Anadar VII/I
- R.

- 14. Mai
- 56 Min. Lesezeit

Prolog
Als das Messer in sie eindrang, tief in ihren Bauch, und das Gift sich in ihrem Körper entfaltete, stockte ihr der Atem.
Es war nicht nur Schmerz. Schmerz hätte sie verstanden. Schmerz war einfach. Schmerz ließ sich tragen, ordnen, bekämpfen, in Schichten zerlegen wie alles andere, was ein langes Leben einem irgendwann beibrachte. Dies aber war mehr. Es war der plötzliche Einbruch einer Gewissheit. Eine Klinge. Ein alter Freund. Gift. Der Körper, der im selben Augenblick begriff, dass er verraten worden war.
Sie stieß Gnok von sich, nicht mit Würde, nicht mit Macht, nicht mit jener überlegenen Ruhe, die ihr sonst eigen war, sondern aus reinem Instinkt, mit der letzten rohen Kraft eines Wesens, das noch nicht sterben will. Dann blickte sie an sich hinab.
Das Messer ragte aus ihrem Bauchraum.
Ihr weißes Gewand färbte sich bereits dunkel. Das Blut sog sich in den Stoff, fraß sich in ihn hinein, breitete sich aus, und sie wusste noch ehe ihr Verstand die volle Größe des Augenblicks fassen konnte, dass das Gift schnell war. Sehr schnell. Die ersten Lähmungserscheinungen traten bereits ein. Nicht sichtbar für einen unaufmerksamen Blick, aber deutlich für sie. Ein Nachlassen in den Fingern. Ein seltsamer Zug durch den Unterleib. Ein langsamer Verlust jener feinsten Kontrolle, auf der ihr ganzes Dasein seit Jahrhunderten beruhte.
Sie versuchte seinen Geist zu lesen.
Nichts.
Dort, wo Gnok hätte sein müssen, war Leere. Nicht das Schweigen eines verschlossenen Geistes. Nicht der Widerstand eines gleichrangigen Magiers. Sondern Auslöschung. Als sei in ihm das, was ihn zu Gnok gemacht hatte, verdeckt, erstickt oder fortgerissen worden. Sie konnte nichts in ihm greifen. Kein Erkennen. Kein Zögern. Kein Entsetzen. Kein Schmerz. Nur Leere und Bewegung.
Er ging wieder auf sie zu.
Nicht hastig. Nicht zögernd. Einfach geradewegs, als wäre sein nächster Schritt schon beschlossen, ehe der vorige ganz gesetzt war. Seine Hand griff nach dem Messer, das aus ihrem Bauch ragte. Mit letzter Kraft wehrte sie sich dagegen. Ihre Hände fanden sein Handgelenk, sie stemmte sich gegen ihn, sie wusste nicht einmal genau, ob sie verhindern wollte, dass er die Waffe herauszog, oder ob sie sich nur gegen den Gedanken sträubte, von ihm auf diese Weise berührt zu werden.
Für einen Augenblick hielt sie ihn auf.
Dann schaffte er es doch.
Still wie ein Fels, geduldig wie etwas, das keinen Schmerz kennt, zog Gnok die Klinge aus ihr heraus.
Sie hatte erwartet, dass er erneut zustechen würde.
Doch er tat es nicht.
Er ging.
So lautlos, wie er gekommen war.
Sie blieb zurück, schwankend, dann niedersinkend, und als ihr Körper auf dem Boden aufkam, stieg die Panik endlich ganz in ihr auf. Nicht zuerst um des Schmerzes willen. Nicht einmal wegen des Blutes. Sondern wegen der Schwere, die sich durch ihre Glieder fraß und ihr sagte, dass dies kein Kampf war, in dem man sich noch einmal aufrichten, die Zähne zeigen und das Blatt wenden konnte. Ihre Augen schlossen sich.
Und ihr Leben lief vor ihnen ab.
Nicht geordnet.
Nicht wie eine Chronik.
Eher wie Lichtstücke auf dunklem Wasser.
Zuerst Szenen, die sie selbst seit langer Zeit kaum mehr angesehen hatte. Als sie noch ein junges Mädchen gewesen war. Die Liebe eines Vaters. Ein Hof. Aufgeschürfte Knie. Der Geruch von Gras in warmem Licht. Eine Schaukel. Kleine Hände. Lachen, das noch keine Vorsicht kannte. Eine Mutter, die rief. Geschwisterstimmen. Sommer.
Dann der Tag, an dem man das Mal an ihr entdeckte.
Dioneè kam.
Ihre Meisterin.
Die Frau, die ihr Leben von Grund auf zerbrechen und retten sollte, beinahe im selben Atemzug. Sie sah sie wieder, wie sie damals vor dem Haus stand, nicht hart, nicht freundlich, eher groß und unerbittlich wie eine Wahrheit, die man nicht fortschicken kann. Den Abschied sah sie auch. Den letzten Blick auf ihren Vater. Auf ihre Mutter. Auf die Geschwister, die nicht begriffen, warum sie ging. Wie sie versuchte, sich die Gesichter einzuprägen, als könnte Erinnerung ein Rückweg sein. Wie sie nun versuchte sie wieder zu halten, diese gesichter, die sie so lange nicht mehr gesehen hatte. Tränen auf ihren Wangen. Die Gewissheit, dass ein Kind in einem einzigen Tag lernen kann, wie groß Verlust ist.
Dann die Initiationsriten.
Wie sie jung und nackt im Wald stand, nahe Dioneès Turm, von Scham erfüllt, weil selbst Magie einem jungen Körper das Gefühl der Blöße nicht nimmt. Der Wald war damals noch voller Wesen gewesen. Voller Stimmen, die kein Mensch erfunden hatte. Und dann kam der Wolf. Dieser riesige Wolf, der immer da war und Dioneè schützte, als wäre auch er Teil eines älteren Bundes als jedes gesprochene Wort. Seine Augen. Sein Fell. Die Art, wie er sie musterte und in einem einzigen Blick entschied, dass sie bleiben durfte.
Sie sah sich als junge Schülerin.
Die ersten Erfolge. Die ersten Nächte, in denen ein Zauber plötzlich gelang und sich die Welt für einen Herzschlag weiter öffnete. Die Liebe zu ihrer Meisterin, zuerst als Ehrfurcht, dann als Bindung, dann als etwas viel Tieferes, das mit den gewöhnlichen Worten nicht mehr zu greifen war. Sie sah die ersten Hunderte von Jahren, die sie zusammen lebten und wuchsen, und irgendwann war sie geschickter geworden als Dioneè. Nicht weiser. Nicht größer. Aber schneller, präziser, weiter in manchen Künsten. Sie lebten abgeschieden von vielem anderen, in einem Teil der Welt, den es längst nicht mehr gab, umgeben von Wesen, Feen und anderen magischen Geschöpfen, Einhörnern, die mit ihnen in einer stillen Harmonie durch Wälder und Lichtungen traten, als wäre all dies der natürliche Zustand der Welt.
Dann kam die Jagd.
Dann das Verdrängen.
Dann der Hass auf alles, was nicht menschlich war.
Die Magie schwand aus der Welt, langsam zuerst, dann spürbar, und wie Menschen es so oft tun, wenn ihnen etwas Wunderbares entgleitet, suchten sie einen Schuldigen, ehe sie nach einer Wahrheit suchten. Man gab den nicht menschlichen Wesen die Schuld. Und daraus wuchs der Genozid. Alles, was anders war, wurde gejagt. Vernichtet. Ausgerottet. Was man nicht verstand, verbrannte man. Was man nicht kontrollierte, erklärte man zum Feind. Sie sah sich und Dioneè, wie sie jahrelang um den Turm alles versteckten, was anders magisch war, wie sie Wesen verbargen, heilten, tarnten, fortschickten, immer in dem Wissen, dass es doch nie genug sein würde.
Dann kam jene Versammlung.
Dioneè schickte sie fort, damit sie dort an etwas teilnehme, das die Weichen stellen sollte. Sie traf andere Magier. Andere die ihre Meinung teilten. Andere, die noch begriffen hatten, was gerade in der Welt geschah. Und sie versuchten, die Morde zu stoppen. Wenigstens zu bremsen. Wenigstens eine Sprache dafür zu finden, die nicht nur Hass war.
Als sie zurückkehrte, war das Tal zerstört.
Alles ausgelöscht.
Sie sah diesen Tag so klar, dass ihr selbst in der Gegenwart das Herz brach. Dioneè, gepfählt in der Mitte des abgebrannten Tals, auf den Trümmern ihres Turms. Der riesige Wolf, ihr Gefährte, geschlachtet, verstümmelt, verbrannt. Alles andere getötet. Grausam. Auf das bestialischste. Dämonen hatte man in dieses Tal gelassen. Nicht aus Not. Nicht im Kampf. Sondern aus jener kalt geplanten Bosheit, die nur Menschen zustande bringen, wenn sie sich von ihrer eigenen Tugendhaftigkeit überzeugt haben.
Dann sah sie die Jahre der Flucht.
Wie sie sich versteckte. Nicht nur aus Angst. Auch aus Scham. Weil sie nicht da gewesen war. Weil sie fortgeschickt worden war und überlebt hatte, während alles, was sie liebte, ausgelöscht worden war. Jahre vergingen. Jahre, in denen sie kaum mehr war als ein zitternder Wille mit einem Namen.
Dann fand Gnok sie, der damals schon aus einem anderen Zeit kam und mit jener stillen Ernst in den Augen, der ihn sein ganzes Leben nicht verlassen sollte. Er nahm sie auf. Heilte sie, nicht mit Zaubern allein, sondern mit Zeit und mit seiner Liebe. Jahre lang arbeitete sie an sich. Formte sich. Verbesserte sich. Lernte, wie man Menschen liest, lenkt, bewegt, täuscht, schützt, benutzt. Lernte, dass Macht nur dann etwas wert ist, wenn sie wirksam wird. Und irgendwann liebte sie ihn. Nicht plötzlich, nicht wie ein Mädchen. Sondern tief, alt, beinahe still, und gerade deshalb umso unverrückbarer.
Dann kam der Aufstieg.
Die Welt der Magier nahm Gestalt an. Die Konklave. Das Schreiben des Kodex, an dem sie selbst mitwirkte. Dann irgendwann die Gründung der Schulen. Ein großer Kongress. Die feierliche Erklärung, der Krieg gegen die anderen Wesen sei erfolgreich beendet. Beendet. Dieses Wort sah sie in ihrer Erinnerung wie eine Wunde.
Dort hatte sie sich Rache geschworen.
Nicht aus bloßem Schmerz. Nicht nur aus Liebe zu den Toten. Sondern aus jener kalten Notwendigkeit, die in ihr geboren worden war, als sie Dioneè gepfählt in den Trümmern gefunden hatte. Sie nahm sich die Schule des Geistes. Ohne Skrupel. Mit einer Kaltblütigkeit, die aus Notwendigkeit geboren worden war. Mit dem Ziel, sich an jenen zu rächen, die Dioneè ermordet hatten. Mit dem Ziel, die Inquisitoren auszulöschen, jeden einzelnen, wenn möglich.
Sie sah, wie die Magie weiter aus der Welt schwand. Wie andere immer weniger mächtig wurden. Und wie ihre Rache Früchte trug. Wie sie Misstrauen gegen die Beschwörer säte, erst vorsichtig, dann gezielt, dann mit der Ruhe einer Frau, die längst nicht mehr fragt, ob sie das Richtige tut, sondern nur noch, ob es reicht. Bis es schließlich so weit war und Sahretûn einer Inquisition anheimfiel.
Der Krieg gegen die Beschwörer.
Er forderte unzählige Opfer. Viele der Alten starben in dieser Schlacht, gegen die Stadt und gegen das, was aus ihr geworden war. Nicht gegen die Dämonen richtete man sich vorrangig, das wäre sinnlos gewesen. Gegen die verfluchten Beschwörer selbst wurde gekämpft. In ihre Stadt hinein. Finden. Töten. Wieder hinaus. Ein Krieg, so geschickt und verborgen geführt, so hässlich und gemein, und dennoch damals die einzige Chance.
Sie sah, wie die Beschwörer mit ihren Dämonen zurückschlugen. Zuerst gezielt. Dann nur noch blind. Kalt. Rücksichtslos. Unschuldige Städte wurden von der Erde gewischt. Dann die Inquisition, die wiederum härter zurückschlug, mit immer mehr Verbündeten. Wie sie schließlich die verfluchte Stadt angriffen. Feuer und Licht über Sahretûn regnen ließen. Immer mehr Beschwörer fielen. Immer mehr Dämonen wurden gebunden, zerschlagen, verbannt. Und irgendwann war es soweit. Die Stadt brannte. Wurde vernichtet. Implodierte in sich. Kein Beschwörer ward mehr gesehen. Kein Dämon wandelte mehr offen über diese Welt.
Es war geschafft.
Die Rache war genommen.
Sie spürte in der Erinnerung noch einmal diese kalte Zufriedenheit, und darunter sofort die Wahrheit, die sie sich später so selten eingestand. Wie viele Freunde und Weggefährten sie in diesem Krieg verloren hatte. Menschen, die vielleicht noch leben würden, hätte sie sie nicht beeinflusst. Hätte sie nicht diesen Hass in die Welt gepflanzt. In jedes einzelne Herz, das empfänglich genug dafür gewesen war.
Weitere Gesichter zogen vorüber.
Menschen, die sie längst vergessen glaubte. Weggefährten, Geliebte, Schüler, Gegner, Werkzeuge, Opfer. Und dann, wie sie immer mehr zur Mutter wurde. Wie sie die Fäden der Schulen im Hintergrund lenkte. Wie sie versuchte, die Zukunft zu stellen, die Weichen zu richten, mit dem Glauben und der Hoffnung, dass die Magie wieder in die Welt zurückkehren würde. Dass mit ihr auch das wiederkehren würde, was schön gewesen war. Das war ihr eigentliches Ziel gewesen. Nicht Macht um ihrer selbst willen. Nicht Sieg. Nicht bloß Einfluss.
Sie wollte wieder mit Feen durch einen Wald tanzen, in einem Turm leben in einem Wald umgeben von Kreaturen die so einzigartig und wunderschön waren und voll mit Magie.
Das war ihre Motivation gewesen.
Der zärtlichste Kern von allem.
