Anadar VII/II
- R.

- 17. Mai
- 59 Min. Lesezeit

9
Marabar blieb tatsächlich noch einige Tage bei ihm im Turm.
Es war eine eigentümliche Gesellschaft, in die Slonda da geraten war. Draußen regnete es beinahe pausenlos, Tag für Tag, als wolle diese Zeit selbst keine scharfen Konturen zulassen, sondern alles in Nässe, Grau und langsamer Bewegung halten. Drinnen saßen ein Zeitmagier und ein Beschwörer in einem Turmzimmer, tranken Tee, aßen das, was sich ohne große Kunst bereiten ließ, und führten Gespräche, die sich mal in belanglosen Abschweifungen verloren, mal so tief in Theorie, Kodex und Begriffsbestimmungen hinabsenkten, dass Stunden darüber vergingen, ohne dass einer von beiden es bemerkte.
Zunächst war es Slonda gewesen, der noch vorsichtig blieb.
Nicht aus Furcht, sondern aus einer Form des geistigen Abwartens. Marabar war höflich, sehr sogar, doch seine Höflichkeit war nie weich. Sie hatte Kanten. Sie ließ immer spüren, dass jedes freundliche Wort ebenso gut ein Prüfstein sein konnte. Und doch stellte Slonda bald fest, dass gerade in diesen Gesprächen etwas lag, das ihn anzog. Marabar sprach nicht bloß glatt in der Art eines eitlen Gelehrten. Er dachte. Wirklich. Und noch mehr, er dachte gerne im Widerstreit.
Eines Abends, als der Regen so heftig gegen die Fensterscheiben schlug, dass der Turm selbst wie unter Wasser zu stehen schien, saßen sie einander wieder gegenüber, jede Tasse bereits zum dritten Mal neu gefüllt, und Marabar hatte eines der Kodexbücher in der Hand, das Slonda ihm aus dem Regal gereicht hatte.
Der Beschwörer strich mit zwei langen Fingern über den Einband, als würdige er nicht nur das Werk, sondern auch dessen Gewicht in der Welt.
„Meister der Zeit, Slonda“, begann er, „je länger wir uns nun über dieses Werk und die in ihm niedergelegten Ordnungen unterhalten, desto mehr beschleicht mich die reizvolle Empfindung, dass nicht sowohl die Sätze selbst es sind, an denen die Welt sich stößt, sondern vielmehr die Art, auf welche die Sätze durch Hände, Ämter, Schulen und Eitelkeiten hindurchgetragen und mit Bedeutung versehen werden.“
Slonda hob leicht die Brauen.
„Schüler aus Sahretûn, Marabar, dies ist nun gar nicht treffend formuliert, alldieweil es ja in der Tat so zu sein scheint, dass ein Satz, der ohne Arglist geschrieben ward, in der Auslegung eines arglistigen Menschen bereits anders zu wirken beginnt, als ihn der Schreiber je gemeint haben mochte.“
Marabar lächelte schmal.
„Und doch“, sagte er, „dürfte ein Werk, welches beansprucht, Ordnung zu geben, sich nicht gar allzu sehr darauf verlassen, dass künftige Leser von Wohlwollen und Scharfsinn geleitet werden, alldieweil beides, wie uns die Geschichte reichlich belehrt, nur in begrenzter Menge vorhanden ist.“
„Dann“, erwiderte Slonda, „müsste jeder Kodex von Anfang an in einer solchen Enge geschrieben sein, dass keinerlei Missdeutung mehr möglich wäre.“
„Was, wie ihr selbst wisst, nicht geschehen kann.“
„Eben.“
Sie schwiegen kurz.
Dann legte Marabar den Kopf leicht schief.
„Meister der Zeit, Slonda, darf ich es wagen, eine Frage in den Raum zu setzen, die vielleicht einfach klingt und doch, wenn ich mich nicht irre, weit größere Tiefen in sich birgt, als ihre erste Gestalt vermuten ließe.“
„Wenn sie einfach klingt“, sagte Slonda, „ist sie vermutlich gefährlich.“
„Gerade deshalb“, antwortete Marabar, „sollte sie gestellt werden.“
Er legte das Buch auf den Tisch.
„Was“, fragte er, „ist Macht.“
Slonda atmete aus.
„Das“, sagte er, „ist groß.“
„Und doch“, entgegnete Marabar, „wird im Kodex unablässig um sie herumgeschrieben, als wäre sie ein Gegenstand, den jeder erkennt, sobald er ihn sieht, alldieweil man sich nicht dazu herablassen wollte, ihn präzise zu benennen.“
„Vielleicht“, sagte Slonda, „weil jeder, der Macht kennt, in ihr etwas anderes erkennt.“
„Oder“, sagte Marabar ruhig, „weil viele, die Macht gebrauchen, ungern hören, was sie da eigentlich tun.“
Slonda lehnte sich etwas zurück.
„Nun gut“, sagte er. „Wenn wir diese große Frage nun nicht aus Feigheit beiseiteschieben wollen, so würde ich vorläufig behaupten, Macht sei die Fähigkeit, eine Wirkung hervorzubringen, welche ohne den Träger dieser Fähigkeit nicht hervorgebracht worden wäre.“
Marabar nickte langsam.
„Das ist sauber“, sagte er. „Und unzureichend.“
„Natürlich.“
„Denn nach eurer Definition“, fuhr Marabar fort, „besäße bereits derjenige Macht, der eine Tür öffnet, alldieweil ohne ihn die Tür verschlossen geblieben wäre.“
„Er besitzt in diesem Augenblick auch Macht“, sagte Slonda. „Nur geringe.“
„Dann wäre Macht also bloß nach Maß und Reichweite voneinander unterschieden, nicht ihrem Wesen nach.“
„Vielleicht ist das so.“
„Vielleicht“, sagte Marabar, „ist das nahe an der Wahrheit. Nur stellt sich uns dann eine weitere Frage. Ist das Vermögen, eine große Wirkung hervorzubringen, bereits im kodikologischen Sinne jenes Greifen nach Macht, das mit Misstrauen bedacht wird. Oder erst deren Anwendung.“
Slonda sah ihn an.
Nun waren sie am Kern.
„Schüler aus Sahretûn, Marabar“, sagte er langsam, „wenn dies nun eure Auslegung ist, so ist es die Anwendung, die euch Sorge bereitet, nicht bloß die Möglichkeit.“
„So ist es.“
„Und doch“, fuhr Slonda fort, „liegt in der Möglichkeit bereits eine Absicht der Welt oder wenigstens des Schöpfers, alldieweil ein Gegenstand oder ein Wissen, das zu einem bestimmten Zwecke geformt wurde, diesen Zweck nicht dadurch verliert, dass es im Augenblick still daliegt.“
Marabar nahm seine Tasse wieder auf.
„Ein Schwert“, sagte er, „ist zunächst ein Gegenstand.“
„Ein speziell geformter Gegenstand“, erwiderte Slonda.
„Gewiss. Doch solange es an der Wand hängt, hat es niemanden verletzt.“
„Und doch wurde es dazu gemacht, verletzen zu können.“
„Möglich.“
„Nicht nur möglich“, sagte Slonda nun etwas schärfer. „Wahrscheinlich.“
Marabar schmunzelte.
„Ihr habt Freude daran, Dinge auf ihre harte Konsequenz hin zu lesen.“
„Und ihr habt Freude daran, ihnen im letzten Augenblick doch noch einen Fluchtweg zu lassen.“
„Das“, sagte Marabar, „ist nützlich, alldieweil der Kodex selten mit der brutalen Wahrheit des ersten Satzes zufrieden ist, sondern stets einen zweiten, dritten und vierten braucht, um nicht selbst zur Waffe zu werden.“
Slonda beugte sich vor.
„Dann lasst uns ein anderes Beispiel nehmen. Nicht das Schwert. Wissen. Ein Zauber. Ein Beschwörungsritual. Wenn ein Mensch ein Ritual niederschreibt, welches einen Dämon ruft, bannen oder binden kann, hat er dann bereits Macht gegriffen, oder erst der, der das Ritual wirkt.“
„Nun“, sagte Marabar, „dies ist einfacher. Der Schreiber hat Wissen geordnet. Der Wirkende wendet es an. Die Anwendung ist es, die die Welt tatsächlich verändert.“
„Das scheint sauber“, sagte Slonda. „Und doch genügt es mir nicht. Denn der Schreiber wusste, wozu das Niedergeschriebene dient. Er stellt also nicht nur eine neutrale Ordnung her, sondern schafft die Möglichkeit, dass andere später eingreifen.“
„Das ist korrekt.“
„Und wenn er dies bewusst tut, mit voller Erkenntnis des Zwecks, ist dies nicht bereits ein Greifen nach Macht.“
Marabar schwieg diesmal länger.
Dann sagte er:
„Meister der Zeit, Slonda, ich will euch in dieser Frage offen antworten. Wir aus Sahretûn neigen dazu, das Greifen nach Macht dort wirklich beginnen zu lassen, wo der Gedanke die Welt berührt, schon im bloßen Vermögen. Schon in der bloßen Möglichkeit. Wir lesen bereits jede Möglichkeit als Schuld, da jedes Wissen missbraucht werden kann. Die Anwendung des Wissens, mit einer bestimmten Absicht, wird jedoch als das Verbrechen gesehen.“
„Und doch“, sagte Slonda, „ist auch das Wissen selbst nie ganz unschuldig.“
„Nein“, sagte Marabar leise. „Das ist es nicht.“
Wieder regnete es heftig gegen die Scheiben.
Es war eines jener Gespräche, in denen keiner von beiden mehr aus bloßer Höflichkeit sprach. Beide waren längst in jenem Zustand, den Slonda von sich gut kannte und an anderen stets besonders schätzte: Sie verteidigten nun Standpunkte mit Ernsthaftigkeit und Präzision, auch wenn sie diese nicht notwendig selbst für endgültig hielten. Es ging nicht mehr darum, recht zu behalten. Es ging darum, an den Rand dessen zu gelangen, was sich sagen ließ.
„Wenn ihr“, sagte Slonda nach einer Weile, „die Anwendung als entscheidend anseht, dann müsste ein Mensch, der alle Mittel zur Verwüstung in der Hand hält, aber sie nie gebraucht, im Lichte des Kodex unbeanstandet bleiben.“
„Sofern er sie nie in einer bestimmten Absicht gebraucht“, sagte Marabar.
„Doch der bloße Besitz verändert bereits das Verhalten der anderen.“
„Nur dann“, sagte Marabar, „wenn diese anderen um den Besitz wissen.“
„Dann lasst ihn verborgen sein“, entgegnete Slonda. „Ist eine verborgene Drohung keine Drohung, alldieweil sie noch nicht ausgesprochen wurde.“
„Das hängt“, sagte Marabar, „von der Absicht ab.“
„Absicht“, wiederholte Slonda. „Da ist also nun ein weiterer Sumpf.“
„Ganz recht.“
„Denn Absicht“, fuhr Slonda fort, „ist selten rein. Ein Magier kann ein Ritual erlernen, alldieweil er sich nur schützen will, und im nächsten Jahr gebraucht er dasselbe Ritual, alldieweil er zuerst zugeschlagen haben möchte. War die Macht dann schon im ersten Lernen angelegt oder erst in der späteren Tat.“
„Beides“, sagte Marabar.
Slonda sah auf.
Marabar lächelte.
„Nun, Meister der Zeit, Slonda, seht ihr. Es ziemt sich nicht, dass ich euch ständig nur widerspreche. In Wahrheit liegt die Schwierigkeit wohl darin, dass Macht nicht erst im Schlag beginnt, aber auch nicht schon im bloßen Dasein eines Vermögens. Sie beginnt irgendwo dazwischen. Vielleicht dort, wo Möglichkeit, Wille und Bereitschaft sich zum ersten Male ernsthaft begegnen. Dies und die Moral und Absicht des Anwenders.“
„Das“, sagte Slonda, „würde bedeuten, dass der Kodex nie ganz ohne Auslegung auskommt.“
„Gerade das“, sagte Marabar, „ist der Grund, warum jene, die ihn mitgeschrieben haben, sich fortwährend absichern müssen, alldieweil andere ihnen sonst bereitwillig unterstellen, was nicht ist.“
Slonda lächelte nun seinerseits leicht.
„Ihr meint also, eure Kodexfestigkeit sei nicht bloß Gelehrsamkeit, sondern Notwehr.“
„Meister der Zeit, Slonda“, sagte Marabar mit sichtlichem Vergnügen, „dies ist nun gar nicht verwunderlich, alldieweil wir sehr darauf bedacht sein müssen, dass uns nicht Dinge zugeschrieben werden, die andere zwar gern glauben möchten, die aber bei genauerer Prüfung der kodikologischen Ordnung nicht standhalten. Wir fassen die Auslegungen deshalb so eng wie möglich. Auch alldieweil wir an vielen Teilen dieses Werkes selbst mitgeschrieben haben.“
„Das“, sagte Slonda, „macht euch nicht nur zu Lesern, sondern zu Interessenvertretern.“
„Gewiss.“
„Und das stört euch nicht.“
„Warum sollte es.“
„Weil der Schreiber“, sagte Slonda, „dem Verdacht ausgesetzt ist, die Ordnung so zu formulieren, dass sie seinem eigenen Tun günstig ausfällt.“
Marabar lachte leise.
„Meister der Zeit, Slonda, wenn ihr glaubt, irgendjemand habe je einen Kodex geschrieben, ohne dabei auch an sich selbst, an seine Schule, an seine Welt, an seine Ängste und an seine Hoffnungen zu denken, so seid ihr entweder rührend naiv oder in dieser Frage unaufrichtig.“
„Dann“, sagte Slonda, „ist der Kodex nie ganz rein.“
„So wie kein Mensch ganz rein ist, der ihn auslegt. Moral und Absicht des Anwenders“
„Und doch braucht man ihn.“
„Gerade deshalb.“
So füllten sich die Tage der beiden mit Gesprächen.
Manchmal wanderten sie stundenlang um dieselbe Frage herum. Ob Macht ein Verhältnis sei oder eine Substanz. Ob die Verfügung über Leben und Tod bereits in der Heilung beginne oder erst im Töten. Ob Verbote des Kodex dort am strengsten sein müssten, wo Macht am sichtbarsten ist, oder vielmehr dort, wo sie sich unter dem Mantel der Nützlichkeit verbirgt. Ob es gefährlicher sei, einen Dämon zu rufen oder ihn bannen zu können. Ob die Grenzüberschreitung im Akt selbst liege oder im Herzen dessen, der ihn vorbereitet.
Slonda hätte nie gedacht, dass er diese Gespräche genießen würde.
Er tat es dennoch. Sehr sogar. Marabar war ein geschickter Rhetoriker, und genau wie Slonda beherrschte er die Kunst, einen Standpunkt mit vollem Ernst zu vertreten, der nicht notwendig der eigene war. Einfach der Diskussion willen. Einfach, um zu sehen, wie weit eine Position trägt, ehe sie in sich zusammenfällt. Und so begab es sich, dass Slonda tagelang mit einem glatzköpfigen Beschwörer in einem Turm saß, in einer Zeit, in der es beinahe pausenlos regnete, und mit ihm über Macht, Anwendung, Begrenzung und die theoretischen Fallstricke des Kodex disputierte, bis selbst das graue Wetter draußen ihm weniger unerquicklich vorkam.
