dem man wohnen darf, aber nie alle Türen kennt.
Er hatte gelernt, nicht zu viel zu fragen. Diese Stadt belohnte Neugier nur, wenn sie sich in Form kleidete. Ein falscher Ton, ein falscher Blick, und selbst ein Meister konnte sich plötzlich wieder wie ein Anwärter fühlen. Fantor hatte sich daran gewöhnt, seinen Hunger nach Wissen in Geduld zu zerlegen, in Routine, in Übung, in das immer gleiche Durchschreiten der Gänge, die ihm erlaubt waren.
Bis Naaarstr wieder sprach.
Es geschah nicht in einer großen Nacht, nicht mit Donner, nicht mit einer Vision. Es geschah mitten in einem gewöhnlichen Morgen, als Fantor in einer der inneren Kammern stand, die Hände bereits mit Kreide und Öl beschmiert, und die Stille um ihn so dicht war, dass er den eigenen Atem zählen konnte.
„Bist du zufrieden.“
Die Stimme war alt.
Und doch fühlte sie sich an, als hätte sie jahrelang nur darauf gewartet, an genau dieser Stelle wieder aufzutauchen.
Fantor erstarrte so abrupt, dass ihm ein Tropfen Öl von den Fingern auf den Boden fiel und sich dort wie ein schwarzer Punkt in die Linie fraß.
Er hatte lange nicht mehr an das Schwert gedacht. Anadar. Das Metall. Die Bindung. Den Dämon, der in einem Gegenstand gefangen war wie ein Fluch in einem Ring. Wozu auch. In Sahretûn waren Dämonen keine Legende, sondern Handwerk. Er rief welche, die größer waren als Naaarstr, älter, grausamer, lauter in ihrer Macht.
Und trotzdem war es diese eine Stimme, die ihm sofort die Kehle zuschnürte.
„Wo bist du“, dachte Fantor, ohne die Lippen zu bewegen.
Ein kurzes, heiseres Lachen, das mehr aus Spott bestand als aus Freude.
„Sie haben mich weggebracht. In Bereiche, in die du keinen Zugang hast.“
Ein Atemzug lang war Fantor nur Wut. Blank. Unnötig. Sofort wieder weggedrückt.
„Das ist unmöglich“, dachte er zurück. „Ich bin Meister.“
„Meister aus Sahretûn, Fantor“, sagte Naaarstr sanft, als koste er den Titel. „Und du weißt immer noch nicht, wie groß diese Stadt wirklich ist.“
Dann verstummte die Stimme wieder, als hätte sie nur genau das in ihn legen wollen. Ein Stachel. Ein Keim. Ein Gedanke, der sich nicht mehr herausoperieren ließ.
Fantor blieb einen Moment lang reglos stehen.
Und merkte, wie sich in ihm etwas verschob.
Er hatte geglaubt, oben angekommen zu sein. Am Rand dessen, was Sahretûn einem Menschen geben konnte. Nun spürte er, dass dieses Gefühl lächerlich gewesen war. Nicht weil er sich überschätzt hatte. Sondern weil Sahretûn ihn bewusst hatte glauben lassen, es gäbe nur diese Welt, diese Gänge, diese Kammern.
In den Tagen danach begann er zu lauschen.
Auf Schritte, die nicht zu den üblichen Zeiten gehörten. Auf eine Tür, die leiser schloss, als eine Tür schließen sollte. Auf Schatten, die sich zu lange an einer Wand hielten. Auf jene winzigen Abweichungen im Rhythmus einer Festung, die so streng gebaut war, dass jede Abweichung schon eine Botschaft darstellte.
Er begann, Pläne zu zeichnen.
Nicht offiziell. Nicht als Arbeit. Für sich.
Er setzte Striche. Markierte, wo Treppen sein müssten, wenn die Räume dahinter logisch gebaut waren. Wo ein Korridor endete, obwohl seine Länge nach Maß eigentlich noch weiter reichen sollte. Wo eine Wand zu glatt war. Zu frisch. Zu sauber.
Und immer wieder stieß er an dieselbe Grenze.
Er ging den Gang entlang, den er kannte, bis zu jener Stelle, an der der Stein sich wie ein Ende anfühlte, und doch sagte ihm jeder Instinkt, dass dahinter Raum war. Er legte die Hand auf die Wand. Kalt. Still. Unnachgiebig.
Er fragte.
Er fragte vorsichtig.