Dann sah sie, wie sie sich von Gnok entfernte. Wie er sich immer mehr den alten Geschichten, dem Himmel und der Theorie der Magie zuwandte, während sie selbst immer tiefer in die Manipulation der Dinge hinabstieg. Wie sie die Illusionsschule in sich aufnahm und zu ihrer eigenen machte. Dann die große Zeit der Prophezeiungen. Immer mehr kündigten die Wiedergeburt der Magie an. Es wurde von Kindern gesprochen, die sie in die Welt zurücktragen würden. Sie jagte diese Weissagungen. Verlor sich in ihnen. Nur um zu erkennen, dass sie nicht zuverlässig waren, dass das, was angekündigt wurde, selten so eintrat, wie man es sich erhoffte. Und doch blieb in ihr die Überzeugung, dass die Magie zurückkehren würde. Früher oder später. Mit allen ihren Wundern.
Und dann stand dieser Junge vor ihrer Tür.
Zeitalter waren vergangen. Jahrhunderte verstrichen wie Staub im Licht. Und plötzlich kam ein Mann, der die Magie des Geistes lernen wollte. In Anadar erkannte sie etwas, das andere nicht hatten. So jemanden hatte sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen. Und ihre Aufmerksamkeit begann, aus dem bloßen Spiel mit der Zukunft wieder ins Hier und Jetzt zurückzukehren. Sie unterrichtete ihn. Sie liebte ihn. Und mit ihm kam Shara. Auch in ihr erkannte sie etwas, das in alten Prophezeiungen geschrieben stand. Und sie wusste, was zu tun war.
Spätestens als jene Präsenz, die sie für ausgelöscht gehalten hatte, jenes Dämonische, wieder über die Welt wanderte, da wusste sie es endgültig.
Die Magie kehrte zurück.
Mit all ihrem Übel.
Und mit all ihrem Guten.
Und nun lag sie da, auf kaltem Stein, und Gift rann durch ihre Adern, und sie spürte, wie das Leben aus ihr wich, wie das Blut ihren Körper verließ.
Und dennoch war da, unter Schmerz, Gift, Erinnerung und Schwäche, noch immer ein letzter Kern von Trotz.
Noch nicht, dachte sie.
Noch nicht und sie sendete einen letzten Gedanken aus, einen Hilfeschrei, eine lautlosen, sie hoffte, dass er gehört werden würde, bevor sie das Bewusstsein verlor.
1Formularbeginn
Und so stand Slonda mit Hartra am Eingang zur Konklave.
Beide hatten sich in die für diese Zeit übliche Kleidung gezwängt, einschließlich jener steifen Halskrausen, die Slonda schon beim bloßen Anblick wie eine persönliche Beleidigung vorkamen. Hartra hatte seine mit erstaunlicher Gelassenheit angelegt, als gehöre es zu den geringeren Unannehmlichkeiten des Daseins, sich in jeder Epoche dem dortigen Unsinn zu beugen, solange er nicht tödlich wurde. Slonda dagegen hatte schon nach wenigen Minuten das Gefühl, als würde ihm das Ding weniger den Hals als vielmehr die Geduld abschnüren.
Hartra warf ihm noch einen letzten Seitenblick zu und hob warnend einen Finger.
„Überlass das Reden mir“, sagte er.
Dann richtete er sich noch etwas auf, als müsse er sich zuerst selbst in den Ton dieser Epoche hineinlegen, und fuhr mit jener grotesk fließenden Umständlichkeit fort, die Slonda zugleich bewunderte und verabscheute.
„Mich dünkt, die Menschen dieses Zeitalters sind sich nicht gewahr, dass sie diese leicht übertriebene und, wenn ich anfügen darf, unerquicklich umständliche Art haben, sich gelegentlich oder allenthalben umständlich zu äußern, und dass uns besser damit gedient sein wird, diese Gepflogenheit, so schwer und umständlich es auch sei, zu respektieren, alldieweil wir andernfalls unnötig den Unmut der anwesenden Personen auf uns ziehen könnten.“
Slonda versuchte, dem Satz zu folgen, verlor unterwegs zweimal den inneren Halt und zollte schließlich durch ein bloßes Nicken Respekt. Hartra hatte tatsächlich geschafft, all dies in einem einzigen Satz zu sagen, und das vermutlich noch mit Absicht.
Bei ihnen befanden sich drei Magier der Lebensschule. Der Dekan dieser Zeit war ein eitler Geck, der sich ausschließlich mit „Magnifizenz“ anreden ließ und jedes Mal wirkte, als sei allein diese Tatsache Beweis genug für seine Bedeutung. Schon beim bloßen Anblick dieses Mannes begann es Slonda unter der Halskrause zu jucken. Alles daran erschien ihm plötzlich unsinnig. Die Kleidung. Die Sprache. Die Geste. Das ganze aufgeblähte Gehabe einer Zeit, die ihre Form wichtiger zu nehmen schien als ihren Inhalt.
Dann öffnete sich die Tür zur Konklave.
Slonda trat hinter Hartra in denselben Raum, den er kannte, und doch nicht kannte. Einen Raum, der in tausenden von Jahren noch immer genauso aussah, wie er nun aussah. Fast. Denn so voll hatte er ihn noch nie gesehen. Es waren beinahe doppelt so viele Personen anwesend wie in jener Konklave, die er aus seiner eigenen Zeit kannte, und trotzdem wirkte der Saal noch nicht überfüllt. Die alten Linien des Raumes hielten alles in Ordnung, selbst ein Gedränge aus Schulen, Eitelkeiten und Feindseligkeiten.
Und was Slonda sah, ließ ihm den Atem stocken.
Hartra hatte nicht übertrieben.
Da standen Magier der Wandlung, wie Slonda nun mit wachsender Sicherheit vermutete, aufrecht auf menschlichen Körpern, doch statt menschlicher Köpfe trugen sie Tierhäupter. Ein Hund. Ein Adler. Eine Schlange. Alle drei bewegten sich mit vollkommener Selbstverständlichkeit, sprachen mit menschlicher Sprache und trugen, zur vollkommenen Lächerlichkeit des Bildes, ebenfalls diese Halskrausen um ihre tierischen Hälse.
Weiter hinten sah er sein eigentliches Ziel.
Die Beschwörer.
Hartra deutete unauffällig in ihre Richtung und nannte ihm leise Namen, Funktionen, Zugehörigkeiten. Die Beschwörer standen etwas abseits, gemieden von den anderen, nicht offen verbannt, aber sichtbar isoliert. Sie waren anders als alle übrigen Magier im Raum. Ihre Köpfe waren rasiert. Ihre Zähne angespitzt. Ihre Haut oder jedenfalls ihr sichtbares Gesicht trug einen bronzefarbenen Taint, als hätte etwas an ihnen die gewöhnliche Menschlichkeit dauerhaft überlagert. Sie allein trugen keine Halskrausen. Ihre Kleidung war schwarz, mit Silber oder Gold in strengen Mustern bestickt. In den Händen hielten sie Stäbe, an deren oberem Ende je eine helle Kugel eingefasst war, während am unteren Ende eine schwarze saß. Alles an ihnen sagte: Wir gehören nicht zu euch und wir haben nicht vor, uns deswegen zu entschuldigen.
Slonda ließ den Blick weitergleiten.
Er sah die Lichtmagierinnen in Weiß, direkt neben den Feuermagiern, und sofort war zu erkennen, dass zwischen diesen beiden Gruppen mehr als nur sachliche Differenz stand. Es war ein Gezänke, ein altes Reiben, fast eine gepflegte Feindschaft. Jede der Gruppen stand in ihrer eigenen Würde und schien doch mit halbem Blick stets auf die andere zu achten. Dann entdeckte er die Nekromanten, die Hartra ihm ebenso knapp wie verächtlich erklärte. Sie waren blass, ihre Haare wirkten ungewaschen, ihre Hände knochig, und sie hatten etwas von Menschen, die den Geruch der Erde und der Grüfte mit Absicht an sich trugen, alldieweil sie ihm näher sein wollten als dem gewöhnlichen Leben.
„Nutzloses Zeug“, murmelte Hartra. „Die meiste Zeit unter der Erde, damit sie näher an den Toten sind. Als ob die Toten einem bessere Gesellschaft wären als ein ordentlicher Braten.“
Slonda hörte ihn kaum noch.
Denn kurz bevor die Konklave begann und die Anwesenden sich auf ihre Plätze zubewegten, betrat sie den Raum.
Hell.
Strahlend.
Golden.
Mit goldenem Haar trat sie ein, und Slonda stockte der Atem. Es war Mutter. Keinen Tag jünger, keinen Schritt anders als er sie in Erinnerung hatte. Dieselbe Ruhe. Dasselbe Licht um sie. Dieselbe Art, einen Raum nicht zu betreten, sondern ihn sofort zu besitzen, ohne auch nur die leiseste Mühe daran erkennen zu lassen.
„Mutter“, murmelte Hartra an seiner Seite. „Kennst du natürlich.“
Die Konklave begann.
Mit der Litanei, an der sich auch nach Hunderten von Jahren kaum etwas geändert hatte. Zuerst wurde der Vorsitz weitergegeben, dieses Mal von der Wasserschule an die Nekromantie. Die Nekromanten begannen mit der Erfassung der Anwesenden, der Bestätigung von Sitzen, der Nennung neuer oder besonderer Vertreter, alles in einer Sprache, die so ausufernd war, dass Slonda den Faden beinahe schon im ersten Abschnitt verlor.
Als die Zeitmagier an der Reihe waren, hob einer der Nekromanten den Blick. Meister Klot, wie Hartra ihm halblaut verriet, ein Mann von jener bleichen Würde, die nur Menschen ausstrahlen, die sich für besonders tiefgründig halten, alldieweil sie sich den Toten häufiger zuwenden als den Lebenden.
„Wie wir“, begann Klot mit einer Stimme, die schon im ersten Satz verriet, dass sie zu lang werden würde, „mit nicht geringer Verwunderung festzustellen genötigt sind, sind die Magier, welche die Geschicke der Zeit in ihrem Blickfeld zu tragen sich berufen sehen, entgegen ihrer sonstigen Gepflogenheit nicht allein durch den Meister Hartra vertreten, sondern durch eine zweite Person ergänzt, welche wir bisher in dieser Versammlung nicht verzeichnet fanden. Dürfen wir hierin nun Anlass finden zu der Hoffnung, dass ihr euch endlich entschlossen habt, euren unziemlichen Widerstand gegen das vollständige Versammeln innerhalb dieser Konklave aufzugeben.“
Slonda war ungefähr in der Mitte des Satzes innerlich ausgestiegen und deshalb ausgesprochen froh, dass Hartra ohne jedes Zögern antwortete.
„Meister der Toten, Licht der Unterwelt, Meister Klot“, begann er mit einem Tonfall, der Respekt vortäuschte und zugleich schon beleidigend war, wenn man genau genug hinhörte, „eure Augen sehen in diesem Lichte viele Dinge richtig. Wir heben heute einen neuen Akloven Meister, Slonda, in diese Versammlung einzuführen, der uns künftig mit vertreten wird. Leider muss ich mit meinem aufrichtigen Bedauern verlauten lassen, und dies, mein Freund Klot, müsst ihr so hinnehmen, dass wir weiterhin nicht in der Lage sein werden, zukünftig mit mehr als einer Person an dieser, so durchaus wichtigen Zusammenkunft, teilnehmen zu können. Der Fluss der Zeit, die Dringlichkeit unserer Aufgaben, diesen zu lenken und zu halten, sowie die Zukunft selbst lassen uns schlechterdings keine andere Wahl, als zu handeln, wie wir handeln.“
Hartra lehnte sich zufrieden zurück.
Er wartete, bis die Aufmerksamkeit weiterglitt, beugte sich dann zu Slonda und murmelte leise:
„Und die hier besprochenen Dinge sind weniger wert als die Aufmerksamkeit einer Fliege für den nächsten Scheißhaufen.“
Slonda musste sich zusammenreißen, um nicht laut aufzulachen.
Danach hörte er nur noch mit einem halben Ohr der Routine zu. Nicht, alldieweil ihm alles gleichgültig gewesen wäre, sondern weil die formelle Verwaltungsrede der Konklave selbst in ihrer besten Form langatmig war. Sitze wurden bestätigt. Streitigkeiten über Rang, Zuständigkeiten und alte Verpflichtungen in betont höfliche Satzgirlanden verpackt. Eine Schule erinnerte an ein Versprechen, das vor Jahrzehnten gegeben worden war. Eine andere verwahrte sich gegen eine Formulierung, die als Herabsetzung gelesen werden konnte. Es war, dachte Slonda, als hätten Menschen den Wunsch, jeden Konflikt zunächst in so viele Worte zu wickeln, bis er entweder erstickt oder unkenntlich wird.
Vielmehr war er gebannt von der goldenen Gestalt beinahe gegenüber.
Mutter blickte ihn an und lächelte.
Dieses Lächeln sagte ihm sehr viel mehr als die ganze Konklave zusammen. Sie war in seinem Kopf, das wusste er sofort, und noch ehe er den Gedanken selbst vollständig zu Ende gedacht hatte, wurde ihr Lächeln breiter. Sie hieß ihn willkommen, auf ihre Art. Es war das erste Mal, dass sie Slonda begegnete, und sie tastete ihn neugierig ab, mit einer Wärme und Heiterkeit, die ihn inmitten dieser steifen Veranstaltung fast beschämte. Da war ein Erkennen. Kein Erschrecken. Kein Misstrauen. Eher ein stilles Ah, also du.
Slonda senkte den Blick nicht.
Er wollte wissen, ob sie in ihm etwas sah, das ihm selbst noch verborgen war.
Die Konklave ging weiter, und irgendwann verschob sich die Aufmerksamkeit des Saales zu den Feuermagiern. Offenbar hatten sie durch Unvorsichtigkeit einen Vulkan zum Ausbruch gebracht. Vor allem die Lichtmagierinnen forderten eine Untersuchung der Angelegenheit, lautstark und mit einer Vehemenz, die unter der glatten Sprache kaum verborgen blieb. Die Feuermagier beschwichtigten, man habe nichts zu verbergen, es sei lediglich ein Zauber im Inneren des Berges schiefgelaufen und habe den Ausbruch etwas vorgezogen, der ohnehin früher oder später erfolgt wäre.
Natürlich sagten sie das alles in dieser umständlichen Sprache.
Slonda konnte dem Inhalt nur mühsam folgen, doch er spürte sehr wohl, was zwischen den Worten lag. Zwischen den Feuermagiern und den Lichtmagierinnen stand viel Gift. Viel älterer Streit, als der konkrete Vorfall allein erklären konnte. Nicht bloß ein sachlicher Konflikt. Eher eine Feindschaft in kultivierter Form.
