Anadar VI/II
- R.

- 9. Mai
- 65 Min. Lesezeit

4
Widerlich, dachte Kral.
Widerlich war schon das Zeug gewesen, das sie ihm eingeflößt hatten, um ihn nüchtern zu bekommen. Es hatte geschmeckt wie ein Sud aus bitteren Kräutern, kalter Asche und etwas Metallischem, das ihm die Zunge taub werden ließ und den Kopf zugleich so scharf aufriss, dass jeder Rest von Rausch sich nicht langsam verzog, sondern aus ihm herausgerissen wurde. Danach hatten sie ihn geschrubbt. Mit Bürsten. Mit kaltem Wasser. Mit Seife, die roch wie etwas, das ehrbare Leute benutzten, und gerade deshalb unangenehm für ihn war. Sie schrubbten den Gestank der letzten Wochen von ihm, aus Haaren, Bartstoppeln, Hautfalten, Nägeln, als müsse man einen Menschen nicht reinigen, sondern freilegen. Dann hatten sie ihn rasiert, ihm die Haare geschnitten und ihn in neue Kleidung gesteckt, die überall zwickte und juckte, an Schultern, Hals und Hüften, als wollte auch sie ihm beweisen, dass Nüchternheit kein Zustand, sondern eine Strafe ist.
Danach sperrten sie ihn in einen Raum.
Er war nicht groß, nicht klein, nicht feucht genug für ein Verlies und nicht freundlich genug für ein Gästezimmer. Steinboden. Schmale Wände. Ein einziges Fenster zu hoch, um hinauszusehen. Sie setzten ihn auf einen Stuhl, banden seine Handgelenke fest und ließen ihn dort sitzen, herausgeputzt wie einen Bräutigam, der zum eigenen Begräbnis geladen worden war.
Dann kamen drei Personen herein.
Die junge Frau zuerst, oder doch zugleich mit den beiden Männern, Kral wusste es später nicht mehr genau, nur dass sein Blick an ihr hängenblieb. Sie hatte ein fremdländisches Gesicht, fein geschnitten, wach, kühl, und jene Art von Ruhe, die nicht aus Friedfertigkeit, sondern aus Kontrolle kam. Einer der Männer war offenkundig ein Magier, das sah man ihm an, noch ehe er sprach. An der Kleidung, ja, an der Haltung, gewiss, aber vor allem an jener Bewegungslosigkeit im Kern seines Körpers, die Kral bei Magiern immer verabscheut hatte. Sie standen nie einfach nur da. Sie standen da, als hätten sie neben ihrem Leib noch eine zweite Ordnung im Raum aufgerichtet, die nur sie sehen.
Der dritte setzte sich ihm gegenüber.
„So, Käptain Kral“, sagte er, „ich hoffe, ihr hattet einen angenehmen Tag.“
Kral schwieg.
Er sah den Mann an, sah die Mischung aus Härte und Spott in dessen Gesicht und beschloss, dass Schweigen im Augenblick vermutlich das Einzige war, das ihm noch gehörte.
„Wir sind an eurem Wissen interessiert“, fuhr der Mann fort. „Ihr scheint Informationen gehabt zu haben, die von Wert sein könnten.“
Kral schwieg weiter.
„Es wurde ein Magier getötet, und ihr scheint diesbezüglich erstaunlich genau zu wissen, was geschehen ist.“
Noch immer keine Antwort.
„Hat es euch die Sprache verschlagen.“
Der Magier hinter ihm trat aus seinem Sichtfeld. Nur das Geräusch seiner Schritte, leicht, kontrolliert, genügte, um Kral nervös zu machen. Er versuchte den Kopf zu drehen, soweit die Fesseln und der eigene Stolz es zuließen.
„Meister Kolnidranooora“, ertönte es von hinten. „Was könnt ihr mir über ihn sagen.“
Kral schnaubte.
„Idiot“, sagte er.
„Wie bitte.“
„Wäre dieser Meister Wie Auch Immer nicht so ein großer Idiot gewesen, würde er heute vielleicht noch leben.“ Kral hob den Kopf und spuckte die Worte beinahe aus. „Stellt sich mit einer Pompösität auf mein Deck und verlangt eine Passage, als gehöre ihm das Wasser gleich mit.“
„Und deswegen schneidet ihr ihm die Kehle durch und nehmt sein Gold an euch.“
„Ich.“ Kral blinzelte. Dann begriff er erst, worauf das hinauslaufen sollte. „Ich. Ich.“
Panik war ein hässliches Ding, und sie stieg plötzlich und klar in ihm auf.
„Das waren diese beiden Fremden“, stieß er hervor. „Ich habe damit nichts zu tun.“
In seinem Inneren verfluchte er sein besoffenes Selbst, seinen losen Mund, seine Gier, seine Feigheit, die See, die Magier und die ganze verfluchte Welt, die es einem nie erlaubte, dumm zu sein, ohne dass es später teuer wurde.
„Könnt ihr aufhören, so viel zu fluchen“, sagte der Magier hinter ihm.
Kral erstarrte.
„Ich habe gar nicht“, begann er, und im selben Augenblick begriff er. „Verdammt. Ihr seid in meinem Kopf.“
Der Magier trat wieder in sein Blickfeld und lächelte.
„Gestattet, dass ich mich vorstelle“, sagte Anadar fast freundlich. „Anadar mein Name. Und ich denke, ihr solltet uns nun die Wahrheit sagen. Laut, damit auch Nigk und Xian diese mitbekommen.“
Er lachte dabei nicht offen, aber ein kleiner, kaum merklicher Zug um seinen Mund machte die Sache schlimmer, nicht besser.
Kral fluchte, diesmal wirklich, und spuckte auf den Boden.
Dann begann er zu erzählen.
Es war erstaunlich, wie wenig ein Mensch seine Geschichte noch bei sich behalten kann, wenn einer mit ruhigem Gesicht in seinem Kopf sitzt und jede Ausrede schon kennt, bevor sie formuliert ist. Kral erzählte von davon wie das Seemonster sie jagte, vom Sturm, vom Riff, vom Wiederaufbau, von den beiden fremden Gestalten, die er auf seinem Schiff mitgenommen hat, von Kolnidranoooras Auftreten, seinen Forderungen, seiner Dummheit, seinem Gold, seiner letzten Fahrt. Er erzählte alles, woran er sich erinnern konnte, und manches mehr, von dem er gar nicht gewusst hatte, dass er es noch wusste. Einzelheiten. Blicke. Tonfälle. Das Gefühl von etwas Falschem auf Deck. Wie die Fremden sich bewegten. Wie sie mit dem Hintergrund verschwammen, wenn man nicht genau hinsah.
Nigk und Xian hörten gebannt zu.
Nigk stand mit verschränkten Armen an der Wand, die Haltung eines Mannes, der nichts von diesem Raum brauchte, um gefährlich zu sein. Xian hatte sich nicht gesetzt, sie stand halb im Licht, halb aus ihm heraus, aufmerksam, kühl und wach, und nur ihre Augen verrieten, wie genau sie jedes Wort einordnete.
Als Kral geendet hatte, standen die drei einen Moment lang still da.
Dann verließen sie den Raum wortlos.
Sie ließen den Käptain einfach zurück.
Er rief ihnen nichts nach. Er hatte auf einmal zu viel Angst vor dem Klang seiner eigenen Stimme.
Draußen im Flur sagte Xian als Erste etwas.
„Wir sollten euch öfter mitnehmen. Das spart Zeit.“
Nigk nickte knapp.
„Und verringert Unsicherheit.“
Anadar lächelte kurz, nicht eitel, eher ein wenig müde.
„Das war nicht schwierig“, sagte er. „Er plagt sich mit dem Wissen. Es schreit einen beinahe an. Er hat die Eindrücke nicht gut bewältigt. Zuviel für Ihn, im Kern ist er einfach gebaut“
Er blieb stehen, sah die beiden an und fragte dann:
„Könnt ihr mir noch einen weiteren Gefallen tun.“
„Wenn es sich einrichten lässt“, sagte Nigk.
„Wir brauchen ein Schiff“, sagte Anadar. „Eines, das im Meer der Winde auslaufen kann.“
Nigk antwortete sofort.
„Betrachtet es als bereitstehend.“
Anadar nickte.
„Und bringt diesen Käptain Kral dorthin.“
Xian hob nur leicht die Brauen, dann nickte auch sie. Offenbar hielt sie das für eine Frage, deren Nutzen sich später zeigen würde.
Damit trennte sich Anadar von ihnen und kehrte zur Erdschule zurück. Dort suchte er Meister Roto auf, fand ihn in einem jener stilleren Räume, die Tandor für Gespräche ohne Publikum übriggelassen hatte, und trat direkt zu ihm.
„Es wird ein Schiff bereitstehen“, sagte er. „Mit eurem Käptain Kral an Bord.“
Roto erhob sich sofort.
Für einen Augenblick stand ihm etwas aufrichtig Dankbares im Gesicht, etwas, das er nicht recht zu verstecken wusste, weil es weder Ironie noch Förmlichkeit war. Er bedankte sich knapp, aber ernsthaft, und ging dann, ohne Zeit zu verlieren, Son und Indra suchen.
Beide hatten sich bereit erklärt, ihn zu begleiten, um die Mörder Kolnidranoooras ausfindig zu machen. Wirklich scharf waren die beiden Wassermagierinnen nicht darauf, zu den Inseln zurückzukehren. Seit Sinadie dort nicht mehr Dekanin war, hatte sich das Band zur Wasserschule merklich verändert. Deswegen war ihnen dieses Abenteuer recht und vielleicht aus Treue zu Roto. Vielleicht auch aus Pflicht. Vielleicht auch, weil es in solchen Zeiten schwer wurde, zwischen beidem noch sauber zu unterscheiden.
Am nächsten Morgen standen die drei im Hof der Schule.
Es war früh, der Frühling schon warm genug, dass die Steine im ersten Licht nicht mehr winterlich aussahen, und doch lag über der Szene eine Kühle, die nicht aus dem Wetter kam. Sie verabschiedeten sich von den anderen. Von Sinadie. Von Miene und Sindra. Von Morgut. Von einigen weiteren, die sich im Laufe der Tage näher an sie herangeschoben hatten, als ursprünglich zu erwarten gewesen war. Die Abschiede dauerten länger, als es für Magier üblich war. Ungewöhnlich lang. Beinahe sentimental, hätte es nicht so ehrlich gewirkt.
Son sagte wenig, aber ihr Blick hielt länger als sonst an den Gesichtern der Zurückbleibenden fest. Indra versuchte zweimal, einen leichten Ton zu finden, und gab es beide Male wieder auf. Roto selbst sprach ruhig, gefasst, wie jemand, der sich entschieden hat, nicht noch in den letzten Minuten mit Zweifeln anzufangen.
Am Ende trat Anadar zu ihnen.
Er hatte einen kleinen Stapel Rollen dabei. Keine großen, nicht feierlich verschnürt, sondern jene Art von Schrift, die man mitgibt, wenn man hofft, dass Worte an einem Ort ankommen, an dem man selbst vielleicht nie wieder stehen wird. Er sprach noch einmal mit jedem Einzelnen von ihnen. Kurz. Persönlich. Er sagte Son etwas, das nur sie hörte und sie unvermittelt den Blick senken ließ. Er sagte Indra etwas, worauf sie erst kurz auflachte und dann erschreckend ernst wurde. Und mit Roto sprach er am längsten.
Dann zog er drei kleine Amulette hervor.
„Als Talisman“, sagte er.
Er legte jedem einzeln eines um. Nicht hastig, nicht beiläufig, sondern mit einer Ruhe, die beinahe an ein Ritual grenzte. Son ließ die Finger kurz über das Zeichen gleiten, als wolle sie verstehen, was genau er da mitgab. Indra fragte nichts. Roto dagegen sah ihn an, direkt, offen, zum ersten Mal ohne jede Distanz.
Dann umarmte Anadar jeden von ihnen.
Sogar Roto.
Kurz. Fest. Ohne große Worte.
„Glück“, sagte er nur. „Ich wünsche euch Glück.“
Und dann ritten sie im frühen Morgen los.
Nicht schnell, nicht heldenhaft, eher mit jener Schwere, die Menschen haben, wenn sie schon beim Aufbruch spüren, dass diese Trennung nicht nur eine Reise meint. Jeder im Hof hatte eine kleine Träne im Auge, oder etwas, das einer Träne nahekam. Sie waren in der letzten Zeit zusammengewachsen, mehr als sie es selbst zu Beginn vermutet hätten, und irgendetwas in der Luft, in den Tagen, in der Richtung der Dinge, sagte ihnen allen, dass sie sich lange nicht wiedersehen würden.
Vielleicht nie.
Nachdem die drei aus dem Tor und allmählich aus dem Blickfeld verschwunden waren, blieb Sinadie noch neben Anadar stehen. Sie sah nicht zu ihm, sondern auf die Straße hinaus, auf die Spur der Pferde, die sich bereits im helleren Staub verlor.
„Ich habe ein seltsames Gefühl“, sagte sie.
Er schwieg.
„Ich denke nicht, dass wir die drei schnell wiedersehen werden. Oder.“
Er blickte sie lange an. Dann seufzte er.
„Ich denke“, sagte er, „das ist ein Himmelfahrtskommando. Wir werden sie vermutlich nie wiedersehen.“
Damit wandte er sich ab und ging hinein.
Sinadie blieb zurück.
Obwohl es ein warmer Frühlingsmorgen war, fröstelte sie.
5
Mutter versammelte sie noch einmal in dem Turmzimmer, in dem in den letzten Tagen bereits so vieles gesagt, verschwiegen, erkannt und gegeneinander abgewogen worden war. Draußen sank der Abend langsam über Tandor, und die Fenster waren noch nicht ganz dunkel, doch im Raum selbst brannten bereits Lampen und Kerzen, so dass die Gesichter der Anwesenden aus warmem Licht und tieferen Schatten zusammengesetzt wirkten. Anadar war da, Shara, Manador, Isidre, Slonda, Sinadie, dazu Mutter selbst, und obwohl es nicht viele waren, hatte der Raum in diesen Stunden stets etwas von einem Ort, an dem mehr Gewicht lag, als seine Mauern tragen dürften.
Mutter wartete, bis alle wirklich still geworden waren.
Sie stellte sich nicht an den Tisch, nicht an den Kamin, nicht an ein Fenster. Sie stand einfach mitten im Raum, und das genügte, damit der Raum sich nach ihr ausrichtete.
„Heute Abend“, sagte sie dann, „ist noch einmal Konklave.“
Sie ließ die Worte kurz stehen, als wolle sie ihnen Gelegenheit geben, sich zu setzen, ehe sie fortfuhr.
„Die letzte Konklave, die kurz nach dem Trimond, liegt nun beinahe sechs Wochen zurück. Gerade lang genug, um den Inquisitoren Zeit zu geben, ihren Bericht zu ordnen, zu glätten, mit Siegeln zu versehen und mit jener Gravität auszustatten, die Menschen so lieben, wenn sie etwas Endgültiges behaupten wollen.“
Ein unruhiges Murmeln lief durch die kleine Runde. Nicht laut, nicht widersprechend, eher das Geräusch von Menschen, die begriffen, dass in diesen sechs Wochen mehr geschehen war, als in anderen Jahren.
Mutter lächelte schmal.
„Ja“, sagte sie, „ich weiß. Sechs Wochen wirken kurz für eine neue Konklave und lang für all das, was sich seitdem ereignet hat. Doch dies war eine außerordentliche Lage, und außerordentliche Lagen produzieren außerordentliche Zusammenkünfte. Unter dem Eindruck der neuen Ereignisse, unter dem Gewicht der Dinge, die inzwischen geschehen sind, und, wie es der Turnus nun vorsieht, unter dem Vorsitz, den ich heute Abend übernehmen werde, habe ich jedoch die feste Absicht, den Abstand der Konklaven wieder auf sechs Monate zu setzen.“
Jetzt gingen die Blicke deutlich fragender durch den Raum. Manador runzelte die Stirn. Isidre hob kaum merklich das Kinn. Sinadie sah Mutter lange an, ohne etwas zu sagen. Slonda begann bereits offenbar in mehreren Richtungen zugleich zu denken. Nur Anadar blieb still und beobachtete sie mit jener Mischung aus Verständnis und Argwohn, die Mutter an ihm mittlerweile gut genug kannte.
Sie hob die Hand.
„Andere wissen nichts von den Entwicklungen im Norden. Noch nicht. So schnell haben sich diese Nachrichten nicht ausgebreitet. Die Welt ist groß, meine Freunde, und selbst die Furcht braucht ein paar Tage, um ein ordentliches Gerücht zu werden.“
Sie lächelte wieder, heller diesmal, beinahe vergnügt.