An einem Morgen eröffnete Marabar ihm schließlich:
„Meister der Zeit, Slonda, sehr habe ich es genossen, mich mit euch auszutauschen und euren Standpunkt sowie eure Ansichten bezüglich Kodex und dessen Auslegung zu vernehmen. Für mich ist nun jedoch die Zeit gekommen, mich wieder zu meinen Brüdern zu gesellen, alldieweil zu beraten und zu einer Entscheidung zu kommen sein wird.“
Es war, als spreche er von etwas, das längst beschlossen war und nun nur noch seine formale Stunde gefunden hatte.
Ohne weitere Umschweife zog Marabar die Kapuze über den Kopf, stieg hinab und trat hinaus in den Regen.
Und Slonda stand wieder allein im Turm.
Wieder allein.
Er konnte sich nicht recht helfen, aber irgendetwas an all dem fehlte ihm sofort. Nicht Marabar als Person, darüber hatte er sich noch kein abschließendes Urteil gebildet. Aber die Gespräche. Diese beinahe ausschließliche, tagelange Beschäftigung mit einem einzigen Thema. Macht und ihre Ausübung. Die Grenzen des Kodex. Die Möglichkeiten seiner Auslegung. Das fehlte ihm.
Er hatte gedacht, rasch Nachricht aus Sahretûn oder von Marabar zu bekommen.
Doch die Zeit verging.
Am Anfang war er noch ungeduldig. Bei jedem Geräusch an der Tür lief er beinahe den ganzen Turm hinunter in der törichten Hoffnung, dass endlich eine Entscheidung gefallen sei. Doch nach und nach glitt es in die Vergangenheit zurück, und Slonda wurde wieder von seiner früheren Routine eingeholt. Er verbrachte viel Zeit in der Bibliothek. Vor allem mit Wandlung und Nekromantie. Er wurde besser in Anatomie, bei Tieren ebenso wie bei Menschen. Und er nahm sich den Kodex wieder vor, nur um festzustellen, dass die Versionen dieser Epoche kaum von jenen abwichen, die er einige Hundert Jahre zuvor gelesen hatte.
Zu seinem Leidwesen ließ der Regen kaum nach.
Und so blieb Slonda in dem Turm eingeschlossen, der ihm über die Jahrhunderte hinweg beinahe ein Zuhause geworden war. Immerhin passte sich seine Sprache mit den Wochen mehr und mehr an. Er konnte nun mit den Magiern der Lebensschule sprechen, ohne bei jedem zweiten Satz wie ein ungeschliffener Fremder zu wirken, und er vermochte sich auch hier weiterzubilden und sein Wissen zu vertiefen.
Die Zeit verging.
Und aus Sahretûn kam keine Nachricht.
10
Hokn`f raste vor Wut, als er in seine Stadt zurückkam.
Die Wut saß ihm nicht nur im Gesicht, nicht nur in seiner Stimme oder in der Art, wie er vom Pferd stieg und kaum den Blick auf die Menschen um sich herum richtete. Sie saß tiefer. In seinem Stolz. In seiner Vorstellung von Ordnung. In dem festen, unbeirrbaren Glauben, dass unter seinem Himmel nichts geschehen dürfe, was nicht von ihm gewollt, geduldet oder wenigstens vorausgesehen worden war. Und nun war genau das geschehen. Ein Volk, das er bis vor kurzem kaum anders als unnützliche Schatten unter dem Sand betrachtet hatte, hatte ihn vor den Augen seiner eigenen Magier gedemütigt. Hatte ihn zurückgedrängt. Hatte sich aus seinem Boden erhoben, in seiner Wüste, vor seiner Stadt.
Wie konnte so etwas geschehen.
Wie konnte man es gewagt haben.
Schon auf dem fluchtartigen Ritt zurück hatte Hokn`f alles in seinem Kopf neu geordnet. Er brauchte einen Plan, und zwar sofort. Vor allem musste er verhindern, dass Ashambrat, seine Stadt, in den kommenden Tagen oder Wochen überrannt wurde. Danach, sobald die Verteidigung stand, würde er das, was dort in der Wüste aus dem Boden gekommen war, auslöschen. Mit Stumpf und Stiel. Dem Erdboden gleichmachen und in den Sand zurückjagen, aus dem es emporgestiegen war. Dafür brauchte er Magie. Viele Magier. So viele, wie er irgendwie in die Finger bekam.
Er ließ alle versammeln.
Wirklich alle.
Jeden, der auch nur einen einzigen Zauber wirken konnte. Im Hof der Schule traten sie an, in Gruppen, Reihen, unsauber geordnet, alldieweil Hast und Gerücht schneller gewesen waren als klare Befehle. Schüler. Akloven. Meister. Angehörige anderer Schulen, die sich gerade in Ashambrat aufhielten. Hunderte standen dort, die Gesichter nach oben gerichtet, während Hokn`f vom Balkon auf sie herabblickte.
Er wusste, dass er sich beruhigen musste.
Vor allem durfte er nicht panisch wirken. Nicht jetzt. Nicht vor ihnen. Er musste sie hinter sich bringen, musste den Schock in Richtung lenken, ehe er sich in Angst, Zweifel oder dummes Gerede verwandelte. Also stand er dort noch in derselben Kleidung, mit der er aus der Wüste zurückgeritten war, gezeichnet von Staub, Schweiß, Anstrengung und einer Erregung, die er nun in Form goss.
Sie hatten Leute verloren.
Magier.
Verletzte.
Und von wem. Von was. Von jenen Kreaturen, die sich so lange unter seinen Augen verborgen hatten.
Er sammelte sich.
Dann hob er die Stimme.
„Brüder.“
Sie trug weit, und augenblicklich legte sich Ruhe über den Hof. Es hatte sich bereits herumgesprochen, dass in der Wüste etwas geschehen war, und das Wort allein genügte, um aus aufgeregtem Murmeln gespannte Stille zu machen.
„Brüder“, begann er noch einmal, schwerer nun, als trüge er selbst die Last der Nachricht, „ich bringe schreckliche Kunde. Wir wurden angegriffen.“
Ein hörbares Raunen lief durch die Reihen.
„Wir haben Hinweise gefunden, dass die Sondra, dieses Wüstenvolk, das jahrhundertelang unter uns geweilt hat, Gaben von uns erhalten hat, welche wir beschützt haben, und dass entgegen des Kodex magische Rituale hier in unserer Stadt abgehalten worden sind. Wir ritten hinaus, um dies zu untersuchen. Und wir wurden angegriffen. Aus einem listigen Hinterhalt. Von Hunderten.“
Er machte eine Pause.
Theatralisch genau bemessen.
„Und wir nicht mit einer solchen Arglist und Hinterhältigkeit rechneten, traf es uns unvorbereitet. Brüder wurden verletzt. Brüder fielen. Dem tückischen Hinterhalt zum Opfer.“
Das Gemurmel unten schwoll an.
Verärgerung.
Empörung.
Verwünschungen.
Genau so hatte er es sich vorgestellt. Er blieb nah genug an der Wahrheit, um glaubwürdig zu wirken, und bog doch jedes Detail so weit, dass es seinem Zweck diente.
Wieder hob er die Arme.
„Brüder.“
Das Schweigen kehrte zurück.
„In der nächsten Zeit sind wir auf uns gestellt. Bis Hilfe eintreffen wird von unseren Brüdern und Schwestern der anderen Schulen, um dieses abartige Volk auszulöschen, müssen wir wachsam sein. Vor allem befürchte ich einen Angriff. Einen heimtückischen, hinterlistigen Angriff.“
Wieder ließ er die Worte sacken.
„Wir müssen uns vorbereiten auf einen Krieg, der kommen mag. Auf einen Gegner, der mit all seiner Hinterhältigkeit und seiner Niedertracht gegen uns vorgehen wird. Brüder, wir müssen vorbereitet sein.“
Diesmal kam von unten lautere Zustimmung. Einzelne Fäuste reckten sich in die Luft. Manche Gesichter waren bleich, manche zornig, manche nur erregt, alldieweil auch Angst Menschen bisweilen das Gefühl gibt, Teil von etwas Größerem zu sein.
Hokn`f war kein Krieger.
Er wusste nicht, wie man eine Verteidigung wirklich effizient organisierte, es war ihm auch egal. Er war kein Feuermagier, kein Feldherr, keiner, der je Wälle plante oder Kampfzüge führte. Aber das spielte für den Augenblick keine Rolle. Sie würden es herausfinden. Seine treu Ergebenen hatten bereits Anweisungen erhalten. Aus diesem Haufen würde man nun Krieger formen, für seinen Zweck. Schnell, grob, aber ausreichend.
„Brüder, bitte“, sagte er erneut, beschwichtigend nun, bis er wieder alle Aufmerksamkeit ganz bei sich hatte. „Wir werden schnell und organisiert sein müssen. Meldet euch bei euren Meistern. Sie werden euch Aufgaben geben.“
Mehr brauchte es zunächst nicht.
Die Menge begann sich zu lösen, erst zögerlich, dann in klareren Strömen, jeder einen Platz, einen Auftrag, eine Richtung suchte. Hokn`f sah auf sie hinab und spürte bereits, wie seine Wut sich in etwas Brauchbareres verwandelte. Planung. Nutzung. Instrumentalisierung.
Er rechnete nicht ernsthaft mit einem Angriff der Slonda.
Und selbst wenn.
Dann würde er die Maschine unter den Gärten sofort vernichten lassen. Das war sein Pfand gegen dieses Volk. Darauf beruhte im Kern sein ganzer Plan. Sie würden nicht angreifen. Dazu war ihnen die Maschine zu wichtig. Also würden sie abwarten, und er würde Zeit gewinnen. Zeit, seine Magier zu stärken. Zeit, andere zu rufen. Zeit, die Drecksarbeit später den Feuermagiern zuzuschieben, wenn es nötig wurde. Wozu gab es diese Leute überhaupt, wenn nicht für eine solche Lage. Er würde sie einsetzen. Vielleicht zugleich schwächen. Vielleicht opfern. In jeder Krise, dachte Hokn`f, als er sich vom Balkon zurückzog, liegt eine Chance.
Er lächelte.
Dann ließ er nach Danndi schicken.
Über der Szene kreiste ein Rabe.
Er sah alles aus der Höhe, nahm auf, sortierte und begann daraus einen Plan zu formen. Morgut wusste, dass seine erste Pflicht Gudi galt. Ihre Lage. Ihr Wohlergehen. Er konnte sie nicht einfach aus dem Gefängnis holen, so sehr alles in ihm danach schrie. Aber er musste sie sehen. Musste wissen, wie es ihr ging. Musste Gewissheit haben.
Nur auch er war nicht unendlich belastbar.
Das wusste er.
Und so machte er sich, als die Versammlung sich aufzulösen begann und jeder der Magier zu einem der unten stehenden Meister ging, um eingeteilt zu werden, auf zum Turm von Gnok. Vielleicht fand sich dort etwas. Eine Spur. Ein Hinweis. Ein Werkzeug. Oder wenigstens ein Raum, in dem er kurz wieder Mensch sein konnte.
Der Turm war leer.
Verlassen.
Niemand zuhause.
Als er über ein offenstehendes Fenster eindrang, verwandelte er sich vorsichtig zurück. Doch kaum stand er wieder in seinem eigenen Leib, versagten ihm Beine und Gleichgewicht. Er brach zu Boden, unfähig, sich sogleich zu bewegen. Zu lange war er Vogel gewesen. Zu lange hatte er den fremden Körper gelenkt, die fremde Wahrnehmung getragen, und nun wusste er zuerst nicht einmal mehr richtig, wie man einen menschlichen Leib geordnet benutzt. Es dauerte, bis er sich aufrichten konnte. Um vorwärtszukommen, spreizte er immer wieder unwillkürlich die Arme ab, als wären dort noch Flügel, bis ihm langsam wieder einfiel, die Beine zu gebrauchen. Es war verwirrend und entwürdigend.
Schließlich legte Morgut sich einfach hin.
Nur für einen kurzen Augenblick, sagte er sich.
Um wieder in seinem Körper anzukommen.
Doch noch ehe er einen klaren Gedanken mehr fassen konnte, schlief er vor Erschöpfung ein.
Danndi kam unterdessen zu Hokn`f.
Er saß nun in seinem Sessel, und draußen liefen die Vorbereitungen bereits an. Gruppen wurden gebildet. Diese wurden mit Zaubern und Waffen vertraut gemacht. Wachen an den Toren eingesetzt, um alles zu kontrollieren, was in die Stadt hinein oder aus ihr heraus wollte. Patrouillen wurden ausgeschickt. Magier auf die Zinnen gestellt. Unter dem Mantel einer möglichen Verteidigung steigerte man die Kriegstauglichkeit der ganzen Stadt.
Danndi stand vor ihm und wartete, bis er ihr seine Aufmerksamkeit zuwandte.
„Wir brauchen die Hilfe der anderen Schulen“, begann er ohne Umschweif. „Dies ist eindeutig ein Fall für die Konklave. Magie wird von anderen angewandt. Das muss untersucht und unterbunden werden.“
Danndi hörte schweigend zu.
„Wir brauchen dafür eine Einberufung der Konklave“, fuhr er fort, und in diesem Moment verfluchte er Mutter ein weiteres Mal dafür, dass sie den Turnus wieder verändert hatte. „Und wir brauchen die Hilfe der Feuermagier. Diesen Anadar. Und hier kommt ihr ins Spiel.“
Danndi hob den Blick.
„Ich sende Boten zu den anderen Schulen aus“, sagte Hokn`f. „Doch euch brauche ich, um die Feuermagier herzuholen. Anadar. Und vor allem Morgut.“
Der Narr war seiner Einladung noch immer nicht gefolgt.
Dann eben so.
Er würde sie verheizen. Sie sollten im Kampf mit den Slonda sterben, und er würde sich so dieses Problems entledigen.
„Holt sie hierher. Umgehend.“
Danndi nickte.
Sie begriff den Ernst der Lage. Und sie begriff, dass es keine Wahl gab, wenn man in Hokn`fs Nähe überleben wollte, als sich zunächst nützlich zu machen.
„Ich werde nicht versagen“, sagte sie.
Dann ging sie bereits.
Gut, dachte sich Hokn`f. Es lief alles nach seinem Plan. Nach einem neuen, improvisierten Plan zwar, doch auch improvisierte Pläne konnten zu Werkzeugen werden, wenn man sie entschlossen genug benutzte. Es wäre gelacht, wenn er nicht alles so einrichten könnte, dass es am Ende zu seinem Vorteil auslief.
Er begann in seinem Arbeitszimmer auf und ab zu gehen.
Dann fiel sein Blick auf das Buch, das Marabar ihm gegeben hatte.
Er nahm es auf.
„Vom Wesen der Nekromatie“, las er.
Langsam schlug er es auf und blätterte darin.
Dann lächelte er.
„Interessant“, murmelte er.
Eine neue Möglichkeit.
Direkt vor seinen Augen.
Und so begann er zu lesen.
11
Als er erschöpft ankam, ließ er sich aus dem Sattel gleiten.
Seine Füße fingen ihn noch ab, doch sie zitterten. Die letzten Tage hatte er kaum gerastet, getrieben von jener inneren Unruhe, die keine Müdigkeit kennt, solange sie noch hoffen darf, zu spät vielleicht, aber nicht zu spät genug zu kommen. Es war, als wäre plötzlich ein Teil in ihnen allen stumm geworden. Etwas hatte gefehlt, und erst in dem Augenblick, da es weg war, hatten sie begriffen, dass es immer da gewesen war. Eine Präsenz. Ein stilles Mitwissen. Eine Liebe, die nicht drängte und doch alles durchzog.