Schließlich neigte sich die Konklave dem Ende zu.
Turnusgemäß wurde der nächste Vorsitz den Lichtmagierinnen genannt, und dann standen alle auf. Noch ehe Slonda recht wusste, was nun geschehen sollte, war Hartra schon auf den Beinen und bewegte sich mit überraschender Zielstrebigkeit auf die Beschwörer zu, die sich gerade durch die Tür zurückziehen wollten.
„Meister Zts“, rief er. „Auf ein Wort, wenn ich euch bitten dürfte.“
Der Angesprochene blickte ihn mit jener gezielten Interesselosigkeit an, die nur Menschen beherrschen, die sehr genau wissen, dass sie beobachtet werden. Er deutete mit einer kleinen Kopfbewegung an, Hartra solle reden.
„Meister Slonda hier“, sagte Hartra, „ein gelehriger und guter Schüler der Zeit, dünkt sich, würde euch gerne einige Fragen stellen, die ihr ganz bestimmt mit einiger Zufriedenheit beantworten könntet. Es ist eher von akademischem Interesse, und wir würden uns über alle Maße geehrt fühlen, wenn die Möglichkeit bestünde, zu einem Austausch zu gelangen, oder zumindest die Gelegenheit zu erhalten, euch unser Anliegen vortragen zu dürfen.“
Drei Augenpaare richteten sich auf Slonda, alldieweil die anderen beiden Beschwörer nun ebenfalls stehengeblieben waren und ihn musterten, als sei er zugleich jung, unvorsichtig und möglicherweise interessant.
Dann gingen sie weiter.
Ohne ein weiteres Wort.
Sie ließen Hartra einfach stehen.
Auf dem Rückweg nach Gontar, in den kleinen Bereich, den die Zeitmagier für sich verwendeten, war Slonda niedergeschlagen. Hartra hingegen schien den Verlauf ausgesprochen positiv zu bewerten. Kaum hatten sie die Halskrausen abgelegt und waren wieder unter sich, erklärte er mit einem Ton, als habe soeben ein gesellschaftlicher Durchbruch stattgefunden:
„Slonda, Freund, sie haben uns nicht ignoriert. Das ist bereits ein großer Fortschritt, der Kontakt ist vollzogen.“
Er suchte nach irgendetwas Essbarem, fand nichts und redete einfach weiter.
„Ich denke, das ist ein Punkt, von dem aus du anknüpfen kannst. In sechs Monaten ist die nächste Konklave hier. Ich denke, du kommst nun klar. Ich überlasse das hier dir.“
Er sah sich um.
„Oh, ich habe so Hunger. Wo war der Braten von gestern.“
Am nächsten Morgen war von Hartra nichts mehr zu sehen.
Nicht einmal seine Geräusche waren geblieben. Keine Flüche. Kein Lachen. Kein tropfender Mantel. Nur der Raum, die Kleidung, die Gegenstände, und über all dem dieses fremde Zeitalter. Slonda erwachte und fühlte sich, als sei er auf einer Insel gestrandet. Einer einsamen Insel, ohne Hilfe und ohne Rückweg. In einer anderen Zeit.
2
Formularbeginn
Morgut war sich im Klaren darüber, dass er nicht einfach in ein Verlies marschieren und seine Schwester wieder herausholen konnte, auch wenn ihm sein Herz genau dazu drängte. Alles in ihm wollte sofort handeln, sofort hinunter, sofort dorthin, wo Gudi litt und ihn brauchte. Doch er war nicht töricht. Nicht so töricht. Er hatte das Gespräch zwischen Hokn´f und Tzadier mitbekommen, oder jedenfalls genug davon, um zu verstehen, dass seine Schwester keines Unfalls Opfer geworden war. Sie war gefangen. Misshandelt. Und Hokn`f war mitten in etwas Größerem begriffen, das über sie hinausreichte.
Nur hatte Morgut noch zu wenige Informationen, um all das sinnvoll zusammenzusetzen.
Also wartete er.
Er kreiste in Rabengestalt über der Stelle, an der sich die Magier sammelten. Einige von ihnen kannte er. Mit manchen hatte er gelernt, mit manchen gestritten, andere hatte er immer für Narren gehalten und sah nun mit einem kalten Gefühl, wie bereitwillig sie Hokn`f folgten. Sie schwärmten aus dem inneren Bereich der Stadt aus, einige zu Pferd, andere auf Flugteppichen, und alles an ihrem Verhalten sagte, dass dies kein gewöhnlicher Ausritt war. Etwas stand bevor. Etwas Größeres. Etwas, das sie nicht nur erwarteten, sondern fast schon gierig herbeiführen wollten.
Und so folgte Morgut ihnen.
In einem Abstand, der weit genug war, um nicht aufzufallen, aber nah genug, dass ihm weder Augen noch Ohren etwas Wesentliches verloren. Er flog hoch, ließ sich wieder tiefer sinken, nutzte Strömungen und den Schatten einzelner Wolken, und je länger er ihnen folgte, desto stärker verdichtete sich in ihm das Gefühl, dass sich in Ashambrat Dinge abspielten, die mit bloßem Schulstreit oder der Eitelkeit eines Dekans nicht mehr zu erklären waren.
Die Sondra.
Dieses Volk ging ihm nicht aus dem Kopf.
So wenig er wirklich über sie wusste, so tief hatten sie sich in ihn eingeschrieben. Geheimnisvoll war das richtige Wort, und doch reichte selbst dieses kaum aus. Sie waren schön, ja, aber nicht auf die weiche oder bloß bewunderbare Weise, in der Menschen von Schönheit sprechen. Ihre Anmut hatte etwas Entzogenes, etwas, das nicht für fremde Augen gedacht war und gerade deshalb stärker wirkte. Geheimnisvoll, dachte Morgut erneut, während er im Kreis über den Reitern zog. Ja. Alles an ihnen war geheimnisvoll. Und alles um Hokn`f und seine Brut von ihm treu Ergebenen ebenso.
Sie ritten die ganze Nacht und noch den nächsten halben Tag gen Süden.
Dann hielten sie.
Von oben sah Morgut zunächst nur eine Düne, doch bald merkte er, dass etwas an ihr nicht natürlich war. Die Form war zu regelmäßig. Zu sehr gebrochen von Linien, die nicht aus Wind allein stammen konnten. Die ganze Erhebung wirkte fast pyramidenförmig, beinahe wie die uralten Gärten unter Ashambrat, nur viel größer, tiefer vom Sand verschluckt, eingesunken und verborgen. Von unten hätte man sie vermutlich nur für seltsam gestellte Felsen gehalten. Von oben aber erkannte Morgut, dass dort etwas lag.
Er setzte sich auf einen dunklen Vorsprung der überdeckten Struktur und beobachtete weiter.
Seine Tiergestalt war in mancher Hinsicht ein Geschenk. Er konnte weiter sehen. Weiter hören. Einzelne Stimmen aus der Ferne herauslösen. Bewegungen erkennen, die ihm als Mensch vielleicht entgangen wären. Nur das Sehen selbst war anders, flacher, weniger räumlich, und noch immer gab es Augenblicke, in denen ihm das zweidimensionale Erfassen eines Geschehens Schwierigkeiten machte. Doch er gewöhnte sich daran. Mehr und mehr. So saß er da und sah, wie die Magier abstiegen. Es mochten fünfundzwanzig sein. Vielleicht ein oder zwei mehr. Sie deuteten auf einen Felsabschnitt, halb im Sand verborgen, und Morgut hörte einen sagen, man habe Sondra bis hierhin verfolgt und sie seien dort hineingegangen.
Also hatte Hokn`f tatsächlich einen Eingang gefunden.
Oder glaubte es zumindest.
Er schickte einige seiner Leute weiter aus, offenbar um an der großen Düne nach weiteren Zugängen zu suchen. Die Suche schien erfolglos zu verlaufen, denn nach einer Weile sammelten sie sich wieder und richteten ihre Aufmerksamkeit auf die eine Stelle, an der der Fels eine Öffnung verbarg. Vermutlich wollten sie eindringen.
Morgut blieb sitzen und beobachtete.
Wenn sie hineingingen, würde er in Vogelgestalt kaum unbemerkt folgen können. Das wäre zu auffällig und zu riskant. Also tat er fürs Erste das Einzige, was klug war.
Er wartete.
Hokn`f seinerseits war überzeugt, dass sie etwas Bedeutendes gefunden hatten.
Und er misstraute dem Ganzen zutiefst.
Er hatte die Wüstenvölker immer für etwas gehalten, das von Oase zu Oase zog, von Sandsturm zu Sandsturm, lebend in Zelten, verborgen im Wechsel und in der Bewegung, mehr Mythos als wirkliche Macht. Dieses Loch in einer Düne, dieser vermutete Eingang, störte seine Vorstellung. Es sah aus wie ein Zugang, gewiss. Aber wohin. Gut, bis vor kurzem hätte er sich auch nicht vorstellen können, unter den Gärten der Stadt eine merkwürdige Maschine zu finden, oder einen Wirbel aus Sand reiten zu sehen. Doch was auch immer sich hier auftat, es war greifbar. Und greifbare Dinge ließen sich nutzen.
Außerdem war Hokn`f noch nie feige gewesen.
Schließlich waren sie Magier. Geübt in ihrer Kunst. Was sollte ein Wüstenvölkchen, anmutig meinetwegen und geheimnisvoll, ihnen ernsthaft entgegensetzen können.
Also gab er den Befehl, einzudringen.
Die Magier setzten sich in Bewegung.
Genau in diesem Augenblick tauchten aus der Öffnung mehrere Sondra auf.
Vollverschleiert, mit Bögen in den Händen, Schwerter an ihren Seiten. Sie traten aus der Öffnung heraus mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit, die mehr Drohung trägt als jedes Gebrüll. Bis hierhin, sagte ihr bloßes Dastehen. Nicht weiter.
Eine Frau aus ihrer Mitte löste sich ein wenig und ging auf die Magier zu.
„Mein Name ist Zars“, sagte sie, und selbst ihre Stimme hatte etwas, das zugleich weich und unerbittlich wirkte. „Ich bin die Anführerin der Sondra. Was ist euer Begehr, Meister.“
Mit dem letzten Wort war sie bereits bei Hokn`f angekommen. Dort blieb sie stehen, nahm den Schleier ab und sah ihn direkt an.
Morgut stockte unwillkürlich der Atem.
Sie war schön. Nicht lieblich. Nicht zart im gewöhnlichen Sinn. Eher von jener schlanken, klaren Anmut, die den Blick zwingt, gerade weil sie nichts um Erlaubnis bittet. Ihr langes Haar fiel frei, ihr Gesicht war stolz, schmal, von scharfer Eleganz, und in ihren Augen lag kein Hauch von Furcht.
Hokn`f fixierte sie, als sähe er eine Fliege, die er noch nicht zertreten hatte.
„Wer ihr seid, ist mir gleich, Frau“, sagte er und spie das letzte Wort beinahe aus. „Was ihr mir gebt, ist wichtiger. Ich hörte, ihr habt in meiner Stadt etwas entwendet. Alles, was in dieser Stadt hergestellt wird, gehört mir.“
Auch er blieb nun vor ihr stehen, während seine Magier sich halbkreisförmig um die Anführerin verteilten.
„Ich bin nicht sicher, wovon ihr sprecht“, sagte Zars fest. „Was ist das, das wir euch gestohlen haben sollen.“
Hokn`f lachte.
Es war ein kaltes, überlegenes Lachen, das keine Freude kannte, nur Besitzanspruch.
„Es ist eine Flüssigkeit, wie ich hörte“, sagte er. „Ein magisches Wasser. Das will ich von euch. Jetzt.“
„Das findet ihr hier nicht“, erwiderte die Anführerin. „Zieht wieder ab, Magier, bevor euch etwas Schlimmes widerfährt.“
Sie wich keinen Millimeter zurück.
Und wie auf einen verborgenen Befehl hin tauchten plötzlich überall weitere Sondra auf. Aus dem Sand. Von den Flanken der Düne. Aus Vertiefungen, die eben noch leer gewirkt hatten. Mit Schwertern, Bögen und anderen Waffen. Mitten unter den Magiern. Bereit zu töten.
Das war genug.
Hokn`f gab den Befehl zuzuschlagen.
Und seine Magier gehorchten.
Das Chaos brach aus.
Pfeile flogen. Schwerter prallten aufeinander. Wind und Sand wurden gewirkt, manche riefen sogar jenen Wirbel aus Sand herauf, den Morgut so gut kannte. Zuerst dachte er, das Ganze werde schnell vorüber sein. Schließlich waren Magier konventionellen Waffen meist weit überlegen.
Doch er irrte sich.
Schon wenige Augenblicke später hörte er einen der Magier aufschreien, getroffen von einem Pfeil oder einer Klinge. Ein Sondra stand eben noch an einer Stelle und war im nächsten Augenblick nicht mehr dort, sondern längst an anderer Position, von wo aus bereits ein neuer Schuss kam. Morgut konnte kaum glauben, was sich vor ihm entwickelte. Dies war kein Überrennen. Kein einseitiges Gemetzel. Es war ein echter Kampf.
Ein ausgewogener.
Die Sondra schlugen zurück.
Dort, wo ein Sandsturm einen Sondra traf, traf anderswo eine Sandwelle einen Magier. Ein Mann verlor plötzlich den Halt, alldieweil der Boden unter ihm nachgab und ihn schluckte. Panisch kämpfte er sich an anderer Stelle wieder aus dem Sand hervor, nur um sofort erneut unter Beschuss zu geraten. Ein anderer Sondra wurde von einer Windböe in die Höhe gerissen, während irgendwo anders ein Pfeil ein Magierbein durchbohrte. Das Schlachtfeld wogte hin und her. Nichts blieb fest. Nichts blieb da, wo es eben noch gewesen war. Die Sondra waren hier zuhause. Der Sand war auf ihrer Seite. Die Luft. Die Düne. Alles.
„Genug“, schrie die Anführerin plötzlich.
Sie stand wieder sichtbar, plötzlich wie aus dem Nichts an einer Stelle, und ihre Stimme schnitt durch den Lärm.
„Wir sind keine Kinder, die ihr nach Belieben herumstoßen könnt, Magier. Ich zähle bis drei, und ihr verschwindet von hier. Augenblicklich. Oder es wird heute sehr viel mehr Blut vergossen als das, welches hier bereits liegt. Und es wird eures sein.“
„Eins.“
Die Magier blickten zu Hokn`f.