„Das wird sich nun allerdings in den nächsten Tagen ändern, da bin ich mir sicher. Und ich möchte im Moment viel, sehr viel sogar, doch ich möchte nicht übereilt in einen Krieg gezogen werden.“
„Gegen die alten Völker im Norden“, murmelte Manador.
„Oder“, sagte Sinadie ruhig, „gegen eine andere Schule.“
Mutter wandte den Kopf und schenkte ihr einen Blick, in dem so etwas wie Anerkennung lag.
„Oder gegen eine andere Schule“, bestätigte sie. „Ganz recht. Ihr solltet euch darüber im Klaren sein, dass die Eiferer gewiss nicht selbst in den Krieg ziehen wollen werden. Sie werden, wenn es nach ihnen geht, euch, Manador, in die Pflicht nehmen wollen, mit allem, was die Feurige Feste an Kampfkraft, Disziplin und Opferbereitschaft aufbieten kann. Sie werden das als Ehre verkaufen. Als Verantwortung. Als alte Pflicht. Vielleicht sogar als historische Notwendigkeit. Was immer sie tun müssen, damit ihr ja nicht merkt, wie bequem es ist, einen anderen für die eigenen Überzeugungen bluten zu lassen.“
Manador verzog den Mund, sagte aber nichts.
Mutter trat nun einen langsamen Schritt, als ginge sie nicht im Raum, sondern bereits über die Ordnung der Dinge, die sie an diesem Abend zurechtrücken wollte.
„Deshalb“, sagte sie, „werde ich meinen Vorsitz nutzen, um die Abstände der Konklave wieder auf sechs Monate anheben zu wollen. Die Akutlage auf den Inseln der Winde ist formal beendet. Das Seeungeheuer ist tot, oder jedenfalls eines ist tot genug für einen Bericht. Die Flüchtlingsbewegung im Norden ist beendet, mittlerweile hat sich die Lage normalisiert, alldieweil der Grund den die meisten noch nicht kennen und bekannt ist. Und solange etwas nicht bekannt ist, kann man es nur schwer zum Anlass eines Notstandes machen.“
Nun lächelte sie mit vollem Bewusstsein ihrer eigenen Gewandtheit.
„Ich rechne mit eurer Unterstützung, Manador. Isidre. Und ehe jemand fragt, ja, ich habe auch die Unterstützung anderer. Politik wird, wie ich euch seit Jahren vergeblich beizubringen versuche, abseits der großen Bühne gemacht. Auf der Bühne wird sie nur verlesen.“ Sie fixierte Anadar.
Shara schnaubte leise. Slonda sah auf den Boden, damit niemand bemerkte, dass er lächelte.
„Gern würde ich an diesem Abend jedwede unangenehmen Themen vermeiden, Freunde“, sagte Mutter weiter. „Also beherrscht euch. Vor allem du, Anadar. Kein Streit. Auch wenn du provoziert wirst.“
Nun blickte sie ihn direkt an.
„Ich möchte keinerlei Streit haben. Keine Überraschungen. Keine Machtdemonstrationen. Keine scharfen Bemerkungen, die sich später als historisch bedeutsam herausstellen. Haben wir uns verstanden.“
Anadar hielt ihrem Blick stand. Einen Herzschlag lang sah es beinahe so aus, als wolle er etwas sagen, das den ganzen Abend sofort in Brand setzen würde. Dann hob er nur leicht die Brauen.
„Wenn man mich in Ruhe lässt“, sagte er, „bin ich gelegentlich erstaunlich friedlich.“
„Dann hoffe ich“, erwiderte Mutter süß, „dass der Abend voller Wunder ist.“
Damit war die Sache für sie fürs Erste entschieden.
Als sie später zur Kammer vor der Tür der Versammlungshalle gingen, war Tandor in jenem Zustand zwischen Feierlichkeit und Müdigkeit, den nur Orte kennen, an denen Macht sich gern in Ritual kleidet. Überall standen Diener, Schüler, Boten, Wächter. Kerzen brannten in Wandnischen. Schritte hallten auf Stein. Stimmen wurden gedämpft, sobald sie zu nahe an die Wege kamen, auf denen die Delegierten gingen. Niemand musste laut sagen, dass heute Konklave war. Die Art, wie Menschen einander auswichen oder plötzlich stehen blieben, genügte.
Die Kammer in der Bibliothek die zur Versammlungshalle selbst war schlicht, beinahe karg, und gerade dadurch wirkte sie ernsthafter als viele prächtigere Säle. Kein Gold. Keine prahlerischen Banner. Nur Stein, Höhe und in der Mitte des Raumes das schlichte Portal, das den Zugang zur eigentlichen Konklave eröffnete. Es war kein Tor im eigentlichen Sinne, eher ein in den Raum gesetzter Rahmen aus weißem Stein, ohne Türflügel, ohne Verzierung, ohne alles, was einem Uneingeweihten erklärt hätte, weshalb man davor unwillkürlich die Stimme senkte.
Viele waren bereits da.
Fontal stand nahe einer der Seitenwände, aufrecht, gefasst, und doch wirkte sie, sobald Anadar in ihr Blickfeld kam, für den Bruchteil einer Sekunde, als habe sie sich innerlich verspätet. Sie wich ihm nicht offen aus, doch sie hielt Abstand, präzise und unverkennbar. Klaast war anwesend, sichtlich nervös in jener bemüht kontrollierten Art eines Mannes, der weiß, dass er nun einen Platz einnimmt, auf den andere Augen gerichtet sind. Neben ihm Isidre, äußerlich ruhig, und Bertagnie, der neue stellvertretende Dekan der Erdschule, aufgekratzt genug, dass man ihm schon deshalb unangenehm misstrauen wollte. Manador war da, mit jener schweren Ruhe, die ihm in den letzten Wochen zugewachsen war. Anadar. Mutter. Als es Zeit wurde traten sie durch das Portal und betraten den raum in dem die anderen bereits warteten. From, Hokn`f und ihre Stellvertreter, betreten hatten sie den Versammlungsraum durch die Portale in ihren Schulen.
Weiße Bögen. Weißer Stein. Weißer Boden. Ein Kreis aus stiller Geometrie. Der große runde Tisch in der Mitte, der keinen Platz bevorzugte und doch immer genau wusste, wer gerade im Zentrum saß. Dahinter die schwarzen Statuen, hoch und unbewegt, dunkel wie eingelassene Nacht im hellsten Marmor. Und über allem jene eigentümliche Reinheit des Ortes, die zugleich Würde und Lüge ausstrahlte, als habe man hier über Jahrhunderte versucht, Macht so sauber erscheinen zu lassen, dass niemand mehr an das Blut dahinter dachte.
Die Vertreter nahmen ihre Plätze ein.
Zuerst wurde Tranda offiziell verabschiedet.
Nicht mit großem Pathos, sondern in der kühlen Form, die die Konklave für Tote bereithielt, deren Fehlen nun Verwaltung wurde. Sein Name wurde verlesen. Sein Amt. Die Dauer seines Dienstes. Die Konklave erhob sich zu einer stillen Minute, und selbst diejenigen, die ihm nie nahestanden, standen mit der Haltung von Menschen, die wenigstens verstanden, dass mit ihm mehr als nur ein alter Mann gefallen war. Klaast trat danach vor und wurde als neuer Dekan der Erdschule bestätigt, Isidre und Bertagnie als stellvertretende Dekane eingeführt. Die entsprechenden Siegel wurden geprüft, die Namen in die Schrift aufgenommen.
Dann kam die Übergabe des Vorsitzes.
Hokn`f trat vor.
Er hielt den Stab mit jener Selbstverständlichkeit, die Menschen mit Dingen entwickeln, die sie zu lang in Händen behalten haben. Er sprach die Formel der Übergabe, nicht demütig, nicht widerwillig, eher korrekt. Er nannte die Windschule. Er nannte den abgeschlossenen Turnus. Er nannte die Pflichten, die erfüllt oder zumindest behauptet erfüllt worden waren. Dann legte er den Stab auf die flache weiße Platte im Zentrum des Tisches.
Mutter trat vor.
Ihre Hände berührten den Stab erst, nachdem sie die Formel der Übernahme gesprochen hatte. Nicht hastig. Nicht ehrfürchtig im niedrigen Sinn. Eher in jener fast heiteren Sicherheit einer Frau, die sich von Symbolen weder einschüchtern noch blenden lässt, die aber sehr genau weiß, wie nützlich sie sind. Als ihre Finger den Stab schlossen, ging ein kaum sichtbares Zittern durch die Luft. Der Vorsitz war übergegangen. Von der Windschule zur Geistschule. Als Nächstes, so bestimmte es die Ordnung, würde später die Erdschule an der Reihe sein.
Mutter setzte sich.
Und mit ihr saß nun die Führung im Raum.
Fontal trug darauf den Abschlussbericht vor.
Sie las ihn nicht wie eine Frau, die zweifelt, sondern wie eine Frau, die einen Text einprägt, damit kein Wort verrutscht. Xoiun wurde postum als abtrünnig erklärt. Seine Schüler, Tring und Tiang, ebenso. Die Vorgänge auf den Inseln der Winde wurden als schwere Verfehlung und Folge einer verdeckten und entgleisten Versuchspraxis beschrieben. Das Seeungeheuer wurde in seiner Herkunft der Linie Xoiun zugeordnet. Sinadies Handeln wurde in wesentlichen Punkten als richtig, in einem entscheidenden Punkt jedoch als fehlerhaft markiert, alldieweil sie die Konklave nicht rechtzeitig informiert hatte. Anadar, Shara und Morgut wurden als Anwesende und Beteiligte genannt, jedoch ausdrücklich nicht als Ursprung der Vorgänge.
Fontal sprach ohne Stocken.
Nur einmal, als ihr Blick auf Anadar fiel, verschob sich ihr Atem kaum merklich. Wer sie nicht kannte, hätte es nicht bemerkt. Wer sie kannte, hätte es nicht benennen können. Anadar merkte es.
Als sie geendet hatte, übernahm Mutter das Wort.
Sie tat es ohne Pathos, und gerade das machte es so wirksam.
„Die Konklave nimmt den Bericht zur Kenntnis“, sagte sie. „Mit der Bestätigung des Abschlusses der Untersuchung und dem Tod der wesentlichen Verursacher erkläre ich die Akutlage auf den Inseln der Winde für beendet.“
Ein murmelndes Zustimmen, ein paar Stirnfalten, nicht mehr.
Hokn`f meldete sich sofort zu Wort.
Natürlich tat er das.
„Bevor darüber entschieden wird“, sagte er, „halte ich es für unerlässlich, noch einmal über Meister Anadar zu sprechen und seine Rolle in den Geschehnissen. Der Bericht mag vorsichtig formuliert sein, doch bleiben Fragen offen. Das Auftreten dieses Mannes in mehreren Vorgängen der jüngsten Zeit auffällig, und ich halte es für grob fahrlässig, dies nun einfach unter den Tisch zu kehren.“
Mutter sah ihn an. „Bleib ruhig.“ Das war sie in Anadars Kopf.
Kein Zorn. Kein sichtbarer Widerstand. Nur reine, kalte Ordnung.
„Das tut die Konklave nicht“, sagte sie. „Sie nimmt den Bericht zur Kenntnis. Der Bericht enthält keine Grundlage für eine neue Untersuchung. Und ich werde unter meinem Vorsitz keine Zusatzdebatte auf Verdacht eröffnen, alldieweil Verdacht nicht das gleiche ist wie Verfahren.“
„Ich beantrage eine Abstimmung“, sagte Hokn`f.
„Nein“, sagte Mutter.
Es kam so ruhig, dass es fast wie ein Missverständnis klang.
„Der Vorsitz lässt darüber keine Abstimmung zu.“
Ein paar Köpfe hoben sich.
Hokn`f war bleich geworden, nicht vor Angst, sondern vor gekränkter Autorität.
„Auf welcher Grundlage.“
Mutter legte die Hand leicht auf den Stab.
„Auf der Grundlage, dass diese Konklave nicht dafür da ist, jedem Misstrauen einen eigenen Altar zu bauen. Ihr habt euren Bericht. Ihr habt eure Untersuchung gehabt. Sie ist abgeschlossen. Wenn ihr in Zukunft neue Beweise vorzulegen habt, tut dies formgerecht und nicht im Gewand einer nachträglichen Kränkung.“
Ein leises, beinahe gefährliches Schweigen breitete sich aus. Dann ließ sie den Blick einmal durch den Raum gehen.
„Wir fahren fort.“
Und damit war es vorbei.
Nicht entschieden im Sinne eines Triumphes. Nicht dramatisch. Viel schlimmer für Hokn`f. Er scheiterte kläglich, weil ihm nicht einmal der Raum gelassen wurde, aus seiner Niederlage einen Kampf zu machen.
„Die Frage der Flüchtlinge aus dem Norden“, fuhr sie fort, „ist nach gegenwärtigem Kenntnisstand keine formell angemeldete Akutlage dieser Konklave. Es liegen weder gesicherte Berichte aus allen betroffenen Regionen noch abgestimmte Forderungen nach einer außerordentlichen gemeinsamen Maßnahme vor. Wir werden sie beobachten. Wir werden sie zur Kenntnis nehmen. Aber wir werden sie heute nicht in Panik verwandeln.“
Sie ließ diese Worte sinken und setzte dann fast beiläufig nach:
„Unter diesen Umständen beantrage ich, den Turnus der Konklave wieder auf sechs Monate zu setzen.“
Das war der eigentliche Stoß.
Manador sah kurz zu Isidre. Isidre nickte beinahe unsichtbar. Klaast und Fontal schien bereits vorher zu wissen, dass dies kommen würde. Klaast richtete sich auf, als habe er plötzlich begriffen, dass seine Zustimmung in diesem Moment mehr zählte, als ihm lieb sein konnte.
„Einwände?“ fragte Mutter „Nein?“ sie vermied es Hokn`f anzuschauen, sie musste ihn nicht zusätzlich provozieren „Gut, beschlossen.“
Die übrige Konklave verlief ereignislos.
Namen wurden verlesen. Zuständigkeiten bestätigt. Kleine Grenzfragen notiert. Lieferungen für die Inseln der Winde geregelt. Der Verlust Trandas formal eingetragen. Der neue Turnus mehrheitlich angenommen. Sechs Monate. Nicht alle waren begeistert, aber genug stimmten zu, und Mutter hatte im Vorfeld mehr Fäden gezogen, als viele ahnten.
Als sie das Portal wieder verließen, war es spät.
Die Luft in Tandor war kühler geworden, und doch schien der ganze Abend weniger Last getragen zu haben, als am Nachmittag über ihm gehangen hatte. Gruppen bildeten sich. Menschen atmeten aus. Manche redeten sofort. Andere schwiegen, weil sie wussten, dass das Gesagte erst morgen in ihnen ankommen würde.
Anadar wollte sich gerade abwenden, als Fontal ihn ansprach.
Nicht laut. Nicht öffentlich.
„Meister Anadar.“
Er blieb stehen.
Sie wartete, bis die anderen weit genug waren, dass ihre Worte nicht mehr zufällig mitgehört werden konnten. Dann trat sie einen halben Schritt näher, als koste es sie sichtbar Mühe, diese Nähe überhaupt zuzulassen.
„Unter vier Augen.“
Er musterte sie kurz, dann nickte er. Sie gingen ein Stück abseits, in einen Seitenkorridor, wo Lampen in Nischen standen und der Stein den Klang ihrer Schritte zu schlucken schien.
Fontal begann nicht sofort.
Sie sammelte sich erst, und allein das war für sie ungewöhnlich genug, dass Anadar es bemerkte.
„Ich werde die gefundenen Schriftstücke“, sagte sie schließlich, „die Unterlagen aus dem Turm, umgehend an die Feste schicken, sobald ich wieder in Gontar bin.“
Anadar sah sie an.
„Das ist wichtig.“
„Ja“, sagte sie. „Und vernünftig.“
Dann hob sie den Blick und hielt ihn diesmal.
„Aber ich will dafür etwas.“
„Was.“
Sie zögerte kurz. Nicht, weil sie unsicher gewesen wäre, sondern weil sie offenbar die richtige Form suchte.
„Ein stillschweigendes Abkommen“, sagte sie. „Keine Schwüre. Keine Schrift. Keine Zeugen. Nur dies. Wenn ich eure Unterstützung brauche, dann will ich wissen, dass ihr mich nicht von vornherein abweist. Dass ihr prüft, ehe ihr entscheidet. Und dass ihr im Zweifel nicht gegen mich arbeitet, solange ich nicht gegen euch arbeite.“
Anadar schwieg einen Augenblick.
