Anadar VI/III
- R.

- 11. Mai
- 55 Min. Lesezeit

13
Gudi erwachte mit Kopfschmerzen.
Nicht mit jenem dumpfen, schweren Schmerz eines schlechten Schlafes, sondern mit einem stechenden, bohrenden Hämmern, das ihr die Augen von innen aufzudrücken schien, noch ehe sie wusste, wo sie war. Es war heiß. Dunkel. Ihre Kehle war trocken wie Staub, und als sie sich bewegen wollte, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Metall schnitt in ihre Haut. Ihre Arme waren hochgezogen. Ihre Handgelenke fest. Sie lag nicht in einem Bett, nicht auf einer Bank, nicht einmal auf einer Decke, sondern auf nacktem Stein.
Langsam begriff sie.
Ein Verlies.
Sie hatte nie eines gesehen, nur davon gehört, in Geschichten, in halben Drohungen, in den dunkleren Versionen dessen, was Erwachsene erzählten, wenn sie Kindern Angst machen wollten. Nun war sie darin. Angekettet an einer Wand. Mit Lumpen am Leib statt ihrer Kleider. Wer hatte sie ausgezogen. Wer hatte sie umgezogen. Warum war sie hier.
Sie versuchte zu rufen.
Kein Laut kam.
Nur ein raues, schmerzhaftes Krächzen aus einer Kehle, die zu trocken war, um selbst Furcht ordentlich auszusprechen.
„Hallo“, brachte sie schließlich hervor.
Nichts antwortete.
Keine Stimme. Kein Schritt. Nicht einmal das Rascheln einer Ratte. Nur die eigene Atmung und das Pochen im Kopf. Sie versuchte sich aufzurichten, doch die Fesseln schnürten sie ein und hielten sie in einer Stellung, die weder Sitzen noch Liegen erlaubte. Jeder Muskel tat weh. Der Nacken. Die Schultern. Die Knie. Der Rücken. Und über allem dieser Durst, dieser brennende, quälende Durst, der bald schlimmer wurde als der Schmerz.
Stunden vergingen.
Vielleicht Tage.
Sie wusste es nicht.
Dort unten, wo kein Licht wechselte und kein Geräusch von draußen hereindrang, verlor Zeit rasch jede Ordnung. Alles, woran sie sich festhalten konnte, war das Letzte, das sie noch klar erinnerte: wie sie hinausrannte, um Morgut die Mondtropfen zu geben, wie sie weinte, wie sie durch den violetten Bogen trat, wie Gnok sie angewiesen hatte, und wie die Welt im nächsten Augenblick aus ihren Händen gerissen worden war.
Wo war Gnok.
Was war schiefgelaufen.
Es musste ein Missverständnis sein. Ja. Das war die einzige vernünftige Erklärung. Irgendetwas war schiefgegangen, aber man würde es aufklären. Jemand würde es erklären. Jemand würde merken, dass sie hier nicht hingehörte.
Wenn nur ihr Bruder da wäre.
Nach einer Ewigkeit hörte sie endlich etwas.
Erst eine Tür in der Ferne. Dann Schritte. Gemessen, klar, näherkommend, bis sie direkt vor ihrer Zellentür hielten. Ein Schlüssel drehte sich. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Licht drang herein, so hell, dass es ihr in den Augen schmerzte. Dann öffnete sie sich ganz.
Und in der Tür stand Hokn`f.
Groß. Aufrecht. Gepflegt wie immer. An Gudis Nase drangen sofort die Duftöle und Kräuter, mit denen er sich parfümierte, und im ersten Moment wurde ihr davon beinahe übel. Der Geruch war so stark, so aufdringlich, dass er in diesem stickigen Loch noch widriger wirkte.
„Meister“, krächzte sie hoffnungsvoll.
Erleichterung lag in ihrer Stimme, dünn, wund, aber noch da.
„Ihr kommt, mich zu befreien.“
Hokn`f antwortete nicht.
Er warf ihr nur einen Trinkschlauch hin. Gudi griff danach, so schnell es ihre Fesseln erlaubten, hielt ihn gierig an die Lippen und trank. Das Wasser darin war warm. Bitter. Abgestanden. Scheußlich. Doch sie trank es, als sei es der einzige gute Gedanke der Welt.
Hokn`f wartete.
Er wartete, bis sie alles geleert hatte. Bis die Droge, die er hineingetan hatte, ihre Wirkung entfaltete. Es ging schnell. Sie hatte einen leeren Magen. Sie hatte alles auf einmal geschluckt. Ihr Körper war schwach genug, dass das Gift, nicht lange brauchte, um in ihr hochzukriechen.
Erst wurde ihr heißer.
Dann kälter.
Dann drehte sich der Steinboden unter ihr.
Sie würgte. Übergab sich auf die Steine. Ein letzter verzweifelter Akt des Körpers gegen etwas, das längst schon wirkte.
Es war zu spät.
„Kind“, sagte Hokn`f.
Er trat zu ihr.
„Ihr werdet bezichtigt, mit dem Abtrünnigen gemeinsame Sache gemacht zu haben. Und nun gesteht.“
Dann schlug er sie.
Nicht wie ein Mann, der Kontrolle übt. Sondern wie einer, der wartet, dass ihm etwas Gelegenheit gibt, den Hass zu benutzen, den er ohnehin längst in sich trägt. Seine Hand traf ihr Gesicht hart genug, dass ihr Kopf gegen den Stein schlug. Ein scharfer Schmerz explodierte hinter ihren Augen.
„Wo wart ihr.“
Wieder schlug er sie.
Ohne Zögern. Ohne Hemmung.
Direkt ins Gesicht.
Gudi taumelte, soweit man taumeln konnte, wenn man an einer Wand hing. Sie schmeckte Blut. Ihr Verstand war nicht mehr ganz da. Die Droge fraß Ordnung. Schmerz zerschnitt jeden Versuch, an etwas festzuhalten.
„Wir“, stotterte sie. „Wir waren in Tandor. Bei meinem Bruder.“
Er setzte sofort nach.
Frage. Schlag. Forderung. Schlag.
Wo. Mit wem. Warum. Wie. Wieder und wieder.
Er bedrängte sie, bis von Widerstand nichts mehr übrig war, bis sie nur noch ein blutiges, zerschlagenes Bündel war, das unter seiner Gewalt nicht einmal mehr ordentlich zitterte. Und sie erzählte ihm alles. Nicht weil sie tapfer versuchte zu schweigen und versagte. Sondern weil die Droge, der Durst, die Angst und der Schmerz ihre Worte aus ihr herausrissen. Sie sprach von Tandor. Von den Sondra. Von Gnok. Vom Wirbel. Von den Mondtropfen. Vom geheimen Zugang unter dem Garten. Vom Trimond. Von Dingen, die sie unter anderen Umständen nie so achtlos preisgegeben hätte.
Und obwohl das vermutlich gar nicht nötig gewesen wäre, obwohl sie ihm auch ohne die Gewalt viel erzählt hätte, schlug er sie weiter.
Es war nicht nur Verhör.
Es war Neid.
Frustration.
Hass.
Wie konnten sie es wagen, sich seiner Stadt zu entziehen. Unter seinem Gesetz. Unter seinem Blick. Wie konnten sie nach Tandor reisen und dort an Dingen teilhaben, die ihm selbst verwehrt blieben. Die Welt schien sich über ihren Köpfen neu zu ordnen, und er, Hokn`f, musste zusehen, wie andere dabei im Zentrum standen.
Als sie nichts mehr hatte, das er ihr entreißen konnte, ließ er von ihr ab.
Er ging.
Und ließ sie blutend, halbtot und kaum noch bei Bewusstsein auf dem Steinboden liegen.
Vor der Zelle standen Tzadier und Okom.
Tzadier ein Stück vor Okom, so dass dieser sein Gesicht nicht ganz sehen konnte. Das war vielleicht gut so. Okom hatte schon früher bemerkt, dass Tzadier an den Schmerzen anderer etwas fand, das über bloße Pflichterfüllung hinausging. Er genoss sie. Nicht immer offen. Aber regelrecht. Okom selbst war anders. Sensibler. Vielleicht schwächer, je nach Blickwinkel. Die Szene eben hatte ihn erschüttert, mehr als er sich anmerken lassen durfte. Die Schmerzen des Mädchens hallten in ihm nach, und es kostete ihn Mühe, sich weiter auf seine Aufgabe zu konzentrieren.
Hokn`f marschierte an ihnen vorbei und bedeutete ihnen mit einem knappen Kopfruck, ihm zu folgen.
„Und was davon ist Phantasterei“, schrie er noch immer halb in seiner Erregung.
„Nichts war gelogen“, sagte Tzadier schnell.
„Das werden wir gleich sehen“, knurrte Hokn`f.
Er führte sie durch Gänge, Treppen und Höfe, direkt in Richtung der Gärten, bis er vor der überwucherten Parzelle des Mädchens stehen blieb. Die Pflanzen, die Wildheit, die Unordnung, all das, was Gudi mit ihrer kleinen eigensinnigen Zärtlichkeit geschaffen hatte, war ihm nun nur noch ein Rätsel, das gelöst werden wollte.
„Hier irgendwo muss es sein“, sagte er.
Fast schrie er vor Erregung.
Es dauerte nicht lange, bis er den Mechanismus fand.
Ein trockenes Klicken.
Dann schob sich verborgener Stein beiseite und legte die Treppe frei.
Alle drei stiegen hinab.
Und wie Gudi es beschrieben hatte, standen sie bald in der Halle unter dem Garten. Vor ihnen die Konstruktion, die die Mondtropfen auffing, die Schale, das verborgene Werk, still und doch von einer Macht erfüllt, die sofort zu spüren war.
„Und nun, Herr“, fragte Okom. „Sollen wir es zerstören.“
„Zerstören.“ Hokn`f drehte sich so heftig zu ihm um, dass selbst Tzadier kurz innehielt. „Zerstören. Wenn sie recht hat, liegt der Schlüssel der Macht vor uns.“
Er trat um die Maschine herum, betrachtete sie aus allen Winkeln, als wolle er sie mit bloßem Willen schon besitzen.
„Die Tropfen“, sagte er. „Ich will sie haben.“
„Sie sagte, sie sind bei ihrem Bruder“, warf Tzadier ein. „Und das scheint zu stimmen.“
„Aber die Sondra haben mehr.“ Hokn`f wandte sich wieder dem See und der Konstruktion zu. „Ich will keine zehn Jahre warten.“
„Das Mädchen hat nur eine ungefähre Richtung angegeben“, sagte Okom vorsichtig.
„Dann beobachtet die Stadt, bis wieder ein Sondra kommt. Ich will es wissen. Schickt alle aus. Wenn ich nicht warten muss, werde ich nicht warten. Und durchsucht den Turm des Narren. Ich will die Schriftrollen mit den Wirbeln haben. Das ist eine ungleich mächtigere Waffe, als diese Narren selbst begreifen.“
„Was ist mit dem Mädchen“, fragte Okom.
Hokn`f blickte ihn an, als habe er gerade nach dem Schicksal einer Maus gefragt.
„Was soll mit ihr sein. Wir haben alles, was wir brauchen. Lasst sie verrecken.“
Okom senkte den Blick, sammelte Mut und hob ihn wieder.
„Aber Herr, was ist, wenn wir etwas übersehen haben.“
Hokn`f dachte kurz nach.
„Es ist mir gleichgültig“, sagte er schließlich. „Wenn ihr meint, sie ist noch nützlich, dann lasst sie vorerst nicht sterben. Lasst sie in der Zelle.“
Dann ging er.
Nicht zurück ins Verlies. Sondern tiefer in seine eigenen Begierden, direkt vor die Maschine, als müsse er sich nur lange genug vor sie stellen, um das Geheimnis selbst aus ihr herauszwingen zu können. Es war nun Wichtigeres zu tun. Ein solcher Apparat in seiner Stadt. Die Sondra. Dieses Volk der Geheimniskrämer. Morgut musste nach Ashambrat gelockt werden. Er hatte ebenfalls Tropfen. Und er würde mehr zu den Wirbeln beitragen können. Das sollte sich alles nutzen lassen. Der alte Mann war weg. Endlich. Doch welche Geheimnisse hatte er sonst noch verborgen, und wie konnte Hokn`f sie am sinnvollsten für sich verwenden.
Marabar war indessen beinahe berauscht vor Freude.
Gnok in seiner Gefangenschaft.
Damit hatte er nicht gerechnet. Er hätte nicht gedacht, dass der alte Magier überhaupt noch lebte. Und nun hatte er ihn. Nicht irgendeinen Rest. Nicht nur einen Namen aus alten Geschichten. Den Mann selbst. Hokn´f hatte keine Ahnung, was er da aus der Hand gegeben hatte. Oder vielleicht ahnte er es und verstand es nicht groß genug. Menschen wie Hokn´f änderten ihre Meinung zu schnell, wenn ein neuer Vorteil winkte. Darum hatte Marabar keine Zeit verschwendet. Er hatte Gnok fortgebracht. Möglichst weit von Ashambrat weg, noch ehe jemand den Gedanken fassen konnte, sich diesen Tausch noch einmal anders zu überlegen.
Er hatte den alten Mann sorgfältig gekettet, den Mund gebunden, ihn durchsucht und in neue Kleidung stecken lassen. Nichts davon aus Barmherzigkeit. Es war Vorbereitung. Ordnung. Besitznahme.
Er wusste, Gnok würde mit Kopfschmerzen erwachen.
Die Falle, in die sie geraten waren, war heftig gewesen. Schon manchen hatte sie das Leben gekostet. Doch Gnok war zäh. Alt. Robust. Einer, den die Welt wohl nur unter größerem Aufwand loswurde.
Und dann ging endlich das Auge auf.
Marabar wartete, bis Gnok ganz bei Bewusstsein war. Nicht aus Rücksicht, sondern weil er ihn wach wollte. Anwesend. Verstehend.
„Ihr müsst durstig sein, alter Freund“, sagte er.
Er hielt ihm einen Becher mit Wasser hin, in dem ein dünnes Röhrchen aus ausgehöhltem Schilf steckte, und löste die Binde vor seinem Mund. Gnok trank. Nicht gierig, aber tief genug, um sofort zu spüren, wie nötig es war.