Er sammelte sich. Sammelte sie. Bereitete sich vor.
„Zwei.“
Sie taten es ihm gleich. Wind, Sand, Haltung, Konzentration, alles richtete sich hinter ihm aus.
„Drei.“
Die Magier griffen an.
Manche im Zentrum eines mächtigen Wirbels, manche mit allem, was sie an Wind aufbringen konnten.
Und trafen auf nichts.
Kein Widerstand. Keine Gegenwehr. Keine Körper. Keine Klingen.
Die Sondra waren verschwunden.
So schnell, dass Morgut dem Ganzen kaum folgen konnte. Sie sanken in den Boden, als öffnete der Sand sich unter ihnen, nur um sich im selben Atemzug wieder zu schließen. Die Magier standen mitten in ihrem eigenen Angriff, der plötzlich keinen Gegner mehr fand, und hielten inne, verharrt, orientierungslos.
Dann spürte Morgut es.
Unmittelbar unter sich.
Eine kleine, feine Vibration.
Er nahm sie klar wahr, während unten der Angriff der Magier ins Stocken geriet. Erst war es nur ein Zittern, kaum mehr als ein Flimmern im Stein unter seinen Krallen. Dann wurde daraus ein Dröhnen. Tief. Fern. Wachsend. Die Vibration verstärkte sich. Das Dröhnen ebenfalls. Es klang, als würde etwas sehr Großes unter dem Sand anfangen, sich an seine eigene Größe zu erinnern.
Dann hörte er es knacken.
Brechen.
Reißen.
Morgut konnte kaum glauben, was er da spürte, und vor Schreck stieß er sich von seinem Platz ab und stieg in die Luft.
Im selben Augenblick erhoben sich die Felsen unter ihm.
Sie brachen aus dem Sand hervor.
Was eben noch wie ein wirrer Haufen aus eingewehten Steinen ausgesehen hatte, stieg Zentimeter um Zentimeter nach oben. Erst langsam. Dann unaufhaltsam. Ein Gebilde in Form einer Pyramide hob sich aus dem Wüstensand, begleitet von Dröhnen und Vibrationen, die minutenlang anhielten. Sand stürzte von ihren Flanken herab. Aus der Höhe wurde allmählich Form. Aus Form Größe. Aus Größe Monument.
Sie wuchs.
Hunderte von Metern hoch.
Stufenförmig.
Und während sie stieg, geschah etwas noch Wunderbareres und noch Unwirklicheres. Auf den einzelnen Terrassen begann es zu blühen und zu wachsen. Pflanzen drangen aus dem Erdreich hervor, das mit der Pyramide selbst aus der Tiefe emporstieg. Grün schoss in die Sonne. Ranken, Blätter, Blüten. Als würde etwas, das Jahrhunderte unter Sand und Dunkel gelegen hatte, nun mit einem einzigen Atemzug zurück in die Welt drängen.
Die Magier hielten vollkommen verdutzt inne.
Jeder Angriff, jede Formation, jeder Gedanke an Kontrolle zerfiel vor diesem Schauspiel. Sie standen da und starrten, wie Menschen starren, wenn vor ihren Augen etwas geschieht, das so groß ist, dass kein gelerntes Weltbild schnell genug reicht, um es zu fassen.
Dann stoppte das Wachstum.
Die Vibrationen endeten.
Das Dröhnen verstummte.
Einen Herzschlag lang herrschte Stille.
Dann war Zars’ Stimme überall.
„Ich habe euch gewarnt, Menschen, Magier. Die Zeiten, in denen wir uns vor euch verstecken mussten, sind vorbei. Wir sind es, die nun wieder an die Sonne zurückkehren, ihr Narren.“
Morgut sah sie nun auf einer der Treppen stehen.
Sie trug keinen Schleier mehr. Stattdessen eine feine goldene Rüstung, die ihre anmutige, schlanke Gestalt betonte. Ihr langes Haar wallte den Rücken hinab. Und unter dem Haar traten lange, spitze Ohren hervor.
Elfen.
Gnok hatte ihm Geschichten erzählt.
Nun sah er mit eigenen Augen, wie dieses Volk seinen Weg zurück in die Sonne begann.
Und wie auf ein einziges Kommando hin brach aus der Pyramide ein Hagel aus Pfeilen los. Hunderte von Pfeilen flogen von überallher, von den Stufen, von Nischen, aus Gärten, von Mauern, aus der wiedergeborenen Höhe direkt auf die Magier nieder.
Morgut war hoch genug, um nicht getroffen zu werden.
Unten sah er Hokn`f und seine Leute rennen.
Sie rannten zu ihren Pferden.
Zu ihren Teppichen.
Sie flüchteten.
Nicht geordnet. Nicht stolz. Nicht mit jener Würde, die Magier sonst so gern auch noch im Rückzug behaupten. Sie flohen vor dem, was da gerade in die Welt zurückgekehrt war.
Und Morgut, über ihnen kreisend, mit rasendem Herz und weit aufgerissenen Augen, wusste, dass er soeben Zeuge von etwas geworden war, das nicht nur eine Schlacht war.
Sondern ein Anfang.
3
Kral hatte mit der See abgeschlossen.
Aber die See noch lange nicht mit ihm.
In Ketten wurde er auf ein Schiff geschleppt, ein schönes Schiff, neu, modern, eines von jener Art, die er sich nie hätte leisten können und, wenn er ehrlich zu sich war, nicht einmal hätte führen wollen, alldieweil ein solches Schiff nach Ordnung roch, nach Plänen, nach Vorräten, nach verlässlichen Männern, die wussten, was sie taten. Es war ausgestattet mit einer professionellen Mannschaft und nicht mit einem Haufen zusammengewürfelter Bastarde, Trinker, Spieler und unverbesserlicher Halunken, wie Kral sie sonst um sich gesammelt hatte. Man ging am Großen Markt an Bord. Mit ihm kamen diese drei Magier, die er nun schon kannte, und mit ihnen jene ganze arrogante Kälte, die sie wie einen Mantel mit sich trugen. Den Geruch der Überlegenheit, der Unfehlbarkeit, als hätten sie bei jedem Schritt beschlossen, auf den Rest der Welt mit milder Verachtung hinabzusehen.
Kral hasste sie inständig.
So wie er in diesem Augenblick überhaupt alles hasste.
Er hätte nichts anderes tun müssen, als seinen Mund zu halten. Keinen Alkohol zu trinken. Irgendwo eine kleine Hütte zu kaufen mit dem Gold, das er damals in Händen gehabt hatte, und vom Rest zufrieden zu leben. Eine nette Frau, dachte er, oder auch zwei, alldieweil das Schicksal ihn nie dafür bestraft hatte, dass er bei solchen Vorstellungen nicht bescheiden blieb, und alles wäre wunderbar geworden. Vielleicht nicht groß, nicht heldenhaft, nicht legendär, aber gut. Warm. Mit Sonne vor der Tür und einem Krug, den man nur aus Freude hob und nicht aus Verzweiflung.
Was hatte er stattdessen getan.
Was.
Er hatte aus Stolz eine monatelange Sauftour veranstaltet, das ganze Gold versoffen, verspielt, vertan und zu guter Letzt auch noch vor diesen Magiern angeben wollen, dass er etwas wusste, was sie nicht wussten. Genau das war der Augenblick gewesen, in dem das Schicksal, das ihm so oft noch eine offene Tür hingestellt hatte, sich einfach umgedreht und schallend gelacht haben musste.
Sie ließen ihn in Ketten, bis sie auf See waren.
Und sie hielten ihn nüchtern.
Das war schwer zu ertragen, aber nicht völlig fremd. Kral hatte nie gesoffen, wenn er wirklich auf See war. Immer nur im Hafen. In jedem Hafen. Dort hatte er sich gnadenlos betrunken, in jedem verdammten Hafen, und in fast jedem Hafen hatte er früher oder später auch eine Frau gehabt. Und Kinder, wenn er sich nicht sehr irrte. Er war sich sicher, dass er Kinder hatte. Viele. Ob sie alle wirklich von ihm waren, das stand in den Sternen, und die Sterne hatten sich nie besonders beeilt, ihm über solche Dinge Gewissheit zu schenken.
So wartete Kral.
Er wartete darauf, dass das Schicksal ihm noch eine weitere Chance gab, alldieweil das Schicksal ihm schon so viele gegeben hatte und er sie alle verspielt hatte, jede einzelne auf ihre eigene schöne, dumme Weise. Aber, und das führte er sich immer wieder vor Augen, jede vergebene Chance war auch eine Erfahrung gewesen. Jeder Fehler. Jeder versoffene Abend. Jede verschenkte Münze. Jede falsche Frau. Jeder richtige Sturm. Ein Mann musste ja aus irgendetwas bestehen, und wenn es bei ihm schon nicht aus Tugend war, dann immerhin aus Erfahrung.
Also saß Kral im Dunkel des Bugs und wartete darauf, dass sich wieder irgendwo eine Chance auftat.
Zuerst ging die Fahrt nach Soont, den Inseln der Winde.
Sie legten dort nicht an. Sie fuhren nur vorbei, dicht genug, dass die Küstenlinien im Licht lagen und die Wasser um die Inseln jene Farbe annahmen, die Kral immer schon für verlogen schön gehalten hatte, alldieweil solche Gewässer nur dann so ruhig und klar wirkten, wenn sie am meisten verbargen. Son und Indra standen an Deck und blickten sehnsüchtig hinüber zu ihrer Heimat. Selbst Kral, der mit der rührseligen Bindung anderer an ihre Herkunft wenig anfangen konnte, spürte, dass in diesem Blick mehr lag als bloß Erinnerung. Doch sie blieben nicht. Das Schiff zog weiter.
Dann wurde Kral in die Navigation einbezogen.
Oder besser, man zwang ihn in eine Rolle zurück, die ihm vertrauter war als Ketten und Verhöre. Das Fint Archipel war das nächste Ziel, jene kleine Inselgruppe, die er damals in der Not nur halb bewusst wahrgenommen hatte und die ihm nun als einziger brauchbarer Orientierungspunkt blieb. Wenige Tage später erreichten sie es tatsächlich. Flach lag es im Meer, so flach, dass man leicht daran vorbeisegeln konnte, alldieweil vieles kaum über die Wasseroberfläche hinausragte. Tückisch war es, flach und scharfkantig, genau die Art von Gegend, in der ein Schiff sich an einem einzigen unachtsamen Augenblick den Bauch aufreißen konnte.
Von dort an ging es streng nach Osten, wie Kral angab.
Nachts stand er an Deck und hielt den Himmel im Blick. Das war eine Arbeit, die ihm besser gefiel als jede Kette, alldieweil Sterne wenigstens nicht fragten, warum ein Mann so geworden war, wie er geworden war. Sie standen nur da und taten, was sie immer taten, wenn man sie zu lesen verstand. Er fixierte bestimmte Sterne, immer dieselben, suchte Verhältnisse, Winkel, Verschiebungen, und hoffte inständig, dass es tatsächlich die richtigen waren. Er hatte wenig Lust, mit diesen Leuten bis ans Ende aller Wasser zu kreuzen, nur um am Ende doch wieder sagen zu müssen, dass der Zufall damals größer gewesen war als seine Kunst.
Nach mehreren Wochen erfolgloser Reise erreichten sie schließlich eine Küste.
Sie war karg und überwuchert, beinahe wild, und nichts an ihr erinnerte Kral an die bekannten Reiche. Die Vegetation war fremder, gedrängter, die Küstenlinie unregelmäßig, die Farben dunkler. Schon beim ersten Blick vermutete er, dass sie auf Askand gelandet waren, jenem östlichen Kontinent, über den mehr erzählt als gewusst wurde. Groß. Wild. Voller Städte mit Zehntausenden von Einwohnern, die keiner hier wirklich kannte. Und in Kral begann sich bei diesem Gedanken etwas zu regen. In Askand gab es keine Magier. Allein diese Vorstellung war wie ein warmer Schluck nach einer langen, trockenen Nacht.
Er lächelte.
Ein Traum.
Sie segelten die Küste hinab, bis sie zu einem Hafen kamen, und dort bestätigte sich sein Verdacht. Sie waren zu weit nach Osten geraten. Es war auch nicht eben einfach, etwas zu suchen, das man in Todesnot nur zufällig entdeckt hatte. Da die Verständigung in der Stadt schwierig war und man nur das Nötigste an Proviant laden konnte, fuhren sie bald wieder weiter. Diesmal wieder westwärts. Das war nun der Plan. Den Ozean kreuzen, streichen, lesen, bis man fand, wonach diese Magier suchten und Kral am liebsten vergessen hätte.
Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte dies ewig so weitergehen können.
Das Meer. Der Himmel. Das Schiff. Keine Inseln der Winde. Keine Rückkehr zu den fremdländischen Wesen, die er transportiert hatte. Kein Wiedersehen mit Dingen, die aus keinem guten Ende geboren waren. Wenn Kral es sich hätte aussuchen dürfen, wäre er einfach weitergesegelt, immer mit einer Aufgabe groß genug, dass keiner auf die Idee kam, ihn an Land zu zerren und für mehr Verantwortung zu halten als für Navigation, Wetter und Flüche.
Aber solche Wünsche blieben zumeist unerfüllt.
Das wusste kaum einer besser als Kral.
4
Er war zu langsam gewesen.
Das wusste Fantor noch, ehe er wirklich verstand, was geschehen war. Er hatte sich ablenken lassen. Von den Bildern. Von dieser schwarzen Stadt, die mitten in Feuer und Lava stand. Von den Dämonen, die in endlosen Wellen an ihren Mauern emporkletterten, nur um wieder herabgerissen zu werden. Von diesem unmöglichen Krieg in einer Welt, die keine Welt war. Er hatte einen Herzschlag zu lange hingesehen.
Und nun war er gefangen.
Etwas hatte ihn gepackt.
Nicht wie eine Hand. Nicht wie eine Kette. Nicht wie ein Netz. Es hatte sich auf ihn gelegt, lautlos, vollkommen und ohne jeden Widerstand, und es hatte ihn in sich aufgenommen, so restlos, dass er nicht einmal mehr sagen konnte, wo sein Körper endete und dieses Etwas begann. Es war schwarz gewesen, ja, aber das Wort schwarz reichte nicht. Es war nicht bloß Dunkelheit, nicht bloß Abwesenheit von Licht, sondern eine Dichte, eine Substanz, eine lebendige Finsternis, die ihn umschloss und in sich hineinzog.