Es war kein kleiner Wunsch. Und er war nicht dumm genug, ihn für harmlos zu halten. Fontal war klug, ehrgeizig und nun zudem eine Frau, die gelernt hatte, dass ihre Welt größer war, als sie geglaubt hatte. Solche Menschen wurden gefährlich oder nützlich. Manchmal beides.
„Ihr verlangt Vertrauen“, sagte er.
„Nein“, erwiderte sie. „Nur die Möglichkeit, es mir zu verdienen.“
Das gefiel ihm mehr.
Er nickte langsam.
„Gut“, sagte er. „Abgemacht.“
Er reichte ihr nicht die Hand. Sie verlangte es auch nicht. Zwischen ihnen wäre das weniger ein Zeichen von Nähe als eine unnötige Geste gewesen.
Fontal atmete aus. Nur ganz leicht, doch es genügte, um zu zeigen, dass dieser Schritt sie mehr gekostet hatte, als sie mochte.
„Dann gehen die Schriften nach der Rückkehr sofort an die Feste.“
„Ich danke euch“, sagte Anadar.
Sie sah ihn noch einen Herzschlag lang an, als wollte sie etwas Weiteres sagen, vielleicht über Bilder, vielleicht über Angst, vielleicht über die Grenze zwischen Macht und Einverständnis. Dann tat sie es nicht.
Sie nickte nur.
Und ging.
Anadar blieb noch einen Augenblick stehen und sah Fontal nach, wie sie den Korridor entlangging, aufrecht, gesammelt, und doch mit jener kaum sichtbaren Spannung in den Schultern, die verriet, dass dieses Gespräch sie mehr Kraft gekostet hatte, als sie je offen zeigen würde. Erst als sie um die Ecke verschwunden war, wollte er sich abwenden.
Da erklang Mutters Stimme in seinem Kopf.
Nicht laut. Nicht scharf. Eher mit jener warmen, fast amüsierten Klarheit, die ihn stets am meisten misstrauisch machte.
Du lernst, mein Lieber.
Anadar schloss für einen Herzschlag die Augen.
Natürlich belauschst du mich, dachte er zurück, ohne sich die Mühe zu machen, Entrüstung in den Gedanken zu legen.
Ich belausche nicht, kam es umgehend zurück. Ich achte nur auf das, was wichtig ist. Das solltest du inzwischen voneinander unterscheiden können.
Er schnaubte leise.
Also gut. Was wollt ihr diesmal von mir hören.
Nun glaubte er beinahe, ihr Lächeln zu spüren, obwohl sie nirgends in seiner Nähe stand.
Dass du langsam verstehst, wie man Allianzen schmiedet, sagte sie. Nicht mit großen Schwüren, nicht mit erhobenen Klingen und nicht mit diesem männlichen Drang, jede Einigung sofort wie einen Sieg aussehen zu lassen. Nein. So. Leise. Nutzbar. Offen genug, dass sie atmen kann. Eng genug, dass sie hält.
Anadar lehnte den Kopf kurz gegen den kühlen Stein der Wand.
Du klingst zufrieden.
Mäßig, antwortete sie. Aber ich will nicht übertreiben. Es war erst ein Anfang. Du hast nicht gedroht, nicht geprahlt, nicht versucht, sie zu beugen. Das rechne ich dir hoch an. Es muss für dich anstrengend gewesen sein.
Er musste unwillkürlich lächeln.
Sie hat etwas, das wir brauchen. Und sie ist klüger, als viele von ihnen.
Eben, sagte Mutter. Und kluge Menschen bindet man nicht durch Demütigung. Man bindet sie, indem man ihnen im richtigen Augenblick eine Tür offen lässt und sie glauben lässt, es sei ihre eigene Entscheidung gewesen, hindurchzugehen.
Er stieß sich von der Wand ab und machte sich langsam auf den Rückweg.
Du meinst also, ich mache Fortschritte.
Nein, kam es sofort, jetzt deutlich süßer. Ich meine, du bist gerade eben für einen winzigen Moment erträglich gewesen.
Er lachte leise in den leeren Gang hinein.
Dann will ich diesen Augenblick gut in Erinnerung behalten.
Tu das, sagte Mutter. Denn schon morgen könntest du wieder alles verderben.
Danach schwieg sie.
Und Anadar ging allein weiter durch die stillen Korridore Tandors, mit einem kaum merklichen Lächeln im Gesicht und dem eigentümlichen Gefühl, dass er eben nicht nur eine kleine Übereinkunft mit Fontal geschlossen hatte, sondern zugleich von Mutter, wie so oft, auf jene fast beleidigend genaue Weise bestätigt und verspottet worden war, die nur sie beherrschte. Insgeheim fragte er sich ob dies auch so gekommen wäre hätte er Fontal nicht für einen Moment die Wucht des Erlebten gezeigt.
6
Anadar war unruhig.
Es gefiel ihm nicht, dass Mutter lenkte, schaltete und entschied, und mehr noch missfiel ihm das Gefühl, in manchen Augenblicken wieder da zu stehen, wo er sich längst nicht mehr hatte sehen wollen: wie ein Junge im Spiel der Großen, mitten auf dem Brett und doch nicht Herr über die Regeln. Er saß mit Shara in seiner Kammer, die Unterarme auf die Knie gestützt, und war nicht in der besten Laune. Sein Ärger zeigte sich nicht in Zorn, nicht in offenen Worten, nicht einmal in wirklicher Bewegung. Er lag vielmehr in diesen kleinen, kaum hörbaren Seufzern, die ihm von Zeit zu Zeit entwichen, in der Art, wie sein Blick über Schriftrollen hinwegstrich, als seien sie ihm im Augenblick eine Zumutung, und in dem ruhelosen Spiel seiner Finger auf dem Holz des Stuhls.
Shara beobachtete ihn, wie immer.
Sie saß in einem Sessel am Fenster, eine Pergamentrolle auf dem Schoß, und wäre nicht sie selbst gewesen, wenn sie nicht längst gewusst hätte, was ihn umtrieb. Es war nicht bloß Ärger. Es war Kontrollverlust. Mutter hatte das Heft in der Hand, knüpfte Fäden, traf Entscheidungen, stellte Weichen, und Anadar spürte, dass er in einem Spiel stand, dessen tiefere Ordnung sie seit Jahrhunderten kannte, während er sie gerade erst zu ahnen begann. Zu viel war in zu kurzer Zeit über ihn gekommen. Zu viel hatte sich geöffnet. Und Mutter bewegte sich darin mit einer Selbstverständlichkeit, die ihm missfiel, gerade weil sie so selten irrte.
„Geh und sprich mit ihr“, sagte Shara schließlich, mehr um den Druck im Raum zu brechen als in der Erwartung, er werde es wirklich tun.
Anadar hob den Blick zu ihr, atmete einmal tief durch und schnaubte leise. Er antwortete nicht.
Shara ließ ihm diese Stille. Sie verstand ihn. Vielleicht besser, als er sich im Augenblick selbst verstand.
Denn auch in ihr lebte Unmut. Leiser als bei ihm, tiefer, besser verborgen, aber vorhanden. Ja, sie liebte ihn. Längst war daraus etwas geworden, das sich nicht mehr vorsichtig umschreiben ließ. Und doch hätte ihre Disziplin, ihre Form, ihre jahrelang eingeübte Selbstbeherrschung ihr niemals erlaubt, in jener Nacht der Mittwinterwende diesen Schritt zu gehen, hätte Mutter nicht nachgeholfen. Nun war sie schwanger. Von dem Mann, den sie liebte, gewiss. Aber das bedeutete nicht, dass sie vergaß, wie viel an dieser Wendung nicht nur aus ihr selbst gekommen war. Sie konnte diesen Ärger nur besser tragen als Anadar. Oder vielleicht versteckte sie ihn geschickter. Und sie vertraute Mutter mehr. Nicht blind, nie blind, aber doch genug, um anzunehmen, dass hinter all dem ein Plan lag, auch wenn sie ihn noch nicht in seiner ganzen Form sah.
Anadar dagegen war offener in seinem Widerstand. Sein Ärger kam schneller an die Oberfläche. Seine Frustration wollte Handlung.
Es klopfte.
„Herein“, sagte Shara sofort.
Eigentlich hatte sie mit Mutter gerechnet. Sie hatte dieses Talent, in genau dem Augenblick aufzutauchen, in dem man entweder von ihr sprach oder kurz davorstand, endgültig die Geduld mit ihr zu verlieren. Doch diesmal war sie es nicht.
Pildara und Slonda traten ein.
Shara hob leicht den Kopf und betrachtete die beiden einen Moment länger. Die Brüder, dachte sie. So ähnlich in manchen Linien und doch so verschieden in Haltung, Blick und innerem Takt, dass man beinahe vergaß, wie nah sie einander eigentlich waren. Slonda trug diese eigentümliche Sammlung in sich, als sei selbst seine Müdigkeit geordnet. Anadar dagegen wirkte oft wie jemand, der seine Gegenwart nur mit einem gewissen Maß an innerer Spannung überhaupt zusammenhielt.
Pildara trat zuerst zu Shara. Obwohl die ältere Frau meist kühl, beinahe streng wirkte, war sie ihr gegenüber immer erstaunlich offen. Nicht weich, nicht überschwänglich, aber offen auf jene seltene Art, die bei zurückhaltenden Menschen mehr bedeutet als große Geste. Sie berührte kurz Sharas Hände, fragte mit einem Blick nach ihrem Befinden, und Shara antwortete mit dem kleinen Lächeln, das sie sich nur für Menschen vorbehielt, die sie wirklich mochte.
Während die beiden Frauen ein paar ruhige Worte wechselten, begannen auch die Brüder zu sprechen.
Es war kein langer Austausch. Eher ein kurzes, tastendes Sich-Vergewissern, als wüssten beide, dass ihre Wege sich bald wieder trennen würden und dass nicht jede Trennung durch viele Worte leichter wird.
„Du weißt, dass ich neidisch bin“, sagte Anadar seinem Bruder.
Slonda hob die Brauen.
„Wirklich. Ich selbst habe eher das Gefühl, ich laufe gerade mit erstaunlicher Ruhe in mein Verderben.“
Er seufzte, dann glitt sein Blick für einen Augenblick hinüber zu Shara, und ein kurzes, echtes Lächeln trat in sein Gesicht.
„Freiheit, lieber Bruder, wird in sehr vielen Einheiten gemessen.“
Dann wurde er wieder ernster. Nicht kalt, aber formeller, als richte er sich innerlich auf etwas aus, das gesagt werden musste. Auch Pildara wandte sich nun ganz dem Gespräch zu, und Shara hörte ebenfalls aufmerksam hin.
„Wir sind hier, um dich um Informationen zu bitten“, sagte Slonda. „Du hattest diesen Gast. Vielleicht hat er dir Dinge hinterlassen, die wir verwenden können.“
Anadar verzog leicht den Mund und dachte nach.
„Was davon Lüge war und was Wahrheit, steht auf einem anderen Blatt“, sagte er schließlich. „Über Sahretûn fiel wenig. Eigentlich fast nichts. Ich denke, er wollte nicht, dass ich darüber zu viel erfahre. Er hat mich in einigen Ritualen und Beschwörungen unterwiesen, ja, aber nie in einer Weise, die ihm gefährlich werden konnte. Er war sehr darauf bedacht, Grenzen zu setzen. Alles drehte sich um Begrenzung, um Fesselung, um Kontrolle. Und Blut.“
Er schwieg kurz.
„Immer wieder Blut.“
Slonda nickte langsam, und Pildara verschränkte die Arme.
„Das überrascht mich nicht“, sagte sie. „Die meisten Beschwörer, die vorsichtig genug waren, alt zu werden, bauten ihre Kunst um Bindung auf. Nicht um Größe. Größe ist das, was einen tötet. Begrenzung ist das, was einen leben lässt.“
Anadar stand auf.
„Dann sollten wir vielleicht aufhören, nur über dieses Buch zu reden“, sagte er, „und endlich versuchen, es zu öffnen.“
Das Buch lag in einer anderen Kammer. Der Dolch daneben.
Sie gingen gemeinsam hinüber. Dort lag es noch immer auf dem Tisch, dunkel, verschlossen, reglos und doch so gegenwärtig, dass der Raum um es herum nie ganz leer wirkte. Der Dolch ruhte neben ihm wie ein stummes Echo derselben Hand, die beides einst geschaffen oder zumindest zusammengeführt hatte.
Anadar blieb davor stehen.
„Jemand eine Idee“, fragte er.
Niemand antwortete sofort.
Dann veränderte sich etwas in seinem Gesicht. Kein großes Erstaunen, eher das plötzliche, klare Begreifen eines Mannes, der sich ärgert, dass ihm das Offensichtliche nicht schon früher aufgefallen ist.
„Natürlich“, sagte er.
Er griff nach dem Dolch.
Shara hob den Kopf.
„Anadar.“
Doch er lächelte bereits mit jener knappen, gefährlichen Entschlossenheit, die stets bedeutete, dass er einen Gedanken gefasst hatte und nicht vorhatte, sich noch lange von Vernunft aufhalten zu lassen.
„Blut“, sagte er.
„Sei vorsichtig“, sagte Shara.
Da hatte er sich die Handfläche bereits aufgeritzt.
Nicht tief, aber sauber. Ein schneller Schnitt. Das Blut quoll dunkel hervor, erst langsam, dann in schwereren Tropfen. Einer fiel auf den Einband, dann ein zweiter, dann ein dritter. Für einen Herzschlag geschah nichts. Dann zog sich das dunkle Siegel über dem Buch zusammen, als erwache etwas darin aus starrem Schlaf. Die eingeprägten Linien auf dem Leder begannen sich zu bewegen, nicht sichtbar wie Schlangen oder Fäden, sondern mehr wie Schrift, die sich an ihre eigentliche Form erinnert. Ein leises Knacken ging durch den Einband. Nicht laut, eher wie das Öffnen eines sehr alten Schlosses im Inneren des Materials selbst. Dann sprang das Siegel auf.
Das Buch öffnete sich nicht von allein.
Aber es war offen.
Shara seufzte leise, eine Mischung aus Sorge, Vorwurf und der sehr genauen Kenntnis, dass Anadar ohnehin genau das getan hatte, was er hatte tun wollen.
Er dagegen beugte sich bereits über das Werk, schlug es auf und begann zu lesen.
Slonda trat sofort neben ihn, legte den Kopf leicht schräg und sah auf die Seiten.
„Macht das Sinn für dich“, fragte er nach einem Moment.
Anadar grunzte leise, zeigte auf eine Stelle und ein schmales, fast ungläubiges Lächeln legte sich über sein Gesicht.
„Mehr als das. Kannst du das lesen.“
Slonda starrte auf die Zeilen.
Für ihn waren es zunächst kaum mehr als verschwommene Formen, Linien, Schnörkel, als stünde dort etwas zwischen Schrift und Erinnerung, aber nichts, was sich willig zu Bedeutung ordnete.
„Nein“, sagte er. „Oder nicht wirklich.“
Shara trat näher und sah ebenfalls auf die Seiten. Auch Pildara beugte sich darüber. Beide sahen etwas, gewiss, aber nichts, das sich festhalten ließ. Zeichen, verschlungene Bögen, zuweilen Bilder, die beim zweiten Hinsehen wieder in bloße Ornamentik zerfielen.
„Ich denke, das ist noch einmal eine Absicherung“, sagte Anadar.
Er schlug das Buch zu, nahm ein Tuch, säuberte die Klinge des Dolches sorgfältig und deutete dann auf den Einband.
„Seht ihr. Keine Blutspuren mehr.“
Tatsächlich war das Leder wieder makellos. Kein Rot, kein Rand, kein Fleck. Als hätte das Buch alles aufgenommen, was es gebraucht hatte, und den Rest ausgelöscht.
Anadar hielt den Dolch seinem Bruder hin.
„Versuch es.“
Slonda nahm ihn zögerlicher in die Hand, als Anadar es getan hatte. Nicht aus Furcht vor dem Schnitt, sondern aus Respekt vor dem, was hier ganz offensichtlich nach Regeln arbeitete, die nicht bloß mechanisch waren. Er zog die Klinge über seine Handfläche, ließ einige Tropfen auf den Einband fallen und trat zurück.
Wieder spannte sich etwas über dem Leder.
Wieder dieses leise, innere Knacken.
Dann sprang das Buch auf.
Slonda griff sofort danach und blätterte durch die Seiten. Seine Stirn legte sich in Falten, und nun sah man deutlich, dass er etwas erkannte, aber noch nicht genug.