Es war Mutter.
Sie war immer bei ihnen gewesen.
Nun war sie fort.
Er überließ die Zügel des Pferdes einem der Burschen und ging ohne Umwege in das Innere des Tempels. Niemand hielt ihn auf. Niemand stellte Fragen. Man sah es ihm wohl an, dass in ihm gerade nicht viel übrig war, das Höflichkeit noch als eigene Kategorie wahrnehmen konnte. Er ließ sich unmittelbar zu ihr bringen. Sie lebte noch, das war die erste Nachricht, und allein sie traf ihn mit einer Erleichterung, die so tief war, dass sie fast schmerzte.
Dann ging er die Gänge entlang und trat in die Kammer.
Er wusste nicht, was er erwartete.
Aber nicht das.
Vor ihm lag nicht die goldene Schönheit, die er kannte. Nicht die Frau aus Licht und Wärme, deren Gegenwart einen Raum verändern konnte, ehe sie überhaupt sprach. Vor ihm lag eine alte, ausgemergelte Frau. Klein. Zerbrechlich. Mit langen weißen Haaren, fleckiger Haut und jenem schmalen, fast durchsichtigen Gesicht, das eher nach gelebter Zeit aussah als nach Macht. Falten. Blässe. Schwäche. Sie sah in nichts nach Mutter aus.
Und doch war sie es.
Isidre saß auf einem Stuhl neben dem Bett. Xiodrie stand am Kopfende und wirkte, als sei sie dort in den Boden gewachsen, alldieweil sie sich wohl seit Stunden kaum bewegt hatte. Als Anadar eintrat, stand Isidre auf und sah ihn an. Sie lächelte leicht, und dieses kleine Lächeln war bereits Hoffnung genug.
„Anadar. Wie gut, dass du hier bist. Das wird ihr Kraft geben.“
Er blickte von der alten Frau auf dem Bett zu Isidre.
„Was ist passiert“, fragte er ohne Umwege.
Zu seiner Überraschung war es Xiodrie, die antwortete.
„Ich fand sie blutend in ihrem Lieblingssaal. Eine große Wunde im Bauch. Wir wissen nicht, wer oder was. Nur, dass Gift im Spiel war. Und dass wir sehr viel damit zu tun hatten, ihr Leben überhaupt zu halten.“
Anadar schluckte.
„Gift. Welches.“
Isidre übernahm nun wieder.
„Wir wissen es noch nicht genau. Vermutlich eine Mischung. Etwas, das rasch wirkt und Lähmung hervorruft, und anderes, das langsamer arbeitet. Wir sind noch nicht dazu gekommen, es gründlich zu analysieren. Es war zu viel zu tun.“
Sie machte eine kleine Pause.
„Sie ist jetzt stabil“, sagte sie. „Sie liegt in einem Koma. Aber sie wird nicht stärker, Anadar. Und ich fürchte, wir könnten sie immer noch verlieren.“
Er sagte nichts mehr.
Er trat ans Bett, setzte sich und küsste der Frau, die er so sehr liebte, auf die Stirn. Dann streckte er seinen Geist nach ihr aus. Vorsichtig zuerst. Dann tiefer. Er suchte nach ihr, nach jenem inneren Raum, den er so oft als weit, hell und voller Liebe erlebt hatte, nach jener anmutigen Gegenwart, die sich niemals aufdrängte und doch alles erfüllte.
Er fand nur Leere.
Was früher so schön, so edel, so reich gewesen war, wirkte nun verlassen. Still. Nicht tot, noch nicht, aber ausgeräumt, ausgedünnt, als sei fast alles, was sie ausgemacht hatte, weit zurückgewichen, um an einem Ort zu kämpfen, den selbst er nicht mehr betreten konnte. Also tat er das Einzige, was ihm blieb. Er setzte etwas von sich in diese Leere. Eine leuchtende Präsenz. Etwas, das sagte: Du bist nicht allein.
Dann strich er ihr über die Wange.
Früher war sie weich, warm und voll gewesen. Nun war sie eingefallen, dünn und beinahe papierartig. Er nahm ihre Hand in seine und hielt sie einfach fest. Eine Träne rann ihm über die Wange.
„Ich liebe dich“, sagte er.
Für einen kurzen Augenblick meinte er, einen leichten Druck in seinen Fingern zu spüren. So schwach, dass es ebenso gut Wunsch oder Erschöpfung hätte sein können. Hatte sie seine Hand gedrückt. Er wusste es nicht. Doch es genügte, um Hoffnung in ihm auflodern zu lassen, gerade stark genug, dass sie nicht sofort wieder erlosch.
Er hob den Blick.
„Ihr sagtet Gift.“
Isidre und Xiodrie sahen einander an.
„Wir haben Proben des Blutes aufbewahrt“, sagte Isidre.
„Ich bleibe hier“, sagte Xiodrie. „Und wache.“
Die beiden Magier verließen den Raum. Für einen kaum messbaren Augenblick dachte Xiodrie, Mutter hätte die Augen geöffnet gehabt. Sie war sich nicht sicher. Vielleicht war es nur das Flackern des Lichts gewesen. Vielleicht etwas anderes.
Im Nebenraum zog Isidre ein kleines Fläschchen aus ihrer Tasche.
„Ich habe hier nicht die Ausstattung, um es besser zu analysieren“, sagte sie und reichte es Anadar.
Er hielt die Phiole gegen das Licht. Das Blut hatte sich getrennt. Ein gelbliches Serum darunter, darüber ein dunkler, öliger Film, schwarz schillernd, mit feinen Farbspielen an der Oberfläche, als gehöre es nicht in einen menschlichen Körper.
„Siehst du den Überstand“, sagte Isidre. „Ich habe das Blut gerinnen lassen und dann so gut getrennt, wie ich konnte.“
„Hast du so etwas schon einmal gesehen“, fragte Anadar.
„Nicht in genau dieser Form. Aber es ist nicht unüblich, dass Gifte schlecht oder nur teilweise wasserlöslich sind. Das verlangsamt mitunter die Verteilung. Vielleicht war genau das ihr Glück. Vielleicht auch nur ein Aufschub. Die Menge jedenfalls war groß. Wer das getan hat, wollte auf Nummer sicher gehen.“
Anadar sah noch einmal auf die Phiole.
„Was ist von dem Attentäter bekannt.“
Isidre schüttelte leicht den Kopf.
„Außer, dass ein Messer benutzt wurde, fast nichts. Nicht einmal von der Waffe haben wir noch etwas. Es ist, als wäre der Täter gekommen, hätte zugestochen und wäre mit dem gesamten Beweisstück wieder verschwunden.“
„Dann muss es jemand gewesen sein, den sie kannte“, sagte Anadar leise. „Und dem sie vertraute. Sonst wäre niemand ihr so nah gekommen.“
„Das vermute ich auch.“
Er dachte kurz nach.
„Musst du wissen, welches Gift es ist, um sie zu behandeln.“
„Früher oder später wäre es wichtig“, sagte Isidre. „Im Augenblick ist sie stabil, aber es arbeitet noch in ihr. Ich spüre es immer wieder. Und ich würde es gern aus ihr entfernen.“
„Gibt es andere Wege, das Blut zu reinigen.“
Isidre sah ihn an, und ein Schatten von Müdigkeit und Frustration glitt durch ihr Gesicht.
„Die gibt es. Aber sie sind gefährlich. Und wenn ich so etwas tue, dann für gewöhnlich in Tandor, mit Vorbereitung, mit Hilfe, mit Instrumenten und möglichst mit einem genauen Wissen darüber, gegen was ich überhaupt arbeite. Ein Körper ist kein Schlauch, den man einfach spült. Es ist ein System. Wenn ich das Blut reinige und das Gift sitzt längst in der Leber, was habe ich dann gewonnen. Wenn ich es aus dem Serum ziehe und es hat sich schon in Gewebe abgesetzt, dann verliere ich vielleicht Zeit, Kraft und am Ende auch noch sie.“
Anadar nickte.
„Ich verstehe.“
Dann schwieg er einen Augenblick.
„Wie kann ich helfen.“
Isidres Gesicht wurde weicher.
„Ich denke, eure Anwesenheit allein wird ihr Kraft geben. Da bin ich mir ziemlich sicher. Sie hat noch Lebenswillen. Sie kämpft. Schwach, ja. Aber sie kämpft. Bleibt hier. Mehr kann ich im Augenblick von euch nicht verlangen.“
Sie hob die Phiole leicht.
„Und ich versuche mich an diesem Zeug hier. Mit den Mitteln, die ich habe. Zuerst sollte ich es wohl trennen.“
Dann begann sie sich bereits in feinere alchemistische Überlegungen zu verlieren. Lösungsmittel. Trennung. Erhitzung. Kräuterreaktionen. Möglichkeiten, ohne Labor doch wenigstens etwas über Struktur und Verhalten des Giftes zu erfahren. Anadar hörte nur halb zu. Mehr aus Höflichkeit als aus wirklichem Interesse. Sobald er konnte, verabschiedete er sich wieder und ging zurück zu Mutter, um Xiodrie eine Pause zu geben.
Er blieb die ganze Nacht bei ihr.
Er hielt ihre Hand. Legte seine Präsenz in ihren Geist. Sprach nicht mehr viel. Es gab Stunden, in denen nur ihr Atem und sein Wachen den Raum füllten.
„Herr.“
Anadar schreckte hoch.
Offenbar war er doch eingenickt, wenn auch nur für kurze Zeit. Er hielt noch immer Mutters Hand.
„Herr.“
Er blickte auf. Eine junge Schülerin der Geistschule stand in der Tür und sah ihn zögernd an.
„Herr, seid ihr wach.“
„Ja“, sagte er und fuhr sich kurz übers Gesicht. „Was ist.“
Ein paar Tage im Sattel und dann eine Nacht auf einem Stuhl an einem Krankenbett waren auch für ihn nicht ideal.
„Herr“, sagte die Schülerin, „ich denke, wir haben einen Gast, der mit euch sprechen möchte. Da Mutter ihn nicht empfangen kann.“
Anadar blinzelte.
„Wer.“
„Ein Gast aus dem Norden.“
Nun war er schlagartig wach.
Er stand auf, blickte noch einmal zu der alten Frau auf dem Bett und sagte dann nur:
„Schickt nach Xiodrie. Sie soll bleiben, solange ich fort bin.“
Dann ging er.
Als er den Kuppelsaal betrat, in dem Mutter gewöhnlich Gäste empfing, sah er ihn sofort.
Elegant.
Dunkel.
In feiner Rüstung.
Prinz Zarad stand dort mit jener stillen Selbstverständlichkeit, die ihm eigen war. Das schwarze Schwert an seiner Seite erinnerte mehr an einen Säbel als an eine gewöhnliche Klinge. Sein Schweif bewegte sich kaum. Die nackten Füße, die beinahe eher an Hände erinnerten, ruhten lautlos auf dem Boden. Spitz traten die Ohren hervor. Weiße, schmale Zähne blitzten zwischen dunklen Lippen, wenn er sprach oder atmete. Alles an ihm war Fremdheit, Würde und Gefahr zugleich.
„Prinz Zarad“, sagte Anadar und neigte leicht den Kopf. „Entschuldigt, dass ihr warten musstet.“
Der Angesprochene ließ den zweiten Teil unbeachtet.
„Meister Anadar“, sagte er in seiner alten, eigentümlich schönen Sprache. „Es freut mich, euch wieder zu begegnen.“
Dann sah er sich kurz im Raum um.
„Darf ich fragen, wo Mutter ist.“
Anadar sah ihn an und seufzte. Es gab keinen Grund zu lügen.
„Es wurde ein Anschlag auf ihr Leben verübt, Prinz. Wir wissen nicht, von wem oder was. Aber sie kämpft mit den Folgen. Sie ist sehr schwach.“
Zarad hielt seinem Blick stand.
„Es sind unruhige Zeiten, in denen wir leben“, sagte er schließlich. „Was mich zu dem Thema bringt, dessentwegen ich gekommen bin. Wir vereinbarten, dass wir euch Nachricht geben sollten, falls sich die Präsenz in jener Stadt bewegt, die ihr Sontor nanntet.“
Anadar wurde sofort stiller.
„Ja.“
„Sie ist weg“, sagte Zarad. „Nicht mehr da.“
Anadar sah ihn scharf an.
„Einfach verschwunden.“
„Plötzlich war sie nicht mehr da. Ich habe es selbst überprüft. Sie ist nicht mehr auffindbar.“
„Das sind keine guten Nachrichten“, sagte Anadar.
Zarad neigte leicht den Kopf.
„Das dachte ich ebenso.“
„Habt ihr irgendeine Vermutung, wohin sie ging.“
Ein kleines Kopfschütteln.
„Sie hat sich nicht durch den Raum bewegt. Jedenfalls nicht so, wie wir Bewegung hätten wahrnehmen können. Sie war einfach nicht mehr dort.“
Anadar dachte nach.
Fantor konnte tot sein, gewiss. Das war möglich. Aber die Präsenz war Naaarstr. Und das Schwert, oder das, was im Schwert gebunden war, konnte nicht so einfach sterben. Nicht in dieser Art. Nicht ohne Spur.
„Wann habt ihr es bemerkt“, fragte er.
„Vor einigen Tagen.“
Beide schwiegen.
In Anadar liefen Möglichkeiten durch, eine nach der anderen, ohne dass eine davon gut gewesen wäre. Er wünschte sich in diesem Augenblick Shara an seine Seite. Oder Mutter. Jemanden, mit dem er diese Gedanken sofort teilen konnte, ohne sie erst in Sprache zwingen zu müssen.
Dann hörte er Zarads Stimme wieder.
„Sagt mir, Anadar. Kann ich sie sehen.“
Anadar hob den Kopf.
„Wen.“
„Mutter.“
12
„Was immer dir ein Dämon erzählt, es ist gelogen“, sagte der Mann ihm gegenüber mit seinen eingefallenen Augen, die Fantor so reglos und durchdringend anstarrten, als wollten sie nicht nur seine Antwort, sondern gleich auch noch die verborgene Absicht dahinter lesen.
„Sie lügen immer. Nicht bisweilen. Nicht nur dann, wenn es ihnen nützt. Immer. Sie lügen, um zu bekommen, was sie wollen, und was sie wollen, ist nicht Freiheit, nicht Gleichgewicht, nicht Vergeltung, wie sie es so gern nennen. Sie wollen bedingungslose Zerstörung alles Lebendigen. Sie wollen auslöschen und herrschen. Als sie erschaffen wurden, wurden sie mit einer Absicht erschaffen, und man setzte ihnen keine Grenzen.“
Der Mann seufzte.
„Ein Fehler. Vielleicht der größte. Sie sind das Übel der Schöpfung.“
Fantor war zugleich fasziniert und wie gelähmt.
Er lauschte den Worten dieses Mannes mit einer Aufmerksamkeit, die beinahe gegen seinen Willen ging. Der Glatzköpfige nannte sich selbst Olven, Meister aus Sahretûn, Olven, und Fantor hatte längst jeden Überblick darüber verloren, wie lange er schon hier war. Es gab keine Tage an diesem Ort. Keine Sonne, die aufging. Keinen Abend, der sich in einen verlässlichen Ablauf senkte. Nur Phasen, in denen man schlief oder nicht schlief, in denen man sprach, aß, geführt wurde oder alleine war. Keine Rhythmen, an die ein Körper sich hätte gewöhnen können.
Sicher war er immerhin.
So viel war klar.