Naaarstr plärrte in seinem Kopf.
Er schrie.
Er fluchte.
Er jammerte.
Es war ein erbärmliches, panisches Toben, wie Fantor es noch nie von ihm gehört hatte. Der Dämon, der sonst mit kalter Bosheit sprach, mit Überlegenheit, mit diesem leisen Spott, der selbst Drohungen wie Gewissheiten klingen ließ, war nicht mehr derselbe. Er schrie wie etwas, das nicht nur Schmerz kannte, sondern Furcht. Wirkliche Furcht.
Fantor selbst verstand nicht, was mit ihm geschah.
Merkwürdigerweise tat ihm nichts weh. Er fühlte sich nicht erdrückt, nicht verbrannt, nicht zerrissen. Es war nicht einmal wirklich unangenehm. Nur falsch. Vollkommen falsch. Es war, als habe ihn etwas verschluckt, das keinen Magen, kein Innen, keinen Raum besaß, und als hänge er nun in einem Zustand fest, der weder Bewegung noch Stillstand war.
„Kannst du damit aufhören“, fragte Fantor in die Schwärze hinein.
Naaarstr hörte nicht auf.
Er wurde nicht leiser. Nicht ruhiger. Er beschuldigte alles und jeden, fluchte über die Welt, über Fantor, über Anadar, über alte Feinde, über Gesetze, über Namen, die Fantor nicht kannte. Dazwischen klang immer wieder etwas auf, das fast wie Flehen wirkte, und gerade das war das Verstörendste daran. Ein Dämon wie Naaarstr flehte nicht. Nicht umsonst. Nicht je.
Fantor wusste nicht, wie viel Zeit verging.
Vielleicht Augenblicke. Vielleicht Stunden. In dieser schwarzen Masse gab es keine Veränderung, kein Vorher und kein Nachher, keine Richtung, keinen Atem der Welt, an dem man etwas hätte messen können. Nur irgendwann löste sich das Etwas von ihm.
Nicht plötzlich.
Eher so, als würde eine Flüssigkeit, die nie wirklich flüssig gewesen war, langsam von ihm abgleiten. Die Finsternis zog sich zurück, Schicht für Schicht, und Fantor stand auf einmal in einem Raum.
Ein dunkler Raum.
Nicht groß, aber hoch genug, dass die Schatten sich in den Winkeln sammelten. Fackeln brannten an den Wänden, und ihr Licht war gelb und unruhig, gerade hell genug, um Gesichter aus der Dunkelheit zu schneiden und den Rest umso tiefer im Halbschatten zu lassen.
In genau diesem Augenblick verstummte Naaarstr.
Nicht langsam. Nicht widerwillig. Einfach vollkommen.
Die plötzliche Stille in Fantors Kopf war fast ebenso schrecklich wie das Gekreische zuvor. Denn nun spürte er dort etwas anderes. Keine Stimme. Noch nicht. Nur eine kalte, unangenehme Gegenwart. Etwas Fremdes, das aufmerksam geworden war.
Fantor blickte sich um.
Menschen standen in dem Raum.
Jedenfalls hielten sie sich für Menschen, dachte er im ersten Schreck, alldieweil alles an ihnen so vertraut und zugleich so falsch wirkte. Sie hatten kahle Schädel. Schwarze Gewänder, die eng und streng fielen, mit hellen Ornamenten bestickt, die im Fackellicht manchmal silbern, manchmal goldfarben schimmerten. Manche trugen Stäbe. Andere hielten die Hände leer, aber in einer Weise, die verriet, dass Leere bei ihnen nichts Harmloses bedeutete. Sie starrten ihn an, als hätten sie noch nie einen Menschen gesehen.
Und er starrte zurück.
Auf einem Tisch vor ihm lag das Schwert.
Es lag da wie ein gewöhnliches Schwert. Reglos. Stumm. Fast nackt in seiner Gefährlichkeit. Gerade das machte es unheimlicher. So viel Furcht hatte von ihm gesprochen und nun lag es einfach da, als sei nie etwas darin gewesen.
Niemand sprach zuerst.
Es war diese Art von Schweigen, die nicht aus Unsicherheit entsteht, sondern aus gemeinsamer Wachsamkeit. Viele Augen auf einem einzigen Punkt. Jede kleine Bewegung bemerkt. Jeder Atemzug gezählt. Fantor merkte, wie Nervosität in ihm aufstieg, nicht rasch, sondern langsam und kalt, wie Wasser, das einem in die Stiefel läuft.
Dann erklang hinter ihm eine Stimme.
„Brüder.“
Allein dieses Wort veränderte den Raum. Nicht lauter wurde es, sondern geordneter. Fantor drehte sich nicht um. Er wagte es nicht. Die Stimme sprach weiter, ruhig, klar und mit der Autorität eines Mannes, der gewohnt war, dass andere auch dann schweigen, wenn sie erschrocken sind.
„Dieses Etwas wurde uns gemeldet. Ein Eindringen in die Dimension, die wir für verschlossen hielten. Ein Übergang von außen, von der Welt, hierher. Etwas, das wir nicht mehr für möglich gehalten haben. Ein Sprung zu uns.“
Ein Raunen ging durch den Raum.
Nicht laut. Eher ein Zittern in den Kehlen der Anwesenden. Ein Echo aus Furcht, Staunen und etwas, das Fantor erst nach einem Augenblick als Hoffnung erkannte.
Die Stimme hinter ihm fuhr fort.
„Es löste die Bindung sofort aus, sobald es eingetreten war, und wir kamen früh genug, bevor es wieder verschwand. Es wollte wieder gehen. Einen Übergang schaffen. Öffnen, was verschlossen bleiben muss.“
Das Raunen wurde stärker.
„Niemand und nichts darf diese Dimension je wieder verlassen. So ist das Gesetz. Und wir konnten es aufhalten, ehe es überging und womöglich ein Tor zurück in die Welt schuf, die wir so vermissen.“
Nun drehten sich mehrere Köpfe, und Fantor begriff, dass die Männer nicht nur ihn ansahen, sondern auch einander. Da war mehr als bloßer Schreck. Da war Hunger. Sehnsucht. Etwas Altes. Etwas, das viel zu lange keinen Ausgang mehr gesehen hatte.
„Meister“, sagte schließlich einer von ihnen, ohne den Blick von Fantor zu lösen. „Was machen wir mit ihm. Es ist nun hier bei uns.“
Fantor spürte, dass es um ihn ging, und dass von seinem nächsten Satz mehr abhängen mochte, als ihm lieb war.
„Wir fragen es“, sagte die Stimme hinter ihm, „wie es hierher gelangte.“
Wieder Stille.
Fantor brauchte einen Augenblick, ehe er begriff, dass die Frage bereits im Raum stand und er nun derjenige war, der ihn füllen sollte.
„Nun“, begann er und hörte selbst, wie trocken seine Stimme klang. „Ich… er hat es mir gezeigt.“
Er blickte auf das Schwert.
Und augenblicklich folgten ihm alle Augen im Raum.
Das war der Moment, in dem sich die Stimmung änderte.
Nicht in Panik. Nicht ganz. Aber in etwas Schärferes. Mehrere der Anwesenden standen auf. Einer wich sogar einen halben Schritt zurück. Andere griffen nach ihren Stäben. Einer begann sofort, Zeichen in die Luft zu malen, schnell und präzise, als wolle er noch vor dem nächsten Atemzug eine Bannung über den ganzen Raum ziehen.
Die Stimme hinter ihm zog scharf Luft ein.
„Wie“, sagte sie.
Nun trat der Sprecher endlich an Fantors Seite, weit genug, dass dieser ihn sehen konnte. Ein hagerer Mann mit kahlem Schädel, eingefallenem Gesicht und Augen, die zu viel gesehen hatten, um noch freundlich zu sein. Aber in ihnen lag nun nicht Hass. Eher etwas Schreckliches, weil es so rein wirkte.
Staunen.
„Es ist eingesperrt“, sagte der Mann.
Er klang zuerst erstaunt, dann erleichtert.
„Eingesperrt. In einem Gegenstand.“
Unglauben lief durch die Gruppe, doch er wurde rasch überlagert von wachsender Faszination. Der Mann trat näher an das Schwert heran, beugte sich leicht darüber, als betrachte er ein Wunder, das gleichzeitig eine Waffe war.
„Wie“, fragte er noch einmal und blickte nun Fantor direkt an. „Wie hat es das gemacht.“
Er deutete auf das Schwert, dann auf Fantor, dann wieder auf die Klinge.
„Das ist…“ Er suchte nach Worten. Und zum ersten Mal wirkte er wirklich sprachlos. „Das ist unglaublich.“
Langsam beruhigten sich auch die anderen. Sie spürten, dass von dem Schwert im Augenblick keine unmittelbare Gefahr ausging. Die ersten Bannzeichen sanken. Stäbe wurden nicht mehr ganz so fest umklammert. Man trat wieder näher heran, vorsichtig, wie Tiere an eine Feuerstelle, die sie zugleich fürchten und brauchen.
Und genau da begann Naaarstr wieder zu sprechen.
Nicht laut. Nicht schreiend.
Nur als zischendes, heiseres Flehen tief in Fantors Kopf.
„Sag ihnen nichts.“
Fantor zuckte kaum merklich zusammen.
„Lüge sie an“, flehte der Dämon. „Sag es nicht.“
Jetzt erst begriff Fantor ganz, wie sehr Naaarstr sich fürchtete.
Und das war beinahe unheimlicher als alles andere.
5
Er kam mit dieser Zeit einfach nicht klar.
Nicht mit der Kleidung. Nicht mit der Sprache. Nicht mit diesem ganzen aufgeblähten Gehabe, in dem selbst eine einfache Frage klang, als müsse sie erst durch drei Schichten Höflichkeit und zwei Schichten Selbstverliebtheit hindurch, ehe sie ausgesprochen werden durfte. Es widerte ihn an, und doch lebte er nun schon seit Wochen darin. Hartra hatte ihn einfach zurückgelassen, so abrupt, wie er gekommen war, und sich ohne viele weitere Worte verabschiedet, abgesehen von der Bemerkung, dass Slonda an der nächsten Konklave teilnehmen solle und nun wohl zurechtkommen werde.
Zurechtkommen.
Ein großzügiges Wort für das, was es tatsächlich bedeutete, allein in einer anderen Epoche zu sitzen, zwischen Menschen, deren Sprache sich anfühlte wie ein schlecht sitzendes Gewand, und Tag für Tag darauf angewiesen zu sein, dass Geduld nicht dasselbe war wie Ohnmacht.
Also verbrachte Slonda seine Tage in der Bibliothek.
Er las viel. Nicht immer mit Plan, manchmal aus Notwehr, alldieweil Lesen besser war als sich noch einen weiteren Nachmittag lang über Regen, Kleidung und die langsame, schleimige Förmlichkeit der Gegenwart zu ärgern. Einfach auf gut Glück in den Süden zu reisen, war eine Versuchung, gewiss. Aber das Wetter machte selbst dem Gedanken die Hälfte seiner Kraft wieder zunichte. Es regnete immer noch. Täglich. Ausgiebig. Unermüdlich. Der Sommer fühlte sich kühl an, die Luft war feucht, die Steine im Turm speicherten Nässe und das Licht selbst wirkte, als hätte man ihm die Freude ausgetrieben.
Seine Laune war nicht die beste.
Immerhin, gestand er sich ein, stand er unter keinem wirklichen Zeitdruck. Das war der eine Trost, den seine Lage immerhin mit sich brachte. Zeit spielte für ihn keine gewöhnliche Rolle mehr. Wann er zurückkehrte. Wie viel Zeit bis dahin für ihn verging. Ob Tage oder Jahre dazwischenlagen. All das war nicht mehr von der Art Bedeutung, die einem Herz und Magen auf dieselbe Weise zuschnürte wie früher. Wenigstens das. Also übte er sich in Geduld und versuchte, das Beste aus dem Ganzen zu machen.
Er stürzte sich auf einen kleineren Bereich der Bibliothek.
Vor allem Nekromantie und Wandlung.
Er war selbst überrascht, wie viel ihm das brachte. Nekromantie war ihm nicht ganz unvertraut. Nicht in ihrer ganzen Ausprägung, gewiss, aber im Denken, in der Art, wie sie mit Übergängen, Resten, Spuren und den Grenzverhältnissen des Lebens arbeitete, war sie seinem eigenen Geist nicht völlig fremd. Wandlung hingegen war neu für ihn. Und gerade deshalb zog sie ihn umso mehr an. Die anatomischen Grundlagen über Tiere faszinierten ihn auf eine Weise, die ihn selbst fast belustigte. Er begann mit Pferden, Hunden, Raben, Schlangen, ging dann weiter zu Mischwesen und Sonderformen, und immer wieder fand er Randbemerkungen über ältere Wesen, uralte Linien, vergessene Körperordnungen, als wollten die Bücher zwar Wissen bewahren, aber nie ganz zugeben, wie viel sie davon tatsächlich enthielten.
Es waren die einzigen Bände, die überhaupt etwas über die älteren Wesen verrieten.
Wenn auch nur am Rand.
Und so saß er eines Abends versunken in einem der Bücher in jenem Turmzimmer, das er in verschiedenen Zeitaltern schon gesehen hatte und das ihm inzwischen fast vertrauter war als vieles andere in dieser Epoche. Er hatte Tee. Draußen regnete es in Strömen. Der Wind peitschte gegen den Turm, und Blitze zerschnitten in unregelmäßigen Abständen das graue Dämmerlicht. Er las über die Anatomie von Pferden und stieß dabei auf Querverweise zu Zentauren, wenn er es richtig verstand also Mischwesen, halb Mensch, halb Pferd, was ihn umgehend fesselte. Die Bücher stellten ausdrücklich dar, dass es verboten sei, solche Zauber zu wirken oder solche Wesen zum Leben zu bringen, und gerade diese Verbote machten die Sache nur umso interessanter. Das Wissen war vorhanden. Nicht getilgt. Nicht verbrannt. Nur eingerahmt von Warnung und Kodex.
Es blitzte wieder.
Ein heftiger Donner folgte, so nah, dass der ganze Turm den Schlag dumpf in den Steinen weitertrug.
Slonda hob kurz den Kopf.
Er war sich nicht sicher, ob er ein Klopfen gehört hatte.
Vermutlich hatte er es sich nur eingebildet.
Er wartete.
Dann kam es wieder.