„Ich kann es jetzt besser lesen“, sagte er langsam. „Oder vielmehr, ich kann die Zeichen fassen. Sie entziehen sich meinem Blick nicht mehr. Aber ich verstehe die Bedeutung nicht. Nicht vollständig, manche Zeichen kenne ich, andere sind mir fremd. Es ist, als hätte mir jemand die Sprache freigegeben, aber nicht den ganzen Hintergrund dazu.“
Anadar nickte.
„Also ist es nicht nur an Blut gebunden“, sagte er. „Sondern eine ganz andere Sprache mit eigener Grammatik, so wie die anderen Schulen sich auch unterscheiden. Nur ist dies ein bisschen weiter entfernt. Jedoch nicht unmöglich, wenn es Fantor geschafft hat, ist es auch für dich möglich, vor allem mit meiner Hilfe.“
Pildara trat an die andere Seite des Tisches.
„Mehrere Sigel und Schutzmechanismen, das ist klug“, sagte sie. „Gerade bei einem solchen Buch. Es schützt nicht nur den Inhalt vor Fremden. Es schützt ihn auch vor zu schnellem Begreifen.“
Shara blickte von einem Bruder zum anderen.
„Dann stellt sich die Frage, ob du das jemals alles verstehen kannst. Zumindest in der kurzen zeit die dir zur Verfügung steht.“
„Muss ich vielleicht nicht.“ antwortet Slonda.
Damit begann ein sehr theoretisches Gespräch, das rasch in Höhen und Tiefen geriet.
Anadar meinte, man könne versuchen, Begriffsnetze zu übertragen, nicht die Sprache selbst, sondern die Struktur dahinter, vielleicht über eine geleitete Lesung. Shara warf ein, dass entweder der Sinn oder die Sprache transportiert werden würde.
Slonda stimmte ihr zu und sagte, das würde voraussetzen, dass der eine bereits den vollständigen Sinn begriffen habe, und genau das sei offenbar nicht der Fall. Eher müsse man daran denken, die Bedingungen des Verstehens selbst zu duplizieren. Nicht den Inhalt.
Pildara warf ein, dass Bücher dieser Art womöglich nicht bloß gelesen, sondern beantwortet werden wollen. Vielleicht reagiere der Text auf den Leser, vielleicht sei das Verständnis nicht fest im Buch, sondern entstehe erst im Austausch zwischen Werk und Blut, Werk und Geist, Werk und Erfahrung. Das war für alle anderen zu abstrakt.
Pildara nickte.
„Darum braucht ihr eine Ordnung“, sagte sie. „Kein neugieriges Blättern. Kein Sprung zum ersten interessanten Dämon. Ihr arbeitet euch von außen nach innen.“
Anadar lächelte.
„Das klingt ganz so, als wüsstest du, wie man mit solchen Büchern umgeht.“
„Ich weiß“, sagte Pildara trocken, „wie man mit gefährlichen Dingen umgeht. Das ist nicht dasselbe.“
Gerade als Slonda wieder etwas sagen wollte, öffnete sich die Tür.
Mutter stand im Eingang.
Sie lehnte dort nicht zufällig. Sie war einfach da, in jenem vollkommenen Gleichgewicht aus Eleganz Schönheit, Wissen und milder Selbstverständlichkeit, das andere Menschen unweigerlich glauben ließ, sie sei schon längst Teil jeder Szene gewesen, bevor sie sichtbar wurde.
„Mir war so“, sagte sie mit einem feinen, wissenden Lächeln, „als hätte jemand nach mir gerufen.“
Keiner antwortete sofort.
Denn in Wahrheit war genau das der Fall. Nicht in Worten. Aber in jeder der Fragen, auf die keiner von ihnen allein eine Antwort hatte.
7
Gnok wurde nicht mehr gebraucht.
Zumindest nicht so, wie er in den letzten Wochen gebraucht worden war, als hätte sich plötzlich alles, was alt, verborgen, vergessen oder absichtlich verschwiegen worden war, in ihm gesammelt und danach verlangt, ausgesprochen zu werden. Nun war der erste große Knoten gelöst. Die Konklave war vorüber. Mutter hatte den Abend nach ihrem Willen gebogen. Die Jungen standen nicht mehr ganz so blind vor dem, was kam. Und damit war der Punkt erreicht, an dem Gnok begann, den Rückweg in Gedanken nicht nur zu erwägen, sondern bereits innerlich zu gehen.
Es wurde Zeit, nach Ashambrat zurückzukehren.
Er sprach zuerst mit Gudi.
Nicht weil sie die Vernünftigere von beiden gewesen wäre. Eher im Gegenteil. Aber er wusste, dass er Morgut nicht würde fortziehen müssen. Morgut war alt genug, um zu bleiben, wenn er bleiben wollte, und klug genug, um selbst zu entscheiden, wann seine Zeit in Tandor endete. Gudi hingegen war noch in jenem Alter, in dem jede Trennung sich wie Verrat anfühlt und jede Ankündigung eines Abschieds zunächst einmal nur Empörung hervorruft.
Genau so kam es auch.
Als Gnok ihr nahelegte, dass sie nun bald wieder aufbrechen müssten, prasselte ein Sturm aus Entrüstung auf ihn ein, so heftig, so schnell und so lückenlos, dass er kaum die Hände ruhig genug zusammenhalten konnte, um nicht aus schierer Gewohnheit den Himmel um Geduld anzurufen. Gudi warf ihm alles entgegen, was sich in den letzten Tagen an Freude, Freiheit und neuer Nähe in ihr angesammelt hatte. Dass er herzlos sei. Dass er immer den schlechtesten Moment wähle. Dass er nie verstehe, wie wichtig etwas ist, wenn es einmal schön ist. Dass sie ihren Bruder gerade erst wiedergefunden habe. Dass sie überhaupt nicht einsehe, warum man fortmüsse, wenn doch gerade erst alles begonnen habe. Dass Ashambrat warten könne. Dass die Welt warten könne. Dass er warten solle.
Gnok ließ sie reden.
Er kannte das Mädchen gut genug, um zu wissen, dass in manchen Gemütern Widerspruch nur wächst, wenn man ihn sofort zu ordnen versucht. Also wartete er. Er nickte an den richtigen Stellen, widersprach an den falschen nicht und zog sich zurück, ehe aus Groll echtes Elend werden konnte.
Er wartete einige Tage, bis sich der Sturm in Gudis Gefühlen gelegt hatte, oder wenigstens von offener Brandung in ein unruhiges, aber befahrbares Wasser verwandelt hatte.
Dann sprach er es erneut an.
Die Reaktion war diesmal weniger heftig.
Nicht sanft. Nicht einsichtig. Aber weniger heftig.
Gudi verstand nun, dass es nicht bei einem bloßen Vorschlag bleiben würde. Und weil selbst sie nicht töricht war, sondern nur jung, begriff sie langsam, dass manche Dinge unvermeidlich bleiben, ganz gleich, wie kunstvoll man sich gegen sie aufbäumt. Zwei Tage nach der Konklave war es dann so weit. Sie hatte sich in das Unausweichliche gebeugt und damit begonnen, sich schon seit Tagen mit einer beinahe rührend theatralischen Hingabe von ihrem Bruder zu verabschieden.
Gnok beobachtete das mit stiller Müdigkeit und einem Anflug von innerem Lachen.
An Morguts Blick konnte er sehen, dass der junge Magier die Zeit mit seiner Schwester sehr genossen hatte. Zugleich konnte Gnok ebenso gut erkennen, dass es langsam auch wieder gut war. Gudi hatte sich mit solcher Energie in seine Nähe geworfen, dass selbst die größte Zuneigung irgendwann nach einem Atemzug Raum verlangte. Und da waren ja auch noch Miene und Sindra, deren Gegenwart um Morgut herum in den letzten Tagen eine ganz eigene Komik entwickelt hatte.
Nur noch zwei Probleme statt dreier, dachte Gnok, als er die beiden jungen Frauen beobachtete. Und er lachte innerlich, während sein Gesicht wie immer nur den Ausdruck eines alten Mannes zeigte, der über die Schwächen der Jugend längst alles weiß und dennoch froh ist, sie nicht noch einmal durchleben zu müssen.
Von Mutter und Pildara verabschiedete er sich anders.
Länger. Ernster. Fast stiller.
Sie kannten sich seit sehr langer Zeit, und obwohl Zeit für Magier wie sie nicht dieselbe Gestalt hatte wie für andere Menschen, bedeutete das nicht, dass Wiedersehen und Trennung dadurch leichter wurden. Nur weiter. Tiefer. Schwerer zu bemessen. Sie standen eine Weile beieinander, sprachen leise, und manches von dem, was gesagt wurde, war wohl weniger wichtig als das, was dabei unausgesprochen blieb.
Mutter lächelte schließlich und versprach ihm, dass sie sich um Danndi kümmern würde. Sie sagte es mit jener leichten, beinahe spielerischen Selbstverständlichkeit, die bei ihr am bedrohlichsten war, alldieweil sie eben nicht damit prahlte. Sie wisse sehr wohl, wie man Menschen Dinge vergessen lasse, meinte sie, und das beruhigte Gnok mehr, als er es offen zugab. Danndi war nicht dumm. Und sie war Hokn`f zu nahe, als dass es klug gewesen wäre, sie mit zu vielen scharfen Erinnerungen an Gnoks Anwesenheit in Tandor zurück nach Ashambrat ziehen zu lassen.
Die Jüngeren wollte er nicht groß verabschieden.
Er würde sie alle wiedersehen, sagte er sich. Also vermied er die Geste. Keine Runde, kein letzter Händedruck, keine Worte, die im falschen Augenblick schwerer werden, als sie sein sollten. Er würde einfach gehen. Das sollte kein Problem darstellen.
Er saß in seiner Kammer, rechnete den Sprung, suchte die Winkel, die Strömungen, die innere Linie des Übergangs, und als er sicher genug war, holte er Gudi.
Drama.
Natürlich Drama.
Kaum hatte sie verstanden, dass dies nun tatsächlich der Moment war, stiegen in ihr wieder all jene Wellen hoch, die sie mühsam gebändigt hatte. Sie klagte, sie weinte, sie warf Gnok vor, erbarmungslos zu sein, dann warf sie sich an ihn, dann wieder von ihm weg, und schließlich stand sie mitten im Raum und sah aus wie jemand, der mit dem ganzen Herzen hofft, dass die Welt vielleicht doch im letzten Augenblick einen anderen Entschluss fasst.
Gnok ließ auch das über sich hinweggehen.
Er wartete wieder.
Und als das Drama sich endlich gelegt hatte, oder wenigstens jene Müdigkeit eingekehrt war, die jedem großen Abschied irgendwann folgt, begann er mit den Vorbereitungen. Er breitete den Zauber aus, zog Linien, band Knoten, setzte Zeichen. Das Licht im Raum wurde stiller. Die Luft schien sich zu straffen.
„Moment“, sagte Gudi plötzlich.
Gnok hob nicht einmal den Kopf.
„Ich hatte etwas vergessen.“
Bevor er etwas erwidern konnte, war sie schon wieder aus dem Raum.
Sie suchte ihren Bruder ein letztes Mal auf. Fand ihn in einem Gang, halb im Gespräch, halb schon in Gedanken bei anderen Dingen, und fiel ihm einfach um den Hals. Sie drückte ihn, so fest sie konnte, Tränen liefen ihr über die Wangen, und ehe Morgut noch den ersten Satz einer halb vernünftigen Antwort gefunden hatte, hatte sie ihm bereits die kleine Phiole mit den Mondtropfen in die Hand gedrückt.
„Du wirst sie brauchen“, schluchzte sie.
Er wollte etwas sagen, vielleicht etwas Tröstliches, vielleicht etwas Leichtes, doch Gudi ließ ihm keine Zeit dafür. Sie drückte ihn noch einmal, mit einer Verzweiflung, die in ihrem kleinen Körper viel größer wirkte, als sie es sein sollte, und rannte dann davon, ehe ihr Mut sie wieder verließ.
Als sie zurückkam, ließ Gnok sich nicht beirren.
Er stand schon inmitten der gesetzten Linien, die Hände erhoben, die Stimme tief und ruhig. Die Luft vor ihm spannte sich zu einem schimmernden Übergang, kein Tor im gewöhnlichen Sinn, eher eine geöffnete Fläche in der Wirklichkeit, an deren Rändern etwas ganz leicht flackerte, als sei der Raum selbst darüber verstimmt, nun zur Seite treten zu müssen.
„Hierdurch“, sagte Gnok und deutete auf die richtige Seite. „Diesmal wird es nur ein Übergang.“
Gudi trat hindurch.
Danach er.
Die Falle schnappte zu.
Nicht laut.
Nicht mit einem Knall oder einer sichtbaren Explosion. Gerade das machte sie so vollkommen. Kaum hatten sie den Übergang durchquert und die Steine von Gnoks Turm in Ashambrat wieder unter den Füßen gespürt, brach etwas über sie herein, das kein gewöhnlicher Bann war. Zuerst traf es Gudi. Ihr Körper verkrampfte sich schlagartig, als hätte man ihr das Innere mit glühenden Nadeln gefüllt. Sie brachte nicht einmal einen Schrei hervor, nur ein ersticktes Einatmen, bevor sie zuckend zu Boden ging. Einen Herzschlag später traf es auch Gnok.
Er fiel nicht sofort.
Er versuchte noch, sich gegen den Bann zu stemmen, erkannte zugleich, was geschehen war, und genau dieses Erkennen brachte in seine Augen für den Bruchteil einer Sekunde etwas, das man bei ihm fast nie sah.
Blankes Entsetzen.
Dann sackte auch er zusammen. Beide lagen zuckend auf dem Boden von Gnoks Turm, von ihrem eigenen Heim empfangen wie von einem geöffneten Maul.
Hokn`f blickte auf die beiden Körper zu seinen Füßen.
Er stand vollkommen ruhig da, die Hände auf dem Rücken, das Gesicht im Halblicht des Turmes fast milde, und gerade das machte ihn so abstoßend. Er musste hier seit einiger Zeit gewartet haben. Oder doch nicht allein. Der Turm war nicht leer.
Neben ihm stand Marabar.
Er wirkte wie immer, als sei selbst das Dunkel um ihn nur ein Mantel, den er zu tragen beliebt. Nicht gehetzt, nicht euphorisch, nicht einmal sichtbar erfreut. Nur wach. Berechnend. Bereit. Hinter ihm standen die beiden wiederbelebten Zwillinge, bleich, schweigsam, unheimlich in jener Weise, die noch lange anhält, nachdem man begriffen hat, dass ein Toter nicht mehr tot genug ist.
Hokn`f sah zuerst auf Gnok, dann auf Gudi.
„Nimm den Alten mit“, sagte er. „Ich will ihn hier nie wieder sehen. Mach mit ihm, was du willst, seltsamer Freund Marabar.“
Marabar verbeugte sich leicht.
Keine Unterwerfung. Keine Ehrung. Nur jene Form, in der man eine nützliche Übereinkunft bestätigt, solange beide Seiten noch glauben, die andere später betrügen zu können.
„Ich danke euch für eure Gastfreundschaft, Hokn`f“, sagte er. „Und für eure Unterstützung.“
Dann hob er eine kleine Ledertasche an, die er bei sich trug, öffnete sie und zog ein dünnes Buch hervor, kaum größer als eine Hand, dunkel eingebunden, ohne Titel auf dem sichtbaren Einband.
„Ich hoffe, ihr nehmt noch eine kleine Wertschätzung von mir an.“
Hokn`f nahm das Buch.
Sein Blick glitt darüber, rasch, prüfend, und ein fast zufriedener Zug trat um seinen Mund. Nicht Gier. Eher Bestätigung.
Währenddessen traten die beiden schweigsamen Zwillinge vor, bückten sich gleichzeitig nach Gnok und hoben ihn auf, als wäre er nicht ein Mann aus Fleisch und Knochen, sondern nur ein Bündel Kleidung mit zu viel Gewicht. Sein Körper zuckte noch immer schwach. Seine Augen waren offen, doch er sah nichts, oder jedenfalls nichts von dieser Welt.
Marabar wandte sich bereits zur geheimen Tür.
Gnok hatte sie einst klug verborgen. Klug genug, dass kaum jemand sie finden konnte. Doch Klugheit half wenig, wenn der Falsche die richtigen Antworten bekam. Die Tür glitt lautlos auf, und kalte Nachtluft strich herein. Marabar ging voraus. Die Zwillinge folgten mit ihrem willenlosen Lastenpaket. Kein Wort wurde mehr gewechselt.