Sie behandelten ihn wie jemanden, dessen Leben Wert hatte. Sie versorgten seine Wunden. Gaben ihm zu essen und zu trinken. Sein Körper hatte seit einer Ewigkeit von etwas gezehrt, das nicht mehr wirklich natürlich gewesen war, und nun, da er wieder Nahrung bekam, bemerkte er erst, wie vollständig ausgemergelt er gewesen war. Knochen waren gebrochen. Muskeln verkümmert. Sehnen überbeansprucht. Sie kümmerten sich darum. Sie fragten noch nicht viel. Nicht alles. Vielleicht nicht einmal das Wesentliche. Doch sie erzählten ihm viel, wenn auch gewiss nicht alles.
Dass er sich in Sahretûn befand, hatten sie ihm gesagt.
Dass Sahretûn die Stadt der Beschwörer war.
Und dass Sahretûn nun in jener Dimension lag, die sie den Kerker nannten, in jenem Gefängnis also, das einst für Dämonen erschaffen worden war, aus dem es keinen Ausweg mehr geben sollte. Nur wenn ein Dämon beschworen wurde, so viel hatte Fantor mittlerweile verstanden, konnte er aus diesem Kerker in ein neues Korsett, in ein neues Gefängnis auf der Erde versetzt werden, wo er nur unter strengen Fesseln wandeln durfte. Vieles blieb ihm dunkel. Zu vieles. Ihm fehlten ganze Schichten der Welt, die diese Männer offenbar als selbstverständlich ansahen.
Olven hatte sich als derjenige herausgestellt, der ihn begleitete.
Der ihn herumführte.
Der seine Fragen beantwortete, soweit er welche hatte.
Und Fantor hatte viele, auch wenn er oft gar nicht wusste, wo er zu beginnen hatte, alldieweil ihm die Zusammenhänge vollständig fehlten.
„Schöpfung“, sagte er eines Tages, nachdem Olven das Wort wiederholt gebraucht hatte. „Meister aus Sahretûn, Olven, du sagst es immer wieder, als ob der Mensch die Dämonen geschaffen hätte. Sie entworfen und dann zum Leben erweckt.“
Olven blickte ihn lange an.
Sehr lange.
So lange, dass Fantor für einen Augenblick glaubte, der andere werde ihm diesmal vielleicht gar nicht antworten. Dann schloss Olven langsam die Augen, als zwinge er sich zu einer Geduld, die er nicht immer gern aufbrachte.
„So war es“, sagte er schließlich. „Leider.“
Ein kurzes Räuspern.
„Es gab eine Zeit, in der es möglich war, etwas zu schaffen. Wirklich zu schöpfen. So viel Magie war in der Welt, dass dies möglich war. Und die Menschen taten es. So wie andere Wesen ebenfalls Wesen erschufen. Auch der Mensch selbst wurde geformt.“
Fantor sah ihn an, als phantasiere er.
Olven fuhr sich mit seiner gespaltenen Zunge über die Lippen und lächelte. Es war kein freundliches Lächeln, eher eines jener Lächeln, in denen sich alte Bitterkeit mit beinahe kalter Freude am Wissen mischt.
„Der Mensch“, sagte er, „war, als er das Licht der Welt erblickte, durch und durch ein magisches Wesen. Und kreativer im Umgang mit Magie als viele andere. Vielleicht, weil wir nicht so lange leben. Zumindest sind wir nicht unsterblich. Vielleicht, weil wir uns schneller vermehren. Vielleicht auch, weil Mangel, Sterblichkeit und Ehrgeiz zusammen eine sehr besondere Art von Hunger erzeugen. In uns liegt etwas, das andere Wesen in dieser Form nicht besitzen. Ein Drang, über Dinge zu herrschen, sie zu ordnen, sie zu benennen, sie unserem Willen zu unterwerfen. Vielleicht ist genau dies jene Eigenschaft, die wir den Dämonen mitgegeben haben.“
Er machte eine kleine Pause.
„Ja. Sie wurden entworfen. Von Menschen. Um Aufgaben zu erfüllen. Um zu kämpfen. Menschen sind grausam, Fantor, und sie gaben ihrer Schöpfung diese Grausamkeit mit. Sie brachten Dämonen hervor und vergaßen entscheidende Teile zu berücksichtigen. Sie machten sie zu stark. Zu hungrig. Zu chaotisch. Zu unabhängig. Und so richteten sie sich gegen ihre Erschaffer und wollten ihre Freiheit.“
Olven lächelte nicht mehr.
„Und wenn ich von Freiheit spreche, meine ich Vernichtung. Beherrschung. Unterwerfung. Genau dafür waren sie gezüchtet. Das war der Fehler. Es waren keine harmlosen Geschöpfe mehr, die Wünsche erfüllten oder harmlose Streiche spielten. Es waren Waffen. Furchtbare und grausame Vernichtungswaffen, für verschiedene Zwecke erschaffen. Manche nur, um andere Dämonen zu bekämpfen. Manche, um Magier zu töten. Denn mit dem Menschen kam die Missgunst. Und wenn ein Meister starb oder nicht vorsichtig genug war, war der Dämon frei und unkontrolliert. Und wenn sie einmal frei waren, waren sie kaum noch zu stoppen. Beinahe unsterblich. Schwer zu bekriegen. Schwer zu vernichten. Und sie taten alles, um an ihre Freiheit zu gelangen. Lügen. Betrügen. Kämpfen. Verführen. Alles.“
Olven erzählte ihm diese Geschichte nicht nur einmal.
Er erzählte sie ihm immer wieder.
Vom Fehler der Menschen. Von der Schuld der Schöpfung. Vom Verrat, wie er es nannte. Es war wie ein Mantra bei ihm. Eine Litanei, die nicht verblassen durfte, weil sie der Grund war, aus dem diese Stadt noch immer stand und zugleich nicht mehr zur Welt gehörte. Er zeigte Fantor Bilder von Dämonen, nannte ihm Namen, sagte, von wem und zu welchem Zweck sie einst erschaffen worden waren, und erzählte ihre Grausamkeiten, ihre Eigenarten, ihre Hunger. Es gab so viele von ihnen, dass Fantor irgendwann nicht mehr sicher war, ob das Erschreckendere ihre Zahl war oder die kühle Selbstverständlichkeit, mit der Olven über sie sprach.
Er erzählte ihm vom beinahe vollständigen Untergang der Zivilisation.
Wie Drachen und Engel, Teufel und Menschen, Elfen und Riesen und vieles mehr sich hatten verbünden müssen, weil es anders nicht mehr gegangen wäre. Nicht aus Freundschaft. Nicht aus Einsicht. Sondern aus nackter Not. Die Existenz des Universum und alles lebendigem stand auf dem Spiel. Sie hatten sich zusammenschließen müssen, um das Übel, das frei in der Welt lief und alles angriff, was lebte, endlich zu bannen. Sie erschufen ein Gefängnis, aus dem es kein Entkommen mehr geben sollte. Als letzten Ausweg. Als letzte Lösung. Und sie verbannten jeden Dämon in diesen Kerker, mit letzter Kraft. Jeden der je erschaffen wurde, egal wie mächtig er war.
Olven nannte das das Ende des ersten Zeitalters.
Und danach, sagte er, sei die Welt bereits eine andere gewesen.
Fantor war von all dem gebannt.
Tief gebannt.
Er war sich mehrfach sicher, dies müsse nun der ganze Schrecken der Geschichte gewesen sein. Doch Olven war nie fertig. Immer kam noch eine weitere Schicht. Ein tieferer Fehler. Ein weiterer Verrat.
Eines Tages seufzte er traurig und sagte:
„Die Magie, Meister des Feuers Fantor, wich dennoch aus der Welt. Was einst ein Strom aus reiner Energie gewesen war, versiegte nach und nach. Es war weniger. Und weniger. Was einst im Überfluss vorhanden war, verrann. Und in dem Versuch, dies aufzuhalten, lag die zweite Schuld. Der zweite Verrat.“
Fantor schwieg.
„Es wurde wieder geöffnet, was nie wieder geöffnet werden sollte“, sagte Olven. „Auf Drängen vieler wurden Mittel und Wege gefunden, den Kerker erneut zu öffnen und die Dämonen zurückzuholen. An die Kette gebunden. Beschränkt. Und man belohnte sie mit dem Blut der Alten. Nachdem sie ihre Arbeit getan hatten, schickte man sie zurück. Man beschwor sie vorsichtig, ja. Aber man beschwor sie weiter. Und vernichtete mit ihrer Hilfe jene, die einst geholfen hatten, sie zu bannen.“
Olven beugte sich leicht zu ihm.
„Verstehst du, wie absolut der Verrat der Menschheit ist. Verstehst du, was für eine abgrundtief verdorbene Spezies wir sind. Als alle magisch begabten Wesen vernichtet waren, alle Elfen, Drachen, Einhörner, Feen, alles, als alles getilgt war, das war das Ende des zweiten Zeitalters.“
Fantor wusste nicht, was ihn mehr erschütterte.
Der Inhalt.
Oder die Überzeugung, mit der Olven sprach.
„Und das dritte“, fuhr Olven fort, „begann, als der Mensch Ordnung schuf. Schulen gründete. Die verbleibende Magie sortierte, regelte, einschränkte und zugleich jene bestrafte, die Macht anwendeten, ohne sich dieser Ordnung zu fügen. Das war der Beginn des dritten Zeitalters. Und was folgte, war der dritte Verrat.“
Hier schwieg er kurz.
Dann senkte er die Stimme fast.
„Wir zogen uns nach Sahretûn zurück. Eine Stadt, die noch am Ende des ersten Zeitalters gebaut worden war, um Dämonen zu trotzen. Mauern, die keine Kraft durchdringt. Keine gewöhnliche Magie. Kein Stoß. Kein Feuer. So zäh, so widerständig, so hart, dass sie beinahe denselben Trotz tragen wie ein Dämon selbst. Stein, der nicht nur gebaut, sondern beschlossen wurde.“
Fantor blickte zu ihm auf.
„Wir erschufen unseren eigenen Kodex“, sagte Olven. „Einen, der noch enger gefasst sein musste als der Kodex der anderen. Wir wussten, welche Macht wir besaßen. Und dass sie nie in die falschen Hände geraten durfte. Aber es war nicht genug. Das Misstrauen war längst in der Welt. Wir Beschwörer hatten unseren Dienst getan. Wir hatten den Genozid an allem Andersartigen mit vollzogen, und als er vollendet war, schaffte man uns aus der Welt.“
Sein Gesicht wurde bei diesen Worten nicht laut.
Es wurde nur härter.
„Es dauerte nicht lange, und wir wurden angegriffen. Einer Inquisition unterworfen. Man erklärte uns den Krieg. Heimlich zunächst. Still. Man drang nachts in Sahretûn ein. Man mordete uns in unseren Häusern, in unseren Höfen, in unseren Gängen. Einer nach dem anderen. Wir wehrten uns. Wir setzten Zeichen. Wir statuierten Exempel. Doch sie waren fanatisch. Mit Magie, mit Waffen, mit Gift, mit Verrat. Alles wurde gegen uns verwendet. Und die Beschwörer wurden dezimiert. Einer nach dem anderen. Ein Massenmord. So vergalt man uns unsere Loyalität zur Menschheit. Das war der dritte Verrat.“
Olvens Blick glitt für einen Augenblick an Fantor vorbei, als sähe er etwas, das nur ihm noch gegenwärtig war.
„Wir berieten uns. Und wir beschlossen, uns selbst zu bannen. Unsere ganze Stadt. Als letzten Auweg. Als wieder ein Angriff lief, diesesmal ein Finaler, sie hatten ihre Kräfte gebündelt und wollten uns auslöschen. Setzten wir es in die Tat um. Wir versetzten Sahretûn in die Kerkerdimension. Zu den Kindern, die wir erschaffen hatten. Ähnlich, wie du dich hierher versetzt hast, wenn auch mit anderer Größe und anderer Berechnung. Nun sind wir hier. Und wir haben uns geschworen, nie wieder zurückzukehren und unsere Schuld für ewig in der Hölle zu tragen. Denn nichts darf diese Dimension verlassen und wieder auf der Welt wandeln. Die Gefahr ist zu groß, Meister des Feuers Fantor. Viel zu groß.“
Je öfter Fantor diese Geschichte hörte, desto schwerer wurde sie.
Sie zeigten ihm Sahretûn.
Wie die Stadt mitten in der Kerkerdimension stand. Täglich angegriffen von namenlosem Schrecken, von Regen aus Feuer, von klauenbewehrten Wellen, von allem, was Hass und Kerker hervorbringen konnten. Doch keiner dieser Angriffe durchdrang die Mauern. Alles prallte daran ab. Der ewige Hass der Dämonen trieb sie blind, denselben Angriff wieder und wieder zu führen, und alles zerschellte an den Mauern der Stadt.
Und nun hatte Fantor ihnen etwas gebracht, das sie für unmöglich gehalten hatten.
Einen Dämon.
Wenn auch nur einen kleinen. Einen unbedeutenden, wie sie ihm bald erklärten. Doch es blieb ein Dämon, gefangen in einem Gegenstand.
Olven durchleuchtete ihn und seine Geschichte.
Er fragte ihn alles.
Und Fantor erzählte. Vom Buch. Von seinem Ehrgeiz. Von seinem Fehler. Das war der Moment, in dem Olven lächelte und ihm einen langen Vortrag über Verantwortung, Macht und Wissen hielt. Über den Tausch der Plätze. Darüber, wie der Dämon ihn gebunden hatte, weil dieser selbst nicht mächtig genug war, frei zu handeln. Dann über den späteren Zustand, als Naaarstr wiederkam, gebannt ins Schwert. Das Interesse an Anadar war groß. Aber Fantor wusste zu wenig, um ihnen dort wirklich etwas zu geben.
Und Naaarstr schwieg.
Aus dem Schwert kam kein einziges Wort mehr.
Die Beschwörer sagten Fantor immer wieder, dass er die Dimension niemals hätte verlassen können, ganz gleich, was ihm der Dämon versprochen hatte. Sie taten es als Lüge ab. Als Lockung. Als den immer gleichen Betrug.
Das traf Fantor schwer.
Denn langsam begriff er, was das bedeutete. Dass er nun für immer hier in Sahretûn zu bleiben hatte. Und das wurde ihm bestätigt. Immer deutlicher. Immer ruhiger. Ohne Zorn. Ohne Triumph. Gerade dadurch war es kaum zu ertragen.
Olven sagte ihm, dies sei nun einmal notwendig, um die Sünden des Verrats zu tilgen.
Auf Ewigkeiten.
In dieser Hölle.
Fantor saß lange schweigend da, nachdem Olven geendet hatte.
Dann, als sei die Stimme aus dem Schwert tief unten im Metall nur auf diesen Augenblick gewartet haben, hörte er Naaarstr wieder.
Leise.
Zischend.
Und voller kalten Hasses.
„Sie lügen“, sagte Naaarstr in seinem Kopf. „Alles, was sie tun, ist lügen.“
13
Und wieder stand Slonda an der Tür zur Konklave.
Und wieder störte er sich an der Halskrause.
Er war inzwischen durchaus in der Lage, sie anzulegen, ohne sich dabei vorzukommen wie ein Mensch, der freiwillig an einem besonders kleinlichen Ritual teilnimmt, aber das bedeutete noch lange nicht, dass er sie auch nur einen Deut weniger lästig fand. Dazu kam das Gerede der anderen. Diese Art, alles in eine aufgeblähte Form zu gießen, jede einfache Beobachtung erst mit drei Höflichkeiten zu umwickeln und jede klare Aussage so lange zu drehen, bis sie wirkte, als sei allein ihre Form bereits ein Argument.