Bei einem der Abendessen, als Olven ihm gegenübersaß, das Gesicht wie immer ruhig, der Blick wie immer schwer zu deuten.
„In Sahretûn“, begann Fantor, und zwang sich, die Frage wie beiläufig klingen zu lassen, „gibt es Gänge, die ich nicht finde.“
Olven sah ihn an, als hätte er einen Satz gehört, der keine Antwort verdiente.
Fantor lächelte, als hätte er nur eine Beobachtung geteilt.
„Es ist merkwürdig“, sagte er weiter. „Manchmal glaube ich, die Stadt verschiebt sich.“
Olven trank einen Schluck, stellte den Becher ab, und schwieg.
Kein Ja.
Kein Nein.
Nicht einmal eine Ausrede, nicht einmal ein Spott, der die Frage hätte klein machen können.
Nur Schweigen.
Und genau dieses Schweigen sagte Fantor mehr als jede Antwort. Es war nicht Unwissen. Es war eine Grenze, die nicht verhandelt wurde.
Fantor schluckte die Kränkung hinunter.
Er stellte die Frage später noch einmal, anders verpackt, bei einem anderen Meister, an einem anderen Tag. Er bekam denselben Blick. Dieselbe Leere. Dieselbe Weigerung, dem Gedanken überhaupt ein Wort zu schenken.
Niemand sagte etwas.
Niemand.
Als wäre schon das Benennen dieser Türen ein Verstoß.
Also blieb ihm nur das, was ihm immer geblieben war.
Üben.
Wachsen.
Die Gehörnten rufen und lernen, ihre Stimmen aus dem Kopf zu trennen wie Splitter aus Fleisch. Er rief sie mit Beschränkungen, mit Rückbindungen, mit Sicherungen. Er ließ sie in der Kammer stehen, groß und grinsend, während ihr Wille sich wie ein fremdes Gewicht gegen sein Denken legte. Er zwang sie zurück. Er zwang sich aufrecht zu bleiben. Er brach mehr als einmal fast, und mehr als einmal mussten andere eingreifen, um das Chaos zu schließen, bevor es in Sahretûn selbst zu Schaden kam.
Er schämte sich dafür.
Und verwandelte Scham in Disziplin.
Mit der Zeit wurde er besser.
Er begann, die Gehörnten nicht nur als Gefahr zu sehen, sondern als Muster. Jeder hatte seine Art, in den Geist zu drängen. Der eine war wie Feuer, das alles sofort fressen wollte. Der andere war wie Eis, das nicht brannte, aber erstickte. Einer kam mit Versuchung. Einer mit Spott. Einer mit einer sanften Stimme, die am gefährlichsten war, weil sie so vernünftig klang.
Fantor lernte sie kennen.
Er kannte ihre Namen.
Er kannte ihre Reaktionen auf bestimmte Formulierungen.
Er wusste, bei welchem der Druck am schnellsten nachließ, wenn man den Kreis an einer Stelle enger zog.
Er wusste, welcher sich am liebsten in Schweigen hüllte und dann plötzlich mit einem einzigen Satz wie ein Messer zuschlug.
Und irgendwo in dieser Routine, in diesem täglichen Ringen, begann er etwas zu sehen, das andere offenbar nicht sahen.
Eine Lücke.
Nicht in den Kreisen.
Nicht in den Bannlinien.
In der Annahme.
Alle in Sahretûn beschworen Dämonen als Endpunkt. Man rief. Man zwang. Man band. Man bannte. Man ließ gehen. Das war die Ordnung.
Fantor fragte sich, warum eigentlich.
Er wartete mehrere Tage, bis sich dieser Gedanke in ihm gesetzt hatte, bis er nicht mehr wie ein spontaner Übermut klang, sondern wie eine Frage, die zwingend werden wollte.
Dann setzte er es um.
Er wählte einen Einhörnigen, den er gut kannte. Nicht weil er harmlos gewesen wäre, sondern weil Fantor wusste, wie er sich bewegte. Wie er drückte. Wie er log. Wo seine Grenzen waren.
Er rief ihn.
Der Kreis hielt. Der Dämon trat hervor, schmal, wach, mit diesem falschen Lächeln, das so tat, als wäre alles Spiel.
Fantor legte ihm Beschränkungen auf, viele, eng, sauber. Nicht um zu prahlen. Um zu kontrollieren. Alles war darauf ausgerichtet, dass der Dämon tun konnte, was Fantor verlangte, aber nichts darüber hinaus.
Dann sagte Fantor den Satz, den in Sahretûn noch niemand laut gesagt hatte.