Marabar sah ihm dabei ins Gesicht.
„Ich frage mich“, sagte er, „wie ihr euch so lange unbemerkt verstecken konntet. Ich dachte wirklich, ihr seid tot.“
Er sprach beinahe heiter, und in seiner Stimme lag eine Vorfreude, die jeden freundlichen Klang verdarb.
Gnok antwortete nicht.
„Und dann auch noch bei den Windmagiern“, fuhr Marabar fort. „Bei diesem Eifererpack.“
Der Schleier in Gnoks Verstand lichtete sich langsam. Schmerz blieb. Schwäche blieb. Aber die Wirklichkeit seiner Lage wurde klarer. Und mit ihr die Erkenntnis, wer da vor ihm saß.
„Marabar“, sagte er scharf, trotz des trockenen Halses. „Wo ist das Mädchen.“
Marabar zuckte mit den Schultern.
„Ist das von Interesse, alter Mann.“
Gnok sah ihn an, und allein dieser Blick war Antwort genug.
„Dieser Hokn`f“, sagte Marabar. „Ein unangenehmer Geselle. Er wollte sie haben. Und er wollte euch tot sehen. Aber ich kann jemanden wie euch nicht einfach töten. Dazu seid ihr viel zu wertvoll.“
Er lächelte.
„Ihr habt euch all die Zeit versteckt.“
Gnok hielt seinem Blick stand.
„Und ihr“, fragte er. „Wie habt ihr die Inquisition überlebt.“
Marabars Lächeln wurde breiter, dunkler, fast inniger.
„Ich hatte Hilfe, Gnok“, sagte er. „Ich hatte Hilfe.“
14
Sie brauchten nicht viel Zeit bis nach Zoordak.
Nach wenigen Tagen waren sie wieder in der Kuppelstadt, und obwohl die Reise lang genug gewesen war, um den Gedanken Raum zu geben, war sie nicht beschwerlich verlaufen. Der Weg war ruhig, das Wetter milde, die Straßen gut genug, und selbst die Gespräche, die unterwegs geführt oder vermieden wurden, hatten nicht jene Schwere getragen, die manche anderen Reisen über Wochen verdorben hatte. Es war, als ahnte Zoordak bereits ihre Rückkehr und schob ihnen auf dem letzten Stück eine sanftere Welt entgegen.
Noch ehe sie sich ganz eingerichtet hatten, erklärte Pildara, dass ihre Zeit gekommen sei.
Sie tat das, wie sie fast alles tat, ohne große Vorrede, ohne unnötige Weichheit, ohne jene Halbheiten, in denen andere sich vor einer Trennung noch einmal um Worte drücken. Sie verabschiedete sich knapp, aber nicht kühl, und wer genau hinsah, merkte durchaus, dass hinter der Geradlinigkeit ihrer Art mehr lag, als sie gewöhnlich preisgab. Dann wandte sie sich ab, trat hinaus und ging ihrer eigenen Reise entgegen.
Wenig später war sie verschwunden.
Shara nahm das beinahe dankbar hin.
Nicht aus Mangel an Zuneigung, sondern weil sie sich zum ersten Mal seit Tagen, vielleicht seit Wochen, nach etwas gesehnt hatte, das weder Gespräch noch Aufgabe noch Blick von außen war. Nach Rückzug. Nach Wärme. Nach einem geschlossenen Raum, in dem sie nichts erklären musste. Sie hatte sich in einem der Zimmer eingerichtet und sich fest vorgenommen, noch am selben Abend eines der Bäder aufzusuchen. Sie fühlte sich abgeschlagen. Nicht krank. Nicht schwach. Eher innerlich überfüllt. Ihre Nächte waren in letzter Zeit wieder von Träumen heimgesucht worden, und ihr Unterbewusstsein arbeitete mit jener unerbittlichen Gründlichkeit, die sich nie darum schert, ob ein Mensch müde ist oder nicht. Es versuchte noch immer, das Erlebte zu ordnen. Nicht nur das Vergangene, und davon war genug vorhanden, sondern auch das Zukünftige, das Ungeformte, das bereits an ihrem Denken zog, ohne dass es einen Namen hatte.
In ihr gärten noch viele Eindrücke.
Darum war sie insgeheim froh, dass Anadar und Mutter sich zunächst um anderes kümmern wollten. Sie brauchte diese eine Weile für sich.
So saß sie schließlich nackt und allein in einem der gedämpften Bäder Zoordaks, jenem warmen, feuchten Halbdunkel, in dem selbst Gedanken langsamer zu werden schienen. Der Dampf hing weich in der Luft. Wasser perlte von Rundungen aus Stein. Licht glitt über glatte Flächen und verlor dabei jede Härte. Vor ihr lag eine dieser spiegelnden Oberflächen, auf denen das Wasser nur in einem schmalen Film stand und jede Berührung sofort Zeichen zog, Linien, Kreise, Muster, die sich langsam wieder glätteten.
Shara spielte damit.
Zuerst nur ohne nachzudenken. Mit einer Fingerspitze. Dann mit mehreren. Sie malte Zeichen hinein, löschte sie wieder, ließ neue entstehen, murmelte dabei halb vor sich hin, ohne bewusst entscheiden zu können, wann aus bloßem Spiel etwas anderes geworden war. Sie merkte zunächst nicht wirklich, was sie da tat. Ihr bewusster Geist hing an ganz anderen Dingen, an den letzten Tagen, an Anadar, an dem Kind, an der stillen Unruhe, die ihr das Buch hinterlassen hatte. Doch ein anderer, kleinerer, tieferer Teil von ihr wusste sehr wohl, dass sie dort einen Zauber wob.
Die Muster wurden klarer.
Verbunden sich.
Antworteten.
Shara hielt kurz inne, blickte auf ihre Hand, und noch ehe sie den Gedanken vollständig zu Ende denken konnte, nahm sie mit dem Fingernagel die Haut ihrer Handfläche auf. Ein feiner, sauberer Riss. Gerade genug, dass Blut hervortrat. Nicht viel. Ein paar dunkle Tropfen nur. Sie ließ sie auf die spiegelnde Fläche fallen.
Das Licht flackerte.
Einmal.
Dann noch einmal, schwächer.
Für einen Wimpernschlag wurde es im Bad dunkler, als hätte der Raum den Atem angehalten. Dann stand vor ihr, materialisiert aus einer kleinen, schwefelig riechenden Wolke, ein dämonischer Pimpf.
Er war vielleicht unterarmlang. Zu klein, um sofort furchteinflößend zu wirken, und gerade deshalb auf eine andere Weise wirkte. Er hatte spitze Ohren, rote Augen, ein zu breites Maul mit kleinen Fangzähnen und ein dünnes Schwänzchen, das sich nervös hinter ihm bewegte. Seine Haut schimmerte dunkelrot bis braunschwarz, als sei sie aus halb erkaltetem Brand gemacht. Kaum war er ganz erschienen, verbeugte er sich so tief, wie sein kleiner Leib es zuließ.
„Meisterin“, sagte er mit heller, etwas kratzender Stimme. „Ganz zu Diensten.“
Shara sah ihn an.
Dann strich sie ihm mit einem Finger über das Gesicht, beinahe zärtlich, und lächelte. Kein erschrockenes, kein zaghaftes Lächeln. Eines der Zufriedenheit. Als hätte etwas in ihr auf einen Beweis gewartet und ihn nun erhalten.
Der kleine Dämon reagierte sofort auf ihre Stimmung. Er sprang auf ihre Handfläche, tänzelte dort mit einer Eitelkeit, die fast komisch gewesen wäre, wenn sie nicht gewusst hätte, was er war, und führte auf ihre kaum ausgesprochene Anweisung hin kleine Kunststücke vor. Er drehte sich, verbeugte sich noch einmal, ließ seine Schweifspitze in einem feinen Kreis wirbeln, sprang von Stelle zu Stelle, ohne ihr auch nur das kleinste Kratzen zuzufügen. Er war intelligent. Nicht tief, nicht groß, nicht weise. Aber wach. Bereit. Gehorsam in jener gefährlichen Weise, in der niederes Dämonisches oft am angenehmsten erscheint, solange es noch nicht wachsen darf.
Schließlich bannte Shara ihn wieder.
Nicht grob, nicht hastig. Fast sorgfältig. Als verwahre sie etwas, das noch nützlich werden könnte.
„Das könnte noch hilfreich sein“, murmelte sie zu sich selbst.
Danach sank sie tiefer in das warme Wasser zurück und schloss die Augen.
Das Buch hatte ihr sein Wissen gegeben.
Oder etwas, das sich so anfühlte. Es hatte sie erwählt, aus Gründen, die sie nicht kannte. Fast wie damals, als Mutter ihr jenes andere Geschenk gemacht hatte, das tief in ihre Wahrnehmung eingegriffen und ihr einen neuen Raum des Wirkens geöffnet hatte. Nur war es diesmal anders. Viel stiller. Viel innerlicher. Es fühlte sich nicht an wie etwas Fremdes, das an ihr lag. Nicht wie eine zweite Präsenz, nicht wie ein fremder Wille, der neben dem eigenen atmete, so wie Anadar es mit Naaarstr erlebt hatte. Shara spürte klar, dass dies etwas anderes war. Sie wurde nicht beeinflusst. Nicht gezogen. Nicht untergraben. Sie war noch immer sie selbst. Nur erweitert. Ein wenig verschoben. Mit einem neuen, verborgenen Raum in sich, der vielleicht schon immer da gewesen war und erst jetzt geöffnet wurde.
Sie wollte dem auf den Grund gehen.
Aber nicht hier.
Nicht in Zoordak.
Mutter hatte die unangenehme Angewohnheit, zu lauschen, selbst dann, wenn sie gar nicht im selben Raum war. Und einfache Dinge vor ihr zu verbergen, war selten einfach. Shara wusste mittlerweile, wie es ging. Oberflächliche Gedanken vorn führen, das Wesentliche tiefer und seitlicher laufen lassen, mit Gefühl statt klarer Sprache denken, keine fertigen Begriffe benutzen, wo Bilder genügten. Es war möglich. Aber anstrengend. Und Zoordak war im Moment nicht der Ort für diese Art von innerem Kräftemessen.
Anadar würde sie es sagen.
Sicherlich.
Aber nicht hier.
Nicht jetzt.
Sie tauchte unter, ließ das Wasser über ihren Kopf schließen und blieb einen langen Moment in der gedämpften, warmen Stille, als könnte sie die vergangene Zeit abwaschen, die letzten Wochen, die Wege, die Kämpfe, die Blicke, das Buch, alles. Als sie wieder auftauchte, lief ihr Wasser über Gesicht, Hals und Schultern, und für einen Moment fühlte sie sich beinahe leicht.
Später verließ sie die Bäder, warf sich einen Mantel über und ging zurück in ihr Gemach.
Anadar war ebenfalls dort. Er hatte seine Rüstung abgelegt und sich, so wie es in Zoordak beinahe jeder früher oder später tat, wenigstens ein wenig bequemer gemacht. Schon diese kleine Nachlässigkeit in seiner Kleidung machte ihn weicher, menschlicher, weniger wie eine Klinge, die noch immer nicht wusste, dass der Kampf für den Abend vorbei war.
Shara legte sich aufs Bett und blickte ihn an.
Er erwiderte ihren Blick.
Nach kurzer Zeit hob sie die Hand und winkte ihn zu sich. Als er näherkam, zog sie ihn ohne weiteres Wort hinunter zu sich, und das, was dann zwischen ihnen geschah, brauchte keine Erklärung. Es war kein Ausbruch, kein verzweifeltes Aneinanderklammern, kein Versuch, gegen die Unruhe der Welt etwas zu setzen. Eher ein Wiederfinden. Eine tiefe, stille Bestätigung in Berührung, Atem, Wärme und der Selbstverständlichkeit zweier Menschen, die aufgehört haben, sich aneinander vorbeizudenken.
Später, ineinander verschlungen, schlief Shara ein.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit wachte sie nachts nicht von einem Traum auf.
Mutter blieb derweil geheimnisvoll, was den angekündigten Besucher oder die angekündigten Besucher anging. Sie wollte sich nicht festlegen. Sagte nur, dass es wichtig werde. Nicht wann. Nicht wie. Nicht wer. Und gerade weil sie so sparsam blieb, gewöhnten sich Anadar und Shara fast schon an diesen Zustand des wartenden Nichtwissens.
Darum waren beide umso überraschter, als eine Dienerin sie zu Mutter rufen ließ.
Sie folgten ihr durch Zoordaks Rundgänge in eines der Vorzimmer, in dem Mutter bereits auf sie wartete. Sie sah die beiden an und lächelte mit jener wissenden Sanftheit, die auf Anhieb verriet, dass sie mehr wusste, als sie zu wissen behauptete.
„Habt ihr gut geschlafen“, fragte sie.
Shara spürte, wie Hitze in ihr Gesicht stieg. Anadar sagte nichts.
„Kommt mit herein“, sagte Mutter, als wäre nichts weiter daran bemerkenswert gewesen, und deutete auf das nächste Zimmer.
Dann trat sie zu Shara.
„Wie geht es dir“, fragte sie leise. „War das Bad gestern angenehm, meine Tochter.“
Sie suchte Nähe, und Shara gab sie ihr ohne Zurückhaltung. Vielleicht, weil sie sich tatsächlich leichter fühlte. Vielleicht, weil Zoordak alte Muster in ihr weckte, von denen manche bis heute heil geblieben waren.
Der Raum, in den sie gingen, war, wie es in Zoordak üblich war, ein Kuppelraum. Weich. Rund. Ohne scharfe Ecken. Der Boden war mit vielen Kissen ausgelegt, in warmen Farben, tief genug, dass jede Bewegung darin langsamer, beiläufiger, weniger weltlich wurde.
„Macht es euch bequem“, sagte Mutter. „Solange wir auf unsere Gäste warten, habe ich noch ein Geschenk für euch.“
Die Tür schloss sich hinter ihnen.
Sie setzten sich zu ihr auf die Kissen. Dann begann Mutter zu erzählen.