Nur Gudi blieb zurück.
Hokn`f sah auf sie hinab.
Sie lag hilflos auf dem Boden, noch immer vom Nachhall des Bannes durchzittert, die Lider halb geschlossen, der Atem flach und hastig. Kein stolzer Widerstand war mehr in ihr, keine große Rede, keine Wut. Nur der ausgelieferte Körper eines jungen Mädchens, das zu spät begriffen hatte, dass Abschiede manchmal nicht in Traurigkeit enden, sondern in Fallen.
Hokn`f lächelte.
Nicht breit.
Nicht freundlich.
Nur so, wie ein Mann lächelt, der endlich etwas in Händen glaubt, das ihm nützen wird.
8
Die Abschiede rückten näher.
Nach und nach verließen Gruppen Tandor. Erst Fontal und Danndi, beide in ihrer eigenen kühlen Art, beinahe so, als hätten sie nie wirklich hier verweilt, sondern nur einen notwendigen Bogen durch diese Stadt geschlagen. Danach Manador und Sinadie in Richtung Feurige Feste, gemeinsam mit Morgut, Miene und Sindra. Vor allem Morgut war kaum noch zu bremsen. Seine Ungeduld, in die neue Bibliothek vorzudringen, überschattete alles andere. Der Gedanke an die versiegelten Räume unter der Feste, an Rollen, deren Schrift noch niemand ganz durchdrungen hatte, an Wissen, das lange genug im Stein verborgen gelegen hatte, ließ ihn beinahe leuchten. Es war eine andere Art von Sehnsucht als jene, die die anderen trieb, aber nicht weniger mächtig.
Eigentlich hatte Anadar mit ihnen reiten wollen.
Es wäre vernünftig gewesen. Es wäre einfach gewesen. Und vielleicht hätte es ihm sogar gutgetan, wieder auf der Straße zu sein, mit dem Wind im Gesicht und dem Gefühl, dass ein Ziel vor ihm liegt, statt in einem Turmzimmer zu sitzen und auf Dinge zu warten, die man nicht beschleunigen kann. Doch die Arbeit an dem Beschwörerbuch hielt ihn zurück. Er und Slonda brauchten die letzten Tage, die ihnen noch blieben, und so ließ Anadar die anderen vorausreiten.
Insgeheim war ihm das nicht unlieb.
Denn ebenso sehr, wie er bei Morgut und den anderen hätte sein wollen, wollte er auch noch einmal in Ruhe mit Shara über ihre Pläne sprechen. Wirklich sprechen. Ohne andere. Ohne Blick von außen. Ohne Mutter.
Mutter selbst war in diesen Tagen beinahe unerträglich zufrieden mit sich.
Alles schien sich nach ihrem Sinn gefügt zu haben, oder wenigstens nahe genug daran, dass sie mit der Welt im Einvernehmen stand. Sie trug diese Zufriedenheit nicht offen vor sich her, nicht plump, nicht als Triumph. Aber sie war da. In der Ruhe ihrer Schritte. In dem Ton, mit dem sie Menschen unterbrach. In der Art, wie sie manchmal lächelte, als höre sie Musik, die andere gar nicht wahrnahmen. Anadar sah es und wusste nicht recht, ob es ihn beruhigen oder reizen sollte.
Er, Slonda und Mutter arbeiteten weiter an dem Beschwörerbuch.
Slonda musste wenigstens Grundbegriffe, erste Muster und ein Gespür für Grammatik und Struktur gewinnen, ehe er aufbrechen konnte. Mutter fungierte dabei als Medium, als Brücke, als ordnende Präsenz zwischen dem, was Anadar bereits intuitiv erfassen konnte, und dem, was Slonda noch nicht klar genug sah. Anadar lernte in dieser Zeit selbst viel. Mehr, als er erwartet hatte. Doch nichts, was ihnen im Augenblick bereits geholfen hätte. Kein plötzlicher Schlüssel. Keine rettende Formel. Keine eindeutige Lösung.
Sie wirkten einfache Beschwörungen aus dem Buch und verwendeten ihr eigenes Blut dazu.
Es waren kleine Dinge, so klein, dass sie fast lächerlich wirkten gemessen an dem, was in diesem Werk sonst noch zu schlummern schien. Ein gebundenes Licht, das nicht flackerte. Ein gerufener Schatten, der eine Form nur andeutete und sofort wieder verging. Eine schmale Präsenz, die an einer Türschwelle hielt, ohne sie zu überschreiten. Anadar wurde darin erstaunlich rasch geübt. Slonda stellte sich ebenfalls geschickt an, wenn auch nicht mit derselben instinktiven Sicherheit. Mutter wiederum begriff in diesen stillen Tagen immer besser, wie Beschwörungen gebaut waren, wie sie dachten, wie sie ihre Grenzen setzten. Und all das geschah unter den wachsamen Augen von Pildara und Shara, die nie ganz eingriffen und doch nie ganz nur zusahen.
Es war eine konzentrierte Zeit.
Eine Zeit aus Blut, Zeichen, leiser Sprache und jenem stillen Hunger nach Verständnis, der Menschen und Magier oft weiterträgt als jede Hoffnung. Und die Tage, die Slonda noch zur Verfügung standen, wurden immer weniger, bis schließlich der Morgen kam, an dem selbst die Arbeit nichts mehr aufhalten konnte und das Wort Abschied nicht länger verschoben werden durfte.
Slonda hatte noch eine Rolle für Anadar dabei.
Eine, die ihm helfen sollte, bei seinen Studien Zeit zu sparen, eine jener Blasen, in denen Zeit sich anders verhielt, verlangsamt, gedehnt, verschoben, wenn man nur präzise genug arbeitete und den Preis kannte. Anadar wiederum hatte für seinen Bruder etwas Praktischeres vorbereitet, ein kleines Buch mit Sprüchen und Schutzzeichen gegen unterschiedliche Angriffe, nicht schön, nicht überladen, aber dicht und sorgfältig geschrieben, als habe er in jede Zeile mehr Sorge gelegt, als er je offen zugegeben hätte.
Der Abschied zwischen Shara und Slonda wurde emotionaler, als beide erwartet hatten.
Vielleicht weil sie sich in den letzten Wochen auf eine stille, eigentümliche Weise miteinander verbunden hatten. Vielleicht weil Slonda in ihr nicht nur die Gefährtin seines Bruders sah, sondern jemanden, der Anadar verstand und ihn zugleich in einem Maß zu halten vermochte, wie es kaum jemand sonst tat. Vielleicht auch nur, weil ein Abschied dann am schwersten wird, wenn man sich an einen Menschen gewöhnt hat, ohne es recht zu merken.
Als sie schließlich vor die Stadt gingen, blieb Shara zunächst zurück.
Sie sagte, sie wolle diesen Abschied nicht mitmachen, und das entsprach auch der Wahrheit. Sie mochte den Bruder des Mannes, den sie liebte, sehr, und ihn in eine ungewisse Zukunft ziehen zu sehen, gefiel ihr nicht. Es war leichter, den Aufbruch zu denken als ihn mit eigenen Augen zu sehen.
So gingen Anadar, Slonda, Pildara, Mutter und natürlich Isidre gemeinsam hinaus.
Vor der Stadt war es stiller als innerhalb der Mauern. Die Luft war klar, der Frühling stand schon spürbar in der Welt, und doch hatte der Platz, an dem man sich zum letzten Mal versammelte, etwas Karges. Als müsse ein Abschied, der Gewicht tragen will, immer ein wenig nackt stehen.
Pildara redete entgegen ihrer Art viel auf Slonda ein.
Sie gab ihm Ratschläge, Hinweise, Namen, Orte, kleine Warnungen, halbe Vermutungen, alte Erfahrungen aus jener anderen Zeit, in die er gehen wollte. Sie nannte ihm Anlaufpunkte, Möglichkeiten, Gesten, die er vermeiden sollte, und Fragen, die er lieber nicht zu früh stellte. Fast wirkte sie dabei wie jemand, der versuchte, mit Worten eine Brücke zu bauen, auf der er sicherer würde gehen können.
Und dann, entgegen ihrer Art noch mehr, umarmte sie ihn fest.
Nicht kurz, nicht flüchtig. Fest. Manche hätten geschworen, dass ihr eine Träne über die Wange lief. Andere hätten das abgestritten, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass Pildara je so offen etwas zeigte. Vielleicht stimmte beides. Vielleicht war es nur Licht. Vielleicht auch nicht.
„Ihr tut alle so, als ob wir uns nicht wiedersehen“, beschwerte sich Slonda.
Er sah in die Runde, halb gereizt, halb verzweifelt über die Schwere, die alle auszustrahlen begannen, ohne sie benennen zu wollen.
„Könnt ihr bitte damit aufhören.“
Niemand hielt seinem Blick lange stand. Niemand sagte etwas.
„Nun gut“, sagte er schließlich. „Ihr lasst euch viel zu sehr von Gnoks Geschichten beeindrucken.“
Mutter trat zu ihm, stellte sich nah vor ihn und küsste ihn auf die Stirn. Isidre umarmte ihn. Sein Bruder ebenfalls. Nichts daran war pathetisch, aber auch nichts leicht.
Dann drehte Slonda sich um und begann den Zauber zu wirken.
Als er fertig war, blickte er jeden von ihnen noch einmal lange an. Dann trat er durch den Kreis.
Und war fort.
Die anderen blieben noch einige Minuten an derselben Stelle stehen. Niemand sagte etwas. Jeder hatte ein ungutes Gefühl, jene Art von Gefühl, die sich nicht in Worte fassen lässt, weil sie nicht aus Gedanken kommt, sondern aus einem tieferen Wissen, das der Verstand immer erst später einholt.
Es war Pildara, die die Stille brach.
„Er kann auf sich aufpassen“, sagte sie mit fester Stimme.
Niemand antwortete.
„Er wird auf sich aufpassen“, wiederholte sie beinahe denselben Satz, als müsse sie ihn härter in die Welt drücken, damit er sich darin festsetzt.
Dann sagte sie leiser:
„Ich weiß es.“
Sie machten sich auf den Rückweg.
Anadar fiel mit Mutter ein wenig zurück.
Sie gingen schweigend einige Schritte, bis die anderen weit genug voraus waren, dass ihre Stimmen nicht mehr ohne Weiteres gehört werden konnten. Dann sah er sie von der Seite an.
„Und nun“, fragte er, „sind alle deine Bauern auf dem Spielfeld.“
„Hör auf damit“, fauchte sie ihn an.
Es kam schnell, fast scharf, und gerade deshalb wirkte der Satz ehrlicher, als jedes ruhige Dementi es vermocht hätte.
„Es ist nicht so, dass ich das gerne mache“, schloss sie, nun schon etwas leiser.
Dann griff sie nach seiner Hand und drückte sie.
„Dir gefällt es nicht, dass da Dinge sind, die du nicht kontrollieren kannst. Das weiß ich“, sagte sie. „Aber so ist das nun einmal. Konzentriere dich auf das, was du in der Hand hast.“
„Was nun als Nächstes.“
„Mhm“, machte sie und blieb stehen.
Sie wartete, bis die anderen außer Sichtweite waren, drehte sich dann zu ihm um, blickte ihn an, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf den Mund.
Es war keine Geste, mit der er gerechnet hatte, auch nicht nach allem, was zwischen ihnen in den letzten Tagen wieder in Bewegung geraten war. Gerade deshalb löste sie seine innere Spannung in einem einzigen, unerwarteten Moment.
„Sei nicht so abwehrend“, sagte sie.
Dann lachte sie leise, fast glockenhell.
„Als Nächstes. Wir reiten nach Zoordak. Da möchtest du dabei sein. Wir haben Gäste, die du kennenlernen solltest. Er ist meiner Einladung gefolgt.“
Sie lachte erneut, weil sie seine Verwirrung spürte, ehe er selbst sie ganz begriff.
Dann schmiegte sie sich im Weitergehen an ihn und legte den Kopf an seine Schulter.
Etwas in Anadar entspannte sich, sobald er sie so an sich spürte. Dieser Moment der Nähe, des Gehens, des stillen Zusammenseins, rief ihm eine Zeit zurück, die lange hinter ihm lag und dennoch nicht verloren war. Während seiner Jahre als Schüler in Zoordak hatten sie solche Augenblicke öfter geteilt. Nicht in dieser Form, nicht so offen, aber mit derselben Grundwärme, derselben wortlosen Vertrautheit, die nun plötzlich wieder da war. Und mit ihr kehrte auch etwas von dem Vertrauen zurück, das ihm in den letzten Wochen abhandengekommen war.
Er seufzte, strich durch ihr Haar und küsste sie auf den Kopf.
„Verzeih mir, Mutter, dass ich zweifle.“
Sie antwortete sofort.
„Anadar, du machst alles richtig. Daran zweifle nie. Du und Shara, ihr beide seid die wichtigsten Personen in diesem Spiel.“
Dann küsste sie ihn noch einmal auf den Mund, und für einige kostbare Schritte versanken sie in ihrer Zweisamkeit, als gäbe es jenseits des Weges, der warmen Luft und ihrer Nähe nichts, das ihnen im nächsten Augenblick wieder Befehle, Pflichten oder Trennungen auferlegen könnte.
Shara blieb derweil im Turm zurück.
Sie hatte gesagt, sie wolle den Abschied von Slonda nicht mit ansehen, und das war nicht gelogen. Doch es war auch nicht der einzige Grund. Es gab noch einen zweiten, stilleren, den sie niemandem genannt hatte.
Sie wollte Zeit allein.
Zeit mit sich.
Und Zeit mit dem Buch.
Jedes Mal, wenn es geöffnet worden war, war etwas mit ihr geschehen. Nicht sichtbar für die anderen, aber für sie selbst so klar, dass es sich kaum ignorieren ließ. Jedes Mal hatte sie etwas gespürt, einen Ruf, eine Verbindung, etwas, das an ihr zog und sie zugleich zu sich selbst zurückwarf. Es war, als berühre das Buch nicht nur Gedanken oder Wissen, sondern etwas sehr Tiefes in ihr, das noch keinen Namen hatte.
Nun wollte sie dem nachgehen.
Sie stand am Fenster, sah die anderen aus der Stadt hinausgehen und wartete, bis sie weit genug fort waren. Dann nahm sie den Dolch in die Hand. Sie ging zum Buch, atmete einmal ruhig durch, öffnete mit der Klinge ihre Hand und ließ Blut auf den Einband tropfen.
Das Buch öffnete sich.
Was dann geschah, ging schnell.
So schnell, dass Shara hinterher nicht hätte sagen können, an welchem Punkt sie die Kontrolle verloren hatte. Die Buchstaben und Seiten, die Bilder, die Formen, das alles sprang sie an, nicht wie ein Angriff im gewöhnlichen Sinn, sondern wie ein plötzlicher Strom, der ihr Denken durchflutete und nicht fragte, ob sie bereit war. Es rauschte durch ihren Kopf. Sie hörte keine wirkliche Stimme, und doch war da etwas, das ordnete, benannte, verband. Als spreche ein fremdes Wissen in ihr weiter, aber in einer Weise, die nicht fremd genug war, um ganz abgestoßen zu werden. Es glitt tief in sie hinein und verankerte sich dort, wo Worte in Erinnerung übergehen und Erinnerung in Gewissheit.
Als Anadar und Mutter später eintraten, saß Shara wieder in ihrem Sessel.
Eine Rolle lag auf ihrem Schoß.
Sie sah die beiden an und wusste sofort, dass sie miteinander gesprochen hatten und dass dies gut war. Zwischen ihnen hatte sich Misstrauen gebildet, nicht offen, nicht zerstörerisch, aber spürbar. Nun hatte sich etwas davon gelöst, und das war richtig.
Anadar kam zu ihr herüber, blieb vor ihr stehen und blickte sie kurz an.
Noch ehe er etwas sagen konnte, lächelte Shara.
„Ich habe euch beide vermisst“, sagte sie.
9
Zuerst kam sich Xiodrie überflüssig vor.
Zwar behandelte man sie freundlich, fast vorsichtig freundlich, so als hätte jeder in dieser Burg verstanden, dass man eine Frau wie sie besser nicht mit Fragen oder Forderungen bedrängt, doch genau darin lag ein Teil ihres Unbehagens. Niemand wollte sie verletzen. Niemand wollte sie fortjagen. Niemand sah in ihr eine Feindin, und keiner machte auch nur den leisesten Versuch, sie auf einen Scheiterhaufen zu bringen, wie es ihre Angst über Jahre hinweg immer wieder vorausgeahnt hatte. Aber ebenso wenig wurde sie gebraucht. Sie passte nirgends wirklich hinein. Sie saß an Tischen, an denen andere längst wussten, was besprochen wurde, noch ehe ein Wort gefallen war. Sie stand in Gängen, in denen ihr zwar jeder höflich zunickte, ohne dass aber irgendwer sie wirklich meinte. Sie war nicht ausgeschlossen, und vielleicht war gerade das das Merkwürdige daran, denn sie gehörte dennoch nirgends dazu.