„Beschwöre dir einen Dämon.“
Für einen Herzschlag wurde es still.
So still, dass Fantor das eigene Blut in den Ohren hörte.
Der Einhörnige hob den Kopf.
In seinen Augen lag erst Spott. Dann etwas anderes. Etwas, das Fantor noch nie dort gesehen hatte.
Zögern.
Denn ein Dämon, der einen Dämon rief, war keine gewöhnliche Übertretung. Es war ein Schritt in eine Richtung, die selbst für Wesen der Tiefe nach Regeln roch, die älter waren als ihre Spiele.
Der Einhörnige wollte protestieren.
Die Beschränkungen ließen ihn nicht.
Er begann zu murmeln.
Nicht die menschliche Sprache. Nicht die Sprache der Namen, die Fantor gesprochen hatte. Etwas Tieferes, mehr Klang als Wort, und die Luft in der Kammer veränderte sich, als würde der Raum selbst den Atem anhalten.
Fantor spürte, wie sich etwas öffnete.
Nicht ein Tor im Stein.
Eine Verbindung im Prinzip.
Und in genau diesem Augenblick traf ihn der Schreck.
Weil er begriff, was er da gerade tat.
Er bannte den Einhörnigen zurück, fast panisch, so schnell, dass die Bannlinie unter seinem Druck kurz flackerte. Der Dämon verschwand.
Und mit ihm zerfiel auch der zweite Ruf, der gerade erst geboren worden war.
Stille.
Fantor stand in dem Kreis und spürte, wie sein Herz raste.
Er hatte es getan.
Und er hatte es abgebrochen.
Aber der Gedanke war nicht mehr einzufangen. Die Welt hatte für einen Atemzug gezeigt, dass es möglich war.
Er verließ die Kammer wie ein Mann, der in sich hineinhorcht, ob er gerade etwas Unverzeihliches ausgelöst hat.
Und schon auf dem Weg durch die Gänge bemerkte er es.
Eine Tür, die vorher nicht da gewesen war.
Nicht sichtbar entstanden. Nicht aus dem Stein gewachsen.
Sie war einfach da, an einer Stelle, an der bisher nur Wand gewesen war.
Fantor blieb stehen.
Er ging näher.
Der Stein war nicht frisch. Nicht neu. Eher so, als wäre er schon immer so gewesen, und nur sein Blick habe ihn bisher nicht greifen dürfen.
Er legte die Hand auf die Stelle.
Der Stein gab nach.
Nicht weich, sondern wie eine Grenze, die auf einmal beschloss, ihn durchzulassen.
Fantor trat hinein.
Der Gang dahinter war schmal und dunkel, und doch war er eindeutig Teil der Festung. Er roch nach dem gleichen kalten Staub, nach dem gleichen Metall, nach dem gleichen Rauch der Feuer, die in Sahretûn nie wirklich ausgingen.
Er ging weiter.
Und entdeckte noch einen Gang.
Und noch einen.
Wie ein Netz, das sich unter dem Netz verbarg.
Dann begegneten ihm die ersten.
Sie standen plötzlich im Gang, so still, dass er sie erst bemerkte, als er schon zu nah war, um so zu tun, als sei er nur zufällig hier.
Schwarze Gewänder, wie in Sahretûn üblich.
Doch ihre Kapuzen waren innen violett gefüttert, und das Violett war nicht Schmuck, sondern Zeichen. Es war die Farbe von etwas, das sich nicht zeigen musste, weil es sich selbst kannte.
Sie sahen ihn an.
Nicht feindlich.
Nicht freundlich.
Prüfend.
Als wüssten sie längst, dass er kommen würde.
Einer von ihnen trat einen Schritt vor.
„Herr aus Sahretûn, Fantor“, sagte er, und in dem Wort Herr lag etwas, das Fantor noch nie von einem dieser Menschen gehört hatte. Nicht Rang. Nicht Titel. Eher Zugehörigkeit.
Fantor schluckte.
„Wer seid ihr“, fragte er leise.
Der Mann hob die Hand, und hinter ihm bewegten sich die anderen gleichzeitig, wie eine Einheit, die keine Befehle brauchte.
„Wir sind ein Zirkel“, sagte er. „Ein Kreis, den man nicht findet, solange man nur geht, wo man gehen darf.“
Fantor spürte, wie sein Puls noch einmal schneller wurde.