Sie sprach von der Schule des Geistes und von der Schule der Illusion, die einst eigenständig gewesen und später in der Geistschule aufgegangen war, nicht als Verlust, sondern als Verschmelzung. Sie zog Grenzen und löste sie wieder. Sie erklärte, worin sich die beiden Schulen unterschieden, nicht in ihren Oberflächen, nicht in dem, was Zuschauer von außen für ähnlich hielten, sondern in ihrer inneren Richtung. Geist wirke dort, wo Bewusstsein selbst berührt werde. Illusion wirke dort, wo Wahrnehmung geformt werde, wo Sinne, Vorstellung und inneres Bild verschoben würden. Beide grenzten aneinander. Beide berührten sich. Aber sie waren nicht dasselbe.
Und während sie sprach, behalf Mutter sich nicht nur mit Worten.
Bilder liefen über die Kuppelwand. Muster, Beispiele, Spiegelungen, Räume in Räumen. Gleichzeitig kam mehr. Gedanken. Übertragung. Wissen, das nicht bloß erklärt, sondern weitergereicht wurde. Nicht rohe Informationsmengen, sondern geordnete Zusammenhänge, die sich direkt in ihrem Inneren setzten, als hätte Mutter nicht gelehrt, sondern erinnerte.
So bekamen die beiden mehr als nur einen Ausschnitt.
Nicht bloß eine Lektion. Nicht nur Theorie.
Sondern das ganze Wissen Zoordaks, soweit Mutter es ihnen in diesem Augenblick geben wollte, verankert. Nicht als totes Archiv, sondern als lebendige Struktur, die sich in ihren Köpfen öffnete und dort Räume schuf, die vorher noch nicht vorhanden gewesen waren.
Doch wie immer, wenn Mutter etwas wirklich Bedeutendes tat, geschah noch mehr.
Sie umgarnte beide nicht mit Manipulation. Nicht mit Zwang. Es war kein Eingriff gegen ihren Willen. Vielmehr vertiefte sie etwas, das bereits da war. Vertrauen. Zuneigung. die Sicherheit, einander nicht zu verraten. Das Band zwischen ihnen wuchs, nicht nur in Wissen, sondern in Liebe. Nicht im engen Sinn bloßer familiärer Zärtlichkeit, auch nicht in bloßer Schülerschaft, sondern in jener tiefen Form von Verbundenheit, die Menschen erleben, wenn sie den innersten Raum ihres Denkens miteinander teilen und dabei nicht erschrecken.
Es war wie ein Ritual.
Und wie eine Reinigung.
Und wie ein Zusammenwachsen.
Die drei verschmolzen im Geist nicht zu einer Auflösung des Selbst, sondern zu einer Einheit, in der jedes Selbst klar blieb und gerade darin vollkommener wurde. Mutter als ruhiges Zentrum. Anadar als helle, wache Schärfe. Shara als tiefer, tragender Raum. Und dann war da noch etwas.
Ein viertes Bewusstsein.
Klein. Jung. Neugierig.
Kein Bewusstsein im eigentlichen Sinne, aber deutlich vorhanden. Es war mit hineingezogen, nicht gewaltsam, eher wie etwas, das ohnehin schon mit Shara verbunden war und nun in dieses Netz aus Vertrauen und Wissen mit aufgenommen wurde. Ein kleines, werdendes Wesen, das noch keinen Ort außerhalb von ihr hatte und doch bereits reagierte. Auf Wärme. Auf Nähe. Auf Ordnung. Auf Liebe.
So wurde in dieser Kuppel nicht nur Wissen vermittelt.
Es wurde ein Grundstein gelegt.
Für etwas, das weit wichtiger war als die reine Weitergabe von Lehre.
Wie lange sie in diesem Zustand verweilten, vermochte hinterher keiner von ihnen genau zu sagen. Zeit verlor dort ihre übliche Härte. Sie floss nicht mehr in Stunden oder Nächten, sondern in Schichten, in Vertiefungen, in Bewegungen des Geistes, die sich nicht gut an Sonnenständen messen lassen. Es waren jedoch, wie Anadar später mit stillem Erstaunen feststellte, vermutlich einige Tage gewesen.
Und als sie schließlich wieder zu sich kamen, war nichts sichtbar anders.
Und doch hatte sich alles verschoben.
15
Mutter kündigte die Besucher für den nächsten Tag an, ließ aber noch immer offen, um wen es sich handelte.
Shara und Anadar waren beide neugierig, doch sie unterdrückten es. Keiner von ihnen wagte es, laut zu spekulieren. Bei Mutter war dies meist klüger. Wenn sie ein Geheimnis mit sich trug, dann nicht aus Laune, sondern weil sie genau wusste, wann ein Wissen nützlich wurde und wann es nur Unruhe erzeugte.
Also verbrachten die beiden den Rest des Tages in ihrem Gemach.
Sie übten das neu Erlernte. Nicht verbissen, aber aufmerksam und mit jenem stillen Ehrgeiz, der zwei Menschen erfasst, wenn sie spüren, dass ihnen eben erst ein weiterer Raum ihres Könnens geöffnet worden ist. Sie schufen kleine Illusionen und Abbilder, zuerst einfache, dann mutigere. Rasch stellten sie fest, was leicht war und was Widerstand leistete. Einfache Bilder gelangen beinahe mühelos. Eine Flamme, die nicht wirklich brannte, eine Blüte, die nur aus Licht und Gedanke bestand, der Eindruck eines Vogels auf einer Fensterkante, all das ließ sich gut formen. Doch sobald Bewegung hinzukam oder gar räumliche Tiefe, wurde es schwieriger.
Die dritte Dimension verlangte mehr Aufmerksamkeit.
Schatten ebenso.
Und Geräusche noch einmal anders.
Immer wieder geschah es, dass ein Bild schön stand, doch lautlos blieb, oder dass ein Schritt zu hören war, obwohl die Gestalt sich nicht bewegte. Dann wieder passte der Schatten nicht, war zu lang, zu flach oder verschwand ganz. Oder ein Laut sprang plötzlich zu laut in den Raum, so dass beide lachen mussten, alldieweil der Zauber selbst sich verriet. Je kleiner die Illusion, je weniger Details sie trug, desto besser gelang sie. Doch wie bei allem war es eine Frage der Übung, des feinen Maßes und der Bereitschaft, sich nicht vom ersten Scheitern kränken zu lassen.
So verging der Tag rasch.
Der nächste Morgen begann früh.
Mutter hatte ihnen offizielles Auftreten empfohlen. Also legten beide ihre Rüstung an. Waffen waren in Zoordak nicht gern gesehen, und so nahmen sie diese nicht mit, als schließlich nach ihnen geschickt wurde. Eine Dienerin führte sie durch die stillen, runden Gänge der Kuppelstadt in den offiziellen Saal.
Dort wurden sie sogleich eingelassen.
Mutter saß bereits auf ihrer erhöhten Position im Diwan. Sie wirkte gefasst wie immer, doch Shara bemerkte als Erste, dass sie nervöser war als sonst. Nicht unruhig im gewöhnlichen Sinn, eher ein wenig straffer, ein wenig wacher, als lausche sie bereits auf einen Ton, der noch gar nicht erklungen war.
Mit einer kleinen Geste deutete sie den beiden, sich rechts von ihr niederzulassen.
Auf der anderen Seite des Raumes standen einige Stühle, noch leer.
Anadar wartete, bis sie saßen, und sagte dann mit jener trockenen Geduld, die er meist dann zeigte, wenn er sich eigentlich beherrschen musste:
„Möchtest du uns nun verraten, wen wir heute zu Gesicht bekommen. Wer sind die Gäste, um die du ein solches Geheimnis machst.“
Mutter blickte die beiden an.
„Prinz Zarard“, sagte sie. „Und Tokra.“
Sie sprach die Namen so, als müsse sich damit alles von selbst erklären.
Shara und Anadar sahen einander an.
Beiden half es nicht im Geringsten.
Doch es blieb keine Zeit für weitere Fragen, alldieweil sich in genau diesem Moment die Tür erneut öffnete. Als Erste huschte Xiodrie herein. Sie lächelte Mutter schüchtern zu, beinahe erleichtert, und stellte sich dann unauffällig an den Rand des Eingangs, als sei sie froh, überhaupt anwesend sein zu dürfen, ohne im Mittelpunkt zu stehen.
Was danach eintrat, ließ die Münder der drei anderen Anwesenden offen stehen.
Der Dunkelelf und der Zwerg kamen Seite an Seite herein.
Nicht vorsichtig, nicht unterwürfig, nicht aggressiv. Eher mit jener angespannten Ruhe, mit der zwei Männer einen Raum betreten, von dem sie wissen, dass er sie feindselig aufnehmen könnte, und die sich dennoch weigern, sich kleiner zu machen. Zarard war hochgewachsen, schmal und von einer dunklen, seltsam geschmeidigen Schönheit, die den Blick fesselte, ohne weich zu wirken. Seine Bewegungen hatten etwas Lautloses. Nichts an ihm verlor Kraft, nichts an ihm wirkte zufällig. Tokra hingegen war niedriger, breiter, schwerer gebaut, mit jener Dichte in Haltung und Gliedern, die manche Zwerge wie ein eigenes Gewicht der Welt mit sich tragen lässt. Beiden war deutlich anzusehen, dass sie anders waren als Menschen. Nicht nur in den Gesichtern oder im Wuchs. Eher in der Art, wie sie Raum verstanden.
Sie blieben in angemessener Entfernung stehen.
Mutter erhob sich zuerst.
„Zoordak begrüßt euch“, sagte sie mit einer förmlichen Wärme, die höflich war und dennoch nicht so klang, als wäre dies eine gewöhnliche Audienz. „Ich danke euch, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid.“
Der Dunkelelf neigte den Kopf.
„Prinz Zarard“, sagte er in einer Sprache, die dem Reichsidiom nah genug war, um verstanden zu werden, und doch in jedem zweiten Klang verriet, dass ihre Wurzeln tiefer und älter lagen. „Bruder von König Neida.“
Dann wies er mit einer knappen, respektvollen Bewegung zur Seite.
„Und Tokra, aus dem Haus Tokr.“
Tokra trat einen halben Schritt vor und sagte mit rauerer Stimme:
„Nicht König. Nicht Bruder von König. Aber nah genug, dass er mich schickt.“
Das brachte zum ersten Mal eine kleine Bewegung in Mutters Gesicht, beinahe ein amüsiertes Aufflackern.
„Dann heiße ich euch beide willkommen“, sagte sie.
Sie deutete auf Anadar und Shara.
„Dies ist Meister Shara und Meister Anadar.“
Anadar erhob leicht den Kopf.
„Ihr seid weit gereist“, sagte er.
Zarard sah ihn an, und etwas in seinem Gesicht veränderte sich.
„Und ihr seid der, der die Amulette gefertigt hat“, sagte er.
Anadar nickte.
Zarards Blick wurde wärmer, nicht weich, aber deutlich anerkennend.
„Dann danke ich euch dafür“, sagte er. „Eure Arbeit war nicht klein.“
Shara stellte sich nun ebenfalls vor, ruhiger, und Tokra neigte den Kopf in ihre Richtung mit einer Förmlichkeit, die fast altmodisch wirkte. Das Gespräch begann stockend, alldieweil beide Gäste in einem sehr ursprünglichen Dialekt sprachen. Ihre Worte waren verständlich, doch jeder Satz wirkte, als käme er aus einer tieferen Schicht derselben Sprache, aus einer Zeit, in der Begriffe härter, Bilder unmittelbarer und Höflichkeiten weniger ausgeschmückt gewesen waren.
Es wurde ein erstes Kennenlernen.
Ein Abtasten.
Nicht feindlich, aber vorsichtig.
Mutter führte das Gespräch zunächst mit großer Umsicht. Sie erklärte in vielen Worten, dass dies kein offizielles Treffen sei und auch keines sein könne. Sie sprach sogar offen aus, dass dieses Gespräch geheim bleiben müsse. Nicht aus Scham, nicht aus Feigheit, sondern alldieweil es unter den Magiern genügend Stimmen gäbe, die allein den Gedanken daran bereits als Blasphemie oder Verrat bezeichnen würden. Sollte bekannt werden, dass Vertreter der alten Völker hier in Zoordak mit menschlichen Magiern zusammengetroffen waren, dann hätte das Folgen.
„Nicht nur für uns“, sagte Mutter ruhig. „Auch für euch.“
Zarard nickte.
Tokra ebenfalls.
Mutter legte sodann die gegenwärtige Lage dar, oder zumindest jenen Teil davon, den sie in diesem Kreis offen aussprechen wollte. Es werde Verwerfungen unter den Magiern geben, sobald bekannt werde, dass zwei magische Völker hinter der Aversion und der Entleerung des Nordens stünden.
„Nicht alle werden verstehen wollen, warum ihr handeltet“, sagte sie. „Viele werden nur sehen, dass Menschen vertrieben wurden. Sie werden das als Krieg lesen, auch wenn keiner erklärt wurde.“
Anadar, der die Frage schon die ganze Zeit in sich trug, griff genau dort ein.
„Warum.“
Mutter sah ihn kurz an, ließ ihn aber sprechen.
„Ich frage nicht aus Höflichkeit“, sagte er an Zarard gewandt. „Ich frage, weil ich keine Lust habe, gegen ein Volk aufzustehen, dessen Gründe ich nicht kenne.“
Zarard musterte ihn einen Augenblick lang.
Dann antwortete er.
Er sprach von dem Erwachen anderer Wesen in der Tiefe. Von Druck aus den unteren Regionen. Von Dingen, die man hatte schlafen sehen und die nun wieder in Bewegung gerieten. Von Verdrängung, nicht nur räumlich, sondern existenziell. Von der Notwendigkeit, nach oben auszuweichen, alldieweil der Untergrund selbst begann, für Zwerge und Dunkelelfen unsicher zu werden. Und von dem Entschluss, Menschen nicht mit offenem Krieg zu begegnen, sondern sie zu vertreiben, zu verscheuchen, sie zur Aufgabe des Nordens zu bringen, ehe Blutströme und Feldzüge eine Spirale aus Rache und Bannungen in Gang setzen würden, die niemand mehr eindämmen könnte.