Ein Klopfen.
Unten an der Tür.
Um diese Uhrzeit.
Slonda legte das Buch beiseite, erhob sich und ging hinab. Er öffnete die Tür vorsichtig. Regen peitschte ihm sofort entgegen. Die Straße draußen lag unter Wasser und Wind, und ein Blitz zuckte über die Dächer hinweg. Niemand stand vor der Tür.
Er atmete aus.
Er musste es sich eingebildet haben.
Er schloss die Tür wieder und wollte schon nach oben zurückgehen, als es erneut klopfte.
Diesmal unmissverständlich.
Er drehte sich sofort um, ging wieder hin und riss die Tür rascher auf, fast trotzig, alldieweil er nun beinahe sicher war, dass niemand davorstehen würde und seine eigene Anspannung sich nur einen Spaß mit ihm gemacht hatte.
Doch als die Tür aufsprang, zuckte im selben Augenblick ein Blitz nieder.
Für den Bruchteil eines Atemzuges erhellte er die Gestalt vor der Tür so grell und scharf, dass Slonda sich später nicht einmal sicher gewesen wäre, ob der Schreck aus dem Anblick oder aus dem Licht kam.
Die Silhouette stand reglos im Regen.
Eine Kapuze tief im Gesicht. Schwarzer Stoff, vollkommen durchnässt. Silberne und goldene Ornamente glimmten im Blitzlicht auf, nur um gleich darauf wieder in das Dunkel zu sinken. Und dann war da das Lächeln.
Diese angespitzten Zähne.
Nicht breit. Nicht freundlich. Nur sichtbar genug, um sofort unheimlich zu wirken. Die Gestalt war einen Kopf größer als Slonda, und das allein machte den Augenblick unerfreulich genug. Doch das Grinsen im Regen, das Schweigen, die stille Sicherheit, mit der dieser Fremde einfach dastand, als gehöre der Sturm zu ihm, gaben dem Ganzen etwas geradezu Gespenstisches.
„Gestattet, Meister der Zeit, Slonda“, sagte die Gestalt schließlich, „dass ich mich vorstelle. Mein Name ist Marabar, und ich wurde von den Meistern von Sahretûn auserwählt, euch ob eurer Absichten zu prüfen.“
Er machte eine kleine Pause, und selbst in dieser Pause lag etwas Künstliches, etwas zu Bewusstes.
„Würdet ihr mir die Freundlichkeit erweisen, mich in euren Turm aufzunehmen. Ich muss zu meiner Beschwernis gestehen, dass dieser Regen und das herrschende Unwetter mir nicht ganz das geeignetste Wetter erscheinen, um draußen zu verweilen.“
Slonda war erstaunt genug, um sofort einen Schritt zurückzutreten.
„Bitte“, sagte er, rasch gefasster, als er sich selbst zugetraut hätte. „Kommt herein. Streift euren Mantel ab. Ich werde euch Tücher bringen. Und trockene Umhänge liegen hier bereit.“
Er half dem Fremden, den durchnässten Umhang abzunehmen. Der Stoff war schwer wie nasse Haut, und darunter kam eine Gestalt zum Vorschein, die noch unangenehmer und zugleich interessanter war, als das Blitzbild vor der Tür hatte ahnen lassen.
„Ich danke euch, Meister der Zeit, Slonda“, sagte Marabar. „Das ist sehr aufmerksam von euch. Die Reise hierher zu Fuß war beschwerlich. Wir sind es gar nicht gewohnt, Sahretûn zu verlassen und zu reisen, vor allem nicht bei einem solchen Unwetter, das nun schon seit Wochen tobt. Gern wäre ich schon früher gekommen, doch der Weg war strapaziös.“
Sie stiegen hinauf, nachdem Slonda ihm trocken genug gemacht hatte.
„Darf ich euch etwas Tee anbieten“, fragte Slonda. „Ich werde rasch neues Wasser aufsetzen.“
Marabar betrat die kleine Turmkammer und sah sich um.
Er nahm Bücher in die Hand, hob sie an, blätterte darin, mit einer Ruhe, die fast unverschämt war, alldieweil sie den Eindruck vermittelte, als prüfe er nicht bloß Schriften, sondern das ganze Leben des Mannes, der sie las.
„Interessant“, sagte er schließlich.
Er hielt gerade ein Buch der Wandlung.
„Manchmal wundere ich mich, was unsere Brüder aus Varakht in ihrer Schule alles lehren. Das grenzt schon an sehr unheimliche Magie, und bei Leibe, ich bin mir nicht sicher, ob dies nicht bisweilen eine Grenzüberschreitung des Kodex darstellt. Meine Brüder und ich denken schon länger darüber nach, diesbezüglich eine Untersuchung zu beantragen.“
Slonda wusste nicht, ob das Humor sein sollte.
Oder ernst gemeinte Arroganz.
Er entschied sich, darauf nichts zu erwidern.
Als der Tee fertig war, hielten schließlich beide eine Tasse in den Händen. Marabar umfasste seine so, als könnten seine langen, knochigen Finger Wärme gut gebrauchen. Nun erst nahm Slonda sich Zeit, ihn wirklich zu mustern.
Der Glatzköpfige vor ihm unterschied sich von allen anderen Magiern, die Slonda bisher gesehen hatte, auf eine Weise, die nicht bloß mit Kleidung oder Haltung zu erklären war. Sein Gesicht und jede sichtbare freie Haut waren mit feinen Tätowierungen überzogen, so nah am natürlichen Hautton, dass man sie zuerst fast übersah. Doch wenn das Licht sich bewegte, antworteten die Linien darauf und schimmerten einmal silbern, dann wieder golden, als lebten sie knapp unter der Haut weiter. Seine Zähne waren angespitzt. Die Zunge, bemerkte Slonda mit einem kleinen inneren Schaudern, war vorne leicht gespalten, und beide Teile bewegten sich nicht immer ganz gemeinsam. Die Ohren waren mehrfach von Ringen durchstochen. Vor ihm saß keine bloß fremde Person, sondern eine Gestalt, die sich bewusst und dauerhaft aus der übrigen Welt herausgearbeitet hatte.
Marabar bemerkte, dass Slonda ihn intensiv musterte.
Es schien ihn nicht zu stören. Im Gegenteil. Es war fast, als amüsiere es ihn.
„Nun, Meister der Zeit, Slonda“, sagte er schließlich und stellte die Tasse sorgfältig ab. „Unverblümt möchte ich mich äußern aufgrund des Grundes meines Besuches. Meine Meister haben mich ausgesandt, um zu ergründen, woher euer Interesse an uns rührt. Wie ihr sicherlich versteht, sind wir aufgrund der Macht und der Gefährlichkeit der Kunst, die wir ausüben, sehr besorgt, wenn jemand Interesse bekundet, und wir würden gerne mehr darüber erfahren, ehe wir eine Entscheidung darüber treffen, wie viel und welches Wissen wir euch gestatten zu ergründen.“
Slonda lehnte sich etwas zurück.
Mit vielem hatte er gerechnet.
Mit einer Prüfung seiner Motive nicht.
Doch er fing sich rasch wieder.
„Meister Marabar“, begann er.
Der Angesprochene hob sofort einen Finger und unterbrach ihn mit einem kleinen, beinahe höflichen Lächeln.
„Meister der Zeit, Slonda. Entschuldigt. Ich bin Schüler aus Sahretûn, Marabar, kein Meister. Ich bitte euch, es ziemt sich für mich nicht, mich mit Meister anreden zu lassen. Es wäre anmaßend von mir, mich so nennen zu lassen.“
Slonda stockte kurz, war dieser Unterbrechung aber im Stillen beinahe dankbar, alldieweil sie ihm einen Moment gegeben hatte, seine Antwort sauber zu ordnen.
„Schüler aus Sahretûn, Marabar“, sagte er dann. „Entschuldigt. Ich bin mit euren Gepflogenheiten nicht vertraut. Ich wollte euch nicht in eine missliche Lage bringen.“
Er sammelte sich.
„Nun, Schüler aus Sahretûn, Marabar, wir sind daran interessiert, das Wissen, welches ihr habt, zu erlernen, um es besser zu verstehen. Wie ihr vielleicht wisst, gibt es sehr viel Misstrauen und Vorbehalte gegen eure Schule und die unglaubliche Machtfülle, die in eurer Hand liegt. Aus dieser Macht wächst Verantwortung, und wir sind uns natürlich im Klaren darüber, dass ihr euer Wissen hütet und schützt, auch damit es nicht in falsche Hände gerät. Aber gerade diese Verschwiegenheit schafft auch Misstrauen und Missgunst. Wäre es da nicht eine Gelegenheit, wenn dieses Misstrauen und diese Gedanken künftig widerlegt werden könnten.“
Schweigen.
Marabar prüfte ihn.
Nicht nur mit dem Blick, sondern mit einer Ruhe, die sich anfühlte, als lausche er auf etwas hinter den Worten, auf einen Unterton, ein Begehren, einen Fehler, den Slonda vielleicht selbst nicht bemerkte.
Dann sagte er langsam:
„Meister der Zeit, Slonda, was ihr sagt, ist sicherlich wahr. Das Misstrauen und die Missgunst, die uns entgegengebracht werden, sind gewiss ein Teil unseres Schicksals. Ihr habt dies alles richtig erkannt und wiedergegeben. Nur ob es uns stört, oder ob wir nicht längst darüber erhaben sind, ist noch nicht entschieden.“
Ein ganz leichtes Lächeln legte sich über seine Lippen.
„Jedoch erkennen wir darin, dass ausgerechnet ein Meister der Zeit dies uns vorschlägt, eine Chance, die wir gegebenenfalls nicht verstreichen lassen sollten. Anstatt immer wieder aufs Neue irgendjemanden einzuweisen, wäre es vielleicht besser, eine Person zu unterweisen, die für uns in jedem Zeitalter unsere Motive als rein und dem Kodex entsprechend wiedergeben könnte. Dies stellt eine Möglichkeit dar.“
Er hob die Tasse wieder an.
„Die Person hingegen muss über jeden Zweifel erhaben sein.“
Nun ruhte sein Blick ganz offen auf Slonda.
„Ob ihr diese Person seid, muss nun geprüft werden.“
6
Die Suche nach dem Schuldigen kostete Isidre Zeit und Mühe, doch irgendwann war sie sich sicher, dass sie ihn ausgemacht hatte.
Nosra.
Einer der Eiferer, oder vielmehr einer jener Männer, die sich gerade erst mit den Eiferern verbunden hatten und nun so taten, als hätten sie schon immer zu dieser Art von Menschen gehört. Nosra hatte nie wirklich Talent fürs Zaubern besessen. Nicht jenes tiefe, klare Talent, das einen Schüler auch dann noch weiterträgt, wenn Fleiß und Ehrgeiz einmal nicht genügen. Auch die Disziplin war bei ihm nie besonders ausgeprägt gewesen. Doch in einem Bereich hatte er sich hervorgetan: in der Kräuterkunde, im Anrühren von Heilmitteln, in jenen stillen, halb dienenden Tätigkeiten, die in einer Schule wie Tandor leicht übersehen werden, alldieweil sie so notwendig sind, dass man sie irgendwann nur noch bemerkt, wenn sie fehlen.
Und genau dort lag das Problem.
Mehrere Bedienstete, die Isidre in den letzten Wochen immer wieder vorsichtig befragt hatte, erzählten ihr dasselbe. Nosra war derjenige gewesen, der Trandas Speisen zubereitet und gebracht hatte. Nicht immer, aber oft genug. Vor allem, alldieweil Tranda seit Jahren Mittel nahm, die ihm halfen, besser zu schlafen und verschiedene Zipperlein des Alters zu lindern. Nosra hatte sich zu Beginn als zuverlässig erwiesen. Ein stiller Schüler, der seine Aufgaben ohne Zwischenfälle erfüllte, freundlich genug, unauffällig genug, beinahe harmlos. Doch dann war etwas geschehen.
Nosra hatte neue Freunde gefunden.
Und diese Freunde waren eben jene Eiferer, die sich mittlerweile in Tandor und in der Schule immer breiter machten, wie Isidre mit wachsender Gereiztheit bemerkte. Es waren nicht viele, aber sie waren laut. Und wo Lautstärke mit moralischer Selbstgewissheit zusammentraf, brauchte es selten große Zahl, um viel Raum einzunehmen. Bertagnie war wohl ihr Anführer, wenn auch keiner ihn offen so genannt hätte. Ein unhöflicher, respektloser Arschkriecher, wie Isidre ihn für sich nannte. Er schwirrte um Klaast herum wie eine Fliege um einen frischen Haufen Schweinedung, geschniegelt in Haltung und Satzbau, aber durchsichtig in seinem Ehrgeiz.
Klaast selbst überraschte sie.
Zu ihrer Verwunderung bemühte er sich tatsächlich, objektiv zu bleiben. Und noch mehr überraschte sie, dass er hin und wieder geradezu ihre Nähe suchte. Es wirkte fast, als fliehe er vor diesen Eiferern, die sich mit einem Eifer an ihn hefteten, der weniger nach Loyalität als nach Besitzanspruch aussah.
Isidre hatte zunächst kein wirkliches Interesse daran.
Männer im Allgemeinen langweilten sie zumeist. Und Klaast im Besonderen versprach zunächst auch nichts anderes. Er war klug, gewiss. Belesen. Diszipliniert. Wenig voreilig. Aber eben doch ein Mann und nicht einer vom Kaliber eines Slonda oder Anadar. Das waren ganz andere Figuren. Männer, bei denen Denken und Gegenwart eine Spannung bildeten, die einen Raum wirklich veränderte. Klaast war anders. Solider. Ordentlicher. Weniger unberechenbarer als viele andere, aber eben nicht von jener Art, die einen innerlich aufmerken ließ.
Doch Isidre hatte kaum eine Wahl.
Auch sie brauchte Verbündete.
Und so kam es, dass sie immer mehr Zeit mit Klaast verbrachte. Nicht in romantischer Absicht, nicht einmal aus ausgesprochener Sympathie zu Beginn, sondern aus Notwendigkeit, aus Aufmerksamkeit, aus dem stillen Wissen, dass es in einer Schule selten genügt, recht zu haben, wenn man niemanden hat, der einen im richtigen Moment bestätigt. Irgendwann verstand sie auch seinen Humor. Einen leisen, feinen, beinahe versteckten Sinn für Humor, der so sparsam auftauchte, dass man ihn leicht übersehen konnte und gerade deshalb irgendwann umso mehr zu schätzen wusste.