„Und warum“, fragte er, „nennt ihr mich Herr.“
Ein kurzes Lächeln blitzte auf. Nicht warm. Eher zufrieden.
„Weil ihr etwas getan habt, das nur wenige denken“, sagte der Mann. „Und noch weniger wagen.“
Fantor wusste, dass er jetzt lügen konnte.
So tun konnte, als wüsste er nicht, wovon sie sprachen.
Doch in Sahretûn hatte er gelernt, dass Lügen nur dann funktionieren, wenn sie besser geformt sind als die Wahrheit. Und er war im Moment zu wach, zu aufgerissen von dem, was gerade geschehen war, um eine solche Form zu bauen.
Also schwieg er.
Das Schweigen reichte.
Der Mann trat näher, gerade weit genug, dass Fantor den violetten Saum der Kapuze klar sah.
„Kommt“, sagte er. „Ihr habt lange genug in den oberen Räumen geatmet. Wenn ihr schon nach Türen sucht, dann zeigen wir euch nun, welche es wirklich gibt.“
Fantor zögerte einen Herzschlag lang.
Nicht aus Angst.
Aus dem Wissen, dass dies der Schritt war, nach dem es kein Zurück mehr in das bequeme Nichtwissen gab.
Dann ging er.
Und während die Männer mit den violetten Kapuzen ihn in die Tiefe führten, wusste Fantor, dass Naaarstrs Stimme nicht zurückgekehrt war, um ihn zu trösten oder zu warnen.
Sie war zurückgekehrt, um ihn zu locken.
Und er war ihr gefolgt.
25
Manche Entscheidungen nimmt einem niemand ab.
Das dachte Slonda oft in jenen Tagen. Vielleicht öfter, als ihm lieb war. Lange hatte er mit sich gerungen, sehr lange. Er wollte dieses Wissen haben. Nicht halb. Nicht nur bis zu jener Schwelle, an der andere meinten, das Genügende sei erreicht. Er wollte weiter. Er wollte nicht bei den niederen Kreisen stehen bleiben und so tun, als genüge ihm das. Er sah den anderen zu, wenn sie die Gehörnten riefen. Er sah, wie sie den inneren Kampf führten, wie sie daran beinahe zerbrachen, wie sie bannen, halten, ringen und schließlich obsiegen mussten. Und genau das wollte er auch.
Doch es blieb ihm verwehrt.
Marabar gab ihm dieses Wissen nicht.
Und das Bittere daran war nicht nur die Verweigerung selbst, sondern auch, dass Slonda den Grund verstand. Vielleicht war das klug. Vielleicht war es sogar richtig. Doch richtig und erträglich waren selten dasselbe. Slonda wollte dieses Wissen nicht aus Gier nach Macht. Nicht, um andere zu überragen. Nicht, um sich größer zu machen, als er war. Er wollte es um des Wissens willen. Weil es da war. Weil es vor ihm lag. Weil er ahnte, dass in diesen Kreisen der Beschwörung etwas beschlossen lag, das ihm nicht nur die Schule von Sahretûn, sondern auch die Welt selbst weiter öffnen würde.
Also tat er, was er immer tat, wenn ihm etwas versagt blieb.
Er übte.
Er hielt seine Routinen ein. Arbeitete sauber. Verfeinerte, was ihm bereits gegeben worden war. Wurde besser im Bann, sicherer im Ruf, ruhiger in der Haltung, klarer in der Wahrnehmung dessen, was in einem Kreis geschah, noch ehe es sich ganz aussprach. Doch direkt vor seiner Nase war mehr, und dieses Mehr machte ihn hungrig. Es war, als säße er an einer Tür, unter der Licht hervorkam, und jeder sagte ihm, das Zimmer dahinter sei noch nicht für ihn bestimmt. Irgendwann gewann seine Neugier.
Er wäre froh gewesen, hätte jemand ihm diese Entscheidung abgenommen.
Doch niemand tat es.
So saß er eines Tages wieder über den Konstellationen und Übergängen, nicht aus bloßer Gewohnheit, sondern mit einer Zielgerichtetheit, die er sich zuerst selbst nicht eingestand. Er prüfte die Linien. Die Öffnungen. Die Verschiebungen. Die Nähe mancher Ströme zu bestimmten Orten und Zeiten. Und schließlich fand er, was er gesucht hatte. Einen guten Übergang. Einen, der sich bald öffnen würde. Direkt nach Gontar, nur wenige Jahrzehnte früher. Und beinahe ein ähnlicher Übergang, nur einige Wochen später, führte zurück nach Sahretûn.