Nigk und Xian waren schon bald anderweitig beschäftigt. Berichte mussten geschrieben, Nachrichten gesichtet, Boten angewiesen, Antworten geprüft werden, und dann gab es noch jene langen Gespräche hinter halb geschlossenen Türen, dieses ernste, gedämpfte Reden der Magier und ihrer Verbündeten, das immer bedeutete, dass Entscheidungen getroffen wurden, von denen andere später leben oder sterben mussten. Mit all dem wollte Xiodrie nichts zu tun haben. Oder sie redete sich ein, nichts damit zu tun haben zu wollen, alldieweil sie ohnehin spürte, dass niemand sie in diesen Dingen wirklich brauchen würde.
So saß sie oft allein.
Nicht unglücklich im unmittelbaren Sinne. Nur leer. Sie trank Tee, langsam, mit beiden Händen um die Tasse, als könne Wärme mehr zusammenhalten als nur kalte Finger. Sie ging spazieren, erst zögerlich, dann mit größerer Selbstverständlichkeit, durch Höfe, Gänge, über kleine Wege zwischen Mauern, an Gärten vorbei, an in Stein gesetzten Nischen mit Büchern und Lampen und jenen eigentümlichen Zeichen einer Welt, die ihr immer noch halb fremd blieb. Niemand hinderte sie. Niemand begleitete sie. Und allmählich begann sie zu verstehen, dass auch Nichtbeachtung eine Form von Einsamkeit sein konnte. Vielleicht sogar eine der schlimmeren. Denn offene Ablehnung gab dem Herzen wenigstens etwas, woran es sich abarbeiten konnte. Dieses lautlose Danebenstehen hingegen machte einen durchsichtig.
Mehr als einmal spielte sie mit dem Gedanken, einfach wieder zurückzukehren.
Zurück in ihre Hütte. Zurück in den Wald. Zurück in jenes Leben, das klein und schmal gewesen war, aber immerhin ihr eigenes. Dort würde sie eines Tages allein sterben, ja. Das war ihr nie verborgen gewesen. Doch besser allein sterben in einem Leben, das einen wenigstens kannte, als inmitten von Menschen zu sitzen, die freundlich blieben und einen doch nirgends hineinnahmen. So dachte sie jedenfalls an manchen Nachmittagen, wenn das Licht über Tandor still wurde und die Stimmen um sie herum nichts mit ihr zu tun hatten.
Trotzdem blieb sie.
Vielleicht aus Trägheit. Vielleicht aus Vorsicht. Vielleicht, weil man sich nur selten an einem einzigen Tag wieder von allem losschält, was gerade erst begonnen hat. Ihre Tage füllten sich mit kleinen Gewohnheiten. Tee. Spazieren. Warten. Beobachten. Dem Versuch, nicht allzu deutlich zu zeigen, dass sie selbst nicht wusste, worauf sie eigentlich wartete.
Dann, eines Tages, saß sie im Innenhof der Bibliothek.
Dort stand dieser Baum, der ihr vom ersten Augenblick an wunderbar erschienen war. Nicht bloß schön. Wunderbar. Seine Wurzeln hoben an manchen Stellen den Stein, als wolle er der ganzen Schule still beweisen, dass Leben sich nicht gern glätten lässt. Seine Äste trugen eine Weite in sich, die mehr von Zeit wusste als von Jahreszeiten, und wenn der Wind darin fuhr, schien es Xiodrie manchmal, als erzähle er mit tausend kleinen Stimmen Dinge, die kein Mensch mehr ordentlich in Worte setzen konnte. Sie saß oft dort, wenn sie niemanden sehen wollte und trotzdem nicht ganz allein sein mochte.
An diesem Tag hatte sie gerade die Hände um ihre Tasse gelegt und den Blick irgendwo zwischen Stamm und Schatten verloren, als sich vor ihr Licht veränderte.
Ein Schatten fiel auf sie.
Nicht dunkel. Eher so, als würde Helligkeit selbst sich vor etwas Größerem sammeln.
Als Xiodrie aufblickte, sah sie jene Frau, die sie in den letzten Tagen immer nur aus der Ferne beobachtet hatte. Die wunderschöne Frau mit den langen goldenen Haaren, dem feinen Leuchten auf der Haut und diesem eigentümlichen Ausdruck von Ruhe, als gehöre die Welt ihr nicht im Sinne von Besitz, sondern im Sinne von Vertrautheit. Mutter, so nannten alle sie, und schon dieses Wort war Xiodrie unheimlich genug gewesen. Denn wer von Erwachsenen Mutter genannt wird, dem hört man entweder gar nicht oder viel zu genau zu.
Xiodrie erhob sich hastig, fast zu hastig, strich ihre neuen Kleider glatt, die ihr noch immer nicht ganz gehörten, und begann eine Begrüßung zu stammeln, die ihr selbst schon im ersten Augenblick zu klein vorkam. Doch Mutter ließ sie gar nicht weit kommen.
Sie sah sie nur an und lächelte.
Freundlich. Nicht mitleidig. Nicht spöttisch. Nur freundlich, und genau das machte Xiodrie noch verlegener.
„Xiodrie“, sagte sie, „ihr kommt euch fehl am Platz vor. Das ist nicht eure Welt. Habe ich recht.“
Xiodrie nickte sofort.
„Ja“, sagte sie, und nun, da die Worte einmal heraus waren, fielen die übrigen fast von selbst nach. „Es ist nicht so, dass ich ausgegrenzt werde. Es ist mehr, dass ich nirgends dazugehöre. Ich weiß nicht recht, wie ich sein soll. Ich weiß nicht, wo ich sitzen oder stehen oder schweigen soll. Und ich glaube, ich störe nicht einmal genug, um bemerkt zu werden.“
Mutter lächelte noch immer.
„Keine Sorge, meine Liebe“, sagte sie. „Das vergeht.“
Sie deutete ihr, sich wieder zu setzen, und tat dasselbe. So saßen sie einander unter dem alten Baum gegenüber, während das Licht durch die Blätter fiel und auf Mutters Haaren und Händen in feinen goldenen Fäden liegenblieb.
„Tatsächlich ist es so, Xiodrie“, sagte sie nach einem kurzen Moment, „dass ich eure Hilfe brauche.“
Xiodrie starrte sie an.
Von all den Dingen, mit denen sie gerechnet hatte, war dies keines gewesen. Nicht einmal entfernt. Sie hatte erwartet, getröstet oder höflich beschwichtigt zu werden, vielleicht mit einem Satz darüber, dass solche Übergänge Zeit brauchen. Nicht aber, dass man sie brauchte.
Mutter ließ der Überraschung Raum.
„Könnt ihr für mich eine Botschaft überbringen“, fragte sie dann, „in den Norden. Ich wüsste im Augenblick nicht, wen ich sonst darum bitten sollte.“
„Nur überbringen“, stotterte Xiodrie, noch immer halb benommen von der Tatsache, dass die Bitte überhaupt an sie ging.
„Ja“, sagte Mutter. „Nur überbringen.“
Dann wurde ihr Lächeln weicher. Nicht größer, nur weicher.
„Danach steht es euch frei, zu tun, was euch beliebt. Ihr könnt gehen, wenn ihr gehen wollt. Ihr könnt zurück in eure Hütte. Ihr könnt den Wald wiedersehen und nie mehr einen Fuß in eine Schule setzen. Das liegt dann bei euch. Aber ehe ihr dies entscheidet, solltet ihr noch etwas wissen.“
Xiodrie war so aufmerksam geworden, dass sie beinahe das Atmen vergaß.
„Ich habe einen Platz für euch an meiner Schule“, sagte Mutter. „Wenn ihr ihn wollt. Ich würde euch gern aufnehmen. Ihr tragt das Mal. Und wenn ihr bei uns aufgenommen seid, dann seid ihr keine Geächtete mehr. Kein Wesen aus dem Rand. Keine Frau, die sich ständig fragen muss, ob man sie beim nächsten Lagerfeuer doch noch als Gefahr erkennt. Ihr wärt eine Schülerin. Offiziell. Sichtbar. Geschützt. Aber nur, wenn ihr das wünscht. Nicht, weil ich euch zwingen will.“
Nun war Xiodrie außer sich.
Gedanken prasselten auf sie ein, so viele und so schnell, dass sie für einen Augenblick nicht mehr wusste, welcher zuerst durch ihren Kopf gegangen war. Sie. An einer Schule. Sie, unter Magiern. Sie, nicht mehr als Hexe behandelt, die man duldet, solange man sie braucht, sondern als jemand, der dazugehört. Es war zu groß. Zu fremd. Zu nah an einem Wunsch, den sie sich nie erlaubt hatte, alldieweil Wünsche dieser Art in ihrem Leben gefährlich waren. Wer zu hoch dachte, fiel tiefer. Wer sich Sicherheit ausmalte, musste oft nur länger leiden, ehe man sie ihm wieder nahm.
Und doch stand der Gedanke nun da.
Klar. Verlockend. Furchtbar.
„Was genau“, fragte sie schließlich, „muss ich für eine Nachricht überbringen.“
Und so kam es, dass sie eines Tages, beinahe unbemerkt von den meisten, wieder ihre alte Gestalt des Raben annahm und in den Norden aufbrach. Schwarz gegen den helleren Himmel, leicht genug, um von unten nur wie ein gewöhnlicher Vogel zu wirken, schnell genug, um Fragen hinter sich zu lassen, die ihr sonst womöglich hätten folgen können. Sie flog über Wälder und Steine, über kühle Luft und größere Stille, und trug nicht nur eine Botschaft mit sich, sondern auch etwas, das sie lange nicht gekannt hatte.
Möglichkeit.
Die Einladung, die sie überbrachte, wurde dort nur allzu gern angenommen.
10
Miene und Sindra fühlten sich manchmal nur wie ein Anhängsel.
Nicht nur von Morgut, sondern von allem, was um ihn und die anderen herum geschah. Sie waren mitgereist, hatten Dinge gesehen, über die andere Magierschülerinnen in der Feurigen Feste vermutlich noch in Jahren staunend sprechen würden, sie hatten Gefahren erlebt, Zauber gewirkt, Entscheidungen von Nähe betrachtet, die man in ihrem Alter gewöhnlich nur aus Erzählungen kannte, und doch blieb in ihnen bisweilen das Gefühl zurück, dass sie in all dem eher mitgelaufen waren, statt es selbst mitzuprägen. Gerade das begann beide zu reizen.
Zudem war da noch Morgut.
Beide hatten nun schon beinahe zu lange um seine Gunst gebuhlt, wenn auch selten offen und fast nie auf dieselbe Weise. Es war ein stiller Wettstreit gewesen, dann ein weniger stiller, dann wieder einer, der sich in Späßen, Blicken, kleinen Gemeinheiten und auffällig harmlosen Bemerkungen versteckte. Vielleicht spannte sich der Bogen langsam zu weit. Vielleicht war er sogar schon darüber hinaus. Morgut jedenfalls konnte oder wollte sich nicht entscheiden, und weder Miene noch Sindra hatten die Geduld, das in voller Größe zu begreifen. Denn aus seiner Sicht war die Sache schwieriger, als sie es gelten lassen wollten. Sobald er eine von ihnen erwählt hätte, hätte er die andere vor den Kopf gestoßen. Also tat er das, was ihm am wenigsten grausam erschien. Er tat nichts. Oder jedenfalls nicht genug, um eine Richtung festzulegen.
Für die beiden jungen Magierinnen war das auf Dauer schwer zu ertragen.
So ritten sie nun mit Manador und Sinadie in Richtung Feurige Feste, und der Weg selbst ließ ihnen zunächst wenig Zeit, sich im Kreis ihrer Gedanken zu verlieren. Manador schlug ein hartes Tempo an, nicht aus Grausamkeit, sondern weil er, wenn er einmal wieder in Bewegung geraten war, kaum langsamer werden konnte, als sein Kopf es vorgab. Sinadie und Morgut hielten mühelos mit. Und Miene und Sindra ebenfalls. Über die lange Reise der vergangenen Wochen hinweg hatten beide mehr gelernt, als sie es sich selbst zu Beginn zugetraut hätten. Nicht nur an Magie, sondern an Ausdauer, an Reitkunst, an dem stillen Ertragen von Kälte, Müdigkeit und langen Tagen im Sattel. Die meiste Arbeit machten ohnehin die Pferde, und ihre Körper hatten sich längst an die Anstrengung gewöhnt. Die ersten Blessuren, das rohe Brennen und Ziehen, die schmerzhaften Stunden nach einem langen Ritt, all das lag hinter ihnen. Sie saßen nun, als hätten sie nie etwas anderes getan.
So kamen sie überraschend rasch wieder an der Feurigen Feste an.
Und natürlich wurden die beiden sofort von den anderen acht Mädchen empfangen, mit einer Freude und Neugier, wie man sie selbst dort selten so rein und ungefiltert sah. Kaum hatten Miene und Sindra die ersten Schritte durch Hof und Gänge gemacht, wurden sie umringt, festgehalten, umarmt, an den Händen gepackt, gleichzeitig nach allem gefragt und an allem gemessen, als müsste man sich vergewissern, dass sie noch dieselben waren und doch genug erlebt hatten, um die Rückkehr interessant zu machen.
Sie mussten alles erzählen.
Und jede Geschichte mindestens fünfmal.
Mal begannen sie am Anfang, mal in der Mitte, mal dort, wo eine andere unbedingt mehr Einzelheiten hören wollte. Natürlich ließen sie manches aus. Darauf hatten die beiden sich schon vorher verständigt. Über den Wasserwirbel zum Beispiel sprachen sie nicht. Das war etwas, das sich nur ihnen, Morgut und Gudi zugehörig anfühlte, und beide waren sich einig, dass zu viel Aufmerksamkeit darauf nur Fragen nach sich ziehen würde, die sie im Moment nicht beantworten wollten. Aber auch ohne diese Lücke erregten ihre Geschichten genug Staunen. Die Inseln der Winde. Das Seeungeheuer. Die verletzte Sinadie. Die Reise. Die Konklave. Fremde Magier. Alte Geheimnisse. Die Namen allein reichten aus, um den Mädchen an den Lippen der Erzählerinnen zu halten.
Gleichzeitig hatte die Feurige Feste selbst natürlich ebenfalls Geschichten hervorgebracht.
Wer hatte wem den Freund ausgespannt. Zwischen welchen der Mädchen war es zu Eifersüchteleien gekommen. Wer hatte sich mit wem überworfen, wer plötzlich wieder versöhnt. Wer heimlich nachts durch die Gänge geschlichen war und wer dabei gesehen worden war, obwohl sie bis heute das Gegenteil behauptete. Wer sich mit einem der jungen Feuerschüler zu weit hinausgewagt hatte und nun so tat, als sei nie etwas gewesen. Es dauerte keine drei Tage, und Miene und Sindra hatten sich schon wieder eingelebt, waren auf dem Laufenden und in jene feinen, dichten sozialen Verflechtungen zurückgesunken, die innerhalb einer Gruppe junger Frauen schneller wieder Gestalt annehmen, als jeder Außenstehende glauben würde.
Und doch vermissten beide insgeheim das Unterwegssein.
Dort draußen war vieles einfacher gewesen. Härter vielleicht, gefährlicher gewiss, aber einfacher. Man dachte an Wetter, Nahrung, Zauber, Richtung, Schlaf. Nicht daran, wer wen wie lange angesehen hatte und mit welchem Unterton ein Satz gemeint gewesen sein mochte. Die Welt auf Reisen war unmittelbarer. Das Leben in der Feste dagegen war wieder voller kleiner Regeln, unausgesprochener Rangordnungen und sozialer Erwartungen, die beide nun fast ein wenig enger empfanden als zuvor.
Darum glaubten sie, nach ihrer Rückkehr nun endlich wieder ihre Studien aufnehmen zu können, vielleicht sogar mit einem kleinen Vorsprung im Ansehen der anderen.
Doch am vierten Tag wurden sie von Manador in sein Turmzimmer gerufen.