Gern wäre er dieser Pflicht entkommen.
Politik war nie das Seine gewesen. Diese Treffen. Dieses stundenlange Sitzen, Zuhören, Abwägen, das feierliche Lamentieren über Dinge, die man mit drei geraden Sätzen viel besser hätte erledigen können. Schon in Tandor hatte er an solchen Zusammenkünften wenig Freude gefunden. Hier jedoch war es ein wenig anders. Nicht besser, aber anders. Die sprachlichen Anforderungen dieser Zeit verlangten ihm noch immer viel ab, auch wenn er sich bereits wesentlich geschmeidiger darin bewegte als zu Beginn, und dazu kam, dass allein die Anwesenheit der anderen Schulen ihn fesselte.
Dieses Mal, nahm er sich vor, würde er alles besser betrachten.
Er ging mit den Magiern der Lebensschule durch die Tür und trat wieder in jenen Saal, der ihm aus mehreren Zeiten zugleich vertraut geworden war. Derselbe Raum und doch nicht derselbe, weil er sich mit jeder Epoche anders füllte. Er ging zu den drei Plätzen, die der Schule der Zeit zugeschrieben waren, und setzte sich auf den mittleren.
Nach und nach kamen die anderen Teilnehmer.
Vor allem auf die Magier der Wandlung war Slonda gespannt, die Tierköpfe auf dem Menschen Körper, mit der Halskrause die den Übergang bedeckten. Die Beschwörer redeten wie üblich mit niemandem. Sie erschienen, als kämen sie aus einem Winkel der Welt, der keine Übergänge kennt, bewegten sich in ihrer stillen schwarzen Strenge an ihre Plätze und setzten sich, ohne einen Blick zu viel und ohne eine Geste, die sich als Einladung hätte deuten lassen. Wie immer kamen sie weder zu früh noch zu spät, sondern genau so, dass jeder bemerkte, dass sie da waren, ohne behaupten zu können, sie hätten es darauf angelegt.
Und wie immer kam Mutter zuletzt.
Sie trat ein mit derselben goldenen Helligkeit, die auch hier noch jeden Raum ordnete, und nahm ihren Platz ein, als habe sie nie etwas anderes getan und doch das Recht, jeden Platz im Saal für sich zu beanspruchen, wenn sie es nur gewollt hätte.
Dann begann die Konklave.
Der Vorsitz ging diesmal an die Lichtmagierinnen. Sie leiteten die Versammlung ohne jeden Zwischenfall, mit einer kühlen Effizienz, die selbst Slonda, der ihre Sprache im Grunde ebenso ausgreifend fand wie die aller anderen, doch anerkennen musste. Es wurde verwaltet. Bestätigt. Registriert. Vermerkt. Einwände wurden angehört, abgeschichtet, in Form gegossen und in andere Form gegossen. Eine Konklave der Ordnung, nicht der Entscheidung.
Slonda fragte sich bald, weshalb er überhaupt gekommen war.
Es wurde nichts beschlossen. Nichts wirklich bewegt. Man hatte den Eindruck, als hielte diese Zusammenkunft den Apparat der Welt nicht etwa in Gang, sondern vor allem in seiner eigenen Selbstwichtigkeit beschäftigt. Als die Versammlung endlich beendet war, stand er auf, innerlich schon halb enttäuscht, halb müde von einem Aufwand, der ihm wieder einmal größer erschien als sein Ertrag.
Und auch sein kleiner Plan misslang.
Er hatte gehofft, die Beschwörer diesmal noch abfangen zu können, bevor sie durch die Tür verschwanden. Doch sie waren schneller draußen, als er überhaupt ordentlich zu ihnen hätte aufschließen können. So stand er für einen Moment ziemlich allein und verlassen in der Halle, sah den sich leerenden Raum, hörte noch die letzten Fetzen ausklingender Förmlichkeit und machte sich dann auf den Rückweg.
Niedergeschlagen stieg er die Treppen seines Turms hinauf.
Er dachte schon daran, sich einfach in seinen Sessel fallen zu lassen und den restlichen Abend mit einem Buch totzuschlagen, weil auch ein schlechter Traktat über Nekromantie immer noch besser war als eine unerfolgreiche Konklave, als er oben ankam, den Raum betrat und abrupt stehenblieb.
In seinem Sessel, ihm genau gegenüber, saß Marabar.
Der Beschwörer hatte die Beine übereinandergeschlagen, die Hände leicht ineinandergelegt und den Blick ganz auf Slonda gerichtet. Seine Tätowierungen glänzten im schrägen Licht, bald silbern, bald golden, und um seinen Mund lag ein Lächeln, das gerade weit genug ging, dass die spitzen Zähne sichtbar wurden.
„Meister der Zeit, Slonda“, sagte er, „seid mir gegrüßt.“
Slonda brauchte einen Augenblick, um den ersten Schreck zu verlieren.
„Schüler aus Sahretûn, Marabar“, erwiderte er schließlich, „ich hatte nicht mit euch gerechnet.“
„Entschuldigt, dass ich euch erschreckt habe“, sagte Marabar mit einem kleinen Neigen des Kopfes. „Dies lag nicht in meiner Absicht. Doch wart ihr so tief in Gedanken versunken, dass ich den rechten Augenblick, mich bemerkbar zu machen, nicht sogleich zu finden vermochte.“
Slonda nickte nur.
„Es ist nichts geschehen. Welches Anliegen führt euch hierher.“
Marabar hob leicht eine Hand, als bitte er zugleich um Geduld und Aufmerksamkeit.
„Nun, Meister der Zeit, Slonda. Euer Anliegen wurde geprüft.“
Er machte eine Pause.
„Ihr wurdet geprüft.“
Eine zweite Pause folgte, lang genug, dass Slonda sehr wohl merkte, wie bewusst sein Gegenüber mit ihr umging. Spannung war auch eine Form der Führung, und Marabar gebrauchte sie mit einer fast höflichen Genüsslichkeit.
„Und“, sagte Slonda schließlich, „hat sich aus dieser Prüfung etwas ergeben.“
„Es hat sich“, sagte Marabar langsam, „eine Möglichkeit ergeben, euch zu uns zu holen, Meister der Zeit, Slonda. Sofern ihr dies noch immer wünscht.“
Slonda nickte bedächtig.
„Sofern ich dies noch wünsche“, wiederholte er. „Ihr nehmt also an, dass eine gewisse Ernüchterung in mir Platz gegriffen haben könnte.“
Marabar lächelte.
„Die Möglichkeit bestand. Zwischen Wunsch und Gewährung liegt bisweilen genug Zeit, dass ein Mensch sich eines Besseren besinnt, eines Schlechteren, oder auch bloß eines Anderen.“
„Und doch seid ihr gekommen.“
„So bin ich.“
Slonda blieb stehen, statt sich sofort zu setzen.
„Dann sagt mir, Schüler aus Sahretûn, Marabar, welche Gestalt diese Möglichkeit annimmt.“
Marabar legte die Fingerspitzen aneinander.
„Wie alles von Gewicht“, sagte er, „kommt auch diese Angelegenheit nicht ohne Preis.“
„Und worin besteht dieser Preis.“
„In einem Tausch.“
Jetzt setzte sich Slonda langsam.
„Ein Tausch“, sagte er. „Dies klingt zunächst schlicht. Gerade deshalb vermute ich, dass es das nicht ist.“
„Ihr vermutet richtig“, sagte Marabar. „Doch nicht, weil der Tausch selbst verschlungen wäre, sondern weil sein Gegenstand von solcher Art ist, dass wir gut tun, ihn mit genauerer Sprache zu umhegen, ehe einer von uns später behauptet, er habe in einer allzu raschen Formulierung etwas vernommen, was niemals zugesagt worden war.“
„Das“, sagte Slonda trocken, „klingt bereits sehr nach euch.“
„Und nach euch nicht minder“, erwiderte Marabar mild.
Dann wurde seine Stimme etwas ernster.
„Meister der Zeit, Slonda, der tausch den wir eingehen können ist einer der Gerechtigkeit.“ Ohne Umschweife fuhr er fort. “Wissen gegen Wissen. Wir weihen euch in die Geheimnisse der Beschwörung ein. Ihr lehrt uns dafür im Gegenzug die Geheimnisse der Zeit.“
Slonda schwieg einen langen Augenblick.
Nicht bloß, weil er Zeit gewinnen wollte, sondern weil er spürte, wie sich in ihm zwei Bewegungen gegeneinander stellten. Die eine war fast schmerzhaft klar: Er wollte dieses Wissen. Nicht aus bloßer Neugier, nicht um sich selbst zu erhöhen, nicht einmal aus jener Freude an verbotenen Dingen, die manchen Gelehrten schon für sich genügt. Er wollte es für Anadar. Für seinen Bruder. Noch immer dachte er so. Noch immer glaubte er, dass irgendwo in den Geheimnissen der Beschwörer ein Zugang liegen könnte zu dem, was Anadar trug, zu dem Schwert, zu dem Dämon, zu jener ganzen verhängnisvollen Nähe, die sein Bruder zu Dingen gewonnen hatte, die keiner ganz verstand.
Die andere Bewegung war dunkler.
Denn Slonda wusste ebenso gut, dass Zeitmagie in falschen Händen nicht minder gefährlich war. Vielleicht stiller, weniger auffällig, weniger spektakulär in ihrem ersten Zugriff, aber gerade deshalb nicht weniger verderblich. Man konnte mit ihr nicht einfach Städte niederbrennen oder Dämonen rufen, gewiss. Doch man konnte Dauer verzerren, Übergänge beeinflussen, Erhaltung und Zerfall anders fassen, die Ordnung von Dingen an jenen Stellen berühren, an denen andere Schulen gar nicht bemerkten, dass dort überhaupt eine Naht verlief. Und man konnte sich aus einem Zeitfluss nehmen und in einen anderen Versetzten, das war wohl das gefährlichste überhaupt. Wenn er also lehrte, gab er nicht harmloses Wissen aus der Hand, sondern etwas, dessen Reichweite kaum einer wirklich ermessen konnte.
Er hob schließlich den Blick.
„Schüler aus Sahretûn, Marabar“, sagte er langsam, „ich will offen sprechen, Unklarheiten in einer Sache wie dieser später teuer werden könnten. Ihr habt mir einen Tausch angeboten, Wissen gegen Wissen, und in seiner bloßen Form klingt dies ausgewogen. Doch bin ich nicht töricht genug zu glauben, dass die Gewichte auf beiden Seiten von gleicher Art wären.“
Marabar legte den Kopf leicht schief.
„Ihr sprecht von Gefahr.“
„Ich spreche von zweifacher Gefahr“, erwiderte Slonda. „Die eine liegt offen zutage. Dass ich von euch lerne und damit in Berührung gerate mit einer Kunst, die aus guten Gründen gefürchtet wird. Die andere liegt verborgener. Dass ich euch lehre und damit etwas in eure Hände lege, das, sofern es unweise gebraucht wird, Schaden stiften könnte, den nicht einmal ich im ersten Augenblick begreift.“
Marabar nickte langsam.
„Das sind vernünftige Worte. Und dennoch habt ihr nicht abgelehnt.“
„Noch nicht.“
„Aber ihr habt auch nicht zurückgewichen.“
Slonda ließ den Satz stehen, ehe er antwortete.
„Nein. Das habe ich nicht. Und das hat seinen Grund.“
„Welchen.“
„Weil dieses Wissen gefährlich ist.“
Marabar hob leicht die Brauen, und ein kaum merkliches Lächeln trat in sein Gesicht, als hätte er mit vielem gerechnet, aber nicht mit dieser Form der Antwort.
„Dies“, sagte er, „dürfte für das Wissen meiner Schule kaum eine neue Feststellung sein.“
„Ich sprach nicht nur von eurer Schule“, entgegnete Slonda. „Ich sprach vom Wissen selbst. Von jener Art Wissen, die nicht bloß erweitert, sondern verschiebt. Die einem nicht einfach ein Werkzeug in die Hand gibt, sondern den Blick auf die Ordnung der Dinge verändert. Solches Wissen ist gefährlich, gerade dann, wenn es richtig verstanden wird.“
Marabar schwieg kurz.
„Dann“, sagte er, „seid ihr also nicht aus Furcht vor unserer Kunst zögerlich, sondern aus Achtung vor dem, was zwischen zwei Schulen ausgetauscht werden soll.“
„Wenn ihr es so nennen wollt.“
„Und wie würdet ihr es nennen.“
Slonda lehnte sich leicht zurück.
„Ich würde sagen, dass ein Mensch töricht wäre, wenn er vorgäbe, das Wissen der Zeit sei harmloser als das Wissen der Beschwörung. Es ist anders gefährlich. Weniger offen vielleicht. Weniger unmittelbar sichtbar. Aber darum nicht geringer in seiner Tragweite.“
Marabar legte den Kopf leicht schief.
„Das ist ein bemerkenswerter Satz für einen Meister der Zeit. Viele eurer Art pflegen ihre eigene Kunst mit einer solchen Selbstverständlichkeit zu betrachten, dass sie ihre Abgründe kaum noch wahrnehmen.“
„Zeit“, sagte Slonda, „berührt nicht bloß Abläufe. Sie berührt Erhaltung, Verfall, Dauer, Unterbrechung, Bindung, Wiederkehr. Wer an solchen Dingen arbeitet, greift nicht einfach nach Kraft, sondern nach Struktur. Und jede Kunst, die Struktur berührt, wird gefährlich, sobald sie in Hände gelangt, die mehr Begehren als Maß besitzen.“
Marabar nickte langsam.
„Nun sprecht ihr schon sehr viel klarer. Dann lasst uns ebenso deutlich sein. Beschwörung ist gefährlich, weil sie mit Wesen, Kräften und Schwellen arbeitet, die sich nicht zwingen lassen, ohne dass der Zwang selbst schon seinen Preis fordert und jeder Fehler grausame Folgen haben kann. Zeit ist gefährlich, weil sie nicht nur auf ein Ding wirkt, sondern auf dessen Verhältnis zu allem anderen. Insofern“, sagte er und faltete die Hände ineinander, „stehen wir beide vor demselben Problem, nur auf verschiedenen Seiten der Tür.“
Slonda sah ihn an.
„Welchem Problem.“
„Dass keiner von uns dem anderen etwas Harmloses geben kann.“
Wieder schwiegen beide.
Marabar fuhr schließlich fort:
„Wenn ich euch in die Grundlagen meiner Schule einweise, dann lehre ich euch nicht bloß Formeln, nicht bloß Namen, nicht bloß Verfahren, sondern eine Art, auf Grenze, Bindung und Gegenwart zu sehen, die euch verändern wird. Wenn ihr uns im Gegenzug in eure Kunst Einblick gewährt, so gebt ihr nicht bloß ein paar technische Kniffe preis, sondern Teile jener Ordnung, mit der ihr Dauer und Zusammenhang denkt. In beiden Fällen steht also mehr auf dem Spiel als bloße Gelehrsamkeit.“
„Ja“, sagte Slonda. „Genau das ist das Problem.“
„Nein“, sagte Marabar ruhig. „Das ist erst der Anfang des Problems.“
Slonda hob leicht die Brauen.