Während Zarard sprach, bestätigte sich für Anadar nur, was er längst geahnt hatte.
Das alles war kein Zufall.
Kein Wetter.
Keine Laune der Welt.
Sondern Absicht.
Plan.
Druck.
Entscheidung.
„Also wart ihr es“, sagte er leise. „Nicht die Kälte. Nicht bloß Furcht. Nicht bloß Gerücht.“
„Wir waren ein Teil davon“, antwortete Tokra. „Nicht alles. Aber genug.“
Zwischen Zarard und Anadar stellte sich rasch eine eigentümliche Verständigung ein. Nicht Vertrautheit. Noch nicht. Aber jene Art von unmittelbarem Respekt, die zwei Männer manchmal füreinander empfinden, wenn sie erkennen, dass der andere weder dumm noch feige ist und nicht nur in den üblichen Grenzlinien denkt. Als Anadar offen zugab, dass die Amulette von ihm gefertigt worden waren, lobte Zarard ihn dafür mit einer Anerkennung, die nicht höflich dahergesagt wirkte, sondern ernst gemeint war.
„Wer so etwas schafft“, sagte der Dunkelelf, „sollte nicht übersehen werden.“
Natürlich gaben die Neuankömmlinge dennoch nicht viel preis. Sie waren vorsichtig. Sehr vorsichtig. Sie sprachen nicht über Zahlen, nicht über genaue Orte, nicht über Wege im Untergrund, nicht über Schwächen. Doch sie ließen durchblicken, dass sie hofften, mit den Menschen in Frieden leben zu können. Vielleicht eines Tages sogar durch Handel. Tokra sprach das Wort aus, als sei es ihm lieber als jedes andere politische Versprechen.
Die Magier auf der anderen Seite wiesen darauf hin, dass sie an die Konklave gebunden seien.
„Und an andere“, sagte Mutter.
„Und an Fraktionen“, ergänzte Shara ruhig.
Sie sprach wenig an diesem Tag, aber wenn sie es tat, dann traf es.
„Es wird unter den Magiern gewiss jene geben, die Krieg wollen würden“, sagte sie. „Manche aus Angst. Manche aus Hass. Manche aus Gelegenheit.“
„Wie verhindert man das“, fragte Tokra.
Darauf hatte keiner eine einfache Antwort.
„Nicht im Voraus“, sagte Mutter. „Nur im richtigen Augenblick. Diskussionen können nicht geführt werden, ehe sie sich überhaupt in den Köpfen der Falschen entzünden.“
Es war ein reger Austausch. Zäher, als es ein leichtes Einvernehmen gewesen wäre, und gerade deshalb wertvoller. Sie redeten nicht nur miteinander, sie prüften einander. Sprache. Geduld. Grenzen. Die Fähigkeit, zwischen Geheimnis und Offenheit den schmalen Pfad zu finden, der für ein erstes Gespräch nötig war.
Am Ende kamen sie noch auf Sontor zu sprechen.
Und auf das, was dort verborgen lag.
Zarard war sichtbar beunruhigt, als dieses Thema zur Sprache kam. Nicht panisch. Aber ernst in einer Weise, die sofort zu verstehen gab, dass die beobachtete Präsenz unter den Trümmern auch für ihn nicht bloß ein Randproblem war.
„Sie wird beobachtet“, sagte er. „Von unseren Leuten. Aber nur aus der Ferne.“
Es war Shara, die vorschlug, dass man, sollte sich diese Präsenz verändern, verschieben oder sonst wie anders verhalten, umgehend Anadar und sie selbst informieren müsse.
„Nicht später“, sagte sie. „Nicht erst, wenn sie schon aufgebrochen ist. Sofort.“
Anadar nickte und setzte mit einer Klarheit nach, die den Raum für jeden falschen Heldenmut sofort schloss.
„Und sie sollte besser nicht aktiv befreit werden“, sagte er. „Sollte sie sich selbst befreien, dann bekämpft sie nicht. Beobachten. Berichten. Mehr nicht.“
Zarard hielt seinem Blick stand.
Dann nickte auch er.
Darauf einigte man sich.
Keine Fragen, die nicht beantwortet werden würden.
Und so ging dieses erste informelle Gespräch zwischen Vertretern der alten Völker und menschlichen Magiern zu Ende. Friedlich. Es war kein Bündnis. Kein Vertrag. Kein Handschlag auf offene Zukunft. Nur das, was Mutter von Anfang an gewollt hatte.
Einen Anfang.
Und manchmal war ein Anfang alles, was man wirklich brauchte.
Formularbeginn
Formularende
16
Am Anfang versuchte sich Morgut an den Schriftrollen in der neuen Bibliothek, und es war ein beinahe täglicher Kampf gegen Frust und gegen das eigene Gefühl, in einer Sprache zu wühlen, die ihn nicht wollte. Er zwang sich fast jeden Morgen dorthin, nur um wenig später wieder über den Schriftstücken zu sitzen und zu merken, wie ihm das Verständnis entglitt, kaum dass er glaubte, einen Faden gefasst zu haben. Das war nicht seine Grammatik. Nicht seine Sprachwelt. Nicht einmal seine Art, Magie zu denken. Manche der Rollen beschrieben Zauber, die in ihrer Wirkung beinahe den bekannten Feuerkünsten entsprachen. Eine Peitsche aus Licht etwa, dort, wo die Feuermagier eine aus Flamme wirkten. Und doch war alles so anders aufgebaut, so anders verschachtelt, so fremd in der Reihenfolge der Gedanken, dass es Morgut an den Rand der Verzweiflung brachte.
Es war, als müsse er erst alles Gelernte verlernen, ehe er überhaupt anfangen durfte, erneut zu lernen.
Miene und Sindra taten sich deutlich leichter. Zusammen mit Sinadie gingen sie systematisch vor, wie drei Menschen, die verstanden hatten, dass man ein unbekanntes Wissen nicht durch bloßen Eifer bezwingt, sondern durch Ordnung. Sie katalogisierten, sortierten, prüften, verglichen, legten Stapel an, zogen Linien zwischen ähnlichen Formeln und hielten sauber fest, was zusammengehörte und was nur zufällig ähnlich wirkte. Morgut beobachtete das mehr als einmal mit gemischten Gefühlen. Früher war es eher so gewesen, dass die beiden ihm kaum Raum zum Atmen ließen, so nah waren sie ihm in jeder Stunde, in jedem Gespräch, in jedem Gedanken gekommen. Nun schien es fast, als ignorierten sie ihn. Nicht absichtlich. Das spürte er. Aber doch so deutlich, dass es ihm vorkam, als wollten sie ihn in diesen Dingen nicht dabeihaben.
All das zusammen ließ ihn überraschend erleichtert sein, als ein Bote aus Gontar eintraf.
Er brachte ein Päckchen für Anadar.
Morgut wusste sofort, was darin sein musste, noch ehe er das Siegel ganz gesehen hatte, und er nahm es deshalb selbst an sich. Als er es öffnete, fand er die sorgfältig verpackten Schriften aus Xoiuns Turm. Es waren mehr, als er sich im Stillen eingestanden hatte. Viel mehr. Da war ein Buch über Wandlung und mehrere Rollen dazu. Da waren Xoiuns eigene Notizen. Und auf der anderen Seite lagen auch die Notenblätter, jene, die er bereits einmal in Händen gehalten hatte und die ihn seitdem nicht mehr ganz losgelassen hatten.
Da in der Feurigen Feste Musikinstrumente eher selten waren, musste er sich zunächst eines besorgen lassen, und so schickte er Saltor mit der Bitte fort, ihm eine Flöte oder etwas Ähnliches aufzutreiben. Doch während Saltor sich darum kümmerte, wandte Morgut sich ganz den Schriften der Wandlung zu.
Und mit denen kam er auf Anhieb besser zurecht.
Vielleicht nicht sofort im vollen Sinn, aber doch in einer Weise, die ihm das Gefühl gab, endlich wieder auf festem Boden zu stehen. Er verstand schneller, worum es ging. Vieles war offen geschrieben, fast trocken, in manchen Teilen so klar, dass es ihn an ein Nachschlagewerk über Tierkunde erinnerte. Da waren genaue Beschreibungen darüber, wie man sich in einen Raben oder eine Schlange verwandelte, was dabei mit dem eigenen Körper geschah, wie Sinneswahrnehmung sich verschob, wie Instinkte aufstiegen und wie man vor allem wieder zurückkam. Gerade letzteres war wichtig, denn als Schlange konnte man keine Zauber wirken und als Vogel dachte man nicht mehr ganz wie ein Mensch. Andere Abschnitte beschrieben Wesen, die Morgut gar nicht kannte. Einhorn. Greif. Dann wieder hybride Kreaturen, Minotauren und andere Dinge, die für ihn eher aus Geschichten als aus Wirklichkeit zu stammen schienen. Und doch waren auch sie ausführlich behandelt, in einer Sprache, die nüchtern genug blieb, dass man sich ihrer Realität nur schwer entziehen konnte.
So versank Morgut mehr und mehr in Anadars Studierzimmer in den Schriften der Wandlung.
Die Zauber selbst wagte er ohne die älteren Magier nicht zu wirken. Theoretisch traute er es sich zu. Er verstand genug, um die Form zu fassen, die Parameter zu erkennen, die Sicherungen zu lesen. Doch ohne jemanden in der Nähe, der im Notfall eingreifen konnte, fühlte er sich unwohl. In fast allen Wandlungen war ein klarer Zeitanker als Schutzmechanismus eingebaut, eine Rückkehrbedingung, die verhindern sollte, dass einer sich für immer in Fell, Feder oder Schuppe verlor. Aber er verstand noch nicht jede Passage der Sprüche ganz. Also blieb er vorsichtig.
Je tiefer er las, desto deutlicher begriff er, was der abtrünnige Magier in Wahrheit hatte schaffen wollen.
Und er verstand die Entartung seiner Gedanken.
Xoiun hatte nicht bloß mit Formen gespielt. Nicht bloß mit Übergängen. Er wollte Wesen erschaffen. Das ging aus seinen Unterlagen klar hervor. Kreaturen, die sowohl an Land als auch im Wasser leben konnten, ohne sich wandeln zu müssen. Auch von solcher Neuschöpfung sprachen die Bücher des Wandels, doch beschrieben sie nie offen, wie dies zu bewerkstelligen sei. Da klaffte in den alten Schriften eine Lücke, die vielleicht Absicht war. Xoiun aber hatte offenbar geglaubt, diese Lücke mit eigener Kühnheit und fremdem Fleisch füllen zu können. Je weiter Morgut in seine Notizen eindrang, desto klarer sah er die Grausamkeit dieses Denkens.
Und so kam es, dass er die Zeit vergaß und studierte, wie ein Magier nun einmal studiert, wenn er etwas gefunden hat, das ihn wirklich erfasst.
Nach einiger Zeit brachte Saltor ihm sogar nicht nur eine Flöte, sondern eine ganze Auswahl. Doch im Augenblick hatte Morgut ein anderes Projekt. Die Instrumente legte er beiseite, für später, für Stunden, in denen sein Kopf vielleicht nach einer anderen Art von Muster verlangte. Im Moment gehörte seine ganze Aufmerksamkeit den Rollen, dem Buch, der Wandlung.
An einem Tag klopfte es an seiner Tür.
„Herein“, sagte Morgut, leicht überrascht, alldieweil er niemanden erwartet hatte.
Manador trat ein.
„Wir haben einen Brief aus Ashambrat für dich erhalten“, sagte der Ältere ohne Umweg.
Er überreichte ihm das versiegelte Schreiben, blieb dann aber im Raum stehen und sah sich um. Sein Blick fiel auf die geöffneten Schriften, auf das Buch der Wandlung, auf Morguts Notizen, auf die verschiedenen Instrumente, die Saltor angeschleppt hatte.
Er trat näher an das Buch, blätterte kurz hinein und ließ die Seiten wieder sinken.
„Es kommen immer neue Dinge zum Vorschein, nicht wahr“, sagte er.
Doch Morgut antwortete nicht.
Manador drehte sich um und sah, dass der Jüngere den Brief bereits geöffnet hatte. Er las mit einem Ausdruck, der so schnell in Unglauben kippte, dass es den Älteren sofort alarmierte. Morgut nahm die Hände vom Pergament und blickte Manador direkt an.
„Meine Schwester“, sagte er. „Es ist ein Unfall passiert. Sie ist verletzt. Schwer.“
Er schien die Zeilen selbst noch gar nicht vollständig fassen zu können. Dann reichte er Manador den Brief.
Der ältere Magier las ihn.
Er war von Hokn`f direkt.
Lieber Morgut,
leider muss ich dir eine schwierige Kunde überbringen,deine Schwester Gudi wurde schwer verletzt aufgefunden und ringt mit dem Tode.
Gnok gilt als verantwortlich und ist flüchtig und kann nicht aufgefunden werden.
Komm unverzüglich nach Ashambrat, wenn dir etwas an ihr liegt, ihre letzten Stunden haben vielleicht schon begonnen zu schlagen.
Hokn`f
Manador hob langsam den Blick.
„Junger Freund“, sagte er vorsichtig, „mein Beileid. Wie kann ich euch unterstützen.“
Man merkte ihm an, dass er in diesem Augenblick der denkbar ungeeignetste Mensch für Trost war und dies selbst sehr genau wusste. Morgut rang noch um Fassung, doch nur kurz. Dann schüttelte er sich innerlich, als hätte der erste Schock sich schon in Handlung verwandelt.
„Schon gut“, sagte er. „Das passiert. Eventuell sollte ich nach Ashambrat reisen und nach ihr sehen.“
Er setzte sich, doch nur für einen Moment, alldieweil sein Körper noch nicht wusste, dass er längst aufbrechen wollte.
Manador stand verlegen im Raum.
„Ja“, sagte er. „Das solltet ihr. Vielleicht.“
Er war sich sicher, hier nicht der Richtige zu sein. Aber er wusste, wer helfen konnte. Oder wenigstens schneller verstand als er.
„Ich werde kurz gehen“, sagte er unbeholfen und verschwand wieder, um Miene und Sindra zu holen.
Kaum war der Ältere aus dem Raum, fing Morgut sich erstaunlich schnell.