Schon der Weg dorthin hatte etwas Merkwürdiges. Die Feurige Feste stand wieder fast in ihrem alten Glanz da. Nur wer genau hinsah, fand noch Spuren des Kampfes. Eine zu neu gesetzte Steinplatte. Ein heller Streifen in einer Mauer. Holz, das vor kurzem ersetzt worden war. Sonst wirkte alles beinahe wieder so, als habe die Schule selbst beschlossen, sich nicht in ihrer Verwundung festschreiben zu lassen. Miene und Sindra bemerkten das, als sie durch die Gänge gingen und vor seiner Tür warteten. Sie tauschten einen kurzen Blick. Morgut hatte sich in den letzten Tagen rar gemacht. Das war ihnen, zu ihrer eigenen Überraschung, nicht einmal unrecht gewesen. Beide waren es müde geworden, ihm hinterherzusehen und dabei doch auf der Stelle zu treten.
Als sie hereingerufen wurden, saß außer Manador auch Sinadie im Raum.
Das überraschte sie.
Noch mehr überraschte sie, wie selbstverständlich diese Anwesenheit wirkte. Die beiden älteren Magier hatten in der kurzen Zeit ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt, das nicht auf Leichtigkeit beruhte, sondern auf gemeinsamem Erleben, gegenseitigem Respekt und wohl auch auf dem stillen Wissen, dass beide zuletzt genug verloren hatten, um einander besser zu verstehen, als sie es je in Worte hätten fassen müssen.
„Setzt euch doch, Mädchen“, sagte Manador.
Seine Stimme war beinahe sanft, und gerade das machte beide sofort misstrauisch. Manador war nicht unfreundlich, aber gewöhnlich nicht der Mann, der Umwege aus Höflichkeit liebte. Wenn er so begann, lag etwas in der Luft. Sie setzten sich. Er wartete sogar, bis beide wirklich saßen.
„Wollt ihr etwas trinken“, fragte er.
Nun waren sie sicher, dass etwas nicht stimmte.
Sie schüttelten beide den Kopf. Manador schwieg noch einen Augenblick, und in dieser kurzen Pause begannen Miene und Sindra bereits zu überlegen, ob sie etwas falsch gemacht hatten. Das Band zwischen ihnen war in den letzten Wochen so stark geworden, dass sie oft dieselben Gedanken fast zugleich dachten. Man konnte es an einem Blick sehen, an der Art, wie die eine die Hände faltete, noch ehe die andere den Atem anhielt.
Schließlich sah Manador sie direkt an.
„Wir haben etwas gefunden“, sagte er.
Er ließ diesen Satz stehen.
„Eine versteckte Bibliothek in einem der Mauerwerke.“
Mutter hatte den beiden davon erzählt. Oder eher gestreift. Nichts Genaueres. Nicht mit Ernst. Nicht mit jener Schwere, die erkennen ließ, dass darin wirklich etwas lag. Eher als eine ihrer typischen Nebensächlichkeiten, jene Art beiläufig hingeworfener Bemerkung, die man erst später als gewaltigen Einschnitt erkannte. So war es schließlich auch gewesen, als sie ihnen mit beinahe derselben Leichtigkeit eröffnet hatte, dass sie bald an die Schule des Feuers gehen würden. Eine Randbemerkung, und plötzlich standen sie in der Feurigen Feste und die ganze Wucht der Realität schlug zu. Mutter war sehr geschickt darin, Informationen selektiv zu gewichten.
Manador blickte zu Sinadie.
Sie nahm den Faden nach kurzer Zeit auf, und ihre Stimme war ruhiger, klarer und in ihrem Kern schwerer, als Miene und Sindra es von ihr in alltäglichen Gesprächen gewohnt waren.
„Es sind die Überreste einer Schule“, sagte sie, „die früher ebenfalls hier war. Der Schule des Lichtes.“
Nun blickte sie beide direkt an.
Und beide begriffen noch nicht ganz die Dimension dessen, was da gerade gesagt worden war. Nicht wirklich. Die Worte waren groß genug. Schule des Lichtes. Überreste. Früher hier. Aber die Bedeutung hing noch einen Moment lang vor ihnen wie etwas, das sich nicht sofort in die richtige Form setzen wollte.
Sinadie sah das.
„Ich habe mir in den vergangenen Tagen einige dieser Manuskripte angesehen“, sagte sie weiter. „Nicht viele. Nicht tief genug. Nur so weit, wie ich mir selbst zugetraut habe, nicht vorschnell Unsinn in etwas hineinzulesen, das älter und fremder ist als wir. Und ich würde euch beide gern dazu einladen, es mir gleichzutun. Wenn ihr möchtet.“
Nun wurde es still.
Nicht aus Ehrfurcht allein. Eher aus dem sehr plötzlichen Gefühl, dass sich vor ihnen eine Tür geöffnet hatte, von der sie noch vor wenigen Tagen nicht einmal gewusst hatten, dass es sie geben könnte.
Miene war die Erste, die wieder Worte fand.
„Warum wir“, fragte sie.
Es war keine Ablehnung. Nur echtes Erstaunen.
Miene und Sindra sahen einander an.
Da war Aufregung. Staunen. Ein plötzliches, helles Ziehen in der Brust, wie es nur entsteht, wenn Angst und Hoffnung gleichzeitig einen Platz suchen. Sie hatten sich in den letzten Tagen wieder kleiner gefühlt, wieder eingespannt in all die alten Muster, wieder wie Mädchen unter vielen. Und nun saßen sie hier und hörten, dass man sie vielleicht an einen Ort lassen würde, der älter war als die Schule, die sie umgab.
„Wir möchten“, sagte Sindra leise.
Miene nickte sofort.
„Ja“, sagte sie dann klarer. „Wir möchten.“
Sinadie lächelte, nicht breit, aber sichtbar.
„Gut“, sagte sie. „Dann beginnt ihr morgen.“
Manador lehnte sich im Stuhl zurück.
„Und eines noch“, sagte er. „Was ihr dort unten findet, verlasst nicht ungeprüft in die Gänge. Keine Geschichten. Keine halb verstandenen großen Worte vor den anderen Mädchen. Keine Phantasien über verbotene Künste, solange ihr nicht einmal sicher wisst, was auf den Seiten steht. Habt ihr mich verstanden.“
„Ja“, sagten beide zugleich.
Das entlockte ihm beinahe ein Lächeln.
Als sie wieder hinaustraten, war der Gang derselbe wie zuvor. Die Mauern waren dieselben, die Fenster, das Licht, die Stimmen aus den Höfen. Und doch fühlte sich für beide alles ein wenig verschoben an.
Nicht weil sie schon zur Schule des Lichtes gehörten.
Noch nicht.
Aber weil zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl, nur Anhängsel zu sein, einen Riss bekommen hatte. Und durch diesen Riss fiel etwas, das sie in den letzten Wochen auf Reisen viel deutlicher gespürt hatten als hier in der Feste.
Richtung.
11
Isidre sah, wie Pildara, Shara und Mutter in die Kutsche stiegen und Anadar es ablehnte, es ihnen gleichzutun, obwohl niemand ernsthaft überrascht darüber gewesen wäre, hätte ausgerechnet er sich einmal für den bequemeren Weg entschieden. Stattdessen legte er die Hand an den Hals seines Pferdes, zog sich mit einer geübten Bewegung in den Sattel und saß dort im nächsten Augenblick mit jener selbstverständlichen Ruhe, die manche Männer ausstrahlen, wenn sie sich auf einem Tier wohler fühlen als in geschlossenen Räumen.
Shara blickte ein wenig verlegen zu ihm hinüber und schlüpfte dann rascher, als es ihrer Art sonst entsprach, tiefer in die Kutsche hinein, als wolle sie sich vor seinem Blick und dem eigenen Wunsch zugleich verbergen. Isidre konnte das gut verstehen. Die jüngere Magierin war noch nicht weit in ihrer Schwangerschaft, gewiss, doch das änderte wenig daran, dass die Belastung bereits begonnen hatte, ihren Körper anders zu ordnen. Isidre hatte sie noch einmal untersucht. Das Kind war wohlauf. Wach. Lebendig. Und Shara selbst ebenso. Doch sie war keine jener Frauen, die sich von einem solchen Umstand nichts anmerken ließen, und selbst wenn sie versucht hätte, tapfer im Sattel zu sitzen, wäre dies für die Strecke nicht klug gewesen. Der Körper hatte sein eigenes Wissen und forderte seinen Tribut oft früher, als Stolz es eingestand.
Also sah Isidre zu, wie sich die letzte Gruppe aus Tandor verabschiedete, und spürte dabei selbst einen leisen Zug von Wehmut. Die letzten Wochen hatten die Bibliothek, die Höfe, die Korridore und sogar die stilleren Räume mit einer Dichte an Leben gefüllt, wie sie es lange nicht gegeben hatte. Stimmen, Konflikte, Neuigkeiten, Blicke, Aufbrüche, gefährliche Erkenntnisse, neue Bündnisse und noch gefährlichere Zärtlichkeiten, all das hatte die Stadt in Atem gehalten. Nun zog die Kutsche davon, Anadar ritt daneben, und mit jedem Hufschlag schien etwas mehr von jenem Trubel aus Tandor hinauszurinnen.
Als sie schließlich außer Sicht waren, stand Isidre noch einen Augenblick im Hof und ließ den nun plötzlich stilleren Raum auf sich wirken.
Dann seufzte sie und wandte sich wieder nach innen.
Ganz untätig war sie schließlich nicht. Im Gegenteil. Sie hatte einen oder mehrere Mörder zu finden, und während sie dies tat, musste sie zugleich darauf achten, nicht selbst die nächste Tote zu werden. Tranda war nicht an Alter gestorben, so viel stand nun fest, und die Tatsache, dass sein Tod in derselben Schule geschehen war, die sie nun mitregierte, verlieh jedem freundlichen Gespräch, jedem stillen Blick und jedem Teller beim Abendessen einen eigenen Schatten.
Daneben hatte das Ränkespiel um die Gunst von Klaast bereits begonnen.
Die Eiferer umlagerten den neuen Dekan mit jener bemühten Hilfsbereitschaft, die immer dann besonders eifrig wird, wenn in Wahrheit Einfluss begehrt wird. Sie suchten ihn in Gängen auf, hielten ihn nach Sitzungen fest, boten ihm Ordnungsentwürfe, Empfehlungen, Einschätzungen und Vorschläge an, von denen jeder zufällig genau dort ansetzte, wo ihre eigenen Interessen lagen. Klaast nahm all das mit der ernsten Höflichkeit eines Mannes entgegen, der sich seiner neuen Rolle noch nicht ganz sicher war und deshalb umso fester an den Formen festhielt.
Isidre beobachtete es mit stiller Belustigung.
Denn sie selbst verfügte über zwei Argumente, denen weder Klaast noch die Eiferer wirklich etwas entgegenzusetzen hatten. Und diese Argumente waren nicht nur überzeugend, sondern, wie sie mit einem ganz kurzen Anflug von Eitelkeit vor sich selbst einräumte, auch schön anzusehen. So machte sie es sich zur Gewohnheit, gelegentlich in etwas offener geschnittenen Gewändern durch die Bibliothek zu gehen. Nicht übertrieben. Nicht billig. Gerade so weit, dass ein Blick länger hängenblieb, wenn sie ihn brauchte, und gerade so dezent, dass niemand sie dessen offen hätte bezichtigen können. Es gefiel ihr, wie die Männer sich um Haltung bemühten, wenn sie glaubten, sie dürften sich nichts anmerken lassen, und es gefiel ihr beinahe noch mehr, wie oft genau in solchen Momenten ihre Bitten oder Anmerkungen plötzlich auf fruchtbaren Boden fielen.
Klaast war kein dummer Mann. Aber er war ein Mann. Und Männer blieben, selbst in den Hallen der größten Gelehrsamkeit, berechenbar, wenn man wusste, an welcher Stelle sie sich selbst besonders gern von ihrer Vernunft überzeugen.
Isidre lächelte bei diesem Gedanken vor sich hin und verschwand zwischen den hohen Regalen, während draußen längst nur noch Staub über den Weg der Abgereisten zog.
In der Kutsche vergingen die Tage nur mühsam.
Shara hatte zunächst geglaubt, es werde eine Erleichterung sein, nicht reiten zu müssen, und körperlich war es das auch. Der weiche Sitz, das rhythmische Schaukeln, die Möglichkeit, den Leib nicht ständig gegen die Bewegung des Pferdes auszubalancieren, all das war wohltuender, als es ihr Stolz sie anfangs hatte glauben lassen. Und doch waren Kutschen grausame Gefährte für Menschen, die etwas lieber sehen als ertragen. Denn sie zwingen zur Passivität, und Passivität macht jede Stunde länger.
So blickte Shara immer wieder sehnsüchtig zum Fenster hinaus.
Oft fiel ihr Blick auf Anadar, der draußen ritt, meist etwas vor der Kutsche, manchmal seitlich, manchmal weiter zurück, ganz wie seine Gedanken ihn führten. Er wirkte auf dem Pferd stiller, klarer, mehr bei sich. Die Straße nahm einen Teil seiner Unruhe in sich auf, und auch wenn seine Miene ernst blieb, erschien er Shara dort draußen freier, als er es je in einer Kutsche hätte sein können. Hin und wieder trafen sich ihre Blicke. Kurz nur. Aber in diesen kurzen Augenblicken lag genug, um einen halben Vormittag zu tragen.
Manchmal ritt er näher heran.
Dann legte er eine Hand an den Fensterrand, beugte sich im Sattel leicht zu ihr und sie sprachen ein paar Worte, kleine Dinge meist, nichts Großes, nichts von Dämonen, Schulen oder der Zukunft, eher über den Weg, den Himmel, ihr Befinden, die nächste Rast, das Pferd, das sich an diesem Tag besonders störrisch oder besonders aufmerksam zeigte. Gerade darin lag etwas Tröstliches. Es war die Art von Gespräch, die Menschen führen, wenn zwischen ihnen so viel Größeres steht, dass sie für einen Augenblick absichtlich etwas Kleineres wählen.
Mutter und Pildara waren keine unangenehmen Reisegefährtinnen.
Im Gegenteil. Beide wussten, wie man in enger Nähe Raum lässt, und beide hatten kein Bedürfnis, jedes Schweigen sofort mit Erklärung oder Bedeutung zu füllen. Doch sie sprachen auch nicht viel. Pildara saß oft da wie jemand, der bereits wieder an anderen Zeiten, anderen Wegen und anderen Rechnungen arbeitete. Mutter hingegen schien mit einer merkwürdigen Selbstverständlichkeit zugleich ganz gegenwärtig und doch schon halb im nächsten Schritt dessen zu sein, was sie vorhatte. Für Shara machte das die Reise nicht schwerer, aber auch nicht leichter. Es ließ ihr zu viel Zeit mit sich selbst.
Und so ertappte sie sich dabei, wie sie immer wieder seufzte.
Nicht laut. Nicht absichtlich. Nur in diesen kleinen, langen Ausatmungen, die aus dem Körper kommen, wenn das Herz sich nach etwas sehnt, das es nicht gleich haben kann.
Irgendwann nahm Mutter sie einfach zu sich.
Ohne große Vorrede. Ohne Frage. Sie zog die jüngere Magierin an sich, legte einen Arm um sie und begann ihr sacht durch das Haar zu streichen, wie sie es bei ihr früher schon manchmal getan hatte, in Zoordak, in jenen Tagen, in denen die Welt kleiner gewesen war und Bedrohungen noch Namen trugen, die man verstand. Shara leistete keinen Widerstand. Warum auch. Sie war müde, weicher als sonst, offener, und so ließ sie sich in den Schoß der Mutter sinken, den Kopf an ihrer Brust, während die Kutsche weiterrollte und draußen die Straße an ihnen vorbeizog.
Stunden vergingen auf diese Weise.
Der Wagen schaukelte, die Räder sangen ihr gedämpftes Lied auf dem Weg, Pildara saß ihnen gegenüber und sagte nichts, und Mutter strich Shara in langsamen, ruhigen Bewegungen über Haar und Schläfe. Es war keine kindliche Geste und auch keine, die Shara klein machte. Eher das Gegenteil. Etwas Altes, Vertrautes, das ihr erlaubte, für eine Weile nicht stark sein zu müssen.
So saßen sie da, während draußen Anadar ritt und drinnen die Zeit in weichen, geduldigen Schichten verstrich. Und obwohl die Straße lang war und die Zukunft sich nicht eben freundlich zeigte, lag in diesem kleinen, stillen Reisemoment etwas, das Shara tiefer beruhigte als jede Versicherung, die man ihr hätte geben können.
12
Fantor hatte irgendwann aufgehört zu zählen.