Als ihm das bewusst wurde, lächelte er.
Zuerst nur, weil er den mathematischen Reiz der Sache begriff. Dann, als sein Blick auf den Karten und Berechnungen ruhte, weil er auf einmal wusste, was er vorher nur geahnt hatte. Den genauen Standort von Sahretûn. Das Gebirge, das das Ende der Wüste markierte. Schwarz. Vulkanisch. Und die Stadt selbst in einem Krater gebaut, verborgen, verschlossen, von außen kaum auffindbar. Nicht einfach eine Stadt in der Wüste. Eine Stadt im Inneren eines uralten Feuers.
Da reifte sein Entschluss.
Er ging zu Marabar.
Der Beschwörer saß in ihrem gemeinsamen Raum, den Stab neben sich, ein Buch auf den Knien. Er hob den Blick, als Slonda eintrat, und erkannte sofort an dessen Gesicht, dass dies kein beiläufiges Gespräch werden würde.
„Meister der Zeit, Slonda“, sagte er ruhig. „Ihr kommt mit einer Entscheidung.“
„Ja.“
„Zu wessen Gunsten ist sie gefallen. Eurer Klugheit oder eurer Neugier.“
„Vielleicht“, sagte Slonda, „sind die beiden nicht immer so sauber voneinander zu trennen, wie ihr gern behauptet.“
Marabar schloss das Buch.
„Dann sprecht.“
Slonda trat näher. Er zeigte ihm die Übergänge und ließ es auf Marabar wirken. Marabars Blick glitt zuerst mit jener kontrollierten Ruhe darüber, die Slonda von ihm kannte. Dann veränderte sich etwas. Nicht groß. Nicht sichtbar für jeden. Nur ein leichtes Engerwerden um die Augen. Eine Sammlung, die tiefer saß.
„Wissen gegen Wissen“, sagte Slonda. „Vertrauen gegen Vertrauen.“
Marabar sagte nichts.
„Ihr wolltet das Herz meiner Kunst sehen“, fuhr Slonda fort. „Nicht nur ihre Ränder. Nicht nur ihre Konstellationen, ihre Rhythmen und ihr Denken. Ihr wolltet die Bewegung. Das Durchschreiten. Den eigentlichen Schritt. Ich habe euch gesagt, dass ich ihn euch nicht zeigen werde.“
„Das habt ihr.“
„Und ihr habt mir im Gegenzug die Gehörnten verweigert.“
„Auch das.“
Slonda nickte auf die Blätter.
„Hier ist mein Angebot.“ Er deutete auf das leuchtende System vor ihnen.
„Ich zeige euch den Übergang. Einen einzigen. Einen den ihr berechnet, und ich prüfe, von euch selbst zu wirkenden. Hin und zurück. Ihr seht, wie es geschieht. Ihr erlebt, was es bedeutet. Und danach weist ihr mich in die Gehörnten ein.“
Marabar legte die Fingerspitzen aneinander.
„Das ist kein kleines Angebot.“
„Nein.“
„Und kein kleines Verlangen.“
„Nein.“
Marabar blickte auf die Übergänge. Dann ein weiteres mal. Er prüfte die Linien, die Winkel, die Öffnungen, stellte Fragen, ließ Slonda einzelne Punkte erläutern,. Slonda ließ ihn alles selbst nachrechnen, alles prüfen, alles widerlegen, sofern es sich widerlegen ließ.
Am Ende lehnte Marabar sich zurück.
„Wenn dies trägt“, sagte er leise, „dann zeigt ihr mir nicht nur eine Bewegung. Ihr zeigt mir, dass die Schwelle überhaupt betreten werden kann, ohne dass alles zerreißt.“
„Ich weiß.“
„Und ihr legt dies in meine Hand.“
Marabar sah ihn lange an.
Slonda hielt seinem Blick stand.
„Weil ich nicht weiter vor einer Tür stehen und so tun will, als genüge mir ihr Schatten.“
Ein sehr schmales Lächeln zog über Marabars Gesicht.
Dann schwiegen beide.
Nicht aus Unsicherheit. Eher, weil sie beide wussten, dass in diesem Augenblick etwas aus dem Gleichgewicht geraten war, das sie lange in seiner Form gehalten hatten. Schließlich sagte Marabar:
„Gut. Wissen gegen Wissen vertrauen gegen Vertrauen.“
Einige Wochen später standen sie an dem Ort, von dem aus sie den Übergang vollziehen würden.