Ansonsten hatte sie die Hände voll zu tun.
Ihr tägliches Aufgabenfeld füllte jeden Tag bis an den Rand. Menschen kamen zu ihr, alldieweil sie Heilung wollten. Manche brauchten sie dringend. Manche waren wohl nur einsam und suchten in ihrer Gegenwart die Art von Beruhigung, die sie von keinem Trank und keiner Salbe erhalten konnten. Für jeden hatte sie etwas. Ein Mittelchen, ein offenes Ohr, eine Salbe, einen Rat. Und selbst wenn sie im Äußeren ruhig blieb, schweiften ihre Gedanken immer wieder ab.
Zu Nosra.
Diesem Giftmischer, wie sie ihn in ihrem Kopf nannte.
Sie achtete inzwischen sehr genau darauf, was sie aß. Zumeist bereitete sie sich ihr Essen in der Küche selbst zu, zum stillen Leidwesen jener, die dort arbeiteten, alldieweil ihre Anwesenheit zwar nichts störte, aber alles beobachtete. Und da sie nicht gut nur für eine Person kochen konnte, machte sie das Essen für Klaast meist gleich mit.
Früher oder später fand er heraus, wo sie in den Abendstunden aufzufinden war.
Und alldieweil sie während des Kochens nicht einfach weglaufen konnte, gesellte er sich immer wieder zu ihr. Wie er selbst sagte, sei er in einer Küche aufgewachsen, und deshalb mache es ihm nichts aus, dort Zeit zu verbringen. Isidre glaubte ihm das sogar. Es gab etwas an der Art, wie er mit Töpfen, Messern und Vorräten umging, das nicht gespielt wirkte. Er stand nicht im Weg. Er fragte nicht dümmlich. Er wartete ab, half, wenn es nötig war, und ließ Stille stehen, wenn sie besser war als Gespräch.
So kam es, dass die Geschicke der Erdschule meist über einem Kochtopf geregelt wurden.
In der Küche.
Dort besprachen sie vieles. Welcher Schüler sich gut anstellte. Wer zu welchen Kranken geschickt werden konnte. Wer in einer schwierigen Lage eher zerrieb als half. Besondere Fälle. Spannungen zwischen Lehrern. Schulpolitik im Kleinen und im Größeren. Immer wieder ging das Gespräch auf das Seeungeheuer zurück und auf Anadar, der in ihrer Erinnerung noch immer mit jenem sonderbaren Glanz dastand, den manche Menschen mit sich tragen, wenn sie mehr verändern, als ihrer bloßen Anwesenheit nach zustehen sollte. Auch Klaast war von ihm beeindruckt. Und von Shara ebenfalls, die er immer wieder erwähnte, wobei er ihre Schönheit besonders gern hervorhob.
Isidre hörte ihm dann meist mit einer Mischung aus Belustigung und stiller Gereiztheit zu.
Dann ging es wieder um Slonda.
Um seine Beweggründe. Sein Fehlen. Und darum, dass er sich verändert hatte. Aus einem zerstreuten Meister, der mit drei Gesprächen gleichzeitig umgehen konnte und in jedem derselbe blieb, war jemand geworden, der sich auf einmal mit seltsamer Härte und Klarheit auf seine Aufgaben konzentrierte. Klaast sah nur die Oberfläche davon. Isidre wusste sehr viel mehr, hielt aber mit den Dingen zurück, die sie lernen durfte. Die Welt war größer und dunkler, als Klaast ahnte, und sie war sich noch nicht sicher, wie viel von dieser Größe und Dunkelheit sie ihm überhaupt zumuten wollte.
Und doch fasste sie langsam Vertrauen zu ihm.
So sehr, dass sie ihm eines Abends schließlich anvertraute, was sie und Slonda bei Trandas Abschied wirklich erfahren hatten. Nicht sofort. Nicht mit allen Einzelheiten. Aber vorsichtig genug, dass er begriff, wie schwer ihr dieser Satz fiel.
„Als wir uns von Tranda verabschiedeten“, sagte sie und rührte dabei weiter in einem Topf, als wäre Genauigkeit in den Händen ein Schutz gegen das, was Worte auslösen konnten, „fanden wir heraus, dass er vergiftet wurde. Wir fanden Spuren des Gifts im Mageninhalt. Damit bestätigte sich, was uns sein Geist bereits verraten hatte.“
Klaast sah sie an.
Nicht schockiert. Eher still.
„Das ist abstoßend“, sagte er schließlich. „Hast du einen Verdacht.“
Isidre blickte kurz zur Seite.
„Natürlich“, sagte sie. „Hast du einen.“
Er überlegte.
Dann sah er auf das, was auf dem Feuer stand, und fragte mit einem kleinen, feinen Anflug von Humor:
„Ist das der Grund, warum du uns das Essen zubereitest.“
Isidre schmunzelte und nickte.
„Ich bin vorsichtig geworden.“
An einem Abend saß Isidre in ihrem Gemach.
Das Fenster stand offen, alldieweil die Luft an diesem Tag endlich jene Wärme trug, die nicht schwer, sondern angenehm war. Einer dieser Abende, an denen man die Hitze nicht als Last spürt, sondern als Versprechen. Sie las in einem Buch über eine seltene Krankheit, alldieweil sie vermutete, dass sich ein Patient mit etwas angesteckt hatte, das keiner gewöhnlichen Erkältung entsprach, und sie wollte die Symptome noch einmal sauber abgleichen.
Da krächzte es auf der Fensterbank.
Gedankenverloren sagte sie nur:
„Geh weg. Schhh.“
Doch der Vogel blieb sitzen.
Er krächzte wieder.
Isidre beschloss, ihn zu ignorieren. Dann klopfte der Vogel mit dem Schnabel gegen das Fenster, als habe er durchaus begriffen, dass Ignoranz manchmal nur eine Form von Bequemlichkeit ist. Nun drehte sie sich um.
„Was ist.“
Der Vogel deutete mit dem Schnabel auf seinen Fuß.
Dort war etwas befestigt.
Eine kleine Rolle.
Isidre stand auf und trat ans Fenster.
„Was hast du da“, fragte sie beiläufig, während sie die Rolle vom Bein des Vogels löste.
In genau dem Augenblick, in dem sie sie abnahm, geriet das Tier in eine fast wilde Erregung, krächzte laut, schlug mit den Flügeln und verschwand so abrupt in die Nacht, als sei selbst eine Sekunde länger am Fenster bereits zu viel gewesen.
Isidre entrollte das Pergament.
Es waren nur wenige Zeilen.
Sie las sie.
Dann las sie sie noch einmal.
Dann schloss sie das Fenster.
Ohne Hast, aber mit jener plötzlichen vollständigen Klarheit, die einen Menschen nur dann erfasst, wenn etwas alles andere auf einen Schlag überholt. Sie packte eine kleine Tasche. Nahm nicht viel mit. Nur das, was eine Reise brauchte, die keinen Aufschub duldete. Dann suchte sie Klaast auf und zeigte ihm den Brief.
„Ich bin in Zoordak“, sagte sie kurz, nachdem er gelesen hatte. „Die nächste Zeit.“
Es war keine Erklärung. Eher eine Entscheidung, die nun bereits vollzogen war.
Dann ging sie in die Stallungen, verlangte zwei schnelle Pferde und ließ sich keineswegs in ein Gespräch darüber ziehen, ob die Nacht ein kluger Zeitpunkt zum Aufbruch sei. Wenige Minuten später peitschte sie das Pferd bereits auf die Straße hinaus, im vollen Galopp, während hinter ihr die Schule kleiner wurde.
Klaast blieb zurück.
Er sah ihr nach, bis Dunkelheit und Entfernung sie verschluckt hatten. Dann stand er dort, wieder allein, wieder auf sich gestellt, und hoffte inständig, dass Isidre zur rechten Zeit in Zoordak ankam. Bedauern drehte er sich um, im vollen Bewusstsein, dass er nun für sich selber kochen musste.
7
Anadar hatte lange daran gearbeitet, und nun verstand er die Grundstruktur dieser Zauber sehr viel besser.
Es war nicht bloß so, dass er die Lichtzauber nun lesen konnte. Das allein wäre schon ein Fortschritt gewesen, aber nicht der eigentliche Kern dessen, was mit ihm geschehen war. Vielmehr hatte die Andersartigkeit dieser Magie, ihre Ordnung, ihre vorsichtige, beinahe tastende Art, Kraft zuerst über Grenzen und Räume zu denken, etwas in seinem eigenen Verstehen verschoben. Er sah Zauber nun anders. Nicht nur die der Lichtschule. Alle.
Früher hatte er Passagen abgeschrieben und auswendig gelernt, hatte Wirkungen reproduziert, Zeichen gesetzt, Kraft aufgerufen, und oft genug war ihm nur halb bewusst gewesen, was einzelne Teile eines Zaubers tatsächlich bedeuteten. Gewiss, er wusste, was funktionierte und was nicht, und das war für viele Magier schon genug. Doch nun begann er, sehr viel genauer hinzusehen. Viel tiefer. Er blickte auf eine Rolle und konnte sagen, welcher Teil wofür stand, weshalb gerade diese Begrenzung notwendig war, an welcher Stelle die Wirkung getragen wurde, wo ein Zauber seine Richtung erhielt und weshalb manche Dinge zerfielen, wenn man sie wegließ.
Noch mehr als das begriff er nun auch, welche Teile sich entfernen ließen.
Und was es bedeutete, wenn man es tat.
Früher hätte er sich dafür Stunde um Stunde über eine Rolle beugen müssen, um Passagen fast wortgetreu zu übertragen und nur ja keinen Fehler in der inneren Ordnung zu machen. Jetzt war es anders. Er sah unmittelbarer, was zu tun war, um einen gewünschten Effekt zu erhalten. Nicht vollkommen frei, noch nicht, aber frei genug, dass ihm zum ersten Mal schmerzlich bewusst wurde, wie oft er Magie zuvor eher gehorsam nachgebaut hatte, statt sie wirklich zu durchdringen.
Er hätte nie geglaubt, dass ihm ein solcher Sprung überhaupt möglich war.
Und alldieweil er nun einmal Anadar war, blieb er nicht bei der Lichtmagie stehen.
Kaum hatte er dort festen Boden gewonnen, ging er zurück zu den Zaubern anderer Schulen, und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Da war eine Grammatik. Da waren Sprachen. Da waren innere Bauweisen, die ihm früher nur teilweise eingängig gewesen waren. Nun erkannte er sie. Nicht alle, nicht gleich, aber deutlich genug, dass er merkte, wie weit sich sein eigenes Verständnis geöffnet hatte. Es war, als hätte er eine weitere Stufe erreicht, nicht in bloßer Macht, sondern im Begreifen.
Und genau das half ihm nun auch mit dem Buch und den Schriften der Wandlung.
In erstaunlich kurzer Zeit verstand er, wie viele dieser Zauber funktionierten. Das eigentliche Hindernis lag für ihn nicht mehr in der Sprache der Formeln oder in ihrer Ordnung, sondern in der Anatomie der Tiere. Und gerade das war in diesem Fall entscheidend. Er musste wissen, an welcher Stelle das Herz eines Bären lag, wie groß es war, wo die Leber saß, wie der Brustkorb gebaut war, wie Sehnen und Gelenke zusammenarbeiteten, bevor er sich überhaupt verantwortbar in ein solches Wesen verwandeln konnte. Damit tat er sich noch schwer.
Noch.
Eine Spur zur Herkunft des Buches fanden sie nicht. Auch in den übrigen Dokumenten nicht. Es war wie das Beschwörerbuch. Es war einfach aufgetaucht, aus einem verborgenen Bestand in die falschen Hände geraten und dort missbraucht worden. Wissen hatte keine Richtung. Wissen war Wissen. Es trug kein Gewissen in sich. Es war das, was Hände und Wille daraus machten.
Shara beobachtete all das.
Wie immer sah sie ihm zu, still, aufmerksam, mit jener Art von Geduld, die nicht aus Passivität kommt, sondern aus genauer Kenntnis des anderen. Sie kannte ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, wann er einfach nur lernte und wann er in jene Tiefe hinabstieg, in der andere schon von Besessenheit gesprochen hätten. Sie hatte es oft genug erlebt. Und jedes Mal bewunderte sie ihn neu dafür, dass er sich so in etwas versenken konnte, mit einer Präzision, einer Ruhe und einem inneren Hunger, die bei anderen an Wahn grenzten und bei ihm doch ganz er selbst waren.
Sie liebte ihn auch dafür.
Nicht nur für seine Stärke, nicht nur für seine Wildheit, nicht nur für den Mann, den andere sahen, wenn er eine Schule, ein Monster oder einen Dämon bezwang. Sondern auch für diese stilleren Stunden, in denen er mit einer Rolle und einem Gedanken allein war und die Welt um sich herum beinahe vergaß.
Sie selbst war anders.
Sie hatte nicht diesen absoluten Drang des Verstehens. Nicht diese abstrakte, unermüdliche Kreativität, die in einem Problem noch drei weitere sah und darin bereits die Einladung zu etwas Größerem erkannte. Shara war zweckmäßiger. Präziser. Sie wusste, wie schnell sie etwas Neues aufnehmen konnte. Wie wenig Zeit sie brauchte, um sich einen Zauber einzuprägen, ihn zu ordnen und dann sauber zu wirken. Sie besaß die Disziplin und die Genauigkeit, das Gelernte unmittelbar anzuwenden, und das genügte ihr. Darin war sie absolut. Erklären konnte sie Dinge durchaus, aber nicht gern und nicht so, wie Anadar es vermochte, wenn er einmal aus seiner Tiefe wieder auftauchte. Sie selbst wusste schlicht, wie sie etwas aufnehmen musste, um es zu verstehen. Das reichte.
Im Moment beschäftigte sie sich noch immer viel mit den Beschwörungen.
Und sie wurde gut darin.
Richtig gut.
Immer sicherer gelang es ihr, kleine Wesen aus der anderen Welt zu holen und sie ebenso sauber wieder verschwinden zu lassen. Anadar bestaunte sie dafür immer wieder, wenn aus einer Schwefelwolke ein kleiner Dämon marschierte und Kunststücke vorführte, als gehöre ihm der Raum. Die größeren Dinge hob sie sich allerdings für jene Stunden auf, in denen Anadar nicht bei ihr war. Sie wollte ihn nicht beunruhigen, redete sie sich ein. Reine Vorsichtsmaßnahme. Reine Rücksichtnahme.