Seine Schwester brauchte Hilfe.
Also würde er ihr helfen.
So packte er ein paar Sachen in einen der kleinen Beutel, die er gemeinsam mit Anadar angefertigt hatte, jene praktischen Tragebeutel, die innen weit mehr fassen konnten, als ihr äußeres Volumen versprach. Wechselkleidung. Die Flöte. Einige der Notenblätter, für den Fall, dass sich unterwegs Zeit oder Gelegenheit ergab. Dann ging er zum Buch der Wandlung, schrieb hastig heraus, was er unbedingt brauchte, und steckte auch diese Rolle in den Beutel.
Beim Entkleiden fiel ihm die Phiole mit den Mondtropfen aus der Tasche.
Er hob sie auf, sah sie einen Herzschlag lang an und steckte auch sie ein.
Beinahe nackt formulierte er dann noch schnell einen Brief an Anadar und legte ihn auf den Tisch. Danach ging er zum Wandlungsbuch, befestigte den kleinen Beutel an seinem Bein und begann den Zauber.
Es ging rasch.
Schneller, als er selbst erwartet hätte. Die Umformung griff, der Körper wurde leichter, schmaler, dichter, und innerhalb kürzester Zeit war aus ihm ein Rabe geworden. Groß. Prächtig. Schwarzes Gefieder, das im Licht des Turmzimmers einen öligen Glanz trug. Er breitete die Flügel aus. Sie gehorchten.
Er sprang auf das Turmfenster.
„Wie flog man eigentlich“, fragte er sich.
Dann dachte er, er würde es schon herausfinden, und stürzte sich einfach hinaus.
In genau diesem Moment traten Sindra und Miene ein.
Sie fanden den Raum leer vor.
Niemand da.
Nur die Briefe auf dem Tisch. Einer von Hokn`f. Einer von Morgut.
Miene griff nach dem zweiten:
ich bin nach Ashambrat aufgebrochen.
Verzeih die Eile.
Morgut
Sindra blickte bereits zum offenen Fenster.
Dann sahen beide einander an.
Und wussten, dass sie zu spät gekommen waren.
17
Der Übergang verlief diesmal einfacher.
Slonda war nicht mehr so vollkommen von den Nachwirkungen niedergeschlagen wie bei den wenigen Malen zuvor, und doch war die Reise durch die Zeiten noch immer nichts, das ein Körper einfach hinnahm, als ginge man nur durch eine Tür. Als er herauskam, blieb ihm für einen Moment die Luft weg, und er musste sich auf dem nassen Feld erst wieder sammeln. Der Boden unter ihm war feucht und schwer, der Schlamm zog an seinen Stiefeln, und der Regen fiel so dicht und schräg vom Himmel, als wolle er die ganze Landschaft in einen einzigen grauen Schleier verwandeln. Offenbar dauerte das schon länger an, denn es gab keine trockene Stelle weit und breit, keine Kante, keinen Grasbüschel, keinen Stein, der nicht dunkel vom Wasser glänzte.
Slonda richtete sich mühsam auf und blickte an sich hinab.
Schon nach wenigen Schritten war er völlig durchnässt, der Stoff klebte ihm am Leib, und was vorher noch wie die Kleidung eines reisenden Magiers gewirkt hatte, sah nun eher aus wie das Gewand eines Landstreichers, der zu oft im falschen Wetter aufgebrochen war. Schlamm spritzte an seine Beine, seine Hände waren kalt, und die letzten Spuren des Unwohlseins vom Übergang wollten sich nur langsam aus ihm lösen. Er schüttelte den Kopf, als könne er die Reste der Benommenheit dadurch einfach abschütteln, und setzte sich dann auf den Weg in Richtung Gontar.
Schon von Weitem erkannte er die Stadt kaum wieder.
Es musste ein Feuer gewütet haben, oder mehrere. Teile der äußeren Viertel wirkten, als seien sie abgebrannt und inzwischen notdürftig oder bereits entschlossen wieder aufgebaut worden. Manche Häuser standen nur noch als dunkle Gerippe aus Stein und verkohltem Holz, andere trugen frische Balken, neue Dächer, neue Wände. Die Stadt war dieselbe und doch nicht dieselbe. Die Schule lag noch dort, wo und wie er sie in Erinnerung hatte, aber der Weg zu ihr war verändert, und je näher er kam, desto mehr wurde ihm bewusst, wie sehr ein Ort in wenigen Jahren sein Gesicht verlieren kann, wenn Feuer, Wetter und Menschen einmal gemeinsam daran arbeiten.
Auch die Menschen sahen anders aus.
Es waren nicht nur Schnitte und Stoffe, nicht nur andere Mäntel, andere Farben, andere Hüte. Es war die ganze Haltung, die Art, wie Kleidung getragen wurde, wie man ging, wie man sich ansah oder eben nicht ansah. Alles wirkte zugleich nah an seiner Welt und doch verschoben, als sei er nicht einfach in eine frühere Zeit gekommen, sondern in eine Version der Wirklichkeit, in der vertraute Dinge einen anderen Ernst besaßen.
Er ging trotzdem zuerst zur Schule.
Genauer, zum Eingang der Zeitmagier. Er war sich ziemlich sicher, dass er den offiziellen Weg im Zustand eines halb ertrunkenen Wanderers besser mied. Also wirkte er den Zauber, den Pildara ihm beigebracht hatte. Das Siegel am verborgenen Zugang bewegte sich, erkannte etwas in ihm, gab nach, und Slonda trat in den Turm ein.
Dort war es trocken.
Still.
Und leer.
Zuerst wusch er sich unten den gröbsten Schlamm ab, zog Stiefel und durchweichte Kleidung aus und stieg dann weiter nach oben. Niemand war anwesend, wie er bald feststellte, und so erlaubte er sich, für einen kurzen Augenblick alles andere zu vergessen und einfach die Annehmlichkeiten dieses Turmes zu genießen. Pildara hatte ihm gezeigt, wo die wichtigen Dinge lagen. Ersatzkleidung, die in diese Zeit passte. Nützliche Gegenstände. Ein kurzer Steckbrief mit den wichtigsten Informationen, Namen, Gepflogenheiten und jenen kleinen Unterschieden, an denen man sich verriet, wenn man nicht aufpasste.
Er prägte sich alles ein.
Dann zog er sich entsprechend an.
Die Kleidung war umständlich. Vor allem die Halskrause störte ihn. Dieses steife, albern wirkende Ding wollte sich weder richtig anlegen noch ignorieren lassen. Er probierte sie zweimal, schnaubte dann leise und legte sie beiseite. Er würde sie anlegen, sobald er wirklich unter Leute musste. Vielleicht.
Sein erster offizieller Gang, nachdem er geschlafen hatte und sich wieder wie ein halbwegs zusammenhängender Mensch vorkam, führte ihn in die gemeinsame Bibliothek. Er suchte Informationen zu Sahretûn. Über Beschwörungen, gewiss, aber ebenso über die Stadt selbst. Ihre Lage. Ihre Geschichte. Ihre Grenzen. Irgendetwas, das ihm einen Ausgangspunkt geben konnte.
Er fand nichts.
Nirgends.
Keine Rollen. Keine Hinweise. Kein Eintrag. Nichts, was auch nur im Entferntesten so klang, als habe jemand diesen Ort je offen in ein Regal gestellt. Vielleicht, dachte er zunächst, war das Wissen einfach nicht öffentlich auffindbar. Also begann er, einzelne Meister der Lebensschule zu befragen, alldieweil diese für geordnete Archive, Wissenstransfer und allerlei systematische Übersicht bekannt waren.
Damit kam er jedoch auch nicht weiter.
Vor allem deswegen, weil die Sprache dieser Zeit ihm bald zur zweiten Hürde wurde. Alle sprachen umständlicher. Gestelzter. Sie formten Sätze, als müssten sie dabei auf jedes einzelne Wort zwei Schichten Zierde legen, ehe es den Mund verlassen dürfe. Slonda wusste oft nicht, ob die leeren oder abweisenden Blicke, die er erhielt, seiner Frage galten oder seiner Grammatik. Je länger er es versuchte, desto klarer wurde ihm, dass er hier in eine Sackgasse geraten war.
Das frustrierte ihn zunehmend und die Tage vegingen.
Schließlich saß er allein im Turm der Zeitmagier, als er von unten Geräusche hörte.
Nicht die stillen, zivilisierten Geräusche eines ankommenden Gelehrten. Kein vorsichtiges Räuspern, kein gemessener Schritt. Sondern ein lautes Fluchen, das bereits vom unteren Ende der Treppe heraufdrang.
„Verdammt. Verdammt. Verdammt.“
Slonda hob den Kopf.
„Ich hasse dieses Zeitalter und diesen Dreck hier“, polterte es von unten weiter.
Es schimpfte und fluchte sich Stufe um Stufe herauf, und nach einigen Minuten stand ein sichtbar durchnässter Mann vor ihm. Groß. Eigentlich riesig. Mit ungepflegtem, langem schwarzem Haar, einem ebenso schwarzen Vollbart und Kleidung, die vor Nässe triefte, als habe der Regen eigens beschlossen, ihn zu verfolgen.
„Verdammt, Slonda“, platzte der Mann heraus, kaum dass er ihn sah. „Was machst du hier. Wenn ich gewusst hätte, dass du hier bist, dann hätte ich wegen dieser verdammten Konklave diesen Weg nicht auf mich nehmen müssen. Gottverdammt.“
Er redete, ohne Luft zu holen, und Slonda brauchte einen Augenblick, um überhaupt zu begreifen, dass dieser gewaltige, nasse, fluchende Mensch ihn offenbar ganz selbstverständlich beim Namen nannte.
„Wer“, fragte er vorsichtig.
Der Kopf des Mannes drehte sich zu ihm. Er musterte ihn genauer, und plötzlich veränderte sich sein Gesicht.
„Du bist der junge Slonda“, sagte er. Dann lachte er laut und herzlich. „Sag mir, dass das für dich unser erstes Treffen ist.“
Slonda nickte nur langsam.
„Ha“, machte der Riese. „Wunderbar. Willkommen, Slonda, mein Freund. Darf ich mich vorstellen. Hartra mein Name. Und ich bin einer deiner Brüder.“
Er nahm den triefenden Hut ab und schüttelte ihn aus, als sei die ganze Lage schon durch diese Geste erträglicher.
Hartra war groß in einer Weise, die bei einem Menschen fast an Übertreibung grenzte. Breit in Schultern und Brust, grob und massiv gebaut, ohne schwerfällig zu wirken. Eher wie jemand, der aus einem Gebirge herausgeschnitten und dann in zu viele nasse Jahre gesteckt worden war. Sein Bart war lang und ungepflegt, die Haare ebenfalls, und doch hatte das alles nichts Verwahrlostes. Es passte nur zu einem Mann, der sich von Äußerlichkeiten offenbar erst dann belästigen ließ, wenn sie wirklich anfingen, ihn bei der Arbeit zu behindern.
„Dieses verfluchte Zeitalter“, schimpfte Hartra weiter, während er anfing, nasse Kleidungsteile abzulegen, ohne sich im Geringsten um Slondas vorsichtiges Schweigen zu kümmern. „Es regnet ständig. Die Feuermagier haben in ihrem Wahn einen Berg zum Explodieren gebracht, einen Vulkan, der unaufhörlich Asche in die Welt spuckt, und deswegen regnet es hier die ganze Zeit. Oder es fliegen Lavabrocken durch die Gegend. Entweder oder. Denen ist wohl was schiefgelaufen.“
Er lachte wieder, dieses große, laute Lachen eines Mannes, der auch über Katastrophen so lacht, als seien sie in erster Linie ärgerlich und erst in zweiter gefährlich.
„In ein paar Jahren ist der Spuk vorbei“, fügte er hinzu. „Aber man sollte den Jungs manchmal die Papierrollen um die Ohren schlagen.“
Dann packte er Slondas Hand und schüttelte sie so kräftig, dass dessen Schulter fast mitruckte.
„Hätte ich gewusst, dass jemand hier ist, dann wäre ich nicht gekommen“, fuhr Hartra in seinem Monolog fort. „Aber wir sind noch in der Konklave, und das heißt, jemand von uns muss an diesen vermaledeiten Sitzungen teilnehmen, und das hier ist meine Schicht. Zeitverschwendung. Pure, sinnlose Zeitverschwendung. Die nächsten Hunderte von Jahren geschieht ohnehin nichts von wirklichem Interesse.“
Er klopfte sich mit breiter Hand auf den Schenkel, während er sprach, als müsse der Satz noch zusätzlich körperlich bekräftigt werden.
„Was führt dich hierher, mein Freund. Oh, du hast Tee gemacht. Großartig. Nun sag schon.“
Slonda war sich keineswegs sicher, ob es schon an der Zeit war, diesem Mann irgendetwas zu sagen. Vor allem nicht, ob er ihm vertraute. Hartra aber schien auf eine Antwort kaum angewiesen.
„Egal, warum, mein Freund“, sagte er. „Dieses Zeitalter ist furchtbar. So unanständig. So hässlich. So unnütz. Sag mal, hast du schon an der Konklave teilgenommen.“
Slonda blickte ihn nur an und ließ ihn reden. Es schien ihm so, als müsse er gar nicht antworten. Hartra konnte seinen Teil des Gesprächs offenbar allein und mit Leichtigkeit für beide führen.
„Nein. Gut. Dann wird es Zeit. Ich denke, morgen ist es soweit. Ich nehme dich sehr gern mit, danach kannst du diese lästige Pflicht ebenfalls…“
Er klopfte sich wieder auf den Schenkel, hielt plötzlich inne und starrte Slonda an.
„Moment.“
Sein Gesicht hellte sich auf, als sei ihm gerade etwas ausgesprochen Amüsantes eingefallen.
„Jetzt weiß ich, was du hier machst.“
Er zeigte mit einem nassen Finger auf ihn.
„Verdammt. Verdammt, du Hund. Du willst nach Sahretûn.“
Er lachte laut.
„Du tollkühner Hund, du suchst die Stadt der auswegslos Verdammten. Du bist hier richtig.“
Dann sah er sich um, als wäre ihm im selben Augenblick noch etwas von ganz anderer Dringlichkeit eingefallen.