Slonda hatte ihn mit Bedacht gewählt. Nicht im Innersten der Stadt. Nicht zu nah an Augen, die zu viele Fragen gestellt hätten. Auch nicht an einem Platz, der den Sprung schwerer machte, als er sein musste. Der Wind ging flach über den Boden. Die Luft war still genug, dass die Linien, die Marabar zog, beinahe wie dunkle Narben auf der Erde ruhten.
Marabar wirkte den Zauber.
Nicht Slonda.
Das war Teil der Übereinkunft gewesen. Marabar sollte den Schritt selbst tun. Nicht als Zuschauer. Als Handelnder.
Als der Kreis stand, sah Marabar ihn noch einmal an.
„Wenn ich auf der anderen Seite zerbrochen ankomme, werde ich euch nicht danken.“
„Das erwarte ich auch nicht.“
„Und wenn ich sauber ankomme.“
„Dann werde ich nachträglich behaupten, ich hätte nie ernsthaft gezweifelt.“
Marabar schnaubte leise. Dann trat er in die Linien.
Slonda ging zuerst.
Der Übergang riss nicht wie Feuer oder Licht. Er tat etwas viel Unangenehmeres. Er nahm dem Körper für einen Augenblick jede sichere Beziehung zu Ort, Gewicht und Reihenfolge. Slonda kannte das. Für ihn war es immer noch schlimm genug, aber nicht mehr fremd. Er trat hindurch, kam auf der anderen Seite in Gontar heraus, nur wenige Jahrzehnte früher, und wartete mit einem flauen Gefühl im Magen.
Dann kam Marabar.
Slonda sah sofort, wie alle Beherrschung aus ihm wich. Der Beschwörer krümmte sich zusammen, fiel auf ein Knie, dann auf beide Hände und erbrach sich heftig auf den Boden. Sein Gesicht war grau geworden. Der Atem kam stoßweise. Für einen Moment wirkte er nicht wie der kontrollierte, scharfkantige Marabar, sondern wie ein Mann, dem man die Ordnung der Welt unter den Füßen weggezogen hatte.
Slonda lächelte.
Nicht grausam. Aber doch mit jenem kleinen zufriedenen Lächeln des Wissenden, der nun einmal recht behalten hatte.
„Meister aus Sahretûn, Marabar“, sagte er, während er sich zu ihm hinabbeugte, „wenn ihr wünscht, kann ich euch den höchst wissenschaftlichen Befund mitteilen, dass dies auf den ersten Reisen durchaus vorkommt.“
Marabar hob den Kopf und sah ihn mit einer Wut an, die im Augenblick noch zu schwach war, um wirklich scharf zu werden.
„Wenn ich wieder sprechen kann“, brachte er hervor, „werde ich euch dafür eine Form von Verachtung mitteilen, die unserer bisherigen Bekanntschaft eine neue Würze geben dürfte.“
„Das freut mich.“
Slonda half ihm auf.
Fast trug er ihn zurück. Nicht weit, aber weit genug, dass Marabar sich setzen, trinken und sich gegen die Nachwirkungen stemmen konnte. Es dauerte drei Tage, bis der Beschwörer wirklich wieder ganz bei sich war. In diesen drei Tagen lernte Slonda etwas, das ihn still zufrieden machte. Auch Marabar hatte Grenzen. Auch seine Kunst war nicht auf alles vorbereitet. Auch er konnte von einer fremden Ordnung gedemütigt werden.
Beim Rückweg schickte Marabar sich bereits besser an.
Er krümmte sich zwar wieder. Verlor erneut jeden Rest Würde, soweit Würde mit dem Inhalt des eigenen Magens zu vereinbaren ist, doch er erholte sich diesmal nach einem Tag und nicht erst nach dreien.
Damit war der Tausch vollzogen.
Und Marabar hielt Wort.
Von da an wurde Slonda in die Geheimnisse der Gehörnten eingewiesen.
Nicht auf einmal. Nicht leichtfertig. Nicht mit einer Großzügigkeit, die an Dummheit gegrenzt hätte. Aber doch wirklich. Marabar war sein Lehrmeister die ganze Zeit. Er brachte ihm bei, was nötig war, um die Gehörnten zu halten. Nicht nur zu rufen, sondern zu ertragen. Nicht nur Bannkreise zu ziehen, sondern den Geist zu sichern. Nicht nur Begrenzungen zu setzen, sondern unter dem Druck eines Wesens zu bleiben, das in jeder Hinsicht älter, hungriger, klüger und geduldiger war als die niederen Dämonen.