„Dann erläutert den Rest.“
„Der Rest“, sagte Marabar, „ist Vertrauen. Denn sobald wir einander zugestehen, dass beide Künste gefährlich sind, fällt jedes einfache Überlegenheitsgefühl dahin. Dann bleibt nur noch die Frage, ob zwei Männer einander genug zutrauen, um ein solches Wissen nicht nur zu empfangen, sondern auch zu begrenzen.“
Slonda ließ den Blick kurz zum Fenster gleiten, an dem der Regen in schmalen Bahnen hinabzog.
„Das heißt“, sagte er, „wir verhandeln nicht bloß Wissen gegen Wissen.“
„Nein“, sagte Marabar. „Wir verhandeln Vertrauen gegen Vertrauen.“
„Und wenn einer von beiden sich verrechnet.“
„Dann“, sagte Marabar, „wird der Fehler vermutlich groß genug sein, dass spätere Generationen ihn noch als Lehrsatz zitieren. Es wird ein Verrat sein, der groß genug ist um Geschichte zu schreiben, wann auch immer.“
Slonda musste wider Willen fast lächeln.
„Ihr versteht es, Dinge schwer klingen zu lassen, ohne sie ganz der Schwere zu überlassen.“
„Ich bin aus Sahretûn. Wir neigen dazu, dasselbe Gespräch gleichzeitig als Warnung und als Einladung zu führen.“
„Das habe ich bemerkt.“
Marabar betrachtete ihn offen.
„Dann versteht ihr nun wohl auch euer Dilemma.“
„Ja“, sagte Slonda. „Ich glaube, das tue ich.“
„Sagt es.“
Slonda schwieg einen Herzschlag lang, als wolle er hören, wie der Satz in ihm selbst klingt, ehe er ihn ausspricht.
„Wissen gegen Wissen“, sagte er dann. „Vertrauen gegen Vertrauen. Und auf beiden Seiten etwas, das groß genug ist, um missbraucht zu werden und die Grundfesten erschüttert.“
Marabar nickte.
„Nun sind wir endlich bei der eigentlichen Verhandlung angekommen.“
Marabars Blick ruhte lange auf ihm.
Dann neigte er langsam den Kopf.
„Dann, Meister der Zeit, Slonda, will auch ich offen antworten. Unter diesen Bedingungen und mit diesen Grenzen sind wir bereit, eine Übereinkunft zu treffen.“
Slonda atmete aus. Nicht erleichtert, nicht ganz. Eher so, wie ein Mann ausatmet, der soeben einer Sache zugestimmt hat, von der er weiß, dass sie ihn verändern wird.
„Dann sind wir einig.“
„Wir sind es.“
Wieder schwieg der Raum.
Diesmal jedoch anders. Nicht prüfend, nicht tastend, sondern mit jener merkwürdigen Schwere, die eintritt, wenn ein Gedanke aufhört, bloß Möglichkeit zu sein, und zu einer Handlung wird.
Dann stand Marabar auf.
Langsam, geordnet, als vollziehe er nicht einfach nur eine Bewegung, sondern bereits den ersten Schritt in eine neue Lage.
„Sofern ihr also bei diesem Entschluss verbleibt, Meister der Zeit, Slonda“, sagte er, „werden wir bereits morgen nach Sahretûn aufbrechen.“
Slonda sah zu ihm auf.
Und nun erst begriff er ganz, dass die Tür nicht bloß geöffnet worden war.
Er hatte soeben zugesagt, durch sie hindurchzugehen.
14
Er war sich sicher, dass er hier schon einmal gewesen war.
Die Vögel. Die Strömung. Der Geruch. Wenn du lange genug auf See gewesen warst, brauchtest du kein Land mehr, um zu wissen, wo du bist. Das Meer hatte seine eigenen Zeichen, und für Männer wie Kral, die mehr Jahre auf Planken und Salzwasser verbracht hatten als irgendwo an einem festen Ort, waren diese Zeichen deutlicher als jede Karte. Er war sich vollkommen sicher, dass sie richtig waren. Deshalb deutete er dem Kapitän des Schiffes an, die Segel zu reffen und die Fahrt zu drosseln. Er ließ einen Mann nach Untiefen und Riffen Ausschau halten, und tatsächlich dauerte es nicht lange, bis erste Inseln in Sicht kamen.
Kleine, bewaldete Inseln zuerst, mit niedrigen Hügeln in ihrer Mitte, hellen Sandstränden und Riffen ringsum, die das Wasser an manchen Stellen in grünliches Glas verwandelten und an anderen in eine tückische, weiß schäumende Linie. Vorsichtig kreuzten sie weiter, von den kleineren Inseln zu den größeren, und je länger Kral hinsah, desto fester wurde das Wissen in ihm.
Er war schon einmal hier gewesen.
Nach einigen Stunden des vorsichtigen Suchens fand er schließlich, was er gesucht hatte.
Die Insel.
Die Insel, auf der sie gestrandet waren.
Sie waren endlich angekommen.
Und nun, dachte Kral, was jetzt.
Darüber hatte er sich erstaunlich wenig Gedanken gemacht. Es war eine Sache gewesen, den Ort wiederzufinden. Eine ganz andere, zu wissen, was man tat, wenn man ihn wirklich erreicht hatte. Während er noch darüber nachdachte, bemerkte er, wie die Magier sich vorbereiteten. Sie sammelten sich, machten Zeichen in die Luft, murmelten Worte, die für Kral immer ein wenig danach klangen, als würden Menschen mit Unsichtbarem über die Bedingungen eines Streits verhandeln. Dann wurde ein kleines Boot zu Wasser gelassen.
Die Magier stiegen hinunter.
Nur die Magier.
Und alle Augen an Deck richteten sich auf ihn.
„Och nein“, murmelte Kral.
Natürlich musste er mit.
Er wäre sehr viel glücklicher gewesen, wenn das Schiff sich einfach von hier hätte abwenden können, ohne Magier, ohne Insel, ohne jede weitere Erinnerung an jene fremden Wesen, die er damals an Bord genommen hatte. Aber das Schicksal hatte noch nie besonders viel Rücksicht auf seine Wünsche genommen, und so stieg er widerwillig ebenfalls in das Boot.
Zuerst dachte er, sie hätten ihn wegen der Ruder mitgenommen.
Doch es gab keine Ruder.
Auch keine Segel.
Nur drei Augenpaare, die auf ihn gerichtet waren.
Er blickte zurück.
„Wohin nun, Käptain Kral“, fragte ihn eine der Frauen, Son, wenn er sich recht erinnerte.
Kral hob die Hand und zeigte auf eine der Inseln in der Entfernung.
Im selben Augenblick setzte sich das Boot in Bewegung.
Ohne Ruder.
Ohne Segel.
Einfach so.
Gespenstisch glitt es über das Wasser, als wäre es nicht gebaut, um zu fahren, sondern um zu gehorchen. Kral bemühte sich, nicht allzu deutlich zu zeigen, wie unwohl ihm das war. Stattdessen achtete er auf die anderen Inseln, auf den Strand, auf die Wasserlinien zwischen den Riffen. Ob er jemanden erkennen konnte. Irgendetwas. Doch nichts zeigte sich offen.
Und gerade deshalb war ihm klar, dass sie beobachtet wurden.
Von weit her sah er sie dann am Strand warten.
Ungeduldig.
Bewaffnet.
Wie Tiger, dachte Kral, die sich nicht sicher sind, ob sie den Eindringling schon jetzt zerreißen sollen oder ob es mehr Spaß macht, ihn erst noch ein paar Schritte näher kommen zu lassen. Speere standen in ihren Händen. Die Haltung ihrer Körper sagte genug. Als Kral dann ins Wasser blickte, sah er zwischen den Fischen noch andere Bewegungen. Etwas, das unscharf neben ihnen glitt, kaum deutlich genug, um sicher zu sein, und doch reichte es aus, damit ihm ein mulmiges Gefühl den Magen hinabkroch. Er war überzeugt, dass sie schon seit geraumer Zeit von jenen Wesen verfolgt wurden, die er damals mitgenommen hatte.
Jeden Augenblick, dachte er, springt etwas aus dem Wasser und schneidet mir die Kehle durch.
Doch nichts dergleichen geschah.
Noch nicht.
Als sie anlegten, wurden sie von einer Meute empfangen, die wenig freundlich dreinblickte und durch Gesten, durch erhobene Waffen, durch die Spannung in jedem einzelnen Körper mehr als deutlich machte, dass die Eindringlinge verschwinden sollten.
Roto ließ sich davon nicht beeindrucken.
Natürlich nicht.
Der Narr.
Mit erhobenen Händen ging er auf die Inselbewohner zu. Langsam. Ohne jede Hast, mit jener stoischen Ruhe, die Kral in diesem Augenblick beinahe mehr erzürnte als die Speere.
„Wir sind hier“, sagte Roto langsam und blickte sich kurz hilfesuchend nach Kral um, als hoffe er, die richtigen Worte würden ihm auf einmal aus dem Gesicht des Seemanns entgegenfallen. „Wir sind hier, weil wir jemanden suchen. Zwei Gestalten.“
Er hob die Hand über seinen Kopf, um die Größe anzudeuten.
„Nicht finden werdet ihr Kaula hier“, sagte der alte Mann, den Kral bereits kannte. „Wieder gehen.“
Roto lächelte.
Er freute sich tatsächlich darüber, dass ihn jemand verstand.
Mit einer Geduld, die an Dickköpfigkeit grenzte, begann er noch einmal, sein Anliegen zu erklären. Er ließ sich durch das Abwimmeln des Alten nicht abschrecken. Er sprach ruhig, langsam, freundlich, beinahe wie ein Erwachsener mit einem störrischen Kind.
„Weg du“, sagte der Alte nur wieder.
Dann zeigte er auf Kral.
„Und du. Gebrochen Versprechen.“
Kral starrte ihn an und hob verteidigend die Schultern, als könne diese Geste irgendein Gewicht gegen alte Kränkung haben.
„Wir suchen große Wesen“, begann Roto wieder.
Doch da wusste Kral bereits, was nun kam.
Die Einheimischen zogen sich plötzlich zurück.
Nicht panisch.
Nicht fliehend.
Eher so, wie sich Tiere zurückziehen, wenn sie einen größeren Kreis um ihre Beute schließen wollen. Son und Indra fuhren sofort herum. Auch Roto hielt inne und sah dem alten Mann nach. Kral stand zwischen den Magiern und spürte, wie sich ihm die Haut am Rücken zusammenzog.
Dann kamen sie.
Aus dem Wasser.
Aus dem Wald.
Von überallher.
Zuerst waren sie kaum von ihrer Umgebung zu unterscheiden, so verschmolzen sie mit Wasser, Schatten und Bewegung. Dann wurden sie deutlicher. Blaue Haut. Vollständige Nacktheit. Gewellte Messer in den Händen. Lange, schlanke Körper. Spitzen, die über ihren Köpfen aufragten. Kral wusste nicht einmal sicher, ob es Schmuck, Knochenfortsätze oder etwas ganz anderes waren. Jedenfalls standen sie nun um die Magier herum.
„Magier“, sagte eines der Wesen. „Warum seid ihr hier. Ihr wollt uns töten. Dann seid ihr zu wenige.“
Roto begriff sofort, dass dies kein Augenblick für Trotz war.
Er richtete sich auf und streckte beide Handflächen nach vorn.
„Wir sind in friedlicher Absicht gekommen“, sagte er. „Nicht um jemanden zu töten.“
„Ihr vielleicht nicht“, sagte das Wesen. „Dann die, die nach euch kommen. Magiern kann man nicht trauen.“
Dann trat aus dem Wasser eine zweite Gestalt.
Größer als die anderen.
Deutlich größer.
Und sofort war klar, dass sie eine besondere Stellung einnahm. Die anderen gaben ihr unmerklich Raum. Ihre Haltung war ruhiger, ihr Blick klarer, ihre Gegenwart schwerer. Sie trat näher, und Kral spürte, wie selbst Son und Indra sich innerlich anspannten.
„Magier“, sagte das größere Wesen. „Warum. Ist das nicht offensichtlich. Ihr wollt uns töten, uns vernichten, uns nehmen, was uns gehört. Ihr habt uns schon immer gehasst und verfolgt. Jahrtausende wollt ihr uns ausrotten, mit euren Dämonen, mit eurem Feuer, mit allem, was ihr zum Töten verwendet. Ihr seid unser Feind.“
Nun war Fingerspitzengefühl gefragt.
Und Diplomatie.
Roto wusste das.
Zumindest hoffte Kral das.
„Wir sind nicht gekommen, um euch auszulöschen“, sagte Roto. „Wir sind gekommen, weil einer unserer Freund Kol getötet wurde. Ich würde gerne verstehen, warum.“
Die Wesen hielten inne.
Nicht entspannt, nicht ruhig, aber doch einen Herzschlag weniger auf unmittelbaren Angriff gestellt.
Dann geschah etwas Unerwartetes.
Eine zweite, kleinere Gestalt tauchte plötzlich neben dem größeren Wesen auf, packte es am Arm und zischte ihm etwas zu. Kral erkannte sie sofort. Es war eines der Wesen, die er damals auf sein Schiff genommen hatte. Weiblich, daran gab es keinen Zweifel, und sein Magen verkrampfte sich kurz bei dem Gedanken, dass es ihn offenbar ebenfalls erkannt hatte.
Das größere Wesen zögerte.
Blickte zu der Kleineren.
Dann wieder zu den Magiern.
Und als es das nächste Mal sprach, klang die Stimme anders.
Nicht weich. Aber schwerer.
„Aus Angst“, sagte er. „Aus Angst wurde dein Freund Kol getötet.“
Es suchte kurz nach dem richtigen Wort und fand es nicht gleich.
„Aus reiner Furcht, entdeckt worden zu sein.“
Die Wesen um sie herum ließen die Messer sinken.
Nicht ganz. Nicht vollständig. Aber genug, um zu zeigen, dass die Lage sich verschoben hatte.
„Wir sind kein kriegerisches Volk“, sagte das größere Wesen nun mit offenem Zorn. „Aber wir verteidigen uns, wenn wir angegriffen werden.“
Dann kam noch etwas in seine Stimme, das Kral bei solchen Gestalten nicht erwartet hatte.
Sorge.
„Meine Tochter“, sagte er. „Sie war dabei. Sie und ihr Mann.“
Es sah die Magier nun nicht mehr an wie Feinde, sondern wie Werkzeuge, die man vielleicht widerwillig benutzen musste.
„Er braucht Hilfe“, sagte er. „Er liegt im Sterben.“
15
Anadar und Prinz Zarad verbrachten einige Tage miteinander in Zoordak.
Der Dunkelelf schob seine Abreise immer wieder hinaus, und die Gründe, die er dafür nannte, waren so höflich wie fadenscheinig. Ein Gespräch, das noch nicht zu Ende geführt sei. Eine Beobachtung, die ihn noch interessiere. Eine Frage, die er Mutter gern noch gestellt hätte, wäre sie bei Kräften gewesen. In Wahrheit war es etwas sehr viel Einfacheres. Neugier. Zarad wollte die Welt an der Oberfläche kennenlernen, die Magier, ihre Schulen, ihre Ordnung, ihre Schwächen und ihren Stolz. Und er wollte Anadar als Person kennenlernen.
Anadar hätte dasselbe von sich behaupten können.
Er war fasziniert von diesem Fremden, der ihm in vielem vollkommen anders und in manchem doch erstaunlich ähnlich war. In Zarad lag jene Form von Würde, die nicht laut auftrat und gerade deshalb umso deutlicher spürbar war. Er musste nichts beweisen. Er stand einfach da und war, was er war. Das achtete Anadar. Und Zarad wiederum schien an Anadar jene Mischung aus Wissbegier, Kraft und Unruhe zu schätzen, die ihn immer wieder an neue Grenzen trieb, auch wenn er noch nicht wusste, ob sie ihn eines Tages retten oder verderben würde.