„Haben wir eigentlich etwas zu essen.“
18
Eigentlich hatte Anadar gedacht, er würde allein zur Feurigen Feste zurückreiten.
Denn in seinem Kopf war längst gesetzt gewesen, dass Shara in Zoordak bleiben wolle, um dort zur Ruhe zu kommen, um sich zu schonen, um dem Kind in ihr einen stilleren Anfang zu geben, als die Feste ihn je hätte bieten können. Gerade deshalb hatte er den ganzen Abend über versucht, einen Abschied vorzubereiten, ohne recht zu wissen, wie er ihn anstellen sollte. Er war ungeschickt darin, wenn es um Dinge ging, die ihm wirklich wichtig waren. Bei Gefahr, Streit, Magie und Entscheidung wusste er meist sofort, was zu tun war. Bei Zärtlichkeit, Trennung und der Furcht vor einem falschen Wort hingegen verlor selbst er bisweilen die Form.
So saß er mit Shara im Gemach und druckste eine ganze Weile herum.
Sie beobachtete ihn.
Er sagte nichts.
Sie wartete.
Er sagte noch immer nichts.
Schließlich hob sie die Brauen und sah ihn mit jenem gereizten, beinahe herausfordernden Ausdruck an, der sich bei ihr immer dann zeigte, wenn jemand etwas Offensichtliches unnötig in die Länge zog.
„Was ist los“, fragte sie. „Sprich es aus. Normalerweise bist du doch nicht so.“
Anadar blickte sie an, atmete einmal durch und sagte dann endlich:
„Ich werde morgen aufbrechen.“
„Gut“, erwiderte sie sofort. „Dann brechen wir morgen auf.“
Er sah sie einen Moment lang an, als habe er zwar jedes Wort verstanden, nicht aber ihren Sinn.
„Du kommst mit.“
„Natürlich komme ich mit. Was hast du denn gedacht.“
Er rang sichtbar um eine Formulierung, die nicht falsch klingen sollte, und traf doch beinahe sofort auf den Kern des Problems.
„Wolltest du nicht hierbleiben. Um das Kind…“
Weiter kam er nicht.
„Großzuziehen“, fiel Shara ihm ins Wort. „Zumindest am Anfang. Noch bin ich schwanger, Anadar. Ich trage das Kind noch in mir.“
Sie sagte es nicht sanft, aber auch nicht wirklich zornig. Eher mit der klaren Ungeduld einer Frau, die gerade merkte, dass der Mann vor ihr schon mehrere Gespräche im Kopf geführt hatte, ohne sie daran zu beteiligen.
„Ich komme morgen mit“, bestimmte sie. „Sorge dafür, dass alles bereit ist. Und später verabschieden wir uns noch von Mutter. Wir werden früh losreiten.“
Am nächsten Morgen stand alles bereit.
Anadar saß bereits auf seinem Pferd, als Shara gemeinsam mit Mutter in den Hof trat. Die beiden Frauen gingen langsam, nicht weil Shara nicht schneller gekonnt hätte, sondern weil ein Abschied, der Gewicht hat, von selbst langsamer wird. Sie sprachen leise miteinander, und obwohl Anadar sie nicht hören konnte, war ihm sofort klar, dass Mutter wieder einmal auf jene Weise sprach, die Trost und Belehrung zugleich war und die kaum jemand außer ihr so mühelos beherrschte.
Dann verabschiedeten sie sich voneinander.
Shara stieg etwas unbeholfen aufs Pferd, und kaum saß sie im Sattel, entwich ihr ein leiser Seufzer. Das würde in den nächsten Tagen anstrengend werden, das wusste sie. Nicht unmöglich, aber unbequem, nein, unangenehm. Anadar musterte sie kurz.
„Sicher, dass du keine Kutsche willst“, fragte er.
Sie würdigte ihn keines Blickes.
„Ich bin schwanger“, sagte sie nur. „Nicht krank. Komm jetzt.“
Er trabte noch einmal zu Mutter hinüber, beugte sich aus dem Sattel und küsste sie auf den Kopf.
„Bis bald, mein Lieber“, sagte sie.
„Bis bald.“
Dann blickte er zu Shara, die schon wieder gereizt auf ihrem Pferd saß und nicht den Eindruck machte, als wolle sie länger auf sentimentale Gesten warten.
Mutter lächelte schmal.
„Das wird in nächster Zeit nicht besser“, flüsterte sie ihm zu.
Dann ritten sie los.
Sie kamen erstaunlich gut voran.
Vor allem Shara merkte bald, dass sie sich im Sattel sehr viel besser fühlte, als sie es erwartet hatte. Die frische Luft, die Bewegung, die Routine des Reitens taten ihr gut. Endlich wieder unterwegs. Endlich weniger Stimmen, weniger Menschen, weniger unablässige Blicke. Endlich wieder fast nur noch zu zweit. Immer wieder glitt ihr Blick zu dem Mann hinüber, den sie liebte, und jedes Mal lächelte sie ein wenig, ohne es zu wollen.
So sollte es immer sein, dachte sie mehr als einmal.
Nach einigen Tagen erreichten sie die Feurige Feste.
Beide waren überrascht, wie gut sie wiederhergestellt war. Als sie fortgeritten waren, hatte noch vieles ramponiert, angeschlagen oder notdürftig gesichert gewirkt. Nun aber stand fast alles wieder in altem Glanz da, als habe die Schule selbst beschlossen, sich nicht in ihrer Verwundung festschreiben zu lassen. Mauern waren neu gesetzt, Höfe gereinigt, Wege frei, Fassaden ausgebessert. Was zerstört gewesen war, trug nun in vielen Teilen bereits wieder Würde.
Ihr Kommen hatte sich schnell herumgesprochen.
Beinahe die ganze Schule kam zusammen, um die beiden zu begrüßen. Vor allem Anadar wurde mit einer Wärme empfangen, die fast zu groß wirkte, um noch nur einfache Bewunderung zu sein. Er war für viele von ihnen Vorbild, Leitbild, beinahe schon eine Art lebender Beweis dafür geworden, was aus einem Magier werden konnte, wenn Können, Wille und eine gewisse Bereitschaft zur Grenzüberschreitung in einer Person zusammenfielen. Man hätte fast von einem leichten Fanatismus sprechen können, der sich um seine Person zu bilden begann.
Manador war das gar nicht unrecht.
Er wusste, wie man so etwas nutzen konnte.
Und so ließ er es sich nicht nehmen, Anadar in aller Öffentlichkeit selbst herumzuführen, ihm die Fortschritte zu zeigen und sich von ihm, ebenfalls in aller Öffentlichkeit, Lob für den Wiederaufbau geben zu lassen. Das Volk der Schule wollte Anadar sehen, seine Stimme hören, von ihm bestätigt bekommen, dass die Feste nicht nur gerettet, sondern erneut zu etwas geworden war, das Zukunft trug.
Shara hingegen war froh, dass sich um sie kein allzu großer Trubel bildete.
Fast unbemerkt stahl sie sich in den Turm, den sie mit Anadar nutzte. Dort war es Sinadie, die sie in Empfang nahm und sich um sie kümmerte, als habe sie dies ganz selbstverständlich bereits auf sich genommen. Shara trat ans Fenster und blickte hinaus. Unten zog der große Pulk aus Schülern, Magiern und Begleitern mit Anadar und Manador durch die Anlage. Stimmen, Bewegung, Lachen, Gesten. Sie zog langsam ihre Reitstiefel aus und lockerte die Riemen ihrer Rüstung, wobei Sinadie ihr half.
„Wo ist Morgut“, fragte Shara. „Und die Mädchen.“
„Die Mädchen sind in der Bibliothek und lernen fleißig“, antwortete Sinadie. „Die beiden stellen sich geschickt an. Und Morgut…“
Sie blickte einen Moment zur Decke, als läge dort die bessere Antwort.
„Ich denke, wir warten mit dem Rest, bis Anadar da ist.“
Nachdem sich der erste Lärm um Anadars Rückkehr etwas gelegt hatte, kam auch er endlich dazu, sich in seinem Turm zu sammeln und mit Manador, Sinadie und Shara in Ruhe zu sprechen. Er wirkte erleichtert über diese paar stillen Minuten. Gemeinsam wogen sie ab, was wegen Morgut zu tun sei. Ob sie ihm folgen sollten. Ob Hilfe nötig war. Ob Schweigen Klugheit bedeutete oder Nachlässigkeit. Schließlich kamen sie zu dem Schluss, dass Morgut, wenn er wirkliche Hilfe gebraucht hätte, dies gesagt hätte. Andererseits sprach sein übereilter Aufbruch durchaus für eine gewisse Unbedachtheit. Miene und Sindra schienen darüber verärgert zu sein, dass er sie zurückgelassen hatte, ohne noch einmal mit ihnen zu reden, doch beide warfen sich stattdessen in die Arbeit.
Also beließen sie es dabei, dass der junge Mann auf sich selbst aufpassen könne und sich schon melden würde, falls er Hilfe brauchte.
Danach war Anadar unentschlossen, was seine nächsten Schritte sein sollten.
Also ließ er sich zuerst die Bibliothek des Lichtes zeigen.
Auch er nahm die Schriftrollen in die Hand und begann, sich durch sie zu arbeiten. Und auch ihm fiel es, ganz unabhängig von Morgut, nicht leicht, sie zu lesen. Das äußerte er offen. Sindra sah ihn daraufhin nur an, und ein fast spöttisches kleines Lächeln trat in ihr Gesicht.
„Morgut hatte dieselben Einwände“, sagte sie.
„Ja“, schloss Miene an. „Auch er kam mit den Schriften zunächst kaum zurecht.“
Dann zogen die beiden die Rolle zur Lichtpeitsche hervor, ausgerechnet jene, an der Morgut sich so lange abgearbeitet hatte. Gemeinsam gingen sie mit Anadar die entscheidenden Passagen durch. Und der Unterschied war verblüffend. Die Feuermagier setzten bei einer Peitsche zuerst die verfügbare potentielle Energie, die dann gelenkt und begrenzt wurde. Die Lichtrollen dagegen begannen mit Begrenzung, mit Raum, mit Geometrie und Definition. Erst der Rahmen, dann die Kraft. Nicht umgekehrt.
Es war ein grundsätzlich anderer Zugang.
Shara sah nur auf die Rolle und lächelte.
„Ich weiß, warum du dich damit schwerer tust.“
Sie blickte zu den anderen Frauen im Raum, und alle vier lächelten.
„Die Lichtmagie scheint für Frauen gemacht zu sein“, sagte sie. „Die Zauber sind aufgebaut, wie Frauen an etwas herangehen würden. Sehr viel vorsichtiger. Sehr viel kontrollierter. Vielleicht auch wirksamer. Während ihr Männer einfach erst die maximale Energie setzt und dann hofft, sie nachträglich ordentlich zu begrenzen.“
Anadar ließ es sich erklären.
Und noch einmal.
Und noch einmal.
„Als wir Feuermagie gelernt haben“, sagte Miene, „taten wir uns auch schwer damit. Es ist nicht intuitiv für uns, Zauber auf diese Weise zu setzen.“
Anadar ließ das auf sich wirken.
Dass Grammatik und Sprache der Zauber anders waren, damit konnte er umgehen. Auch dass ihm eine neue magische Sprache nicht sofort eingängig war, war für ihn kein Problem. Er hatte lange gebraucht, die Lebensschule wirklich zu meistern, viel länger als andere, und er hatte gelernt, dass Geduld nicht Schwäche bedeutete. Viel mehr beschäftigte ihn etwas anderes: dass es offenbar zwei grundsätzlich verschiedene Wege gab, im Prinzip denselben Effekt zu erreichen. Nicht nur andere Worte. Nicht nur andere Zeichen. Sondern eine andere Denkweise.
Genau das ließ ihn nicht los.
Er begann, Lichtzauber zu suchen, die ihm bekannten Feuerzaubern entsprachen. Und er wurde fündig. So erarbeitete er sich einen ganz anderen Zugang zur Lichtmagie als die Frauen an seiner Seite. Und wie Shara ihn kannte, wurde er sehr viel besessener darin, sie zu beherrschen, als die anderen. Sie merkte es nachts. Merkte, wie er sich aus dem Bett schlich, leise, im Glauben, sie würde es nicht bemerken, und sich in die Bibliothek setzte, um weiterzulesen. Tagsüber ließ er den Frauen die Stunden dort. Nachts gehörten sie ihm.
Er machte rasch Fortschritte.
Sehr starke Fortschritte.
Shara vermutete schon bald, dass er etwas benutzte, das sein Bruder ihm hinterlassen hatte: einen kleinen Zeitblasenzauber, mit dem sich Stunden dehnen ließen, um länger an einem Problem zu arbeiten, ohne dass es die Welt sofort bemerkte. Sie sah es morgens, wenn er zurückkam, um ein wenig zu schlafen. Sein Bart war meist stärker gewachsen, als es in einer einzigen Nacht möglich gewesen wäre. Darüber lächelte sie still, alldieweil auch sie ihre Geheimnisse hatte.
Während Anadar die Bibliothek des Lichtes studierte, befasste sie sich tiefer mit Beschwörungen.
Sie wurde darin immer geschickter, Dinge aus der anderen Welt zu holen und wieder fortzuschicken, ohne dass sie dabei an Klarheit oder Ruhe verlor. Tagsüber studierte sie gemeinsam das Buch der Wandlung und die Notizen, die damit gekommen waren. Alles in allem wurden es für beide sehr lehrreiche Wochen, in denen sie viel lernten, viel nebeneinander arbeiteten, manches gemeinsam durchdrangen und die bloße Gegenwart des anderen genossen, ohne sich alles sagen zu müssen.
Sie mussten es auch nicht.
Denn eines verband sie stärker, als Worte es je hätten tun können.
Dieses unendliche Vertrauen ineinander, es richtig zu machen.
19
Hokn`f war nicht zufrieden mit sich.