Die ersten Beschwörungen brachen ihn.
Nicht körperlich allein. Innerlich.
Sie liefen schief. Kreise hielten zu kurz. Worte gerieten aus der Ordnung, obwohl er sie eigentlich beherrschte. Einmal verwechselte er nicht die Formel, sondern nur den Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit, und das genügte, dass die Gegenwart des gerufenen Wesens sich tiefer in ihn schob, als er zugelassen hatte. Er lag danach zitternd am Boden, der Mund voller Blut von aufgebissenen Lippen, und Marabar stand über ihm und sagte nur:
„Noch einmal.“
Und so wurde er besser darin.
Stärker.
Nicht stolz. Nicht sicher. Aber tragfähiger. Er lernte, den Druck auszuhalten, den inneren Kampf nicht zu verlieren, die erste Welle von Faszination, Schrecken und Begehren in sich selbst zu erkennen, ehe sie ihn in die falsche Richtung bog. Marabar war dabei unerbittlich. Nie grausam um der Grausamkeit willen, aber vollkommen unbewegt von der Vorstellung, dass man einen Schüler in einer Sache wie dieser schonen dürfe.
So begann Slonda endlich zu lernen, was jenseits der niederen Kreise lag.
Ende Buch 7
Epilog
Als Slonda nach Gontar zurückkehrte, in den Turm der Zeitmagier, stellte er zu seinem eigenen Erstaunen fest, dass es nicht mehr regnete.
Schon das allein irritierte ihn mehr, als es vielleicht hätte sollen. Nach so langer Zeit in Sahretûn, in Gängen aus schwarzem Stein, unter einem Himmel, der in seinem Gedächtnis nur aus Feuer, Nacht und fremden Konstellationen bestand, hatte er beinahe erwartet, die Welt hier unverändert wiederzufinden. Doch nicht nur der Regen war verschwunden. Auch die Halskrausen waren aus der Mode geraten. Die Leute sprachen noch immer in jener gestelzten Weise, die ihm nach all den Jahren fast schon vertraut genug geworden war, um ihn nicht mehr bei jedem zweiten Satz innerlich zusammenzucken zu lassen, doch etwas an allem wirkte verschoben.
Er brachte die Bücher zurück in die Bibliothek.
Nicht ohne ein gewisses Unbehagen, nicht ohne ein gewisses Unbehagen, weil er beim Betreten der hohen Hallen sofort merkte, dass ihm die Gesichter fremd waren. Die Regale standen noch, die Treppen, die Galerien, die steinernen Fensterbögen, das alles war ihm vertraut, und doch lag über dem Ort jene feine Verlagerung, die nur entsteht, wenn nicht ein Jahr vergangen ist, nicht zwei, sondern mehr.
Als er schließlich nachfragte, wurde ihm mit höflicher Selbstverständlichkeit mitgeteilt, dass seit seinem Fortgang knapp fünfzig Jahre vergangen seien.
Fünfzig.
Das musste er erst einmal verdauen.
Er selbst fühlte sich nicht wirklich gealtert. Magier alterten anders als gewöhnliche Menschen. Zumindest manche. Manche welkten ebenso rasch wie andere, das war wahr, doch andere wurden auf eine Weise von ihrer Kunst getragen, die dem Körper das Recht nahm, in gewöhnlicher Ordnung zu verfallen. Slonda spürte die Jahre nicht als Last. Eher als Wissen. Als Schichten. Als zusätzliche Spannung im Geist. Und doch war die Zahl ein Schlag.
Er saß in seinem Turm und trank Tee.
Es kam ihm vor, als seien vielleicht ein Jahr oder zwei vergangen. Keine fünfzig. Kein einziger Tag davon war langweilig gewesen. Nicht in Gontar, nicht in Sahretûn, nicht in den schwarzen Kreisen der Beschwörung, nicht in den Gesprächen mit Marabar, nicht im Ringen mit den Gehörnten. Und nun saß er wieder hier, als habe die Welt, während er sich in ihren tieferen Falten bewegt hatte, oben einfach weitergeatmet und weitergealtert.
Aber was war Zeit schon für einen Zeitmagier.
Ein Geräusch unten an der Tür riss ihn aus diesem Gedanken.
Nicht laut. Nur bestimmt genug, dass er wusste, es war nicht der Wind und nicht irgendein verlorener Schüler, der sich in der Treppe geirrt hatte. Er stellte die Tasse beiseite, stand auf und ging hinunter. Als er die Tür öffnete, blieb er für einen Augenblick still stehen.