Vielleicht aber wollte sie auch etwas für sich behalten.
Etwas nur für sich.
Die übrige Zeit verbrachte sie oft mit Miene, Sindra und Sinadie.
Miene und Sindra waren erwachsener geworden, stellte Shara fest. Nicht nur älter. Wirklich erwachsener. Es tat ihnen gut, Morgut nicht mehr hinterherzurennen. Die ganze rastlose Spannung, mit der sie ihn früher umkreist hatten, schien sich in etwas anderes verwandelt zu haben. In Eifer. In Arbeit. In Ehrgeiz. Beim Erlernen der Lichtzauber entwickelten die beiden eine Akribie, die selbst Shara beeindruckte. Was sie einmal begriffen hatten, ließen sie nicht wieder los, bis es sauber saß.
Und Sinadie.
Nun, Shara verstand bald, warum so viele diese Frau für fähig hielten. Sie besaß eine Klugheit für Zusammenhänge, um die man sie beneiden konnte, alldieweil sie selten nur ein Problem sah, sondern immer auch die Linien, die von ihm aus in andere Richtungen liefen. Und sie kam mit Manador erstaunlich gut zurecht. Mit diesem eher brüsken, ungeschliffenen Feuermagier, der auf viele Menschen grob wirkte und sie dennoch immer wieder zum Lachen brachte. Und sie ihn ebenfalls. Die beiden verbrachten Zeit miteinander, und das war gut so.
Bald beschlossen sie gemeinsam, dass auch die anderen acht Mädchen Unterricht in der Lichtmagie erhalten sollten.
Es war an der Zeit.
Und Miene und Sindra bereiteten dies mit einer Sorgfalt vor, die fast schon rührend wirkte. Listen wurden angelegt. Reihenfolgen festgesetzt. Erste Rollen ausgewählt. Übungen abgestuft. Fast sah es aus, als hätten sie auf genau einen solchen Auftrag gewartet, um endlich etwas ganz Eigenes in der Schule aufzubauen.
Abends saßen Anadar und Shara oft zusammen in ihrem Gemach.
Es war eine stille Stunde zwischen all dem Lernen. Meist ahnte Shara bereits, dass Anadar sich bald wieder hinunter in die Bibliothek schleichen würde, wie fast jeden Abend in diesen Wochen. Zwar ließ sein Interesse allmählich etwas nach, alldieweil er sich die Bibliothek beinahe vollständig einverleibt hatte in seinem Hunger nach Wissen, aber noch immer zog es ihn nachts hinunter, wenn die Gänge stiller wurden und kein anderer Blick ihn störte.
An diesem Abend spürten es beide im selben Augenblick.
Es war nicht ein Geräusch. Nicht ein Ruf. Nicht etwas, das man mit gewöhnlichen Sinnen hätte beschreiben können. Eher eine innere Erschütterung. Ein Zug. Eine plötzliche Gewissheit, die sie beide gleichzeitig erreichte.
Shara blickte ihn an.
Er blickte zurück.
„Ich kann nicht“, sagte sie sofort, noch ehe er etwas sagen musste. „Du bist alleine sehr viel schneller.“
Anadar stand augenblicklich auf.
Es gab keinen Widerspruch. Keine Diskussion. Keine der kleinen Gesten, mit denen man sich gegenseitig davon überzeugt, dass Eile wirklich notwendig sei. Er trat zu ihr, küsste sie kurz und fest und rannte dann die Treppen hinunter zu den Stallungen.
Dort brach beinahe sofort Hektik aus.
Zwei der schnellsten Pferde wurden vorbereitet, alldieweil jeder in der Feste an seiner Stimme hörte, dass dies kein gewöhnlicher Aufbruch war. Oben packte Shara in der Zwischenzeit das Nötigste ein. Nicht viel. Nur das, was er wirklich brauchen konnte. Eine Tasche. Einige Dinge, die er niemals mitnehmen würde, wenn niemand ihn daran erinnerte. Dann lief sie die Treppen ebenfalls hinunter und kam unten an, als er gerade die Pferde aus dem Stall führte.
Sie reichte ihm sein Schwert.
Und die Tasche.
Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn noch einmal.
Für einen Herzschlag sahen sie einander einfach nur an.
Dann schwang er sich in den Sattel und ritt los, sofort im Galopp, ohne weiteren Abschied, alldieweil jede Sekunde, die er jetzt verlor, sich später gegen jemanden richten mochte, der ihm wichtiger war als Bequemlichkeit oder Ordnung.
Er blickte zurück, solange er sie noch sehen konnte.
Bis sie außer Sicht war.
Shara blieb stehen.
Sie legte die Hand an ihren Bauch, als könne sie durch die Berührung zugleich das Kind, sich selbst und das, was sie eben losgeschickt hatte, zusammenhalten.
„Mutter“, betete sie.
8
An jedem anderen Tag wäre sie wohl sofort gestorben.
An jedem anderen Tag hätten die Klinge, der Blutverlust und das Gift genügt. Vielleicht würden sie es am Ende immer noch tun. Vielleicht war der Tod nur vertagt, nur aufgeschoben um Stunden, um einen halben Tag, um ein letztes Aufbäumen des Körpers, ehe auch dieses verlöschen musste. Doch an diesem Tag geschah es nicht. An diesem Tag sank Mutter in sich zusammen, spürte, wie Lähmung sie ergriff, zuerst den Körper, dann den Geist, und noch ehe auch das Denken ihr entglitt, gelang es ihr, einen einzigen Gedanken auszusenden.
Nicht mehr als ein Wort.
Hilfe.
Sie sandte es aus, tastend, schwächer werdend, aber mit einer Genauigkeit, die selbst jetzt noch ungebrochen war, und fand Xiodrie.
Xiodrie wusste sofort, wohin sie zu kommen hatte.
Sie brauchte nicht zu fragen. Nicht zu zweifeln. Nicht zu überlegen. Sie lief, und als sie Mutter fand, sah sie sie blutend auf dem Boden liegen, das weiße Gewand dunkel durchtränkt, die Haut bereits zu blass, die Glieder zu still. Für einen Herzschlag stand die Welt in ihr still. Dann handelte sie.
An jedem anderen Tag wäre Mutter sofort gestorben.
Doch die Schülerin des Geistes, die in ihrem früheren Leben eine Hexe gewesen war, verlor keine einzige Sekunde. Sie riss ohne Zögern das Kleid auf, legte die Wunde frei und beugte sich darüber. Noch ehe sie sie genau genug gesehen hatte, wusste sie am Geruch, dass dies keine gewöhnliche Verletzung war. Da war Blut. Da war Metall. Und da war etwas anderes. Etwas Bitteres, Öliges, Fremdes.
Gift.
Sie drückte auf die Wunde.
Hart.
Nicht vorsichtig, nicht zärtlich, sondern so, wie man eine Wunde nur berührt, wenn man nicht mehr zwischen Schmerz und Rettung unterscheiden darf. Ein Schwall aus Blut und dunkler öliger Flüssigkeit quoll heraus. Xiodrie presste weiter, ließ mehr davon aus der Tiefe aufsteigen, bis ihre Hände rot und schwarz glänzten.
Dann schrie sie.
Sie schrie so laut sie konnte, rief nach Hilfe, nach Händen, nach Stoff, nach allem, was sich bewegen konnte. Hilfe kam. Nicht geordnet, nicht klug, nicht sofort nützlich, aber sie kam, und Schock war in solchen Augenblicken oft hilfreicher als Nachdenken. Menschen in Schock tun, was man ihnen sagt, solange jemand da ist, der Befehle erteilt. Und Xiodrie bellte Befehle.
Messer.
Verbandsmaterial.
Sauberes Wasser.
Salben.
Kräuter.
Blut.
Sie brauchte Blut.
Die Schülerinnen um sie herum waren blass und verstört, aber sie liefen. Eine nach der anderen, sobald sie einen Befehl erhalten hatte, und Xiodrie, die noch vor nicht allzu langer Zeit geglaubt hatte, in dieser Welt nirgends hineinzupassen, stand nun mitten in einem Kreis aus Gehorsam und Panik wie etwas, das genau dafür geschaffen worden war.
Sie drückte die Wunde weiter aus.
Mutter war bereits entweder ohnmächtig oder so tief gelähmt, dass ihr Körper keinen eigenen Widerstand mehr leistete. Xiodrie spülte die Wunde aus, vorsichtig nur dort, wo Vorsicht noch erlaubt war, mit Wasser und Stoff, immer wieder, immer weiter. Zwischen dem Blut sammelte sich die ölige Substanz, zäh, dunkel, beinahe schillernd im falschen Licht. Xiodrie füllte etwas davon in ein kleines Fässchen.
Sie musste es später untersuchen.
Sie musste wissen, womit man sie vergiftet hatte.
Sie musste ein Gegengift finden.
Denn was hier geschehen war, war ihr sofort klar. Kein Unfall. Kein fehlgeleiteter Angriff. Kein Schicksal. Das war ein Mordanschlag.
Das nächste Problem war das Blut.
Sie hatte so etwas seit langer Zeit nicht mehr getan. Nicht in dieser Form. Nicht mit so dürftigen Mitteln. Sie war nicht einmal sicher, ob sie die nötigen Utensilien in Zoordak würde finden lassen, aber sie schickte die Schülerinnen dennoch los. Nach ausgekochten Tierdärmen. Nach Metallkanülen aus bestimmten Metallen. Nach allem, was sich irgendwie zur Übertragung eignen mochte. Es dauerte ihr alles zu lang. Viel zu lang. Mit jedem Atemzug wurde Mutters Puls schwächer. Mit jedem Blick schien ihre Haut blasser zu werden.
Xiodrie behalf sich mit den wenigen Heilungszaubern, die sie erlernt hatte.
Nicht genug, um solch eine Wunde zu schließen. Nicht genug, um ein Gift von dieser Art einfach aus einem Körper zu bannen. Aber genug, um Zeit zu kaufen. Augenblicke. Minuten. Vielleicht Stunden. Sie kämpfte um Mutters Leben wie eine Bärin um ihr Junges. Sie ließ sie nicht gehen. Immer wieder, wenn sie selbst beinahe vor Erschöpfung zusammenbrach, kam irgendwoher noch ein kleiner Rest Kraft, ein Impuls, eine Wut, eine Angst, eine Liebe, die sie weitermachen ließ.
Sie wuschen die Wunde aus.
Sie schnitten kleinste, bereits verfärbte Gewebestücke heraus.
Dann nähten sie sie vorsichtig zu, mehr als notdürftige Grenze gegen das weitere Ausbluten denn als wirkliche Heilung. Die Blutübertragung half mehr. Viel mehr. Sie fanden Spenderinnen. Erst eine, dann noch eine. Sie leiteten Blut in eine sauber gemachte Blase, übertrugen es mit der dünnen Metallkanüle weiter in Mutters Körper. Es war roh. Gefährlich. Unpräzise. Aber es wirkte. Der Kreislauf stabilisierte sich wenigstens für Augenblicke. Sie wurde nicht mehr nur schwächer.
An jedem anderen Tag wäre Mutter gestorben.
Nicht an diesem.
Xiodrie ließ sie nicht gehen.
Immer wieder ließ sie neue Sude kochen aus Kräutern, von denen sie wusste, dass sie Gifte banden oder den Körper zwangen, schneller dagegen anzurennen. Salben. Pulver. Flüssigkeiten. Sie flößten Mutter Tropfen für Tropfen ein. Legten Wickel an. Kühlten sie. Wärmten sie. Hielten ihre Hände fest, wenn Krämpfe einsetzten. Bekämpften jedes Zeichen von Nachlassen mit dem, was sie hatten.
Und mitten in all diesem Chaos, in einer einzigen Minute, die keine Ruhe war, sondern nur ein anderes Tempo des Kampfes, ging sie hinaus in den Hof und ruft sich Hilfe, ein Rabe kam. Sie sprach zu ihm, sie bezauberte den Raben und band ihm eine Nachricht an den Fuß.
Es war eine letzte Hoffnung.
Jemand mit wirklichem Wissen.
Jemand, der vielleicht mehr tun konnte als sie.
Xiodrie hoffte nur, dass sie Mutter so lange stabilisieren konnte, bis Isidre eintraf.
Man legte Mutter schließlich auf eine Trage und brachte sie in ein Zimmer. Dort wurde weitergekämpft. Pausenlos. Xiodrie wachte über sie, ohne wirklich zu schlafen, ohne wirklich zu essen, jede Veränderung der Hautfarbe, jedes Zittern, jedes Nachlassen des Pulses sofort bekämpfend. Frisches Blut wurde gegeben. Neue Kräutersude gekocht. Neue Salben aufgetragen. Jede Stunde war ein Kampf gegen den nächsten Absturz.
An jedem anderen Tag hätte Mutter diesen Kampf verloren.
Nicht an diesem.
Als Isidre ankam, war Mutter bereits seit drei Tagen in einem Zustand, der eher Tod als Leben glich.
Isidre selbst war kaum besser dran. Sie hatte drei Tage fast ohne Pause im Sattel gesessen, nur hin und wieder das Pferd gewechselt und war geritten, wie noch niemand geritten war, als säße ihr der Teufel selbst im Nacken. Als sie in Zoordak ankam, glitt sie beinahe vor Erschöpfung vom Pferd. Doch sie stand. Sie blieb aufrecht. Und sie kam sofort zu Mutter.
Sie öffnete ihre Tasche.
Sie sah, was Xiodrie bewerkstelligt hatte.
Und sie verstand sofort, wie viel davon eigentlich unmöglich gewesen war.
Für einen Moment lag in ihrem Blick sogar etwas wie Bewunderung. Dann begann sie ohne weiteren Aufschub mit ihren eigenen Zaubern. Mit ihrer Heilkunst. Mit jener tiefen, präzisen Kenntnis des Körpers, die nicht nur stützt, sondern eingreift. Sie arbeitete stiller als Xiodrie, kälter, gezielter, aber nicht weniger entschlossen. Schließlich legte sie Mutter in ein tiefes Koma.
Es war kein Aufgeben.
Es war ein letzter Griff nach Zeit.
Isidre blickte auf Xiodrie.
Beide Frauen standen am Rand ihrer Kräfte. Beide waren grau vor Müdigkeit, verschmiert mit Blut, Kräutern, Schweiß, Ruß und Angst. Doch beide kämpften denselben Kampf.
Und so kam es, dass Mutter auch diesen Tag nicht starb.
Ende Teil 1



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