Nicht die Stunden. Nicht die Tage. Nicht einmal die Atemzüge, und gerade das war das eigentlich Beunruhigende daran, denn ein Mann wie er hatte sein Leben lang gezählt. Schritte. Formeln. Zyklen. Möglichkeiten. Opfer. Grenzen. Er hatte immer geglaubt, dass Ordnung auch dort möglich sei, wo andere nur Wahnsinn sahen, und dass Wissen am Ende jedes Chaos in etwas Verwaltbares verwandeln könne. Nun aber lag er unter Stein, Erde, Staub und der Schwere eines eingestürzten Turmes, und nichts daran ließ sich mehr wirklich ordnen.
Es war eng.
Nicht in dem simplen Sinn, dass wenig Platz vorhanden war. Eng war das Wort nur für Menschen, die noch aufrecht gehen, sich umdrehen, ihre Arme heben und dabei an gewöhnliche Wände stoßen. Dies hier war etwas anderes. Es war ein Eingeschlossensein, bei dem der Körper nie vergessen durfte, dass jeder Atemzug nur geduldet war. Über ihm lagen Tonnen von Schutt. Zu einer Seite hin drückte eine verschobene Steinplatte gegen seine Schulter. Die Beine waren halb eingeklemmt, nicht gebrochen, soweit er es spürte, aber nutzlos genug, dass er sie kaum anders als mit Schmerz bewegen konnte. Die Luft war alt. Sie roch nach Staub, kaltem Stein, abgestorbenem Holz und jener dumpfen Feuchtigkeit, die aus tiefer Erde steigt, wenn etwas, das stehen sollte, in sich zusammengebrochen ist.
Und da war Dunkelheit.
Nicht vollkommene. Nicht die völlige Schwärze einer geschlossenen Höhle. Irgendwo weit vor ihm oder über ihm musste ein schmaler Spalt liegen, ein Riss in der Last, denn manchmal gab es einen grauen Schimmer, so schwach, dass er eher geahnt als gesehen wurde. Doch dieser Schimmer war kein Trost. Er war nur der Beweis, dass draußen etwas weiterbestand, von dem sie abgeschnitten waren.
Sie.
Fantor hasste dieses Wort mittlerweile.
Denn er war nicht allein.
Naaarstr war da.
Immer.
Nicht wie früher, nicht mehr in der klaren Trennung zwischen Gefäß und Macht, zwischen Beschwörer und Gebundenem, zwischen Hand und Werkzeug. Seit dem Einsturz, seit jener einen Sekunde, in der das Schwert übergegangen, der Angriff misslungen und alles unter Stein begraben worden war, hatte sich etwas verschoben. Naaarstr war näher. Viel näher. Fantor spürte ihn nicht nur in dem Schwert, das irgendwo zwischen Trümmern und ihren Leibern feststeckte, nicht nur in der Klinge, die zugleich Gefängnis und Anker war, sondern in sich. In den Gedanken. Hinter den Gedanken. Im Raum zwischen Panik und Vernunft.
Anfangs hatte Fantor noch versucht, sich dagegen zu stemmen.
Er hatte gerechnet, geprüft, mit den Fingerspitzen tastend versucht, die Grenzen ihres kleinen Hohlraumes zu erfassen. Er hatte Schutt gelockert, wo es möglich war. Hatte mit leiser, gepresster Stimme Formeln versucht, kleine Zauber, Schutzzeichen, Druckentlastung, Wärmeregelung, jede harmlose Technik, die ihm das Leben lang selbstverständlich gewesen war. Nichts davon half. Zu wenig Platz. Zu wenig Kraft. Zu wenig Konzentration. Zu viel Gewicht über ihnen. Jeder stärkere Zauber hätte den Hohlraum womöglich vollends einstürzen lassen. Jeder Versuch, grob gegen den Stein zu arbeiten, hätte nur noch mehr Masse gelöst, die sie begrub.
Und so war, Tag um Tag oder was dafür hielt, die Verzweiflung in ihm gewachsen.
Sie kam nicht plötzlich. Sie war kein einzelner Schlag, kein Moment, in dem ein Mensch die Hände ringt und schreit, dass alles verloren sei. Fantors Verzweiflung war langsamer. Würdevoller vielleicht, hätte man sie von außen betrachtet, und gerade deshalb viel schrecklicher. Sie kam in kleinen Verschiebungen. In dem Augenblick, in dem seine Berechnungen zum fünften Mal keine brauchbare Öffnung ergaben. In dem Augenblick, in dem sein Mund so trocken wurde, dass selbst das Schlucken schmerzte. In dem Augenblick, in dem er merkte, dass er beim Erwachen nicht mehr sicher sagen konnte, ob er geschlafen hatte oder nur ohnmächtig gewesen war. In dem Augenblick, in dem er aufhörte, sich innerlich zu korrigieren, wenn er Naaarstrs Stimme nicht mehr als fremd, sondern als anwesend empfand.
Der Dämon war geduldig.
Geduldiger, als Fantor es je für möglich gehalten hätte.
Früher hatte Naaarstr geglüht. Gewütet. Gedrängt. Seine Gegenwart war brennend gewesen, voller Hunger, voller der herrischen Gewissheit, dass Zerstörung stets die kürzeste Antwort sei. Nun war er anders. Kälter. Tiefer. Nicht weniger böse, nein, aber weniger vordergründig. Er hatte verstanden, dass zwischen ihnen nicht mehr derselbe Kampf stattfand wie einst. Fantor konnte ihn nicht fortstoßen. Naaarstr konnte Fantor nicht einfach auffressen. Sie waren gebunden. Verhakt. Aufeinander angewiesen wie zwei Ertrinkende, die sich zu lange aneinander festklammern und nicht mehr wissen, wer den anderen eigentlich tiefer zieht.
Manchmal sprach Naaarstr tagelang nicht.
Dann war er nur da. Ein Druck. Eine Ahnung. Ein kaltes, lauerndes Bewusstsein in der Tiefe von Fantors Geist. Und dann, wenn Fantor bereits zu hoffen begann, der Dämon habe sich in Schweigen zurückgezogen, kam eine Stimme.
Nicht laut.
Fast freundlich.
Du wirst sterben.
Fantor hasste ihn dafür mehr als für jede frühere Drohung.
Nicht, weil der Satz grausam gewesen wäre. Sondern weil er wahr klang.
„Schweig“, murmelte Fantor dann, oder dachte es nur. Sein Mund war zu trocken für jedes deutliche Wort.
Oder wir werden hier sehr lange nicht sterben, sagte Naaarstr ein anderes Mal. Auch das ist möglich. Langsam. Schicht um Schicht. Durst. Fieber. Verfall. Deine Magie wird dir beim Verfallen zusehen. Ich frage mich, was dir lieber ist.
Fantor antwortete zunächst nicht.
Er hatte aufgehört, dem Dämon jedes Mal mit Widerspruch zu begegnen, alldieweil Widerspruch Kraft kostete, und Kraft war etwas geworden, das wie Wasser behandelt werden musste. Sorgfältig. Sparsam. Nur nicht an den falschen Stellen verschwendet.
Stattdessen tastete er wieder nach dem Schwert.
Es lag nicht weit. Er spürte es manchmal mit den Fingerspitzen, dann wieder nicht. Es musste schräg hinter einem verkeilten Stein stecken, halb begraben, aber noch in Reichweite genug, dass er wusste, wo es war. Er hatte mehr als einmal versucht, es zu ziehen. Vergeblich. Zu viel Schutt. Zu wenig Hebel. Und doch blieb es dort wie ein Spott.
Gefängnis und Hoffnung in einem.
Es gab Momente, in denen Fantor glaubte, die Enge selbst habe begonnen, ein Eigenleben zu entwickeln. Nicht real, nicht im magischen Sinn, aber in jener Weise, wie langes Eingeschlossensein den Geist langsam davon überzeugt, dass die Dinge ringsum mehr von einem wissen, als sie sollten. Manchmal meinte er, der Stein atme mit ihm. Manchmal, dass sich die Dunkelheit verdichtete, wenn Naaarstr besonders still war. Einmal glaubte er, für einen Augenblick Gesang gehört zu haben, weit entfernt, tief unter sich, wie durch viele Schichten Erde und Zeit hindurch. Das war der Moment gewesen, in dem er zum ersten Mal ernsthaft überlegte, ob Wahnsinn womöglich gnädiger war als klares Denken.
Naaarstr war in diesen Phasen beinahe sanft.
Es ist nicht Wahnsinn, sagte er. Du hörst nur endlich mehr als früher.
„Ich höre Staub“, flüsterte Fantor.
Und Tiefe.
Fantor schloss die Augen.
Er hasste es, wenn der Dämon recht haben könnte.
Die größte Grausamkeit aber lag darin, dass Naaarstr nicht nur näher rückte, sondern Fantor begann, ihn zu brauchen. Nicht als Macht. Nicht als Waffe. Sondern als Gegenstimme gegen die Stille. Gegen das langsame Ausfransen des eigenen Verstandes. Ein Mensch, der allein unter Trümmern liegt, beginnt irgendwann selbst die Stimme seines Feindes als Form von Gesellschaft zu empfinden. Fantor merkte das und verachtete sich dafür, doch auch Selbstverachtung verliert an Reinheit, wenn man zu lange kaum noch Kraft zum Empfinden hat.
Eines jener Male, als er nach langem Schweigen wieder ansprechbar genug war, um die eigenen Gedanken zusammenzuhalten, begann er zu rechnen.
Nicht die Steine. Nicht den Schutt.
Andere Dinge.
Magische Reichweite. Bindungsstärke. Übergangsmodelle. Was würde es bedeuten, wenn man den Körper ganz aufgäbe. Was, wenn ein Bann nicht nur fesseln, sondern auch tragen könnte. Was, wenn das Gefäß nicht das Schwert bliebe. Was, wenn das Schwert nur Schwelle war.
Naaarstr spürte diese Gedanken sofort.
Da bist du ja endlich.
Fantor spürte Ärger in sich aufflammen, matt und doch echt.
„Du hast es gewusst.“
Natürlich. Du hast nur lange gebraucht.
„Es ist Wahnsinn.“
Das ist jetzt keine Einwendung mehr, Fantor. Das ist nur noch eine Beschreibung deiner Lage.
Fantor tastete wieder nach dem Schwert, diesmal nicht, um es zu ziehen, sondern nur, um die Nähe des kalten Metalls im Dunkel mit den Fingerspitzen zu bestätigen. Es beruhigte ihn auf eine abstoßende Weise. Als sei dort wenigstens etwas, das noch klar war. Gefährlich, ja. Verderbt, gewiss. Aber klar.
„Selbst wenn“, flüsterte er, „selbst wenn ich den Übergang errechne, selbst wenn ich ihn halte, wohin denn. Unter all dem Stein. Wir würden in etwas geraten, das ich nicht mehr kontrolliere.“
Du kontrollierst schon jetzt nichts mehr.
Fantor schwieg.
Naaarstr ließ ihm die Stille, wie man einem verwundeten Tier Zeit gibt, das Tor der Falle mit den Zähnen zu prüfen.
Du denkst zu klein, sagte der Dämon dann. Wie immer, wenn du Angst hast. Nicht durch den Stein. Nicht gegen die Last. Nicht nach oben.
Fantor öffnete die Augen, obwohl es nichts zu sehen gab.
„Nein.“
Naaarstr lachte.
Es war kein Laut. Eher das Gefühl eines Lautes, der sich direkt hinter Fantors Stirn entfaltete.
Doch.
„Nein.“
Doch.
„Ich gehe nicht dort hindurch.“
Du wirst sterben, wenn du es nicht tust.
Fantor presste den Kopf gegen den kalten Stein hinter sich. Seine Kehle brannte. Seine Lippen waren aufgesprungen. Jeder Muskel tat weh, und noch immer war da dieser Rest von Stolz, dieser lächerliche Rest von Beschwörerwürde, der sich gegen das sträubte, was die Vernunft bereits in Umrissen sah.
„Die Dimension der Dämonen ist kein Weg. Sie ist ein Abgrund.“
Eine Straße ist auch ein Abgrund, wenn man vom Falschen verfolgt wird.
„Dort gibt es keine Richtung.“
Doch. Ich bin dort Richtung.
Fantor lachte kurz auf.
Oder hustete. Es war kaum zu unterscheiden.
„Und das soll mich beruhigen.“
Es soll dich nicht beruhigen. Es soll dich retten.
Das Wort blieb in ihnen hängen.
Retten.
Nicht erlösen. Nicht befreien. Retten.
Fantor hasste, dass Naaarstr genau dieses Wort gewählt hatte. Er hasste noch mehr, dass es wirkte.
„Ich kann keinen vollständigen Übergang halten“, sagte er nach langer Zeit. „Nicht in diesem Zustand. Nicht mit dem Schwert festgesteckt. Nicht unter Stein. Ich habe nicht genug Raum. Nicht genug Kraft. Und wenn ich den Weg öffne und ihn nicht schließe, sind wir verloren, ehe wir überhaupt den ersten Schritt gemacht haben.“
Naaarstr schwieg.
Dann sprach er langsamer.
Nicht, wenn wir nicht als Fleisch gehen.
Fantor verstand nicht sofort.
Vielleicht wollte er es auch nicht.
„Was.“
Nicht als Fleisch, wiederholte Naaarstr. Nicht als Körper unter Stein. Nicht als Beschwörer und Dämon, die beide noch so tun, als wären sie voneinander sauber zu trennen. Wenn der Weg durch meine Welt führen soll, dann gehst du nicht als Mensch hindurch, der mich an der Leine hält. Das würde dich zerreißen, ehe du die Schwelle ganz übertreten hast.
Fantor spürte plötzlich Kälte.
Nicht außen. Innen.
„Nein.“
Naaarstr sagte nichts.
Fantor dachte bereits schneller, als ihm lieb war. Bannung. Gefäße. Selbstbindung. Übergang ohne Leib. Reduktion auf Essenz, auf gebundene Form, auf etwas, das nicht mehr ganz Mensch ist und doch die Kontinuität des Selbst irgendwie hinüberrettet. Wahnsinn. Götter, es war Wahnsinn.
„Nein“, sagte er noch einmal, aber schwächer.
Natürlich nicht gern, sagte Naaarstr. Wer geht schon gern durch die Hölle. Aber du fragtest nach einem Weg. Ich gebe dir einen.
Fantor schloss die Augen.
Er sah nichts, und doch stand das Bild vor ihm. Nicht in Linien, sondern in Konsequenzen. Sie würden sich selbst bannen müssen. Nicht nur den Dämon fesseln. Nicht nur Macht in Metall legen. Sich selbst. Ihre Wesenheit. Ihr Denken. Ihr fortgesetztes Sein in eine Form pressen, die klein genug, hart genug, gebunden genug war, um den Übergang durch jene andere Dimension überhaupt auszuhalten. Kein Leib. Kein Atem. Kein Durst. Kein Gewicht unter Stein. Nur Gefäß, Bann und der grauenhafte Weg durch etwas, das weder Welt noch Zwischenraum war, sondern der Ursprung zahlloser Verderbnisse.
Und falls es gelang.
Falls.
Dann müssten sie irgendwann irgendwo wieder hinaustreten.
Anders.
Vielleicht beschädigt. Vielleicht verschoben. Vielleicht nicht mehr in einer Weise getrennt, die Fantor noch gefiel. Vielleicht überhaupt nicht mehr rückgängig zu machen.
Er spürte Naaarstr ganz nah.
Nun begreifst du.
Fantor sagte sehr lange nichts.
Der kleine graue Schimmer irgendwo in der Ferne war verschwunden oder er sah ihn nicht mehr. Vielleicht war auch nur seine Wahrnehmung müde geworden. Über ihnen drückte der Berg aus Stein. Um sie herum die Dunkelheit. In ihm die Verzweiflung. Und darunter, darunter etwas, das langsam den Namen Möglichkeit annahm.
Es war keine gute Möglichkeit.
Keine saubere.
Keine, die ein vernünftiger Mann je wählen würde, solange ihm noch irgendein anderer Ausweg blieb.
Aber unter den Trümmern gab es keine vernünftigen Männer mehr. Nur Überlebende und das, was aus ihnen werden musste.
Fantor bewegte die aufgesprungene Zunge über seine trockenen Lippen.
„Wie“, fragte er schließlich.
Und Naaarstr lächelte in ihm.
Nicht freundlich.
Nicht triumphierend.
Wie etwas sehr Altes, das genau auf diesen einen Moment gewartet hatte.
Es gibt, sagte der Dämon, als letzten Ausweg eine Form, in der wir dem Stein entgehen können.
Fantor spürte, noch ehe die Worte vollständig in ihm ankamen, dass er sie hassen würde.
Dazu, sagte Naaarstr, müssten wir uns selbst bannen.
End Teil 2



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