Mutter stand vor ihm.
Golden und schön wie immer.
Nicht nur schön in dem gewöhnlichen Sinn, in dem hübsche Menschen hübsch genannt werden, sondern mit jener eigentümlichen, beinahe unwirklichen Schönheit, die immer etwas in den Raum brachte, das über bloße Gestalt hinausging. Sie lächelte ihn an, und ihr Haar schimmerte im Licht, als trüge es den letzten Rest eines Tages in sich, den alle anderen längst verloren hatten.
„Meister Slonda“, sagte sie, „wie schön, euch hier anzutreffen. Ich habe schon lange auf eure Rückkehr gewartet. Darf ich.“
Ohne die Antwort ganz abzuwarten, trat sie über die Schwelle in den Turm.
Slonda ließ sie ein.
Sofort erkannte er ihre Präsenz wieder. Er kannte sie. Ganz zweifellos. Und doch war sie nicht ganz so, wie er sie in Erinnerung hatte. Sie war da, warm und hell und in sich geschlossen, doch unter dieser Helligkeit lag etwas Härteres. Etwas, das ihn aufmerksam werden ließ. Nicht Feindseligkeit. Nicht einmal Kälte. Eher die Spur von jemandem, der durch Dinge gegangen war, die ihn gezwungen hatten, sich enger um sich selbst zu schließen.
Sie gingen nach oben.
Slonda setzte Wasser auf und bereitete Tee, und bald saßen sie im Turmzimmer einander gegenüber, die Tassen zwischen sich, als wären sie zwei alte Bekannte, die einander zufällig nach langer Abwesenheit wiedergefunden hätten. Zunächst sprachen sie über Belanglosigkeiten. Über Gontar. Über das Wetter. Über die Schule. Über Dinge, die nicht wichtig genug waren, um sie wirklich zu meinen, und doch nützlich genug, um den Raum zwischen zwei stärkeren Sätzen zu vermessen.
Dann stellte Mutter ihre Tasse ab.
Und ihr Blick wurde klarer.
„Meister Slonda“, sagte sie, „ihr besitzt Wissen, das ich benötige. Und ich frage mich, ob ihr geneigt wäret, es mit mir zu teilen.“
Slonda spürte augenblicklich, wie sich etwas in ihm anspannte.
Das Beschwörerwissen.
Natürlich.
Er dachte nicht einmal in Worten daran, es ihr zu verweigern. Der Entschluss war schneller da als jeder Satz. Dieses Wissen war zu gefährlich. Für jeden. Selbst für jemanden wie sie. Vielleicht gerade für jemanden wie sie. Er sammelte sich innerlich bereits, bereit, seinen Geist gegen Fragen und tastende Berührungen zu verschließen.
Da hob sie abwehrend die Hand.
Ganz leicht.
Fast amüsiert.
Als habe sie seine Bewegung schon gespürt, bevor er sie selbst ganz zu Ende gedacht hatte.
„Slonda“, sagte sie mit einem kleinen Lächeln, „ich bitte euch um nichts von jener Art. Ich verlange keine Formeln. Keine Namen. Keine Kreise. Keine Bannsätze. Nicht einmal eure Erinnerungen an das, was in jenen Mauern gelehrt wurde.“
Sie lehnte sich ein wenig vor.
„Ich möchte nur wissen, wo Sahretûn liegt. Und wie die Burg gebaut ist. Die Lage der Gänge. Der Höfe. Der Kammern. Ich brauche einen Grundriss.“
Nun war es Slonda, der sie lange ansah.
Lang genug, dass sich ihr Lächeln etwas veränderte.
Nicht kleiner. Nur stiller.
„Ein Grundriss“, wiederholte er.
„Ja.“
„Ihr bittet um wenig“, sagte er, „wenn man nur auf die Wörter hört. Und um sehr viel, wenn man auf das hört, was sie ermöglichen.“
Mutter antwortete nicht sofort.
Dann sagte sie leise:
„Ich weiß.“
Slonda nahm die Tasse wieder in die Hand, ohne zu trinken.
„Und wozu“, fragte er schließlich, „braucht ihr einen Weg in die Stadt der Beschwörer.“
Da hob sie den Blick zu ihm.
Und in ihren Augen lag auf einmal nichts Belangloses mehr.
Nur Absicht.
Und Geschichte.



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