So lernten sie einander kennen.
Sie führten lange Gespräche, die oft bei einer einfachen Frage begannen und sich bald in Dinge verzweigten, die weder mit Alltag noch mit Politik allein zu tun hatten. Sie sprachen über Herrschaft, über Verantwortung, über Erinnerung und darüber, was ein Volk zusammenhält, wenn nicht bloß Blut und Herkunft, sondern gemeinsamer Verlust. Anadar erfuhr von der Geschichte der Dunkelelfen, von Erbfolgen, von alten Bündnissen und noch älteren Feindschaften, von jenen Linien der Treue und Kränkung, die bei solch alten Völkern nie ganz verschwanden, sondern nur tiefer in ihre Geschichten einsanken. Im Gegenzug gab Anadar Auskunft über die Schulen, über ihre Strömungen, die handelnden Personen, die Eitelkeiten der Konklave, die offeneren und die verborgeneren Konflikte.
Gerade die Frage der Magie führte sie immer wieder zueinander zurück.
Denn Zarads Art, Magie zu wirken, unterschied sich grundlegend von der Herangehensweise der menschlichen Magier. Dunkelelfen arbeiteten nicht mit Schriftrollen oder jenen äußeren Hilfen, die in den Schulen als selbstverständlich galten. Sie wirkten Magie freier, unmittelbarer, mehr aus einer Verbindung von Ritual, Bewegung und innerer Sammlung heraus. Die Energie wurde nicht von außen gefasst, sondern im Körper selbst verdichtet, geführt und geordnet.
Anadar hatte dies zum ersten Mal wirklich beobachtet, als Zarad an Mutters Bett stand.
Der Dunkelelf hatte einen Zauber gewirkt, nur um sie zu stützen, ihr etwas Kraft zu geben, vorsichtig und maßvoll, fast tastend, alldieweil er sich mit menschlicher Physiologie nicht gut genug auskannte, um mehr zu wagen. Der Zauber hatte nur wenig Wirkung gezeigt, doch geschadet hatte er ihr nicht, wie Isidre es mit trockenem Ernst formuliert hatte, und allein schon dies war unter den Umständen Grund genug, ihn zu achten.
So kam es, dass die beiden Männer im Frühling von Zoordak einander kennen und respektieren lernten.
Vor allem Anadar, ganz und gar Magier und bis ins Innerste wissbegierig, lenkte seine Fragen immer wieder auf die Anwendung von Magie und darauf, was mit ihr alles bewirkt werden konnte. Zarad beantwortete manches bereitwillig und wich anderem ebenso höflich wie bestimmt aus. Umgekehrt war er sehr darauf bedacht zu hören, welche Künste unter den Menschen noch gepflegt wurden und welche nicht mehr.
Eines Tages kamen sie wieder auf Beschwörungen zu sprechen.
„Ich bin froh“, sagte Zarad, „dass Beschwörungen in eurer Zeit nicht mehr gewirkt werden.“
Anadar antwortete nicht sofort.
„Nicht zu unserer Zeit“, sagte er dann vorsichtig. „Das Wissen war lange verschollen. Aber es gibt seit einiger Zeit immer wieder Phänomene, die darauf hindeuten, dass altes Wissen erneut auftaucht.“
Zarad sah ihn an.
„Das ist verdächtig.“
„Ja.“
„Gibt es dahinter ein System. Oder ist es willkürlich.“
Anadar dachte kurz nach.
„Diese Frage beschäftigt mich schon länger. Wir konnten zwei Bücher aus zwei verschiedenen Schulen sicherstellen. Gut erhalten. Zu gut erhalten. Und beide enthielten Wissen, das in unserer Zeit eigentlich nicht mehr vorhanden sein sollte. Noch schwerer wiegt, dass beide in den Händen von Menschen waren, die damit nicht verantwortungsvoll umgingen. Das klingt für mich nicht nach Zufall.“
„Nach einem Muster also.“
„Vielleicht. Noch sehe ich es nicht deutlich genug.“
Zarad schwieg einen Augenblick, dann fragte er:
„Könnt ihr die Vergangenheit eines Objektes sehen.“
Anadar blickte ihn fragend an.
„Es gibt eine Möglichkeit“, sagte Zarad, „die wir verwenden, um die Vergangenheit eines Ortes sichtbar zu machen. Wir nutzen sie in Tunneln, Höhlen und alten Gängen. Man sieht ihnen nicht immer an, welche Erdstöße sie in der Vergangenheit durchgemacht haben, wo sie schwach geworden sind, welche Bewegungen das Gestein bereits hinter sich hat. Es ist nützlich. Es kann Leben retten. Wenn man nicht weiß, was sich in einer Höhle verbergen mag, ob dort etwas gehaust hat oder noch haust. Manche dieser Teufel sind listig, und einige der Lavadrachen sehr erfinderisch, wenn sie hungrig sind.“
Anadar runzelte die Stirn.
„Wie funktioniert das.“
Zarad hob leicht die Brauen.
„Wie meint ihr das.“
Für einen Herzschlag blickten beide einander nur an.
Dann begriffen sie gleichzeitig, dass schon die Frage selbst verriet, wie grundlegend verschieden ihre Herangehensweise an Magie war.
„Es ist so“, sagte Zarad, „dass jeder Körper, jede Materie, eine Signatur hinterlässt. Eine Aura. Ein Echo in einem Raum. Nicht stark genug, um ohne weiteres sichtbar zu sein, aber stark genug, um gebunden und hervorgeholt zu werden, wenn man weiß, wie.“
Anadar blickte ihn aufmerksam an.
„Wartet“, sagte Zarad. „Ich kann es euch zeigen.“
„Ihr seid raffiniert.“
Ein schmales Lächeln trat in Zarads Gesicht.
„Lasst uns gehen.“
Sie begaben sich in jenen Raum, in dem Mutter niedergestochen worden war.
Als sie eintraten, lag noch immer etwas in der Luft, das über die bloße Erinnerung hinausging. Die Stille hatte dort eine andere Schwere als in den übrigen Sälen. Selbst Anadar, der den Raum seitdem kaum noch hatte betreten können, ohne dass sich sein Inneres zusammenzog, spürte wieder augenblicklich, wie nah hier Liebe, Gewalt und Verlust beieinander gelegen hatten.
Zarad ließ die Fenster verdecken und verdunkelte den Raum weiter, bis nur noch ein gedämpftes Restlicht blieb.
Dann begann er.
Zuerst sammelte er sich nur. Murmelte leise, kaum hörbar, und Anadar sah, wie in seiner Brust ein kleines blaues Leuchten aufstieg. Nicht als Blitz, nicht als Funke, eher wie ein inneres Glimmen, das sich bündelte und konzentrierte. Der Dunkelelf stand ruhig, mit jener eigenartigen, geschlossenen Körperhaltung, die verriet, dass für ihn Magie nicht bloß ein Akt des Wirkens, sondern ein Zustand der Sammlung war.
Als genug Energie in ihm gewachsen war, veränderte sich etwas.
Die Stimme wurde anders. Rascher. Härter im Takt. Zugleich begannen sich Arme und Finger in Bewegungen zu entfalten, deren Sinn Anadar nicht verstand, deren Präzision ihn aber augenblicklich fesselte. Zwischen Zarads Fingern bildeten sich blaue Fäden aus Energie, erst fein wie Spinnseide, dann klarer, dichter, gespannter.
Mit Worten, die Anadar nicht verstand, ließ Zarad sie los.
Die Fäden spannten sich durch den Raum.
Sie legten sich über Wände, Boden und Luft, als zögen sie ein Netz aus schimmerndem Blau über alles, was hier jemals geschehen war. Der Raum wurde in dieses kalte, sanfte Licht getaucht, und dann begann es.
Es lief rückwärts.
Anadar sah zunächst nur verschwommene Schatten, Schemen von Menschen, die den Raum betraten oder verließen. Bewegungen ohne Schärfe. Nur Hauch und Richtung, kaum Person. Dann wieder lange nichts. Nur Leere und stilles Licht. Hin und wieder huschte jemand hindurch, zu undeutlich, um Bedeutung zu tragen.
Dann wurden die Bilder dichter.
Er sah, wie Mutter auf einer Bahre getragen wurde. Rückwärts. Wie Xiodrie mit einer Wildheit um ihr Leben kämpfte, die Anadar noch einmal neu beeindruckte, jetzt, da er sie nicht nur aus Erzählung, sondern als Echo im Raum sah. Alles blieb unscharf, ausgefranst, nur angedeutet. Keine Gesichter. Keine klaren Hände. Keine einzelnen Gerätschaften. Und doch wurde ihm eindrucksvoll vor Augen geführt, was diese Frau dort geleistet hatte.
Dann kam der Augenblick.
Er sah die Gestalt.
Er sah, wie jemand Mutter erstach.
Nicht scharf. Nicht klar genug für ein Gesicht. Nur eine Silhouette. Ein Körper. Eine Bewegung.
Das Bild lief rückwärts, und die Gestalt ging aus dem Raum, nicht in Hast, nicht in geordneter Ruhe, sondern in einer Art stockendem, zögerndem Gang, der Anadar sofort traf. Etwas daran war ihm vertraut. Er konnte nicht sagen, wem es gehörte. Nicht sicher. Aber er kannte diesen Gang.
Da war er sich sicher.
Anadar trat unwillkürlich einen Schritt näher, als könne er so aus dem blauen Echo mehr herauszwingen. Doch das Bild blieb schemenhaft, und bald löste es sich wieder in flüchtige Schatten auf.
Der Raum wurde still.
Nur das blaue Netz zitterte noch schwach, ehe auch dies nach und nach verblasste.
Zarad ließ die Arme sinken.
Anadar stand einen Moment lang reglos da und starrte an die Stelle, an der die Gestalt eben noch zu sehen gewesen war.
„Ich kenne diese Person“, sagte er schließlich leise.
Zarad sah ihn an.
„Ihr habt ein Gesicht erkannt.“
„Nein.“
„Eine Haltung.“
„Auch nicht.“
Anadar schüttelte langsam den Kopf.
„Etwas am Gang. Etwas an der Bewegung. Es war falsch. Stockend. Zögernd. Aber nicht fremd.“
Zarad schwieg kurz.
„Dann wisst ihr nun mehr als zuvor.“
Anadar atmete aus.
„Ja. Und noch immer nicht genug.“
Er blickte wieder in die Leere des Raumes.
Nun war nicht nur klar, dass Mutter von jemandem angegriffen worden war, den sie an sich herangelassen hatte. Es war auch klar, dass dieser Jemand sich nicht natürlich bewegt hatte. Etwas hatte die Bewegung gebrochen. Etwas hatte den Körper gestört, geführt oder gegen sich selbst arbeiten lassen.
Und das gefiel Anadar ganz und gar nicht.
16
Sie nahmen ihn auf.
Was blieb ihnen auch anderes übrig. Er war da. Er hatte den Weg in ihre Stadt gefunden, auf eine Weise, die sie nicht mehr für möglich gehalten hatten, und nun stand er in ihrer Mitte, halb Fremder, halb Beweis dafür, dass selbst das Undenkbare noch geschehen konnte. Also hießen sie ihn willkommen und machten ihn zu einem von ihnen.
Fantor wurde in den Künsten der Beschwörer unterwiesen.
Olven wurde sein Lehrmeister.
Die ersten Riten waren keine der Macht, sondern der Form. Initiationen, bei denen ihm der Kopf geschoren wurde, bis keine Spur seines alten Äußeren mehr übrigblieb und er sich fortan Anwärter aus Sahretûn, Fantor, nennen durfte. Es begann mit Schutzzaubern und dem Kodex. Nicht mit Ruhm. Nicht mit Dämonen. Nicht mit Größe. Sondern mit Verhalten, Umgang, Pflicht, Grenze, Verantwortung. Fantor hatte zu Beginn den Eindruck, dass sich alles nur darum drehte, wie sehr diese Menschen ihre Kunst einschränkten, doch nach und nach begriff er, dass es ihnen gar nicht in erster Linie darum ging, etwas schlicht zu verbieten. Es ging um etwas anderes. Darum, dass, wenn einer etwas tat, er es im Hinblick auf den Kodex zu verantworten hatte.
Darauf lief alles hinaus.
Nicht, dass etwas unmöglich war.
Sondern dass derjenige, der es tat, imstande sein musste, die Last dieser Tat vor sich, vor den anderen und vor dem Werk selbst zu tragen.
Zeit war dabei kein wirklicher Begriff.
Jedenfalls keiner, den Fantor in Sahretûn sinnvoll hätte benutzen können. Man erklärte ihm immer wieder, die Kerkerdimension stehe außerhalb der Zeit, oder vielleicht richtiger: jenseits dessen, was gewöhnliche Wesen als Zeit empfanden. Das Konzept entzog sich ihm. Es war ihm auch gleich. Er aß, wenn er Hunger hatte. Schlief, wenn Erschöpfung ihn niederdrückte. Lernte, wenn Olven ihn rief. Das genügte.
Nach dem Kodex kamen die Schutzzauber.
Alle Arten von Schutz.
Nicht als Verzierung, nicht als Beiwerk, sondern als eigentlicher Kern der Ausbildung. Schutz, falls eine Beschwörung schieflief. Schutz, falls ein anderer Dämon mit hindurchschlüpfte. Schutz, falls eine Beschränkung nicht sauber saß. Schutz, falls die Bannung nicht griff. Schutz, falls der Ruf zu weit reichte. Man brachte ihm das Notwendige für den Fall bei, dass etwas misslang. Alles war auf Schadensbegrenzung ausgerichtet. Zuerst darauf, Kollateralschäden zu vermeiden. Erst in zweiter Linie auf die persönliche Sicherheit des Beschwörers.
Dann kam die nächste Stufe.
Nach einiger Zeit durfte er sich Aklove aus Sahretûn, Fantor, nennen.
Diese Initiation war schmerzhafter.
Denn bei ihr wurden ihm die Zähne angespitzt. Langsam, sorgfältig und mit einer Grausamkeit, die in Sahretûn nicht einmal als solche empfunden wurde, alldieweil Schmerz dort selten als Gegenargument galt, solange er Form hatte. Es war eine sehr schmerzhafte Prozedur. Fantor erinnerte sich später kaum noch an die einzelnen Handgriffe, nur an das Ziehen, die Hitze, das Blut im Mund und an die seltsame Würde, mit der alle Beteiligten taten, als sei dies keine Verstümmelung, sondern eine Verfeinerung.
Dann begannen die Beschwörungen selbst.
In der Kerkerdimension waren sie in mancher Hinsicht einfacher. Sahretûn war von Dämonen umgeben. Sie mussten nicht erst durch ungeheure Distanzen gerufen werden, sondern wurden in einen bestimmten Raum beschworen, einen, aus dem es für sie kein leichtes Entkommen gab, solange die Bannung hielt. Das machte die Sache nicht harmlos. Nur unmittelbarer.
Alles war auf Vorsicht ausgelegt.
Auf äußerste Vorsicht.
Es gab Übungen, in denen Fantor eine Beschwörung wob und Olven ihm mitten in die Konzentration mit einem Stock gegen Schulter, Rücken oder Handgelenk schlug, nur um ihn aus dem Takt zu bringen. Um Fehler zu verursachen. Um zu sehen, ob seine Ordnung auch dann hielt, wenn etwas störte. Er wurde darin trainiert, unter Unruhe sauber zu bleiben. Unter Schmerz. Unter Überraschung. Unter Angst.