Nicht wirklich. Nicht tief. Nicht auf jene Weise, in der ein Mann, der lange auf etwas hinarbeitet, endlich für einen Moment still wird und in sich selbst das Gewicht des Erreichten spürt. Er hatte noch nichts erreicht, jedenfalls nichts, das ihm genügte. Die Sondra entzogen sich ihm noch immer. Er hatte Patrouillen in die Wüste geschickt, viele, mehr als irgendein vernünftiger Mensch dafür verwendet hätte, doch sie kehrten mit Staub, Müdigkeit und halb brauchbaren Vermutungen zurück. Keine Spur. Kein Lager. Kein Tunnel. Kein verräterischer Rauch am Horizont. Nichts, was sich packen ließ.
Auch die Durchsuchung von Gnoks Turm hatte ihn nicht zufriedengestellt.
Sehr viel Müll war zutage gefördert worden. Nutzloser Müll. Kleine Maschinen, die nicht funktionierten oder deren Zweck selbst nach längerer Betrachtung unklar blieb. Rollen, die nie zu Ende entwickelt worden waren. Halbe Zauber. Abgebrochene Versuchsreihen. Komplizierte Unordnung. Zeugnisse eines Geistes, der vieles begonnen und nur wenig so hinterlassen hatte, dass andere es mit Gewinn aufnehmen konnten. Keine Mondtropfen. Keine klaren Hinweise. Nichts von dem, was Hokn`f eigentlich gewollt hatte.
Immerhin hatten sie den Wirbel entdeckt.
Und sie waren nun dabei, den Zauber zu studieren.
Es war nicht einfach, den Wirbel zu kontrollieren. Im Gegenteil. Der Zauber war wild, schwer zu halten, schwerer noch zu lenken, und anfangs hatte er mehr Schaden an den eigenen Leuten angerichtet als an allem, worauf er gewirkt werden sollte. Blaue Flecken. Schürfwunden. Prellungen. Verstauchte Gelenke. Einmal hatte ein Schüler sich den Arm so unglücklich verdreht, dass er zwei Wochen lang kaum noch ein Blatt umschlagen konnte. Nicht nur einmal war auch Hokn`f selbst von dem Wirbel erfasst, mitgeschleudert und im nächsten Moment wieder aus der Bewegung hinausgedrückt worden, mit einer Wucht, die ihn gegen Stein oder Erde warf und ihm jeden Gedanken an einen schnellen Triumph nahm.
Doch sie wurden besser.
Geschickter.
Gefährlicher.
Und genau darin lag der Wert des Zaubers. Er war mächtig, schwer berechenbar und gerade deshalb brauchbar. Vor allem in den kommenden Konflikten. Hokn`f wusste, dass diese kommen würden. Er sah sie bereits vor sich, sah Linien auf Karten, Namen in Berichten, Kräfteverhältnisse in Bewegung, und die Vorfreude darauf machte ihn ruhiger, je konkreter sie wurde.
Sobald sie die Sondra gefunden hatten, würde es Krieg geben.
Davon war er überzeugt.
Und so suchten seine Leute weiter Spuren in der Wüste, ritten an Grenzen entlang, beobachteten Wege, hielten sich an Brunnen und Raststellen verborgen, fragten, lauschten, drohten, logen, doch die Sondra wussten sich zu verbergen. Es kam auch keiner mehr in die Stadt. Das war klug von ihnen. Aber gut. Er hatte Zeit. Und Mittel. Und Menschen, die bereit waren, beides für ihn zu verwenden. Irgendwann, das wusste er, würde sich eine Gelegenheit ergeben. Und wenn man einen Gegner nicht finden konnte, dann musste man eben etwas besitzen, das ihn irgendwann aus dem Versteck lockte.
Gudi hatte überlebt.
Sie war noch immer in den Verliesen.
Es ging ihr nicht gut. Das wurde ihm berichtet. Regelmäßig. Nicht aus Fürsorge, sondern alldieweil man sich seiner Zustimmung versichern wollte, ob sie weiter leben oder endlich verenden sollte. Es war ihm gleichgültig. Fast. Eigentlich hatte er im Augenblick Wichtigeres zu tun. Wenn sie litt, dann litt sie eben. Vielleicht war auch das noch nützlich. Vielleicht nicht. Ihre Bedeutung war geschrumpft, seit sie alles gesagt hatte, was sie wusste, und doch ließ er sie nicht einfach fortwerfen. Nicht, solange andere aus ihr noch etwas ziehen wollten.
Tandor wiederum bereitete ihm ebenfalls keine Freude.
Klaast erwies sich als wandelbarer Narr, einer, der noch immer nicht ganz begriffen hatte, dass man Macht nicht nur verwalten, sondern auch in die richtige Richtung drücken musste. Er stand noch nicht fest genug an der Leine. Fontal und From dagegen waren ihm sehr viel näher. Beide begriffen schneller, was nötig war, und beide taten im Kern, was ihnen geheißen wurde, auch wenn sie es lieber als eigenen Gedanken ausgaben. Klaast hingegen musste erst noch gebrochen, geführt oder notfalls beseitigt werden. Wenn er nicht funktionierte, dann würde man ihn eben entsorgen. Das war kein Gedanke, über den Hokn`f sich lange moralisch beugte. Menschen, die an falschen Stellen weich blieben, waren für ihn Hindernisse und Hindernisse hatten in einer ernsthaften Ordnung nur zwei Zustände: nutzbar oder fort.
So saß er in Ashambrat und träumte den Traum von Macht und Einfluss.
Und je länger er ihn träumte, desto zufriedener wurde er mit sich.
Danndi war ebenfalls zurückgekehrt.
Auch mit ihr war er nicht zufrieden. Das hatte er früh erkannt. Sie war von jener Sorte lästigen Art Mensch, die nie mit einer Antwort aufhörte, sondern stets das Nächste fragte, immer dort bohrte, wo etwas liegenblieb, nie ganz bereit, eine Erklärung einfach als Erklärung gelten zu lassen. Eine brauchbare Frau, gewiss, aber schwierig zu führen, alldieweil sie selbst in der Unterordnung noch das Bedürfnis hatte, Zusammenhänge zu verstehen. Hokn`f mochte das nicht. Er war grausam. Gab selten Anerkennung. Und regierte Schule wie Stadt mit eiserner Hand, alldieweil er tief überzeugt war, dass nur Härte ein Gefüge zusammenhält, das nicht aus eigenem Willen zusammenstehen will.
Den Brief an Morgut hatte er abgesandt.
Nun wartete er.
Er hatte Fallen für den jungen Magier vorbereitet. Nicht grobe. Nicht die Art, die von Weitem schon nach Gefahr aussah. Sondern saubere, vernünftige, halb glaubhafte Vorrichtungen, menschlicher Natur ebenso wie magischer. Er wollte Morgut nicht nur fangen. Er wollte ihn verwenden. Die Mondtropfen. Die Wirbel. Alles, was Gnok und Gudi verborgen hatten, ließ sich nun vielleicht über den Bruder erschließen.
Aber der junge Magier näherte sich noch nicht, es wurde nichts berichtet, er würde schon noch kommen, er lehnte Hokn`f sich in seinem Sitz zurück.
Es war kein Thron, nicht im eigentlichen Sinn, eher ein breiter, erhöhter Sessel mit harten Linien, aus dem heraus er den Raum so beherrschte, als wolle er selbst im Sitzen keinen Zweifel daran lassen, wer hier Maß und Gewicht bestimmte. An der Wand hinter ihm hing die große Karte. Das ganze nördliche Land, die Wüste, die Berge, die Straßen, die vermuteten Wege, notierte Beobachtungen, verschobene Markierungen. Irgendwann würden sie die Sondra finden. Irgendwann musste jeder Versteckte den Fehler begehen, sichtbar zu werden.
Tzadier erwies sich in diesen Tagen als äußerst brauchbare rechte Hand.
Der Magier war grausam, und es bereitete ihm sichtliche Freude, anderen Schmerzen zuzufügen. Das machte ihn nützlich. Anders als Okom, der zu zart, zu vorsichtig, zu voller Skrupel war, wann immer es wirklich ernst wurde. Tzadier dagegen verstand, dass Furcht ein Werkzeug war. Dass Leid Ordnung schaffen konnte. Und dass manche Menschen erst dann klar wurden, wenn man ihnen alle Hoffnung auf Milde entzog.
Deshalb war es auch Tzadier, der sich um Gudi kümmerte.
Oder genauer: darum sorgte, dass es ihr weiterhin schlecht ging.
An diesem Tag stand er gerade bei Hokn`f und berichtete in einem Tonfall, der sich erschreckend nüchtern zu geben versuchte, wie sich das Mädchen unter Schmerzen wand, wie der Hunger sie schwächte, wie sie auf Licht, Wasser und Stimmen reagierte, wann sie um Gnade bat und wann sie nur noch wimmerte. Hokn`f hörte ihm halb zu und dachte bereits an andere Dinge.
Dann sprang die Tür auf.
Ein Schüler stürzte herein, staubbedeckt, schwer atmend, so hastig, dass er beinahe über seine eigenen Füße fiel. Er warf sich sofort auf den Boden, rang nach Luft und hob erst dann den Kopf.
„Herr. Herr“, stieß er hervor. „Endlich. Wir haben es gefunden. Wir haben die Sondra gefunden.“
Das war der Moment, auf den Hokn`f gewartet hatte.
Er sprang auf.
Nicht langsam, nicht mit Würde, sondern mit der plötzlichen elektrischen Schärfe eines Mannes, dessen ganze Gier in einem Satz die Erlaubnis erhält, sich zu bewegen. Alle Müdigkeit fiel von ihm ab. Die Karte, die Pläne, die Geduld, das alles wurde augenblicklich zu Handlung.
„Sammelt die Magier“, befahl er. „Nur die Erprobten. Nur die, die den Wirbel halten können. Rüstet sie aus. Kein Lärm im Hof. Ich will sie bereit, ehe die Sonne kippt.“
Der Schüler verneigte sich so tief, wie es seine zitternden Beine zuließen, und verschwand wieder.
Tzadier lächelte.
Hokn`f merkte es und duldete es. In solchen Augenblicken war Begeisterung keine Schwäche, solange sie der richtigen Richtung diente.
„Nun also“, sagte er leise, mehr zu sich selbst als zu dem anderen. „Endlich.“
Was er nicht bemerkte:
Auf der Fensterbank saß ein Rabe.
Staubbedeckt wie jeder Vogel, der länger durch Hitze und Wind fliegt, unauffällig genug, um auf den ersten Blick nichts Besonderes zu sein, und doch mit Augen, die zu klug, zu wach und zu menschlich waren, um in einen gewöhnlichen Leib zu passen. Er hatte jedes Wort gehört. Jeden Befehl. Jeden Unterton der Erwartung.
Und aus diesen klugen schwarzen Augen rann, still und fast unsichtbar, eine einzige Träne.
20
Es war nicht einfach zu verstehen, was Naaarstr von ihm wollte.
Selbst jetzt noch nicht, nachdem der Dämon es ihm wieder und wieder erklärt hatte, in Bildern, in halben Bedeutungen, in jenem kalten, drängenden Denken, das sich in Fantors Geist legte wie eine zweite Logik, die keinen Wert darauf legte, verstanden zu werden, solange sie befolgt wurde. Was Naaarstr verlangte, war nichts, das ein Magier gewöhnlich tat. Fantor sollte nicht etwas aus der Dämonendimension heraufziehen, nicht eine Präsenz rufen, nicht einen Riss öffnen und durch diesen hindurch Macht in die Welt holen. Nein. Er sollte sich selbst dorthin versetzen. Sich selbst. Und mit sich das Schwert, in dem wiederum ein Dämon hauste. Allein dieser Gedanke war so verdreht, so gegen jede Ordnung und jede Vorsicht, dass Fantor noch immer nicht sicher war, ob er Wahnsinn oder Genialität in Händen hielt.
Wahrscheinlich war es beides.
Es war kompliziert.
Vor allem deswegen, weil dieser Weg kein eigentliches Ziel war. Er stellte nur einen Übergang dar. Eine Passage. Einen Schnitt aus dieser Welt hinaus in die andere und von dort wieder zurück an einen neuen Ort. Alles musste genau berechnet werden. Nicht grob. Nicht ungefähr. Genau. Und Fantor lag unter Tonnen von Schutt, halb begraben, halb eingekeilt, am Leben gehalten von dem, was er selbst kaum noch anders benennen konnte als von ein wenig Magie, Resten von Willen und einer Bosheit, die nicht aus ihm allein kam.
Er hatte sich genug freigegraben, dass er das Schwert wieder fassen konnte.
Mehr nicht.
Gerade genug, um mit der Hand hinzugelangen, die Finger um den Griff zu legen und die kalte, böse Gewissheit dieses Metalls wieder zu spüren. Mit Naaarstr war er diese Schritte nun oft durchgegangen. Nicht in der Wirklichkeit, nicht vollzogen, sondern in Gedanken, in Mustern, in wiederholten Rechnungen, in Beschwörungslogik und der perversen Grammatik der Bannung. Und dennoch blieb Ungewissheit. Immer wieder. Bei jeder Wiederholung. Bei jedem Versuch, aus der bloßen Idee einen Plan zu formen.
Der Dämon in seinem Kopf sagte ihm immer wieder, was sollte denn noch schlimmer werden als dies.
Fantor war sich da nicht sicher.
Er war sehr sicher, dass es noch schlimmer werden konnte. Er hatte nun schon lange genug mit Naaarstr verbracht, um zu wissen, dass der Dämon Dinge für möglich hielt, gegen die das langsame Verhungern und Ersticken unter Trümmern beinahe wie ein geordneter Tod wirkte. Doch trotzdem sammelte er sich. Nicht aus Hoffnung. Nicht einmal wirklich aus Überlebenswillen. Sondern aus etwas, das der Dämon ihm wieder und wieder hinhielt, bis es Wurzeln in ihm schlug.
Rache.
Rache an denen, die ihn in diese Lage gebracht hatten.
Rache an Anadar.
Dieser Name allein reichte inzwischen aus, um in Fantor noch einmal etwas zu wecken, das stärker war als Erschöpfung. Er dachte an das Schwert. An den Verlust. An die Demütigung. An das Steinbegräbnis. An das Gefühl, von einem Mann überlistet worden zu sein, den er verachtet und unterschätzt hatte. Und so lag er unter Tonnen von Schutt und konzentrierte sich, während der Dämon ihn leitete.