Auf jede Einzelheit wurde Wert gelegt.
Jede Beschränkung wurde erklärt.
Jede Bannlinie.
Jede Formulierung.
Und zuerst das Bannen.
Immer zuerst das Bannen.
Da verstand Fantor schließlich, was er damals in seinem Turm mit Naaarstr falsch gemacht hatte. Er war zu unvorsichtig gewesen. Viel zu unvorsichtig. Von all dem stand nichts in dem Buch, oder jedenfalls nicht so, dass ein Narr wie er es als Warnung gelesen hätte. Er hatte einen Dämon beschworen ohne Vorsichtsmaßnahme. Das Opfer war verblutet und gestorben, und das bedeutete, dass er einen Dämon ganz in die Welt gesetzt hatte. Fast ganz. Mit Lebensfunken. Mit Substanz. Ohne saubere Rückbindung. Ohne ihm wirkliche Grenzen zu setzen. Ohne ihn an eine Bannung zu ketten, die diesen Namen verdient hätte.
Er hatte einen Dämon in die Welt gesetzt ohne Rückfahrschein.
Einen Dämon, der nicht mehr auf seinen Beschwörer hören musste.
Und genau das hatte Naaarstr im ersten Augenblick getan, in dem ihm seine Lage bewusst geworden war. Er hatte Fantor nicht gedient. Er hatte ihn ersetzt. Später begriff Fantor auch, dass Naaarstr kein wirklich großer Dämon gewesen war. Nicht einer der Mächtigen. Nicht einer der Gehörnten, deren Namen jeder Beschwörer kannte. Und gerade deshalb war er so schnell in Gefahr geraten, weil er in einer Umgebung gelandet war, die ihm fremd war. Noch ehe er wirklich begriff, wo er sich befand und wie mächtig und frei er war, hatte Anadar ihn bereits in einen Gegenstand gebannt.
Das allein erschütterte die Beschwörer bis ins Mark.
Jeder von ihnen war sich eigentlich sicher, dass so etwas nicht möglich sei. Seit sie es mit eigenen Augen gesehen hatten oder jedenfalls Fantors Bericht und das Schwert selbst vor sich hatten, diskutierten sie immer wieder darüber, wie dies möglich gewesen war. Sie versuchten es zu reproduzieren. Immer wieder. Und scheiterten jedes Mal. Es wäre so viel einfacher gewesen, hätten sie Anadar direkt fragen können, doch genau das lag außerhalb ihrer Welt.
Was Fantor ebenfalls lernte, war die Bedeutung von Blut.
Blut und Blutmenge waren elementar.
Je mehr Blut bei einer Beschwörung floss, desto mehr Substanz ging vom Dämon mit über. Nur ein Hauch, und man erhielt kaum mehr als einen Schatten, ein dünnes, schwaches Wesen, das wenig vermochte. Mehr Blut, und mehr Substanz wurde übertragen. Das Töten des Blutopfers veranlasste, dass der Dämon ganz überging, ganz aus der Kerkerdimension.
Fantor verstand es nun.
Zu spät.
Er war sich plötzlich sicher, dass diese Warnung im Buch gestanden hatte. Irgendwo. In einer Formulierung, die er überlesen, abgekürzt oder in seinem Stolz einfach missachtet hatte. Er hatte nicht aufgepasst. Und so lernte er nun rückwärts, was er falsch gemacht hatte.
Immer wieder beschwor er Dämonen.
Mit Grenzen.
Mit Limitationen.
Mit Bannungen, Rückbindungen, Notfallformen.
Und er wurde bald sehr geschickt darin. Olven war zufrieden mit seinem Schüler, und so stieg Fantor auf. Die dritte Initiation brachte ihm den Rang Adept aus Sahretûn, Fantor. Seine Zunge wurde gespalten, und das war abermals eine Qual, von der er noch lange beim Sprechen, Schlucken und selbst im Schweigen wusste. Von nun an ging es nicht mehr nur darum, einen einzigen Dämon zu beschwören, sondern mehrere.
Das war eine eigene Kunst.
Komplexer.
Gefährlicher.
Viel leichter aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Nicht nur einmal ging es schief. Nicht nur einmal ging zu viel von einem Dämon mit hindurch. Nicht nur einmal war einer oder waren beide ungebunden. Nicht nur einmal versagte eine Bannung, die auf dem Boden vollkommen sauber ausgesehen hatte. Doch auch diese Stufe meisterte er.
Dann kam die vierte Initiation.
Von nun an durfte er sich Schüler aus Sahretûn, Fantor, nennen. Die Tätowierungen kamen, jene feinen Linien in Hautnähe, die im Licht bald silbern, bald golden schimmerten, und damit durfte er sich an die Gehörnten heranwagen. An die wirklich Mächtigen. Jene, von denen es nur wenige gab und deren Namen jeder kannte.
Sie waren stark.
Unglaublich stark.
Und beinahe nicht zu beherrschen.
Vor allem aber waren sie intelligenter als alles andere, was er zuvor gerufen hatte. Sie beeinflussten einen nach der Beschwörung, ganz gleich, wie sehr man sie mit Restriktionen belegte. Sie waren im Kopf. Nicht nur als Stimme, sondern als Gegenwart. Sie kämpften unaufhörlich. Gegen Aufmerksamkeit. Gegen Klarheit. Gegen jede ruhige Ordnung. Das war unheimlich, und es verlangte von Fantor eine volle Konzentration, wie er sie früher nie für möglich gehalten hätte. Doch er brachte sie auf. Wieder und wieder. Nach einiger Zeit meisterte er auch dies.
Und das bedeutete für ihn die fünfte Initiation.
Den Stab.
Mit der weißen Kugel am oberen Ende und der dunklen am unteren.
Von nun an war er Meister aus Sahretûn, Fantor.
17
Nachdem Anadar gegangen war, blieb Shara zurück.
Die ersten Stunden waren stiller, als sie es erwartet hatte. Nicht äußerlich. In der Feurigen Feste war immer etwas in Bewegung, Stimmen in den Gängen, Schritte auf Stein, das ferne Klirren von Metall, das Murmeln von Unterricht, das Knistern von Feuerstellen. Doch in ihr war eine andere Stille eingetreten. Auch ihr fehlte die Präsenz der Mutter. Auch sie hatte erst in dem Augenblick, da diese fort war, ganz begriffen, wie sehr sie immer dagewesen war. Nicht aufdringlich, nicht besitzergreifend, nicht einmal ständig spürbar, und doch wie ein warmer, goldener Grundton unter allem, eine Gewissheit, dass da jemand war, der die Fäden hielt oder zumindest verstand, warum sie liefen, wie sie liefen.
Nun war dieser Grundton verschwunden.
Und zunächst fühlte Shara sich leer.
Leer und einsam.
Doch diese Leere blieb nicht lange leer. Denn kaum war Anadar fort, kaum hatte die erste Nacht sich über die Feste gelegt und sie allein in ihrem Bett gelegen, spürte sie deutlicher als je zuvor, was sie unter dem Herzen trug. Nicht nur Leben. Nicht nur Wärme. Nicht nur die ferne, dunkle Gewissheit eines kommenden Kindes. Nein. Es war mehr. Da war Bewusstsein. Noch klein. Noch nicht in Worten. Noch nicht in Gedanken, wie Erwachsene sie kannten. Aber doch schon da. Ein stilles, wachsendes Selbst, das sie spürte und das sich an sie erinnerte, als habe es sie nie nicht gekannt.
Und so begann zwischen ihr und ihrer Tochter etwas zu entstehen, das nicht bloß körperlich war.
Eine Bindung.
Tief. Fest. Wortlos. So unmittelbar, dass Shara manchmal mitten am Tag innehielt, weil sie auf einmal dieses leise innere Berühren fühlte, wie ein vorsichtiger Gedanke aus einer Tiefe, die zugleich ganz nah war. Es machte sie ruhiger, als sie es selbst erwartet hätte. Es machte sie zugleich empfindsamer. Weicher nicht. Niemals weich. Aber innerlich weiter.
Tagsüber füllte sie ihre Zeit mit Arbeit.
Entweder begleitete sie Manador und half ihm bei den Geschicken der Feurigen Feste, oder sie saß mit Sinadie zusammen, und gemeinsam unterrichteten sie die Wassermagierin in den Dingen, die ihr bisher fremd waren. Alles, was Kampf und Taktik betraf. Alles, was mit Stellung, Bewegung, Sichtlinien, Druck, Rückzug und der inneren Ordnung eines Schlachtfeldes zu tun hatte. Sinadie erwies sich dabei als geschickte Schülerin. Sie begriff Dynamik und Statik eines Gefechts fast sofort, jedenfalls in der Theorie, und sie besaß einen nüchternen Blick für Kräfteverhältnisse, der Shara beeindruckte.
Die eigentliche Kampfausbildung wurde vorerst zurückgestellt.
Nicht nur bei Sinadie, sondern ebenso bei Miene und Sindra. Es gab anderes, das Vorrang hatte. Wissen, das schneller aufgenommen werden musste. Strukturen, die gelegt sein wollten, bevor man Hände, Muskeln und Instinkt bis ins Letzte formte.
Auch die Lichtmagie blieb Teil ihres Tages.
Shara tat sich nicht schwer mit ihr. Mehr noch, sie wurde sehr geschickt darin. Es lag ihr. Vielleicht nicht auf die suchende, tiefe Weise, auf die Anadar jede Magie in sich hineinzog und in ihre Einzelteile zerlegte. Aber doch mit jener Präzision und Selbstverständlichkeit, die immer ihre Stärke gewesen war. Sie lernte sie rasch, setzte sie sauber um, und binnen kurzer Zeit war ihr vieles so vertraut, als hätte sie es nie nicht gekonnt.
Doch wofür ihr Herz wirklich brannte, waren die Abende.
Die Stunden, wenn die Feste ruhiger wurde, wenn die anderen sich zurückzogen, wenn auf den Gängen weniger Bewegung war und die Nacht sich um Mauern und Türme legte. Dann wandte sie sich ihren Studien der Beschwörung zu.
Zuerst mit Vorsicht.
Dann mit wachsender Kühnheit.
Sie wagte sich an die schwierigeren Kapitel der Beschwörungen heran und meisterte sie mit einer Leichtigkeit, die sie selbst beunruhigt hätte, wäre sie nicht zugleich so berauschend gewesen. Sie konnte Dämonen beschwören und bannen, ohne große Probleme, beinahe ohne Zögern, beinahe ohne jene tastenden Fehler, die sonst jede neue Kunst begleiten. Es war, als flösse ihr dieses Wissen einfach zu. Sie musste es nicht wieder und wieder nachlesen. Sie musste es kaum noch aufschlagen. Es war in ihrem Kopf. Die Abläufe. Die Beschränkungen. Die Formeln. Die feinen Unterschiede zwischen einem Ruf, der nur tastet, und einem, der greift. Zwischen einer Bannung, die hält, und einer, die nur so aussieht.
Sie war sich sicher in dem, was sie tat.
Und so übte sie jeden Abend.
Je mehr sie übte, desto mehr öffnete sich ihr Geist dafür. Es war nicht nur ein Lernen. Nicht einmal nur ein Verstehen. Es war, als dränge etwas in ihr der Kunst entgegen, als finde ihr Denken in dieser Schule eine Tür, die längst auf sie gewartet hatte. Sie verstand nicht nur die Grundlagen der Beschwörung. Sie durchdrang sie, wie sie noch nie eine Art von Magie durchdrungen hatte.
Und nicht nur sie.
Auch das Kind in ihr lernte mit.
Davon war Shara bald überzeugt. Nicht in Worten, nicht in Form kleiner klarer Gedanken, sondern in jener tieferen Weise, in der sie mittlerweile wahrnahm, dass ihre Tochter mit ihr verbunden war. Immer wenn Shara sich in die Beschwörung versenkte, schien sich auch in ihr etwas mitzubewegen. Aufmerksamkeit. Erinnerung. Eine dunkle, erstaunlich ruhige Offenheit.
Es war niemand da, der sie zurückhielt.
Niemand, der ihr sagte, dies sei genug.
Niemand, der ihr die Bücher entzog oder ihr die Hand auf die Schulter legte und fragte, ob sie wirklich wisse, was sie da tat.
Und so machte sie weiter.
Sie ging von Kapitel zu Kapitel, von Beschwörung zu Beschwörung, mit einer Sicherheit, die beinahe anmaßend gewesen wäre, wenn sie nicht so vollkommen echt gewirkt hätte. Irgendwann war sie am Ende des Buches. Bei der letzten Beschwörung. Und als sie die letzten Seiten erreicht hatte, empfand sie beinahe Bedauern. Nicht Furcht. Nicht Ehrfurcht. Bedauern, dass dies nun der Abschluss sein sollte.
An einem ruhigen Abend wirkte sie den letzten Zauber.
Sie ging hinaus aus der Feste, hinaus auf die Landzunge, wo Wind und Nacht offen waren und der Himmel sich weit über dem dunklen Land wölbte. Dort zeichnete sie die Beschwörung auf den Boden. Mit ruhiger Hand. Ohne Hast. Sie setzte die Zeichen. Zog die Grenzen. Legte die Beschränkungen. Alles sauber, alles klar, alles mit jenem präzisen Bewusstsein, das sie mittlerweile auch bei den kompliziertesten Formeln nicht mehr verließ.
Dann öffnete sie ihre Hand.
Und ließ vorsichtig nur wenig Blut auf die Zeichen tropfen.
Einen Augenblick geschah nichts.
Dann begann Rauch aufzusteigen.
Nicht viel zuerst. Nur ein dunkles, schweres Kräuseln über den Linien. Dann verdichtete sich der Rauch, schob sich zusammen, wurde zu Form, zu Masse, zu einer Gegenwart, die mehr war als bloßer Körper. Im Bannkreis materialisierte sich ein Wesen.
Ein mächtiges.
Mächtiger als alles, was sie bisher gerufen hatte.
Es besaß ein einzelnes Horn. Viele Münder. Zwei Arme. Zwei Beine. Über den ganzen Leib verteilt saßen Augen, die nicht zugleich blinzelten, sondern einzeln, versetzt, in eigener Ordnung, als gehörte in diesem Wesen kein Teil ganz derselben Zeit an wie der andere.
Und alle Münder sprachen zugleich.
„Meister der Beschwörung, Shara, wie ist euer Begehren.“
Shara starrte auf die Gestalt vor ihr.
Nicht nur, weil sie groß war. Nicht nur, weil sie mächtig war. Sondern weil von ihr etwas ausging, das sie nicht nur hörte, sondern unmittelbar in ihrem Kopf spürte. Eine Gewalt. Eine ungezähmte Macht. Etwas, das nicht nach Freiheit verlangte, sondern auf Befehl wartete, und gerade darin lag seine ganze Bedrohlichkeit.
„Mein Name ist Zwaarz“, sprachen die Münder weiter. „Ein geringer unter den Gehörnten. Und der eurige. Was ist euer Begehren.“
Shara schnaubte leise.
Erschrocken, ja.
Aber nicht überfordert.
Und dann, zu ihrer eigenen Überraschung, legte sich ein Lächeln um ihre Lippen.
„Zwaarz“, sagte sie.
Und in ihrer Stimme lag weder Unsicherheit noch Hast, sondern etwas sehr viel Gefährlicheres.
Selbstverständlichkeit.
ende teil 2



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