Er summte die Worte.
Nicht laut. Kaum hörbar. Mehr mit dem Rest von Stimme, den ihm Staub und Trockenheit noch gelassen hatten. Die Formel war nicht für einen offenen Raum gedacht. Sie war nicht einmal für einen Körper gedacht, der noch fest in seiner Welt verankert war. Sie war eine Verstimmung der Wirklichkeit, eine Umstülpung von Innen und Außen. Im richtigen Augenblick gab er Blut.
Dann kam Dunkelheit.
Nicht die bisherige. Nicht das dumpfe Begrabensein unter Stein, sondern eine andere, die ihn schlagartig umfasste und jede vertraute Last von ihm nahm. Das Gefühl, erdrückt zu werden, war fort. Vollständig. Dafür war da plötzlich Hitze. Unendliche Hitze. Nicht bloß Wärme. Nicht Feuer an der Haut. Eher das Gefühl, in eine Welt getreten zu sein, deren Grundzustand Glut war.
Fantor erlaubte sich, die Augen zu öffnen.
Der Gestank nach Schwefel traf ihn zuerst. Danach die Hitze. Dann das Bild.
Er konnte nicht tot sein.
Und doch war alles, was er sah, so nah an dem, was sich Menschen unter der Hölle ausmalten, dass sein Verstand sich zunächst dagegen wehrte, es als etwas Reales zu akzeptieren. Überall war Feuer. Lava rann in offenen Strömen durch schwarze Risse im Boden, schleuderte gelegentlich glühende Gase empor und warf rotes Licht auf die Welt. Der Himmel war dunkel, aber nicht leer. Er hing schwer und rissig über allem, als bestünde auch er aus verbrannter Materie, und aus ihm fiel etwas, das wie Regen wirkte und doch aus feurigen Partikeln bestand. Nicht ununterbrochen, nicht dicht, aber oft genug, dass jeder Blick nach oben sofort Gefahr bedeutete.
Und mitten in diesem Chaos stand eine Stadt.
Gebaut aus dunklem Stein.
Keine Ruine. Keine Erscheinung. Eine wirkliche Stadt. Mauern, Türme, Tore, Kanten, Bastionen, alles aus einem Material errichtet, das selbst in dieser Glut nicht nachgab, sondern nur noch schwärzer wirkte. Sie stand auf einer Ebene, die ringsum von unzähligen Dämonen umdrängt war. Fantor brauchte einige Atemzüge, um zu begreifen, was er da sah.
Es war ein Kampf.
Eine Belagerung.
Die Stadt gegen das, was auf sie zulief.
Unzählige Dämonen drängten gegen die Mauern, kletterten an ihnen empor, wurden von oben zurückgeschlagen, stürzten in Feuergräben, wurden zerrissen, verbrannten, und doch kamen immer neue nach. Es war kein geordneter Krieg. Es war ein dauernder, lärmender, schreiender Versuch der Eroberung und des Gegenhaltens. Wesen von allen Formen liefen, sprangen, krochen, flogen, warfen sich vorwärts, während von der Stadt aus irgendetwas antwortete. Licht. Geschosse. Dunkle Linien. Gebrüll. Fantor konnte es nicht fassen. Es machte keinen Sinn. Nicht sofort. Nicht in seinem Denken.
„Weiter“, ertönte die Stimme in seinem Kopf.
Sie klang schärfer als zuvor. Drängender.
„Weiter, bevor wir entdeckt werden.“
Naaarstr drängte.
Fantor zwang sich, den Blick von der Stadt zu lösen. Er konzentrierte sich. Malte mit dem Schwert die notwendigen Zeichen in den Boden, so schnell und sauber er konnte. Seine Hand zitterte. Seine Gedanken stolperten noch über das, was er eben gesehen hatte, und der Dämon schrie ihn innerlich fast an, schneller zu sein. Dann gab Fantor wieder Blut.
Er erlaubte sich einen letzten Blick auf die Szene.
Noch immer ergab sie keinen Sinn.
Dann wieder ein Ruck.
Ein Schnitt.
Ein Sturz.
Und urplötzlich war etwas über ihm.
Kein Himmel mehr. Keine Lava. Kein Feuerregen.
Nur Dunkelheit und Gewicht.
Er hörte Naaarstr in seinem Kopf schreien, nicht vor Zorn, nicht wie sonst, sondern vor etwas, das beinahe an Verzweiflung grenzte. In diesem einen Augenblick wusste Fantor, noch ehe er vollständig begriff, was geschehen war, dass er zu langsam gewesen war. Dass sie nicht sauber hindurchgekommen waren. Dass etwas sie beim Austritt getroffen oder überlagert hatte.
Dann wurde es dunkel um ihn.
Mit dieser Gewissheit sank er in Ohnmacht.
Sie waren sich zunächst nicht ganz sicher.
Vielleicht hatte man sich getäuscht. Vielleicht war es nur eine Schwankung. Vielleicht hatte die Präsenz sich tiefer zurückgezogen, war unter Gestein oder in irgendeine Form gefallen, die schwerer zu spüren war. Doch je länger sie prüften, desto klarer wurde: Das, was unter den Trümmern gelegen hatte, war fort.
Einfach weg.
So als wäre es nie da gewesen.
Die Nachricht wurde sofort weitergegeben.
Sie breitete sich rasch aus, schneller, als viele es erwartet hätten, alldieweil Dinge, die mit echter Furcht belegt sind, von Mund zu Mund und von Zeichen zu Zeichen eilen, ohne dass einer sie aufhalten kann. Beobachter meldeten an ihre Vorgesetzten. Diese an die nächsten. Und so rauschte die Kunde durch das Gebiet, bis sie schließlich auch den Prinzen erreichte.
Zarard empfing sie mit gemischtem Herzen.
War sie wahr. Sie hatten es kommen sehen. Oder besser, sie hatten es für möglich gehalten. Und nun war das, was dort unten gebunden oder wenigstens verschüttet gelegen hatte, plötzlich nicht mehr auffindbar. Ein Teil von ihm war erleichtert, alldieweil damit jene unmittelbare Nähe zu etwas Namenlosem beendet war. Ein anderer Teil war sehr viel beunruhigter. Denn Dinge, die einfach verschwinden, tun das selten, um harmloser zu werden.
Er ließ es ein weiteres Mal prüfen.
Unabhängig. Er traute seinen eigenen Leuten, aber er traute der Lage nicht. Nicht genug. Also ließ er andere sehen, andere spüren, andere verifizieren. Doch die Antwort blieb dieselbe.
Die Präsenz war weg.
Nicht geschwächt. Nicht verborgen. Nicht verschoben in einen nahen Nebenraum.
Weg.
Zarard tat dennoch, wie ihm geheißen worden war.
Er griff nicht voreilig ein. Er entsandte keine Krieger. Er befahl keine Suche auf gut Glück. Stattdessen setzte er sich, verfasste mit knappen, klaren Worten eine Nachricht und schickte einen Boten nach Zoordak.
Denn das war vereinbart worden.
Beobachten.
Und berichten.
21
Sie wusste, dass es heute geschehen würde.
Nicht wie. Nicht durch wessen Hand. Nicht zu welcher Stunde. Nur das eine wusste sie mit jener stillen, kalten Gewissheit, die nicht aus Angst geboren wird, sondern aus zu oft gelesenen Prophezeiungen und aus einem Leben, das lang genug gewesen war, um die Sprache der Sterne nicht bloß zu bestaunen, sondern selbst zu deuten. Irgendjemand würde heute kommen, und dieser Jemand würde sie töten wollen.
Gerade weil sie nicht wusste, wer es sein würde und auf welche Weise es geschehen sollte, konnte sie sich nicht wirklich vorbereiten. Die Sterne waren in vielem großzügig und in vielem grausam. Sie gaben Richtung, aber selten Schonung. Sie ließen einen ahnen, dass eine Klinge kommen würde, aber nicht, aus welchem Winkel sie geführt sein mochte. Und doch hatte Mutter nicht die Absicht, sich willig in das zu fügen, was über ihr geschrieben stand. Sie wollte noch nicht sterben. Sie hatte noch zu viel zu tun. Noch zu viele Fäden in den Händen. Noch zu viele Türen, die geöffnet werden mussten. Sie war noch nicht auserzählt.
Also lächelte sie, als sie aufstand.
Die letzten Wochen hatten an ihr gezehrt. Mehr, als man ihr von außen ansah. Es kostete Kraft, immer wieder zu lenken, zu halten, zu tragen, zu verbinden, zu schweigen, wo Schweigen nötig war, und zu sprechen, wo Worte die Welt für einen Augenblick in die richtige Richtung drücken mussten. Sie blickte an sich hinab, auf die schöne Frau, die sie der Welt zeigte, auf das Gold ihrer Haare, auf die Aura, das Leuchten, die beinahe unnatürliche Vollkommenheit dieser Erscheinung, und sie kannte die Wahrheit dahinter. Sie wusste, wie alt sie war. Sie wusste, wie sie ohne diese Hülle aussah. Sie hatte manchen Menschen ihr wirkliches Gesicht gezeigt, selten, aber nicht ohne Grund.
Anadar wusste es.
Und er liebte sie, wie sie war.
Nicht die Gestalt. Nicht das Gold. Nicht die Schönheit, die sie tragen konnte wie ein Gewand. Er hatte sich in ihre Präsenz verliebt, in ihre Stimme, in ihre Nähe, in das, was zwischen Worten lag, und nicht in das Äußere, das sie bei Bedarf trug. Und Shara ebenso. Auch sie blickte durch diese Fassade hindurch, klar, ohne Ehrfurcht vor dem Glanz und ohne sich von ihm täuschen zu lassen. Die drei verband längst etwas, das tiefer ging als Familie, Schülerschaft oder bloße Zuneigung. Nein, dachte Mutter, während sie durch die stilleren Gänge des Tempels ging, nun waren es vier. Das kleine werdende Leben war längst mit in dieses Band genommen worden, und auch wenn es noch nicht sprechen, nicht verstehen, nicht gehen konnte, war es doch schon Teil von etwas geworden, das älter und größer war als jede einzelne Gegenwart.
So lief Mutter durch den Tempel.
Xiodrie war da, und allein ihr Anblick brachte etwas Weiches in sie hervor. Welche Freude sie an dieser Frau hatte. Welche stille, tiefe Freude darin lag, zu sehen, wie ein Mensch aufblüht, sobald er nicht mehr jeden Tag um das nackte Überleben fürchten muss. Xiodrie war vorsichtiger geworden, ja, aber nicht mehr schreckhaft in derselben Weise. Sie bewegte sich anders. Sprach anders. Hielt sich anders im Raum. Es war nicht viel, und doch war es alles. Mutter liebte diese Frau, auf ihre Weise, und sie wusste, dass Xiodrie sie ebenso liebte. Nicht als Machtfigur. Nicht als Heilsbringerin. Sondern mit jener dankbaren, offenen Hingabe, die aus einem Herzen kommt, das zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr nur auf Furcht gegründet ist.
Mutter verbrachte gern Zeit mit ihr.
Auch heute genoss sie jede Sekunde davon.
Es konnte die letzte sein.
Und dennoch war sie nicht traurig. Nicht in jener einfachen Form, in der Menschen um Dinge trauern, die ihnen genommen werden. Sie spürte nur sehr genau, wie ihre Stunde näherkam. Also verabschiedete sie sich innerlich von jeder Tochter, die sie sah. Nicht sichtbar. Nicht mit großen Worten. Nur in sich. Ein Blick. Ein Gedanke. Eine stille Geste des Herzens. Sie war nicht sehnsüchtig. Nicht bitter. Nicht einmal besonders weich. Sie dachte über ihr Leben nach und war dankbar für jede einzelne Stunde davon. Und es waren viele Stunden gewesen. Unzählige. Voll von Irrtum, Macht, Schönheit, Schuld, Führung, Zärtlichkeit, Kälte und Liebe. Mehr, als ein gewöhnlicher Mensch zu tragen oder zu erinnern imstande wäre.
Später zog sie sich in ihren Lieblingsraum zurück.
Dort wartete sie.
Die Stunden vergingen langsam, und während sie vergingen, kam ihr Leben in Bildern an ihr vorbei. Nicht als vollständige Erinnerung, nicht geordnet, eher wie Licht auf Wasser. Ein Gesicht. Eine Landschaft. Ein Verlust. Eine Umarmung. Eine Nacht. Ein Fehler. Ein Sieg, der sich später als Niederlage erwies. Ein Kind, das ihr zulächelte. Eine Stadt, die unterging. Ein Blick von Anadar. Ein stilles Nicken Sharas. Das erste Mal, dass Xiodrie sie ohne Angst ansah.
Dann spürte sie es.
Er kam.
Nicht mit Lautstärke. Nicht mit einem Sturm. Nicht mit Magie, die den Raum vor sich hertrieb. Nur mit dieser einen, klaren Gewissheit, die tiefer war als jedes Geräusch.
Er stand vor ihr.
Und er kam in der Gestalt ihres alten Freundes Gnok.
Für einen Moment tat selbst ihr Herz etwas, das es selten tat. Es stockte nicht, aber es erinnerte sich. An Jahre. An Gespräche. An Vertrautheit. An alte Klugheit und alte Bitterkeit. An einen Mann, den sie kannte, und an das Entsetzen darüber, ihn nun so zu sehen. Denn er stand vor ihr und blickte sie an, ohne sie zu erkennen. Nicht wirklich. Seine Augen waren offen, aber leer an der falschen Stelle, und in ihnen lag nichts von dem alten Menschen, den sie darin erwartet hätte. Nur ein fremder Zwang. Etwas Gesteuertes. Etwas, das ihn benutzte.
Mutter stand auf.
Langsam.
Ohne Hast.
Sie zog einen letzten Atemzug tief in sich hinein, bewusst, als wolle sie auch diesen noch vollständig besitzen. Dann sah sie ihren alten Freund an, wie er auf sie zukam, mechanisch, unaufhaltsam, ein Messer in der Hand.
Sie wartete.
Auf den Stoß.
Bereit, ihn zu empfangen.
Ende buch 6



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